Beiträge von Melanie Metzenthin

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Und Paul entwickelt sich so langsam zu meinem Helden. Wir er den schrecklichen Stiefvater und seine Kumpanen in die Schranken weist, ist absolut unbezahlbar. Der wird nun hoffentlich endlich Ruhe geben. Eine läppische Geldstrafe war auch viel zu mild für ihn.

    Tja Paul ist da auch ganz handfest - der ist ja auch im Hafen aufgewachsen als Sohn eines Schauermanns. Er hatte halt Glück, dass seine Eltern das Schulgeld für ihn hatten. Die Karriere hätte Heinrich auch haben können, wenn es die Cholera nicht gegeben hätte.

    Soso, Marthas Gefühl hat sie also nicht getrogen … die liebe Auguste hat in der Tat eine uneheliche Tochter, die die Familie als Kind der Mutter ausgibt. Was für ein Glück, dass das Mädel aus Stuttgart auftaucht. Martha zeigt mal wieder viel Charakter und schließt mit Auguste Waffenstillstand. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte Frau.

    Der Zufall mit der Frau aus Stuttgart wurde von meiner Lektorin noch mal andiskutiert - aber letztlich fanden wir keine bessere Lösung, wie es ans Licht kommen könnte. Und manchmal gibt es ja besondere Zufälle im Leben - hier scheiterte Familie Feldbehn wieder an ihrer Hartherzigkeit - hätten sie die junge Dame unterstützt, hätte Martha davon nie erfahren ...

    Tja, und dann kommt der 18. April … der Tag an dem Milli nach Amerika geht, das hat mir ja schon ein wenig die Tränen der Rührung in die Augen getrieben. Besonders als Moritz sich von ihr verabschiedet. Liebe Melanie, wir sehen Milli aber wieder, oder? Ich bin schon sehr gespannt, wie es ihr ergehen wird. So ein wirklich gutes Gefühl habe ich ja nicht bei der Sache ….

    Martha und Milli bleiben immer per Brief in Kontakt. Und Band 2 beginnt 15 Jahre nach Millis Abreise. Martha erhält ziemlich am Anfang des Buches folgenden Brief von Milli. Den spoilere ich euch schon mal:


    Zitat

    Meine liebste Martha, las sie.

    Es ist so lange her, dass wir uns gesehen haben. Erinnerst Du Dich noch daran, wie ich vor fünfzehn Jahren bei meiner Abreise sagte, Lawrence ist vermögend genug, um Dir und Paul irgendwann einmal eine Überfahrt zu finanzieren? Lange Zeit gingen unsere alltäglichen Pflichten vor und ich weiß, dass es für Paul vermutlich nicht so ohne weiteres möglich sein wird, länger als einen Monat seiner Arbeit fernzubleiben. Aber das sollte mich nicht daran hindern, Euch dennoch zur Hochzeit Deiner Patentochter Anna einzuladen, die am Freitag, den 27. Juni 1913 stattfinden wird. Lawrence hatte die wunderbare Idee, für Paul, die Kinder und Dich Passagen in der zweiten Klasse für die Jungfernfahrt auf dem deutschen Schiff Imperator zu buchen. Du solltest mal sehen, wie viel Werbung die Reederei sogar hier in New York für das größte Schiff der Welt macht. Lawrence meinte, es ist doch ein Wink des Schicksals, wenn die Jungfernfahrt des größten Schiffes der Welt kurz vor der Hochzeit unserer Tochter in der Heimatstadt meiner besten Freundin beginnt. Es wäre wunderbar, wenn Ihr kommen könntet. Besprich es doch umgehend mit Paul. Es wäre Lawrence sogar so viel wert, Euch alle hier zu haben, dass er Euch den Lohnausfall erstatten würde, wenn Paul der Arbeit fernbleibt. Wie gesagt – Lawrence kann es sich leisten. Manchmal stelle ich mir vor, jene giftigen Weiber, die einst auf mich herabgesehen haben, weil sie sich für etwas Besseres hielten, könnten unser Haus mit den zahlreichen Dienstboten sehen. Dagegen verblassen viele der Hamburger Villen. Natürlich ist Geld nicht alles, ich habe hier auch mein persönliches Glück gefunden, aber davon erzähle ich dir, wenn wir uns persönlich sehen. Schreib alsbald, ob wir die Schiffskarten kaufen sollen, wir werden das dann alles mit diesem neumodischen Überseetelegrafen anweisen. Du würdest mir eine so große Freude machen!

