Beiträge von bibliomonster

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Babsi
    Gute Besserung! Und hoffentlich klappt es bald mit der Konzentration. :winken:



    Ich habe heute auch das 4. Buch beendet.



    Hier verfällt Franz dem Suff, weil er von seinem Häuslerkollegen betrogen wurde. Das verstehe ich allerdings nicht ganz, dass ihn das so von den Füßen holt.


    Ich denke, diese Episode hat sein "geordnetes Leben" aus der Bahn geworfen, weil er einfach Angst bekommen hat, wieder ins Gefängnis zu müssen. In dem Brief, den er von der Frau bekommen hat, wird sicherlich soetwas gestanden haben (Diebstahl, Anstiftung dazu etc.)



    Nun, das eigentlich Besondere am vierten Buch ist aber die Beschreibung des Schlachthofs, und das ist schon starker Tobak, besonders zwischen drei und vier Uhr nachts. Ein Wunder, dass ich danach nicht gealbt habe! Warum dieser Exkurs an dieser Stelle?


    Ich habe das gestern Abend gelesen und musste mich teilweise zwingen weiterzulesen. Die präzise Beschreibung des Schlachtens, die unpersönliche Rohheit der Arbeiter, die Tiere, für die Döblin sanfte, beinahe zärtliche Worte findet. Aber für mich ist nicht Franz das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, sondern es sind die Menschen, die Unterschicht, die Arbeiter selbst. Sie werden im Krieg verheizt. Sie müssen die Auswirkungen der neuen Republik (er-)tragen, ob sie diese wollten oder nicht. Auch sie sind Opfer, über deren Schicksal bestimmt wird. In diese Richtung deutet ja auch die einleitende Kommentierung zum 4. Buch: Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. (Prediger 3:19)


    Die Hiob-Szene sehe ich auch wieder im direkten Zusammenhang mit Biberkopf. So wie Hiob nicht sieht, dass andere ihm helfen wollen, so ist auch Franz blind für die Bedeutung einer Gemeinschaft. Darum grenzt er sich am Ende des Buches ab und Hiobs 'Stimme' ist zu hören.


    Ich habe mir auch eine Zweitlektüre besorgt: Peter Hoeres, Die Kultur von Weimar. Ein überteuerter, aber gut geschriebener Überblick zur Weimarer Republik.


    Bis bald,
    bimo

    Doris
    Ich schließe mich finsbury an: Es ist zwar schade, aber es hat bei dir einfach nicht 'Klick' gemacht. Dass das Weiterlesen dann keinen Sinn mehr macht, ist verständlich. :winken:



    Franz dagegen ist in den braunen Suumpf geraten, indem er völkische Zeitungen verkauft. Allerdings ist er kein Ideologe, er lässt sich wohl eher mitreißen. Dieser Charakterzug scheint ja auch im weiteren Verlauf des Romans wichtig zu werden.


    Franz möchte ja ein ruhiges und geordnetes Leben führen (nach seinen Erfahrungen im Krieg u. Gefängnis verständlich). Und diese Ruhe und Ordnung hofft er bei den Faschisten zu finden. Seine Wahl ist zwar unglücklich, ich verstehe aber seine Beweggründe. Nun weiß ich aber nicht, ob Franzen einfach nur leichtgläubig ist, oder ob die Faschisten, Ende der 20er, ihre (gewaltbereite) Ideologie nicht so offensichtlich zeigten.



    Gar nicht so einfach zu verstehen: Wenn man eine unkommentierte Ausgabe hat, sind diese Unterhaltungen zwischen Georg und Franz eine echte Herausforderung! Anscheinend waren beide Waffenbrüder im 1. Weltkrieg und haben vor dem belgischen Ort Arras gekämpft, wo irgend etwas Entscheidendes passiert ist, was ich aber gestern Nacht nicht mehr verstanden habe, weil ich zu müde war. Vielleicht kann ja das @bimo näheren Aufschluss geben?! :zwinker:


    Meine Ausgabe ist leider auch unkommentiert. Das Meiste kann ich mir zusammenreimen, bei Notfällen hilft die "google-Familie". Und so weiß ich nun, dass die Schlacht von Arras (1917), eine Offensive der Alliierten, zu hohen Verlusten auf beiden Seiten führte, für die Franzosen ein Debakel wurde und wieder im Stellungskrieg endete.


    Und das zeigt mir wieder einmal, dass Berlin Alexanderplatz auch ein beeindruckend lebendiges und informatives Geschichtsbuch ist. Mir gefällt es, wie Döblin an Franzens Beispiel die Wirkung/(gesellschaftliche) Auseinandersetzung mit der "neuen Zeit" portraitiert. Biberkopf ist aus dem Gefängnis (wie das Volk aus dem Kaiserreich) in eine ihm unbekannte Welt geworfen worden: die Weimarer Republik. Er ist am Anfang unsicher und orientierungslos, wird von den vielen Sinneseindrücken dieser bunten, lauten und vollen Stadt überrannt. Und während im ersten Buch alles neu und aufregend ist, werden im zweiten allmählich auch die Schattenseiten der damaligen Zeit sichtbar: Hunger, Arbeitslosigkeit, Versailler Vertrag, politische Unruhen etc.


