Ray Bradbury. Der Lesethread

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 110 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Aeria.

  • Heute wäre Ray Bradbury 101 Jahre alt geworden. Ich dachte mir, das ist doch ein passendes Datum, um mit dem Lesen seiner Bücher zu beginnen. Meine Bradbury-Sammlung hat inzwischen beachtliche Ausmaße angenommen, bis auf drei sind alle auf Russisch. Wer nach seinen Büchern auf Deutsch sucht, wird zwar fündig, aber es sind doch eher die bekanntesten, wie "Die Mars-Chroniken" und "Fahrenheit 451". Natürlich wurden im Laufe der Zeit viele Bradbury-Werke ins Deutsche übersetzt, die meisten sind jedoch längst vergriffen.


    Ich habe mir "Der Katzenpyjama" (2005) aus dem Regal gezogen, weil dieses Buch eine Kurzgeschichte enthält, die mir in den letzten Wochen immer wieder über den Weg gelaufen ist ("Eine Frage des Geschmacks"). Der Band ist den Rezensenten zufolge nicht der beste von Bradbury, aber das kann ich erst beurteilen, wenn ich alle gelesen habe.

    Sofern es klappt, werde ich täglich (oder alle paar Tage) eine Kurzgeschichte lesen und darüber schreiben. Wenn sich mehr Mitleser*innen finden sollten, wäre das toll, dann könnte der Thread in den Leserunden-Bereich verschoben werden. Es ist dabei egal, ob wir die gleichen Bücher bzw. Erzählungen lesen, Hauptsache Bradbury.


    Also dann, ich bin gespannt, was denn das für ein Katzenpyjama ist.


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    Laut Beschreibung sind folgende Erzählungen enthalten:


    In der Einleitung "Bradbury schreibt und fühlt sich wohl" erzählt der Autor, wie er zu den einzelnen Geschichten gekommen ist bzw. sie zu ihm. So etwas finde ich immer spannend, vor allem, weil ich dieses plötzliche "Aufploppen" einer Idee sehr gut nachvollziehen kann.


    Die erste Kurzgeschichte, "Chrysalis" handelt von Walter, einem schwarzen Teenager, der mit seiner Familie aus dem amerikanischen Süden nach Kalifornien gezogen ist. Walter will nicht schwarz sein. Er gibt sein ganzes Geld für Cremes und Lotions aus, die die Haut aufhellen. Natürlich ohne jeden Erfolg, was ihn sehr unglücklich macht. Am Strand lernt er Bill kennen. Bill ist weiß, lässt sich aber von der Sonne rösten, bis er fast so dunkel ist wie Walter. Die Diskriminierung, die Bill danach erfährt, ernüchtert ihn. Doch am Ende des Sommers löst sich die verbrannte Haut ab, was Bill ganz recht ist.

    Die Kurzgeschichte entstand in den Jahren 1946 - 1947, und damals gab es noch nicht einmal den Begriff "Afroamerikaner", wie Bradbury in der Einleitung erinnert.


    ***

    Aeria

  • „Die Insel“ ist eine nicht-phantastische Erzählung aus dem Jahre 1952. Es geht nicht wirklich um eine Insel irgendwo im Ozean, sondern um ein abgeschiedenes Haus, in dem Mrs Benton mit ihren drei erwachsenen Kindern lebt. Die Mutter ist ans Bett gefesselt, die Töchter kümmern sich um den Haushalt, der Sohn klappert irgendwo im Obergeschoss auf seiner Schreibmaschine herum. Außerdem gibt es eine Köchin, die aus dem nahegelegenen Ort zum Arbeiten kommt.

    Es ist ein Winterabend, der Wind schleicht ums Haus. Alle Hausbewohner sind beschäftigt, sie lesen, schreiben, machen die Wäsche. Alles ist sehr ruhig, beinahe idyllisch. Plötzlich geht irgendwo im Haus ein Fenster zu Bruch. Jeder hört das Geräusch – und aus dem vermeintlich sicheren Heim wird ein Gefängnis.


