Beiträge von Marlino

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Lieber Ralf,


    ich bedauere es auch, daß Du nun hier nicht mehr schreiben willst. Zugegeben: Mein Beitrag war recht pointiert oder wie immer man das nennen mag. Ich wollte Dich wirklich nicht vergraulen. Sicher wird es bei den Klassikern viel großartiges zu entdecken geben und ich werde bald mal wieder einen Klassiker lesen. Ansonsten, wenn ich Dich wirklich vergrault haben sollte, was absolut nicht in meiner Absicht lag, wünsche ich Dir alles gute.


    Gruß Martin

    Lieber Ralf,


    ich denke da an die HB Reklame: Wer wird denn gleich in die Luft gehen. Ich schätze viele der von mir "angegriffenen" Autoren durchaus. Thomas Mann ist zum Beispiel toll und Jean Paul, nun ja ... könnte toll sein.


    Ich bin einfach der Auffassung, daß viele "große Autoren" sehr im Sinne der Größe schreiben, weniger in den Kategorien des lesbaren Stils. Darüber kann man doch diskutieren oder nicht? Lese nur mal eine gängige Stilistik, nur irgendeine, zum Beispiel den Reiners, und da wirst Du dann erfahren, was guter Stil ist, mit der Einschränkung, na ja, die "Großen", die schreiben halt einen anderen Stil, aber das sei halt der Individualstil der Großen, daran sei nicht zu rütteln.


    Was willst Du eigentlich? Einen bildungsbürgerfrommen Leser? Das bin ich nicht. Natürlich gibt es Inhalte, die sind so komplex, die kannst Du nicht einfach darstellen. Die Dueniser Elegien von Rilke etwa, eine Vereinfachung wäre undenkbar. Aber es ist nun allerdings Bildungsbürgerfrömmigkeit, zu glauben alle Unverständlichkeit und Dunkelheit von Autoren wäre nötig gewesen. Das ist sie mitnichten. Herrmann Hesse etwa hat versucht, Jean Pauls Titan durch Straffung zu retten, was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Jean Paul ist letzlich durch seinen schlechten Stil ( wobei er auf seine Weise natürlich trotzdem ein großartiger Stilist ist) verloren.


    Im übrigen, Ralf, woher glaubst Du mich eigentlich so gut zu kennen, daß Du mich gleich - Lichtenberg zitierend - als Affen bezeichnen zu dürfen glaubst. Dazu kann ich nur sagen, daß es sehr wohl möglich ist, Lichtenberg zu zitieren und dabei auf sehr plumpe Weise persönlich zu werden. Aber egal.


    Gruß Martin

    Mögen Männer denn Klassiker? Ich habe zwar schon so manche Klassiker gelesen, aber viele Klassiker sind doch einfach nur unerträglich. Goethe ist langweilig und wie leidet man auf Dauer bei Jean Pauls gelehrten Anspielungen, unter Kleists Satzungetümen, unter Schillers Pathos, unter Lessings Umständlichkeit, unter all den sterbenslangweiligen Landschaftsbeschreibungen von Stifter, unter der Handlungsarmut von Musils Mann ohne Eigenschaften, über manche Betulichkeit Thomas Manns, über langatmige Beschreibungen bei Proust, über die Unverständlichkeit von Joyce.


    Das sind nun die größten Namen, die Klassiker, die Heroen. Man hat ihnen Denkmäler gesetzt. Das sind nun also unsere Größten. Na ja gut meinetwegen. Es waren große Schriftsteller, vielleicht, aber waren es auch gute Schriftsteller? Wer etwas auf sich hält, wird sie gelesen haben wollen, aber wirklich mit Freude?


    Es ist nun einmal ein Zeichen eines großen Schriftstellers, daß er das, was einen guten Schriftsteller ausmacht, beharrlich ignoriert, weil er sich darüber unendlich erhaben wähnt. Moliere habe ich allerdings im letzten Jahr wirklich sehr gerne gelesen, alles was ich kriegen konnte. Das ist sicherlich nicht nur ein großer, sondern auch ein guter Schriftsteller. Das gibt es also auch.


