Theodor Fontane - Effi Briest

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 43 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von *Sternenstauner*.

  • Hallo!


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    Inhalt:


    Nach einer behüteten Kindheit heiratet die 17jährige Effi, dem Willen ihrer Eltern entsprechend, den fast 20 Jahre älteren Baron von Innstetten, ein Jugendfreund ihrer Mutter, dem sie nach Kessin, einem kleinen Ort an der Ostsee folgt. In dem etwas unheimlich anmutenden Haus des Barons vereinsamt die junge, phantasievolle und lebhafte Effi, der es schwerfällt, in ihrer neuen Heimat Anschluß zu finden. Auch die Geburt ihrer Tochter kann sie nicht über ihre innere Vereinsamung hinwegtäuschen. Viel von ihrem Mann alleingelassen, geht Effi, der die Lüge eigentlich zuwider ist, fast gegen ihren Willen eine Liebesbeziehung zu dem neuen Bezirkskommandanten Crampas ein, der sie zuvor lange vergeblich umworben hatte. Diese eher leidenschaftslose Beziehung ist zu Effis Erleichterung beendet, als ihr Mann nach Berlin versetzt wird. Die Zeit in Berlin gestaltet sich harmonisch - bis Innstetten durch Zufall Briefe findet, die Crampas während der Kessiner Zeit an Effi geschrieben hatte.


    Teilnehmer:


    *Sternenstauner*
    wolves ?
    Saltanah ?
    Thomas
    Arjuna ?
    chil
    mona?
    Salomo
    Ralf
    Bella
    Liandra



    Eine kurze Bitte: Damit das ein bisschen angenehmer zu lesen ist, postet erst, wenn ihr angefangen habt. Die Beiträge "Buch liegt bereit, ich fange heute Abend an" ziehen das ganze immer so sehr in die Länge.


    Interessant für Leserunden-Neulinge ist sicherlich die Leserunden-FAQ. Dort findet ihr auch Informationen z.B. zu Spoilern etc.


    Viel Spaß!

    [size=9px]&quot;I can believe anything, provided that it is quite incredible.&quot;<br />~&quot;The picture of Dorian Gray&quot;by Oscar Wilde~<br /><br />:leser: <br />Henry Fielding - Tom Jones<br /><br />Tad Williams - The Dragonbone Chair<br /><br />Mark Twai

    Einmal editiert, zuletzt von fairy ()

  • OT - Links zu FAQ betreffend:


    Interessant für Leserunden-Neulinge ist sicherlich die Leserunden-FAQ. Dort findet ihr auch Informationen z.B. zu Spoilern etc.


    Das Problem von "Copy & Paste" :zwinker:: dieser Text, so wie er jetzt verwendet wird, wurde damals unter der alten Software geschrieben, unter der neuen zeigen diese Links alle ins Leere - siehe auch diesen Thread von melu. Diese, wie ich finde doch sehr wichtigen!, Links müssten mal von Hand nachgebessert werden ... :smile:


    Grüsse


    Sandhofer

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Hallo allerseits!


    Nachdem ich gestern aus Versehen schon einen Frühstart hingelegt hatte, kann ich schon etwas zu dem Buch sagen.
    Vorneweg aber ein paar Informationen zu mir und Fontane. Fontane war für mich viele Jahre lang ein Opfer des Schimmelreiter-Syndroms, den man in diesem Fall vielleicht eher den Birnbaumeffekt nennen sollte. Nach dieser qualvollen Begegnnung mit Fontane in der Schule war ich nur mäßig erfreut, als mir Nachbarn aus den Beständen des verstorbenen Großvaters eine 6-bändige Fontane-Ausgabe schenkten. Trotzdem griff ich vor einigen Jahren zu dem "Stechlin" und wurde angenehm überrascht. Dies ließ mich dann gleich zusagen, als Effi Briest vorgeschlagen wurde.