    Diese Erzählung hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Sie ist sehr atmosphärisch, und man wird sofort in die Handlung hineingesogen, spürt etwas Fremdes durchs Haus schleichen, die Panik der Familie. Über die Schicklase der einzelnen Figuren wird man zwar im Unklaren gelassen, aber dass passt zur Geschichte.


    ***

    Aeria

  • Aeria: Das ist ein schöner Thread. Ich werde ihn mir mal markieren. :)

    Ich kenne nur Bradburys Roman "Fahrenheit 451". Die Lektüre ist ungefähr 5 Jahre her. Ich kann mich noch lebhaft an die darin dargestellte Spaßgesellschaft erinnern.

  • Erzählung Nr. 3, "Irgendwann vor der Dämmerung" (1950)

    Wieder eine sehr feine Erzählung, nur wenige Seiten lang, dafür aber sehr intensiv. Es geht um einen alten Mann, der im Jahre 2002 ein möbliertes Zimmer bewohnt, und der seltsame Nachbarn hat. Es ist ein junges Ehepaar namens Smith. Die Frau weint jede Nacht vor Angst, der Mann redet beruhigend auf sie ein. Sie fürchtet sich vor Flugzeugen, er hat eine Abneigung gegen den Präsidenten. Sie sind ohne Gepäck angekommen, in Kleidung ohne Nähte, in ihrem Zimmer hängen Kalender von 2035. Beide sind fasziniert vom Essen, Pflanzen usw., können minutenlang eine Rose anstarren, als hätten sie noch nie eine gesehen. Der alte Mann macht sich so seine Gedanken und kommt zu einem beängstigenden Ergebnis.


    Eine Zeitreise wird nicht direkt erwähnt, ist aber nahezu sofort zu erraten. Offenbar hat es in der Zukunft eine schlimme Katastrophe gegeben, wahrscheinlich vom Präsidenten der USA ausgelöst.


    Wenn ein Autor über eine Zukunft schreibt, die für uns bereits Vergangenheit ist, finde ich das immer ein wenig amüsant. Meist gibt es dann fliegende Autos und so'n Kram, Kolonien auf der Venus und man reist zum Nachmittagstee mal eben zum Mond. Hier gibt es nicht davon. Die Geschichte könnte tatsächlich in unserer Zeit spielen.


    /Nachtrag

    Eines habe ich doch glatt vergessen. Die Geschichte erinnert mich stark an "Dead Zone" von Stephen King. Dort gibt es einen jungen Lehrer, Johnny Smith, der Visionen von der Zukunft hat. In dieser Zukunft gibt es einen Atomkrieg, ausgelöst vom amtierenden Präsidenten.

    Ich frage mich, ob King sich von Bradbury hat inspirieren lassen.


    ***

    Aeria

  • Die heutige Erzählung heißt "Heil, Häuptling!" und wurde 2003-2004 verfasst, ist also relativ neu.

    In der Handlung verzocken ein Dutzend US-Senatoren die US-Staaten in einem indianischen Casino. Die USA gehören jetzt den Ureinwohnern.

    Der Präsident rast ins Reservat, um den Schaden zu begutachten und zu versuchen, das Land wiederzubekommen.


    Schon auf der zweiten Seite habe ich ganz undamenhaft gewiehert. Die Idee, die US-Bundesstaaten beim Roulette zu verspielen, ist einfach ulkig. Der Präsident ist nicht um Worte verlegen, als er die Senatoren zur Schnecke macht, da kann frau noch was lernen.

    Der Schluss hat sich mir nicht - äh - erschlossen. Ich muss darüber nachdenken. Vielleicht ist das so eine Sache, die nur ein echter Amerikaner versteht.


    So eine amüsante Geschichte habe ich Bradbury gar nicht zugetraut, ich kenne bisher nur ernste Sachen von ihm. Wenn ich die Erzählung ohne Angabe des Verfassers gelesen hätte, hätte ich auf die Autorenschaft von Robert Sheckley getippt.


