Der Literaturschock-Fortsetzungsroman

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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  • Hier werden in loser Folge (möglichst täglich) neue Kapitel des Fortsetzungsromanes veröffentlicht.

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 1


    Die Winterabende waren einsam auf Schloß Wobblestone. Besonders seit ihr Liebster auf diese lange Reise gegangen war. Aber er sagte, es muß sein.
    Da saß sie nun, wie jeden Abend, alleingelassen vor dem Kamin im Lieblingssessel ihres Verlobten. Das Feuer knisterte. Sie kuschelte sich in ihr Bärenfell und griff zu ihrer abendlichen Lektüre. Ihre Heldin, eine Piratenbraut, focht gerade einen erbitterten Kampf gegen den übermächtigen Feind. Aber irgendetwas war heute Abend anders. Sie rutschte in dem Sessel hin und her, als etwas auf den Mamorboden schlug.
    Was ist das? Ein kleines Medaillon, das offenbar die ganze Zeit irgendwo in einer Ritze des Sessels gesteckt hatte, lag da vor ihr. Sie hob es auf. Wo kam es nur her? Hatte er es da verloren? Hatte er etwa eine andere?
    Sie öffnete zitternd das Kleinod. Das Bild kam ihr auf irgendeine Weise bekannt vor. Kannte sie diese andere Frau? Sie nahm es näher in Augenschein. Nein, sie kannte sie nicht, sie kannte nur das Kleid. Es war ihr Kleid! Und er hatte es an! Dieser Schuft! Wenn er zurück ist, würde sie ihm Mores lehren. Kein Nackenbeißen mehr. Nein! Die Füße wird er ihr küssen dürfen!
    Aber andererseits, sah er nicht süß aus in diesem Kleid? Sie wollte ihn. Sie wollte ihm dieses Kleid vom Leibe reißen....

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 2


    Das Poltern weckte sie endgültig auf. Nachdem sie gestern hocherregt ins Bett gegangen war, hatten wilde Träume sie heimgesucht. Träume von dauergewellten Piraten, die mit einer Flasche Shampoo zwischen den Zähnen ein Schiff voller Frisöre gekapert haben. Sie selbst mußte an einen Mast gebunden zusehen, wie Ihrem Liebsten die Kleider vom Leib gerissen wurden. Sie versuchte sich aus den Fesseln zu winden... und hat sich dabei wohl in ihrem Bett sosehr hinundher geworfen, das sie gegen ihren Nachttisch stieß. Das Poltern des herunterfallenden Bücherstapels erlöste sie von diesem Alptraum.
    Ach ja, die Bücher. Sie hatte mal alle Bücher auf einen Stapel gelegt, die sie bisher noch nicht gelesen hatte. Es war ein hoher Stapel geworden. Sie würde ihrem Hofmeister Anweisung geben, fahrende Bücherhändler demnächst ohne Gnade von ihrem Grund und Boden vertreiben zu lassen. Sie war einfach zu schwach und konnte nie Nein sagen, wenn sie die grellbunten Umschläge der ihr angebotenen Bücher sah. Aber damit war jetzt Schluß! Bis Ihr Liebster zurückkommt, wollte sie alle diese Bücher gelesen haben. In ihren Briefen an ihn wollte sie ihm davon erzählen. Er liebte ihre Rezensionen. Er meinte sogar, sie sollte sie im Kunst-Journal veröffentlichen. Aber sie hatte gehört, das Freundinnen von Ihr, die dies taten, vom Verleger des Journals neue Bücher geschenkt bekamen. Würde dieser Teufelskreis denn nie enden?...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 3


    Während Kriemhild am Frühstückstisch saß, kam ein Bote von Amazonius und überreichte ihr ein kleines Päckchen mit dem Bestseller des Monats. Da sie nach dem Traum von letzter Nacht erst einmal keine Lust mehr auf Piraten hatte, öffnete sie das Päckchen sofort. "Der Hüne" - ein vielversprechender Titel.
    Sie machte es sich bequem in ihrem Sessel und begann zu lesen. Aber nach nur wenigen Minuten sprang sie empört auf und rief nach ihrer Zofe. "Laß den Wagen anspannen! Ich muß zu Amazonius!" Dieses Buch ist ja eine Zumutung. Seitenweise Dialoge im luxemburgischen Dialekt. Und das ohne Glossar oder Wörterbuch!
    Als sie auf den Hof trat, stand da schon ihre Kalesche. "Kutscher, wollt ihr mir nicht die Tür öffnen?" "Verzeiht, Mylady! Aber beim Putzen ist mir der Griff abgebrochen. Würdet ihr so gütig sein, von der anderen Seite einzusteigen?" Mit einem Murren stieg Kriemhild in den Wagen. Das wird noch ein Nachspiel haben! Für die Fahrt hatte sie sich die Morgenzeitung eingepackt. Doch was mußte sie da auf der ersten Seite lesen. "Österreicher überschwemmt deutsche Lande mit zotiger Literatur! Auch deutsche Hofdamen beteiligt." Ach Gott! Wo soll das nur noch hinführen.
    Als die Kalesche Amazonius' kleinen Laden erreichte, stürme Kriemhild voller Zorn hinein. "Wie kannst Du mir so ein Buch schicken? Ohne jede Erläuterung, ohne Wörterbuch? Vielleicht solltest Du Dich in Deinem Geschäft wieder etwas mehr auf die Bücher konzentrieren als Kleider, bestickt mit Königsnamen, und Weinkrüge, bemalt mit mystischen Tieren, anzubieten"
    Doch Amazonius lächelte ganz entspannt und fragte:"Wollt Ihr stattdessen diesen neuen Fortsetzungsroman abonnieren?"...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 3.1


