Beiträge von Ralf28

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Hallo


    Nun, Instetten ist ja nicht der Erste Beste. Er ist Landrat, gediegen, und die Mutter von Effi sagt ja auch: Wenn du ihn nimmst, bist du mit 20 da, wo andere erst mit 40 hingelangen.".


    Das war für die damalige Zeit ein sehr starkes Argument. Und Instetten ist ja auch besorgt um seine Gattin, erfüllt ihre Wünsche und versucht, sie in seinem Rahmen zu verstehen.


    Da gab es damals ganz andere Typen. Ich denke so an die ostelbischen Junker, die mit der Reitpeitsche durchs Haus liefen, ihre Angestellten kujonierten und ihre Dienstmädchen besprangen.


    Otto von Bismarck war in seiner Jugend berüchtigt dafür, dass er jedem Dienstmädchen unter den Rock griff und alles mitnahm, was er kriegen konnte. Man darf sich die Situationen auf dem Land nicht so vorstellen wie heute.


    Ich behaupte mal, dass Instetten für diese Zeit und für diese Schicht ein sehr begehrenswerter Mann war, und jede Mutter wäre froh gewesen, wenn sie ihre Tochter an so einen Mann gebracht hätte.


    Wir dürfen nicht unsere heutigen Urteile auf die damalige Zeit projezieren.


    Ralf

    Was den Standesdünkel angeht, nun der war damals in allen Schichten verbreitet.


    Ich habe noch als Kind von meiner Grossmutter, die in der wilhelminischen Zeit gross wurde, den Spruch gelernt: "Geniesse, was dir Gott beschieden, Begehre nicht, was du nicht hast. Ein jeder Stand hat seinen Frieden, ein jeder Stand hat seine Last."


    Die einzelnen Schichten der Gesellschaft waren damals noch viel getrennter wie heute, und der sogenannte Standesdünkel schlug sich zum beispiel im Ignorieren wieder. So sah die Frau eines Hauptmanns über die Frau eines Soldaten völlig hinweg, nahm ihre Existenz einfach nicht zur Kenntnis.


    Liebesheiraten galten als Privileg untererer Schichten, so im Proletariat. Die höheren Stände sahen auf soziale Gleichheit, die Frauen hatten eine gute Partie zu machen. Gefühle spielten da kaum eine Rolle, die Liebe kam mit der Ehe.


    Das kann man noch in den "Buddenbrooks" nachlesen, wo Tony und Thomas Buddenbrook beide ihre Liebe aufgeben, um eine standesgemässe Partie zu heiraten. Nun, und das wollen auch die Eltern von Effi, das Beste für ihre Tochter.


    Ralf

    Hallo


    Dieses "Effi komm" ist einer der Schlüsselsätze in dem Roman, so die Aussage meines ehemaligen Professors in einem psychoanalytischen Seminar über "Effi Briest".


    Gleich zu Beginn des Romans, als sich von Instetten nähert, rufen die Freundinnen sie hinweg. Effi wird eingeführt als "Immer am trapez, immer Tochter der Luft", die erste direkte Rede im Roman.


    Und dieses Mädchen soll den ernsten Instetten heiraten? Instinktiv spüren die Freundinnen das und wollen sie zurückholen.


    Schon hier bahnt sich der Grundsatzkonflikt des Romanes an.


    Ralf

    Hallo


    Natürlich gibt es ein paar Frauen, die diese Art Romane mögen, genau wie umgekehrt es ein paar Männer gibt, die "Frauenromane" goutieren. Aber das dürfte eine kleine Minderheit sein.


    Ich lese seit Jahrzehnten mit Begeisterung die "Flashman"-Reihe von MacDonald Fraser. DieseReihegehört zum Besten, was ich in der Gegenwart an Abenteuerromanen gelesen habe. Aber ich stelle mir gerade vor, wie eine im feministischen Zeitalter gross gewordenen Frau auf diese Romane reagieren würde, tja, und da kann ich die Reaktionen nachvollziehen.


    Männerliteratur zeichnet sich dadurch aus, dass genau wie bei der Frauenliteratur aus weiblicher. die Welt aus männlicher Perspektive wahrgenommen wird.


