Beiträge von finsbury

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Auf die Inhaltsangabe verzichte ich, sie wurde von @Nomadenseele schon verfasst.


    Wie oben von bücherbelle und Kirsten schon gut beschrieben, ist der Titel des Romans "Und Marx stand still in Darwins Garten" etwas irreführend. Während Marx das Subjekt und damit die Hauptperson des Titels ist, steht Darwin im Roman ganz eindeutig im Mittelpunkt. Jerger hat einen interessanten Roman über den alten Darwin geschrieben nebst einigen Schlaglichtern auf Marx. In Bezug auf Darwin finde ich diesen Roman gelungen, denn er setzt sich ausführlich mit Darwins Selbstsicht und der Sicht auf ihn auseinander. Marx wird dagegen stiefmütterlich und fast nur in Außensicht behandelt. Der Komplexität seines Werkes und seiner Rolle in der Geschichte wird der Roman nicht einmal in Ansätzen gerecht. Man mag zu ihm stehen, wie man will, er ist nicht nur ein Revolutionär, sondern auch einer der bedeutendsten Wirtschaftstheoretiker und Philosophen gewesen, was auch seine Kritiker anerkennen. Jerger lässt sich aber von ihrer Entdeckung der Ähnlichkeiten im Krankheitsbild und durch die Schlagwörter Evolution und Revolution dazu verführen, im Gegensatz zu Darwin Marx fast vollständig auf diese Aspekte zu reduzieren. Dabei scheint sie die aufbrausende und wenig verbindliche Art Marx' richtig dargestellt zu haben. Aber er bleibt in dem Roman eher eine hilflose Lachnummer, während Darwin eine gewisse tragische Größe gewinnt, indem sich die Kirche ihn post mortem einverleibt. Aber die Religionskritik ist nur eine logische Konsequenz der Evolutionstheorie und des Materialismus, nicht aber das ursprüngliche Ziel. In diesem Roman steht sie dennoch neben den Krankheiten weitestgehend im Mittelpunkt. Das finde ich schade, weil durch diese Auseinandersetzungen die bahnbrechenden Erkenntnisse beider Wissenschaftler oft ins Hintertreffen geraten.


    Die bindende Figur des Arztes ist ein guter erzählerischer Griff, allerdings finde ich es ein bisschen aufgesetzt, dass Beckett in den letzten Kapiteln noch ein Liebesverhältnis angedichtet bekommt und der Roman dann mit dem zufriedenen Blick von Marx' Haushälterin auf dessen Ehering endet. Das ist unnötig trivial und hat nichts mit der eigentlichen Thematik zu tun.

    Fazit: ein Roman mit berühmten Personen und vielen interessanten Einblicken in ihre Arbeit, aber mit einigen erzählerischen Schwächen.

    Mir geht es ähnlich wie vielen anderen hier, noch nie habe ich nicht gelesen, seit ich lesen kann. In den letzten Jahren, wo ich entweder immer mehr arbeiten muss oder nicht mehr so zügig vorankomme, ist es etwas weniger geworden, aber ich kann mich nicht erinnern, dass jemals nicht ein gerade im Gebrauch befindliches Buch zu Hause in meiner Nähe lag/liegt oder mich auf Reisen begleitet/e.

    Und wie du schon oben schreibst, ysa, es gibt immer Bücher, die zu den Stimmungen passen, in denen man ist. Häufig halte ich mich deshalb nicht an meinen Leseplan, aber es ist immer ein fiktionales Buch und ein Sachbuch in Gebrauch, früher auch ein Gedichtband, aber dafür habe ich in den letzten Jahren keine Ruhe gefunden.

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    Leo P. Ard ist das Pseudonym für Jürgen Pomorin, der viele Drehbücher z.B. für "Ein starkes Team" oder früher für "Liebling Kreuzberg" schreibt und schrieb, aus dem Ruhrgebiet stammt und zusammen mit Reinhard Junge auch die erfolgreiche Reihe um das Pegasus- Team (1. Band: Das Ekel von Datteln) schrieb.

    Seit vielen Jahren veröffentlicht er nicht mehr so viele Krimis, "Mein Vater, der Mörder" von 2010 ist laut Wiki sein letzter Krimi.