    Das UBIK Shampoo für den eleganten Herrn von heute.
    Es gibt seinem Haar noch mehr Glanz und Volumen.
    Anwendung nur nach Vorschrift!


    In einer anderen Ecke der Welt. Viele Tausend Meilen vom Schloß Wobblestone entfernt kam Earl gerade wieder zu sich.
    Das Letzte woran ich mich noch erinnern kann, ist der Schotte, der sich zu mir an den Tisch setzte. Groß, ein Kerl wie ein Baum. Ich fragte ihn ganz höflich, ob er aus dem Highland käme. Da flippte er richtig aus. "Jedes Aas fragt mich das! Nein! Verdammtnochmal! Ich bin nur ein versoffener Rotbart aus Edinburgh." Um ihn zu besänftigen, wollte ich ihn auf einen Whisky einladen. Er lehnte ab. Er sagte, er hat sein ganzes bisheriges Leben dem Whisky geopfert. Das wäre jetzt vorbei. Und bat um einen Wodka.
    Jetzt finde ich mich hier in dieser verdreckten Bude wieder, mit einem riesigen Kater und einem komischen Jucken am unteren Rücken. Jucken? Rücken? Wo ist hier ein Spiegel? Oh, nein! Das darf doch nicht war sein. Dieser Mistkerl hat mir doch glatt ein Tattoo auf meinem verlängerten Rücken stechen lassen. Das sieht ja fast wie ein Geweih aus! Wie erkläre ich das nur meiner Kriemhild zu Hause? Schon schlimm genug, das ich mein Medaillon wahrscheinlich irgendwo im Schloss verloren habe, nun auch noch das. Außerdem, mit diesem Tattoo kann ich nie wieder ein rückenfreies Kleid tragen. Ich muss diesen Schotten wiederfinden.
    Earl verläßt schwankend das Zimmer in dem er erwachte. Der Gang führt in eine finstere, verrauchte Wirtsstube. Ja, hier habe ich ihn gestern Abend getroffen. "He Wirt, kennen sie einen riesigen rotbärtigen Schotten?" "Du meinst Kaarl?" "Vielleicht, ich kenne seinen Namen leider nicht, aber er war gestern Abend hier." "Ja, das ist Kaarl. Tja, Pech gehabt mein Junge, der ist heute Nacht noch von der örtlichen Miliz festgenommen worden. Man wirft ihm vor, gepanschtes Shampoo an die Piraten zu verkaufen. Einer der Piraten, der nun blaues Haar hat, hatte ihn wohl angezeigt."
    Earl setzte sich auf den im am nächsten stehen Stuhl und legte seinen Kopf in beide Hände. Da tippte ihn jemand auf die Schulter. "He, mein Freund, wer bezahlt mir eigentlich meine Arbeit?" "Welche Arbeit?", Earl hebt missmutig den Kopf. "Na das Tattoo." Earl springt auf und schnappt sich den Kerl am Kragen. "Waaas? Du warst das? Wie kannst Du mich so verunstalten?" "Nun mal ganz langsam. Du warst doch derjenige, der mit den beiden Vögelchen im Arm zu mir kam und ein Tattoo verlangte." "Das war nicht der Schotte?" "Ach Quatsch! Du hast gesagt, zur Erinnerung an deine Hochzeit willst du ein Bild das ewig hält. Und Schlampenstempel sind zur Zeit sehr beliebt." "Hochzeit? Ich bin doch gar nicht verheiratet." "Doch. Seit gestern Abend."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 3.2