    ***

    Aeria

  • Seit ich als Teenager (damals im frühen Jura..) die Sci-Fi-Kurzgeschichten in "Der illustrierte Mann" gelesen hab, steht hinter Ray Bradburys Namen bei mir quasi ein großes Ausrufezeichen. Ein paar seiner Romane hab ich, aber tatsächlich nicht soo viele.

    Danke für diesen Thread Aeria ! :)

    Wenn einer, der mit Mühe kaum

    Gekrochen ist auf einen Baum

    Schon glaubt, dass er ein Vogel wär -

    So irrt sich der. (Wilhelm Busch)

  • "Ganz natürlich" (1948-1949) ist wieder eine nicht-phantastische Erzählung und auch diese ist zeitlos.

    Es geht um zwei Frauen, die auf Besuch warten. Die ältere Frau, Susan, war bis vor 15 Jahren das Kinder- und Dienstmädchen bei einer weißen Familie. Der Sohn ist inzwischen erwachsen und Schriftsteller geworden. Susan ist sehr stolz darauf, dass Richard sie nicht vergessen und ihr sogar ein signiertes Exemplar seines Buches geschickt hat. Nun hat er ihr brieflich mitgeteilt, dass er auf der Durchreise ist und sie gerne besuchen würde. Susan wartet ungeduldig. Ihre Tochter Linda gibt die Spielverderberin, immerzu erfindet sie Ausreden, warum er nicht kommen wird. Es hat den Anschein, als ob sie ihre Mutter auf eine bevorstehende Enttäuschung vorbereiten möchte.

    Natürlich taucht Richard nicht auf. Susan ist tatsächlich sehr enttäuscht und verletzt, sie sucht nach Erklärungen für sein wortbrüchiges Verhalten und findet keine.


    Das ist eine sehr traurige Geschichte über nicht erfüllte Erwartungen, Älterwerden und Nichtgebrauchtwerden. Sie könnte in jeder Kultur und in jeder Zeit spielen.
    Ich musste beim Lesen an Aibileen denken, das schwarze Dienstmädchen aus "Gute Geister" ("The Help") von Kathryn Stockett. Auch Aibileen zieht Kinder groß, die sie von ganzem Herzen liebt, zu denen sie aber nach dem Ende der jeweiligen Anstellung keinen Kontakt mehr hat.


    Zwischenfazit: Also wenn das eines der schwächeren Bände von Bradbury sein soll, bin ich sehr gespannt auf die besseren!


    ***
    Aeria

  • "Olé, Orozco! Siqueiros, sí!" ist eine der neueren Erzählungen, sie entstand 2003-2004. Und es ist die erste in diesem Band, mit der ich so rein gar nichts anfangen kann.

    Der Ich-Erzähler und sein Freund Sam entdeckten auf einer Beerdigung Fotos von außergewöhnlichen Gemälden. Der Ich-Erzähler (ich weiß nicht mehr, ob er einen Namen hat) ist Kunstsammler und von den Bildern sehr angetan. Er findet heraus, dass es sich bei den Originalen um Graffitis an einer Autobahnbrücke handelt.

    Tja, wenn es um Kunst geht, passe ich. Außerdem fand ich den Stil ein wenig hektisch, meist konnte ich die atemlosen Dialoge der beiden nicht nachvollziehen.


    "Das Haus" (1947) allerdings stellt meinen kurz erschütterten Glauben an das Buch wieder her. Wow! Eine sehr schöne Kurzgeschichte.

