Astrid Ruppert - Leuchtende Tage (Die Winter Trilogie Band 1)

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Jaqui.

  • Astrid Ruppert - Leuchtende Tage


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    Im Wiesbaden zur Kaiserzeit wird Lisette als Tochter eines erfolgreichen Bauunternehmers geboren. Schon als kleines Kind hat sie Probleme, sich den strengen Regeln dieser Zeit zu beugen, den Anforderungen an ein "braves Mädchen" zu entsprechen, das nichts wollen und nichts wünschen und keine Berufung haben darf, sondern statt dessen als "zartes Geschlecht" nur für die Aufzucht der Kinderschar und des Führens eines ordentlichen Haushalts zuständig ist.

    Dann wechselt der Blickwinkel zu Lisettes Mutter. Man darf als Leser, der man gerade durch Lisettes Augen auf Dora geblickt haben nun sehen, was diese wirklich bewegt und denkt, wie sie fühlt.


    Eine Geschichte über die Beziehung von Töchtern und Müttern hat ihren Anfang genommen...


    Meine Meinung:


    Ich habe eigentlich gerade erst begonnen, bin aber schon sehr angetan von der Geschichte. Es bewegt gleich am Anfang sehr, wie eingeschränkt Frauen und Mädchen in dieser Zeit leben mussten, wie eng das Korsett sowohl am Leib als auch am Geiste geschnürt ist. Es wird Bezug genommen auf das Buch "Der gute Ton", ich muss mal schauen, ob ich das irgendwo auftreiben kann. In den Tiefen meines Kellers schlummert zwar irgendwo noch eine Ausgabe "Die gute Ehe", die auch schon gruselig anmutet, aber ein historisches Benimmbuch zum Nachlesen fehlt in meinen Beständen.

    Begonnen habe ich heute bei meinem allmorgendlichen Grüntee (heute Mango-Maracuja) und auf der Fahrt ins Büro habe ich lange nachgedacht und sehr viel Dankbarkeit dafür gespürt, in dieser Zeit und diesem Land der Erde geboren worden zu sein.


    "Die Tochter muss wie ein Frühregen sein...geräuschlos, ohne Ansprüche und voller Segen" - Ein Zitat aus "Der gute Ton" in der Ausgabe von 1895.


    Nun bin ich gespannt, wie die Autorin dieses Band zwischen den Generationen der Familie Winter weiter webt. Der Perspektivwechsel, den ich heute morgen schon erleben durfte, war auf jeden Fall schon sehr vielversprechend und ich freue mich jetzt schon, dass es insgesamt drei Bände sind - das verspricht sehr schöne Lesestunden mit vielen Denkanstößen. Genau so, wie ich es mag.

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  • Jaqui

    Bitte, gerne.


    Ich habe in der Mittagspause weiter gelesen, es sind immer wieder Zitate aus "Der gute Ton", der Ausgabe von 1895 eingestreut, das finde ich sehr interessant.


    Außerdem gibt es eine Aufklärung dazu, warum man junge Mädchen früher als Backfisch bezeichnet hat:

    Mit jungen Fischen im Netz kann man nicht viel anfangen, ebenso wie mit jungen Mädchen. Die Fische sind nicht mehr so klein, dass man sie ins Wasser zurück wirft, reichen aber nicht für eine Fischmahlzeit. Also umkleidet man sie mit Teig und backt sie aus, so machen sie wenigstens satt.


    Der Begriff wird heute ja nicht mehr verwendet, mir war er aus den "Trotzkopf"-Büchern ein Begriff. Dann habe ich ihn viele Jahre später aus Helgas Mund in Ku´damm 56 gehört, als sie ganz entrüstet zu ihrer künftigen Schwiegermutter sagte, sie sei ja kein Backfisch mehr (als diese ihr erklären wollte, dass die Ehe nicht so romantisch ist, wie sie in der Vorstellung erscheint).


    Das Leben der Familie erscheint förmlich vor dem inneren Auge...und immer wieder wird der kleinen Lisette erklärt, wie ihre Welt zu funktionieren hat. Dass es sich nicht gehört, backen zu lernen. Dass sie nicht mehr lernen muss, weil ihr Geist genüge, einen Mann nicht zu langweilen. Sie schaut zu, wie ihre Brüder Abitur machen und studieren gehen.

    Sie wundert sich, dass Dienstboten so früh aus dem Bett müssen, weil ihr gar nicht klar ist, dass irgend jemand ja die Kamine anzünden, die Butterhörnchen backen und das Wasser zum Waschen erhitzen muss.

    Die zwei Welten "oben" und "unten" werden klassisch gezeichnet, ich fühle mich etwas an Downton Abbey erinnert. Allerdings eher für Arme, denn die Villa in Wiesbaden kommt dann doch nicht so ganz an Highclere Castle heran :D


    EDIT: Ich bin bei ZVAB fündig geworden und habe eine Ausgabe "Der gute Ton" aus 1895 erworben :saint:

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    Einmal editiert, zuletzt von Minou76 ()

  • Dass es sich nicht gehört, backen zu lernen. Dass sie nicht mehr lernen muss, weil ihr Geist genüge, einen Mann nicht zu langweilen. Sie schaut zu, wie ihre Brüder Abitur machen und studieren gehen.

