Beiträge von Anne

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    ;( Ich hab einen Buch-hangover. Das letzte gelesene Buch war so gut, das ich jetzt gar nicht weiß was ich lesen soll - am liebste würde ich jetzt einfach die Zeit zurückdrehen. ;(

    Da hatte ich gerade Glück. Nach "Nur nicht unsichtbar werden" habe ich noch ein Buch von Hugo Hamilton über Nuala O'Faolain gefunden. Da kann ich noch ein bisschen bei ihr bleiben.

    Zu Ostern habe ich begonnen, meine Bücher noch einmal zu erfassen. Beim vielen Aussortieren ist da vieles durcheinander geraten. Daher hab ich viel Lesezeit verschenkt. Aber ein 5. Buch schaffe ich sicherlich noch.

    Nach über zehn Jahren habe ich die Tage Nuala O'Faolains Erstlingswerk noch einmal gelesen.


    Nuala O'Faolain hat von jung auf gegen ihr Leben, wie man es im erzkatholischen Irland für Frauen vorgesehen hat, rebelliert: Heirat, Kinder und männliche Gewalt. Immer wieder hat sie Affären und sie sucht Trost im Alkohol. Erst in der Beziehung mit Nell (die Journalistin Nell McCafferty) entdeckt sie mit ihr zusammen eine neue Welt.


    Elke Heidenreich hat gefragt: "Warum habe ich mich nie getraut, etwas Ähnliches zu schreiben?"


    Und Frank McCourt (ebenfalls ein irischer Schriftsteller) meint: "Man möchte, dass das Buch nie aufhört. Und man ahnt, dass hier der wahre Wein des Lebens gereicht wird."


    Beim ersten Lesen des Buches hat es mir, trotz des ernsten Themas, einfach wunderbar gefallen. Gewalt in der Familie ist nicht gerade etwas, was man gerne liest und noch viel schwieriger ist es - wie ich weiß - aus eigener Erfahrung darüber zu schreiben. Dieses Thema - auch wenn es hier im Buch aus einer früheren Zeit erzählt wird - muss unbedingt viel öffentlicher gemacht werden.


    Als Kind ist man in so einem Elternhaus völlig hin- und hergerissen. Man liebt doch die Eltern. Gleichzeitig hat man wahnsinnige Angst, wie Nuala O'Faolains jüngster Bruder in einem Brief schrieb:


    "'Ich liebte meine Mutter und verehrte meinen Vater, als ich ein Junge war', schrieb er mir in einem Brief, der unsere ganze Verwirrung zusammenfasste. 'Sie waren Mutter und Vater für uns, ein Kind kann das gar nicht anders sehen. Auch wenn ich mir vor Angst in die Hose gemacht habe, wenn er besoffen nach Hause kam und auf Mutter einprügelte. Ihre Hilfeschreie waren herzzerreißend, und ich verkroch mich in eine Kommodenschublade...'"


    Dabei hat sich der Vater einfach geweigert, Vater zu sein. Die Söhne waren mit all den Problemen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, auf sich gestellt. Der eine ging in die British Army, um ihn zu beeindrucken. Einer machte gar keinen Ärger, vergeudete mit Jobs, die ihm nichts abverlangten, Jahre seines Lebens. Den Jüngsten schickten die Eltern zu Nuala O'Faolain nach London. Als die Mutter ihn aufs Schiff brachte, war sie betrunken, der Vater war noch nicht mal da.


    In den Internaten mussten die Mädchen alles, was sie über Körper gelernt haben, vergessen. Doch ihr Schicksal war "von einer Ehe und nicht etwa von Bildung bestimmt". Davon, was für einen Mann sie bekamen. Um aber einen zu kriegen, mussten sie mit einem gehen. "Deshalb waren die wichtigen Dinge des Lebens - das Karrierehandwerkszeug - Manieren, Figur, Kleider und sorgfältig dosierte kleine Freiheiten, die man diesem oder jenem Mann erlaubte."


    In der Öffentlichkeit wurden die Gefühle, die Schulmädchen haben, immer lächerlich gemacht. Doch alle emotionalen Erfahrungen bauten auf ihnen auf, "die für das ganze Leben so entscheidend sind. Sie waren nicht bloß ein Ersatz für all das, was wir mit Jungen getan hätten, wenn wir nicht auf dem Internat gewesen wären - das vermuteten nämlich die Männer immer."