    Vorkenntnisse zu Effi habe ich keine. Ich habe keine der Verfilmungen gesehen, weiß also nicht, was auf mich zukommt. Allerdings lässt mich schon das 1. Kapitel einige Vermutungen anstellen.
    Der Lieblingsspruch von Effis Vater (geht es euch übrigens auch so, dass ihr Mamá und Papá lest, mit Betonung auf der letzten Silbe? Obwohl ich normalerweise Mámma und Páppa sage, funktioniert diese Ausprache hier nicht) Weiber weiblich, Männer männlich lässt mich schon an Effis "Richtigkeit" zweifeln. Sie erscheint mir zu wild, und damit zu unweiblich für ihre Zeit und Gesellschaftsschicht. Dies könnte zu Problemen führen. Auch die Aussage einer Freundin Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmuth kommt vor den Fall lässt mich Böses ahnen. Mir scheint, dass hier eine Voraussage das gesamte Buch betreffend getroffen wird. Aber vielleicht täusche ich mich ja. Das Ende des Kapitels mit Effis Trauerreim Flut, Flut mach alles wieder gut und ihre Erklärung so vom Boot sollen früher auch arme unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue lässt mich allerdings wirklich schwarz sehen für eine glückliche Zukunft für Effi. Steht ihr vielleicht gar ein nasser Tod bevor?


    2. Kapitel:
    Da behaupte noch mal jemand, Klassiker erzählten umständlich und langatmig! Hier geht es Schlag auf Schlag :entsetzt: !


    3. Kapitel:
    Effi nimmt ihre neuen Zukunftsaussichten überraschend gelassen hin. Die Freundinnen versuchen herauszufinden, was Effi wirklich von der Sache hält, aber ihr scheint die Bedeutung der Ereignisse noch nicht wirklich klar geworden zu sein. Dass sich ihre gesamte Zukunft gerade entscheidet, ist ihr entweder nicht klar, oder sie kommt nicht auf die Idee, dass sie vielleicht einen Einfluss auf den Weg, den ihr Leben nehmen wird, haben könnte.
    Weiß jemand, welches Bild Vetter Dagobert Effi in der Nationalgalerie zeigen will? "Die Insel der Seligen" brachte bei einer Internetsuche zwar viele Treffer, aber keinen passenden.

    Wir sind irre, also lesen wir!


  • OT - Links zu FAQ betreffend:



    Das Problem von "Copy & Paste" :zwinker:: dieser Text, so wie er jetzt verwendet wird, wurde damals unter der alten Software geschrieben, unter der neuen zeigen diese Links alle ins Leere - siehe auch diesen Thread von melu. Diese, wie ich finde doch sehr wichtigen!, Links müssten mal von Hand nachgebessert werden ... :smile:


    Uups, danke, dass das bis jetzt noch keinem aufgefallen ist. Das zeigt, wie oft jemand auf diesen Link klickt... :breitgrins:

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  • Hallo zusammen!


    Ich habe gerade die ersten Kapitel von Effi Briest gelesen. Auch ich lese Mamá und Papá - das passt richtig zum Schreibstil!
    Effi kommt für mich recht kindlich-naiv rüber. Die beschriebene Sorglosigkeit und das behütete Elternhaus erinnern mich an einen herrlichen Frühlingstag, an dem die Vögel singen, die Sonne scheint, die Luft so angenehm ist .......
    Bei den Gesprächen mit der Mutter habe ich das Gefühl, dass diese scih unterschwellig schon große Sorgen um ihre Tochter macht - eben weil sie auch noch recht kindlich ist. Bin gespannt, wie die Mutter sich in der weiteren Geschichte Effi gegenüber verhält.
    LG

    :leser:<br />Anonymus - Das wahre Bildnis des Dorian Gray<br />:leser:<br />Kevin Leman - Geschwisterkonstellationen<br />:leser:

  • 3. Kapitel:


    Weiß jemand, welches Bild Vetter Dagobert Effi in der Nationalgalerie zeigen will? "Die Insel der Seligen" brachte bei einer Internetsuche zwar viele Treffer, aber keinen passenden.


    Also...habe mal ein wenig geguckt...anscheinend heisst das Bild anders und zwar:


    "Gefilde der Seligen" und ist von Arnold Böcklin


    Und so soll es aussehen:


    Gefilde der Seligen


    Hoffe mal, das stimmt jetzt auch :smile:

  • Hallo zusammen,


    gestern abend habe ich die ersten 5 Kapitel des Buches gelesen und bin überrascht, wie flüssig sich das Buch lesen lässt. Fontane habe ich mir - warum auch immer - als eher düstere und langatmige Lektüre vorgestellt. Bisher ist davon aber jedenfalls nichts zu spüren.