    Na ja, und vielleicht sind Klassiker unter Männern nur beliebter, weil sie damit angeben können? Ich frage ja nur.


    Gruß Martin

    Ich hoffe, es wird nicht als Belästigung empfunden, einen solchen banalen Thread aufgemacht zu haben. Und zwar suche ich ganz einfach nur Büchertips.


    Was mich interessiert: Bücher des 20. Jahrhunderts, vor allem Bücher nach dem zweiten Weltkrieg.


    Dabei gebe ich zu, um diese Literatur oft einen Bogen gemacht zu haben und mich mehr den Klassikern zugewandt zu haben.


    Ich würde gerne anspruchsvolle Bücher lesen, aber nicht mich durch etwas so unlesbares wie Joyce Ullisses durchquälen müssen.


    Ich mag keine Krimis, historische Romane, Liebesromane, Phantasy, "pikante Erotikgeschichten".


    Gut gefallen hat mir zum Beispiel der Kundera "Die Leichtigkeit des Seins". Auch Ortheils Schwerenöter habe ich vor langer Zeit mal sehr gerne gelesen.


    Ich mag die Verbindung von Literatur und einem ein wenig essayistischen Schreiben. Auch eine Literatur, die im Rahmen einer Handlung eine zeitgenössische Wirklichkeit reflektiert, wie das etwa bei Kundera der Fall war, aber auch beim Israel J. Singer.


    Nachdem ich jahrelang sehr wenig gelesen habe, lese ich im moment sehr viel. Ich hoffe, das hält an, weil Lesen viel Spaß macht, aber dazu brauche ich gutes "Lesefutter". Es sollte aber etwas fesselndes sein. Grass, Böll, Lenz oder Muschg etwa verstanden es noch nie, mich zu fesseln. Das hat alles keinen Witz und keinen Charme. Dai Sifies Buch "Balzac und die kleine chinesiche Schneiderin" hatte Charme, wie auch Connie Palmens "Die Freundschaft", die ich im moment sehr gerne lese.


    Hat jemand Lesetips für mich? Sonst bliebe als Alternative nur, mich doch noch mal durch Robert Musils Mann ohne Eigenschaften durchzuquälen, der sicher auch tolle Passagen hat, aber mich vor Jahren oft auch sehr gelangweilt hat, weil er irgendwie überhaupt keinen Spannungsbogen aufbaut ( vermutlich, weil dem Autoren dies zu trivial wäre). In den letzten Wochen hatte ich mit den Autoren jedenfalls richtig Glück und ich hoffe, das hält an.


    Gruß
    Martin

    Dai Sijie :Balzac und die kleine chinesische Schneiderin


    Der Autor, Chinese, später emigriert, jetzt französicher Staatsbürger, beschreibt in diesem Roman die schreckliche Epoche der chinesischen Geschichte, die Zeit der chinesischen Kulturrevolution. Trotzdem ist das Buch nicht düster, sondern es beschreibt die Eulenspiegeleien zweier junger chinesischer Burschen. Ein sehr charmantes Buch deshalb


    ++


    Anny Proulx: Schiffsmeldungen


    Prouls benutzt manchmal sehr ausgefallene, manchmal bizarre Metaphern. Der Plot der Geschichte ist simpel, trotzdem ist das ein teilweise sehr schön zu lesendes Buch


    +


    Henry Miller: Stille Tage in Clischi


    Henry Miller ist ein altes Ferkel, das ganze Buch kreist nur um S.e.x., manchmal liest es sich wie ein p.o.r.n.o.. Kein Buch für in dieser Hinsicht zartbeseitete Gemüter. Mir wurde es zeitweise zuviel ( und diese Verherrlichung der Prostituion ist sehr problemantisch, wie auch andere Dinge) trotzdem, langweilig war das Buch nicht. Deshalb


    o


    Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins


    Das ist ein tolles Buch, ich wollte es immer einmal lesen und bin froh, dies endlich mal gemacht zu haben


    ++


    Israel J. Singer: Die Brüder Ashkenazi


    Israel J. Singer ist ein Bruder des Nobelpreisträger Isaak Singer ( den ich auch noch mal lesen möchte). Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es beschreibt die Geschichte polnischer Juden. Sehr interessant.