    Es geht hier um einen Radioreporter und eine Kriminalkommissarin, die vom Mord an einem Sterbenskranken ausgehend sich auf die Suche machen nach der Vergangenheit, die die Erklärung für den Mord ergibt.
    Der Vater des Radioreporters Frank Berger ist ein wichtiger Unternehmer in Bochum und wird demnächst für seine gemeinnützige Stiftung das Bundesverdienstkreuz erhalten. Da ist es natürlich nicht so schön, wenn die Vergangenheit als Fremdenlegionär im französischen Kolonialkrieg gegen die Vietminh auffliegt. Durch Zufall erfährt der Sohn, dass er aus dieser Zeit eine Halbschwester in Vietnam hat und macht sich auf die Strümpfe, um dort nach ihr zu suchen.

    Große Teile des Krimis spielen nun in Vietnam, wohin es auch die Kriminalkommissarin auf der Suche nach dem Mörder treibt. Der Roman ist locker geschrieben, ein Pageturner und die Hintergründe des damaligen Krieges sauber recherchiert. Vietnam wird fühlbar in den Rückblenden auf den Krieg und in den aktuellen Verhältnissen. Da ich vor sieben Jahren selbst in den dargestellten Orten Saigon, Da Nang und Na Throng war und diese Orte gut wiederzuerkennen waren, hat mir die Lektüre besonders viel Spaß gemacht.

    Ja, das kann gut sein.

    Da ich mich sehr für Geschichte interessiere und auch darüber lese, kannte ich ein paar Randereignisse und habe den Roman genutzt, um mich weiter zu informieren. Wie ich an anderer Stelle schon mal ausführte, bin ich so ein Spinnenleser, d.h. neben meinem Lesesessel sind natürlich mein Computer, aber auch noch so altmodische Dinge wie ein Atlas, ein Geschichtslexikon und viele andere Nachschlagewerke, die ich dann konsultiere. Deshalb machen mir solche Bücher eigentlich besonders Spaß, wenn ich dadurch Zusatzinformationen zusammenkramen kann.

    Vom Thema her hat mir "Die Vermessung der Welt" auch besser gefallen, tári, aber der Autor benutzt dort fast durchgängig den Konjunktiv, und das wirkt sehr manieriert auf mich. Der Tyll kommt weniger gekünstelt daher, aber du hast Recht, auch mir gelang es nicht, Tyll zu mögen. Aber ich glaube auch nicht, dass das beabsichtigt ist, das liegt weder in der Intention Kehlmanns noch des Volksbuches, denn Till Eulenspiegel belustigt ja gerade auch durch seine Gemeinheiten, zumindest diejenigen, die es nicht trifft.

    Habe den Partner von 26c , lies zwei Bücher mit dem gleichen Gegenstand auf dem Cover, gelesen. "Tyll" von Daniel Kehlmann hat wie das oben genannte "Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe" von Carl Johann Vallgren ein berühmtes Bild von Goya auf dem Titel, und wenn es genau der gleiche Gegenstand sein soll, nehme ich das Banner mit dem lachenden Gesicht, das im Mittelpunkt steht.