    Am Ende des 2. Buches erfahren wir dann auch die Hintergründe von Biberkopfs Verbrechen. Die Assoziation mit Orestes finde ich (unfreiwillig?) komisch, die Tat selbst wird sachlich, unpersönlich geschildert. Und dann schafft es Döblin wieder, mit nur wenigen Sätzen, das Geschehen plötzlich wieder persönlich zu machen, Mitgefühl zu erzeugen:


    Zitat

    Da liegt sie unten, schon fünf Jahre [...], sie, die einmal in Treptow im Paradiesgarten mit Franz getanzt hat in weißen Segelschuhen, die geliebt und sich herumgetrieben hat, sie hält ganz still und ist nicht mehr da. [...] Der sie getötet hat, geht herum, lebt, blüht, säuft, frißt [...].

    (S. 112)


    Lieben Gruß,
    bimo


    Die Einschübe, die das Berliner Leben illustrieren, aber mit Franz offenbar wenig zu tun haben, sind teilweise etwas befremdend. Auf das 1. Kapitel im 2. Buch etwa kann ich mir gar keinen Reim machen.


    Ich finde die ganzen Einschübe unglaublich interessant. Die Zeitungsartikel, der Paragraphenbewurf auf Franzen, aber auch die Geschichten, die Geschichtsfetzen, die nichts mit Biberkopf zu tun haben, vermitteln mir ein authentisches, v.a. aber ein sehr lebendiges Berlin dieser Zeit. Und ich denke, mit dieser "chaotischen" Zusammenstellung möchte Döblin vielleicht auch die chaotische Zeit verdeutlichen...


    :winken:


    Ich bin nun fertig mit Bieberkopfs Ausflug in den Bereich des Handels mit Erotikmagazinen im II. Buch. Hier stellt sich schon heraus, dass Franz Bieberkopf sich vor alle möglichen Karren spannen lässt, aber gerne dann von anderen den Karren aus dem Dreck ziehen lässt.


    Richtig einschätzen kann ich Biberkopf noch immer nicht. Im ersten Buch wirkte er noch "normal". Wie jemand, der gerade aus der Haft entlassen wurde und sich erst einmal neu orientieren muss. Im zweiten Buch bin ich etwas ratlos geworden. Er ist leicht beeinflussbar, v.a. durch begabte Redner, scheint aber in seiner (kriminellen) Vergangenheit seine eigenen Wege gegangen zu sein. Er hat sich mit zwei Juden angefreundet und wirbt für Krawattenhalter mit einer recht "arisch" angehauchten Rede ("Ich bin ein arischer Mann." 2. Buch, 2. Kap.). Er betont, dass auch Homosexuelle Rechte haben, möchte aber lieber nichts mit ihnen zu tun haben. Ehrlich gesagt, hat Franzen im zweiten Buch einige meiner Sympathiezusagen verloren. Wenn er sich diesbezüglich nicht fängt, ist der nächste große Redner, dem er wahrscheinlich folgen würde, leicht vorherzusehen...


    Oder möchte Döblin mit dem Handeln Franzens, das mich verwirrt, einfach die wirre/chaotische/nach Orientierung suchende Zeit verdeutlichen? Wenn ja, ist ihm das bei mir gelungen.



    Schön wie hier Linas und Franzens Handeln "überhöht" wird durch die Zitate aus Kleist "Friedrich von Homburg".


    Hat mir auch gefallen. So wie die Ratlosigkeit Franzens durch das amtliche Schreiben und den Paragraphenbewurf am Ende des 1. Buches auch mich befiel. Gefällt mir, wie Döblin die Gefühle u. Handlungen seiner Protagonisten durch solche authentischen Einschübe vermittelt und somit betont überhöht.


    Täusche ich mich, oder wurden bis jetzt nur "Randgruppen" vorgestellt? Kriminelle, Homosexuelle, Fixer, Prostituierte etc.


    Schönen Gruß,
    bimo


    Meine Frage ist jetzt nur, ob ich auch andere Bücher von Moers lesen soll, oder ab das nach diesem Leseerlebnis zwangsläufig in einer Enttäuschung enden wird.


    In puncto Ideenreichtum, sprachlichem Witz und bezaubernden Illustrationen sind auch die anderen Zamonien-Romane keine Enttäuschung. Du musst dir aber natürlich im Klaren sein, dass jeder Zamonien-Roman eine völlig andere, in sich abgeschlossene Geschichte beinhaltet (obwohl es immer wieder Überschneidungen gibt: z.B. taucht "Rumo" auch im Blaubärn auf).


    Da dir aber der Literaturbetrieb etc. in den Träumenden Büchern so gefallen hat, empfehle ich die nächste Reise nach Zamonien mit Ensel und Krete zu machen. Das Märchen wurde von Hildegunst von Mythenmetz bearbeitet, die eigentliche Besonderheit sind aber seine ständigen, absolut unpassenden Einschübe (in denen er gerne meckert, u.a. über Literaturkritiker). :winken:

    Guten Morgen allerseits!



