Beiträge von Gesine

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Shalom Weiss, Kapitel 3, "Auferstehung"

    Weiss beschreibt die recht mühsame Zeit nach der Befreiung aus dem Lager und dem Tod seines Bruders Avraham, er, ein Jugendlicher ohne direkten Familienanschlss, ohne feste Bleibe, im stalinistischen Ostblock (Jugoslawien, Ungarn, Tschechien), bis er endlich die Möglichkeit hat, nach Israel einzuwandern. Als er sich einer zionistischen Jugengruppe anschließt, ändert sich sein Leben, seine Stimmung, sie wird heiterer, zuversichtlicher, er hat nun seinen Ort gefunden, auch eine Grupe Gleichaltriger, mit denen er ein gemeinsames Ziel verfolgt. Nach der Gründung des Staats Israel, 1949, kommt er über Wien und Bari endlich in Israel an und meldet sich dort sofort zur Armee. Im Unterschied zu seinen Kameraden hat er keinerlei familiäre Anbindungen in Israel, er ist allein. Trotzdem ist er glücklich und dankbar über sein Leben. Nach seiner Zeit in der Armee, die recht abrupt und durch einen Zufall bedingt endet, nimmt er - als ungelernter Arbeiter und ohne Schulabschluss - verschiedene körperlich schwere Arbeiten an. Dann lernt er Lea kennen, die ein Jahr jünger ist als er, auch aus Ungarn stammt und die Ravensbrück überlebt hat. Beide haben nicht nur die Gemeinsamkeit, dass sie die Todeslager überlebt und dort viele enge Familienmitglieder verloren haben, sondern auch, dass sie ihren Glauben, den sie vor der Shoah selbstverständlich gelebt haben, nun verloren haben und sich dadurch eine große Distanz zu den überlebenden entferteren Familienmitgliedern (Onkel, Tanten), die nun noch stärker religiös sind als vor der Shoah, ergibt. Besonders hart ist, es, was Weiss über die Situation der überlebenden Frauen schreibt: Sie wurden von den in relativer Sicherheit (in Verstecken) überlebenden Familienmitgliedern, in denen die Frauen nicht von ihren Familienmitgliedern getrennt wurden und immer unter der Aufsicht der Väter, älteren Brüder usw. standen, verdächtigt, moralisch verkommen zu sein. Der Kontakt zu den gleichaltrigen Kusinen wurde als unpassend und gefährlich angesehen. Lea entscheidet sich unter dem Eindruck dieser Erfahrungen, nach Israel auszuwandern. Sowohl in Leas als auch in Shaloms Familie gibt es Angehörige, die den Zionismus absolut ablehnen und versuchen, die beiden davon abzubringen. Genau das kommt für beide - unabhängig voneinander, schon bevor sie sich kennenlernten - aber absolut nicht in Frage. Lea und Shalom heiraten, beziehen eine kleine Wohnung, Shalom findet Arbeit als Kranführer in einer Raffinerie, sie bekommen zwei Töchter, und Shalom macht Karriere bis zum Produktionsleiter der ganzen Raffinnerie (was mich beim Lesen sehr beeindruckt hat, obwohl er dies nur in einem Satz erwähnt).


    Er äußert sich auch zu der Frage, warum gerade er überlebt hat:

    Geholfen habe, dass er alle Gefühle von Mitleid, Trauer, Leid, Angst und Sorge in Auschwitz und Bergen Belsen verdrängt habe. Nur die Gefühle, die unmittelbar mit dem Überleben zu tun gehabt hätten, habe er zugelassen. Der Zufall spielt für ihn eine wichtige Rolle, und die Möglichkeit, mit anderen in Gemeinschaft zu sein (vor allem mit seinem Bruder, aber auch mit anderen Jungen aus seiner Stadt). Dann der Umstand, dass er aus einer eher armen Familie kam: die Gewohnheit der Kinder der Armen, selbst für ihre Bedürfnisse zu sorgen - die Kinder der Reichen hätten es demgegenüber viel schwerer gehabt, weil sie genau das nicht gewohnt gewesen seien. Kenntnisse der deutschen Sprache seien wichtig gewesen, aber auch Wagemut, Kreativität und Umsicht. Schuldgefühle, dass er überlebt habe und andere nicht, äußert er nicht.