    Ich bin auch ein grosser Fan der Sharpe-Reihe von Cornwell und habe alle zwanzig Bände gelesen. Es geht da um einen Soldaten im Peninsular-War, der sich vom Private zum Colonel hocharbeitet. Die Romane sind richtiges Lesefutter und handeln vom Krieg und seinen Auswirkungen. Unglaublich spannend und realistisch beschrieben.


    Mit freundlichen Grüssen


    Ralf

    Hallo


    Natürlich gibt es "Männerliteratur"


    Diese ist allerdings in Deutschland meist durch englische und amerikanische Übersetzungen vertreten.


    Es gibt die Clancy-Romane, die politischen Thriller


    Vor allem Grossbritannien hat einige sehr schöne Männerliteraturreihen hervorgebracht.


    Ich denke da an die "Flashman"-Romane, an die Abenteuer von Hornblower, die Marineromane von O´Brian, und last not least die Scharpe-Romane von Cornwell.


    Mit freundlichen Grüssen


    Ralf

    Hallo


    Das kann ich nur bestätigen.


    Was mir bei der Lektüre klar wurde, ist, dass man auch in der damaligen Zeit nicht mitzumachen brauchte, wenn man gewillt war, soziale und finanzielle Entbehrungen zu ertragen. Dazu waren die meisten aber nicht bereit, und das dürfte heute auch kaum anders sein. Im Gegenteil, sehr viele haben doch von den Judenverfolgungen finanziell und privat, zum Beispiel durch billigen Häuserkauf, profitiert.


    Sehr schön ist der familiäre Konflikt zwischen der Mutter, die aus bürgerlichem Hause stammend und einen gewissen Konfort erwartend ,sich zur Hausfrau ohne Dienstmädchen und mit sehr wenig Geld degradiert fand, und dem Vater, der eisern bei seiner Linie blieb, beschrieben.


    Was mir auch zu denken gab, ist die Geschichte mit dem Wissen um Auschwitz. Der Vater ahnte relativ früh, dass es auf einen Massenmord an den Juden hinauslief, konnte aber auf Grund seiner prekären Situation gar nichts unternehmen. Wie Fest es beschreibt, ist der Hass seines Vaters auf die Nazis und den Führer noch grösser geworden, als er davon erfuhr, aber auch seine Verzweiflung. Deshalb kann ich auch besser die Menschen verstehen, die davon nichts hören wollten, denn was sollten sie mit einem so furchtbaren Wissen anfangen, ohne dass sie die Möglichkeit hatten, etwas dagegen zu tun.
    Manchmal kann Nichtwissen auch ein Schutz gegen Verzweiflung sein. Das gilt natürlich nicht für die Generäle und hohen Beamten. Die haben die Augen meist fest zugemacht.


    Insgesamt eine wunderbare Geschichte über Zivilcourage und Heldentum in einer furchtbaren Zeit.


    Mit freundlichen Grüssen


    Ralf

    Hallo


    Ich habe die Biografie schon als Jugendlicher gelesen und fand das Buch sehr gut lesbar. Fest hat fast die gesamte Literatur zu Hitler verarbeitet, und das Buch ist sein Opus Magnum geworden.


    Er hat keinerlei Sympathien für Hitler: Man lese als Beweis dafür den Exkurs über Hitler als Privatmann, wo Fest in gänzlich unappetitliche Leere greift. Aber Hitler hatte neben vielen negativen Eigenschaften auch politische Genialität, und wenn man das ganze Buch liest, erstaunt man immer wieder über die turmhohe Überlegenheit dieses Mannes gegenüber seiner Umwelt, sei es innerhalb der Partei selbst, sei es gegenüber den Weimarern Politikern, sei es gegenüber den europäischen Staatsmännern.


    Was diskutabel ist, sind seine Zwischenbetrachtungen, die ansatzweise, so finde ich, manches in ein falsches Licht stellen. Fest unternimmt halt den Versuch, eine rationale Erklärung für dieses Phänomen zu finden, aber schafft dies genauso wenig wie seine Vorgänger und Nachfolger. Meister Adolf bringt man nicht auf Begriffe, weder auf linke noch auf rechte. Er war ein Phänomen Sui Generis, wie es eines noch nie in der okzidentalen Geschichte gegeben hat und auch hoffentlich nie mehr geben wird.