    +/++

    Lieber Kwiedi,


    mich hat das nun dazu angeregt, die "Klavierspielerin" mir wieder mal vorzunehmen. Ich war auf Seite 120, nun bin ich also auf Seite 126.


    Also natürlich hat die Jelinek Talent. Das will ich ihr auch gar nicht absprechen. Sie hat aber einen ausgesprochen bösen Blick auf die Dinge und das mag ich nicht. Das heißt einen gelegentlich auch bösen Blick finde ich gut. Was mir bei der Jelinek fehlt, ist die Eigenschaft, Dinge auch mal liebevoll zu betrachten, liebevoll ironisch, wenn es angebracht ist. Die Art, wie die Jelinek die Welt betrachtet, ist mir zu einseitig. Damit will ich ihre Literatur nicht heruntermachen, nur mir persönlich sagt sie wenig.


    Menschen sind auch einfach verschieden. Die Literatur der Jelinek findet bei mir nun mal keinen großen Widerhall. So finde ich das Thema S.e.x.ualität an sich wenig interessant. Das ist das durch die Yellowpress abgenudelste aller Themen.


    Und dann komme ich ja noch aus Hamburg. "Auf der Reeperbahn nachts um halbeins, ob du'n Mädel hast oder Karl Heinz." Und St. Pauli war mal in der ersten Fußballliga und galt als "das Freudenhaus der Bundesliga". Und vor einiger Zeit gab es eine "S.e.xmesse" in Hamburg für die in Hamburg auf öffentlichen (!) Plakaten geworben wurde, auf der eine katholische Nonne mit nacktem Hintern zu sehen war.


    Mich kotzt das an, aber das ist nun mal Hamburg, eine Stadt, die auf ihre Freizügigkeit stolz ist, obwohl die Leute in ihr sehr oft doch einfach reichlich konservativ sind. Und dazu zähle ich auch. Und deshalb ist mir die Jelinek letzlich auch fremd.


    Gruß Martin

    Lieber Kwiedi,


    also ich denke, dies hier ist ein Forum der an Literatur interessierten und keines der Literaturwissenschaftler und Schriftgelehrten.


    Im übrigen fand ich folgenden Passus Deiner Ausführungen belustigend:

    Zitat


    Und dass die, die Jelinek ablehnen, ihre Werke nicht genau kennen, ist eine Sage....und so eine Art Behauptung, die erstens unwissenschaftlich is und zweitens nich belegt werden kann.


    Im übrigen scheinen einige hier, die Jelineks Talent und Intelligenz bezweifeln, nich mal sowas wie eine Makro-Kenntnis ihres Werks zu haben.


    Also was nun? Es ist zwar unwissenschaftlich anzunehmen, daß Nichtliebhaber der Werke Jelineks diese genau kennen? Aber im nächsten Satz wird dann eben dies bezweifelt?


    Nein nein entschuldigung, diese Fragen, die ich hier stelle, sind natürlich wieder mal vollkommen "unwissenschaftlich". Hier in diesem Forum ist natürlich ein Hort solcher Ignoranten. In der Welt da draußen kennt man das Werk der Jelinek natürlich genau!


    Ich habe jedenfalls bei meiner Jelineklektüre all das vermißt, was für mich Literatur lesenswert macht: Gefühl für Stil, Takt, Würde, Humor, Diskretion. Vor allem glaube ich nicht, daß sie das ist, was man ihr nachsagt - derb. Gegen Derbheit habe ich nichts, auch wenn sie mich nicht sonderlich interessiert.