    Deine Freundin

    Milli

    Wurde dieses gewünschte Zölibat der Krankenschwestern eigentlich irgendwie begründet? Und wer hat das eigentlich "erfunden"? Und - das wurde hier schon geschrieben - von Männern würde das nie verlangt werden.

    Ärzte durften doch problemlos heiraten und Krankenwärter wie dieser gruselige Probst doch sicher auch.


    Abgesehen davon - das war eh noch nie ein familenfreundlicher Beruf ;)

    Krankenwärterinnen durften auch verheiratet sein.


    Die elitären Krankenschwestern aus besserem Hause sollten sich ganz der Aufgabe widmen. Die Gründerin der Erika-Schwesterschaft, Hedwig von Schlichting, wollte eigentlich sogar noch seelsorgerische Tätigkeiten für die ansich weltlichen Schwestern einführen. Das gab aber immer Streit mit dem ärztlichen Direktor. Ich habe das Thema weggelassen, weil das den Rahmen gesprengt hätte. Außerdem hätte es eine Katholikin wie Susanne da noch mal schwerer gehabt, da man sich eigentlich auf evangelische höhere Töchter spezialisiert hatte. Aber da es eben keine Diakonissen waren, war die Konfession nicht so statisch.

    Dass Auguste Feldbehn das nicht einfach so schlucken würde, hatte ich mir beinahe schon gedacht, aber ich hatte noch mehr Schikanen von ihrer Seite erwartet. Aber bisher ist das alles nichts, mit dem Martha nicht fertig werden würde. Wie sie Auguste aus dem OP-Saal verbannt hat, war zwar nicht die feine Art, aber ganz ehrlich, ich kann sie dafür nicht verurteilen. Das ist in jedem Fall besser, wie wenn Auguste auf Kosten der Patientengesundheit versucht, Martha bei den Ärzten schlecht zu machen, das ist viel schlimmer.

    Tja, Martha ist eben auch nicht nur edel und gut - die hat auch Ecken und Kanten ;-)



    Als wir den Vater von Auguste kennenlernen, wundert es mich allerdings nicht mehr, dass sie so ist, wie sie ist. Wobei ich immer wieder das Gefühl habe, dass da noch mehr bei ihr ist - auch Martha hat ja dieses Gefühl von "Halbherzigkeit". Ob es stimmt, dass sie ein Kind bekommen hat und nicht ihre Mutter? Ich könnte mir vorstellen, dass auch Augustes Leben weit davon entfernt ist, frei zu sein.

    Wir werden noch später mehr über Auguste erfahren und auch noch ihre Mutter kennenlernen.


    Dass sich Marthas Vater wieder so weit gefangen hat und als Leiermann mit Äffchen so gut unterwegs ist, hat mich sehr gefreut. Auch bei dem Schlagabtausch mit Feldbehn hatte er richtig gut agiert. Ich befürchte allerdings, dass dafür irgendwann eine Retourkutsche kommen könnte.

    Karl Westphal hatte zwar Schwächlingsphasen - aber einen Teil ihrer Stärke hat Martha von ihm - unter anderem auch die Redegewandtheit.

    Das Verhältnis mit Susanne ist ein Auf und Ab ... schade, dass Susanne so eine schlechte Meinung über Prostituierte und andere Frauen in Not hat, ansonsten ist sie echt patent und ich finde es toll, dass sie sich wie Carola und Martha für die Notleidenden einsetzt.

    Das Verhältnis bleibt spannend, das verspreche ich.



