Nickolas Butler - Ein wenig Glaube

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Es gibt 10 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Avila.

  • Leseempfehlung!


    Nickolas Butler - Ein wenig Glaube


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    Lyle Hovde ist überglücklich. Seine Tochter Shiloh und ihr 5-jähriger Sohn Isaac sind wieder bei ihm und seiner Frau Peg eingezogen. Er geniesst es sehr Grossvater zu sein, und so lebt er völlig auf in der Grossvaterrolle. Als Shiloh sich mehr und mehr zu dem jungen Prediger Steven hingezogen fühlt, haben die Eltern Bedenken. Denn sie können die Glaubensgemeinschaft, der sich Shiloh angeschlossen hat, nicht einordnen. Plötzlich wird auch Isaac in den Strudel der Glaubensgemeinschaft gesogen, und es kommt zu einem Bruch zwischen Lyle und seiner Tochter. Stück für Stück versuchen Lyle und Peg zu verstehen, was Shiloh an der Gemeinschaft, die sich regelmässig zu Gottesdiensten in einem alten Kinosaal trifft, findet. Damit versuchen sie das Vertrauen zu ihrer Tochter wieder herzustellen, um regelmässig Kontakt zu Isaac haben zu können. Eine schwierige Gratwanderung für Lyle, der den Glauben an Gott, vor Jahren beim Tod seines neugeborenen Sohnes, verloren hat.




    Ausdrucksstark erzählt Nickolas Butler die Geschichte von Lyle Hovde und seiner Familie. Dabei ist Grossvater, Vater und Ehemann Lyle praktisch durchgehend im Mittelpunkt des Geschehens. Es gibt keine Szene, die nicht aus seiner Sicht beleuchtet und keinen Gedanken, der nicht von ihm gedacht wurde. Und Butler hat das so hingekriegt, dass es weder langweilig noch eintönig wird.

    Im Gegenteil!

    Lyle ist mir so richtig ans Herz gewachsen. Dies, weil Lyle sehr unaufgeregt ist, sehr sympathisch und immer das Wohl seiner Familie und Freunde in den Mittelpunkt stellt. Aber auch, weil ich seine Sorge um Enkelsohn Isaac und Tochter Shiloh so richtig verstehen konnte. Es muss sehr schwierig sein, mitansehen zu müssen, wenn die Liebsten mehr und mehr unter fremden und nicht gutem Einfluss stehen.

    Das Grundthema " der Glaube " in all seinen Facetten ist brisant. Wann gilt eine Glaubensgemeinschaft als Sekte? Wie weit gehen Menschen für ihren Glauben?

    Hier hätte meiner Meinung nach der Autor krassere Szenen anführen dürfen.

    Man spürt, dass diese Glaubensgemeinschaft, der sich Shiloh verschrieben hat, nicht gut für sie ist. Die Szenen, in denen die Gottesdienste beschrieben werden, sind zuerst relativ harmlos. Und so kann man die Sorge von Lyle zwar verstehen, hat aber auch das Gefühl, dass er doch etwas über behütet.

    Erst als Steven den kleinen Isaac als Heiler darstellt, merkt man, dass an dem Prediger etwas faul ist.

    Wird da ein kleiner Junge instrumentalisiert? Ich empfand diese Zweifel und das sichere Gefühl von Lyle, dass da etwas nicht ganz sauber ist, sehr gut ausgearbeitet.

    Die Fragen, die Überlegungen zum Thema Glaube, stehen stark im Zentrum. Nicht nur, dass Shiloh, und damit auch Isaac, in diese Gemeinschaft eintritt. Auch Lyle, der nach dem Säuglingstod seines Sohnes vor vielen Jahren den Glauben an Gott verloren hat, wird auf eine harte Probe gestellt. Denn sein ältester und bester Freund Hoot muss mit der Diagnose Krebs zurechtkommen und da wird das Thema " Ein Leben nach dem Tod " eingearbeitet. Was wiederum das Thema Glauben tangiert.

    Wie in "die Herzen der Männer " hat sich Butler wieder ganz der männlichen Sicht verschrieben. Dieser ausschliesslich männliche Gesichtspunkt, der sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, ist sehr feinfühlig, stimmig und mit sehr viel Tiefe eingeflochten.

    Sehr gefallen hat mir, dass Butler nie Klischees benötigt, um die Sicht von Lyle zu verdeutlichen.

    Mich konnte Butler mit seiner Erzählung über die Familie Hovde nicht nur begeistern, sondern auch sehr viele Gefühle entlocken. Die tiefe Beziehung zwischen Lyle und Isaac empfand ich als herzerwärmend. Berührende Szenen, die die tiefe Vertrautheit und Liebe widerspiegeln. Die Dialoge zwischen Hoot und Lyle humorvoll. Hier musste ich einige Male schmunzeln. Die Skrupel, die Peg und Lyle gegenüber der Glaubensgemeinschaft und vor allem Steven haben, sehr glaubwürdig. Dann ist der kleine Ort Wiscosin ganz à la Unsere kleine Farm beschrieben. Da kamen unweigerlich Bilder auf.

    Ich kann für "ein wenig Glaube" eine klare Leseempfehlung aussprechen! Ein Buch das nachhallt und mich noch eine Weile gedanklich beschäftigen wird.

    9 Mal editiert, zuletzt von Igela ()

  • Oh, cool, ich wusste gar nicht, dass es was Neues von Butler gibt. Das wandert sofort auf meine Wunschliste.