    Gruß Martin

    Lieber Bartlebooth,


    das komische am Don Quijote, diesem unsterblichen Klassiker, ist eigentlich die Intention des Autors. Die Intention des Autors ist absolut auf die eigene Zeit bezogen. Man hat bei manchen Äußerungen Cervantes wirklich den Eindruck, als sei die eigentliche Intention des Autors die, sozusagen ein "Pamphlet" gegen die zu seiner Zeit grassierende Ritterromanseuche zu schreiben. Man möchte da manchmal dem Cervantes geradezu zurufen: Mensch, Cervantes, stell doch Dein Licht nicht so unter den Scheffel, was Du da geschaffen hast, ist doch keine Polemik gegen den Ritterroman, es ist doch etwas viel größeres!


    Tartuffe ist hier natürlich offtopic. Aber meinst Du tatsächlich, daß es Behandlungen des Themas auch zu früheren Zeiten gegeben hat? Das glaube ich kaum. Mein Gott, das Thema des Tartuffe war schon ungeheuer gewagt zu seiner Zeit, die katholische Kirche hat alles versucht, dieses Stück zu verhindern, was ihr dann nur für eine Zeit gelang. Bitte mache Dir mal klar, daß es den öffentlichen Atheismus erst in der Zeit des vorrevolitionären Frankreich gab ( Diderot war glaube ich der erste). In einer de facto totalitären christlichen Gesellschaft kann das Thema der Bigotterie aber eigentlich gar nicht öffentlich gemacht werden! Denn es zum Thema zu machen, daß es so etwas wie einen vorgetäuschten Glauben gibt, der die religiösen Gefühle anderer nur ausnutzt, selber aber durchaus ungläubig ist, würde ein Zugeständnis an den Unglauben bedeuten ( den es doch eigentlich gar nicht gibt und geben kann). Kein Wunder, daß die katholische Kirche angesichts dieses Stückes nervös wurde.


    Im Falle des Cervantes bin ich leider nicht genug informiert. Ich weiß zum Beispiel nicht, wann denn diese Ritterromane, die Cervantes angreift erschienen sind. Vorstellbar erscheint mir, daß sie zu Cervantes Zeiten selber schon "ältere Literatur" war, die demgemäß einen gewissen Nimbus hatte. Es war dies vielleicht eine Zeit, in der etwas altes, daß zudem "gedruckt" war, schon nicht mehr in Frage gestellt wurde. Es war dies vielleicht auch eine Zeit, in der der Begriff der "Trivialliteratur" wohl noch nicht erfunden war, obwohl diese "altehrwürdigen" Ritterromane, geadelt durch die Veröffentlichung eben vermutlich genau dies waren.


    Gruß Martin

    Lieber Bartlebooth,


    der Begriff "Aktualität" war für mich vielleicht nicht glücklich gewählt, er ist ein bißchen platt. Die Aktualität ist auch gar nicht wichtig, was aber schon wichtig ist, sich in einem Stück Literatur spiegeln zu können.


    Du schreibst, daß ein Klassiker schon etwas sehr typisches haben muß um als solcher zu gelten. Ich denke nur, daß die unverwüstliche Frische eines echten Klassikers eben darauf beruht, daß da ein großer Autor ein großes Thema zum ersten mal beackert. Und daraus entsteht dann auch etwas großes, denn alles was später kommt ist einfach nur Kopie. Es kann diese ursprüngliche Frische nie mehr erreichen. Oder gibt es etwa einen Vorgänger des Don Quijote von einem mittelmäßigeren Autor, das in Vergessenheit geraten ist? Oder gibt es einen Vorgänger von Molieres Tartuffe?


    Ich will das jetzt überhaupt verallgemeinern; es gibt sicher auch Fälle, wo ein Autor ein altbekanntes Thema nimmt und etwas großartiges daraus macht. Aber dieses Phänomen "ursprünglicher Frische" gibt es sicher schon.


    Gruß Martin


    Ich würde auch erst mal vorschlagen, ein Buch der guten Dame zu lesen, bevor man hier eine Meinung zum Thema "würdig oder unwürdig", den Nobelpreis zu bekommen, abgibt.