    Schlussfolgerungen aus der Shoa zieht er auch: 1. Die Notwendigkeit der zionistischen Idee, der Gründung des Staates Israel. 2. Die Ablehnung aller totalitären, diktatorischen Regierungsformen. 3. Das Bewusstsein, dass auch die schwierigsten Situationen sich zum Besseren verändern können. Er beschreibt nachvllziehbar und für mich sehr anrührend das Gefühl von Dankbarkeit, das sein Leben grundsätzlich prägt. Auch heute ist das Trinken von Wasser oder das Schlafen in seinem Bett für ihn nichts Selbstverständliches, sondern etwas, wofür er tief dankbar ist. Er ist dankbar für seine Kinder und Enkelkinder, für seine Familie.


    Im 3. Kapitel erfährt man "nebenbei" beim Lesen viel über die Anfangsjahre des Staates Israel, über seine Armee, die flachen Hierarchien dort, über die Probleme des Alltags (die Wohnverhältnisse!), über die lebenspraktische Einstellung zu Problemen und Schwierigkeiten. Über das Nicht-Thematisieren der Zeit der Shoa - die Überlebenden eint es, dass sie nicht über ihre Erfahrungen in den Lagerrn sprechen. Dass Shalom Weiss sich nun doch entschieden hat, darüber zu sprechen, öffentlich, in seinem Buch, dafür muss man tief dankbar sein. Ein hervorragendes Buch. Ich habe mich schon viel mit der NS-Zeit. dem 2. Weltkrieg und der Shoa beschäftigt und auch schon wirklich sehr viel dazu gelesen, Sachbücher, Romane, Erinnerungen, und genauso auch über die Gründung des Staates Israel und die Geschichte des Judentums in Deutschland überhaupt, aber hier habe ich eine weitere wichtige, neue Stimme hören können: die von Shalom Weiss.


    Das 4.-6. Kapitel, in dem es um das gespräch mit seinen Töchtern und Enkeln geht, werde ich nächste Woche lesen.

    Danke für die Antwort! Dann habe ich dich falsch verstanden. Ich bezog mich auf diese Aussage in Keshias Text:

    "Das Kind war mMn am Ende der Diät bzw. des beschriebenen Jahres "kaputt" fürs Leben." (Tschuldigung, die Zitierfunktuion hier kriege ich rírgendwie nicht hin). Das hatte ich so verstanden, als wenn du dir sicher darüber wärest, dass das Kind "kaputt fürs Leben ist".


    Ich habe auch eine dünne, sogar untergewichtige Tochter - obwohl wir ihr nicht von klein auf eine gesunde Lebensweise vorgelebt haben. Sie ist trotzdem dünn und geht vernünftig mit Essen um. Vielleicht ist es das, was mich etwas stört an der Kritik an der Autorin (wobei ich mich nicht unbedingt auf deinen beitrag bezogen habe; ich habe schon viele sehr kritische Rezensionen dieses buches gelesen): Man denkt, dass man selbst nie in die Situation kommt, dass das eigene Kind adipös wird, weil man selbst ja "alles richtig" macht mit seinem Kind. Beas Bruder ist ja aber auch dünn. Bea ist eben anders - sie hat kaum Impulskontrolle beim Essen, von sich aus wrde sie immer eher zu viel essen, wenn man sie ließe. Und klar haben die Eltern sie zu lange so viel essen lassen, wie sie wollte, das sehe ich auch so. Aber ich kann auch verstehen, dass es schwierig ist, einem Kleinkind das Essen wegzunehmen, wenn es sagt, dass es hingrig sei. Bei meinen Kindern glaube ich nicht, dass wir alles richtig gemacht haben, sondern dass wir eher Glück gehabt haben, dass sie - bisher jedenfalls - so vernünftig sind. Ich kenne etliche Eltern, die ihren Kinder alles richtig und vorbildlich vorleben (Umgang mit Essen, Medien, Konsum, Alkohol usw.), und die Kinder das nicht übernehmen. Wenns mit dem eigenen Kind rundläuft, schreibt man sich das oft zugute und kann dann nicht verstehen, wenn es bei anderen weniger rund läuft. Aber das ist natürlich wieder ein anderes Thema.

    Danke für eure Hinweise und Bemerkungen, auch zum Hinweis auf das Buch "Der Schrecken verliert sich vor Ort", danke, Anne.

    Ja, "Maus" und auch "Metamaus" von Spiegelman werde ich demnächst lesen.


    Shalom Weiss Buch finde ich besonders interessant, weil er zum einen als Erwachsener schreibt, in einem langen zeitlichen Abstand zum Geschehenen, und trotzdem seine eigene damalige Kinder-/Jugendlichenperspektive auf das Erlebte so gut zum Ausdruck bringen kann. Seine teilweise sachliche, unbeteiligt wirkende Schilderung erinnert mich ein bisschen an Imre Kertesz Schreibweise, der ja ähnlich jung war, als er nach Auschwitz gekommen ist.


