Nikolaj Gogol - Petersburger Geschichten/Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 6 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von HoldenCaulfield.

  • Sehr unterschiedlich in Form und Inhalt sind diese Texte, die als “Petersburger Novellen” oder “Petersburger Geschichten” in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Gemeinsam ist ihnen nur der Schauplatz: das St. Petersburg des 19. Jahrhunderts, die Wahlheimat Gogols und in späteren Schaffensphasen die wichtigste Quelle seiner Inspiration.


    Gogol hat schon in seinen frühen Texten, Geschichten aus dem Leben ukrainischer Bauern, den unverkennbaren Hang zum Dämonischen, Überweltlichen und auch Skurrilen bewiesen, der auch in den “Petersburger Geschichten” zum Tragen kommt. Dabei fängt alles ganz harmlos an: Nach einleitenden “Petersburger Skizzen” beschreibt er in “Der Newskij Prospekt” die Prachtmeile St. Petersburgs und die Vielfalt der Flaneure, die sich im Tagesverlauf auf ihm tummeln. Dort trifft ein junger Maler eine Schönheit und folgt ihr nach Hause, nur um dort feststellen zu müssen dass es sich um eine ziemlich heruntergekommene Prostituierte handelt. Nach diesem Schock steigert er sich in tragische Traumgebilde hinein, die auch den Leser in ihren Bann ziehen - die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verwischen sich.


    Auch in den folgenden Geschichten ist diese Grenze häufig mehr als nur verschwommen. In “Das Portrait” bringt ein Bild seine Besitzer der Reihe nach um den Verstand, die (scheinbare) Lebendigkeit des Abgebildeten und sein Einfluss auf die Betrachter erzeugt einen Horror, der an E.A. Poe erinnert. In den “Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen” verfällt ein kleiner Büroangestellter der Tochter seines Vorgesetzten und verliert sich schließlich in einer Phantasiewelt, die auf Selbstüberschätzung und Größenwahn gründet und dadurch besonders das Mitleid des Lesers provoziert.


    “Die Nase” ist ein Musterbeispiel absurder Erzählweise: Eines Tages findet ein Barbier in einem frischgebackenen Brot eine Nase - die Nase, die dem Kollegienassessor Kowaljow am gleichen Morgen plötzlich abgeht. Kowaljow macht sich auf die Suche nach seiner Nase, trifft sie in einer Offiziersverkleidung in der Stadt, wird von ihr aber hochmütig abgewiesen. Bis er wieder im Besitz dieses Körperteils ist, müssen noch viele skurrile Begebenheiten ihren Lauf nehmen.


    Die bewegenste - und vielleicht tiefgehenste - Erzählung der Sammlung ist “Der Mantel”. Wieder ist ein kleiner, einsamer Beamter der Protagonist. Dieser, auf der untersten Stufe der arbeitenden Bevölkerung, spart sich unter großen Entbehrungen einen neuen Wintermantel zusammen. Der Erwerb dieses für seine Verhältnisse kostbaren Stücks reißt ihn für kurze Zeit aus seiner Isolation und seinen elenden Lebensverhältnissen; aber auch hier kommt es so, dass er hinterher umso tiefer und bis in den Tod fällt.


    St. Petersburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das war eine Stadt des Prunks und des Reichtums. Russlands “Fenster zum Westen” produzierte eine Melange aus der alten zaristischen Kultur mit den Errungenschaften des Westens, war der Sammelpunkt von Vermögen, Aristokratie und Bildung. Gogols Protagonisten in diesen Novellen sind jedoch immer die “kleinen Leute”, die, verachtet und rechtlos, in dieser Stadt des (scheinbaren) Überflusses um ihr Überleben kämpfen und dabei immer wieder unter die Räder geraten.


