Beiträge von Valentine

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    HoldenCaulfield : ich hoffe, ich habe Dir nicht gänzlich die Lust darauf genommen, denn es würde mich sehr interessieren, wie andere Leser das Buch sehen, insbesondere die Dinge, die mir nicht gefallen haben.


    Ist wirklich lustig mit Foer bei mir: "Extremely Loud and Incredibly Close" gehört zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe, während mir "Alles ist erleuchtet" beim ersten Versuch überhaupt nicht gefallen hat (das kriegt aber irgendwann eine zweite Chance, ich hab's mir ja kürzlich noch mal besorgt - ich bin äußerst gespannt ...). Und das hier steht jetzt ziemlich genau dazwischen.

    Leonard Cohen - The Flame +/++

    Warum? Weil Cohen nach wie vor zu meinen allergrößten Lieblingskünstlern zählt und ich es liebe, wie ich leise seine Stimme im Ohr habe, wenn ich Texte von ihm lese.


    Sebastian Barry - The Whereabouts of Eneas McNulty 0/+

    Warum? Ich mag Barry und möchte alle seine Bücher lesen, die im "Familienuniversum" der McNultys spielen.


    Jonathan Safran Foer - Here I Am 0/+

    Warum? Ich fand "Extremely Loud and Incredibly Close" umwerfend, außerdem hat mich hier die Thematik gereizt.

    Julia und Jacob Bloch sind seit langem verheiratet und haben drei Söhne zwischen Kindergarten- und Teenageralter. Sam, der Älteste, ist beinahe von der Schule geflogen, weil er angeblich rassistische Ausdrücke verwendet hat, und auch sonst gibt sich der Dreizehnjährige, der seine Zeit am liebsten in der Parallelwelt eines Onlinespiels verbringt, ziemlich rebellisch. Nur mit Ach und Krach lässt er sich überreden, seine Bar Mizwa zu feiern, ein großes Familienfest, zu dem auch Verwandtschaft aus Israel kommen soll.


    Doch Jacob und Julia haben noch ganz andere Probleme. Julia hat entdeckt, dass Jacob mit einer anderen Frau anzügliche Handynachrichten ausgetauscht hat. Ihre Reaktion darauf erschreckt sie zeitweise selbst - zwar ist sie enttäuscht und verletzt, doch bringt die Situation auch ihre eigene Unzufriedenheit und ihre Zweifel an die Oberfläche, und sie beginnt sich zu fragen, ob sie diese Partnerschaft so denn überhaupt noch will und ist zunehmend genervt von ihrem Ehemann.


    Und dann, etwa in der Mitte des Buches, kommt es zu einer unfassbaren Katastrophe im Nahen Osten, die die ganze Welt in eine tiefe Krise stürzt, die Familie Bloch in besonderem Maße berührt und neben der die Familien- und Beziehungsprobleme erst einmal ganz klein erscheinen.


    Was für ein inhaltsreiches Buch. Was Foer in diesem Roman an Themen zusammenmischt, wäre Stoff für mehrere Romane gewesen. Streckenweise wirkt "Here I Am" auch tatsächlich überfrachtet, als habe der Autor zu viel gewollt. Der Spagat zwischen brisanten geopolitischen Themen und der Bloch'schen Familiengeschichte gelingt nicht immer. Foer erzählt streckenweise zu ausufernd, wobei die Chronologie häufig unklar bleibt (was mich mit am meisten gestört hat).


    Ich habe mich auch gefragt, ob das Katastrophenszenario tatsächlich als "Katalysator" für die folgenden Geschehnisse des Plots notwendig war oder ob es hauptsächlich darum ging, unverhohlene Kritik an der aktuellen israelischen Politik an den Leser zu bringen. Das ist natürlich absolut legitim, doch auf mich wirkte die Thematik aufgepfropft, die Darstellung der Israelis und ihrer muslimischen Nachbarländer recht klischeehaft und vor allem das Ausmaß des Desasters mehrere Nummern größer als nötig.


    Denn auch ohne Naturkatastrophe und kriegerisches Säbelrasseln hätte Foer in diesem Buch mehr als genug zu erzählen gehabt, denn neben der politischen Komponente ziehen sich zwei sehr interessante Themen wie ein roter Faden durch den Roman.


