Beiträge von Valentine

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Aber ich empfinde es ähnlich wie mit Leserunden. Bücher, die ich in Runden lese, sind noch eine Spur intensiver, als solche, die ich alleine, ohne Diskussion lese.

    Das stimmt, Bücher, die ich im Urlaub lese, bleiben mir auch stärker im Gedächtnis. Ich glaube, ich weiß noch bei sämtlichen Urlaubsbüchern, wo ich sie gelesen habe und wie sie mir gefallen haben. Das gilt dann aber für alles an Urlaubslektüre, nicht nur das, was ich vor Ort gelesen habe.

    Mir geht es ähnlich wie Kritty, ich kann auch abgedroschene Plots hinnehmen, wenn das Buch sonst gut geschrieben ist.


    Dreiecksbeziehungen und die wunderschönen blutjungen blitzgescheiten und urplötzlich supererfolgreichen Frauen, die sich selbstverständlich ihrer Schönheit üüüüberhaupt nicht bewusst sind, haben mich allerdings schon genervt, als ich meine Teenager-Liebesroman-Phase hatte.


    Und ich überlege gerade, ob wir nicht schon mal neulich so einen ähnlichen Thread hatten :gruebel: Ich geh mal auf die Suche.

    Ich lese gerne Bücher, die am Urlaubsort spielen, egal, ob ich zum Zeitpunkt der Lektüre gerade dort bin oder nicht.


    Vor Ort habe ich schon einige Bretagnebücher gelesen, das hat schon was. Commissaire Dupin hat uns sogar schon zum einen oder anderen Ausflug inspiriert (manchmal frage ich mich ja, ob der Autor vom bretonischen Tourismusverband gesponsert wird :lachen: ).


    Wie gut mir ein Buch gefällt, hängt aber nicht davon ab, wo ich es gelesen habe. Da zählt wie bei jedem anderen Buch auch nur Inhalt und Stil.


    Manchmal ist es auch nicht so hilfreich, wenn man sich in der Gegend gut auskennt. Ich habe mich schon extrem über Bücher geärgert, weil sie geographische oder kulturelle Gegebenheiten nicht korrekt wiedergegeben haben (die sich leicht hätten recherchieren lassen, vor allem im Zeitalter von Suchmaschinen und Google Maps).

    John Boyne - Die Geschichte der Einsamkeit

    John Boyne - Cyril Avery (ist John Irving gewidmet und zeigt durchaus ein paar leichte Anklänge an den großen Meister)

    Paul Murray - Skippy stirbt

    Benedict Wells - Vom Ende der Einsamkeit

    Arno Geiger - Unter der Drachenwand

    John Griesemer - Niemand denkt an Grönland

    Nathan Hill - Geister

    Nickolas Butler - Shotgun Lovesongs

    Arno Frank - So, und jetzt kommst du (hat auch einige absurde Züge ;) )

    Rolf Lappert - Nach Hause schwimmen

    Joël Dicker - Die Geschichte der Baltimores

    Anthony Doerr - Winklers Traum vom Wasser

    Nach all den guten Rezis bin ich dann mal wieder der Grinch :breitgrins:


    Eva und Jackson sind noch kein Jahr verheiratet, als Jackson beim Angeln von den Klippen ins Meer gespült wird und man die Suche nach ihm ohne Erfolg einstellen muss. Eva ist am Boden zerstört und weiß nicht, wie sie ohne ihn weiterleben soll, ihren witzigen, charmanten Ehemann, mit dem gemeinsam sie noch so viel vorhatte.


    Nachdem sie die erste heftige Trauerphase durchgestanden hat, kann sie nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen und beschließt, Jacksons Vater und Bruder in Tasmanien zu besuchen, um endlich ihren Schwiegervater und Schwager kennenzulernen.


    Zu Evas Erstaunen sind beide weder sonderlich begeistert von ihrem Auftauchen noch besonders gesprächig, wenn es um Jackson geht. Nach und nach entlockt Eva ihrem Schwager doch einige Informationen und muss feststellen, dass sie ihren Ehemann wohl weit weniger gut gekannt hat, als sie dachte, denn er hat sie offenbar mehr als einmal belogen, und je mehr sie erfährt, umso deprimierender stellt sich die Sache dar, bis sie das Gefühl hat, nicht nur ihre Zukunft mit Jackson, sondern auch ihre gemeinsame Vergangenheit verloren zu haben.


    Wie gut kann man einen Menschen wirklich kennen? Und kann man jemals wieder vertrauen, nachdem man zutiefst enttäuscht worden ist?