    Ein junges Ehepaar zieht in ein heruntergekommenes Herrenhaus. Der Mann, Bill, ist Schriftsteller und hat das Haus für einen Schnäppchenpreis kaufen können. Er ist Feuer und Flamme, die Vorstellung, das Haus zum neuen Glanz zu verschaffen, beflügelt ihn. Maggie dagegen ist entsetzt. Sie kommt offenbar aus reichem Hause und ist es gewohnt, von morgens bis abends bedient zu werden, und das verstaubte Gebäude verheißt viel Arbeit. Bill ruft schließlich den Makler an und bietet das Haus wieder zum Verkauf an. Bevor es jedoch verkauft werden kann, kommt eine Bekannte zu Besuch, und durch sie beginnt Maggie das Haus mit anderen Augen zu sehen.

    Die schönste Szene in dieser Erzählung ist wohl diese hier: Eines der Fenster besteht aus einem Mosaik aus bunten Glasscheiben. Je nachdem, durch welche Glasscheibe man hinaus sieht, erscheint einem die Welt sonnig und fröhlich oder öde und düster. Maggie begreift, dass man immer selbst entscheiden kann, durch welche Glasscheibe man die Welt sehen will. Ich habe diese Stelle als erste im Buch mit einem Sticker markiert.


    ***

    Aeria

  • "Der John Wilkes Booth/Warner Broth-ers/MGM/NBC-Begräbniszug" ist aus 2003 und hat mir nicht gefallen.

    Die Geschichte startet - wie auch die vorletzte - damit, dass der Ich-Erzähler von einem Freund dazu gedrängt wird, sich etwas anzusehen. War es in der Kunsterzählung eine Beerdigung, ist es hier ein Zug aus ferner Vergangenheit. In dem "Begräbniszug" findet der Ich-Erzähler u. a. die längst verstorbenen Bosse von MGM, Paramount etc.

    Auch diese Erzählung ist hektisch geraten. Der Ich-Erzähler hetzt durch den Zug, alle Beteiligten rufen und fordern etwas.

    Sicher ist die Kurzgeschichte entstanden, weil Bradbury viel mit der Filmindustrie zu tun hatte und ihm die Veränderungen/Modernisierungen dort nicht schmeckten.


    Die nächste Geschichte ist aus 1946 und ich vermute, dass sie viel interessanter ist.


    ***

    Aeria

  • "Ein vorsichtiger Mann stirbt", 1946

    Die bisher längste Erzählung im Buch. Wieder eine ganz und gar unphantastische.

    Robert Douglas ist Schriftsteller und schreibt einen Roman über seine drogenabhängige Ex-Verlobte und deren neuen Liebhaber. Die beiden sind gar nicht froh darüber, in einem Buch die Hauptfiguren zu spielen. Also spielen sie Rob "Streiche": er bekommt ein Päckchen mit einer Rasierklinge, das Lenkrad in seinem Auto wird mit scharfen Splittern präpariert usw. Denn Rob ist Bluter, ein kleiner Kratzer könnte ihn umbringen. Er lässt sich nicht unterkriegen und wird nach jedem Angriff selbstsicherer, bis er sich fast für unsterblich hält.

    Der Titel der Geschichte verrät aber schon das Ende, so dass man als Leser nur dabeistehen und zugucken kann, wie es zur Katastrophe kommt.

    Die Erzählung ist im ungewöhnlichen Stil verfasst - in der zweiten Person. Das ist mir noch nicht oft begegnet. Ich konnte Bradbury die Junkie-Ex-Verlobte nicht ganz abkaufen, im großen Ganzen aber eine recht unterhaltsame und spannende Geschichte.


    Die nächste Erzählung ist die titelgebende und stammt aus dem Jahre 2003. Bisher gab es drei Geschichten aus den Nullerjahren, zwei davon waren eher "für die Katz", eine war amüsant und hatte ein nicht ganz verständliches Ende. Mal sehen, wie diese hier wird, ich werde berichten.