    Ein Buch kann man auch nicht beurteilen, indem man es durchblättert oder nach der Hälfte hinlegt. Man kann dann lediglich sagen, dass einem selber der Stil nicht gefällt oder das Thema nicht passt. Erst wenn ich die Geschichte bis zum Ende kenne, dann kann ich was dazu sagen.


    Lieber Detlev,


    das magst Du so sehen, ich sehe es anders. Also ich habe die Klavierspielerin von Jelinek zur Hälfte gelesen, danach habe ich es beiseitegelegt, es interessierte mich nicht mehr.


    Ehrlich gesagt mag ich so eine Diskussion nach dem Motto: Du hast ja nicht alles gelesen, Du kannst ja gar nicht mitreden, überhaupt nicht. So argumentieren nun wirklich Marxisten. Das ist nun wirklich der älteste Hut der Welt! Warum zum Teufel soll ich mich mit etwas tiefergehend beschäftigen, was ich nicht mag und was mich sogar anwidert? Du wirst nun wirklich kaum einen Nichtliebhaber der Elfriede Jelinek finden, der ihre "Werke" fundiert kennt.


    Auf diese Weise leben wir heute nun aber wirklich in einer "Kultur" allgemeiner Lobhudelei, in der sich die Liebhaber einer Sache oder Person ungeniert austoben können, aber die Gegner keine Lust haben, sich zu äußern, weil sie selbstverständlich nicht das gleiche Wissen von ihrem Gegenstand mitbringen wie die Liebhaber. Das ist doch schlicht albern!


    Gruß Martin

    Ich habe Don Quijote vor einigen Jahren gelesen und auch wenn dieses dicke Buch zuweilen mal einige kleinere Längen hat, habe ich es doch sehr gerne und mit großer Freude gelesen.


    Fasziniert hat mich, daß das ein sehr altes Buch ist - man muß ja wohl sagen, es steht ja eigentlich am Anfang der neuzeitlichen Literaturentwicklung, und dabei doch gar keinen Staub angesetzt hat. Das liegt für mich daran, daß es ein Thema aufgreift, was zu den unvergänglichsten Themen der Weltlitaratur gehört, dem Verfall einer Person in einer Scheinwelt.


    Das waren zu Cervantes Zeiten die Ritterromane. Nun - Ritterromane sind zu unserer Zeit vielleicht weniger beliebt, aber Scheinwelten hat auch unser Zeitalter in Menge anzubieten. Man denke an die Faszination durch den Adel ( die auch heute noch durchaus virulent ist, Moliere hat dem Bürger als Edelmann - auf seine Weise duchaus auch ein Don Qixote - ein Denkmal gesetzt, man denke an Science Fiction, man denke an Leute, die sich als Germanen oder sonstwas verkleiden und alte Welt spielen).


    Nein, das Thema dieses Romans, obwohl er Jahrhunderte alt ist, ist absolut aktuell! Und immer wieder wenn da mal wieder ein Jugendlicher durchdreht und nach Rambomanier seine Lebensprobleme in den Griff zu bekommen versucht, wird doch gleich wieder eine Diskussion geführt über die Verführung Jugendlicher durch Gewaltvideos, über Filme, über Computerspiele usw., die dem Jugendlichen eine Scheinwelt suggerieren, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.


    Diese Diskussion könnte sich jederzeit am Don Quijote aufhängen, in dieser Hinsicht hat er nichts von seiner Aktualität verloren und das macht eben die Qualität eines Klassikers aus, daß er eigentlich keinen Staub angesetzt hat.


    Gruß Martin

    Da hier ein vermutlich junger Mensch darüber klagte, daß er sich den Dostojewski ja nicht leisten könne:


    War heute beim Zweitausendeins ( http://www.zweitausendeins.de) und ich sah da wirklich eine Dostojewskigesamtausgabe, herausgegeben von Piper, gewaltige 9600 Seiten einschließlich solcher Sachen wie dem Tagebuch eines Schriftstellers, viele Bände, für nun schon unglaubliche Euro 24,90!!

    Ja und ich hatte das große Glück, mit Dostojevski in der Schule überhaupt nicht belästigt zu werden und deshalb war er auch mein absoluter Lieblingsschriftsteller.