    Mit freundlichen Grüssen


    Ralf

    Hallo


    Würde gerne auch mitmachen. Die Buddenbrooks gehören zu meinen Lieblingsbüchern, ich habe sie mindestens 3x ganz gelesen und ansonsten immer wieder reingeschaut. Ab Sommer wäre mir sehr recht, da ich vorher noch die Effi Briest durcharbeiten will.


    Mit freundlichen Grüssen


    Ralf

    Hallo


    Also ich finde ihn seehr sentimental.


    Ich weiss, dass der Tod von Nell die Leute damals zu Tränen gerührt hat, dass in New York Tausende an dem Pier warteten, um die Fortsetzung des Romans zu erfahren, den der Dampfer mitbrachte. Aber diese Kontraste zwischen dem engelhaften Mädchen und dem ungeheuer Bösen sind schon sehr gross. Ähnlich wie bei Oliver Twist gibt es bei der Hauptfigur keine Entwicklung, keine Differenzierung. Man hat den Eindruck, sie sind schon als Engel geboren worden, reine Projektionen dichterischer Phantasie.


    Beeindruckend an dem Roman finde ich die Beschreibung der Fabriklandschaften, durch die Nell und der alte Mann hindurchwandern. Da dringt zum ersten Mal die Industrie in die ländliche Idylle ein, und Dickens beschreibt sie mit fast apokalyptischem Entsetzen.


    MFG


    Ralf

    Hallo


    Ich habe auch meinen Tucho einmal komplett und diagonal mehrmals gelesen. Es ist schon faszinierend, wie ein Mann unter 4 verschiedenen Pseudonymen dermassen brillante Satiren schreiben konnte. Er ist für mich neben Heine der grösste Satiriker in deutscher Sprache. Auch seine Gedichte haben ja in Kästner einen kongenialen Nahfolger gefunden.


    Aber seine politischen Urteile....


    Was mir nach einer mehrmaligen Lektüre auffiel: Er hat in keinster Weise in Weimarer Republik unterstützt, sondern nur Häme und Spott über sie und ihre Repräsentanten ausgeschüttet. Sein Urteil über Lenin mag ja noch erklärbar sein, aber sein Auge war auf der linken Seite fast blind. Das schlimmste Fehlurteil hat er in seiner Charakterisierung des "Stresemann-Typus" ausgesprochen. So sehr er die Nazis verachtet hat, so sehr war er politisch auf der Seite der damaligen Linken, und was er über die SPD sagt.....


    Ihm fehlte die Liebe, die bei Heine noch in seinen schärfsten Satiren durchschimmert. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich sie nicht mehr lesen mag.


    MFG


    Ralf

    Hallo


    Ich bin als Neuling hier im Forum eben auf diesen Strang gestossen. Siddharta war für mich als Jugendlicher eine faszinierende Lektüre, vor allem weil ich mich schon damals für Buddhismus und Meditation interessierte.


    Als ich dann an der Universität mit echten Buddhisten und echten Zen-Mönchen in Berührung kam, wurde für mich die Weisheiten Hesses etwas ranzig.


    Der Lebensweg und die Selbstfindung Siddhartas sind im Prinzip aus westlicher Sicht beschrieben, ohne die eigentlichen Lehren des Buddhismus genauer einzubeziehen. So lehrt der Buddhismus, dass es kein eigentliches "Ich" im westlichen Sinne gibt, dieses vielmehr eine Selbsttäuschung ist, die es aufzuheben gilt. Erst wenn diese Täuschung durchschaut ist, kann der Mensch ins Nirvana eingehen. Der Weg dahin ist sehr schwierig, sehr lange und sehr asketisch. Ich meditiere selbst seit knapp 30 Jahren und habe auch einige hervorragende Lehrer gehabt, habe auch eigene Erfahrungen gemacht, bin aber noch meilenweit von dem eigentlichen Ziel entfernt. Ähnliches gilt für den Taoismus. Auch Ideale gehören in das Reich der Vorstellungen und sind zu überwinden.


    All das vermisse ich in diesem Buch.


    Nach dem ersten Weltkrieg hatten esoterische Lehren Hochkonjunktur, Okkultismus, Taoismus, Buddhismus, alles wurde in einen Topf geworfen und kräftig herumgerührt. Das lag auch daran, dass damals kaum jemand die Quellen kannte, die meistens ja noch gar nicht editiert waren.


