Rachel Elliott - Bären füttern verboten

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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  • Rachel Elliott - Bären füttern verboten


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    Wenn die richtigen Menschen aufeinander treffen, geschehen Wunder


    Sydney ist 47 und (noch immer) Freerunnerin. Als Kind war sie gern mit ihrer Familie am Meer. Doch dann geschah an diesem schönen Ort etwas, das Sydney bis heute zu schaffen macht. Sie möchte sich dem jetzt endlich stellen, auch um ihre Blockade beim Zeichnen zu lösen, trotz Angst, dass Ruth nicht mehr da sein könnte, wenn sie zurückkommt, und reist ohne ihre Lebensgefährtin nach St. Ives. Dort trifft sie auf Menschen, die man als skurril bezeichnen könnte, und die jeder einzelne ein Stück zur Lösung ihres Problems beitragen, ohne es zu ahnen oder zu wissen.



    Dieses Buch ist einfach wunderbar, zauberhaft, unvergleichlich! Man verliebt sich sofort in jede einzelne Figur und ist sogar den Unsympathen dankbar, denn sie geben die nötige Würze und sind sogar Teil des Weges zum Glück. Der Schreibstil liest sich zum Teil ein wenig schwer, denn die direkte Rede ist nie in Gänsefüßchen gesetzt und darüber stolpert das Auge dann doch sehr. Meines jedenfalls. Die Kapitel sind zudem aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Das lässt die ganze Geschichte plastischer und realer werden, liest sich aber dennoch etwas schwieriger. So seltsam das klingen mag – mir gefällt dieser Stil super gut. Ich habe immer wieder innegehalten und Stellen mehrfach gelesen. Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte, sondern weil sie so wunderschön sind, so ergreifend, manchmal auch super witzig. Auch tauchen ganz viele Figuren auf, was manchmal den Überblick schwer halten lässt, aber gleichzeitig lebt das Buch auch gerade davon.



    Irgendwie hat mich das Buch still gemacht. Ich habe den Figuren gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Auch wenn ich sehr oft Fragen hatte. Gerade bei Maria wollte ich immer wieder laut „warum?“ rufen, aber ich habe gespürt, dass sie den richtigen Zeitpunkt selbst finden muss und nur dann glücklich werden kann. Manchmal lösen kleine Steine große Lawinen aus – so auch hier.



    Auch wenn es natürlich Unterschiede gibt, haben mich sehr viele Momente an mein eigenes Leben erinnert. Ich war nie in einer Beziehung, in der ich auf irgendeine Weise misshandelt wurde. Auch fühle ich mich als heterosexuelle Frau absolut in meiner „Rolle“. Ich trauere auch nicht mehr als mein halbes Leben. Schon gar nicht bin ich Freerunnerin oder Buchhändlerin. Dennoch spiegeln all die Figuren ein paar Momente und Aspekte wider, die ich aus meinem eigenen Leben kenne. Und ich bin mir sicher, das geht vielen anderen ebenso. Rachel Elliott gelingt es, in ihrem wunderbaren Buch die komplette Gesellschaft widerzuspiegeln. Die Gespräche der Figuren fand ich zauberhaft und so voller Wahrheit! Besonders die Szene im Black Hole – die zeigt für mich so wunderschön, wie einfach alles eigentlich ist, wenn man ein wenig Toleranz zeigt. Jeder ist ein Außenseiter, ganz auf seine eigene Art. Und alle zusammen ergeben ein wunderschönes „Gesamtbild“. Man muss nur richtig hinsehen!



    Weite Wege müssen manchmal sein, auch wenn es Abkürzungen gäbe. Dieses Buch packt das ganze Leben in eine Geschichte. Es handelt von unausgesprochenen Gefühlen, von Verlust, von Trauer, aber auch von Neuanfängen, von Liebe und von Glück. Alles hängt zusammen, das eine können wir ohne das andere einfach nicht haben. Für mich ist es ein philosophisches, verrücktes, liebevolles, wunderbares, zauberhaftes Buch, das ganz tief unter die Haut geht und sehr lange nachhallt. Es ist mein Highlight des Jahres und hat sich auch gleich einen Platz auf der Lieblingsbuch-Liste gesichert.



    In meinen Augen ist es ein Fehler, dieses außergewöhnliche und wunderbare Buch nicht gelesen zu haben. Fünf Sterne!


    ★★★★★

  • Ah, schön, die erste Rezi dazu! Das Buch begegnet mir momentan andauernd und reizt mich sehr.

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Es ist auch eine wirklich lohnenswerte Lektüre, wie ich finde. Hier mein Eindruck:


    Wir begegnen hier Sidney, die sehr jung ihre Mutter Ila verlor - inzwischen ist sie Mitte vierzig und denkt immer noch an sie. Nein, es ist mehr: sie begleitet sie auf Schritt und tritt, ebenso wie ihren Vater Howard: auch er hat Ila nie vergessen und kann nicht ohne sie sein. Niemals.


    Deswegen fällt es ihnen schwer,andere Menschen in ihr Leben zu lassen. Obwohl Sidney sogar eine Lebensgefährtin hat, nämlich Ruth - aber auch vor ihr muss sie immer wieder davonlaufen, auch wenn sie nichts mehr fürchtet, als dass Ruth sie verlässt. Auch, dass Ruth sich mit ihrem Vater so gut versteht, ist ihr nicht ganz geheuer.


    Und nun steht Sidney auf einem Dach in dem Badeort St. Ives, in dem damals ihre Mutter verstarb. Will sie springen? Will sie ihr Leben beenden.


    Jedenfalls landet sie im Krankenhaus und Ruth und Howard sozusagen in den Armen einer anderen Familie, nämlich der von Maria und Belle, die mit dem ruppigen Ehemann und Vater Jon in St.Ives leben und den zweiten, den parallelen Erzählstrang bilden.


    Auch Maria lebt mit Trauer. Irgendwann vermengen sie die Schicksale beider Familien und sie sehen einander - nicht nur die Trauer, sondern auch die Gefühle: die Sehnsüchte, Träume und Bedürfnisse dahinter.


    Ein Buch, das mich langsam erobert hat, Schritt für Schritt. Ein Buch, in dem ich immer wieder zu Vergangenem zurückkehren musste, um Neues zu begreifen. Ein Buch, mit dem ich haderte, nichts anfangen konnte und das mir später doch so nahe war wie nicht viele. Ein ganz besonderer Roman in vielerlei Hinsicht. Einer, den es schwer fällt, zu begreifen, aber ebenso schwer, zu vergessen. Kein Buch für jede Leserin und jeden Leser, aber ein besonderes Buch für besondere Rezipienten!

    4ratten