    Zum anderen hat das Buch noch ein viertes, ein fünftes und ein sechstes Kapitel, das die Fragen von Weiss`Töchtern und Enkeln zu ihrer Lektüre von Teil 1-3 wiedergibt und natürlich auch Weiss`Antworten auf diese Fragen. Der Untertitel des Buches heißt ja auch "Drei Generationen versuchen zu verstehen". In Kapitel 4-6 gibt es viele Bezüge auf Kapitel 1-3 des Buches, die er hier noch einmal erläutert. Wie bei "Maus" geht es wohl auch in diesem Buch um das Gespräch der Nachgeborenen mit den Überlebenden, um ihr Bemühen, zu verstehen, was die Shoa und das Erleben von ihrem Vater/Großvater auch für sie bedeutet. Aber wie gesagt - an dieser Stelle bin ich noch nicht wirklich, hab nur schon ein bisschen vorgeblättert.


    @Holden Caulfield, was mich interessieren würde (falls du antworten magst, natürlich nur): Du schreibst, dass du nicht sicher bist, ob du das Buch "lesen kannst".

    Das habe ich auch von anderen immer mal wieder gehört - gerade in Bezug auf Bcher über die Shoa - dass sie nicht wissen, ob sie es aushalten, das zu lesen.

    Vielleicht bin ich einfach zu abgebrüht, aber mich wundert das immer und ich wüsste gerne, was das bedeutet - falls man das sagen kann. Bei der Lektüre von Shalom Weiss`Buch gestern habe ich z.B. gemütlich in meinem Bett gelegen. Und auch sonst: Weder muss ich frieren, hungern, Angst vor Gewalt, Ermordung oder Tod haben, Zwangsarbeit oder Pogrome erdulden, ich werde nicht permanent gedemütigt, meine Familie ist wohlauf, mein Leben ist also so derartig anders als das von Auschwitz-Häftlingen, dass ich für mich natürlich aushalten kann zu lesen, was sie schreiben. Hätte ich erlebt, was Weiss erlebt hat - DAS hätte ich wohl nicht "ausgehalten", allein schon körperlich nicht. "Auschwitz" ist für mich schon das "ganz Andere", an das ich mit meinem Vorstellungsvermögen niemals wirklich herankomen werde, auch wenn ich Bücher darüber lese. Also: Das Lesen darüber ... ich halte das jederzeit aus. Die Schuldfrage ("warum habe ich überlebt") stellt Weiss sich bis zum jetzigen Punkt der Lektüre kein einziges Mal, er nimmt es vielmehr so hin, dass viele seiner Nachbarn, Mitschüler, Freunde, Familienangehörige ermordet wurden und er eben überlebt hat. Dass er es einfach so hinnimmt, also gar nichts anderes tun kann, als es irgendwie hinzunehmen, finde ich fast noch härter, als wenn er sich in Schuldgefühlen ergehen würde.


    sandhofer, Ja, "Die Nacht" kenne ich auch, auch Wiesels Äußerunge darin über Gott. Diese Rabbiner, die als Häftlinge einen Gerichtshof gegen Gott halten, die Gott schuldig sprechen und dann zu ihm beten. Die Hinrichtung eines Kindes, in dem nach Wiesel Gott zu finden ist. Gott hängt dort am Galgen, er greift nicht ein, er hilft nicht, er leidet selbst und wird ermordet. Das ist schon hart.

    Bei dem Buch von Weiss möchte ich mich nochmal genauer mit den ganzen Bibelzitaten beschäftigen, die er seinen Einzelabschnitten in Kapitel 1-2 voranstellt.

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    Erst einmal - ich weiß nicht, ob das Buch von Shaom Weiss in dieser Rubrik richtig aufgehoben ist. Da es aber seine Lebenserinnerung beinhaltet, möchte ich hier etwas dazu schreiben.


    Shalom Weiss, in Ungarn geborren und aufgewachsen, beschreibt sein Leben und unterteilt dies in drei Abschnitte: "Kindheit", "Shoa", "Auferstehung". Dies sind auch die ersten drei Kapitel seines Buches.


