Das Übel der Übersetzungen

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Lasst euch warnen von der Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes - bleibt gesund!

Aber wer jetzt hier weiter Panik verbreitet, bekommt eine Zwangs-Forenpause verordnet!

Es gibt 113 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Voyageur.

  • Nehmen wir Hugo, sein Roman "Die Elenden" ist nur halbwegs vollständig bei Artemis und Winkler (Lizenz auch bei Albatros) abgedruckt.


    Albatros ist, wo Artemis und Winkler in der Billig-Version erscheint. Alles dieselbe Mischpoche - nämlich Patmos ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Entschuldigung. Man hat mir das Netz gezapft, bevor ich noch dem Klassikfreund mitteilen konnte, dass ich nicht bis gar nichts Schlechtes über Proust, seine Zeit und seine Übersetzer sagen wollte. Irgendwo ist da was falsch angekommen. Wollen wirs auf die Leitung schieben? :zwinker: Vielen Dank aber vorab für den Link. Der Artikel war sehr interessant. Und noch ne andere Frage: Elisbeth Edl ... ist das die Dame, die Stendhal jetzt neu übersetzt hat? Ich ringe nämlich mit mir, meinen Stendhal einzutauschen gegen die neueren Varianten.


    Da ich nun jetzt aber zu Hause bin, konnte ich auch gleich nachsehen, welche Übersetzung von Proust ich mein Eigen nenne und es ist: Frau Rechel-Mertens. Und zwar nicht lektoriert von Herrn Keller. Vielleicht erklärt das meine Not ein klein wenig. Bevor ich mich aber hier zu Hause nicht rückversichert habe, hätte ich mich niemals dazu nötigen lassen, irgendeine Übersetzung von irgendwem zu bekriteln, wenn ich nicht mal weiß, von wem ich da rede. Ich hab also Herrn Keller gar nichts unterstellt. Und, was die schlechten Kritiken der Übersetzung betrifft ... hier muss ich mich revidieren und einhaken :redface: ... es ging in der Kritik nicht um die Übersetzung, sondern um die Ausgabe und den Druck. Verzeih mir bitte dieses Missgeschick. Erwähnt haben wollte ich speziell bei dir noch, dass ich nicht zu den Typen gehöre, die der Fachwelt einfach so vertrauen. Ich bilde mir schon gern mein eigenes Urteil (auch wenn ich nicht weiß, wie *g*) ... zwar nicht hochwissenschaftlich und mehr als Verbraucher und Nutznießer von Büchern ... aber genau für diejenigen werden ja die Bücher auch geschrieben ... zumindest die, die ich lese. Daher trau ich einem Otto-Normalverbraucher genau so, wenn er mir sagt, die oder die Übersetzung ist ganz gut wie auch einem Fachmenschen, wenn er sich denn mit mir unterhält. Die Fachwelt zum Beispiel hat Pearl S. Buck den Nobelpreis gegeben ... ich bitte dich :zwinker:


    Hugo, so habe ich bis jetzt festgestellt, scheint in alten DDR-Ausgaben gut übersetzt zu sein. Zumindest sehr umfangreich. Denn in neueren Ausgaben fehlen z. B. gerne die einleitenden Kapitel für das jeweils neue Band. Die Kapitel, in denen es nur um den Pariser Untergrund geht. Ich kann kein französisch, mir ist das nur aufgefallen, als ich mehrere Ausgaben miteinander verglich. Ich habe hier eine Ausgabe des Patmos-Verlages. Die hab ich aber noch nicht gelesen, deshalb fehlt mir da jetzt die Kennung. Scheint aber auch ein Billigverlag zu sein und somit, das würde ich auch so sehen, ist sicher auch die Übersetzung nicht so dolle. Artemis und Winkler hab ich nicht gesehen ... leider.


    thopas
    Was mich jetzt mal interessiert: Wie ist Frank Günther in natura? Auf der Buchmesse in Leipzig war er nicht, aber ich hätte ihn gerne getroffen. Er ist der einzige Mensch, der dafür verantwortlich ist, dass ich Shaki begriffen und lieben gelernt habe. Ich liebe die Kommentare "Aus der Übersetzerwerkstatt" und ich kann mir vorstellen, dass der Mann über einen durchaus furztrockenen Humor verfügt. Stimmt das?

