Beiträge von Melanie Metzenthin

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Auguste tut mir leid. Sie mag eine Zimtzicke sein, aber das Leben hat ihr auch übel mitgespielt. Sie ist nicht die erste Frau und wird auch nicht die letzte in der Geschichte der Menschheit sein, die in blinder Verliebtheit auf betörende Worte und Beteuerungen eines Mannes herein fällt, die nicht so gemeint waren. Es hat halt nur bittere Folgen für sie. Dank des Einflusses und des Geldes ihres Vaters konnte man zwar einen größeren Skandal verhindern, aber Auguste wurde nicht nur das Herz gebrochen, nein, sie musste auch noch miterleben, dass die eigene Familie den Lügen ihres Liebhabers glaubt und sie für die Schuldige hält. Das muss weh tun. Sie hat es natürlich besser als viele andere Frauen in ihrer Lage, hat ihre Tochter um sich, weiß, dass es ihr gut geht und dass immer für sie gesorgt sein wird. Doch sie darf sich nie zu ihr bekennen, ihr nie sagen, dass sie ihre Mutter und nicht ihre Schwester ist. Muss mitansehen, wie ihre Tochter zu jemand anderem Mutti sagt. Zudem ist die Gründung einer eigenen Familie in weite Ferne gerückt, da sie nach den Statuten der Erikaschwestern nicht heiraten darf und ihr Vater sie als "beschädigtes Gut" sowieso nicht mehr verheiraten will. Dass heißt, sie hat ein Kind, zudem sie sich nicht bekennen darf, hat aber kaum die Chance, dass sich ihr eventuell vorhandener Kinderwunsch jemals nochmal erfüllen wird. Das stelle ich mir unglaublich hart vor.

    Mir ist es immer wichtig, das Figuren, die negative Charaktereigenschaften haben, in sich stimmig sind, sodass man am Ende vielleicht (natürlich nicht bei allen) auch mal Mitleid bekommen kann, wenn ihre Taten zwar fies aber nicht unverzeihlich sind. Ja, Auguste ist eine Zimtzicke, aber kein wirklich böser Mensch (wie Hannes Steubner). Und genau daher rührt auch ihre Wut auf Martha. Im Grunde beneidet sie Martha darum, dass das, was für Auguste eine "Strafe" ist, ein erstrebenswertes Ziel ist. Martha hat noch Träume und Ziele und kann aufsteigen - Augustes Leben ist im Grunde schon gelebt - weil ihr der Mut zum Träumen und zum Neuanfang fehlt. Sie hat sich in ihrer Nische eingerichtet und hadert dann lieber mit dem Schicksal, anstatt das Risiko einzugehen, etwas zu verändern - weil sie im Gegensatz zu Martha am Anfang viel mehr zu verlieren hatte.

    Hans Steubner bekommt seine Abreibung, bei der ich allerdings kaum Befriedigung verspürt habe. Klar, er ist ein ziemliches Ar...loch und was er mit Milli angestellt hat, ist unfassbar. Allerdings war mir die Abrechnung zu profan und zu brutal. Ich bin kein sonderlich Verfechter davon, Gewalt mit Gegengewalt zu begegnen und auch nicht davon, sich auf das Niveau seines Gegners herabzulassen.

    Komischerweise hat es mich bei Martha nicht so gestört, als sie mit Auguste sprach. Vielleicht, weil Auguste (zumindest theoretisch) eine Wahl gehabt hat. Und weil Martha subtiler vorgegangen ist. Sie hat ihr nicht offen gedroht und sie nicht offen erpresst, sondern versucht, sie mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Letztendlich hat Auguste natürlich eingewilligt, weil sie Angst hat, dass Martha ihr Geheimnis preis gibt. Aber im Endeffekt wissen wir nicht, ob Martha das tatsächlich gemacht hätte, wenn Auguste weiterhin gegen die Beratungsstelle vorgegangen wäre.

    Bei Hannes Steubner wäre keine andere Möglichkeit geblieben. Der damalige "Rechtsstaat" hatte nicht viel Spielraum. Und Paul wollte auch Martha schützen. Also hat er Steubner Angst gemacht. Nicht die feine Art, aber so waren die Männer damals gestrickt ;-)

    Die Beratungsstelle war ein Highlight in diesem Kapitel. Sehr informativ und spannend. Die Lebensumstände waren damals schon sehr hart, besonders für Frauen und das kommt gut rüber! Ich finde es immer wieder faszinierend, von solchen Details zu lesen.