    ***

    Aeria

  • "Der Katzenpyjama", 2003


    Worum geht es? Mitten auf der Straße sitzt eine kleine schwarze Katze. Zwei Autos bremsen, weil die Fahrer - eine Frau und ein Mann - die Katze für sich wollen. Es entbrennt ein Streit darüber, wer denn das Tier mitnehmen darf, denn beide haben erst vor wenigen Tagen ihre jeweilige Katze verloren. Erst diskutieren sie auf der Straße, dann in einem Café und schließlich in einem Hotel. Das Kätzchen schläft derweil.


    Trigger und Ohhhhhhhhhh! - als Katzenhalterin habe ich beides abbekommen. Die Trigger, als die beiden Katzenliebhaber das Tierchen hin und her zerren und ihm im Café Schlagsahne geben, und den Zuckerguss, als sie darüber reden, wer sein Tier mehr geliebt und deshalb ein neues Kätzchen verdient hat.


    Sehr kurz und wirklich süß :katze:.


    ***

    Aeria

    (geht Katze streicheln)

  • "Dreieck", 1951


    Heute scheint der Tag der aufwühlenden Geschichten zu sein. Auch Bradbury hat mir eine beschert.


    In "Dreieck" macht sich Lydia für einen Mann hübsch. Sie ist aufgeregt, verzweifelt, hoffnungsvoll, ihr ist mal elend zumute, mal schwebt sie auf Wolke 7. Sie ist Mitte 30 und seit fast 20 Jahren in einen Mann verliebt, mit dem sie immer nur wenige Worte hat wechseln können. Er hat sich nie für sie interessiert und jetzt, endlich, hat er angerufen und um ein Treffen gebeten. Lydias Schwester Helen macht sich über ihn lustig, und überhaupt, alle Männer sind ihn ihren Augen Schufte. Lydia jedoch wartet auf John. Als er da ist, läuft das Gespräch nicht so, wie es sich alle Seiten gewünscht hätten.


    Den Zeitgeist der 50er merkt man der Erzählung an. Würde ein Mädchen heute 20 Jahre gottergeben auf einen schmucken Kerl warten? Aber in den 50ern liefen die Dinge eben noch anders, da wurde von einer Dame Zurückhaltung erwartet. Bloß nicht zuerst anrufen, das gehört sich nicht (bähhh!).

    Es ist eine traurige Geschichte, in der niemand bekommt, was er sich wünscht.

    Ich hoffe, die nächste ist ein wenig munterer.


    ***

    Aeria

  • Schöne Idee, Bradbury häppchenweise anzugehen, ich lese mit Interesse mit, und der Thread ist abonniert. Ich selbst habe aktuell einen Sammelband mit 100 seiner Kurzgeschichten auf dem eReader (umgerechnet über 900 Seiten auf Papier), darin lese ich zum Hirn durchlüften zwischen Romanen. Keine Ahnung, wann ich den mal fertig haben werde...


    Eine gewisse Verwandtschaft zu Sheckley ist meiner Meinung nach aber wirklich vorhanden: beide sind Meister der knackigen Kurzgeschichte, die bei näherer Betrachtung mehr als eine Ebene haben kann. Und ab und zu hat Bradbury definitiv Anleihen von Sheckleys Humor in seinen Stories, in den Mars-Chroniken ist mir das besonders stark aufgefallen. Mein persönlicher Lieblingsband von Bradbury :anbet:

    "Literature, unlike any other art form, requires those who enjoy it to be performers. Reading is a performance, and anything a writer can do to make this difficult activity easier is of benefit to all concerned."

    – Kurt Vonnegut

  • "Der Mafioso-Betonmischer", 2003


    Äh

    Was war das, bitte?

    Ok, hier kommen weder Mafiosi noch echte Betonmischer vor. Wieder gibt es einen Ich-Erzähler und einen Mann, der diesem etwas zeigen möchte. Diesmal ist es eine Maschine, die die Vergangenheit mischt. Burnham Wood will dem von ihm vergötterten F. Scott Fitzgerald dazu verhelfen, den letzten Roman zu vollenden. Dazu muss er in die Vergangenheit und jede Person, die den Autor ablenken könnte, aus dem Weg räumen.