    Ein Leben lang lesen ist nicht genug!<br /><br />Top 3:<br />1. &quot;Die Brautprinzessin&quot; von William Goldman<br />2. &quot;Männer&quot; von Dietrich Schwanitz<br />3. &quot;1984&quot; von George Orwell


  • Für ganz viele Werke gibt es auch nicht so viel Auswahl. Nehmen wir Hugo, sein Roman "Die Elenden" ist nur halbwegs vollständig bei Artemis und Winkler (Lizenz auch bei Albatros) abgedruckt. Dostojewskij wurde ja gerade von Swetlana Geier neu übersetzt. Die Ausgaben aus dem Insel-Verlag kann man durchaus lesen, selbst wenn die Übersetzung etwas älter ist.


    Danke für die Information. Mir war auch gar nicht bewußt, daß es eigentlich nur eine, naja zwei, komplette Proust-Übersetzungen gibt. Da muß ich dann bei der Anschaffung auf jeden Fall darauf achten, die richtige zu kaufen (wenn ich mich mal an Proust wagen sollte...)




    thopas
    Was mich jetzt mal interessiert: Wie ist Frank Günther in natura? Auf der Buchmesse in Leipzig war er nicht, aber ich hätte ihn gerne getroffen. Er ist der einzige Mensch, der dafür verantwortlich ist, dass ich Shaki begriffen und lieben gelernt habe. Ich liebe die Kommentare "Aus der Übersetzerwerkstatt" und ich kann mir vorstellen, dass der Mann über einen durchaus furztrockenen Humor verfügt. Stimmt das?


    Ich muß dazu erwähnen, daß dieses Seminar schon fast 10 Jahre her ist und ich mich nicht mehr so genau erinnere :redface:. Aber er war sehr unterhaltsam, sympathisch und konnte einen gut für die Sache begeistern. Vielleicht sollte ich auch mal in diese Kommentare von ihm reinlesen, dann kommt die Erinnerung möglicherweise etwas deutlicher zurück... tut mir leid, wenn ich dir da jetzt nicht mehr so viel dazu sagen kann :winken:.


  • Ohne das Internet gilt: Ich würde eher die neueren Übersetzungen kaufen und zudem auf den Verlag achten, der veröffentlicht. Beispiel: Proust. Da gibt es neben in den 20er Jahren veröffentlichten Übersetzungen, zwei neuere im Suhrkamp Verlag (Rechel-Mertens sowie Rechel-Mertens revidiert durch Luzius Keller). Zudem gibt es einige Teilbände von Michael Kleeberg übersetzt, jedoch bei einem kleinen Verlag. Wähle also Suhrkamp in der Keller-Übersetzung.


    Gegenbeispiel: Kawabata Yasunaris "Schneeland", deutsch von Oscar Benl, 1957 im Carl Hanser Verlag, jetzt bei dtv:


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links


    und von Tobias Cheung, 2004 im Suhrkamp Verlag:


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links


    Cheung hat zwar ein gutes Nachwort geschrieben, aber eine sehr verkrampft formulierte Übersetzung abgeliefert. Benl mag manches locker ausgeschmückt haben an Kawabatas kargem Schreibstil, aber er konnte besseres Deutsch schreiben. Die ersten beiden Sätze des Romans lauten:


    Benl: Als der Zug aus dem langen Grenztunnel herauskroch, lag das "Schneeland" vor ihm weit ausgebreitet. Die Nacht war weiß bis auf ihren Grund.
    Cheung: Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß.
    wörtlich: Wenn [man] aus dem langen Tunnel [an] der Landesgrenze herauskommt, war [da] [das/ein] Schneeland. Der Boden der Nacht war weiß geworden.