    Er hat so besondere Fähigkeiten: Er kann gedankliche Dinge wunderbar dramatisieren. Und dann hat er so eine besondere Fähigkeiten, Szenen so zu gestalten, daß Personen in ihnen auf die merkwürdigste Weise reagieren und Du weißt gar nicht warum eigentlich, aber das ist alles höchst spannend.


    Der Umfang der Werke hat mir überhaupt nichts ausgemacht, ich habe diese 800 bis 1000 seiten Klopfer verschlungen, oft in die Nächte hinein.


    Eine Ausnahme ist für mich der Jüngling, der unpopulärste der 5 großen Romane. Der beginnt fulminant, aber dann wird er langweilig. Ich habe mich einmal durch dieses Buch durchgequält, weil ich dachte, einmal mußt Du es doch gelesen haben, aber mir hats nicht gefallen.


    Berühmt ist aus den Brüdern Karamasov die Legende vom Großinquisitor. Das wirft dann auch ein Licht auf die Haltung, die Dostojevski dem Christentum gegenüber hatte.


    Die kürzeren Erzählungen sind oft sehr gut: Das Kellerloch, der lächerliche Mensch, Bobok, das Krokodil.


    Manche Haltungen von Dostojewski wie etwa sein Slawophilentum mögen auch sehr fragwürdig sein. Trotzdem war Dostojewski ganz sicher kein dummer Mann. Ich will von Unschuld und Sühne nicht zu viel verraten, aber ich zumindetens kann da nicht alles für bare Münze nehmen. Ist das, was als Abkehr vom Zynismus und Nihilismus erscheint, nicht vielleicht doch eher die Fortsetzung desselben auf höherer Ebene?


    Man muß bei Dostojewski dreierlei unterscheiden: Den vordergründigen Parteigänger, den gebildeteren Menschen, dem Parolen eigentlich zuwider sind, und den Intellektuellen, der immer im Hintergrund spukt und der vielleicht in Wahrheit an gar nichts glaubt, auch wenn er sich das vielleicht nicht eingestehen mag.


    Jedenfalls kann Dostojewski das, was er angreift: Den Nihilismus, den Immoralismus und die "moderenen Ideen" großartig gestalten und das ist es dann, was einen auch skeptisch macht, wenn er die "Gegenmächte" aufbaut, mit denen in Einklang zu stehen er vorgibt. Ich finde das alles sehr vielschichtig und das genau macht die Faszination von Dostojewsi für mich aus.


    Gruß Martin

    Lieber Thomas,


    die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch habe ich gelesen, allerdings ist das sehr lange her. Die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus habe ich mal irgendwann angefangen, aber dann beiseite gelegt.


    Meiner Erinnerung nach, auch wenn ich das mit kaum noch konkreten Einzelheiten verbinden kann, waren die Aufzeichnungen aus einem Kellerloch ein sehr radikaler und in dieser Radikalität intensiver Text, deshalb kann ich ihn Dir empfehlen. Müßte ihn selbst mal wieder lesen ...


    Mit den ähnlichen Titeln hat es glaube ich überhaupt nichts auf sich.


    Gruß Martin


    Meine Rede ist nicht ganz so hart gemeint, wie sie sich vielleicht anhört, aber ich mag es nicht, wenn ohne einen einzigen Nachweis wilde Behauptungen aufgestellt werden und nachher heißt es "Ich habe von diesen Dingen ja keine Ahnung".


    Liebe Daniela,


    Dein Posting ist wirklich ganz entzückend. Schon dieses "meine Rede", aber dann auch noch daß Dein strenger Verweis mir gegenüber "nicht ganz" so hart gemeint gewesen sei. Wirklich entzückend.


    Ich nehme aus diesem Thread mit, daß in diesem unseren Lande in Punkto Übersetzungen wirklich alles in Ordung ist. Ich hatte - ehrlich gesagt - meine Zweifel, aber gegenüber solche geballter Sachkompetenz strecke ich meine Waffen.


