Swetlana Alexijewitsch - Tschernobyl

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Swetlana Alexiejewitsch - "Tschernobyl"


    Über die Reaktorkatastrophe im Kernkraftwerk in Tschernobyl wurde schon viel geschrieben. Es gibt Filme, seit ein paar Jahren auch eine Serie. Für furchtlose Touristen gibt es sogar Führungen in die verstrahlte Zone.

    Mich hat das Ganze nie interessiert. Als es zur Explosion kam, war ich 11 Jahre alt und hatte andere Dinge im Kopf. Selbst, wenn man in den Zeitungen und TV ständig darüber berichtet hätte, wäre es an mir vorbeigegangen. Auch später, als in 24-Stunden-TV-Marathonen russlandweit Spenden für Erkrankte gesammelt wurden, war das nur eine weitere unwichtige Information, irgendwas mit Strahlung.

    Als die HBO-Serie "Chernobyl" für Furore sorgte, unter anderem auch in Russland, wurde ich dann doch neugierig. Während man im Westen die Serie lobte, gab es in Russland Gezeter ohne Ende.

    Irgendwo las ich, dass Swetlana Alexijewitschs Buch "Tschernobyl" für die Macher der Serie eine große Rolle gespielt hatte. Viele Szenen aus dem Buch seien in der Serie zu sehen. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber beim Namen der Autorin war mir klar, dass ich das Buch lesen würde. Ich kannte von Alexijewitsch schon zwei Bücher, kannte ihre Art, eine große Geschichte aus vielen kleinen Puzzleteilchen zusammen zu setzen.

    In den anderen beiden Büchern der Autorin war ihre eigene Stimme nicht zu hören, hier gibt es auch von ihr selbst einen Monolog. Sie lebt in Belarus und ist eine Zeitzeugin. Sie beobachtet ihre Welt genau, hört hin und hört zu.


    "Tschernobyl" ist in der ersten Fassung in den 1990ern erschienen, 10 Jahre nach der Katastrophe. In den 2010ern hat Alexijewitsch das Buch um einen Drittel erweitert, aus Zensurgründen gestrichene Szenen wieder eingefügt, und, soweit ich das sehen kann, auch ein paar neue Interviews geführt.

    Swetlana Alexijewitsch bekam für ihr Werk 2015 den Literaturnobelpreis. Mir fällt spontan kein anderer von mir gelesener Nobelpreisträger ein, meist ist das Literatur weit jenseits meiner Interessen. Ob die Nobelpreisträger den Preis verdient haben, ihre Werke wichtig für die Menschheit sind, kann ich also nicht sagen. Dass Alexijewitsch ihn verdient hat, steht für mich außer Frage. Ihre Bücher nehmen den Leser auseinander.


    In "Tschernobyl" geht es nicht darum, wie es zum Unglück kommen konnte. Es gibt nur sehr wenige technische Details. Das Buch beschäftigt sich mit den Schicksalen der Menschen, die auf die eine oder andere Art davon betroffen waren. Es kommen zu Wort: Ehefrauen von Liquidatoren, Katastrophenhelfer, alte Bäuerinnen, todgeweihte Kinder, Politiker, Journalisten, Fotografen, Flüchtlinge etc. Durch ihre Monologe wird die Lage vor Ort deutlich, damals und heute, das Versagen und der Verrat der Politik, die Lügen, die Hoffnung. Manche Monologe sind unglaublich schwer zu lesen. Diejenigen, die die Serie gesehen haben, werden wissen, was gemeint ist. Die Menschen wurden im Dunkeln gelassen, man ließ sie im verseuchten Gebiet tage- und wochenlang ohne Information, ohne Hilfe irgendeiner Art. Selbst wenn Gerüchte über das Ausmaß der Gefahr laut wurden, wurden diese rigoros unterdrückt, und falls nicht, glaubten die Menschen sowieso kaum etwas davon.

    Immer wieder betonen Alexijewitschs Interviewpartner*innen, dass die Welt noch nicht bereit für eine technologische Katastrophe dieser Art war. Über Radioaktivität lernte man ein wenig in der Schule, meist ging es dann um den Atomkrieg. 70 % der verstrahlten Gebiete liegen nicht in der Ukraine, sondern in Belarus, wo die Menschen sich seit jeher mit Landwirtschaft über Wasser halten. Kaum jemand dort konnte die Gefahr einschätzen, selbst nach den Zwangsevakuierungen nicht.