    Der erste Satz von Cheung hat ohne Not die Landesgrenze unterschlagen (auch wenn Benl recht weit ausholt), aber der zweite Satz von Cheung ist schlimm entstelltes Deutsch, und weitere ähnliche folgen ihm.


    Fazit: Der Übersetzer ist entscheidend, erst dann der Verlag.


    Rezensionen vorab zu lesen (vor einem Kauf) ist auch ein guter Rat, aber leider gehen die wenigsten Rezensenten auf die Übersetzung als solche ein.

    Einmal editiert, zuletzt von Voyageur ()

  • Ich habe hier eine Ausgabe des Patmos-Verlages. Die hab ich aber noch nicht gelesen, deshalb fehlt mir da jetzt die Kennung. Scheint aber auch ein Billigverlag zu sein und somit, das würde ich auch so sehen, ist sicher auch die Übersetzung nicht so dolle. Artemis und Winkler hab ich nicht gesehen ... leider.


    Patmos ist Artemis & Winkler. (Um genau zu sein: Die Verlagsgruppe als Ganzes heisst Patmos.) Die Unterschiede sind in der Ausstattung, in eventuellen Vor- und Nachworten bzw. Anmerkungen. Die Übersetzungen sind immer dieselben.


    Die Fachwelt zum Beispiel hat Pearl S. Buck den Nobelpreis gegeben ... ich bitte dich :zwinker:


    Nicht "die Fachwelt". Sondern ein paar schwedische Juroren, wobei ich nicht einmal sicher bin, ob alle vom Fach sind bzw. waren. Auch ist es nicht so, dass der Literaturnobelpreis ein Preis für qualitativ hochwertige Literatur ist oder sein soll. Wikipedia hat für einmal die richtige Information:


    Nach Nobels Testament, das den Statuten der Nobel-Stiftung zugrundeliegt, soll mit dem Preis in Literatur ausgezeichnet werden, wer „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat“.


    So eine Bestimmung ist natürlich Gummi im Quadrat, da könnte Hohlbein den Literaturnobelpreis kriegen ... :zwinker:

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Ja, wie ich gerade überfliege, hast du das schon mal erwähnt. Und ich hab wieder nicht richtig hingelesen. Sorry.
    Ich habe meine eigene Ausgabe der Elenden noch nicht gelesen, hatte lediglich zwei Übersetzungen in großen Abständen vor einiger Zeit in der Mangel.



    Nicht nur Hohlbein, sondern ich auch :breitgrins: Gut zu wissen, dass eben doch wirklich JEDER eine Chance hat :zwinker:


    thopas
    Halb so wild. Günther bleibt mir ja in meinen Büchern und falls du ihn jemals wieder treffen solltest, dann sag ihm bitte, er möge ENDLICH die Sonette übersetzen :klatschen:


    Zitat

    Der Nacht Tiefe wurde weiß.


    Also ich find das nicht direkt entstellt, sondern eher sehr poetisch. In einem Gedicht könnte man das gut verwenden.

    Ein Leben lang lesen ist nicht genug!<br /><br />Top 3:<br />1. &quot;Die Brautprinzessin&quot; von William Goldman<br />2. &quot;Männer&quot; von Dietrich Schwanitz<br />3. &quot;1984&quot; von George Orwell

  • Oopsie - nun hast Du mir Deine Worte "in die Schuhe geschoben" ... [Blockierte Grafik: http://www.GratisSmilies.de/smilies/smaulies1/biggrin.gif] [Blockierte Grafik: http://www.GratisSmilies.de/smilies/smaulies1/biggrin.gif] [Blockierte Grafik: http://www.GratisSmilies.de/smilies/smaulies1/biggrin.gif]



    Ungefähr so müsste es sein ... [Blockierte Grafik: http://www.GratisSmilies.de/smilies/smaulies1/naa.gif][Blockierte Grafik: http://www.GratisSmilies.de/smilies/smaulies1/hi.gif]

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)


  • Also ich find das nicht direkt entstellt, sondern eher sehr poetisch. In einem Gedicht könnte man das gut verwenden.