    Der Ich-Erzähler geht in die nächste Buchhandlung, um herauszufinden, ob Wood Erfolg hatte (Spoiler: hatte er).


    Bradburys Filmindustrie-Vergangenheit scheint auch hier eine große Rolle zu spielen. Aber meine Güte, es ist eine wirklich wirre Geschichte...


    Schöne Idee, Bradbury häppchenweise anzugehen, ich lese mit Interesse mit, und der Thread ist abonniert. Ich selbst habe aktuell einen Sammelband mit 100 seiner Kurzgeschichten auf dem eReader (umgerechnet über 900 Seiten auf Papier), darin lese ich zum Hirn durchlüften zwischen Romanen. Keine Ahnung, wann ich den mal fertig haben werde...


    Ich habe tatsächlich auch einen dicken Bradbury-Band im Regal. Der steht da schon länger, natürlich ungelesen... Jetzt habe ich mir aber eine Menge Taschenbücher zugelegt, auf Russisch gibt es Bradbury-Bücher noch und nöcher. TBs kann man prima mit sich herumschleppen, so dass ich jetzt keine Ausreden mehr hatte :sonne:

  • Auch ich verfolge diesen Thread seit Du ihn angelegt hast Aeria und da ich auch noch zwei Kurzgeschichtenbände von Bradbury hier stehen hab, dacht ich mir ich schließe mich Dir an.


    Momentan hab ich hier "Die goldenen Äpfel der Sonne" (1953) , ein älteres Diogenes-TB, das ich mal irgendwo auf einem Flohmarkt gekauft habe mit 22 Geschichten und eine recht neue Ausgabe von "S is fo Space" (1966) von Knaur mit 16 Geschichten.

    Vor ein paar Monaten hab ich die Mars-Chroniken gelesen und war dann am Ende, vor allem in der Bewertung des Buches als Gesamtes sehr angetan davon, rückblickend auf den großen erzählerischen Bogen ist es großartig.


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    Folgende Kurzgeschichten sind enthalten:



    Von meinen zwei TB's beginne ich mit "Die goldenen Äpfel der Sonne" und damit ich jetzt nicht sozusagen mit leeren Händen hier einsteige, habe ich die erste Geschichte bereits gelesen:


    In "Das Nebelhorn" ("The Fog Horn" - 1953) wird von zwei Leuchturmwärtern erzählt, McDunn schon jahrelang auf dem Leuchtturm, Johnny erst seit wenigen Monaten. Die Szenerie wird sehr atmosphärisch beschrieben, es ist November, Nebel liegt auf dem Meer. Der ältere Leuchtturmwärter erzählt dem Jüngeren von seinem Leben auf dem Leuchtturm und ungewöhnlichen Beobachtungen die er gemacht hat. Er erzählt sehr poetisch und macht sich seine eigenen philosophischen Gedanken über das Meer und die Zeit. Eines Tages zeigt er dem Jüngeren ein Ereignis das nur einmal im Jahr eintritt und von dem bisher nur er selbst weiß ....


    Eine zwar sehr kurze, aber wirklich stimmungsvolle, melancholische Geschichte über die Zeit und die Tiefen des Meeres, über Einsamkeit und Sehnsucht, die mir tatsächlich ein wenig Gänsehaut beschert hat.

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

    "You don't have to burn books to destroy a culture. Just get people to stop reading them." (Ray Bradbury)

    7 Mal editiert, zuletzt von Firiath ()

  • "Der Fußgänger" ("The Pedestrian") - 1948


    Wieder eine sehr poetische, stimmungsvolle Geschichte über einen Mann, Mr. Leonard Meads, der gerne nachts spazierengeht. Die Geschichte ist 2053 angesiedelt und im Verlauf der Beschreibung seines Spaziergangs wird klar, daß er in dieser Stadt so ziemlich der einzige ist der nachts allein unterwegs ist. Mir scheint "The golden apples.. " ist ein Novemberbuch, auch diese Geschichte spielt wieder "an einem nebligen Tag im November" , wie auch schon "Das Nebelhorn" .