    Gruß Martin

    Liebe Daniela,


    glaube mir, ich verstehe von diesen Dingen wirklich sehr wenig. Es würde mich außerordentlich freuen, wenn hier jemand schriebe, der mehr von diesen Dingen verstünde als ich. Es geht ja auch nicht um ein intellektuelles Verstehen, es geht um Sprachbeherrschung fremdländischer Sprachen, und da bin ich nun mal eine ausgesprochene Niete ( obwohl mein Englisch noch halbwegs passabel ist).


    Übersetzungen sind Vertrauenssache. Nun bin ich aber grundsätzlich kein sehr vertrauender Mensch. Die Auffassung: Der Lektor wirds schon richten, überzeugt mich eben nicht so recht.


    Und ist es nicht so, daß bei manchem Klassiker dann auch mal irgend so eine Übersetzung von einem Grafen von Hammel aus dem Jahre 18 hundert-schieß-mich-tot nachgedruckt wird, obwohl die vielleicht völlig steif und maniriert ist, und das Original vielleicht gar nicht?? Und wen interessiert da schon ein Lektor? Ich bin überzeugt: Harry Potter wird bestimmt hervorragend übersetzt, aber das ist ja auch ein Geschäft, wen interessiert schon der "Nachdruck" irgend eines Klassikers, den sowieso nur 499 Leute lesen?


    Wiegesagt: Wissendere Menschen als ich sind gerne dazu aufgerufen, mehr zu diesem Thema zu sagen.


    Gruß Martin

    Ich muß wirklich sagen, mich würde mal eine Seite freuen oder eine Institution oder eine Gesellschaft oder was weiß ich, die über die Integrität der Übersetzungen wachte.


    Zwei Beispiele: Ich habe eine 2 bändige Ausgabe der Werke Oscar Wildes von Hanser, aber meine Freundin sagte mir schon, die auch die englischsprachige Originalausgabe hat, daß diese Ausgabe teilweise völlig frei erfunden, sinnentstellend, den Sinn ins Gegenteil verkehrend ist. Gut, bei englischen Texten kann ich das vielleicht noch nachprüfen.


    Im moment lese ich gerade mit großer Freude die Dramen Molieres. Zum Beispiel heute den Tartuffe. Als ich heute ein bißchen surfte, landete ich auf der Seite einer Rudolf Steiner Gesellschaft. Die führten ein nettes Zitat aus dem Tartuffe an, mit Quellenangabe. Nur in meiner Reklamausgabe steht es nicht. Natürlich ist es eine andere Übersetzung sein, aber es müßte wenigstens ahnbar sein, auf welches gemeinsame Original sich denn die Stelle bezieht. Nicht heraus zu finden, die Szene scheint frei erfunden zu sein.


    All das macht mich wild. Eine "besonders gelungene" Übersetzung ist zwar ganz nett, aber wichtig ist doch in erster Linie, daß eine Übersetzung den Textsinn des Originals einfach rechtschaffen wiedergibt. Ein Übersetzer muß kein Künstler sein, er muß nicht einmal besonders intelligent sein, er muß nur die Sprache kennen und einfach rechtschaffen übersetzen.


    In diesem Sinne würde ich es mir wünschen, daß eigenmächtige, sinnentstellende, frei erfunden "Übersetzungen" strafrechtlich verfolgt würden und mit einer Haftstrafe nicht unter zwei Jahren geahndet würden. Und man sollte solche Übersetzer öffentlich an den Pranger stellen.


    Im Nachwort zum Tartuffe der Reklamausgabe steht eben auch, daß verschiedene Regisseure etc., sich in der Interpretationen jegliche Freiheiten des Textes heraus nehmen ( die im französichen Originaltext natürlich nicht stehen), die sie sich mit einem deutschen Originaltext nie heraus nehmen würden. Ich rufe nach der Polizei!


    Gruß Martin


    P.S Mein Posting enthält Ironie, was man im Internet immer dazu sagen muß. Auf Wunsch teile ich auch mit, an welchen Stellen.