    In einem Gedicht vielleicht. Aber auch da würde ich es (wahrscheinlich) noch als gekünstelt empfinden. Wieso schreibt der nicht:

    Zitat

    Die Tiefe der Nacht war weiß.


    Das würde mir persönlich besser gefallen.


    So. Nach der ganzen Weiße möchte ich nun aber auch wissen, wie dies in meiner schwedischen Ausgabe (aus dem Englischen :sauer: übersetzt von Per Erik Wahlund) heißt:

    Zitat

    Ur den långa tunneln rullade tåget ut i snöns rike. Marken låg vit under natthimlen.


    Wörtlich übersetzt (also die Übersetzung der Übersetzung der Übersetzung):

    Zitat

    Aus dem langen Tunnel rollte der Zug hinaus in das Reich des Schnees. Die Erde lag weiß unter dem Nachthimmel.


    Gefällt mir gut. "Snöns rike" (das Reich des Schnees) finde ich poetischer als "Schneeland". Da taucht ein stärkeres Bild in meinem Kopf auf.
    Der zweite Satz ist problematischer. Einerseits finde ich ihn besser zu lesen, aber andererseits fehlt hier gerade das Bild, dass die sonst immer schwarze Nacht selbst weiß geworden ist.


    Übersetzen ist eine Kunst.

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • sandhofer


    Ich bin natürlich immer bemüht, anderen meine Gedanken ins Gehirn zu schieben. :breitgrins:


    Danke für die kleine Mühe, vielleicht lern ich das auch noch irgendwann. Bis jetzt sieht es jedenfalls böse aus, was die Quelltexte betrifft :zwinker:

    Ein Leben lang lesen ist nicht genug!<br /><br />Top 3:<br />1. &quot;Die Brautprinzessin&quot; von William Goldman<br />2. &quot;Männer&quot; von Dietrich Schwanitz<br />3. &quot;1984&quot; von George Orwell


  • "Snöns rike" (das Reich des Schnees) finde ich poetischer als "Schneeland". Da taucht ein stärkeres Bild in meinem Kopf auf.
    Der zweite Satz ist problematischer. Einerseits finde ich ihn besser zu lesen, aber andererseits fehlt hier gerade das Bild, dass die sonst immer schwarze Nacht selbst weiß geworden ist.


    Übersetzen ist eine Kunst.


    Vorgestern habe ich in einer Bibliothek die besagten Sätze aus der englischen und französischen Fassung kopiert. Da tut sich folgender Kosmos auf:


    Kawabata 1935/1947 国境の長いトンネルを抜けると雪国であった。夜の底が白くなった。
    Aussprache kunizakai / no / nagai / tonneru / o / nukeru / to / yukiguni / de atta. yoru / no / soko / ga / shiroku / natta.
    Wort für Wort Provinzgrenze, Landesgrenze / [Genitivpartikel] / lang / Tunnel / [Objektpartikel] / entweichen, austreten, herauskommen / wenn / Schneeland / war vorhanden. Nacht / [Genitivpartikel] / Boden, Grund, Tiefe / [Subjektpartikel] / weiß / war geworden.
    wörtlich Aus dem langen Tunnel an der Provinzgrenze herauskommend, war das Schneeland. Der Grund der Nacht war weiß geworden.
    Benl 1957 Als der Zug aus dem langen Grenztunnel herauskroch, lag das "Schneeland" vor ihm weit ausgebreitet. Die Nacht war weiß bis auf ihren Grund.
    Cheung 2004 Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß.
    Seidensticker 1956 The train came out of the long tunnel into the snow country. The earth lay white under the night sky.
    Wahlund 1968 Ur den långa tunneln rullade tåget ut i snöns rike. Marken låg vit under natthimlen.
    Saltanah 2008 Aus dem langen Tunnel rollte der Zug hinaus in das Reich des Schnees. Die Erde lag weiß unter dem Nachthimmel.
    Fujimori 1960 Un long tunnel entre les deux régions, et voici qu'on était dans le pays de neige. L'horizon avait blanchi sous la ténèbre de la nuit.