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    Daniel Kehlmanns "Tyll" wurde 2017 veröffentlicht und versetzt die bekannteste deutsche Schelmenfigur Till Eulenspiegel - ursprünglich im 14. Jahrhundert angesiedelt und zu Beginn des 16. Jahrhunderts Held eines niederdeutschen Volksbuches - in den Dreißigjährigen Krieg.
    Mit großen zeitlichen Sprüngen schildert Kehlmann Episoden aus Tylls Leben und seine Begegnungen mit meist historischen berühmten Persönlichkeiten, wobei er sich kaum auf die Inhalte des Volksbuches bezieht, sondern im Wesentlichen nur die bekannten Eigenschaften Tylls, das Dummstellen und die Entlarvung seiner Zuschauer und Gesprächspartner sowie auch seine anarchische und gelegentlich grausame Bindungs- und Empathielosigkeit in Szene setzt.
    So direkt im ersten Kapitel, in dem Tyll eine Schar von Dorfbewohnern , die bisher vom Krieg verschont geblieben waren, zum Spaß aufeinanderhetzt, indem er ihnen im Reigen seiner Possen plötzlich befiehlt, ihre Schuhe auszuziehen und hochzuwerfen. Auf der Jagd nach den richtigen Schuhen brechen jahrelang verschleierte Feindseligkeiten untereinander wieder auf und die dörfliche Ruhe wird nachhaltig zerstört, worauf dann auch der echte Krieg dieses Dorf erreicht.
    Tylls Vater wird Opfer eines Hexenprozesses und während dessen Ablauf erweisen sich die ihn führenden Jesuiten als viel abergläubischer und teuflischer als es Tylls freundlich-neugieriger und zeichengläubiger Vater je hätte sein können.
    Überhaupt werden kirchliches und religiöses Geschäft in diesem Roman meist als kleinlich, planlos und egoistisch entlarvt und ihre Opfer sind immer die einfachen Menschen, die aber - siehe oben - ebenso von Egoismus, Rachsucht, Aberglauben angetrieben werden.
    Wenige Menschen werden positiv dargestellt, vielleicht Tylls Seelenfreundin und jahrzehntelange Begleiterin Nele, vielleicht die gealterte Winterkönigin Liz und Paul Fleming, ein Barockdichter, von dem eines meiner Lieblingsgedichte stammt, bekommt auch einen freundlichen Auftritt auf den Leib geschrieben.
    Ansonsten begegnen wir einer Welt voller Grausamkeiten, geprägt von Aberglauben, Unwissen und Angst, sodass man froh ist, fast vierhundert Jahre später zu leben. Aber dennoch ist man an manchen Stellen entsetzt-verblüfft über die Modernität. Ob Kehlmann beim Verfassen schon an Trump und seine Fake News gedacht hat, als er Tyll seine Gesprächspartner zur Verzweiflung bringen lässt, weil er die Wahrheit immer wieder ändert und verdreht?
    Was mich trotz aller Qualitäten dieses Romans stört, ist, dass mir die Erzählidee nicht wirklich einleuchten will. Sind Tyll und der Dreißigjährige Krieg Allegorien auf modernes Geschehen und Handeln, sollen sie einfach für sich stehen? Ist Tyll ein Symbol für die Macht der Literatur und Kunst allgemein, da er im Roman nicht stirbt, nicht sterben will, denn er wird ja auch so lange leben, wie über ihn geschrieben oder er anders in Szene gesetzt wird?

    Dennoch ein großartiges Panorama, das da in guter Sprache - nicht so gekünstelt wie in der "Vermessung der Welt" - vor dem Leser ausgebreitet wird.

    In dieser Ausgabe besitze ich und habe ich den italienischen Klassiker "Die Verlobten" von Alessandro Manzoni gelesen. Das Titelbild passt viel besser zu einem Nackenbeißer (für deren Veröffentlichung in den 80er und 90er Jahren Bastei-Lübbe auch berühmt-berüchtigt war, als zu dem grandiosen Pest-Sittenbild von Manzoni. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass das Titelbild aus einer Verfilmung des Romans stammt.

    Auch diesen Band habe ich - wie alle Vorgänger - wieder sehr gerne gelesen. @Gabi, du hast oben schon sehr schön dargestellt, was die Krimis von Nicola Förg so lesenswert macht. Unterhaltsam, realistisch und mit einer guten Portion Gesellschaftskritik und differenziertem ökologischem Gewissen, das macht die Reihe um Irmi Mangold aus.