    Kindheit: Er beschreibt, dass er bereits hier brutale Erfahrungen von Antisemitismus durch die nichtjüdischen Ungarn macht (die Pfeilkreuzler vor allem), dass er aber trotzdem insgesamt geborgen zusammen mit seinen fünf Brüdern bei seinen Eltern aufwächst. Vor allem zu seiner Mutter hat er eine sehr positive, liebevolle Beziehung. Er erhält selbstverständlich eine religiöse, traditionelle jüdische Erziehung und Schulbildug, ist aber auch neugierig auf die nichtjüdische Umwelt und kann auch hier Erfahrungen machen und Kontakte knüpfen. Die Familie ist relativ arm. In diesem Abschnitt wird auch die Nachricht vom deutschen Überfall auf Polen erzählt, dann die Ghettoisierung der Juden aus Shaloms Stadt nach dem deutschen Einmarsch in Ungarn und die Deportation nach Auschwitz von ihm, seinen Brüdenr und seiner Mutter - einer seiner Brüder und der Vater sind bereits vorher zum "Arbeitseinsatz" eingezogen worden, die Familie hat keine Nachricht von ihnen.


    Teil 2, "Shoa", beginnt mit der Ankunft in Auschwitz. Seine Mutter und seine drei jüngeren Brüder werden sofort in der Gaskammer ermordet. Er selbst schafft es, zusammen mit seinem älteren Bruder Avraham zu den "arbeitsfähigen" Juden eingeteilt zu werden, obwohl er eigentlich noch zu jung ist. Schon bald erfährt er von der Ermordung seiner Mutter und seiner Brüder und glaubt dies sofort. Kapitel 2 schildert den Lageralltag in Auschwitz, die Zwangsarbeit in einer Raffinnerie und das Überleben bis zum Todesmarsch im Januar 1945, dann den Transport nach Bergen-Belsen und den schrecklichen, völlig ungeordneten Aufenthalt dort, dann den kurzen Aufenthalt in Bremen Farge und wiederum den Transport und Aufenthalt in Bergen Belsen, dann die Befreiung durch die Engländer. Sein Bruder stirbt an Flecktyphus - nach der Befreiung. In Kapitel 1 und 2 wird jeder Unterabschnitt mit einem Bibelzitat eingeleitet, den man zum Inhalt in Beziehung setzen kann - Zusagen Gottes, Verheißungen, aber auch Unheilsankündigungen, wie sie in der Hebräischen Bibel zu finden sind.


    Teil 3, "Auferstehung" beschreibt seine Rückkehr nach Ungarn (über Jugoslawien). Er erhält die Nachricht, dass sein älterer Bruder noch lebt und schlägt sich in seine Heimatstadt durch, um ihn zu treffen. Aber er findet ihn nicht - sein Bruder hat sich den ultraorthodoxen Satmarer Juden angeschlossen und will mit ihnen in die USA gehen. Besonders schwer zu lesen fand ich den Abschnitt "Die Zerstörung des Tempels": Shalom, gerade 18 Jahre alt, steht im Innenhof seines alten Hauses, sein Herz schlägt normal. "Ich bin nicht mitgenommen angesichts dieses Hofes, der einst voll von Kindern war, die es nun nicht mehr gibt. Auch bin ich nicht aufgeregt vor dem Treffen mit meinem älteren Bruder .... und ich höre auch nicht Mutters Ruf zum Abendessen..." Niemand reut sich, dass er wieder da ist, die nichtjüdische Familie, die nun ind er Wohnung seiner Eltern lebt, jagt ihn davon. In der halbkaputten Synagoge (der einzigen von dreien, die geöffnet ist) findet er Unterschlupft für die Nacht, zusammen mit einem anderen Überlebenden, der auf die Frage nach seiner Familie nur "Treblinka, Majdanek, Auschwitz" sagen kann. Über Umwege schließt er sich einer zionistischen Gruppe an und bereitet sich auf die Auswanderung nach Israel vor, indem er Landwirtschaft lernt.

    Bis dahin habe ich bis jetzt gelesen.


    Interessant finde ich, dass Kapitel 3 einen religiösen Titel bekommen hat - "Auferstehung" - dass aber die einzelnen Abschnitt nicht mehr mit Bibelversen eingeleitet werden. An mehreren Stellen klingt durch, dass Shalom nach Auschwitz seinen Glauben verloren hat.

    Mitleid empfinden kann Shalom nur seinen nächsten Verwandten/Bekannten gegenüber, für alles andere reicht die Kraft nicht. Vor dem Todesmarsch beschreibt er, dass eine Gruppe Häftlinge erschossen wird, er und die anderen, die auf den "Todesmarsch" gehen müssen, essen noch eine Scheibe Brot und gehen los. Diese "Gleichgültigkeit" kommt bei der Schilderung mehrere Situationen zum Ausdruck, ich konnte beim Lesen nachvollziehen, dass sie notwendig war, um diese Exremsituation irgendwie bestehen zu können, ohne verrückt zu werden.


