Kristina Engel - Ein Koffer voller Schönheit

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Eine tolle Geschichte mit ein bisserl zu wenig AVON


    Anne Jensen lebt mit ihrem Mann Benno und den Zwillingen Lili und Leo in einem kleinen Haus in Lüneburg, das sie von Bennos Vater Dietrich geerbt haben. Sie hat ihren Platz als Hausfrau und Mutter gefunden, ist aber eine kleine graue Maus mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit geblieben. Bis ihre Schwiegermutter Margarete, die sich nie um die Meinung Anderer geschert hat, sie mit den Pflege- und Kosmetikprodukten der amerikanischen Firma AVON bekannt macht und Anne sich traut, sich selbstständig zu machen. Ab da ist sie mit ihrer kleinen Isetta unterwegs zu ihren Kundinnen um denen die Schönheit aus ihrem Koffer zu bringen. Zuhause allerdings geht alles ganz langsam den Bach runter.


    Ich selbst habe mal eine Zeitlang für den amerikanischen Konzern hier in Deutschland gearbeitet und bin mit meinen Produkten in unserem kleinen Dorf von Haus zu Haus marschiert. Es hat mir damals großen Spaß gemacht. So kann ich mich hier sehr gut in Anne hinein versetzen.


    Kristina Engel schafft es sofort mich in die Geschichte und in eine Zeit von vor mehr als 60 Jahren hinein zu ziehen. Ich bin bei den Erfolgen, aber auch Misserfolgen, die Anne hier heimsuchen hautnah dabei. Ich muss dabei zuschauen, wie ihr Mann Benno von seinem Freund, mit dem er ein ehrgeiziges Projekt aufzieht, ausgenommen wird. Und ich leide mit Anne, als ihr Mann sie betrügt.

    Die Protagonisten kommen sehr glaubhaft und menschlich rüber. Vor allem Annes Schwiegermutter Margarete, die damals, wie ich finde, ihrer Zeit um einiges voraus ist, hätte ich sofort als Freundin genommen. Die Wandlung von Anne vom grauen Mäuschen zur taffen Geschäftsfrau hat mir sehr gut gefallen, obwohl es ein steiniger Weg ist.

    Den Geist 1950er und 1960er Jahre hat die Autorin sehr gut eingefangen und ich habe mich hier sofort wiedergefunden.

    Die Wirren der Nachkriegszeit, der Beginn einer neuen Zeitrechnung in den Köpfen der Menschen und die langsam voranschreitende Emanzipation der Frauen werden beleuchtet. Zusammen mit der Liebesgeschichte um Anne und Benno hat die Autorin diese Themen und noch einiges mehr sehr gut zu einer abwechslungsreichen und interessanten Geschichte zusammengefügt, die mich gut unterhalten hat. Wobei ich mir doch noch ein bisserl mehr AVON gewünscht hätte.


    Eine nette Geschichte, die das Leben einer sich emanzipierenden Frau Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre beleuchtet. Gute Unterhaltung.


    4ratten

  • Während Benno in ein Möbelhaus investiert und seine kleine Familie mehr oder weniger links liegen lässt, möchte seine Ehefrau Anne gerne wieder arbeiten und eigenes Geld verdienen. Aber so selbstverständlich ist ihr einfacher Wunsch Ende der Fünfziger leider nicht. Anne muss mit vielen Hindernissen kämpfen, gleichzeitig versucht sie ihre Ehe zu retten. Ob Anne es schafft, aus ihrem eigenen Schatten zu treten?


    Das Buch wollte ich unbedingt wegen meiner Mutter lesen. Die war nämlich Anfang der Siebziger Avon-Beraterin, und das auch noch ziemlich erfolgreich.

    Umso enttäuschter war ich dann, da das Thema "Avon" hier ziemlich untergeht. Die erste Hälfte des Romans ist schon lange vorbei, bis Anne endlich bei Avon anfängt.


    Und trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen, auch wenn es letztendlich in eine völlig andere Richtung geht als erwartet.

    Die Hauptfiguren Benno und Anne haben kurz nach dem Krieg geheiratet. Zeitlich befinden wir uns hier in den Fünfzigern, doch besonders Benno hat die Folgen des Krieges noch lange nicht überwunden. Durch eingestreute Zeitsprünge in die Vergangenheit wird auch deutlich warum.

    Doch anstatt mit seiner Frau über die Erlebnisse zu reden, schweigt er seine Probleme lieber tot und entfernt sich immer mehr von ihr. Stattdessen versucht er mit billigen Möbeln, Lüneburgs Möbelkönig zu werden.


    Was mir besonders gut gefiel war, wie gut die Autorin die Atmosphäre der damaligen Zeit eingefangen hat. Das Verlangen nach Bakelit-Telefon, Fernsehtruhe oder Bluejeans wird ebenso zum Thema gemacht, wie das damalige Familienbild. Frauen wurden ziemlich kleingehalten, durften ohne die ausdrückliche Erlaubnis ihrer Ehemänner überhaupt nichts. Umso schöner mitzuerleben wie Anne Jensen, als eine der ersten Avon-Beraterinnen Deutschlands, bei Avon Karriere macht und über sich hinauswächst.


    Die witzigen Stellen mochte ich sehr. Besonders lustig wird es, wenn Anne zum ersten Mal die Bäuerinnen der Gegend aufsucht und versucht, ihre Produkte vorzustellen. Und immer ist da die Sorge, was die Nachbarn wohl über einen denken könnten.

    Weniger gut gefielen mir die flachen Nebenfiguren. Das waren oft richtige Stereotypen die genauso Handeln und Reagieren, wie man es erwarten würde. Etwas vorhersehbar also.

    Zum Ende hin wird es leider an manchen Stellen etwas kitschig. Besonders eine Szene hat für mich auch gar nicht richtig zum Rest der Geschichte gepasst. Als ob man festgestellt hätte, da fehlt noch etwas Dramatik, und dann diese Szene noch hineingequetscht.


    Sonst war es für mich eine nette, lesenswerte Geschichte, aber mit ein bisschen zu wenig Avon, und ein bisschen zu viel Kitsch.


    3ratten

    Lesen ist die schönste Brücke zu meinen Wunschträumen.