    Effi Briest habe ich vor Urzeiten mal als Verfilmung gesehen, an die Handlung kann ich mich kaum noch erinnern, aber seither hat Effi für mich das Gesicht von Ruth Leuwerik. Bisher finde ich das nicht störend. Im Gegenteil: beide passen in meiner Vorstellung sogar recht gut zueinander :zwinker:


    Effis Charakter scheint noch nicht sehr ausgeprägt zu sein und wechselt zwischen Pragmatismus, Naivität und Verträumtheit hin und her. Ich bin gespannt, wie sie sich weiter entwickeln wird.


    Ein wenig merkwürdig erscheinen mir die Eltern: sie stimmen einer Verlobung direkt am Tag nach dem Kennenlernen zu, machen sich dann aber Gedanken über die fehlende Verliebtheit Effis. Wann und wo soll sich die denn entwickelt haben?
    Aber sie wünschen sich ja offenbar wirklich das beste für ihre Tocher und scheinen mir insgesamt sehr sympathisch und teilweise (im Umgang miteinander) auch ein wenig unkonventionell zu sein. Ich hoffe, dass sie auch nach Effis Hochzeit noch eine wichtige Rolle im Buch spielen werden.


    Zu Instetten kann ich bisher noch nicht viel sagen, da bin ich gespannt, wie er sich darstellen wird. Er wird als "Mann von Grundsätzen" bezeichnet, was auf nicht geringes Konfliktpotential in der Zukunft schließen lässt. Die Briefe von der Hochzeitsreise klingen auf jeden Fall wenig begeistert und scheinen eher ein Lehrer-Schüler-Verhältnis darzustellen.


    (Aus München schreibt Effi, dass sie die Pinakothek und noch eine andere Ausstellung besucht haben, das sie aber wegen Unkenntnis der richtigen Rechtschreibung nicht nennt. Was könnte das denn sein? Ich habe schon ans Nymphenburger-Schloss gedacht, weiss aber nicht, ob da Kunstausstellungen stattfinden/stattfanden.)


    Ich lese hier übrigens auch Mamá und Papá, das scheint mir passender, als Mamma und Pappa.

  • Die andere Ausstellung ist die Glyptothek, (griech.) Skulpturensammlung - diese Erklärung steht in meiner Ausgabe dabei, ist also nicht durch eigene Recherchen entstanden! :smile:


    Ich bin nun Richtung 7. Kapitel unterwegs und kann mir den Innstetten schon richtig vorstellen. Aber sympathisch ist er mir nicht gerade.
    LG

    :leser:<br />Anonymus - Das wahre Bildnis des Dorian Gray<br />:leser:<br />Kevin Leman - Geschwisterkonstellationen<br />:leser:

  • Komisch, ich dachte ich hätte mich zu der Leserunde angemeldet.



    Witzig, ich hatte das Bild Die Toteninsel von Böcklin vor Augen.


    Ich habe die ersten vier Kapitel gelesen und das Buch gefällt mir. Ich konnte mir das Haus und den Garten sehr gut vorstellen, ein sonniger Sommertag.
    Auch wenn man es von der Geschichte kennt und es auch heute noch vorkommt, finde ich es immer wieder befremdlich, wenn junge Mädchen mit sehr viel älteren Männern verheiratet werden. Effi gibt ja auch zu, dass sie Angst hat.
    Schon eigenartig in einem Moment spielt sie mit ihren Freundinnen Fangen und im nächsten ist sie verlobt :vogelzeigen:.
    Lg aquacat
    P.S. Das mit Mamá und Papá geht mir auch so, dass liegt bei mir glaube ich an der BBC-Verfilmung von "Pride and Prjudice", die ich erst kürzlich wieder gesehen habe.

    &quot;Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.&quot; Jorge Luis Borges<br /><br />:leser: <br />Cryptonomicon - Neal Stephenson


  • Schon eigenartig in einem Moment spielt sie mit ihren Freundinnen Fangen und im nächsten ist sie verlobt :vogelzeigen:.


    Das hast du sehr schön ausgedrückt.



    "Gefilde der Seligen" und ist von Arnold Böcklin


    Danke, Yoshi. So sieht man sich wieder :winken:.