    Ja, die Beratungsstelle fand ich schon beim Recherchieren spannend. Leider habe ich nicht mal rausgefunden, in welcher Straße in der Innenstadt sie war. Deshalb habe ich das auch nie erwähnt. Historisch belegt ist sie allerdings.

    Paul hat mir sehr leid getan nach dem Streik. Er war so voller Idealismus und Leidenschaft, man hat das Feuer, das in ihm brannte förmlich gespürt. Es ist wohl ein Vorrecht der Jugend, so von etwas und sich überzeugt zu sein, dass man keine Einwände gelten lässt und mit dem Kopf durch die Wand will. Das Ergebnis des Streiks ist umso bitterer und für ihn eine mehr als schmerzhafte Lektion, dass man im Leben eben nicht alles erreichen kann, nur weil man es will. Die Einwände der "Großkopferten", die Paul anfangs abgetan hat, erweisen sich als nur zu wahr: Der Winter, die Streikbrecher und das Geld, das ausgeht beenden den Streik, ohne, dass die Arbeitgeber nachgeben mussten. Jetzt können sie - zumindest am Anfang - die Bedingungen diktieren.

    Ja, da ich ja vorher wusste, wie der historische Streik ausgeht, konnte ich das sehr gut als die klassische Entwicklungsgeschichte eines jungen Idealisten darstellen. Paul ist ja auch noch sehr jung und er ist - ebenso wie Martha - davon überzeugt, dass man alles erreichen kann, wenn man nur hart genug dafür kämpft. Nun kam der erste Dämpfer - aber Paul wächst daran, anstatt zu zerbrechen.

    Die Umstände fand ich sehr spannend und interessant geschildert. Ich kann mir nicht vorstellen, eine 72 Stunden Schicht zu arbeiten - ich bin ja nach 24 Stunden schon völlig durch. Wie unmenschlich damals mit den Menschen umgegangen wurde - gruselig.

    Diese 72 Stunden sind tatsächlich überliefert. Ich habe mich auch gefragt, wie die das durchgehalten haben.

    Martha trifft es in diesem Abschnitt auch hart, als sie entlassen wird. Dass ihre Lüge über Auguste so hart auf sie zurück fällt, ist natürlich bitter. Andererseits war es auch ein sehr mieser Zug von Martha damals und irgendwie ist das wohl ausgleichende Gerechtigkeit. Außerdem findet sie ja nun privat ihr Glück: Sie und Paul heiraten und Paul hat auch eine Idee, wie sie sich trotzdem weiterhin verwirklichen kann und nicht nur einfach zuhause den Haushalt führen muss. Allein dafür mag ich ihn. :-)

    Da Martha auch nicht "ganz ohne" ist (so reine Edelmenschen mag ich nicht, auch wenn die Figuren manchmal vielleicht auf dem ersten Blick so erscheinen), war das für mich nur folgerichtig - aber auch hier zeigt sich die Stärke von Martha und Paul: Aus jeder Niederlage kann auch etwas Gutes erwachsen, wenn man sich nicht hängen lässt.

    Ich würde auch Susanne gerne mal erleben, wie sie sich entscheidet, wenn es auch für sie um alles geht und sie nichts hat, was sie auffängt. Ob sie dann auch noch das Recht hat, die moralisch Überlegene zu geben. ;-)

    Ja, das wäre in der Tat interessant.

    Meine absolute Lieblingsszene in diesem Abschnitt war das Gespräch von Milli und Martha über Sex und Verhütungsmethoden. Ich habe herzhaft gelacht. :jumpies: So lange die zwei sich schon kennen, so sehr kann Milli ihre beste Freundin immer noch schocken. Es war einfach herrlich, das zu lesen!

    Da fragte meine Lektorin, ob diese Verhütungsformen wirklich schon bekannt waren. Ich habe sie dann erst mal mit den passenden Links versorgt ;-)

    Das hört sich so an als wenn alle eine schlimme Zeit durchmachen werden. Ich hoffe das du alle Leben lässt. Beruhigend ist nur, dass sie gestärkt aus allem rausgehen, weil sie sich nicht unterkriegen lassen.

    Oh man, ich möchte erst schon mehr:D

    Dafür haben sie in der ersten Hälfte eine tolle Zeit. Da hör ich schon die Kritiker meckern: "Den geht's ja viel zu gut!!! Laaaangweilig!"