    "Yoru no soko" kann sowohl "der Boden der Nacht" heißen; so verstehen es Benl und Cheung. Es kann aber auch "der Boden bei Nacht" heißen, wie es Seidensticker und Fujimori verstehen; klingt natürlicher. Hätte Benl "Die Nacht war weiß bis auf den Grund" geschrieben, so hätte er beide Bedeutungsnuancen in einer Übersetzung anklingen lassen, wie das Original.


    Benl bringt schon jetzt "ihn", den Protagonisten Shimamura, ins Spiel, der erst im nächsten Absatz auftritt. Benl, Seidensticker und Fujimori sprechen bereits von dem Zug, der erst im nächsten Satz vorkommt. Seidensticker spannt noch einen Himmel über die Nacht und Fujimori rechnet der Ordnung halber vor, wieviele Länder aneinandergrenzen.


    So hat jeder seine Art, das von Kawabata Ungesagte auszuschmücken und lesbarer zu gestalten. Cheung bleibt sehr am kargen Originalstil, was dem Übersetzerideal entspricht. Im ersten Satz übererfüllt er allerdings sein Soll, indem er sogar noch etwas weglässt (die Landesgrenze), und verlässt im zweiten Satz das Land der Prosa hin zum Grenzland der Poetik :-)


    Übersetzen ist eine Kunst und Schwerstarbeit.

    Einmal editiert, zuletzt von Voyageur ()

  • Cheung bleibt sehr am kargen Originalstil, was dem Übersetzerideal entspricht.


    Sagen wir: dem aktuellen Ideal. Das war auch schon anders und wird sicher auch wieder anders werden. Gerade diese Art der Übersetzung verlangt vom Leser meist auch die grosse Arbeit des Sich-in-fremde-Kulturen-Schrägstrich-Sprachen-Schrägstrich-Menschen-Eindenken-und-Einfühlen-Könnens. Es sind also eher, wenn ich den Begriff brauchen darf, "Übersetzungen für Fortgeschrittene" ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Gerade habe ich noch eine weitere wörtliche Übersetzung der ersten Sätze von Kawabatas "Schneeland" gelesen. Sie stammt von Barbara Yoshida-Krafft aus dem Aufsatz "Kawabata Yasunari - ein Traditionalist?", Seite 171-187 im "Jubiläumsband 1873-1973", der als Band 53 der "Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens" (MOAG 53) 1973 in Tokyo erschienen ist.


    In dem Aufsatz vergleicht BYK Kawabata mit Tanizaki Junichirô, den sie eher als Traditionalisten bezeichnet, während es Kawabata, unabhängiger von japanischen Traditionen (und den bei uns bekannt gewordenenen Klisches), um subjektive Empfindungen, insbesondere auch seine eigenen, gehe. Dann auf Seite 182 ein etwas längeres Zitat:


    Zitat von "Barbara Yoshida-Krafft"

    Die Sprache Kawabata tritt hinter den Bildern, die sie hervorbringt, zurück. Wenn Tanizaki epische, klassizistische Darstellungen von der im Melos kadenzenreichen und in der Metrik archaisierenden Sprache getragen werden, einer Sprache, die, einer Notenschrift ähnlich, gleichermaßen fürs Auge und Ohr bemerkenswert ist, so erscheint Kawabatas Sprache zwar melodiös aber sonst zunächst einmal merkwürdig üblich. Ihr Wortschatz ist erstaunlich gering und im großen und ganzen sogar durchschnittlich einfach. Erst bei genauerem Lesen fallen plötzlich die hier und da vorkommenden grammatikalischen Unregelmäßigkeiten vor allem in Gebrauch der Partikel auf. Sie bewirken Vieldeutigkeit, die über das dem Japanischen innewohnende Maß an Unbestimmtheit hinausgeht. Die mehrfache Sinnmöglichkeit - mit den zuweilen surrealen Sinneinschlüssen - ist stilistisch beabsichtigt. Man bekommt bald ein Gespür dafür, daß dieser eigenwillige Gebrauch der Grammatik zu den Stileigentümlichkeiten Kawabatas gehört.