    Ich habe mittlerweile das 11. Kapitel beendet und lese das Buch weiterhin sehr gerne. Mir gefällt der Schreibweise mit den immer wieder eingestreuten altertümlichen Ausdrücken, deren Bedeutung ich mir aus dem Zusammenhang erschließen muss. Und auch inhaltlich finde ich das Buch interessant.
    Die Ehe der sehr jungen, fast kindlichen Effi mit dem mehr als doppelt so alten Innstetten steht unter keinem guten Stern. Zu sehr unterscheiden sie sich in Charakter, Lebensanschauung und -erfahrung. Auch bei gutem Willen, der glaube ich auf beiden Seiten vorhanden ist, gibt es sehr viel Konfliktpotential und die Lösung der Konflikte sieht bisher immer gleich aus: Innstetten bestimmt, wo's lang geht. Zwar kann ich ihm das nicht wirklich verübeln, da er oft aufgrund seiner durch Alter und Position natürlichen Überlegenheit oft einfach besser beurteilen kann, was machbar ist und was nicht (Haus verkaufen, Kap. 10), aber auch in kleinen Dingen geht er nur kurzfristig auf Effi ein, nur um dann zu entscheiden, dass es doch anders gemacht wird, oder noch öfter, dass es aber wohl am besten sein [wird], wir lassen alles beim alten. (Kap. 8)


    Schon aus den Briefen, die Effi von der Hochzeitsreise schickt, wird deutlich, wie sehr er in der Beziehung dominiert. Er hat nicht nur entschieden, dass eine Hochzeitsreise gemacht wird und wohin sie führt, dsondern auch, was unterwegs unternommen wird. Effi versucht zwar, ihrer Rolle als Ehefrau, die sich den Interessen ihres Mannes anzupassen hat, gerecht zu werden, aber die Briefe bieten den Lesern ebenso wie Effis Eltern genügend Anlass, sich um sie Sorgen zu machen.
    So ganz verstehe ich die Eltern nicht. Bei ihrem Gespräch im 5. Kapitel zeigt sich, dass beide ihre Befürchtungen, was die Ehe angeht, hatten. Trotzdem unternahmen sie nichts, um eventuelles Unheil zu verhindern. Zwar war es wohl nicht ganz einfach, eine Verlobung zu lösen und warf vermutlich ein schlechtes Licht auf die Beteiligten, aber zumindest eine Verzögerung hätten sie doch wohl erreichen können, um Effi Zeit zu geben, etwas älter und erwachsener zu werden.


    Immer wieder stoße ich auf Zeichen des die ganze Gesellschaft durchsäuernden Standesdünkels, der bei allen vornehmen Personen gleichermaßen vorhanden ist, und der mir immer wieder übel aufstößt. Eigentlich kann man es ihnen nicht verdenken, so sehr sind sie im Standesdenken verankert; eine Alternative dazu können sie sich nicht vorstellen. Sie "wissen" einfach, dass sie was "besseres" sind als Hinz und Kunz, das ist für sie ein Naturgesetz. Trotzdem muss ich an diesen Stellen immer wieder schlucken.

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Hallo zusammen, dann werde ich jetzt auch mal einsteigen. Bin gerade mit dem sechsten Kapitel fertig geworden.



    Schon eigenartig in einem Moment spielt sie mit ihren Freundinnen Fangen und im nächsten ist sie verlobt :vogelzeigen:.


    Genau den Gedanken hatte ich auch - besonders am Ende des zweiten Kapitels: Effi begegnet zum ersten Mal bewusst ihrem Verlobten (es gab zwar vorher schon ein Treffen, aber da hat sie ihn IMHO gar nicht richtig wahrgenommen) - und draußen rufen ihre Freundinnen nach ihr: "Effi, komm".


    Schon eine sehr merkwürdige Kombination, dass sie den ehemaligen Jugendfreund ihrer Mutter heiraten soll... Das kann ja gar nicht gutgehen. Ist das eigentlich eine typische Konstellation? Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass solche Ehen damals üblicher waren als heute.


    Zitat von Saltanah

    So ganz verstehe ich die Eltern nicht. Bei ihrem Gespräch im 5. Kapitel zeigt sich, dass beide ihre Befürchtungen, was die Ehe angeht, hatten. Trotzdem unternahmen sie nichts, um eventuelles Unheil zu verhindern. Zwar war es wohl nicht ganz einfach, eine Verlobung zu lösen und warf vermutlich ein schlechtes Licht auf die Beteiligten, aber zumindest eine Verzögerung hätten sie doch wohl erreichen können, um Effi Zeit zu geben, etwas älter und erwachsener zu werden.