    Ansonsten geht es auch Milli ganz gut, sie kann sich ihre Kundschaft aussuchen. Wobei die dritte Gruppe mit dem homosexuellen Männern sicherlich die angenehmste Gruppe ist. Schon traurig, zu welchen Tricks die Männer damals greifen mussten, damit niemand Verdacht bezüglich ihrer sexuellen Orientierung schöpft, weil das ja strafbar war :(

    Das ist übrigens noch wichtig für später ;-)

    Nun kommt auch eine romantische Komponente mit Paul Studt hinzu. Aber es ist doch wieder typisch, dass Erika-Schwestern nur als unverheiratete Frauen ihren Beruf ausüben dürfen, bei einem Mann würde danach kein Hahn krähen :cursing:

    Ja, das war schon ziemlich hirnrissig ...



    Die damaligen Arbeitsbedingen, die sich immer weiter verschärfen, können wir uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Unsereiner fragt sich direkt, warum haben die Arbeiter das damals mit sich machen lassen und sind nicht schon früher aufgestanden, um dagegen zu demonstrieren, aber die armen Menschen mussten damals damit rechnen, dass es sonst noch schlimmer für sie wird. Da wird einem wieder mal so richtig bewusst, was für ein gutes Leben wir heute führen, bei dem jeder auf Demos gehen kann, ohne danach um seine (finanzielle) Existenz fürchten zu müssen.


    72-Stunden-Schichten ... das muss man sich mal vorstellen. Dass sich dann die Unfälle häufen, ist ja wohl kein Wunder, aber die Arbeitgeber interessiert das überhaupt nicht, es gibt ja genügend Menschen, die froh sind, überhaupt einen kleinen Lohn zu bekommen, auch wenn diese Menschen durch die Cholera stark ausgedünnt wurden.

    Und die Arbeitgeber kapierten einfach nicht, dass sie sich viel mehr einen Gefallen tun würden, wenn sie ihre Arbeitskräfte pfleglich behandeln würden, weil es dann viel mehr Produktivität und weniger Unfälle geben würde. Aber ein Menschenleben war damals einfach nichts wert.


    Der Zusammenhalt und die Unterstützung während der großen Streiks ist wirklich enorm - endlich zeigt sich mal eine Solidarität, teilweise durch alle Schichten. Ich befürchte allerdings, dass die Oberen den längeren Atem haben könnten, aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich vielleicht doch mal endlich was ändert.

    Ja, verglichen mit dem, was diese Menschen erdulden mussten, ist das, was wir heute beklagen, pillipalle. Vor allem, da diese Generation später auch noch zwei Weltkriege erleben durfte ...

    Ha, mir kam es so vor, als wenn Martha dafür verantwortlich ist, dass es die Patientendokumentation gibt. Sozusagen als Vorreiter. Melanie Metzenthin , ist bekannt ab wann es das gab?

    Dokumentation gab es schon immer, allerdings war die oft sehr spärlich. Ich habe noch Akten aus den 20er Jahren gesehen, wo bei Langzeitpatienten in Psychiatrien nur zweimal im Jahr dokumentiert wurde.



    Schön das Martha auch mit ihrem Wissen bei den Mädels mit den Schrumpfköpfen aufwarten konnte. Doch was sich aus so einen kleinen Austausch dann entwickelte zeigt mir, was die jungen Damen so beschäftigt. Die Toleranz zwischen Susanne als Christin und Carola als Sozialistin (Sozialdemokratin) ist praktisch nicht gegeben. Obwohl es doch gemeinsame Ziele gibt, vertritt jeder sein Standpunkt. Schade eigentlich.

    Warte mal ab, wie sich das alles noch entwickelt. Eine Testleserin, die selbst katholisch ist, war über diese Szene erbost, weil sie meinte, dass die Katholiken da dumm dargestellt werden. Ich habe ihr geraten, das Buch erst mal zu Ende zu lesen ;-) - es wird noch was kommen.


    Aber erst zu Marthas Vater. Cool das er nun Leierkasten Mann ist und sogar von Heinrich einen Affen bekommen hat. Was erst belächelt wurde ist schon ein kleiner Erfolg. Das Fest für die Kinder war schön, aber für mich überschattet, von dem Disput mit Augustes Vater. Irgendwie macht mir das Sorgen, denn gerade jetzt läuft es gut und ich möchte nicht das Marthas Vater das wieder genommen wird.