    Die Aufräumarbeiten rund um das Kernkraftwerk lassen beim Leser graue Haare wachsen. Das waren unfassbare Zustände. Radioaktive Abfälle wurden einfach in Gruben entsorgt, oft landeten sie im Grundwasser. Vergrabene Metallkonstruktionen und aufgegebene Häuser wurden geplündert und/oder auseinandergenommen, um sie an Ahnungslose zu verkaufen. Die Menschen arbeiteten mit bloßen Händen, ohne irgendeinen Schutz auf stark radioaktiven Böden.


    Ein Thema kommt im Buch immer wieder vor: Die Bereitschaft der Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen) zur Selbstaufopferung. Sie wurden dazu erzogen, in der Schule, in und von der Partei. Nur das größere Wohl zählt, alles andere muss warten.


    Das Buch beginnt und endet mit einer Liebesgeschichte. Zwei Frauen erzählen von ihren Männern, einer war als Feuerwehrmann gleich nach der Explosion zum Reaktor 4 gerufen worden, der andere war als Techniker Monate nach dem Brand rund um Tschernobyl unterwegs. Beide bekamen die Strahlenkrankheit und starben. Die Monologe ihrer Witwen sind herzzerreißend, ohne Taschentücher sind diese Stellen kaum lesbar.


    "Tschernobyl" ist eines der schwersten Bücher, die ich je gelesen habe, und eines der besten. Eine unbedingte Empfehlung.


    5ratten + :tipp:


    ***

    Aeria

  • Ich habe gerade sehr bewegt Deine tolle Rezi gelesen, vielen Dank dafür!

    Ich war etwas (*hüstel) älter als Du und kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern: Bei FreundInnen, die man kannte und die in WG's wohnten, musste man unbedingt die Schuhe ausziehen.... - der Schock war auch hier angekommen...

    Im Jugendhaus (in dem ich arbeitete) sprachen die Jugendlichen von "Verseuchten" - auch ihnen hatte die Katastrophe zugesetzt....


    Ich habe mal in einer Doku bei arte von Menschen gehört, die trotz der immer noch vorhandenen Strahlung in dem Gebiet leben. Wie sich die Natur die Gegend um Tschernobyl "zurückerobert".


    Hier in meiner unmittelbaren Lebensumgebung gibt es ein sehr umstrittenes französisches KKW, das schon sehr alt ist: Cattenom.

    Immer wieder mussten Teile des Reaktors abgeschaltet werden - für die Bevölkerung bestand (lt. Medien) "keine Gefahr".

    Seit 1980 gibt es Demonstrationen und viele Pannen in den letzten Jahren.... (wenn Du bei wikipedia googelst, findest Du eine lange Liste....) Trotzdem ist es immer noch am Netz...


    (ich gehöre zu der Generation, die in den frühen 80ern bereits ein rundes rotes "Bäbberle" am VW Käfer trug, auf dem stand:


    "Atomkraft? - nein danke!"

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

  • Ich war zehn Jahre, als der Reaktor explodierte, kann mich aber noch sehr gut erinnern, wie das so war. Gesperrte Spielplätze, später Sandaustausch, Verzicht auf Obst und Gemüse.


    Dazu eine unbestimmte Furcht. Kurz darauf las ich das Buch "Die Wolke" von Gudrun Pausewang, das heute wohl auch in Schulen gelesen wird. Es machte wirklich richtig Angst.


    Später habe ich eigentlich alles an Dokus, vor allem in den Dritten, gesehen, was so lief, insbesondere zu den "Jahrestagen" im April. Die Serie hat dann für mich an Information abgerundet. Auch wenn man vieles eben doch nicht weiß und ganz sicher das meiste unter Verschluss blieb.


    Am bittersten finde ich die russische Informationspolitik, so man sie denn so nennen möchte. Gesichtswahrend wurde sowohl die eigene Bevölkerung als auch die Weltengemeinschaft viel zu spät informiert, was viele sehr bitter bezahlt haben.


    Vielen Dank für diesen Buchtipp, das Buch steht auf meiner Liste!

    Früherer Nutzername "Alexa" :)