    Das habe ich auch nicht so ganz verstanden - kurz vor der Hochzeit sagte Effi zu ihrer Mutter, dass sie Angst vor ihrem Zukünftigen hätte. Hätte das nicht ein Alarmsignal sein müssen? Oder will Fontane hier ein besonders auffälliges Beispiel darstellen?

    LG, Bella

  • Hallo zusammen!


    Die Sprache des Buches gefällt mir immer besser, je mehr ich hineinkomme. Die Geschehnisse, die Figuren und die einzelnen Szenen emfpinde ich als sehr distanziert dargestellt. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass Innstetten Effi gegenüber Liebe empfindet oder auch umgekehrt, obwohl es immer wieder mal gesagt wird. Den Schwerpunkt der Menschen dieser Zeit bilden wohl Anstand, Standesdenken und gesellschaftliche Verpflichtungen. Und Effi hatte doch so etwas Natürliches an sich. Da wird Heimweh wohl vorprogrammiert sein.
    Die Distanziertheit entsteht aber vielleicht auch nur durch die Sprache. Ich frage mich auch immer wieder, was denn Effi den ganzen Tag lang macht? Bis jetzt weiß ich nur, dass sie den Haushalt führt und spazieren oder reiten geht (in Begleitung). Aber sie liest keine Bücher und geht auch nicht die Nachbarn alleine besuchen. Ich denke,alleine kann sie sich überhaupt nicht sehen lassen - oder? Da müssen die Tage schon lang werden.


    LG
    Liandra

    :leser:<br />Anonymus - Das wahre Bildnis des Dorian Gray<br />:leser:<br />Kevin Leman - Geschwisterkonstellationen<br />:leser:

  • Hallo,


    nachdem ich kurz vor Beginn dieser Leserunde mit Stephenie Meyer's Twilight angefangen hatte und es am Wochenende einfach nicht aus der Hand legen konnte, habe ich gestern endlich mit Effi Briest angefangen. Mittlerweile bin ich beim 5. Kapitel und kann zumindest schon einmal meine ersten Eindrücke festhalten.


    Der erste Satz hat mich zunächst ein wenig erschreckt - immerhin geht er fast über die ganze halbe Seite. ;) "Wenn das so weitergeht", dachte ich mir, "kann das ja heiter werden." Aber dann ging es überraschender Weise sehr flott. Sowohl lesetechnisch und auch inhaltlich. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das Buch doch so leicht und schnell lesen lässt. Und vor allen Dingen stellenweise sogar ironisch witzig ist.
    Außerdem kommt Fontane erstaunlich schnell zur Sache. Der Antrag kam wirklich schnell. Ich bezweifle allerdings, dass das gut gehen wird. Zum einen, weil Effi und ihr Verlobter sich nicht kennen und zum anderen, weil es doch eine seltsame Konstellation ist, wenn der Mann die Tochter heiratet, weil er die Mutter nicht haben konnte. Da verstehe ich ihre Mutter auch nicht ganz.
    Zudem vermute ich, dass Effi einfach zu jung für Innstetten ist. Sie scheint ziemlich wild und naiv, aber auch verwöhnt zu sein. Ich glaube nicht, dass ein 'Mann mit Grundsätzen' für sie das richtige ist. Außerdem wecken auch bei mir einige Sätze im ersten Kapitel düstere Vorahnungen. Ebenso wie Effi's Gefühlsausbrauch am Ende des 4. Kapitels. Ich denke, im Moment findet sie einfach noch alles aufregend und erwartet sich von einem Mann diesen Standes ein nettes Leben. Ich befürchte nur, sie wird irgendwann zu einer eher ernüchternden Erkenntnis gelangen...


    Ach so, ich lese übrigens auch immer Mamá und Papá.

  • Hallo


    Dieses "Effi komm" ist einer der Schlüsselsätze in dem Roman, so die Aussage meines ehemaligen Professors in einem psychoanalytischen Seminar über "Effi Briest".


    Gleich zu Beginn des Romans, als sich von Instetten nähert, rufen die Freundinnen sie hinweg. Effi wird eingeführt als "Immer am trapez, immer Tochter der Luft", die erste direkte Rede im Roman.


    Und dieses Mädchen soll den ernsten Instetten heiraten? Instinktiv spüren die Freundinnen das und wollen sie zurückholen.


    Schon hier bahnt sich der Grundsatzkonflikt des Romanes an.


    Ralf

  • Was den Standesdünkel angeht, nun der war damals in allen Schichten verbreitet.