    Mr. Meads geht also spazieren, während alle anderen Menschen dieser Stadt in ihreren Häusern sind und wie aus seinen Überlegungen her klar wird fernsehen. Auf dem Heimweg, kurz vor der Rückkehr zu seinem Haus passiert etwas Unvorhergesehenes.


    ***


    Die Geschichte ist anfangs sehr ruhig, friedlich, ein Mann geht jeden Abend, viele Stunden allein spazieren. Er ist vielleicht ein wenig einsam, melancholisch, aber letztlich hat er sich daran gewöhnt oder hat resigniert und füllt so seine Abende.


    "Auf seinem Weg sah er die Hütten und Wohnungen mit ihren dunklen Fenstern, und es war beinahe, als ginge er über einen Friedhof und flackerte hinter den Fenstern der schwache Schimmer von Leuchtkäfern."


    Mit diesem Satz weiß man, bei aller Friedlichkeit stimmt etwas nicht mit dieser Welt.


    Nach Lektüre dieser wieder großartigen, perfekt komponierten Geschichte hab ich sofort recherchiert wann "Fahrenheit 451" veröffentlicht wurde, es war im selben Jahr wie dieser Kurzgeschichtenband. "Der Fußgänger" scheint mir eng damit verwoben.


    Bei der Gelegenheit fällt mir auch auf daß ein "Re-Read" von "Fahrenheit" definitiv fällig ist, es ist eine Ewigkeit her sein, daß ich es gelesen habe und natürlich noch viel früher, mehrmals, wahrscheinlich das erste Mal sogar noch als Kind (damals lief sowas noch im Spätnachmittagsprogramm) auch den beeindruckenden Film mit Oskar Werner gesehen habe.


    Ich bin gerade sehr froh um Deinen Lesethread hier Aeria, weil er mich bewogen hat endlich die Kurzgeschichtenbände anzugehen.

    Bradbury ist großartig !

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

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    5 Mal editiert, zuletzt von Firiath ()

  • Firiath Toll, dass du mitmachst!

    "Die Mars-Chroniken" mochte ich gar nicht. Inzwischen kenne ich die Entstehungsgeschichte des Buches und werde es beim ReRead vielleicht mit ganz anderen Augen lesen.


    "Die Gespenster", 1950-1952


    Jedes Jahr im Sommer müssen drei kleine Mädchen auf Geheiß ihres Vaters in ein anderes Zimmer umziehen. Sie murren und protestieren, denn vom neuen Zimmer aus kriegen sie das Treiben der Gespenster nicht mit, die sich auf einer nahen Wiese eingerichtet haben. Die Gespenster sind den Eltern, besonders dem Vater, ein Dorn im Auge. Er geht soweit, auf der Wiese Giftefeu zu verteilen. Als die Mädchen das mitbekommen, räumen sie den Efeu weg. Sie wollen unbedingt die Gespenster sehen, von denen sie manchmal nur ferne Geräusche wie Lachen mitbekommen. Schließlich schleicht sich eine der Schwestern davon, um sich die Gespenster anzusehen. Als sie zurückkehrt, teilt sie den anderen verdrossen mit, dass ihr Vater wohl doch erfolgreich gewesen ist, denn auf der Wiese habe sie nur einen Mann und eine Frau gefunden, die "Unanständiges" tun.


    Süß und irgendwie poetisch. Die atemlose Spannung, die die Mädchen empfinden, wenn sie versuchen, mehr von den "Gespenstern" zu sehen, finde ich sehr gelungen. Die vergeblichen Versuche des Vaters, seine Kinder vor dem Leben jenseits des Hauses zu beschützen, sind fast amüsant.

    Doch, diese Geschichte mag ich sehr.