    Heinrich macht sich hervorragend und geht seinen Weg indem er eine Ausbildung zum Vollmatrosen macht. Im Nachhinein war es die beste Entscheidung die Heinrich getroffen hat. Er hat sogar einen Papagei

    Heinrich bleibt der See treu - ich denke, ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass er in Band 2 Käpt'n ist und den Papagei noch immer hat.



    Nun folgt der Streik, leider habe ich gegoogelt und kenne den Ausgang.

    Ja, aber der Weg dahin und das, was danach folgte, bleibt hoffentlich spannend.

    Sehr gut gefallen haben mir übrigens die Ausführungen des Wachtmeisters, was für ein besonnener und vernünftiger Mann.

    Den habe ich im Grunde das zusammenfassen lassen, was die Quintessenz des Streiks war. Der Streik war ja zunächst eine Niederlage - aber er hat letztlich etwas bewirkt, das erst auf den zweiten Blick sichtbar wurde. Und das wollte ich sowohl den Lesern als auch Paul klar machen.


    Melanie, du verstehst es wirklich wunderbar, die Eindringlichkeit der politischen Situation lebensnah darzustellen und nebenher ein kleines Pflänzchen der Liebe sprießen zu lassen, ohne je kitschig zu wirken, gefällt mir sehr gut!

    Vielen Dank! Bei mir sind die Liebesgeschichten ja ohnehin immer so, dass sie auf partnerschaftlichen Beziehungen, die von gegenseitigem Respekt geprägt sind, beruhen. Deshalb sind die Beziehungen meiner Helden dann auch beständig in schwierigen Zeiten.

    Mal wieder schmunzeln musste ich als Milli Martha ein Aufklärungsgespräch hält. Ich sah die Arme direkt vor mir, wie sie abwechselnd rot und blass wurde. So selbstbewusst sie sich an einem Rednerpult geben mag, das ist doch noch Neuland für sie 😉

    Ja, genau. Aber daraus lernt sie dann auch was für später - das kommt im nächsten Abschnitt. Und damit meine ich keineswegs ihr eigenes Sexleben.



    Apropos Milli … mensch, die Arme … das hat sie nicht verdient, vom eigenen Vater zusammengeschlagen zu werden. Sie hatte doch so große Pläne und nun ist das harterarbeite Geld wieder futsch …


    Beeindruckt war ich übrigens von Susanne, du hattest recht, liebe Melanie, dass ich sie im Auge behalten sollte

    Ja, für Milli ist es in diesem Abschnitt ganz schlimm - jetzt ist sie ganz am Boden. Aber wenn es nicht weiter abwärts gehen kann, gibt es noch eine andere Richtung. Und Milli ist ja mein heimlicher Liebling.


    Susanne und Carola sind beide Marthas Freundinnen, aber sie sind nicht so sicher einschätzbar wie Milli. Auf Milli konnte Martha sich immer verlassen. Auf Susanne und Carola nur bedingt und nicht mit vorhersagbarer Sicherheit. Ich wollte deutlich machen, dass Carola ein Kind aus behütetem Haus ist, die zwar mit dem Herzen und dem Mund viel bei der Sache ist, aber niemals in ihrem Leben wirklich ein Opfer bringen musste. Und als das verlangt wird, schreckt sie zurück. Da erkennt sie, dass es gar nicht so leicht ist, wie sie immer propagierte. Susanne hingegen glaubt (sie ist ja gläubig), dass man für seine Meinung einstehen muss - koste es was es wolle. Natürlich hat sie auch einen Plan B, aber sie weiß nicht, ob er aufgeht und eigentlich hatte sie wirklich gehofft, dass sich auch Carola erheben würde und dann am Schluss alle - so wie in Kubriks Spartakus in der bewegenden Szene am Ende, wo jeder sagt "Ich bin Spartakus". Aber das ist eine Utopie. Menschen sind nicht so - nicht mal gute Freunde würden ohne wenn und aber ihre Existenz riskieren. Jedenfalls nicht alle. Und Carola hat über sich gelernt, dass sie in diesem Moment feige war. Dafür schämt sie sich, aber sie kann es nie mehr ändern. Vielleicht hätte sie den Ausschlag geben können, dass sich alle erhoben hätten. Aber sie blieb sitzen und gab dadurch den Ausschlag, dass alle außer Susanne sitzen blieben - denn warum soll man sich für jemanden erheben, für den nicht mal die scheinbar beste Freundin aufsteht?