    Für Christiane


    "Ich, verheiratet? Niemals!" Wie eine Furie zieht er los, wirft Stühle und Tische über den Haufen. Mordlustig blickt er sich um. An wem kann er seine Wut auslassen. Wer ist noch kleiner als er selbst - zuhause in der Grafschaft haben sie ihn eh immer aufgezogen, da er nur 1.62m groß ist. Er will gerade auf den Klavierspieler losgehen, da trifft ihn die große gußeiserne Bratpfanne des Kochs und beruhigt ihn ein wenig.
    Als er vorsichtig die Augen öffnet (das hatten wir doch letztens erst), sieht er einen roten Schimmer vor sich. Seinen Hinterkopf ziert eine riesige Beule. Langsam wird der Blick klarer. Rot. Ein roter Bart. Mensch, das ist der Schotte. "He, haben sie Dich schon wieder aus dem Knast rausgelassen?" "Nee, Dich haben sie reingeworfen!" Earl nimmt jetzt erst die Details seiner Umwelt war. Eine dunkle, muffige Zelle mit einem winzigen Fenster zum Hof. Das war das Ende!
    „Was soll ich jetzt nur tun?“, jammert er ein wenig vor sich hin. Kaarl grinst ihn an und meint:“Na, Du könntest einfach mit mir mitkommen.“ „Hä? Mitkommen? Wie das?“ „Na denkst Du, ich will hier alt werden? Sie haben mir zwar Messer und Gürtel abgenommen, aber nicht das!“ Kaarl hält Earl eine kleine Dose hin. Darauf steht: Kaarl Mac Geiwers Haarpflegeprodukte – Bartwichse. Earl grinst:“Meinst Du, mit besonders gepflegtem Bart kommen wir schneller raus?“ „Du Idiot! Das ist eine BESONDERE Bartwichse. Denkst Du diese rote Haarfarbe habe ich von Geburt an? Ich bin Alchimist, da geht ab und zu mal ein Experiment daneben. Wir schmieren das Gitter damit ein und Du wirst schon sehen was passiert.“ Gesagt, getan. Fauchend löste sich das Metall des Gitters auf. Nun war es nur noch ein kleiner Schritt in die Freiheit…

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 4


    "Weihnachten? Ist nur ein Arbeitstag wie jeder andere."
    [ein unbekannter Weihnachtsmann]


    "Einen Fortsetzungsroman? Sind das nicht diese langweiligen Schmonzetten, die nie zu einem Ende kommen?" "Aber Mylady, selbst bedeutende Autoren haben schon Fortsetzungsromane geschrieben. Ich möchte Sie da nur an Stephane Royal erinnern mit 'Der grünliche Trampelpfad'." "Ja gut. Aber wie ist das, muß ich dann in irgend so ein Kaffeekränzchen eintreten?" "Nein nein, Sie haben keine weiteren Verbindlichkeiten. Und Sie bekommen sogar noch ein paar Geschenke dazu! Diese wundervollen gehäkelten Strumpfbänder und dieses aus Piratenhaar gewebte Lesezeichen." "Na gut, ich versuche es mal." "Ein sehr gute Wahl, Mylady. Kann ich Ihnen noch ein Angebot unterbreiten. Wir haben hier besonders günstig aus fernen Landen einige, wie man in unserer Branche sagt, Genickknabberer bekommen." "Da habe ich doch heute früh was in der Zeitung gelesen. Steckt da dieser Claudius Daibel dahinter, der schon in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt hat?" "Nein nein, keine Sorge, wir beziehen unsere Bücher nur aus seriösen Quellen." "Nein danke, ich habe erst einmal genug zu lesen." Kriemhild muß unwillkürlich an den Haufen Bücher denken, der noch vor ihrem Nachtischchen liegt. "Aber zurück zu dem Problem, weswegen ich eigentlich gekommen bin. Haben sie zu diesem 'Hünen' kein Wörterbuch, damit man wenigstens ein wenig versteht, worum es geht?" "Nein, tut mir Leid. Da es nur ein lokaler Dialekt ist, führen wir dazu keine Wörterbücher." "Schade, da muß ich dann wohl meine Base Betty bitten, mir zu helfen. Na dann, auf Wiedersehen!" In Gedanken versunken und den ersten Band des Fortsetzungsromanes "Der Lischofor" unter dem Arm, verläßt Kriemhild den Laden. Immer das gleiche, denkt sie, ich komme um mich zu beschweren, und gehe mit mindestens einem neuen Buch nach Hause. Dieser Amazonius ist gefährlich!