    In den 1970er Jahren (Nuala O'Faolain ist in den 30er Jahren) nahm sie an Frauendemonstrationen teil. Doch man hätte sie nicht fragen dürfen, warum. Die Antwort wäre: Für die anderen Frauen. Sie hatte einen tollen Job. Es kam ihr nicht in den Sinn, sich selbst infrage zu stellen. Wenn es dann mal klickte, konnte sie überall in der Gesellschaft Sexismus sehen. "Aber mir war überhaupt nicht bewusst, mit welchem Nachdruck ich die Verantwortung für mein persönliches Glück regelmäßig den Männern zuschob."


    In einer Rezension schrieb eine Leserin, dass sie das Buch beim jahrelang späteren Lesen nicht mehr so toll fand. Weil die Autorin sich selbst für ihren Beruf hochgeschlafen haben soll. Schade. Aus heutiger Sicht lässt sich natürlich gut urteilen, wie Menschen sich früher verhalten haben. Zudem hat Nuala O'Faolain ihre eigenen Irrtümer oder Fehler nicht verheimlicht. Als aufmerksame Leserin kann ich da sehr gut zwischen den Zeilen lesen.


    Nach der Trennung von Nell (die Beziehung dauerte gut fünfzehn Jahre) füllte das Erscheinen dieses Buches die Leere in Nuala O'Faolains Leben, die garantiert gekommen wäre. Auf Anhieb landete es auf der Bestsellerliste. Fremde Menschen umarmten sie auf der Straße, liefen in den nächsten Buchladen, um sich ihr Buch signieren zu lassen. Sie erhielt Leserbriefe aus aller Welt: von Männern, doch vor allem von Frauen. Frauen, die aus ihrem Leben erzählten. Vom Mann, der fremdging, sie aber bliebe, weil sie kein Geld hatte und wegen der Kinder, die beide Elternteile haben sollten. Eine siebzigjährige Großmutter schrieb: "Sie haben die Aufgabe, das auszusprechen, was wir, die wir uns nicht artikulieren oder von zu Hause aus zögerlich sind, fühlen und denken."


    Eine junge Frau schrieb: "...eine obskure Scham darüber, weiblich zu sein - was ich noch nicht mal wusste, dass ich es so empfinde -, löst sich langsam...". Die meisten Frauen schrieben darüber, dass sie schon längst keine brennende Leidenschaft mehr erwarten, sie aber schon mal zufrieden wären, wenn man ihnen ehrliches Interesse entgegenbringen würde. Stattdessen müssen sie nur funktionieren. Eine Frau Schrieb: "Ich habe Angst, in den Spiegel zu schauen, in dem ich meinen Vater, den Wahnsinn oder die Leere erblicke."


    Was war das für ein Leben für die Frauen. Und es waren keine Einzelfälle, so funktionierte die Gesellschaft. Als kleine Mädchen wurden sie geschlagen, ebenso als Frauen. Niemand brachte ihnen echtes Interesse entgegen. Oft zieht es sich durch die Generationen. Glücklich die Frau, die es schafft, aus der Spirale auszubrechen. Aber was für ein Kampf ist das zumeist.


    An der Übersetzung scheint es manches Mal zu hapern, da liest sich einiges nicht rund. Das ändert aber nichts an dem Inhalt des Buches, der es in sich hat und der heute noch so aktuell ist wie damals.


    5ratten

    Ich lese es nach Jahren das zweite Mal, finde es immer noch gut und habe mir jede Menge rausgeschrieben.


    "Sie steuern direkt auf eine Katastrophe zu", sagte er. "Sie wiederholen das Leben ihrer Mutter."


    Seit Generationen werden die kinderreichen irischen Familien vom Alkoholismus zerstört, und niemand will dafür die Verantwortung übernehmen.


    Aus ihr hätte eine respektierte Person werden können, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Sie hätte etwas ganz anderes als die Sklavin sein können, die sie war.


    Ich hatte nie Angst, bis ich als Elfjährige den "Messias" im Theatre Royal anschaute und dort ein Mann mit seiner Hand unter meinen Rock ging und mir wehtat.


    Als phantasievoll zu gelten stempelte einen auch zum Außenseiter.


    Nuala O'Faolain: Nur nicht unsichtbar werden

    so richtig war mir auch nicht an der Mütz.

    Uebersetzung bitte! :)

    Da musste ich tatsächlich nachschauen, ob es wirklich das bedeutet, für was ich es benutze. Und ich scheine falsch zu liegen. Wenn ich nicht so recht Lust habe, nicht vorwärts komme - das hieß es bisher für mich. Laut dem Redensarten-Index bedeutet es "leicht verrückt sein", "etwas Unverständliches tun" oder "spinnen".