    Ich habe noch als Kind von meiner Grossmutter, die in der wilhelminischen Zeit gross wurde, den Spruch gelernt: "Geniesse, was dir Gott beschieden, Begehre nicht, was du nicht hast. Ein jeder Stand hat seinen Frieden, ein jeder Stand hat seine Last."


    Die einzelnen Schichten der Gesellschaft waren damals noch viel getrennter wie heute, und der sogenannte Standesdünkel schlug sich zum beispiel im Ignorieren wieder. So sah die Frau eines Hauptmanns über die Frau eines Soldaten völlig hinweg, nahm ihre Existenz einfach nicht zur Kenntnis.


    Liebesheiraten galten als Privileg untererer Schichten, so im Proletariat. Die höheren Stände sahen auf soziale Gleichheit, die Frauen hatten eine gute Partie zu machen. Gefühle spielten da kaum eine Rolle, die Liebe kam mit der Ehe.


    Das kann man noch in den "Buddenbrooks" nachlesen, wo Tony und Thomas Buddenbrook beide ihre Liebe aufgeben, um eine standesgemässe Partie zu heiraten. Nun, und das wollen auch die Eltern von Effi, das Beste für ihre Tochter.


    Ralf


  • Liebesheiraten galten als Privileg untererer Schichten, so im Proletariat. Die höheren Stände sahen auf soziale Gleichheit, die Frauen hatten eine gute Partie zu machen. Gefühle spielten da kaum eine Rolle, die Liebe kam mit der Ehe.


    Das kann man noch in den "Buddenbrooks" nachlesen, wo Tony und Thomas Buddenbrook beide ihre Liebe aufgeben, um eine standesgemässe Partie zu heiraten. Nun, und das wollen auch die Eltern von Effi, das Beste für ihre Tochter.


    Ja klar, die Eltern wollen eine standesgemäße Partie für Effi. Trotzdem wundert es mich, dass Effi gleich an den "ersten Besten" verheiratet wird, trotz Befürchtungen, dass es Probleme geben könnten, und die Eltern wirklich um Effis Wohl besorgt sind. Es ist ja weder so, dass sie nur daran interessiert sind, sie "meistbietend zu versteigern", noch ist Effi in dem Alter, in dem sie riskiert, eine alte Jungfer zu werden, und die letzte Gelegenheit nützen müsste.
    Eine mögliche Erklärung sehe ich eher auf der psychologischen Schiene: die Mutter, ehedem in Innstetten verliebt, verheiratet ihre Tochter stellvertretend für sich selbst mit dem alten Verehrer und der Vater ist froh darüber, dass mit der Eheschließung Innstetten als möglicher Rivale endgültig aus dem Wege geschafft ist.


    Eine Kleinigkeit, die mir gleich im ersten Satz auffiel: "In Front des (...) von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses... - wo ist eigentlich das "von" in dem Titel Effi Briest geblieben? Ist es nur des besseren "Klanges" wegen weggelassen worden? "Effi von Briest" klingt ja ein wenig unbeholfen, was aber auch daran liegen kann, dass wir nicht daran gewohnt sind, sondern stets mit dem existierendes "Effi Briest" konfrontiert worden sind, und sich das in unserem (Unter-)Bewusstsein als einzig mögliche Form eingeschliffen hat.
    Oder will damit auf Effis mangelnde "Adligkeit", also ihre unzureichende Anpassung an die Normen ihres Standes, insbesondere das von Ralf beschriebene Fehlen der Liebesheirat, angedeutet werden?
    Auch dass sie unter ihrem Mädchennamen den Titel bildet, ist aufschlussreich. Sie spielt also nicht in erster Linie Frau ihres Mannes, sondern als ihr ursprüngliches Ich eine Rolle im Buch.


    12./13. Kap.:
    :entsetzt: Welch furchtbar trübseliges Bild der Ehe hier gezeichnet wird. Effi hat außer ihren Dienstboten keine weiteren menschlichen Kontakte, und Innstetten hilft dem nicht gerade ab. Er lebt sein Leben wie gehabt weiter, und Effi muss so sogar auf das größte Vergnügen der Kessiner, nämlich die Ankunft des täglichen Dampfers mit den neuen Badegästen zu beobachten, verzichten, denn ohne Begleitung ziemt sich das nicht.
    Von Wärme oder gar Leidenschaft kann in dieser Ehe auch nicht die Rede sein. Zumindest nicht so, dass es Effis Bedürfnissen genügt: ihr kommt langsam zum Bewusstsein, "was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu lieben, und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen Anstrengungen absehen." Und kurz danach: "Um zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen ließ, ohne sie recht zu erwidern."
    Arme Effi!