    "Wo ist mein Hut? Wozu die Eile?", 2003


    Ein Ehepaar spricht über ihre alljährlichen Reisen nach Paris. Der Mann wirkt gedankenverloren, als er jeden Besuch in der Stadt der Liebe in ein Notizbuch einträgt. Schließlich ruft er im Reisebüro an und bestellt spontan zwei Tickets nach Paris, eines für sich und das andere - nicht für seine Frau! Sie ist perplex und wird immer verwirrter, als er nun auch noch in ihrer Gegenwart seine früheren Freundinnen abtelefoniert, um eine von ihnen zu einem Tripp nach Paris zu überreden.


    Im ersten Moment dachte ich "Was für eine seltsame Geschichte", dann fand ich sie doch ein wenig bedrückend. Der Grund, warum der Ehemann ohne seine Frau nach Paris will, ist irgendwie traurig.

    Laut Kettlitz hat Bradbury diese Erzählung im Todesjahr seiner Frau geschrieben.


    ***

    Aeria

  • Aeria

    Ich hab mich mit den "Marschroniken" stellenweise auch schwerer getan, nicht jede Geschichte mochte ich, insgesamt fand ich es stellenweise auch trocken und etwas emotionslos. Die in der Nachschau positive Sicht hat sich bei mir über den weiten Bogen ergeben, der die Geschichten zu einem zusammenhängenden Werk vereint. Es war eher ein Buch mit "Spätzündung" bei mir, die Begeisterung kam noch nicht beim ersten Lesen, sondern erst im Nachwirken.

    Was weißt Du über die Entstehungsgeschichte ? Das würde mich auch interessieren. Ich weiß nur daß die Geschichten anfangs nicht zusammenhängend veröffentlicht wurden und erst später zusammengefügt wurden, meinst Du das?

    “There is a crack in everything, that’s how the light gets in.” (Leonard Cohen)

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    Einmal editiert, zuletzt von Firiath ()

  • Firiath

    An den Mars-Geschichten schrieb Bradbury seit frühester Jugend. Anfang der 50er Jahre machte er Bekanntschaft mit einem weiteren Bradbury, einem Verleger. Dieser schlug Ray vor, die Erzählungen zu ordnen, einige umzuschreiben und ein paar neue zu verfassen, so dass man daraus einen Episodenroman machen konnte.

    Der Verleger war der erste, der Rays Potential erkannte. Obwohl Ray Bradbury schon zig Erzählungen in verschiedenen Magazinen veröffentlicht und sich unter SF-Lesern einen Namen gemacht hatte, war es diese Begegnung, die ihn richtig durchstarten ließ. Bradbury + Bradbury = weltbekannter Bradbury :breitgrins:

  • "Die Verwandlung", 1948-1949


    Eine ziemlich triggerreiche Geschichte. Rassismus, sexuelle Nötigung, Kindstötung, hier lässt Bradbury nichts aus.


    Die amerikanischen Südstaaten. Steve wird von ein paar Männern aus seiner Wohnung gezerrt. Er kennt die Männer, kann sie aber nicht überreden, ihn laufen zu lassen. Sie fahren ihn irgendwo hin. Nach und nach kommt heraus, was los ist und was ihn erwartet. Steve bringt junge schwarze Frauen durch Erpressung dazu, mit ihm zu schlafen. Sein letztes Opfer war Lavinia, die am Tag zuvor in der Stadt ihr Baby herumzeigte und allen erzählte, Steve sei der Vater. Anschließend ertränkte sie das Kind und erhängte sich. Steves Entführer wollen sein Treiben stoppen. Aber sie bringen ihn nicht um. Sie tätowieren ihn, so dass er nun tintenschwarze Haut hat.


    So eine krasse Geschichte habe ich nicht erwartet. Bisher waren alle Erzählungen verhältnismäßig harmlos. Trotzdem hat sie mich gepackt. Hier bekommt ein Täter, was er verdient - er muss buchstäblich in die Haut seiner Opfer schlüpfen.


    ***

    Aeria