    Ich möchte nicht ausschließen, dass alles in der ein oder anderen Weise auf mich zutrifft, zumindest von außen besehen, aber es ist nicht das, was ich meinte ^^

    "Zum ersten Mal roch ich ihn auch, er hatte den Geruch von trockenen Tannennadeln, auf die den ganzen Tag die Sonne geschienen hat, aber am Abend kriechen die fürchterlichen Schatten eines modrigen Talgrundes wie Nacktschnecken über sie hin."


    Marie Luise Kaschnitz: Vogel Rock. Unheimliche Geschichten

    Jetzt im April ist der Knoten wohl geplatzt. Drei Bücher konnte ich schon beenden. Ich bin auch mal wagemutig und melde mit diesen drei Büchern sechs an.


    Gelesen sind:


    Elke Heidenreich: Passione. Liebeserklärung an die Musik

    Marie Luise Kaschnitz: Vogel Rock. Unheimliche Geschichten

    Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet (war gut, reicht aber für mich nicht an "Die Wand" ran)

    Entschuldigt bitte, auch der März war nicht mein Lesemonat. Mehr als die beiden gemeldeten Bücher habe ich nicht geschafft. Zumindest nicht zu Ende. Dafür fängt der April dann schon besser an.

    Ilja Ilf, Jewgeni Petrow: Die Jagd nach der Million

    Ostap Bender, Schelm, Hochstapler und Spitzbube von hohen Gnaden, will vor den ausgreifenden Schritten des Sozialismus nach Rio de Janeira fliehen, um dort unter prächtigen Palmen und zwischen glutäugigen Mädchen das Leben eines reichen Taugenichts zu führen. Dazu braucht er nach seinen Vorstellungen wenigstens eine Million in verlässlicher Valuta. Als Bender von der Existenz eines heimlichen Millionärs erfährt, geht er mit aller Energie und Umsicht zu Werke, diesem die begehrte Million abzujagen. Korejko aber, sein Widersacher, ein gefährlicher Verbrecher, der durch zahlreiche Spekulationen und undurchsichtige Geschäfte ein Vermögen zusammengeräubert hat und nun als kleiner Buchhalter in Erwartung seiner Stunde ein gesellschaftliches Scheindasein fristet, ist nicht minder gerissen als er. Zwischen beiden entbrennt ein Ringen auf Leben und Tod. Der Endkampf wird nach einer abenteuerlichen Jagd per Auto, zu Fuß und auf der Eisenbahn in den Steppen Kasachstans ausgetragen. Was wird mit den beiden Außenseitern der Gesellschaft? Bekommt Ostap Bender die Million? Gelingt ihm die Flucht nach Rio de Janeiro? Oder ist Korejko der Stärkere? Diese Fragen beantwortet Ilfs und Petrows Buch, eine der köstlichsten Satiren aus der NÖP-Zeit, das alt und jung durch Witz, Komik und unerwartete Einfälle fesselt.


    Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1958, 1. Auflage

    Übersetzt von Elsa Brod, Mary von Pruss-Glowatzky und Richard Hoffmann



    Erik Neutsch: Claus und Claudia

    Claus Salzbach, Diplomat der DDR im auswärtigen Dienst, erhält in Paris die erschütternde Nachricht, daß seine Tochter Claudia eine tiefe Nervenkrise durchlebt. Sofort kehrt er in die Heimat zurück, doch womit er dann hier konfrontiert wird, erscheint ihm zunächst unglaubhaft: An der medizinischen Fachschule, an der Claudia studiert, werden Erziehungsmethoden praktiziert, die von erstarrtem Denken und Herzlosigkeit der Lehrkräfte zeugen, bis zu Verdächtigungen und Drangsalierungen gegenüber den Schülerinnen reichen und gegen die seine Tochter sich vergebens gewehrt hat. Salzbach, wie weiland Michael Kohlhaas, beginnt um die Gerechtigkeit in der Beurteilung junger Menschen zu kämpfen, doch auch er stößt auf Anmaßung, Opportunismus, gar Feigheit. Als er schließlich Verbündete findet und die unhaltbaren Zustände an der Fachschule untersucht werden – welche Chancen hat da noch Claudia, ihre Krise zu überwinden?


    Wie schon vorher in seinen literarischen Arbeiten zielt Erik Neutsch auf wesentliche moralische Fragen unserer Gesellschaft, wobei er den Leser auffordert, darüber mitzubefinden.