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 4a


    Kriemhild, das neue Buch aufgeschlagen und schon die ersten Zeilen lesend, strebt ihrer Kalesche entgegen. Da sie nichts weiter um sich herum wahrnahm, stößt sie mitten auf der Straße mit einem Mann zusammen. Das Buch fällt ihr aus den Händen und sie ist vollkommen desorientiert. Das passiert ihr immer, wenn sie ruckartig aus ihrer Lektüre gerissen wird. Suchend blickt sie um sich. Was war nur geschehen? Da fällt ihr Blick auf diesen Mann, der ihr das heruntergefallene Buch entgegenhält. "Verzeihen Sie mir bitte, Mylady. Habe ich Ihnen weh getan?" Kriemhild schluckt die Schimpftirade, die sie auf der Zunge hatte, herunter und sieht sich diesen freundlichen jungen Mann näher an. Mmh, gar nicht so übel, jung, groß gewachsen, schlank, ein wenig schlacksig vielleicht, aber ein süßes Lächeln. "Darf ich Sie als Entschädigung zu einer Tasse Tee einladen?" Kriemhild läßt sich nicht lange bitten. Heimlich versteckt sie, während sie zum nächsten Café gehen, ihren Verlobungsring. Sie hat da so eine Vorahnung.
    Bei Tee und Linzer Torte haben sie ein wenig Zeit sich näher kennenzulernen. Er erzählt ihr, das er am örtlichen Mädchengymnasium als Lehrer für Literatur arbeitet. Er ist der älteste Sproß einer schottischen Adelsfamilie, die ihn aber aufgrund seiner Homosexualität verstoßen hatte. Jaja, es ist schon erstaunlich, daß er nach so kurzer Zeit solche intimen Details von sich preisgibt. Aber sie hatten sofort gemerkt, das sie zwei verwandte Seelen sind. Sie mußte ihn unbedingt wieder sehen. Ein gebildeter Mann, der sich für Literatur und weniger für die Wäsche einer Frau interessiert. Das war genau das, was Kriemhild in all den Jahren vermißt hatte. Beim Verabschieden fragte sie ihn nach seinem Namen. "Geoorge Mac Geiwer."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 5


    [size=5pt][ist leider von einem Rentier von Santa gefressen worden][/size]

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 5 (der zweite Versuch)


    Einige Tage waren vergangen seitdem Kriemhild Geoorge getroffen hatte. Für heute hatte sie ihn zum Tee auf Schloß Wobblestone eingeladen. Unruhig lief sie jetzt in der alten Bibliothek auf und ab.
    Als sie den Türklopfer hörte, schaute sie sich schnell noch einmal im Spiegel an und zupfte ihr Kleid zurecht. Doch ihre Zofe kam allein und überreichte ihr nur einen Brief.
    "Meine liebe Lady Kriemhild!
    Leider kann ich zu unserem heutigen Tee nicht pünktlich erscheinen. Die mobile Gendarmerie hat mich aufgrund einer Sippenhaftregelung festgenommen, da mein Bruder in südlichen Landen als verurteilter Shampoo-Fälscher auf der Flucht ist. Man sagte mir, sobald Kaarl aufgebracht ist, wäre ich wieder frei. Ich hoffe, Sie warten solange mit den Tee auf mich.
    Außerdem habe ich eine kleine Bitte an Sie. Sie sind eine kluge und belesene Frau. Könnten Sie in meiner Abwesenheit den Unterricht am Gymnasium 'Zur glücklichen Witwe Kunigunde' an meiner statt übernehmen? Ich weiß, das Gymnasium hat keinen besonders guten Ruf. Aber dem Kollegen geht es nach seinem Fenstersturz schon wieder viel besser. Die Mädchen lieben Literatur und sind in meinem Unterricht nie so aggressiv wie bei dem Mathematikprofessor Monoriez geworden.
    In Erwartung einer baldigen Wiederkehr, Ihr Geoorge Mac Geiwer.
    PS. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht allzu übel, daß ich Ihre Zusage Frau Direktorin von Roorstokk schon avisiert habe.
    PPS. Ihre erste Stunde ist heute nachmittag."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

    Einmal editiert, zuletzt von BigBen ()

  • Kapitel 6


    Kriemhild rannte geschwind die Treppe hinab und wollte auf den Hof. Dabei prallte sie in der großen Halle mit ihrem Kutscher zusammen. "Mylady, die..." "Kutscher, spanne er die Kalesche an. Ich muß dringend zum Mädchengymnasium." "Das geht leider nicht, Mylady. Ein Rad muß gewechselt werden, und bei diesen neuen Kaleschen geht das nur mit einem speziellem Hammer. Ich habe meinen Schwager, den Hufschmied, schon rufen lassen." "Wie soll ich jetzt zum Gymnasium kommen?" "Ich könnte die Güldenen Engel kontaktieren. Die haben einen Ersatzkaleschenservice." "Gut. Aber beeile er sich. Noch so eine Schlamperei und er ist entlassen!"
    Kriemhild ging zurück in die Bibliothek. Während sie wartet, hatte sie noch Zeit, sich ein geeignetes Buch für den heutigen Unterricht auszusuchen. "Die Liebe des Korsaren" Ein Roman über die Beziehung eines Korsaren zu seiner Friseuse. Lieber nicht, das ist vielleicht zu anstößig für die jungen Gemüter. "Wohin?" Ein Reiseführer durch die Moore der näheren Umgebung mit besonderer Beachtung von Moorleichen und Geistererscheinungen. Das interessiert junge Mädchen wohl eher nicht. "Das Schwein des Reisenden" Die Beziehung eines Handlungsreisenden zu seinem Haustier und insbesondere die Probleme, die er mit ihm in den Postkutschen, Herbergen und auf den Märkten hat.
    "Mylady! Ihre Kalesche ist da!" Kriemhild schnappt sich "Das Schwein des Reisenden" und macht sich auf den Weg zum Gymnasium...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 6.1