    Abgesehen vom Diskriminierungsfaktor muss das ja auch unfassbar langweilig gewesen sein :entsetzt: Das ist mir neulich schon mal bei einem Buch durch den Kopf gegangen, das in derselben Zeit spielte.


    Berichte mal aus dem "guten Ton", so was finde ich ja immer spannend.

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Valentine

    Ja, das mit der Langeweile ging mir auch durch den Kopf. In den damaligen Mädchenpensionaten wurde ja auch nur Handarbeiten gelehrt und wie man am besten die Tanzkarten dekoriert. Der Geist verhungerte.


    Einziges Ziel: Eine "gute Partie zu machen" und dieser dann bis zum Ende der Tage zu dienen.

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  • Am Wochenende habe ich nun diesen ersten Band um die Familie Winter beendet - und direkt mit dem zweiten begonnen.


    Die Autorin versteht es wirklich, so zu erzählen, dass einem die Personen absolut ans Herz wachsen. Ich kann nicht einmal sagen, dass es wahnsinnig große Höhe oder Tiefen gibt, aber die Geschichte fasziniert und hat mich so in den Bann gezogen, dass ich das Buch immer wieder zur Hand nehmen musste. Ich bin wahnsinnig gespannt, welche Menschen sich hinter den anderen Winter-Frauen so verbergen, was sie zu dem gemacht hat, was sie so sind.


    Etwas traurig finde ich, dass wir wohl nichts über Lisettes Mutter Dora weiter erfahren werden - als Spiegel der Zeit erfährt man vieles und bekommt Eindrücke, die man sonst nicht vermutet hätte. Mit Lisette haben wir den Ersten Weltkrieg erlebt, Paula erlebt mit uns im zweiten Band die wilden 60er und 70 er und im Dritten Band wird erzählt, wie Charlotte die Zeit des Dritten Reichs erfahren hat.


    Dora wäre noch eine wundervolle Ergänzung - ich drücke mal die Däumchen, dass die Autorin das vielleicht ähnlich sehen könnte.

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  • Ich habe das Buch zur Hälfte gelesen und ich bin auch sehr angetan von der Geschichte. Es passiert wirklich nichts ultra spannendes, aber die Geschichte ist so schön, dass man einfach weiter lesen will.

    Normal lese ich keine Bücher die in dieser Zeit spielen, da mich die Jahrhundertwende im Grunde gar nicht interessiert, aber die Autorin schafft es die Figuren so lebendig zu gestalten, dass es eine Freude ist ihnen zu folgen.

    Und auch der gelegentliche Schwenk in die Gegenwart finde ich sehr faszinierend.


    Ich freue mich schon darauf die weiteren Bände zu lesen.

  • Jaqui

    Ich finde auch die Beschreibungen so bezaubernd. Wenn ich da zum Beispiel an Lisettes buntes Haus denke oder auch, wie Kleidung, Korsagen usw. geschildert werden.


    Man hat es wirklich vor dem inneren Auge.

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  • Minou76

    Hat den Titel des Themas von „Astrid Ruppert - Leuchtende Tage“ zu „Astrid Ruppert - Leuchtende Tage (Die Winter Trilogie Band 1)“ geändert.
  • Gestern abend habe ich das Buch beendet und die weiteren Bände landen sicher demnächst auf meinem Reader. Das Buch ist leicht und locker zu lesen und die Autorin schafft es, dass man die Menschen rund um die Jahrhundertwende förmlich vor Augen hat.

    Lisette ist meine absolute Lieblingsfigur. Wie sie sich gegen die Welt, in die sie hinein geboren wurde, auflehnt. Und obwohl sie Angst hat, dass ihre Familie sie findet und zwingt nach Hause zu gehen, geht sie entschlossen ihren Weg. Ich wünschte ich wäre auch so furchtlos.


    Mit einigen Sachen gegen Ende des Buches war ich dagegen weniger einverstanden und konnte sie nicht nachvollziehen. Gerade als Mutter hab ich mir da bei einigen Ereignissen schwer getan. Aber vielleicht war es um die Jahrhundertwende wirklich so.


    Lisettes Urenkelin Maya kommt auch immer wieder im Buch vor, wenn wir uns im Jahr 2006 befinden. Ich hoffe, dass man in den nächsten Bänden mehr über sie erfährt. Anfangs fand ich Maya ziemlich farblos und ihren Strang nicht sehr spannend. Aber je mehr ich sie begleiten durfte, desto interessanter wurde es.


    Ich freue mich schon auf Band 2 der Winterfrauen.


    4ratten