    Da verzeiht man ihr auch, wenn manche Informationen etwas hölzern und besserwisserisch ihrem Personal in den Mund gelegt werden. Das muss nun der Hase, vorher der griesgrämige und in sich gekehrte Kriminaltechniker, seit dem vorletzten Band "Wütende Wölfe" der umgängliche, hoch gebildete, allerdings eben nervtötend lexikalisch daherkommende nächste Aspirant auf Irmis Herz, nachdem sie sich ihr von ihrem vorherigen Lover Jens immer mehr distanziert hat.
    Die Handlung nimmt - wie fast immer - ein aktuelles Thema aus einem Bereich auf, der den Naturschutz berührt, das Waldbaden. Die esoterischen Kreise, die hier auftreten, werden ein wenig durch den Kakao gezogen, aber wenn es nachher um die Schuldfrage geht, wird Förg sehr ernst und hat, wie auch in anderen Krimis dieser Reihe, ein großes Herz für ungewöhnliche Täter, die hier als Rächer auftreten. Allerdings erschließt sich mir hier nicht die hohe Schuld, die insbesondere das erste Opfer, die Waldbademeisterin, haben soll.
    Das Motiv ist bei vielen Förg-Krimis die größte Schwäche, so bis ins Letzte überzeugt mich das meist nicht. Aber nur deswegen liest man einen Krimi ja nicht. Das sympathische Stammpersonal - mit leichten Abstrichen beim "neuen" Hasen, die vielen interessanten, nebenher vermittelten Informationen und besonders die wunderbar in Szene gesetzte Landschaft mit all ihrem komplexen Wirkungsgefüge hebt für mich Förgs Reihe weit über die Larifari-Heimatkrimis vieler anderer Autoren hinaus.
    Ich bin nicht wie du, @Gabi, ein Bewohner des schönen Voralpenlandes, aber ich liebe es und die Alpen sehr und finde es gut, dass Förg immer wieder darauf hinweist, dass auch wir Touristen uns so verhalten müssen, dass diese grandiose Natur- und Kulturlandschaft erhalten bleibt. Dafür ist ihr Nachwort -unter anderem - wieder mal ein guter Appell.

    26c, von zwei Büchern mit demselben Gegenstand auf dem Cover habe ich das erste gelesen, war spannend, daher eine leichte Übung:

    Carl Johann Vallgren: Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe


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    Als nächstes lese ich jetzt dazu den "Tyll" von Daniel Kehlmann.

    Beide Romane haben den gleichen Ausschnitt eines berühmten Goya-Gemäldes auf dem Cover.

    Nach mehr als zehn Jahren habe ich diesen Roman vom SUB erlöst und bleibe nach spannender Lektüre, die mich kaum vom Buch wegließ, dennoch ambivalent zurück.

    Den Inhalt und die positiven Seiten hat ja mondy oben schon sehr gut dargestellt.

    Im ersten Drittel hatte ich das Gefühl, der Roman könne sich zu etwas Größerem als einem sprachlich und handwerklich meist gut gelungenen Unterhaltungsroman entwickeln: Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts mit all ihren Widersprüchlichkeiten, ihren Verheißungen und Rückschlägen, erstand von meinem inneren Auge, und Hercules Gabe des Gedankenlesens eröffnete romantechnisch interessante Gestaltungsmöglichkeiten. Doch dann beschlich mich das Gefühl, das sich auch bis zum Ende nicht wieder auflöste, der Autor wolle uns Leser mit seiner Bildung beeindrucken: Von Svedenborg über Augustinus , Kant und die französischen Philosophen über die Methoden des Exorzismus bis hin zu erfundenen oder real existierenden Theoretikern der Taubstummheit, Vallgren entfaltet eine Menge Wissen, z.T. auch recht leserunfreundlich auf Lateinisch, was ich wegen des Jahrzehnte zurückliegenden Latinums nicht gerade flüssig lese, aber dieses Wissen dient keiner mir erkennbaren höheren Idee. Zunächst dachte ich, es seien Toleranz, Freiheit und Humanität, um die es hier geht, aber Hercules Blutrausch und - wie schon Doris oben ausführt - dass er sich ohne weitere Folgen und Kämpfe so plötzlich wieder davon abwendet, weil ihm seine Geliebte erscheint, und er danach anscheinend auch keinerlei Gewissensbisse hat, das ist mir motivationstechnisch zu sehr mit der heißen Nadel gestrickt. Einige Handlungsfäden genauso: Wieso heißt seine Tochter mit Nachnamen plötzlich nach ihrer Mutter Vogel, obwohl ihr juristischer Vater, der auch davon ausgeht, ihr biologischer zu sein, ja vorhanden und begütert ist, und wie ist es ihm und ihr überhaupt nach Henriette Vogels Tod ergangen? Alles, was damit zu tun hat, ist sehr unsauber erzählt.

    Ein zwar farbiger, sehr spannender Roman mit einer tollen Hauptfigur, aber der Autor hat vieles verschenkt, was sich aus dem Stoff hätte machen lassen.