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Oh, cool, ich wusste gar nicht, dass es was Neues von Butler gibt. Das wandert sofort auf meine Wunschliste.

    Ja! Eigentlich habe ich gedacht, "Die Herzen der Männer" ist schwer zu toppen. Aber das neue Buch ist genau so gut, wenn nicht besser!

  • Kennst Du auch "Shotgun Lovesongs"?

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Mir hat es sogar noch einen Tick besser gefallen als "Die Herzen der Männer". Ich bin gespannt, wie es Dir gefällt!

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Mir ging es genauso! Es hat mir auch besser gefallen als "Die Herzen der Männer"! Hier meine Rezension:


    Ein Dilemma

    Lyle und Peg sind überglücklich: ihre Adoptivtochter Shiloh ist zurückgekehrt zu den Eltern, bei ihr ist ihr fünfjähriger Sohn Isaac, ein entzückender kleiner Junge, der sofort beide Großeltern verzaubert. Wie schön wäre es, wenn sie für immer bei ihnen wohnen blieben!


    Zu Beginn war ich voll von Begeisterung für Lyle, der alles dafür tut, dass sich Shiloh und der kleine Enkel bestmöglichst im ländlichen Wisconsin einleben. Und meine Meinung von ihm ändert sich nicht, auch wenn Shiloh sich von ihm abwendet - durch den Einfluss, die die Kirchengemeinde, der sie sich angeschlossen hat, auf sie ausübt. Es ist nicht die evangelische Gemeinde, der die Familie seit Jahrzehnten angehört, sondern eine neue, deren Pfarrer begeistert Predigt - und mindestens dreimal länger, als Lyle und Peg es gewohnt sind. Pfarrer Steven fasziniert Shiloh so sehr, dass sie überglücklich seinen Heiratsantrag annimmt. Auch wenn Lyle ihm nicht traut, ist er bereit, das Glück seiner Tochter zu unterstützen. Bis herauskommt, dass Steven den kleinen Isaac als Heiler einsetzt, wenn jemand in der Gemeinde erkrankt.


    Und irgendwann, als Isaac bei den Großeltern ist, erkrankt er schwer und sie bringen ihn in die Klinik und laden damit den Zorn von Shiloh und Steven auf sich. Sie geben Lyle die Schuld an der Erkrankung des Jungen, der dann angeblich wieder gesundet - nur für eine kurze Zeit, dann geht es um Leben und Tod.


    Ein wunderbar warmherzig geschriebener Roman, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Der Leser sieht die Handlung aus Lyles Perspektive und ich habe es sehr genossen, meine Zeit mit diesem sympathischen älteren, ein wenig unkonventionellen Mann, dem Freunde und Familie alles bedeuten, zu verbringen. Und sein Dilemma zu teilen - wie soll er agieren, was kann er tun?


    Eine Familie, die durch den Glauben zu zerbrechen droht. Ein wichtiges und schweres Thema, denn religiöser Fanatismus in unterschiedlichen Facetten droht derzeit immer wieder die Oberhand zu gewinnen. Eine in mehrerer Hinsicht aktuelle Handlung - wie schade, dass der Roman so schnell zu Ende war!

    5ratten

  • Lyle liebt seinen Enkel über alles. Egal wohin er geht, er nimmt ihn überall hin mit. Genauso vergöttert Isaac seinen Großvater und liebt die gemeinsamen Abenteuer. Doch seine Tochter Shiloh schließt sich einer Sekte an und so driftet sie immer weiter von Lyle weg – und nimmt ihren Sohn mit sich.



    Dieses Buch wird aus Lyles Sicht geschildert und es passiert gar nicht mal so viel, aber was passiert, wird dafür umso eindrücklicher erzählt. Nickolas Butler wählt einen sanften, einfühlsamen Erzählstil, der gut zur Geschichte und zu Lyle passt. Lyles Gedanken befassen sich intensiv mit Liebe und Glaube. Liebe für seine Tochter, seinen Enkelsohn und zu Gott. Genauso wie Glaube an seine Tochter, seinen Enkelsohn und zu Gott. Dabei schafft Butler einen Spagat zwischen Glauben und Nichtglaube, ohne das eine zu überhohen oder das andere abzukanzeln. Dadurch entsteht ein intensiver Roman, der sich mit einer hohen Empathie diesem schwierigen Thema nähert. Meinen Geschmack hat Butler damit vollkommen getroffen, weil er weder rührselig noch reißerisch erzählt.


    Auch die Charaktere kann man nahezu erspüren, allen voran natürlich Lyle. Aber auch seine Frau Peg und Isaac werden gut skizziert. Ein wenig fremd bleibt mir allein Shiloh. So ganz wird nicht deutlich, wieso sie sich dieser Glaubensgemeinschaft anschließt und was sie zur Abwendung ihres Vaters führt. Aber vielleicht wäre es auch schwierig, die Geschichte aus Lyles Sicht anders zu erzählen. Zudem ist es von Anfang an nicht Butlers Intention Verständnis für Menschen wie Shiloh zu entwickeln, sondern eher aufzuzeigen, wie gefährlich Sekten sein können. Auch wenn die Sprache da nicht verurteilt, so spricht die Handlung dann doch für sich.


    Ich kann diesen Roman nur empfehlen, wenn man etwas sucht, das auch mal ergreifend und tief sein darf.