    Und dann lesen die gar nicht erst so weit bis dahin, wo es nicht mehr gut ist, obwohl 1913 als Anfangsjahr ja einiges erwarten lässt ;-)

    Ehrlich, ich habe ein wenig Angst davor, das zu lesen =O

    Ich kann dir versprechen, dass sie am Schluss daran wachsen - weil sie alle nicht unterzukriegen sind. Es gibt zwei Sorten von Menschen - die einen, die jammern und mit dem Schicksal hadern und verzweifeln. Solche sind bei mir höchstens Randfiguren. Und dann gibt es die, denen das Schicksal auch mal böse mitspielt, aber die sich sagen, dass Jammern nix nützt und man sich dem Leben wieder stellen muss. Natürlich ist das nicht einfach und gibt immer wieder Rückschläge, aber letztlich schaffen sie es.

    Es war eine Freude, diesen Roman zu lesen. <3


    Auch dieser letzte Abschnitt hat mir sehr gut gefallen. Das Ende kam ein wenig schnell aber das ist ja oft so, und es ist ein passendes, für mich rundes Ende.

    Vielen Dank, das freut mich sehr. Ja, das Ende kommt dann etwas schnell, aber ein längerer Abgesang hätte wiederum die Gefahr in sich geborgen, dass es langweilig wird. Band 2 fängt ja dann später als verlängertes Happy-End an, ehe es so richtig schlimm wird.

    Die ganze Sache um Marthas Tätigkeit im Büro und mit den tollen Frauen drumherum die das leisten - das hat mich sehr neugierig auf diese Thematik gemacht. Man hört ja so oft dass es den Frauen in der Zeit so furchtbar schwer gemacht wurde, aber ich persönlich habe zuvor seltens etwas von den Kämpferinnen aus dieser Zeit in Deutschland gehört. Dabei gab es ja einige. Die Sufragetten kannte ich, aber über andere Frauen war ich mir nicht im Klaren.


    Da hat dein Roman einiges in mir losgetreten, Melanie Metzenthin , und mein ohnehin vorhandenes Interesse verstärkt und mich motiviert :)

    Ich selbst habe auch erst bei Recherchieren für diesen Roman Lida Gustava Heymann kennengelernt und mich intensiver mit der deutschen Frauenbewegung befasst. Es ist sehr schade dass die deutschen Frauen, die genauso kämpferisch wie die englischen waren, in Vergessenheit gerieten - was aber auch damit zusammenhängt, dass sie dann in der Hitler-Zeit komplett in der Erinnerung ausgetilgt werden sollten und nach dem 2. Weltkrieg war auch kein Platz mehr, an sie zu denken, weil da ganz andere Themen im Fokus standen. Umso mehr ist es wichtig, dass man jetzt, aus einer anderen zeitlichen Distanz, auch daran erinnert, welche Möglichkeiten es vor der NS-Zeit in Deutschland gab. Denn da hätte es viele Wege gegeben, aber es ist natürlich nach dem 2. Weltkrieg üblich geworden, immer nur alles mit Fokus auf Hitler zu betrachten. Und da gab es keinen Platz für die Frauenbewegung.

    Mir ist im Übrigen dieser glückliche Zufall bzgl der Hebammentochter und dem Geheimnis um Auguste auch aufgefallen ;) aber ich finde es direkt nicht forciert sondern passt gut in die Geschichte sein und ist auch authentisch genug. Es tut dem Ganzen defintiv keinen Abbruch finde ich! Manchmal gibt es solche Zufälle und außerdem könnte somit der Schmetterlingseffekt gezeigt werden. Hätten sie die junge Frau besser behandelt wäre alles ganz anders gekommen.

    Genau - der Schmetterlingseffekt trifft es sehr gut.

    Und trotzdem tut mir Moritz sehr leid. Ich muss zugeben zwischendurch habe ich daran gezweifelt ob er wirklich so ein guter Kerl ist. Wahrscheinlich war das so gewollt? Das war wirklich gut geschrieben, diese Unsicherheiten und Ängste Millis die sich dann schließlich als was ganz anderes entpuppten. Ich dachte zwischendurch dass Milli richtig liegt. Schön, dass Moritz der Gute ist für den man ihn hält.

    Ja, ein bisschen Unsicherheit hinsichtlich Moritz wollte ich schon lassen. Aber der ist wirklich ein netter Kerl - und auch, wenn er in Band 2 echt viel Schlimmes durchmachen muss, wird er auch daran wachsen.