    Irgendwann wird aber die Zeit kommen, viele, viele Jahre später, da kann Carola dann doch noch mal über sich hinauswachsen. Aber nicht mehr in diesem Buch.

    Ich bin gestern auch mit diesem Abschnitt fertig geworden und bin gespannt wie es weiter geht. Ich hätte es anders erwartet, mehr Krankenhausalltag zur damaligen Zeit, wie zB die Nightingale Reihe von Donna Douglas. Das Buch hier geht in eine andere Richtung (Frauenrechte, politisches Engagement,.. ), nicht minder interessant :-)

    Ja, wer ein reines Krankenhausbuch erwartet, könnte evt. enttäuscht sein, weil es mehr ein soziales Sittengemälde ist. Umso mehr freue ich mich, dass es dir gefällt.

    Könntest Du das ein wenig näher erklären? Danke!


    Ich habe gerade versucht, dir eine PN zu schicken, bin aber irgendwie mit dem Forum nicht klar gekommen, wo die PN-Funktion ist. Ich schreibe noch unter einem Pseudonym humorvolle Sachbücher, aber das Pseudonym lüfte ich nicht öffentlich. Wenn du dich mit einer PN-Funktion auskennst und mir eine schickst, kann ich es dir verraten und auch das Buch, um das es geht. Meine FB-Freunde aus der Leserunde wissen dass aus dem geschlossenen Freundes-FB-Bereich.

    Ich habe jetzt rausgefunden, wie man Mails verschicken kann. Du hast also eine Mail, Ysa

    Millies Schicksal wird ja in einem eigenen Kapitel beleuchtet. Selbst Martha weiß nichts davon. Das geht einem schon sehr nah. Und es ist sehr verständlich, dass sie es mit sich selbst ausmachen möchte, um nicht wieder wieder durch das Erzählen und Rückfragen an das Erlebte erinnert zu werden.

    Ich denke, Moritz meint es wirklich ehrlich mit ihr, aber sie hat Angst, dass er später so werden könnte wie ihr Stiefvater.

    Überhaupt, dass man im Alter von 12 (Heinrich) und 14 (Martha) schon arbeiten muss. Damals war es üblich, heute ist es zum Glück anders.


    Diese Trinkbesserungsanstalten, gab es die damals wirklich schon und wie lief es da ab ? Hatte es zum Teil auch Aussicht auf Erfolg?

    Moritz meint es wirklich ehrlich mit Milli. Der ist echt ein netter Kerl. Aber Milli hat kein Urvertrauen mehr zu Männern.


    In den Trinkerheilanstalten führte man damals den körperlichen Entzug durch. Psychotherapie wie heute gab es noch nicht. Nach dem Entzug wurden die Leute entweder entlassen oder - wenn sie ihren Verstand bereits komplett vertrunken hatten (heute nennt man das dann Korsakow oder Wernicke-Enzephalopathie - je nachdem) blieben sie auch dauerhaft dort.


    Wer dauerhaft dort blieb, wurde ähnlich beschäftigt wie psychiatrische Patienten in den Landesheilanstalten - Landwirtschaft oder Körbeflechten. Körbe zu flechten ist übrigens der Renner für psychisch Kranke oder geistig Behinderte oder durch den Alkohol geschädigte Menschen - das wird nämlich bis heute in solchen Einrichtungen überall angeboten. Ich frage mich nur, wo die ganzen Körbe abbleiben. Sogar in Hamburg gibt es bei den Alsterdorfer Anstalten noch eine Korbflechterei.


    Es gab auch Trinkerheilanstalten speziell für Frauen. Zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts in Hamburg in der Anscharhöhe. Aber die meisten Trinkerheilanstalten waren für Männer.