    Lieber Xenophanes,


    ich habe überhaupt nichts gegen Wissenschaften. Nichts gegen die harten Wissenschaften, denn diese beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Gegenständen.


    Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich in den sogenannten weichen Wissenschaften, Geisteswissenschaften, Humanwissenschaften um den Begriff des Wissens Gedanken macht. Wobei der eigentliche Ort dafür m.E. immer noch die Philosophie ist.


    Vielleicht war dieses "das interessiert mich nicht die Bohne" auch wirklich ein bißchen hart.


    Die Sache ist nur eben die: Da schreibt als ein Autor, ein kluger oder dummer, ein begabter oder unbegabter, ein phantasievoller oder ein phantasieloser einen Text. Und ein anderer Mensch, der ebenso klug oder dumm, begabt oder unbegabt, phantasielos oder phantasievoll sein kann liest ihn und versteht ihn - oder auch nicht, oder auch nur auf einer ganz bestimmten Ebene.


    Das Verständnis eines Textes hat für mich dann aber eben nicht mit wissenschaftlichen Theorien zu tun, sondern in das Verständnis eines Textes bringe ich eigentlich mich selbst als Persönlichkeit ein: meine Erfahrung, auch mein Wissen - selbstverständlich -, meine Klugheit meine Weltsicht. Für "Wissenschaftlichkeit" ist für mich da nur sehr wenig Platz.


    Letzlich ist Literatur auch nur ein "Spezialfall" menschlicher Interaktion. Und auch in der normalen, weniger speziellen Form menschlicher Kommunikation werden wir menschliches Verständnis nicht an "theoretischen Maßstäben" messen. Sowenig wie wir die Weisheit eines Menschen an seiner "wissenschaftlichen Korrektheit" festmachen würden.


    Dies alles gesagt, ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Psychoanalyse als "alleinseligmachende Sichtweise" nicht gelten lassen kann. Dann wird sie in der Tat zur Pseudowissenschaft. Aber als eine bestimmte Sichtweise, die neben vielen Fehltreffern vielleicht auch mal ins Schwarze treffen kann - warum nicht. Ich halte auch nicht viel von Theorien des Klassenkampfes, aber ich würde deshalb trotzdem auch nicht ausschließen, daß ich von einem Marxisten vielleicht auch mal etwas lernen kann. Und auch religiöse Betrachtungen mögen einmal Sinn machen. Ich bin nämlich zunächst einmal bereit, mir jede Sichtweise, jede "Interpretation" einmal anzuhören, ohne sie deshalb gleich zu eigen zu machen, ohne sie aber auch gleich als unwissenschaftlich abzutun, denn eine solche "wissenschaftliche Katharsis" würde dann allerdings mein Repertoire an möglichen Ebenen des Verstehens doch sehr einschränken. Und das fände ich inhuman.


    Gruß Martin

    Lieber Xenophanes,


    das, was jemand über einen literarischen Text zu sagen hat, inwiefern er ihn deutet, muß für mich plausibel sein. Das ist allerdings bei der Psychoanalyse nicht immer der Fall, weshalb ich sie denn auch skeptisch sehe.


    Inwiefern die "Literaturwissenschaft" die Psychoanalyse ablehnt oder auch nicht, ist eine Angelegenheit, die ich mit äußerster Gelassenheit sehe. Möglicherweise sind die Geisteswissenschaften im moment so ein bißchen auf dem Wissenschaftlichkeitstrip, aber von dem werden sie sicher auch mal wieder runter kommen.


    Ehrlich gesagt interessieren mich wissenschaftliche Aussagen über Literatur nicht die Bohne. Und die Psychoanalyse ist nun wirklich etwas älteres als jeder literaturwissenschaftliche Trend. Und sofern sie kritikfähig bleibt oder wird, denke ich, daß der Ansatz als solcher durchaus eine Zukunft hat, eben weil er im Humanen bleibt und dies wird doch letztenendes immer das sein, was einen - auch in der Literatur - interessiert.


    Gruß Martin