    "Und warum hilfst Du uns?" "Mensch, Earl, weil wir doch verheiratet sind." "Ich kann mich an nichts erinnern. Warum haben wir geheiratet?" "So genau kann ich Dir das auch nicht mehr sagen. Aber Du wolltest Deine männliche Überheblichkeit beweisen und mich unter den Tisch trinken. Eine blöde Idee bei einem Schankmädchen! Jedenfalls hat mein Vater, der Wirt, mir dann am Morgen erzählt, das wir zwei geheiratet haben." "Könnt Ihr Eure Familienangelegenheiten vielleicht später klären?", mischt Kaarl sich ein. "Die Bullen sind uns auf den Fersen!"
    "Also ich habe einen Liebhaber bei den Viehhändlern." beginnt Magdalena. "Earl, guck nicht so doof! Das mit der Heirat war bestimmt nicht meine Idee! Wie gesagt, Viehhändler. Er handelt überwiegend mit Schweinen. Die Gendarmen mögen es gar nicht, seine Waren kontrollieren zu müssen. Wenn Ihr Euch also im nächsten Transport versteckt und Seibold den Gendarmen ein Fäßchen Wein zusteckt, solltet Ihr sicher außer Landes kommen."
    Earl hat plötzlich so ein verzücktes Lächeln im Gesicht. Kaarl schubst ihn, " Was ist los mit Dir?" "Ach, ich liebe Schweine. Ich habe selbst mal eins als Schoßtier gehabt, als ich noch Handelsreisender war."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 7


    "Mein Name ist Brunhilde von Roorstokk. Sie dürfen Fräulein von Roorstokk zu mir sagen." Eine drei Zentner, ein-Meter-neunzig Amazone, gekleidet in schwarzes Leder, ragte vor Kriemhild in den Himmel. "Ich bin die Direktorin und sorge hier für Zucht und Ordnung!" Daran hatte Kriemhild keinerlei Zweifel. "Herr Mac Geiwer hat Ihnen ja sicherlich mitgeteilt, wie der Hase bei uns läuft, um es mal salopp auszudrücken." Kriemhild trat einen Schritt zurück und zog den Kopf ein. "Eigentlich nicht. Dazu bleib leider keine Zeit." Fräulein von Roorstokk tritt näher an sie heran. "Kein Problem! Hier haben Sie den von mir höchstpersönlich verfassten Leitfaden 'Über die Rolle des Lehrkörpers an höheren Mädchenanstalten unter besonderer Berücksichtigung von Sitte und Moral und im engeren Sinne über den Einfluß des Literaturunterrichts auf die Pflege zarter zerbrechlicher Mädchenseelen; mit einem kurzen Abriß der Literaturgeschichte der letzten 12000 Jahre und einem Überblick über Handhabung und Wirkungsweise von Riemen und Gerte'. Damit können Sie sich auf den Unterricht gezielt vorbereiten." Ein Leitfaden von 1300 Seiten! "Ich arbeite zur Zeit an einigen Erläuterungen, um die Handhabung des Leitfadens noch zu vereinfachen. Leider kann ich Ihnen nur die ersten 27 Bände zur Verfügung stellen. Sie finden sie in der Bibliothek des Gymnasiums." "...?...!" "Aber nun an die Arbeit! Ihre Klasse erwartet Sie! Viel Erfolg!" Kriemhild zweifelte immer mehr, ob "Das Schwein des Reisenden" die richtige Lektüre an diesem Ort war. "Der freudvolle Gesang der Peitsche" oder "Tränen in der Hofpause" erschienen ihr geeigneter....