    Zur besseren Übersicht und da wir auf Spoiler weitgehend verzichten wollen, wäre es hilfreich, wenn ihr zwischendurch angebt, bei welchem Kapitel ihr seid.


    Da Döblin selbst die Geschichte in seiner kleinen Einleitung von Anfang bis Ende zusammenfasst, brauchen wir definitiv keine Angst vor Spoilern haben. Durch die auktoriale Erzählweise, das Hin- und Herspringen in den Zeiten, weiß ich auch schon nach dem 1. Buch (und obwohl ich noch 500 Seiten zu lesen habe), wieso der Protagonist am Ende "geläutert" wird.


    Dennoch finde ich Döblins auktorialen Erzählstil nicht hinderlich oder "spannungsabbauend", im Gegenteil eher interessant und faszinierend.
    Die Sprache selbst finde ich angenehm zu lesen (ich hatte befürchtet, es könnte sperrig o.ä. werden). Ich habe aber den Eindruck, dass Döblin den Leser "zwingt" (auffordert, herausfordert...) über das Gelesene nachzudenken. Das beginnt bereits mit den ersten Zeilen, in denen Biberkopf Angst hat sich vom Gefägnis zu entfernen. Es werden keine Gründe genannt, warum Franz Angst hat (Sicherheit des Gefägnisses vs. unsichere, unbekannte Stadt etc.), sondern nur angedeutet und es wird quasi dem Leser überlassen, sich darüber ein eigenes Bild zu machen.


    Sehr gut gefällt mir auch die verwendete Montagetechnik. Mir scheint es auch, dass dieses aus Einzelteilen zusammengesetzte Bild vom Berlin der zwanziger Jahre der "Hauptakteur", die eigentliche Haupthandlung des Romans ist und die Geschichte vom Franz Biberkopf sich der Stadt unterordnet, sich der Mensch der Stadt unterordnen muss, ein kleiner Teil des Ganzen ist. Das ist wohl auch der Grund, warum ich die Handlung nicht sehen kann (à la Kopfkino), sondern die Stadt (mit ihrem Stimmengewirr, den Bahnen etc.) "nur" höre, rieche, schmecke.


    Wie schon mal erwähnt, ick finde det Buch voll dufte und freue mich, bald von euch zu lesen! :winken:


    P.S. Durch die Montagetechnik gibt Döblin aber auch eindeutige, bereits erklärende Hinweise. So finde ich die kleine Abhandlung über die sexuelle Potenz des Mannes höchlichst interessant und weiß sofort, Franzen hat kleines Problem.

    Ohne Ziele, Wetten und Vorsätze starte ich mit einem SuB von 282 Büchern.


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    Wieholek

    -

    1


    :winken:


    :entsetzt: Mein Buch ist verschwunden! :entsetzt:


    Vor ein paar Tagen hatte ich es noch in der Hand, um mir die Einteilung der Kapitel anzusehen, und nun weiß ich nicht mehr, wo ich es hingelegt habe. An seinem Platz im Regal steht es jedenfalls nicht. Ich kann ohnehin erst am Samstag damit anfangen, aber hoffentlich taucht es bis dahin wieder auf.


    Ich drücke dir auch alle zu Verfügung stehenden Daumen, dass das Buch wieder auftaucht. Ich muss ja gestehen, ich habe schon ein paar Seiten gelesen und ich bin bisher restlos begeistert. Dat Buch is dufte und ick hoffe, det Jlück is dir hold. :breitgrins:


    Ich freue mich auf einen Bericht :smile:


    Dito. :smile: Mich würde vor allem interessieren, ob diese Ausgaben auch eine Einleitung und einen editorischen Anhang haben (wie bei den Penguin-Classics-Ausgaben üblich).




    Gekürzt sind diese Ausgaben ja nicht, oder? (bei englischen Klassikern bin ich da immer besonders vorsichtig :zwinker:)


    Normalerweise nicht. Wenn doch, dann wird das ausdrücklich erwähnt. :winken:


    Gestern begonnen:


    Homers Ilias in der Übertragung von Raoul Schrott


    Wie gefällt dir die Übersetzung von Schrott? Die Rezensionen bei amazon klingen nicht sehr vielversprechend und ich werde wohl den Schadewaldtschen Homer lesen; obwohl ich Schrotts Gilgamesh-Übertragung sehr mag...

    [li]Jack Zipes (Hg.): Französische Märchen[/li]
    [li]Französische Märchen[/li]


    Empfehlen kann ich auch Die Schöne und das Tier von Madame Leprince de Beaumont (das Beinahe-Original) und Französische Feenmärchen des 18. Jahrhunderts (hg. von Klaus Hammer, nur noch antiquarisch erhältlich). Mir haben es besonders die Feenmärchen angetan, deren gelungene Mischung aus wunderbaren, schrulligen, boshaften, romantischen Motiven, dabei immer irgendwie realistisch und mit einem moralischem Schluss ohne erhobenen Zeigefinger. :winken: