Warum liest jemand anspruchsvolle Literatur?

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 78 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von gretchen.


  • Moin, Moin!



    So ganz wegwischen würde ich diesen Aspekt nicht.


    In meiner Entwicklung ist das Lesegen nicht so leicht auszumachen. Als kleineres Kind habe ich gute Sachen gelesen (Otfried Preußler, Kinderbibel, der kleine Häwelmann usw.) Das wurde von meinen Eltern sicher auch gefördert. Im Jugendalter las ich aber Fix & Foxi, Dagobert Duck und nur ein wenig Karl May. Ich hatte damals keine Lesemuße und wenn wir damals etwas für die Schule lesen mussten bekam ich Schwierigkeiten. Meine Hesse-Phase hatte ich allerdings gehabt. Die richtige Leseleidenschaft kam erst mit über zwanzig, begonnen mit Feuchtwanger, "Joseph und seine Brüder". Da hat es wahrscheinlich gerasselt in meinem Gehirn. Ich vermute, dass die olle Schule damals und die Probleme der Jungendzeit mich von Lesen abgehalten haben.


    Klassische Musik habe ich aber immer gehört. Im Hause meine Eltern lief immer solche Musik.
    In der Pubertät hörte ich dann noch Strawinsky, Ravel. Meine Eltern hatten keine LP von denen. :smile:


    Liebe Grüße
    mombour

  • Würdet Ihr denn die klassische Musik da so unmittelbar mit reinbringen? Als Gleichung?


    Ich persönklich kann mit klassischer Musik so gaaaaaaar nichts anfangen und kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie sie die ZEit überdauern konnte.


    Während ein literarischer Klassiker mich immer noch bewegt, lässt mich diese Musik komplett kalt und langweilt mich einfach nur.

    Viele Grüsse,

    Weratundrina

  • aber ja


    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute, die grosse Literatur lesen, auch gerne E-Musik hören.


    Ich mag den Ausdruck "klassische Musik" nicht,weil dann fast das ganze 20. Jahrhundert wegfällt.


    Ralf

  • Große Literatur... E-Musik... das sind ja wieder ganz neue Begrifflichkeiten.

    Viele Grüsse,

    Weratundrina


  • Nach Heath müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:
    1. Vorprägung in der Kindheit, in dem eines oder beide Elternteile anspruchsvolle Literatur gelesen haben und das Kind ermuntert haben, dies ebenfalls zu tun.
    2. Der junge Leser muss einen Gesprächspartner für anspruchsvolle Literatur finden.


    Und dann gibt es noch die zweite Art von Lesern (zu denen Franzen sich zählt):
    Die sozial Isolierten - Kinder, die sich anders vorkommen als alle anderen drum herum.


    Zu 1.:
    Mein Vater hat nicht gelesen, aber meine Mutter (wenn wohl auch nichts für euch anspruchsvolles). Mein Bruder liest auch, hauptsächlich Sachbücher und Fantasy. Und früher auch SF.
    Von dieser These halte ich nicht viel, weil ich es wichtiger finde das überhaupt irgendjemand die Kinder an die Bücher allgemein heranführt. Ohne Zwang. Und ohne eine bestimmte Art von Büchern vorzuziehen, sondern auch nach dem Lesegeschmack des Kindes vorzugehen.


    zu 2.:
    Einen Ansprechpartner für anspruchsvolle Literatur hatte ich nicht.
    Aber sollen das jetzt die Gründe sein, warum ich kaum "anspruchsvolle Literatur" lese? Wohl kaum, denn es muss schon ein Mindestmaß an Interesse an diesen Büchern bestehen. Es wäre dann aber sicherlich leichter, wenn man jemanden hat der einen zu Beginn anleiten kann.


    Und es gibt auch Eltern, die ihre Kinder unter Druck gesetzt haben, damit sie anspruchsvolleres lesen. Das diese damit kreuzunglücklich waren, war denen wohl egal - genauso wie das Risiko, ihren Kindern damit das Lesen und den Spaß daran zu verderben. Von denen konnte dann auch keiner verstehen, wieso ich ewig in der Bibliothek war und Bücher wie Die unendliche Geschichte, Momo, Huckleberry Finn oder Die Familie Robinson verschlungen habe.


    Für mich ist es immer noch eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob jemand "anspruchsvollere Literatur" liest oder eben nicht. Durch die ungezwungene Anleitung von Erwachsenen oder einem Elternhaus, wo diese Art von Literatur gern gelesen wird, wird der Zugang dazu sicher erleichtert - aber im Endeffekt entscheidet jeder für sich, was er gerne lesen möchte und was ihm gefällt.
    Aus dem gleichen Grund kann ich die Ableitung der Lesevorlieben von der Schulbildung der Eltern nicht nachvollziehen. Oder auch die eigene Schulbildung, warum sollte ein Hauptschüler z.B. nichts von Virginia Woolf lesen, wenn es ihn interessiert?


    Außerdem interpretiert jeder den Begriff "anspruchsvolle Literatur" ja vielleicht anders. Klassiker fallen mir da als erstes ein, aber es kann ja auch ein Fantasy-Buch mit gut ausgearbeiteten Figuren oder vielen Verzweigungen sein.


    Und wenn ich mal geschrieben habe, dass ich nur zum Vergnügen und zum Abschalten lese, meine ich damit nicht dass ich meinen Kopf ausschalte. Dann könnte ich ja irgendeinen Müll im TV ansehen, sondern ich möchte mich ganz auf die Geschichte einlassen. Emotional, wie es eben meine Art ist, und ohne bevorzugt auf Stilmittel zu achten oder hochliterarische Vergleiche anzustellen.


    Was klassische Musik mit anspruchsvoller Literatur zu tun haben soll... Nein, das begreife ich nicht. Auch Musik ist für mich eine Sache des persönlichen Geschmacks. Außer man muß bzw. will so tun, als ob man eine bestimmte Art von Musik liebt, damit man gebildeter und höherwertiger da steht. Das ist hier bei klassischer Musik eine richtige Krankheit, wenn man 30 wird. Und wenn man nicht mitmacht, wird man schräg angeschaut.
    :verschwoerung:

  • Hallo!


    Ganz von der Hand zu weisen scheint mir ein solcher Musik-Literatur-Zusammenhang nicht (unter E-Musik versteht man wohl anspruchsvolle Musik jedweder Gattung, also auch Jazz, Folk ... und natürlich auch klassische Musik).


    Im Prinzip scheint mir schon eine Verbindung zu bestehen: Wie gute Literatur nicht bloß mit einfachen Schemata auskommt, Nuancen auszudrücken versteht, keine einfache Schwarz-Weiß-Malerei betreibt, so ist's bei E-Musik ähnlich: Das Thema wird nicht - wie etwa bei Schlagern - sofort aufgelöst, sondern variiert, verzögert, es verschwindet, taucht da und dort wieder in anderer Gestalt auf, überrascht durch Übergänge etc. (Ein gutes Hörbeispiel ist Liszt mit seinen Vertonungen ungarischer Volksmusik.)


    Solches bemerk ich aber nur, wenn ich mir auch die Zeit nehme zuzuhören, wenn ich eben nicht, weil die Auflösung auf sich warten lässt, sofort enttäuscht abschalte. Dieses Variieren, Verzögern, Spielen mit dem Thema ist dann das entscheidende "mehr" eines solchen Stückes, aber auch eines Buches. Das, was für mich den Reiz eines Kunstwerkes ganz allgemein ausmacht.


    @Dostojewski: Natürlich _kann_ ein solcher Einfluss vorliegen, das läuft ja schlicht auf die triviale Feststellung hinaus, dass die Umwelt Kinder (Menschen) beeinflusst. Die Eingangsfeststellung von Jonathan Franzen ist aber offenbar eine derartige Vereinfachung, dass ihre Aussagekraft gleich null ist.


    Grüße


    s.


    Im übrigen schaue ich niemanden scheel an, weil er Unterhaltungsliteratur oder -musik liest (hört). Ich kann nur für mich festhalten, dass mich das, was andere offenbar unterhält, ungeheuer langweilt und auf Dauer nervt.

  • Außer man muß bzw. will so tun, als ob man eine bestimmte Art von Musik liebt, damit man gebildeter und höherwertiger da steht. Das ist hier bei klassischer Musik eine richtige Krankheit, wenn man 30 wird. Und wenn man nicht mitmacht, wird man schräg angeschaut.


    So ein Hochnasengetue mag ich auch nicht. Jeder lebt, liest und hört nach seinem Geschmack (das zu meiner Ehrenrettung :zwinker:)


    Liebe Grüße
    mombour

  • Bei mir treffen die Klischees so richtig zu. :breitgrins:


    Beide Eltern lesen Klassiker, hören klassische Musik, diskutieren über Bücher und Musik, da ist es kein Wunder, daß meine Mutter mir den Schimmerlreiter vorgelesen hat als ich 5 war, und ich selbst mit 8 die Illias las und in diesem Alter auch die Meistersänger im Theater gesehen habe.