    Im 3. Reich wurden die Insassen der Trinkerheilanstalten dann systematisch sterilisiert, denn sie fielen unter das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.

    Mein Vater erzählte mir, wie sie noch in den 30er Jahren immer in Zeitungspapier eingewickelte Pfennige (damit die nicht wegspringen) aus dem Fenster warfen, wenn wieder der Leierkastenmann mit seinem Affen da war. Das war immer für alle eine Schau.

    Das sind so spannende Informationen, die man sonst nirgends bekommt! ;)

    Ja, da war mein Vater zu seinen Lebzeiten eine wahre Fundgrube. Dieses Detail mit den Münzen im Zeitungspapier fiel auch meiner Lektorin positiv auf.

    Und Milli? Eine kluge Frau, die sich zu helfen weiß! Wie sie sich den Amtsvormund im wahrsten Sinne des Wortes vom Leib hält, erinnert an Lisbeth Salander - toll gemacht. Aber war das tatsächlich zu dieser Zeit schon möglich? Mussten die Menschen nicht ewig ruhig stehen bleiben, damit ein Bild scharf werden konnte? Egal - diese Geschichte gefällt mir einfach!

    Nein, das wäre so tatsächlich erst 10-15 Jahre später möglich gewesen wegen der Belichtungszeiten. Ich kläre das auch im Nachwort auf. Aber da mir dieser Handlungsstrang so gut gefiel, habe ich es gelassen und die Aufklärung ins Nachwort gesetzt. Manchmal gönne ich mir solche Freiheiten, wenn sie der Geschichte dienen und ich sie später aufkläre.


    Gab es diese Lida Heymann wirklich? Die Idee, eine Nähschule für Mädchen zu machen, hat sicher vielen, ein Leben ohne Prostitution ermöglicht.

    Ja, Lida Gustava Heymann ist historisch belegt. Eine ganz große Hamburger Frauenrechtlerin, die leider auch weitestgehend in Vergessenheit geriet, obwohl mehrere Straßen nach ihr benannt wurden. https://de.wikipedia.org/wiki/Lida_Gustava_Heymann


    Dass Karl jetzt als Leierkastenmann mit Äffchen arbeitet ist auch eine tolle Idee. Waren die Leierkasten tatsächlich so extrem teuer?

    Na ja... es war eine Existenzgrundlage. Und so wie es beschrieben war, hat er eigentlich ganz passabel verdient.

    Leierkästen waren sehr teuer - sind sie heute noch. Und Äffchen waren damals Standard für Leierkastenmänner. Aus heutiger Tierschutzsicht ist das natürlich nicht mehr so optimal, aber Karl hat sich sehr um Koko gekümmert, der war dann zwar nicht artgerecht als Affe gehalten, aber verglichen mit anderen Affen ging es ihm gut. Im nächsten Band taucht er auch noch kurz auf, stirbt dann aber mit 19 an Altersschwäche.

    Hmmm ... da bin ich nicht so ganz Deiner Meinung odenwaldcollies . (wahrscheinlich weil ich selber DGKP bin ;) )

    Lohn ist immer die offizielle Anerkennung der Leistung und nicht Almosen. Warum sollten also Töchter aus wohlhabenderen Familien darauf verzichten? Abgesehen davon: der Verdienst ist so minimal, dass er eh eher symbolischen Charakter hat. Aber es reicht, um dem Beruf ein wenig mehr "Prestige" zu geben und ihn auch von der Mildtätigkeit kirchlicher Institutionen abzugrenzen.

    Da bin ich ganz bei dir.

    Könntest Du das ein wenig näher erklären? Danke!


    Ich habe gerade versucht, dir eine PN zu schicken, bin aber irgendwie mit dem Forum nicht klar gekommen, wo die PN-Funktion ist. Ich schreibe noch unter einem Pseudonym humorvolle Sachbücher, aber das Pseudonym lüfte ich nicht öffentlich. Wenn du dich mit einer PN-Funktion auskennst und mir eine schickst, kann ich es dir verraten und auch das Buch, um das es geht. Meine FB-Freunde aus der Leserunde wissen dass aus dem geschlossenen Freundes-FB-Bereich.