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel 8


    Mit gemischten Gefühlen betritt Kriemhild die Klasse. Die unheimliche Begegnung mit dem "Fräulein" Direktorin steckt ihr tief in den Knochen. Sie erwartet das allerschlimmste.
    Sie wird schon erwartet. Sieben junge Mädchen im Alter zwischen 11 und 15 sehen sie neugierig an. "Hallo! Mein Name ist Kriemhild von Wobblestone. Euer Lehrer, Herr Mac Geiwer, hat mich gebeten, für die nächste Zeit den Unterricht bei Euch zu übernehmen." "Ist er krank?" "Ist er verreist?" "Wann kommt er wieder?" "Müssen wir bei Ihnen auch Hausaufgaben machen?" "Was für ein Buch haben Sie da bei sich?" Die Fragen prasseln nur so auf Kriemhild hernieder.
    "Ruhe, bitte! - Es wird einige Zeit dauern, bis Herr Mac Geiwer wiederkommt. Solange bin ich Eure Lehrerin. Natürlich gibt es in meinem Unterricht auch Hausaufgaben und Leistungskontrollen." In sechs Augenpaaren kann man die Enttäuschung einer verpassten Chance ablesen. "Du da hinten. Wie heißt Du? Warum bist Du nicht genauso enttäuscht von meiner Ankündigung wie Deine Klassenkameradinnen?" "Lisbeth von Wolkenburg heiße ich. Und die Schule ist mir sowas von egal. Ich werde mal den Sohn des Herzogs heiraten und meine Bediensteten müssen dann alles für mich erledigen. Wozu soll ich da lernen?"
    Mmh, da muß ich mir in den nächsten Tagen was einfallen lassen, denkt Kriemhild bei sich. Ihr Widerspruchsgeist war geweckt und Direktorin von Roorstokk vergessen.
    "Was ist denn das da nun für ein Buch?" "Ach ja, das Buch." Kriemhild hält es hoch. "Das ist 'Das Schwein des Reisenden'. Da ich nicht wußte, wieweit Ihr in Eurem Unterricht seit, habe ich mir einfach eines meiner Lieblingsbücher mitgebracht. Ich werde Euch jetzt ein Stück daraus vorlesen, und dann möchte ich, das jede von Euch mir ihre Gedanken dazu aufschreibt. Ganz frei. Dadurch kann ich Euch besser kennenlernen."
    "Also... Das ist ein Ausschnitt aus Kapitel 3. Der Reisende, Herr Gotesfried Woistar, ist gerade mit seinem Schwein Heimchen aus dem Hotel geworfen worden....
    'Ach, Heimchen. Wieder ist es passiert. Warum haben die Menschen etwas gegen Schweine, wenn Sie am statt auf dem Tisch liegen. Hunde und Katzen, ja, die dürfen überall mit hin. Aber ein Schwein, das viel klüger ist, wird von den Menschen nicht akzeptiert.' Ein Page wirft Herrn Woistar hämisch grinsend sein Gepäck vor die Füße. Die..."
    Es klopft. Der Pedell steckt den Kopf herein und flüstert Kriemhild zu:"Sie mögen bitte sofort nach Schloß Wobblestone kommen. Ihr Verlobter ist zurück." Schon in der Tür ruft sie den Mädchen zu:"Der Aufsatz ist die Hausaufgabe bis morgen."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

    Einmal editiert, zuletzt von BigBen ()

  • Kapitel 9


    Als Kriemhild das Schloß betrat, schlug ihr ein strenger Duft entgegen. Und es wurde immer schlimmer, je mehr sie sich der Bibliothek näherte. Dort wartete Earl auf sie. Doch nicht allein. Hinter ihrem Liebsten stand ein riesiger rothaariger Kerl. Beide sahen heruntergekommen aus und stanken fürchterlich. Der Impuls, Earl zu umarmen, war schnell verweht.
    "Willst Du mir nicht erklären, was das alles soll? Was ist mit Dir los? Wer ist dieser Kerl?" "Liebste Kriemhild, darf ich Dir meinen treuen Reisegefährten, Kaarl Mac Geiwer vorstellen." "Mac Geiwer? DER Mac Geiwer mit einem Bruder im Gefängnis?" Kaarl schaute recht perplex. "Welcher Bruder?" "Na, Geoorge Mac Geiwer!" "Ach dieser Vollpfosten! Nie bekommt er mit, wenn es Zeit ist zu verschwinden." "Wollen Sie ihn etwa im Gefängnis, in das er nur Ihretwegen kam, verrotten lassen?", fragt Kriemhild empört. "Nein, nein, irgendetwas wird mir schon noch einfallen. Zur Not habe ich da noch etwas Bartwichse und Haarwasser." Kriemhild schaute ziemlich irritiert.
    "Earl, Du solltest Dich erstmal etwas baden und saubere Kleidung anlegen. Dieser Gestank nach, ja nach was eigentlich?" "Schweinen." "Genau, Schweinestall ist ja nicht auszuhalten." Kriemhild stutzt kurz. "Schweinestall? Du hast Dir doch nicht wieder ein Schwein zugelegt, oder?" "Nein, das war nur unsere Mitfahrgelegenheit. Keine Sorge! Ich habe Dir ja versprochen. Nie wieder ein Kuschelschwein!"
    Als Earl und Kaarl sich zurückziehen wollen ruft Kriemhild ihnen noch hinterher:"Paßt auf die neue Kommode im Bad auf. Sie ist aus seltenem peruanischen Affenbrotbaumholz mit malaiischen Papageienfederbaumholz-Intarsien und Kudu-Huf-Griffen." Doch das hörten sie schon gar nicht mehr. "Männer!"...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel Zehn