    Es war ja auch viel einfacher, auf die Suche nach dem Selbst zu gehen, als mühsam Altchinesich oder Sanskrit zu lernen, um die Originaltexte zu lesen oder jeden Tag eine bestimmte Zeit zu meditieren.


    Nun ich hoffe, ich war nicht allzu polemisch. Aber Hesse ist wirklich etwas für die Jugend.


    MFG


    Ralf

    Oh Gott Sandhofer, woraus schliesst du das, dass es sich um eine Depression handelt?


    Es handelt sich eher um das, was man umgangssprachlich "Schizophrenie" nennt, also dass zwei verschiedene Personen in
    einer Person existieren. Gerade das weisst doch auf das "Mit sich selbst Schachspielen hin", eine geradezu klassische schizophrene Situation.


    Und der Weltmeister wird als äussert dumpfe Person beschrieben, die ausser Schachspielen sonst nichts kann und ausserdem völlig ungebildet ist. Ich vermute, Zweig wollte die hochgebildete und kultivierte Hauptperson dieser dumpfen Schachmaschine gegenüberstellen. Und das ist ja auch der psychologische Effekt: Jeder Leser identifiziert sich sofort mit dem Helden der Novelle, gerade weil er im Kontrast zu diesem Schachweltmeister steht.


    Zweig war immer ein Fan der grossen heiligen Russlands mit seinen Dichtern und Mystikern. Die politische Anspielung auf die Stalinära scheint mir doch ein wenig weit hergeholt, zumal Zweig dediziert keinen Hang zu politischem Symbolismus hatte.


    MFG


    Ralf

    Hallo


    Ich habe die Schachnovelle schon als Teenie vor dreissig Jahren gelesen und fand sie faszinierend. Damals war ich ein absoluter Zweig-Fan, was ich heute nicht mehr bin.


    Mir geht es da etwas wie mit Hesse. Der begeisterte mich damals auch, heute lässt er mich völlig kalt. Diese etwas aus heutiger Sicht überdrehten Novellen sind nur aus der Prüderie und Bigotterie dieser Zeit zu erklären, ähnlich wie manches bei Schnitzler. Man übersieht oft, dass die Welt von damals ein Dekorum hatte, wie es heute undenkbar erscheint.


    Was mich an dem Buch am meisten faszinierte, war die Beschreibung der Schachpartien. Früher habe ich auch einmal in einem Studentenclub Schach gespielt und war auch recht gut darin. Jeder Schachspieler träumt davon, eine fast verlorene Partie so zu retten, wie es in der Novelle beschrieben wird.


    Dass niemand gegen sich selbst Schach spielen kann, ist natürlich selbstverständlich. Zweig benutzt diese Wendung, um psychologisch die Ausweglosigkeit des Protagonisten zu beschreiben, und das gelingt ihm, so finde ich, sehr gut.


    MFG


    Ralf

    Hallo


    Würde gerne an einer Leserunde teilnehmen, egal wann.


    Habe das Buch schon dreimal gelesen und bin immer noch fasziniert. Gerne würde ich mich mit anderen darüber austauschen.


    Ralf

    Hallo


    Ich bin neu hier in diesem Forum und grüsse alle recht herzlich.


    Zu Dickens:


    Man kann im Prinzip zwei Phasen unterscheiden:


    Die Frühphase, die stark von Sentimentalität geprägt ist, und die Spätphase, in der Dickens zunehmend realistischer, aber auch zynischer wird.


    Grenzpunkt dürfte der Roman "Dombey und Sohn" sein.


    Je nach persönlichem Habitus ist dann eine dieser Phasen lesenswerter oder nicht.


    Als ich mit 18 zum erstenmal Dickens las, das waren die "Pickwickier", konnte ich mit den späteren Romanen nichts anfangen. "Der Raritätenladen" war damals für mich der Höhepunkt der sentimentalen Romane.


    Heute Ende 40 verstehe ich die Spätphase besser, vor allem den Zynismus der späten Romane. Da ist absoluter Höhepunkt: "Our Mutual Friend", der letzte vollendete Roman.


    Irgendjemand, ich weiss nicht wer, hat einmal gesagt, in "Little Dorritt" stecke mehr Gesellschaftskritik als in den ganzen Schriften von Marx, und da ist etwas dran.


    Ich denke, je nach Alter und Geschmack ist die Früh-oder Spätphase interessanter. Lesenswert sind alle Romane.


    MVG


    Ralf