    Das eine ist Kommunikation. Zum einen die Kommunikation in Beziehungen bzw. meistens eher der Mangel daran - so wäre die Ehe der Blochs wohl nie in die große Krise geraten, wenn die beiden öfter mal das Gespräch gesucht hätten -, zum anderen die Bedeutung von Sprache, Ausdrucksweise, Wortwahl im Alltag wie in besonderen Situationen. Reden zu allen möglichen Anlässen spielen eine wichtige Rolle. Manchmal ist das Buch dabei etwas zu verliebt in semantische Spitzfindigkeiten, doch Foer wirft dabei auch einige bedenkenswerte Fragen auf.


    Das zweite große Thema des Romans ist Identität - persönliche Identität, aber auch die kollektive Identität von Menschen jüdischen Glaubens, die auch nach mehreren Generationen noch stark durch die furchtbaren Ereignisse im Holocaust geprägt ist, und auch die Identität des Staates Israel.


    Sam ist wie eigentlich jeder in seinem Alter auf der Suche nach sich selbst, was unter anderem durch eine Menge fleißig vergossenes Teenagersperma und zahlreiche vulgäre Ausdrücke deutlich wird - hätte ich beides in der vorliegenden Häufung nicht gebraucht, denn auch ohne all das wäre das Porträt des desorientierten Pubertäters gelungen ausgefallen.


    Auch Jacob könnte man als wandelnde Identitätskrise bezeichnen. Die Midlife Crisis hat ihn schwer im Griff, er zweifelt permanent an sich selbst und stellt unablässig die Frage nach Sinn und Zweck seines Lebens. Man könnte ihn böswillig als Weichei bezeichnen, wie sein großspuriger, in seine zionistische Ideologie verrannter Vater es so gerne tut, doch eigentlich will er immer nur alles richtig machen und droht an all den lähmenden moralischen Ansprüchen, die er an sich selbst stellt, zu zerbrechen.


    Diesen Part, wie auch die ganze Familien-/Beziehungskrise, stellt Foer wirklich ausgezeichnet dar. Ich mochte auch seine großartigen Beobachtungen und Gedanken über das Leben in all seinen Facetten und sein ausgesprochen gutes Einfühlungsvermögen in Kinder und Jugendliche.


    Insgesamt also ein recht gemischtes Fazit zu einem Buch, das ich gerne noch ein bisschen lieber gemocht hätte, aber trotzdem lesenswert fand. (Wäre auch ein guter Kandidat für eine Lese- und Diskussionsrunde!)


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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    (Wer diesen grässlichen deutschen Titel verbrochen hat, sollte mit Lektüreentzug nicht unter 10 Jahren bestraft werden ... "whereabouts" heißt schlichtweg "Aufenthaltsort".)


    Eneas McNulty kommt Anfang des 20. Jahrhunderts in Nordirland zur Welt und wächst in einfachen Verhältnissen auf. Mit sechzehn träumt er zum großen Entsetzen seiner Familie davon, in den Krieg zu ziehen. Am Ende wird es dann doch nur die Handelsmarine und anschließend die Royal Irish Constabulary, die britische Polizei in Nordirland. Dass er für die allgemein verhassten Engländer arbeitet, ist für sein Umfeld schon unverständlich genug, doch als er auf Streife in eine Auseinandersetzung mit irischen Freiheitskämpfern gerät und dabei sein Kollege zu Tode kommt, ist sein Leben in größter Gefahr. Schließlich könnte er den Mörder des Polizisten identifizieren.


    Er muss fliehen, lässt seine Familie und seine Freundin zurück und heuert auf einem Schiff an. Von diesem Tag an ist er heimatlos, ein Flüchtling ohne festen Zufluchtsort, der um die Welt vagabundiert und sich von den Umständen hierhin und dorthin treiben lässt, ohne Plan, ohne Ziel und irgendwann auch ohne große Erwartungen, Hoffnungen oder gar Träume.


    Sebastian Barry kann meisterhaft mit Sprache umgehen, keine Frage. Dass ich bei diesem Buch, das ich im Original gelesen habe, lange gebraucht habe, um mich einzulesen, lag weniger an den ungewöhnlichen Sprachbildern, derer er sich gerne bedient, als daran, dass das Buch sehr stark im Irischen verankert ist - irisch-englische Ausdrücke, die ich nicht kannte, diverse Anspielungen und Namen, die einem Iren sicherlich sofort etwas sagen, mir jedoch nicht.