    Wir sind irre, also lesen wir!

  • Hallo


    Nun, Instetten ist ja nicht der Erste Beste. Er ist Landrat, gediegen, und die Mutter von Effi sagt ja auch: Wenn du ihn nimmst, bist du mit 20 da, wo andere erst mit 40 hingelangen.".


    Das war für die damalige Zeit ein sehr starkes Argument. Und Instetten ist ja auch besorgt um seine Gattin, erfüllt ihre Wünsche und versucht, sie in seinem Rahmen zu verstehen.


    Da gab es damals ganz andere Typen. Ich denke so an die ostelbischen Junker, die mit der Reitpeitsche durchs Haus liefen, ihre Angestellten kujonierten und ihre Dienstmädchen besprangen.


    Otto von Bismarck war in seiner Jugend berüchtigt dafür, dass er jedem Dienstmädchen unter den Rock griff und alles mitnahm, was er kriegen konnte. Man darf sich die Situationen auf dem Land nicht so vorstellen wie heute.


    Ich behaupte mal, dass Instetten für diese Zeit und für diese Schicht ein sehr begehrenswerter Mann war, und jede Mutter wäre froh gewesen, wenn sie ihre Tochter an so einen Mann gebracht hätte.


    Wir dürfen nicht unsere heutigen Urteile auf die damalige Zeit projezieren.


    Ralf


  • Nun, Instetten ist ja nicht der Erste Beste. Er ist Landrat, gediegen, und die Mutter von Effi sagt ja auch: Wenn du ihn nimmst, bist du mit 20 da, wo andere erst mit 40 hingelangen."


    Aber er ist doch zumindest der erste Mann, der um Effi's Hand annhält, oder? Für kam das alles auch sehr schnell, zumal er Effi ja gar nicht wirklich kannte.
    Hat er denn vorher schon mit den Eltern herumgepauschelt und die Verlobung klargemacht oder ist er nur zu Besuch gekommen und hat sich dabei zur Hochzeit entschlossen? Weiß nicht, ob ich da was überlesen habe...

  • nein, ich glaube nicht, dass du da etwas überlesen hast.


    aber damals hat man auch nicht so lange überlegt.


    Wenn der Mann etwas zu bieten hatte, und das hat Instetten zweifellos, hat man nicht lange gezögert. Zumal die sozialen Grenzen genau abgesteckt waren und man ziemlich genau wusste, was man erwarten konnte und was nicht.


    Viele adlige Leutnants haben damals Töchter jüdischer Geschäftsleute geheiratet, wenn sie am Ende der Schuldenmacherei angekommen waren. Sie haben das zähneknirschend gemacht, aber die Gläubiger sassen ihnen im Nacken...


    Und da wurden die Töchter von ihren Vätern auch nicht gefragt. Sie wurden den Offizieren bei einem Ball vorgestellt und das war es dann auch.


    Der spätere Generalfeldmarschall Erich von Manstein, aus altem preussischem Ade, hat seine spätere Frau Sybille auf einem Ball kennengelernt und ein paar Wochen später um ihre Hand angehalten.


    Man muss immer bedenken, dass die Frauen damals nicht so das Mitspracherecht hatten. Sie vertrauten darauf, dass ihre Eltern den Richtigen für sie aussuchten.


    Da geben die Buddenbrooks auch wieder ein Beispiel: Tony Buddenbrook heiratet Grünlich, weil ihr Vater ihr das dringend ans Herz legt, obwohl sie ihn überhaupt nicht leiden kann.



    Ralf


  • Man muss immer bedenken, dass die Frauen damals nicht so das Mitspracherecht hatten. Sie vertrauten darauf, dass ihre Eltern den Richtigen für sie aussuchten.


    Das zeigt sich sehr deutlich an Effis Reaktion: sie hat ja zu ihrer kommenden Heirat keine wirkliche Meinung; weder freut sie sich, noch hat sie etwas dagegen. Sie nimmt sie wohl als unausweichlich hin, seit Kindesbeinen darauf vorbereitet, dass die Eltern sie eines Tages verloben würden.

    Wir sind irre, also lesen wir!