    In Museen sind wir auch viel gegangen. :zwinker:


    Ich habe allerdings auch immer unterhaltsame Sachen (Karl May, Dumas, Courts-Mahler, Asterix etc) gelesen und das wurde nie beanstandet. Die Musik, die meine Klassenkameraden so hörten, hat mir allerdings nie gefallen.


    Ich bin ein Eremit. Gebt mir eine Insel mit einer akademischen Bücherei und Amazon-Lieferung dreimal die Woche, und ich bin glücklich. :breitgrins:

    Alamir

  • das ist nicht ganz das Problem, dass jeder seinem Geschmack folgt.


    Natürlich gibt es Parallelen zwischen grosser Literatur und grosser E-Musik. Beide haben etwas, was die U-Literatur nicht hat und die U-Musik auch nicht:


    TIEFGANG


    Das heisst, ich kann mich mit einer grossen Beethovensonate ein Leben lang beschäftigen, sie ein Leben lang spielen, und ich werde immer wieder neue Dimensionen entdecken, neue Zusammenhänge und Nuancen. Es gibt da verschiedene Schichten, die immer wieder neu entschlüsselt werden können.


    Ebenso ist es mit der grossen Literatur.


    Ich habe den "Faust" in jedem Jahrzehnt meines Lebens gelesen und immer neue Dinge darin entdeckt. Das Entdecken neuer Aspekte geht natürlich in Verbindúng mit den Erfahrungen und Entwicklungen des eigenen Lebens einher und so spiegelt grosse Literatur und Musik gerade die persönlichen Dimensionen wieder und enthebt sie ins Allgemeine.


    Ein etwas Hegelianischer Satz, aber ich weiss keinen besseren.


    Ralf


  • Könnte vielleicht mal jemand erläutern, für was nun das "E" steht? :rollen:


    E-Musik ist eine Abkürzung für die sogenannte „ernste“ Kunstmusik, die „ernst zu nehmende“ oder „kulturell wertvolle“ Musik, darunter die Absolute Musik als „reinste“ Form der E-Musik. Fälschlicherweise wird E-Musik umgangssprachlich häufig mit klassischer Musik gleichgesetzt, obwohl auch Anspruchsvolles aus den Bereichen Pop, Chanson, Elektronische Musik, Jazz, Welt- und Filmmusik aber auch Experimentalmusik dazu gehören müsste. Man kann sogar einige Rapper sowie Gruppen aus dem Bereich Progressive Rock und Metal diesem Genre zuordnen. Der Mut zum Experiment, das Schwimmen gegen den Strom ohne den Seitenblick auf die wirtschaftliche Machbarkeit gehören zum Begriff der E-Musik.


    von hier: http://de.wikipedia.org/wiki/E-Musik

  • Hm, mit so einer Erweiterung kann ich schon eher leben, da ich die Musik, die ich höre eben nicht als "nicht anspruchsvoll" bezeichnen würde.

    Viele Grüsse,

    Weratundrina

  • Es geht doch gar nicht darum, diese Musik unbedingt zu hören, bestimmte Bücher zu lesen - und ich finde den Verzicht darauf nicht weiter schlimm oder gar verwerflich. Mir tut's im Grunde nur leid für die Betreffenden, weil ihnen m. E. sehr viel entgeht.


    Genuss ist häufig mit Anstrengung verbunden, nicht nur in der Literatur oder Musik. Erst durch die Auseinandersetzung mit einer bestimmten Materie vermag ich - möglicherweise - verborgene Qualitäten, Schönheiten zu entdecken. Ralf hat bereits darauf hingewiesen - und in der Musik kennt das jeder (es gilt aber auch für die Literatur): Einen Schlager kann man oft nach wenigen Wiederholungen nicht mehr hören, weniger einfach gestrickte Musik bietet immer wieder einen Genuss.


    Grüße


    s.


    Das mit der Anstrengung gilt für viele Bereiche - im Schach ist mir das häufig aufgefallen: Die nicht mit dem Spiel Vertrauten bezeichnen es häufig als langweilig, langsam. Sie kennen weder die unzählige Nuancen und Möglichkeiten und ahnen auch nichts von der Geschwindigkeit, mit der man im Blitzschach oder in Zeitnot agieren muss.