    Der zweite Faktor, der es mir ein wenig schwer machte, mit dem Buch warmzuwerden, war die Hauptfigur. Eneas ist zu Beginn noch ein kleiner Junge, dessen kleine Welt Barry hervorragend in ein paar kurzen Szenen heraufbeschwört, in denen man ihn aber noch nicht allzu gut kennenlernt. Nach einem Zeitsprung zu Eneas' Jugend ändert sich das jedoch auch nicht wirklich. Eneas blieb mir fern und fremd, er wirkte das ganze Buch über wie ein Spielball des Schicksals, der sich meistens passiv verhält. Teilweise hatte ich auch den Eindruck, dass er nicht unbedingt der Hellste ist und viele Dinge nicht richtig einschätzen oder einordnen kann. Und obwohl er Interessantes, Aufwühlendes und Bedrohliches erlebt, hat mich die Dramatik nie gänzlich erreicht, und Teile der Handlung wirkten auf mich ziemlich gewollt.


    Das alles bedeutet nun beileibe nicht, dass ich das Buch schlecht fand. Trotz des gelegentlichen Gefühls, beim Lesen durch zähen Sirup zu waten, was wahrscheinlich an Eneas' anstrengendem Charrakter lag, und der anderen oben genannten Kritikpunkte war dieser ungewöhnliche Lebensweg, geprägt vom ewigen irischen Konflikt mit Großbritannien, interessante Lektüre, auch sprachlich.


    Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass es sich um Barrys Erstlingswerk handelt. Er hat sich definitiv stark weiterentwickelt, was Plot und Figurenzeichnung angeht, so dass ich allen interessierten Lesern empfehlen würde, nicht ausgerechnet mit diesem Buch zu beginnen, wenn sie Barrys Bücher kennenlernen wollen.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

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    Als Leonard Cohen im November 2016 starb, hatte ich mir gerade sein letztes Album gekauft und zum ersten Mal gehört, ein seltsamer Zufall ... und ich fand den Gedanken sehr traurig, dass ich damit wohl sein allerletztes Werk in Händen halte.


    Umso mehr hat es mich gefreut, als letztes Jahr dieser Band mit Gedichten und Songtexten, mit ausgewählt von Cohens Sohn Adam, erschienen ist. Er vereint die Liedtexte aus den letzten drei Studioalben und Gedichte aus seinen letzten Lebensjahren, oft geheimnisumwittert, manchmal auch bissig oder versponnen, mal gesellschaftskritisch, mal lyrisch, mal die Gedanken eines älter werdenden Mannes, ab und an auch befremdlich oder verstörend, oft mit biblischen Anklängen. Allen gemeinsam ist Cohens untrügliches Gespür für den passenden Rhythmus, so dass man selbst dann beim Lesen eine leise grummelnd-raunende Baritonstimme im Ohr hat, wenn das Gedicht überhaupt nicht vertont worden ist.


    Ergänzt wird diese schöne Sammlung um Abschriften aus Notizbüchern Cohens, in denen er Gedichtentwürfe sammelte. Manches davon wirkt naturgemäß noch unfertig und hat mich wohl hauptsächlich deshalb nicht immer angesprochen - da hätte es eventuell etwas Potential für leichte Kürzungen gegeben. Nichtsdestotrotz ist aber auch dieser Part interessant als Einblick in den Entstehungsprozess seiner Lyrik.


    Die zahlreichen Illustrationen stammen ebenfalls aus Cohens eigener Feder, so dass ein gelungenes Gesamtkunstwerk entsteht. Abgerundet wird das Buch durch eine einfühlsame Einleitung von Adam Cohen, einige Worte der beiden Herausgeber und, ganz ans Ende gestellt, Cohens recht bekannt gewordene Rede, die er anlässlich der Verleihung des "Prince of Asturias"-Preises in Spanien gehalten hat.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:


    Anmerkung: ich habe die englischsprachige Originalausgabe gelesen. Zur Aufmachung der deutschen Ausgabe und zur Qualität der Übersetzung kann ich somit keine Aussage treffen, außer dass ich es schade finde, dass man nicht wie bei den meisten anderen übersetzten Versionen die Titelgestaltung des Originals übernommen hat. Der Vollständigkeit halber habe ich die deutsche Ausgabe jedoch mit verlinkt.