    Millie wurde natürlich in die Prostition gezwungen, hat sich aber den Beruf zu eigen gemacht und sich selbst einen eigene Rahmen geschaffen. Das finde ich wunderbar. Ich hoffe sie findet einen tollen Weg in der Geschichte.

    Milli hat die Stärke, hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, aber das Beste daraus zu machen. Das sind leider Fähigkeiten, die heute nicht mehr gefördert werden, weshalb viele Leute dann in einer Psychotherapie landen (und die dann oft auch abbrechen, wenn sie an den Punkt kommen, wo die Eigenverantwortung gefordert wird). Natürlich kann man sich über sein Schicksal beklagen und Gott und die Welt dafür verantwortlich machen - aber die Macht, etwas zu ändern, hat man nur selbst. Und da muss man sich dann auch erreichbare Ziele setzen und nicht "alles oder nichts" fordern. Milli weiß, dass sie nur begrenzte Möglichkeiten hat. Und jetzt mit einem Kind die schlecht bezahlte Arbeit als Krankenwärterin zu machen, ist für sie keine Alternative. Zumal ihr Vater das auch nicht zulassen würde, wenn sie deutlich weniger Geld heimbringt. Also arrangiert sie sich mit dem, was sie tun muss und sieht zu, dass es für sie erträglich ist.

    Die politischen Veränderungen sind spannend und unterhaltend.


    Ist es schwierig gewesen, die Reden zu schreiben bzw zusammenzuwürfeln, Melanie Metzenthin ? Ich hätte da wahrscheinlich Schwierigkeiten, mich kurz zu halten.

    Die Reden fielen mir eigentlich recht leicht. Die Quellen kannte ich und wenn meine Figuren aus dem Stehgreif reden, dann flossen mir die Worte auch so aus der Tastatur. Weil das ja selbst heute noch brandaktuell ist.

    Das mit Paul macht mir ehrlich gesagt Sorgen. Ich wünsche Martha die große Liebe aber alles aufs Spiel setzen ist gefährlich. Sie muss da wohl vorsichtig sein..

    Ich bin aber optimistisch dass sie das sein wird. Doof nur, dass es jetzt schon Missverständnisse zwischen ihnen gibt ;)

    Ja, das wird nicht einfach ...

    Im Moment bin ich noch am Schreiben und am Überlegen, ob ich ihn mit Carola verkuppeln sollte - sie ist immer noch Krankenschwester. Moritz ist inzwischen deutlich erwachsener und gereifter. Wäre mal spannend, was Carolas scheinbar so tolerante Familie sagen würde, wenn sie einen so schwer kriegsgeschädigten Mann aus der Unterschicht, dessen Bruder eine Unterweltgröße ist, heiraten will. Den passenden Spruch von Moritz hätte ich schon im Kopf - er würde ihr sagen, vom Namen her wäre es wohl ein Abstieg, immerhin heißt sie Engelmann und er Kellermann ;-)

    Ein paar Hautverpflanzungen später

    Ab wann gab es Hautverpflanzungen und wie nannte sich diese Methode?


    Lg!

    Ab genau dem 1. Weltkrieg wurde es erstmals in größerem Stil probiert und man nannte es tatsächlich Hautverpflanzungen. Im Roman spezialisiert sich Dr. Liebknecht dann darauf. Und Martha findet auf diese Weise auch zurück in den OP - denn im Krieg sind Schwestern knapp und das ändert vieles ...

    Der arme Moritz! Du mutest dem armen Kerl ganz schön viel zu, Melanie! Ich hoffe ja trotz allem noch auf ein glückliches Leben für ihn!

    Er hängt gerade in einem tiefen Loch, aber er kommt da wieder raus. Ein paar Hautverpflanzungen später und nach einer beinprothetischen Versorgung und einer armprothetischen Greifzangenversorgung (alles nur nach den gerade neu erfundenen Hautverpflanzungen möglich, weil die Stümpfe sonst nicht zu versorgen waren) ist er immerhin nicht mehr bettlägerig. Aber das dauert seine Zeit - und er muss dann ja auch noch wieder was mit seinem Leben anfangen - Jobs für einarmige einbeinige Unteroffiziere und ehemaligen Rausschmeißer sind nicht so reich gesät ...


    Das freut mich jetzt riesig. Also, ich wäre schon neugierig

    Okay, du hast es so gewollt. Alle, die es nicht wollen, sollten jetzt nicht weiterlesen - denn das Leben ist im 1. Weltkrieg kein Ponyhof - schon gar nicht für Moritz ...