    EDIT: Buchverlinkung eingefügt. LG, Saltanah

    Ich finde dieses harte Urteil irgendwie - problematisch.

    Kann man als Leserin des Buches, die weder die Mutter, das Mädchen noch sonst irgendjemanden aus der Familie der Autorin kennt, wirklich sagen, dass die Tochter "kaputt fürs Leben" ist?

    Ich würde mir ein solches Urteil so nicht zutrauen. Das Mädchen wird immerhin als sozial aktiv,fröhlich und selbstständig beschrieben. Mir kam sie beim Lesen ganz normal vor, muss ich sagen. Wie es den Kind jetzt geht bzw. in Zukunft gehen wird, ist doch etwas, was wir als Leserinnen gar nicht so genau wissen und beurteilen können.


    Auch diese Kritik, dass die Eltern zu spät reagiert haben, finde ich schwierig - es wird ja an mehreren Stellen beschrieben, dass Bea als Kleinkind wirklich viel isst, wo andere Kinder längst aufgehört haben (im Kindergarten, bei Geburtstagsfeiern usw.). Klar hätte man da schon reglementieren müssen - also genau das tun, wofür die Mutter dann, als sie das später durchsetzt, massiv kritisiert wird: das Kind nicht alles essen lassen, was es essen möchte.


    Dass ihr in Gegenwart anderer Kinder das Essen reglementiert wird, ist natürlich schwierig. Aber Bea leidet an einer Krankheit, und die Mutter hat Angst um sie, wie es nun mal so ist, wenn ein Kind schwer krank ist. Wenn eins meiner Kinder an einer schweren Nahrungsmittelallergie leiden würde, würde ich das gleiche tun - auch vor anderen Kindern. Und ich würde die Geschwisterkinder nichtimmer absichtlich alle auf die Diät setzen, die für das allergiekranke Kind notwendig ist, weil sich das im Alltag (Schule usw.) sowieso nicht durchsetzen lässt und das kranke Kind auch lernen muss, dann "standhaft" zu bleiben, wenn mama und papa nicht dabei sind, und die anderen Kinder Dinge essen, die für es selbst gefährlich sind. Ich würde versuchen, das zu kochen, was alle essen können, aber immer geht das nach meiner Erfahrung nicht. Adipositas ist eine gefährliche, gesundheitsschädliche Erkrankung, deren Heilung eben dies erfordert.


    Und Sport: Es ist etwas her, seit ich das Buch gelesen habe, aber nach meiner Erinnerung macht das Kind Sport: Ballett. Und später Judo oder irgendweine andere Kampfsportart. Und geht schwimmen. Und spielt draußen. Die Mutter sagt nicht, dass Sport unwichtig ist, sondern nur, dass es fürs Abnehmen nicht viel bringt, sondern dass es dafür mehr bringt, wenn man weniger Kalorien zu sich nimmt.


    Ich bin sehr beeindruckt von dem Buch. Die Mutter macht Fehler und gibt das auch zu. Aber sie schafft es, dass ihr Kind nicht mehr an Adipositas leidet. Das finde ich eine sehr starke Leistung. Und das geht jedenfalls nach meinem Wissen nur durch die Reduktion der Essensmenge. Das, was das Kind zu essen bekommt, finde ich immer noch eine ordentliche Menge. Dass nicht alles supergesund ist , finde ich auch nicht problematisch - welches Siebenjährige Kind isst denn wirklich nur gesunde Vollwertprodukte? Ich habe Kinder (alle schon etwas älter) und achte auch auf gesunde Ernährung, sie trinken durchgängig Leitungswasser, Fertiggerichte uw. gibt es nicht - aber wenn sie woanders essen, ist das eben durchaus mal der Fall, und sie essen immer mal wieder auch ein Eis oder mal Chips oder so. So dramatisch finde ich das nicht, wenn die "Grundlinie" stimmt. Was die Mutter ihrer Tochter beibringt - dass nur eine dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten hilft, ein normales Gewicht zu halten - ist doch auch total richtig. Auch bei Erwachsenen ist es doch so, dass eine erfolgreiche Diät ein ist, die man "für immer" einhält, also eine Essensumstellung, die man sich generell angewöhnen sollte, ansonsten hat man diese Jojo-Effekte.