    Was Kawabatas Sprache berühmt und populär gemacht hat, ist ihre dichterische Potenz. Inmitten von sprachlich Vertrautem gibt es Stellen, da diese Sprache mit einem Mal alles Herkömmliche abstreift und zu überraschender, schöpferischer Freiheit gelangt. Wortkombinationen - erstmalig, das Dingliche verfremdend, auf eine magische Schönheit zielend - entstehen. Sie zu übersetzen ist freilich beinahe unmöglich. Wir wollen an zwei Beispielen versuchen, um denjenigen, die Japanisch weder sprechen noch lesen können, eine Ahnung zu geben. Wir übersetzen möglichst wörtlich: "Hinter dem langen Grenztunnel lag plötzlich das Schneeland. Der Grund der Nacht war weiß geworden. An der Signalstation hielt der Zug." Dies ist der Beginn von "Schneeland." Schon dessen erster Satz ist berühmt. Er ist von einer äußerst kunstvollen Unmittelbarkeit, sprachlich hält er sich dabei in den Grenzen des normalen Japanisch, wohingegen die im zweiten Satz erscheinende Wendung "yoru no soko" (Grund der Nacht) völlig ungewöhnlich ist. Sie ist eine Begriffsschöpfung Kawabatas: ein Ausdruck von hoher irrealer Sinnenhaftigkeit, der die sinnliche Empfindung des Schnees poetisch intensiviert.


    Von "plötzlich" ist im ersten Satz des Originals allerdings nicht die Rede, und die erwähnte Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit gerade im Gebrauch der Partikel kann man schon im zweiten Satz in "Grund der Nacht" und "Grund bei Nacht" finden.


    Das zweite Beispiel nimmt BYK aus Tausend Kraniche
    [amazon=3423110805][/kaufen]
    und zitiert auch die deutschen (von Yatsushiro Sachiko) und englischen (von Edward G. Seidensticker) Übersetzungen:


    Kawabata 1949/51 Ikegami no honmonji no mori no yûhi datta. Akai yûhi wa chôdo mori no kozue wo kasumete nagareru yô ni mieta. Mori wa yûyakezora ni kuraku ukidete ita.
    Yoshida-Krafft 1973 Es ist die Abensonne des Waldes vom Ikegami Honmon-Tempel gewesen. Die rote Abendsonne schien an den Baumspitzen des Waldes, die sie gerade noch berührte, vorbeizufließen. Der Wald tauchte schwarz in dem Abendrot-Himmel auf.
    Yatsushiro 1956 - Die Abendröte über dem Wald des Ikegami-Tempels - Sie berührte die Wipfel der alten Bäume und schien am Horizont hinabzufließen. Dunkel stand der Wald vor dem Abendhimmel -
    Seidensticker 1958 He saw the evening sun ... behind the grove of the Honmonji Temple. The red sun seemed about to flow down over the branches. The grove stood dark against it.


    Zu der Gegenüberstellung der Übersetzungen bemerkt BYK: "Wie an so vielen anderen Stellen wird auch an dieser Stelle deutlich, daß eine freie Übersetzung den eigentümlichen Stil Kawabatas sinnverändernd zerstört."