    Kriemhild wird durch ein lautes Poltern aus Ihren Gedanken gerissen. Auf der Suche nach der Quelle des Krachs sieht sie Earl am Fuß der großen Freitreppe sitzen und sich den Kopf massieren. "Ist Dir etwas geschehen, mein Liebster?" "Nein, nein, ich bin nur an diesem dämlichen Teppich da oben hängengeblieben und dann hier heruntergestürzt. Aber ich glaube, ich habe mir nichts gebrochen." Kriemhild versucht ihm auf die Beine zu helfen. Dabei rutscht sein Hemd ein wenig in die Höhe und sie sieht ein paar Striche auf seinem Rücken. Sie zieht das Hemd ganz nach oben, um zu sehen, was Earl da hat. "Was hast Du da für ein komisches Muster auf dem Rücken?" Oh nein, denkt Earl, sie hat es entdeckt. Was sage ich ihr nur? "Das ist ein Andenken an seine kürzlich stattgefundenen Trauung.", ruft Kaarl grinsend vom oberen Treppenabsatz. "Trauung?" Kriemhild läßt Earl entsetzt los, und er fällt wieder auf seinen Hintern. "TRAUUNG? Du mieser Kerl! Ich warte hier auf Dich. Und Du treibst Dich in der Weltgeschichte rum, erzählst mir, das da wichtige Geschäfte zu erledigen wären, und stattdessen treibst Du's wild und heiratest sogar noch. Ich habe Dir meine besten Jahre geopfert. Du Schuft! Verlasse sofort mein Schloß!" Schlagend und tretend drängt sie ihn zur Tür. "Aber mein Schatz! Ich liebe doch keine Andere außer Dir. Das war nur ein kleiner Ausrutscher. Sowas läßt sich ganz schnell klären." "Ausrutscher? Und das Du heimlich meine Kleider trägst, wolltest Du mir wohl auch noch irgendwann erklären? Ich glaube Dir kein Wort mehr. Hinfort!" Mit einem letzten Fußtritt befördert Kriemhild Earl die Schloßtreppe hinab. "Und laß Dich nie wieder hier sehen!"
    Zu Kaarl gewandt sagt sie:"Und Du solltest auch sehen, das Du hier so schnell wie möglich verschwindest! Und kümmere Dich um Deinen Bruder. Wenn er morgen nicht wieder frei ist, gehe ich zur Gendarmerie"
    Seine Antwort ignorierend, ging sie zurück in die Bibliothek. Jetzt war sie genau in der richtigen Stimmung um die per Boten überbrachten Aufsätze zu lesen....

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel Ölf


    Kriemhild hatte nicht wirklich Lust gehabt, sich mit den Aufsätzen zu beschäftigen. Daher hatte sie sich in eine ruhige Ecke verzogen und gelesen. Als sie nun den aktuellen Band des Lischofor weglegte, dachte sie so bei sich:"Das ist gemein. Immer wenn es spannend wird, ist der Band zu Ende. Und entgegen Amazonius' Zubilligung kommen die Bände halt nicht regelmäßig! Wenn man dann nachfragt, kommen solche Ausreden wie 'Schaffenskrise des Autors', 'der Hund des Autors hat das Manuskript gefressen', 'Druckerei abgebrannt', 'Orkan hat die aktuelle Lieferung verweht' etc.pp." In Ermangelung des nächsten Bandes und um sich von diesem unerfreulichen Erlebnis mit Earl abzulenken, beschloß sie, nun doch die Aufsätze zu lesen....

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel Zwölf


    'Schweine sind mir egal. Und die Schule sowieso!' Lisbeths Aufsatz war kurz und knackig. Kriemhild hatte keine Ahnung, was sie mit diesem Mädchen machen sollte. Also legt sie das Blatt - feinstes handgeschöpftes Bütten, nach Rosen duftend - beiseite. Der nächste Aufsatz war von Liliane van Beuchelen, dem ältesten Mädchen der Klasse. 'Die Erfahrung des Herrn Woistar ist synonym für den Zustand der heutigen Gesellschaft zu sehen. Überholte sittliche Prinzipien kollidieren mit modernen Gedanken und Verhaltensweisen. Jede Abweichung vom Mainstream wird gnadenlos verfolgt....' So ging das noch über 42 Seiten weiter. Kriemhild mußte einerseits den Fleiß Lilianes anerkennen, andererseits fragte sie sich, wieviel Liliane wohl geschrieben hätte, wenn sie mehr als die paar Zeilen vorgelesen hätte. Der Aufsatz von Magdalena Hoigref ist zum Glück deutlich kürzer. 'Ich mag Haustiere nicht. Aber Piraten. Mein Lieblingspirat hat immer gut gepflegtes Haar und manikürte Fingernägel. Er ist nett zu allen Frauen und verfolgt das Unrecht auf der Welt.' Pubertierende Kinder! Kriemhild versuchte sich zu erinnern, wie sie in der Pubertät war. Aber sie hatte dann immer nur das Bild des großen, langhaarigen Typen vor sich, der jeden Tag die Schulkutsche überfiel, um den Kindern die Schulbrote zu stehlen. Ach, ihre erste große Liebe! ...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Kapitel DREIZEHN