  • Das mit den Museen hat also offenbar nicht funktioniert :breitgrins:



    CK


    Lol, doch, es hat. Ich reise viel, und wünsche mir ich hätte mehr Geld um mir all die interessanten historischen Denkmäler anzusehen. Aber das schließt ein Haus auf einer einsamen Insel für die Zeit, in der ich nicht reise, nicht aus. :smile:


    Ende des Monats gehts wieder nach Schottland, und da gibt es viele einsame Ecken. Ich bin manchmal einen ganzen Tag gewandert ohne jemandem zu begegnen.

    Alamir

  • Hallo scheichsbeutel,


    Zitat von "scheichsbeutel"

    Fälschlicherweise wird E-Musik umgangssprachlich häufig mit klassischer Musik gleichgesetzt, obwohl auch Anspruchsvolles aus den Bereichen Pop, Chanson, Elektronische Musik, Jazz, Welt- und Filmmusik aber auch Experimentalmusik dazu gehören müsste.


    Also dass E-Musik nicht nur Klassik ist, d'accord, aber dass es E-Musik im Bereich "Pop" geben soll - das widerspricht sich doch schon begrifflich...


    Ich tu mir sehr schwer mit der U/E-Unterscheidung - und zwar aus eben dem Grund, den Du hier anführst: Ich fühle mich von U (Literatur) häufig alles andere als unterhalten.


    Anstatt stets diesen U/E-Wiedergänger zu exhumieren, sollte man wohl eher mal den Unterhaltungsbegriff neu überdenken.


    Herzlich: Bartlebooth


    Übrigens will ich auch noch: Schön, Dich mal wieder hier zu lesen!

  • Natürlich ist das ein Problem der Begrifflichkeit, aber irgendwie muss man es ja festhalten, um eine gemeinsame Sprache zu finden.


    Ich fühle mich von anspruchsvoller Literatur schließlich auch unterhalten. :zwinker:

    Viele Grüsse,

    Weratundrina

  • Hallo Bartlebooth,



    Also dass E-Musik nicht nur Klassik ist, d'accord, aber dass es E-Musik im Bereich "Pop" geben soll - das widerspricht sich doch schon begrifflich...


    Ich tu mir sehr schwer mit der U/E-Unterscheidung - und zwar aus eben dem Grund, den Du hier anführst: Ich fühle mich von U (Literatur) häufig alles andere als unterhalten.


    Anstatt stets diesen U/E-Wiedergänger zu exhumieren, sollte man wohl eher mal den Unterhaltungsbegriff neu überdenken.
    Übrigens will ich auch noch: Schön, Dich mal wieder hier zu lesen!



    Ich kann dir nur zustimmen und habe oben auch schon etwas in dieser Richtung geschrieben: Dass mich nur unterhält, was dieses sonderbare "E" vor Musik (und Literatur?) wohl aussagen will (in dem Sinne, dass es ein schwer zu definierendes "mehr" birgt). Für den Inhalt des Artikels (inkl. des von dir beanstandeten Bereiches Pop - und ich tu mir überhaupt schwer mit der Zuordnung zu best. Bereichen) zeichne ich nicht verantwortlich, den hab ich von der Wikipedia reinkopiert, um die von Weratundrina gestellte Frage zu beantworten (eine andere wäre es, warum jemand nicht selbst den Terminus ins Suchfenster kopiert und wieder eine, warum ich mich dazu bemüßigt gefühlt habe ;-) - eindeutig zu viele Fragen).


    Grüße


    s.



    Übrigens will ich auch noch: Schön, Dich mal wieder hier zu lesen!


    Und ich erröte schamhaft, hab ich dir doch vollmundig vor einiger Zeit eine pn angekündigt und diese zwar geschrieben, aber nicht abgeschickt. Eine Zurückhaltung, die im prospektiven Versinken in poststrukturalistischer Begrifflichkeit zu suchen ist. Ob ich den Mut zum literaturwissenschaftlichen Messerwetzen finde - ich weiß noch nicht. In jedem Fall aber ist deine Anwesenheit in diesem Forum der nicht geringste Grund meines Wiederpostens!

  • Hallo Ihr,


    Bücherlesen sollte Spaß machen und dann ist es völlig egal, ob es anspruchsvolle Literatur ist oder nicht.


    Was ist denn anspruchsvolle Literatur und vorallem wer entscheidet, was anspruchsvolle Literatur ist. :smile:


    Gruß


    gretchen