  • Die wörtliche Übersetzung von Kawabata möchte ich nicht über ein Buch lang lesen müssen, denn irgendwie scheint es immer einen Strich neben dem westlichen Sprachempfinden zu liegen, bedingt durch eine bei mir vorhandene jahrzehntelange Prägung. Grundsätzlich aber bin ich nicht wirklich in der Lage, zu entscheiden, welche Übersetzung taugt, welche nicht, weil ich schlicht die Originalsprachen zumeist nicht beherrsche. Einige Lyrikausgaben besitze ich zweisprachig, aber allenfalls kann ich den Klang des Originals nachempfinden. Selbst bei englischsprachiger Literatur besitze ich meist nur eine Ausgabe - aus Platz - und Kostengründen, sodaß ich selbst da auf eine Wertung der Übersetzung verzichte, außer es geht dermaßen schief, daß man - wie bei Norfolks "Lemprieres Wörterbuch" allein anhand der Übersetzung auf grobe Mißstände gestoßen wird. Shakespeare besitze ich im Original, in der Schlegel - Tieck - Übersetzung und in der von Erich Fried. Ich mag Schlegel - Tieck, und sie hat rein ästhetisch mein Shakespeare - Bild geprägt. Ebenso bevorzuge ich die alten Dostojewski - Ausgaben (Winkler, Piper), mag deren gemächlichen Ton. Klar, habe ich die Existenz von Svetlana Geier zur Kenntnis genommen, aber sehe es für mich als nicht wirklich notwendig an, jetzt eine zweite Übersetzung seiner Werke zu kaufen / zu lesen. Mich stört ja schon der neue Titel von "Schuld und Sühne" - "Verbrechen und Strafe". Der mag zwar korrekt sein, klammert aber auch Dostojewskis explizite religiöse Bezüge aus. Wirklich schätzen könnte ich das eh nur, wenn ich im Russischen kein kompletter Analphabet wäre, der ich aber bin und bleiben werde.... - wie auch in allen anderen Sprachen außer Englisch oder Latein.....

  • Oh, der Artikel mach mir Lust, den Roman gleich noch mal zu lesen, diesmal in der neuen deutschen Übersetzung!
    Danke für den Link, Klassikfreund!

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Wo wir bei Übersetzungen sind: kann denn jemand eine für "Die toten Seelen" von Gogol empfehlen? Da ist aktuell etwas von Horst Bienek und etwas von Hermann Röhl auf dem Markt - die sagen mir beide nichts. Oder doch lieber eine ältere Ausgabe?


    Der Don Quichote - Artikel ist übrigens wirklich toll. :smile:

    :schmetterling: <br /><br />Wer zu lange in sich geht, kommt auf der anderen Seite wieder heraus.


  • Wo wir bei Übersetzungen sind: kann denn jemand eine für "Die toten Seelen" von Gogol empfehlen? Da ist aktuell etwas von Horst Bienek und etwas von Hermann Röhl auf dem Markt - die sagen mir beide nichts. Oder doch lieber eine ältere Ausgabe?


    Der Don Quichote - Artikel ist übrigens wirklich toll. :smile:


    Ich würde die Übersetzung von Wolfgang Kasack empfehlen. Ist bei Cotta im Rahmen einer Werkausgabe erschienen. Mit Nachwort und ausführlichen Anmerkungen. ABER: Leider ist die Ausgabe sehr teuer (gebunden, 50 EUR). Ansonsten würde ich wohl zur Röhl-Übersetzung bei Fischer Klassik greifen.


    Gruß, Thomas

  • Thomas: danke sehr! Wahrscheinlich bleibe ich bei der günstigen Alternative.

    :schmetterling: <br /><br />Wer zu lange in sich geht, kommt auf der anderen Seite wieder heraus.


  • Wo wir bei Übersetzungen sind: kann denn jemand eine für "Die toten Seelen" von Gogol empfehlen? Da ist aktuell etwas von Horst Bienek und etwas von Hermann Röhl auf dem Markt - die sagen mir beide nichts. Oder doch lieber eine ältere Ausgabe?


    Der Don Quichote - Artikel ist übrigens wirklich toll. :smile:


    Ich sehe gerade, dass die Kasack-Übersetzung von "Die toten Seelen" im Februar 2009 auch bei Reclam in einer hochwertigen Ausgabe für 26,90 erscheint.


    http://www.reclam.de/data/media/Reclam_RB.pdf (Seite 26/27 des Prospektes)


    Schöne Grüße, Thomas

  • oh, danke sehr! :smile: vielleicht warte ich dann noch, bis ich die Ausgaben nebeneinanderhalten kann....

    :schmetterling: <br /><br />Wer zu lange in sich geht, kommt auf der anderen Seite wieder heraus.