    Kriemhild hatte diese Nacht sehr unruhig geschlafen. Sie träumte von Schulkutschenfahrern in Piratenkostümen, die die Schulkinder an Bäume gebunden, ihnen die Finger- und Zehennägel lackiert und danach mit Schulbroten beworfen hatten. Was für ein Alptraum!
    Beim morgendlichen Tee grübelte sie wieder, wie sie Lisbeth aus der Reserve locken konnte. Es sollte doch möglich sein, das Mädchen für die Schule und das Lernen zu interessieren. Kriemhild glaubte nicht, was Amazonius ihr erzählt hatte. Daß fast nur noch ältere, einsame Damen bei ihm Bücher kauften, und er die Kinderbücher zum Heizen verwenden mußte. Und daß erwachsene Männer seinen Laden scheuten, wie Motten das Licht. Da kam Kriemhild eine Idee, wieso Lisbeth so war wie sie war. -
    Nachdem Kriemhild die Aufsätze verteilt und mit den Mädchen darüber diskutiert hatte, zog sie den ersten Band des Lischofor aus der Tasche. "Ihr kommt jetzt bitte alle außer Lisbeth mit Eurem Stuhl zu mir nach vorne und setzt Euch im Kreis um mich." Lisbeth stand empört auf und stemmte die Hände in die Seiten. "Und wieso darf ich nicht mitmachen? Das ist doch ungerecht!" Kriemhild lächelte sie an und sagte: "Du möchtest doch gar nichts lernen. Du wirst einen Herzog heiraten und zufrieden und doof Deine restlichen Tage auf irgendeinem langweiligen Schloß verbringen." Das hatte gesessen! "Ich bin nicht doof!", protestierte Lisbeth. "Aber mein Vater sagt immer, daß Mädchen nicht so klug sind wie Jungen." Kriemhild mußte grinsen: "Und Du machst immer, was Dein Vater sagt?" "Ähm, eigentlich nicht. Aber lernen ist doch so anstrengend. Kann nicht meine Zofe für mich lernen." "Klar, dann hast Du eine kluge Zofe, bist aber selbst noch dumm." "Und was soll ich dagegen tun?" "Du kommst jetzt vor zu uns und liest uns das erste Kapitel vom Lischofor vor."...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001

  • Das Kapitel, das nach Kapitel DREIZEHN kommt


    "Sie denken wohl, sie können sich alles erlauben!" Kriemhild schob ihre Gedanken an Popcorn beiseite und schaute dem vor ihr stehenden Mann offen und ohne Scheu ins Gesicht. Lisbeths Vater war heute kurz nach Ende des Unterrichts zu ihr gekommen und wetterte nun schon seit genau 23 Minuten gegen die Schule im Allgemeinen und Kriemhild im Besonderen. "Meiner Tochter irgendwelche Flöhe ins Ohr setzen. Spaß am Lernen! Spaß beim Bücherlesen! Ha, das glauben sie doch selbst nicht! Das sagen sie doch nur, weil sie es als Lehrerin sagen müssen. Also, was soll das Ganze?" "Wenn sie mich bitte mal zu Wort kommen lassen würden, dann..." "Ich bin auch ohne Lesen, Schreiben, Rechnen und den ganzen Kram zurechtgekommen. Mein Vater und meine Brüder auch." Kriemhild sprang auf. "Jetzt halten sie aber endlich mal die Klappe und lassen mich auch zu Wort kommen!" Baron von Wolkenburg sah sie mit offenen Munde an. "Es ist mir egal, welche intellektuellen Glanzleistungen in ihrer Familie vermieden wurden. Aber mir ist nicht egal, was mit den mir anvertrauten Mädchen geschieht. Ich bin mit für ihre Zukunft verantwortlich. Was die Mädchen in der Schule lernen können, kann ihnen keiner mehr wegnehmen. Ein angeheirateter Herzog kann verarmen. Dann doch lieber mit dem erworbenen Wissen und Können sich sein Brot verdienen, als mit ihm im Hungerturm zu sitzen. Und seien sie mal ganz ehrlich. Wäre es nicht schön, wenn man abends mit seiner Frau am Kamin sitzen und sich richtig mit ihr unterhalten könnte. Sie wissen doch, Schönheit vergeht, aber Dummheit bleibt." Dem Baron klappte der Kiefer herunter. ...

    "Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym, 2001