    Hundertprozentig hinter die Fassade blicken kann man natürlich nie, doch was Eva nach dem Tod ihres Mannes alles herausfinden muss, würde wohl jedem den Boden unter den Füßen wegziehen und an allem und jedem zweifeln lassen. Spannende Fragen also, die Lucy Clarke hier aufwirft.


    Dumm nur, dass aufmerksamen bzw. erfahrenen Lesern schon sehr früh klar ist, wohin die Reise ungefähr gehen wird. Jacksons wahre Geschichte war für mich nur in sehr geringem Umfang überraschend, die Motivation zum Weiterlesen kam größtenteils dann auch eher daher, dass ich wissen wollte, ob ich mit meinen Vermutungen recht habe, als durch echte, gut gemachte Spannung.


    Das mögen andere Leser anders empfinden ... dafür, dass ich schon viele Krimis und Beziehungsdramen gelesen habe, kann die Autorin natürlich nichts. Aber ich fand auch die Figuren eher eindimensional gestrickt. So manches Gefühl wirkte aufgesetzt und viele Entwicklungen etwas seifenopernhaft. Und auch sprachlich hat es mich nicht umgehauen (was ich aber in weiten Teilen auf die Übersetzung schiebe).


    Am besten gefielen mir an dem Buch die faszinierende tasmanische Landschaft zwischen Busch und Ozean, die Schilderungen der Tauchgänge, die Eva und ihr Schwager Saul unternehmen, und die sehr hübsche Gestaltung des Taschenbuchs mit den blauen Wellen vom Titel, die sich auf dem seitlichen Buchschnitt fortsetzen.


    3ratten

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    Benjamin Trotter lebt alleine in einer alten Mühle, die er liebevoll renoviert hat, und schreibt an seinem Lebensprojekt, einem ellenlangen Mammutroman, nicht sicher, ob er ihn jemals veröffentlichen wird. Seine Ehe ist gescheitert, er lebt recht zurückgezogen, und seine Hauptaufgabe besteht neben dem Schreiben darin, sich um seinen alternden Vater zu kümmern, dessen Lieblingsbeschäftigung darin besteht, über Politik, Gesellschaft und generell "die da oben" zu wettern.


    Benjamins Nichte Sophie verliebt sich Hals über Kopf in Ian, der die Verkehrssicherheitsschulung hält, die sie zur Strafe für eine Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit absolvieren muss. Nach nicht allzu langer Zeit sind die beiden verlobt und wenig später verheiratet, etwas, das Sophie eigentlich nie als ihr Lebensziel gesehen hat, und immer deutlicher treten die Unterschiede zwischen dem bodenständigen, eher traditionell denkenden Ian und der liberal-künstlerisch angehauchten Sophie zutage. Ganz zu schweigen von Ians Mutter, die nur zu gerne über Ausländer und andere von ihr sehr ungeliebte Bevölkerungsgruppen herzieht.


    Benjamin, Sophie und ihre Angehörigen und Freunde stehen in diesem Roman exemplarisch für die vielen und oft sehr gegensätzlichen gesellschaftliche Strömungen, die Großbritannien in den acht Jahren der Handlung (2010-2018) prägen: auf der einen Seite aufgeklärte, moderne, offene Kosmopoliten, für die Herkunft und sexuelle Orientierung keine große Rolle mehr spielen, und auf der anderen Seite die Kritiker der globalisierten Welt in der ganzen Bandbreite von den tatsächlich Benachteiligten bis zu den Wutbürgern, die Parolen nachbeten, ohne sie wirklich zu hinterfragen, und der (vermeintlich) guten alten Zeit nachtrauern.


    Zu Beginn wirkt das alles manchmal ein bisschen sehr didaktisch aufgebaut, als habe Coe auf Teufel komm raus alles unterbringen wollen: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Globalisierungskritik und und und. Seine Charaktere sind aber deutlich mehr als bloße Träger irgendwelcher Botschaften, und mit der Zeit fügen sich jedoch der Anteil des Gesellschaftsporträts und die Geschichten der Protagonisten an sich immer nahtloser ineinander, je mehr sich die Lage in Gesellschaft und Politik in Richtung Brexit zuspitzt. Sicherlich (bzw. hoffentlich?) überzeichnet Coe hier und da die Naivität vor allem bei den politischen Akteuren, der Alltagsrassismus und die unreflektierte Zustimmung einer breiten Masse zu fragwürdigen Ansichten hingegen hat er wohl leider nicht übertrieben.