    Mitteldeutscher Verlag Halle Leipzig 1989



    Gert Prokop: Detektiv Pinky

    Buchvorstellung von Buchhändler Hans-Georg Fischer, der leider verstorben ist:


    „Pinky saß auf seiner Mülltonne und träumte“


    Die Hauptfigur Absolon W. Beaver, von seinen Freunden liebevoll Pinky genannt, verbringt die meiste Zeit sechs Stockwerke über der Stadt, lesend und träumend. Sein großes Vorbild ist der Detektiv Pinkerton. Daher auch sein Spitzname. Er sitzt auf einer bunten Mülltonne, die er gefunden – naja, nicht ganz – aber auch nicht gestohlen hat, und träumt davon, ein berühmter Detektiv zu werden. Gemeinsam mit seinen Freunden „Monster“ und Marie-Antoinette „Prinzessin“ wohnt der Vollwaise Pinky im Waisenhaus der Potters „Potters Kinderheim“ in der fiktiven amerikanischen Stadt Kittsburgh und löst mit eigenen Methoden die Probleme von schwerreichen Klienten. Trotzdem verlangt er keine Unsummen, sondern praktische Dinge wie Einrichtungsgegenstände für das Heim, Dauereintrittskarten für seine Freunde sowie Tiere für den Zoo.


    Gert Prokop (geboren 1932 in Vorpommern und 1994 durch Suizid verstorben) hat unverwechselbare Figuren geschaffen, die in fast jedem Kinderzimmer zu Hause waren, als Vorbilder und Abenteurer. Und sie waren vielschichtig und von gesellschaftlicher Relevanz.


    Das Wichtigste in dem Buch waren für mich der große Gerechtigkeitssinn dieses kleinen Jungen. Er kämpfte für andere, war mitfühlend und dachte mehr an die anderen als an sich.


    Dieses Buch ist zeitlos und dürfte auch heute noch jedes Kind, welches sich für Kriminalgeschichten begeistern kann, gefallen.


    „Pinky saß auf seiner Mülltonne und träumte“

    "Die Welt ist ein großes Durcheinander, das sie, Meta, in Ordnung bringen muß. Steinchen für Steinchen setzt sie aneinander, aber selten wird etwas Rundes daraus. Wenn sie die Welt einfach auffressen könnte, wäre sie aller Bedrängnis enthoben. Aber sie kann die Welt nicht auffressen, und so weiß sie nie, was im nächsten Augenblick geschehen wird."


    "Ganz langsam wächst eine Wand zwischen Mutter und Tochter auf. Eine Wand, die Meta nur in wildem Anlauf überspringen kann; kopfüber in die blaue Schürze, in eine Umarmung, die Mama fast den Hals verrenkt und ihr das Haar aus dem Knoten reißt. ,Mußt du denn so wild sein? Entweder du bist verstockt, oder du bringst mich fast um vor lauter Wildheit. Kannst du kein braves, sanftes Kind sein?' Meta kann kein braves, sanftes Kind sein. Verzagtheit überfällt sie und läßt ihre kleinen Arme lahm niedersinken. Der wunderbare Duft entfernt sich. Die Wand ist wieder ein winziges Stück gewachsen."


    "Schwarz und undurchdringlich wächst der Kummer um sie herum. Jetzt reicht er ihr bis zum Hals, jetzt bis zur Stirn, und jetzt schlägt er mit einem bösen Schmatzen über ihr zusammen."


    Marlen Haushofer, Himmel, der nirgendwo endet

    Geht mir auch so. Und das beileibe nicht nur bei leichter Lektüre. Es gibt Bücher, die ich beim Lesen und auch noch Wochen danach hoch bewerte, aber nach einem Jahr weiß ich nichts mehr über sie. Die werden dann nach einem Jahr auch aussortiert. Es sei denn, es ist ein Autor, eine Autorin, die ich sammeln möchte.

    - Schon heute bin ich ja nicht mehr der Mensch, der ich einmal war. Woher sollte ich wissen, in welche Richtung ich gehe? Vielleicht habe ich mich schon so weit von mir entfernt, daß ich es gar nicht mehr merke.


    - Wenn ich mir heute einen Menschen wünschte, so müßte es eine alte Frau sein, eine gescheite, witzige, mit der ich manchmal lachen könnte.


    - Sie lebte so gerne und machte immerzu alles falsch, weil man in unserer Welt nicht ungestraft so gerne leben durfte.


    - Es gibt Stunden, in denen ich mich freue auf eine Zeit, in der es nichts mehr geben wird, woran ich mein Herz hängen könnte. Ich bin müde davon, daß mir doch alles wieder genommen wird.


    - Lieben und für ein anderes Wesen sorgen ist ein sehr mühsames Geschäft und viel schwerer, als zu töten und zu zerstören.