    Alles ist “mehr Schein als Sein”, das Echte, Wahre stellt sich immer wieder als Fälschung und Irreführung heraus. Scheinbar unspektakuläres Alltagsgeschehen endet im Wahn und im Chaos; die Protagonisten sind nicht von vornherein die totalen Außenseiter, sondern werden von den Verhältnissen, in denen sie leben müssen, in die Isolation und in die geistige Zerrüttung gedrängt. Selbst wenn sie einmal vom Glück begünstigt scheinen, erweist sich dies im nächsten Moment schon wieder als Trugschluss.


    Für den Leser bedeuten diese Erzählungen ein ständiges Wechselbad der Gefühle, Komisch-Absurdes folgt auf Tragik und Horror. Dennoch erscheinen auch die skurrilsten Szenen insoweit verständlich und nachvollziehbar, als die Charaktere wunderbar ausgearbeitet sind und in ihrem Handeln vollkommen verständlich erscheinen. So unterschiedlich die einzelnen Texte sind, so verschieden sind auch die Eindrücke, die hinterher zurück bleiben. Eine rundum lohnende Lektüre.


    Ich habe das Buch als Teil des Schubers "Russland lesen" in der Übersetzung von Swetlana Geier gelesen. Ich verlinke aber auch noch einen Einzelband mit den Novellen, in dem "Das Portrait" allerdings fehlt.


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    Einmal editiert, zuletzt von Valentine ()

  • Hallo Twilight,


    Zitat

    Was den literarischen Einfluß Gogols betrifft, so war er ungeheuer groß und wirkt bis zum heutigen Tage fort.


    Das schrieb Pëtr Kropotkin 1905


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    Ich habe die "Petersburger Novellen" vor sehr vielen Jahren gelesen und kann jedem Leser Gogol herzlich empfehlen. Ich erinnere mich noch an "Die Nase" (Oper: Schostakowitsch), an den "Mantel" (Oper: Puccini) und an das "Tagebuch eines Wahnsinnigen".


    Ich habe deine Rezension sehr gerne gelesen. Da bekomm' ich wieder Lust auf Gogol.


    Liebe Grüße
    mombour

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    Titel: Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen
    Autor: Nikolaij Gogol


    Allgemein:
    182 S.; Insel; 2007


    Inhalt:
    Der Band enthält die Erzählungen Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen, Der Newski Report, Die Nase und Der Mantel


    Meine Meinung:


    1. Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen
    Ein Mann glaubt das er die Unterhaltung des Pudels seiner Angebeteten und eines andren Hundes versteht.
    Diese Geschichte hat mir gut gefallen. Vor allem die Entwicklung der Hauptfigur die sich in ihren Vorstellungen immer mehr verrennt und die Wirklichkeit nicht mehr davon unterscheiden kann. Desweiteren war auch die Perspektive die der Leser einnimmt spannend, den es ist die Sicht der Hauptfigur. So bekommt man eine völlig andere Sicht auf die Ereignisse. Für mich persönlich war vor allem der psychologische Ansatz interessant, da Gogol auch beschreibt was damals mit Menschen geschah, die heutzutage von einem Psychologen behandelt werden und auch die Zustände in den so genannten Irrenanstalten werden dargestellt.


    2. Der Newski Report
    Diese Erzählung widmet sich zum einen der Beschreibung einer viel besuchten Promenade und zum andren Zweier Männer die auf eben jener Promenade flanieren. Beide verrennen sich in ihrer Anbetung an zwei Damen. Der eine bringt sich schließlich um weil er es nicht ertragen kann wer oder was seine Angebetene ist und der andere bildet sich wer weiß was auf seine Ausstrahlung und verkraftet die Abweisung seiner Herzdame am Ende nicht.
    Irgendwie fand ich diese Geschichte toll, ich kann allerdings nicht so genau sagen woran das lag. Auch hier wird vor allem die Innere Wandlung der Figuren beschrieben. Gogol erzählt von der Liebe und was geschieht wenn man die Angebetene einmal nicht kennt und zum anderen auch noch über Idealisiert. Das ist einfach genial erzählt! Dabei schreckt Gogol einmal mehr nicht davor zurück alles ein wenig überspitzt und Ironisch darzustellen, da macht es einfach Spaß der Handlung zu folgen. Amüsant war auch die Beschreibung verschiedener Klischees vor allem in Bezug auf die Trinkgewohnheiten in manchen Ländern.