    Wie würde es Bea gehen,wenn sie adipös geblieben wäre? Möglicherweise würde es ihr psychisch und gesundheitlich super gehen. Möglicherweise wäre sie auch dann "kaputt fürs Leben". Vielleicht auch nicht. Das wissen wir doch einfach nicht. Aber die Menschen mit starkem Übergewicht, dich ich kenne - und darunter sind auch Jugendliche - ich kenne keinen, der darunter nicht leiden würde. Wenn auch nicht psychisch, dann gesundheitlich. Und der sich nicht wünschen würde, "normalgewichtig" zu sein. Und mir würde das auch so gehen.


    Ich fand spannend an dem Buch, dass es ein Problem anspricht, mit dem wir alle leben, egal ob übergewichtig oder nicht: Wir sind mit einem brutalen Überangebot an Essen konfrontiert, ständig. ich lebe in einer Großstadt, wenn ich morgens mit der U-Bahn zur Arbeit fahre, komme ich an zig Kiosken vorbei, die Schokocroissants verkaufen, an zig Bäckern, die "to go" alles mögliche auf die Hand verkaiufen; mittags sind es dann die Nordseebrötchenstände, Ditsch-Pizzabuden, Dönerbuden, mal ein Brötchen zwischendurch. Wenn meine Kinder andere Kinder besuchen, steht da ständig Essen für Zwischendurch auf dem Tisch. Mal Hunger abwarten, ohne sofort etwas in den Mund zu stecken, sich wirklch hungrig an den Tisch zu setzen - das ist eine Erfahzrung, die viele Kinder so nicht mehr unbedingt kennen. Wie man damit umgeht - dazu hat das Buch mir viele Nachdenk-Impulse gegeben (auch wenn ich selbst normalgewichtig bin und meine Kinder eher untergewichtig sind). Aber dass Übergewicht so verbreitet ist in der Bevölkerung und gleichzeitig der Schlankheitswahnsinn in allen Köpfen sitzt - das finde ich eine absolut problematische Entwicklung. In diesem Kontext fand ich das Buch sehr spannend.

    Hallo Anne,

    danke für die ausführliche Liste!

    Einige davon kenne ich - gerade "Das Landgericht" hat beim Lesen einfach nur weh getan, ein hervorragendes Buch, fand ich. "Am Beispiel meines Bruders" fand ich auch sehr gut.

    Ich habe gestern mit "Wie konntest du Mensch sein in Auschwitz" von Schalom Weiss angefangen. Er beschreibt zunächst sein Kindheit in Ungarn, dann im 2. Teil die Deportaion und Haftzeit in Auschwitz, in der er fast die ganze Zeit mit seinem älteren Bruder Abraham zusammensein kann.

    Wenn ich es durch habe, schreibe ich etwas dazu.

    Was mich natürlich interessieren würde: Waum ist das dein Herzensthema, kannst/magst du das sagen?

    Es gibt auch ein recht neues Buch, das im Sommer erschienen ist: "HolocaustZeugnisLiteratur" von M. Rot und S. Feuchert, in dem 20 Bücher vorgestellt werden, da sfinde ich als Überblick sehr gut.

    Ich möchte eine Leseliste erstellen zum Thema "Shoah".

    Ich fange mal an mit zehn Titeln, die ich ab November lesen möchte (werde sie sicher noch ergänzen, aber so fange ich an):

    Gideon Greif, Wir weinten tränenlos

    Tadeus Borowski, bei uns in Auschwitz

    Jean Anery, Jenseits von Schuld und Sühne

    Imre Kertesz, Roman eines Schicksallosen

    Art Spiegelman, Maus

    Ruth Klüger, weiter leben

    Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten

    Ernst Klee, Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde

    Primo Levi, ist das ein Mensch?

    Schalom Weiss, Wie konntest du Mensch bleiben in Auschwitz


    Anfangen werde ich mit Schalom Weiss. "Rezensieren" (also schreiben, was ich dazu denke) werde ich hier auch.

    Sarah Schulman, Die Sophie Horowitz Story

    Uwe Johnson, Mumaßugen über Jakob

    Irmtraud Morgner, Amanda

    Irmtraud Morgner, Trobadoura Beatriz

    Wassili Grossman, Leben und Schicksal

    Amos Oz,Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

    Amos Oz, Man schießt und weint

    Samuel Joseph Agnon, Liebe und Trennung

    Donna Tart, Der Distelfink

    Swetlana Alexejewitsch, Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft