Benjamin Seyfang - Lost Places Baden-Württemberg. Die Faszination verlassener Orte

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    Benjamin Seyfang: Lost Places Baden-Württemberg. Die Faszination verlassener Orte, Tübingen 2019, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2200-8, Hardcover mit Lesebändchen, 190 Seiten mit rund 125 großformatigen Farbfotos, Format: 26,7 x 2,2 x 28,9 cm, EUR 39,99.


    Über Facebook bin ich vor ein paar Jahren auf das Phänomen „Lost Places“ und die Szene der Urban Explorer aufmerksam geworden. Verlassene Gebäude, die, zum Teil noch voll möbliert, allmählich verfallen und verrotten – und Fotograf*innen, die diese Bauwerke erkunden und für die Nachwelt in Bildern festhalten.


    Kein ungefährliches Hobby, wie man sich denken kann, auch wenn man ganz offiziell mit Erlaubnis der Grundstückseigentümer auf Erkundungstour geht. Wie schnell ist man in so einem hinfälligen Bauwerk an einem Nagel hängengeblieben oder durch ein morsches Brett gebrochen! Und wer sich nicht an die wichtigste Regel der „Urbexer“ hält und erwischt wird, hat am Ende noch juristischen Ärger an der Backe: „Nimm nichts mit als Deine Fotografien und hinterlasse nichts als Deine Fußspuren.“ (Seite 5)


    Vage Ortsangaben zum Schutz vor Plünderern

    Gerade weil sich nicht alle an diese Regel halten, bleibt der Autor/Fotograf auch vage bei den Bezeichnungen der Objekte, die er uns in diesem Buch präsentiert. Er nennt sie oft nur mit Spitznamen, die sie entweder in der Szene haben oder die er sich selbst ausgedacht hat. Wenn niemand weiß, wo „Hunters Hotel“, der „Adlerhof“, „Annas Bauernhof“ oder die verschiedenen aufgelassenen Fabriken stehen, kann auch niemand dort einsteigen und die Objekte plündern. Okay: Wer am Ort wohnt, wird schon die eine oder andere Immobilie identifizieren können.


    Angesichts mancher Fotos könnte auch ein normalerweise anständiger Mensch in Versuchung geraten: „Meine Güte! Dieser göttliche Spiegel, dieses hinreißende Möbelstück und das traumhafte Treppengeländer! Das vergammelt da einfach so? Warum kommt keiner und rettet das? Das sieht doch noch toll und brauchbar aus ist vielleicht sogar noch etwas wert!“


    Auch ein Autofriedhof gehört zu Benjamin Seyfangs Lost Places. Bei den PKWs und Nutzfahrzeugen, die spinnwebenbehangen und moosbewachsen irgendwo im Nirgendwo vor sich hin rosten, blutet bestimmt manchen Oldtimerfreunden das Herz.


    Verlassene Arbeitsplätze

    Verlassene Firmengebäude mit rätselhaften staubigen Maschinen und schimmeligen Ordnern finde ich jetzt nicht so prickelnd. Die sind immer ein bisschen unpersönlich. Es sei denn, ein Arbeitsplatz sieht aus, als sei er von jetzt auf gleich verlassen worden wie der auf Seite 114. Da liegen in einer ehemaligen Schokoladenfabrik noch Formen und Etiketten für die Osterhasenproduktion auf dem Tisch. Wäre nicht alles so verstaubt, könnte man meinen, die Arbeiter*innen kommen gleich wieder. Auch beim Speisesaal in einer geschlossenen Klinik hat man dieses Gefühl. Da liegen sogar noch die Tischdecken auf dem Tisch. Wären die vertrockneten Pflanzen nicht, würde man denken, jeden Moment geht die Tür auf und die Patient*innen kommen zum Essen. Das ist ziemlich gruselig – ein bisschen wie in einem Endzeitfilm.


    Aber meistens sehe ich bei Fabrikbildern nur irgendwelche Balken und Konstruktionen, die ich nicht einordnen kann. Lange habe ich gebraucht, um zu kapieren, was genau auf der Doppelseite 34/35 abgebildet ist – und noch länger, bis ich die Eule aus der Bildunterschrift gefunden hatte.


    Zerfallende Privathäuser, voll möbliert

    Schaut man in zerfallende Privathäuser, die nie jemand ausgeräumt hat und die noch Opas und Omas Möbel und Hausrat enthalten, fühlt man sich ein wie ein Voyeur. Die Bilder hängen an der Wand, die Kleider im Schrank, die Betten sind ungemacht und die Tageszeitung liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Sind die früheren Bewohne*innen plötzlich gestorben und niemand war da, der sich um ihren Nachlass kümmern wollte? Unheimlich ist das und traurig ist es auch.


    Der morbide Charme verlassener Hotels

    Mich faszinieren am meisten verlassene Hotels. Luxus, oder was man einmal dafür gehalten hat, der dem Zerfall anheimgefallen ist – das hat einen morbiden Charme, ohne dass man sich beim Betrachten der Bilder wie ein Aasgeier oder Leichenfledderer vorkommt. Auch da sieht es manchmal so aus, als hätte das Hotelpersonal im laufenden Betrieb alles fallen gelassen und wäre getürmt – zum Beispiel auf dem Foto von Seite 91.


    Zu diesem Motiv schreibt der Autor: „Eine lange Tafel, der Flügel noch offen vom letzten Konzert – man könnte meinen, hier hätte am Morgen nach der Veranstaltung nur noch keiner saubergemacht. Doch das Reinigungspersonal kehrt nie wieder …“ – Ja, dem Kalauer im letzten Satz hätte ich auch nicht widerstehen können. ;-)


    Persönlich wird’s für den Fotografen, als er das verlassene Lichtspieltheater in Kirchheim noch einmal betreten darf, in dem er seinerzeit seinen ersten Kinofilm gesehen hat. Das ist dann natürlich ein ganz besonderer „Lost Place“.


    Schön und tragisch zugleich

    Eines der abgebildeten Objekte kenne ich auch. Und es ist schon seltsam, hier lauter Lost Places aus der eigenen Umgebung zu entdecken. Das gibt’s also nicht nur in Tschernobyl, in den USA und in und um Berlin, sondern auch vor der eigenen Haustür.


    So beeindruckend die Schönheit des Verfalls auch ist – eigentlich ist es doch furchtbar schade und manchmal regelrecht tragisch, dass Gebäude, (Kunst-)Gegenstände und wenn man es recht bedenkt, auch Menschen, aus Gleichgültigkeit oder Geldmangel so gottverlassen enden müssen.


    Der Autor

    Benjamin Seyfang, geboren 1988 in Esslingen am Neckar, arbeitet als Fachkraft für Abwassertechnik. Durch Arbeiten in der Graffiti-Szene begann er sich schon bald für das Thema „Lost Places“ zu interessieren. Dabei entdeckte er „die Schönheit des Zerfalls“. Ab 2012 fotografierte er auf Reisen rund um den Globus vergessene Orte dieser Welt. Jedes einzelne Bild von ihm erzählt eine eigene Geschichte.