    3. Die Nase
    Mein persönliche Favorit in diesem Band!


    Die Nase ist so etwas von Genial^^ ein Mann verliert seine Nase, diese spaziert nun munter durch die Stadt und gibt sich als Stadtrat aus. Ein bisschen Kafkaesk kommt einem das Ganze ja schon vor^^ ich könnte mir schon vorstellen das sich Kafka durchaus mit Gogol beschäftigt hat. Ich habe mich köstlich amüsiert, vor allem auch weil sich der geschätzte Autor am Ende selbst auf die Schippe nimmt.

    4. Der Mantel

    Ein Mann, der vorher so gar nicht beliebt war, bekommt Aufgrund gewisser Umstände einen neuen Mantel, dieser lässt ihn plötzlich allseits beliebt werden. Doch schonbald wird ihm der Mantel brutal wieder abgenommen und er muss feststellen das er nun wieder ein nichts ist. Als keine Chance hat den Mantel zurück zu bekommen stirbt er schließlich. Doch sein Geist lässt niemandem die Ruhe.
    Mit dieser Erzählung konnte ich nun weniger anfangen. Ich wurde damit einfach nicht so recht warm. Irgendwann ging es mir dann doch ein wenig auf die Nerven, zu Mal die Hauptfigur einem eigentlich Leid tun sollte, aber irgendwie war das bei mir nicht der Fall.


    Fazit:
    Ich würde sagen dieser Band ist sicher ein guter Einstieg um mit Gogol warm zu werden. Ich persönlich werde mit jedenfalls nun etwas Näher mit ihm befassen und empfehle diesen Band gerne weiter!


    4ratten

  • Gogol war eine meiner Entdeckungen 09. Diese Erzählungen sind ganz, ganz toll! Die Nase ist genial, da stimm ich dir zu, Holden. Für mich war aber der Mantel das zweite große Highlight.


    Allerdings gibt es hier schon einen Thread mit dem Namen "Petersburger Erzählungen", wo die gleichen Geschichten enthalten sind. Sie werden anscheinend unter den unterschiedlichsten Titeln herausgegeben. Vielleicht kann eine Moderatorin die beiden Threads einfach unter "Gogol - Erzählungen" zusammenfügen? :winken:

  • Ich weise mal darauf hin, daß die ( sicher nicht vollständigen) gesammelten Werke Gogols bei Zweitausendeins erschienen sind. Das Buch ist relativ großformatig und umfaßt 1079 Seiten und wohl alles wichtige ist drin. Kostet 7,99 also ein echtes Schnäppchen. Gibts auch noch, wie ich mich überzeugt habe. Zweitausendeins versendet auch, hat aber auch eine Menge Läden.


    Gelesen habe ich bisher: "Die toten Seelen". Den ersten Band hat er veröffentlich und dies ist ein großartiges Buch. Den zweiten Band hat er vernichtet, offensichtlich ist aber doch einiges davon aufgetaucht. Ich bedaure, ihn gelesen zu haben - so großartig der erste Band ist, so langweilig der fragmentarische zweite.


    Dann las ich "Abende auf dem Vorwerk bei Dikanja". Das sind verschiedene Erzählungen größtenteils phantastischer volkstümlicher Natur. Das läßt sich gut lesen.


    Im moment bin ich dann bei den Petersburger Erzählungen angelangt. Die Nase natürlich, die ich schon früher mal gelesen habe und im Moment lese ich das Porträt.


    Außerdem ist in dem Buch noch der Revisor und die Erzählung "Der Wij". Aber schenkt Euch den zweiten Teil der "Toten Seelen"!


    :winken:


    Gruß Martin