    Marlen Haushofer, Die Wand

    Karl Laux: Nachklang – Rückschau auf sechs Jahrzehnte kulturellen Wirkens

    Der Untergang Dresdens wurde zur tiefen Zäsur im Leben des Dr. Karl Laux, hieß ihn überdenken, was er bis zu dieser Stunde gedacht und getan hatte. 1896 als Sohn einer pfälzischen Kleinbürgerfamilie geboren, entdeckte er schon früh seine Liebe zur Musik. Der erste Weltkrieg erregte anfangs seine Begeisterung, bald aber folgten Ernüchterung und Zweifel. Laux nutzte die Gefangenschaft zu ersten musikwissenschaftlichen Studien, die er dann als „Werkstudent“ in Heidelberg abschloß. Als Musikkritiker in Mannheim entwickelte er sich bald zu einem der profiliertesten Fürsprecher der „Neuen Musik“, wie sie damals vor allem auf den Musikfesten in Donaueschingen und Baden-Baden gepflegt wurde. Sein Engagement dafür brachte Laux in Opposition zu den Nazis, die er haßte, ohne gegen sie zu kämpfen.


    Als sein Leben im brennenden Dresden schon zu Ende schien, begann es eigentlich neu. Deutsche Kommunisten und sowjetische Kulturoffiziere reichten dem bürgerlichen Wissenschaftler die Hand und erschlossen ihm eine neue Welt. Dem tiefen Wandel seiner Lebensansichten folgte die Erfüllung seines größten Lebenswunsches, als Professor und Rektor einer Musikhochschule die Jugend für seine Kunst zu begeistern. Erinnerungen an Konzertsaal und Theater, Begegnungen mit bedeutenden Komponisten und Interpreten machen diese Lebensgeschichte zugleich zu einem Stück Wirkungsgeschichte der Musik in unserem Jahrhundert.


    Verlag der Nation 1977



    Wolfgang Titze: Rauschgift

    Der Kriminalist folgte der Weisung nur zögernd. Trotz des einfallenden Lichtes konnte er kaum etwas erkennen. Eine Hand packte ihn und riß ihn herum. Gleichzeitig flammte erneut ein Streichholz auf. Feldberg wich erschrocken zurück. Das flackernde Licht zeigte ihm einen etwa Vierzigjährigen mit hoher Stirnglatze. Auch der hatte ihn erkannt. „Der Polyp!“, brüllte er und warf das Streichholz weg.


    Thomas Feldberg zog die 08 aus der Tasche und entsicherte sie…


    „Los, weg hier!“ hörte er die Stirnglatze rufen. Aber da rief Keller vom Eingang her: „Hände hoch! Aber dalli!“


    Kurz darauf waren auch Müller und Mielke zur Stelle. Sie legten die Ganoven an die Acht. Die beiden fügten sich schweigend…


    Militärverlag der DDR Berlin 1987

    Tatsachen 305



    Anna Seghers, Wieland Herzfelde: Ein Briefwechsel 1939-1946

    Lieber Wieland,


    ich schreibe Dir in einem sehr kritischen Moment. Bis Du den Brief hast, werden wir alle wissen, was aus uns geworden ist. Dann wird es hoffentlich nicht mehr real sein, wenn ich gestehn muß, daß es mir heute abend ziemlich beklommen zumut ist. Denn ich sitze da herzlich allein mit meinen zwei Kindern, und der ganze Ort ist leer und totenstill. Wir sind alle in keiner besonders reizenden Lage, ich schon gar nicht.


    Mit diesen Zeilen beginnt ein Briefwechsel, der in jeder Beziehung ungewöhnlich ist. Anna Seghers und Wieland Herzfelde schreiben einander aus dem Exil, Anna Seghers zunächst aus Frankreich, später aus Mexiko, Herzfelde aus New York. Diese Briefe sind von Zeit und Umständen geprägt, doch auch von persönlicher Kraft und Ungebrochenheit. Was sie mitteilen, ist gelebt.


    Heute sind sie Dokumente und zudem Zeugnisse deutscher Emigrationsliteratur. Denn Wieland Herzfelde ist für Anna Seghers nicht nur Freund, sondern auch Verleger und Lektor. Bis ihre Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ im Aurora Verlag erscheint, geht es in den Briefen immer wieder um Termine, Korrekturen, Verträge. Aus der Arbeit heraus teilt sich ein Stück der Geschichte des Aurora Verlages mit. Der Anhang gibt dazu weitere Beispiele.


    Was Anna Seghers in ihren Briefen an Beobachtungen fremder Schicksale andeutet, hat sie in ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ festgehalten. Ihr wacher, kritischer Blick hält dem Elend stand und sieht, geschärft durch Anteilnahme und eigene Erfahrung, mehr als die Oberfläche. Auch dieser Text ist bisher unveröffentlicht.


    Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1985