    Ein hochinteressantes und süffig geschriebenes Buch, das den Finger in einige Wunden unserer Zeit legt und nicht nur gut unterhält, sondern auch durchaus zum Nachdenken anregt.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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    Ally und Tom sind frisch verheiratet und gerade nach Cornwall gezogen, wo Ally, eine der ersten weiblichen Ärztinnen Großbritanniens, bald eine Stelle in einer Nervenklinik antreten wird. Dem jungen Ehepaar steht auch gleich die erste längere Trennung bevor, denn Tom ist Spezialist für den Bau von Leuchttürmen und soll nach Japan reisen, wo man Lösungen für erdbebensicheren Leuchtturmbau sucht, und überdies für einen eifrigen Sammler japanische Alltags- und Kunstgegenstände mitbringen.


    Und so gehen die beiden gezwungenermaßen schon getrennte Wege, bevor sich auch nur ansatzweise eine Alltagsroutine einstellen und sie sich aneinander gewöhnen konnten.


    Ally fällt es schwer, sich in ihre neue Arbeit einzufinden, vor allem, weil die Pflegerinnen ihren Schützlingen nur wenig Respekt entgegenbringen und mit fragwürdigen Methoden arbeiten. Und über allem hängt immer der Schatten ihrer puritanisch strengen Mutter, die Ally kein Fünkchen Liebe und Wärme entgegengebracht, sie brutal gezüchtigt und immer nur kritisiert und niedergemacht hat. Kein Wunder, dass Ally bald an sich selbst und ihrer Eignung für den Beruf zweifelt.


    Tom hingegen ist hingerissen von Japan. Im Gegensatz zu seinem gierigen Auftraggeber, dem es nur ums Anhäufen möglichst exotischer Schätze geht, interessiert er sich mehr und mehr für die japanische Lebensweise, für die Traditionen und Gebräuche und ist fasziniert von der Schlichtheit und Ruhe, die er bei seinem Aufenthalt außerhalb großer Städte erlebt.


    Wie schon im ersten Buch, das sich mit Allys Kindheit und Jugend befasst hat, besticht Sarah Moss von der ersten Seite an mit ihrer wunderschönen, einfachen und dabei immer sehr treffenden Sprache und den tiefen Einblicken in die Seele ihrer Protagonisten, die sie uns verschafft, ohne sich in langatmigen Gedankenschilderungen zu verlieren. Es ist auch ein gelungenes Bild der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, als einzelne Frauen aus ihren herkömmlichen Rollen auszubrechen begannen, die breite Masse dafür aber noch wenig Verständnis aufbrachte.


    Ally ist in ihrem Denken einerseits ihrer Zeit weit voraus, eine Vorreiterin im Umgang mit psychisch kranken Frauen, die in ihren Patientinnen keine Irren sieht, die man wegsperren muss, sondern behandlungsbedürftige Menschen, die Respekt verdienen und mit etwas Glück auch irgendwann wieder in ein normales Leben entlassen werden können. Andererseits ist sie durch ihre fürchterliche Mutter zutiefst verunsichert, die ihr Selbstwertgefühl völlig kaputtgemacht hat, und ringt ständig mit deren übermächtiger Stimme in ihrem Kopf. Sich von diesem unguten Einfluss zu lösen ist ein langer, schmerzhafter und langsamer Prozess, den Sarah Moss einfühlsam und ohne zu werten begleitet.


    Toms Eintauchen in die japanische Kultur, in der er sich auf Anhieb wohlfühlt, obwohl er vieles nicht versteht, ist ebenfalls großartig geschildert. Mit oft nur wenigen Worten malt Sarah Moss wunderbare Bilder von Tempeln und Teezeremonien und Streifzügen durch die Natur, und es wird gut verständlich, weshalb es Tom am Ende schwerfällt, sich wieder auf die Heimreise zu begeben ins viktorianische England mit seinen überladenen Salons und seiner Engstirnigkeit.


    Es verwundert dann auch nicht, dass Ally und Tom beide fremdeln, als sie wieder zusammen sind, hat sich doch jeder auf seine Art während der monatelangen Trennung weiterentwickelt. Auch diesem Aspekt widmet sich Moss mit scharfem Blick und viel psychologischem Verständnis.


    Erneut ein richtiger Lesegenuss aus der Feder einer Autorin, die viel von Menschen und der gesamten Palette ihrer Empfindungen versteht und dies in wunderschöne Worte zu kleiden versteht, die nie kitschig werden und immer ins Schwarze treffen. Sarah Moss ist eine echte Entdeckung.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus: