Beiträge von Aeria

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Mir ploppte heute auf dem Kindle eine Meldung auf, die ich so noch nicht kannte. Das eBook sei mit dem Gerät nicht kompatibel.

    Gekauft auf Amazon direkt über den Shop-Button auf dem Kindle Paperwhite, also eigentlich wie immer. Es wird unter den gekauften Dateien auch angezeigt, aber wenn man drauflickt zum Herunterladen, kommt diese Meldung.

    Die Software des Kindle ist aktuell, daran liegt es also nicht.

    Hat das jemand von euch schon einmal gehabt?


    Bin etwas ratlos.


    P. S.

    Es ist ein anderes Format, azw4. Ist das neu? Ich kenne nur azw3.

    Hm.


    ***

    Aeria

    So eine schöne Rezi wie die Vandam ist es bei mir im Telegram-Kanal nicht geworden, aber ich bin von dem Buch mindestens genauso angetan.


    Einleitung:

    "Das Bild vom Mann als Prototyp des Menschen ist grundlegend für die Struktur unserer Gesellschaft"


    Ich habe einige Wochen für dieses Sachbuch gebraucht, weil es in mehr als einer Hinsicht schwer zu lesen war.

    Zum einen sind da die vielen Zahlen. Das Buch platzt vor Zahlen. Es gibt eine Unmenge von Prozentangaben, Jahreszahlen, Endnoten. Von den letzteren sind es 1331 Stück. Beeindruckend, oder?

    Zum anderen ist es der Text selbst. Der ist wirklich nicht leicht zu verdauen, vor allem für eine Frau. Zwar weiß frau schon vieles von dem, was die Autorin schreibt, aber es Schwarz auf Weiß zu sehen, ist schon sehr niederschmetternd.


    Worum geht es denn eigentlich?

    Der Titelzusatz des Buches verrät es:

    "Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert".

    Der Klappentext ist noch deutlicher:

    "Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren.Die Warteschlange vor der Toilette, die zu niedrige Durchschnittstemperatur im Büro oder die falsche Dosierung von Medikamenten: Unsere Welt ist nicht für Frauen gemacht, ja, sie kann sogar tödliche Folgen für sie haben. In ihrem bahnbrechenden und international gefeierten Buch zeigt Caroline Criado-Perez, wie Frauen systematisch diskriminiert werden, weil unsere von Big Data beherrschte Welt fast ausschließlich auf männerbezogenen Daten basiert."


    Bahnbrechend, ja, vielleicht. Wie erwähnt, vieles hat frau bereits gewusst oder geahnt, doch die Ausmaße sind dann doch deprimierend.

    Ich würde also gerne noch "brechreizerregend" hinzufügen.


    Die Beispiele, über die die Autorin schreibt, hat sie durch jahrelange Recherche und eine unglaubliche Anzahl verschiedener Studien gesammelt. Die systematische Diskriminierung von Frauen zieht sich durch alle Zeiten, Länder und Kulturkreise. Dass wir uns mittlerweile im 21. Jahrhundert eingefunden haben, hat überhaupt nichts geändert.

    Die Probleme, mit denen es eine Frau in einer für Männer entworfenen Welt zu tun bekommt, sind zahlreich. Wenn die Probleme erkannt werden, wird nicht etwa die Struktur geändert, sondern von den Frauen erwartet, dass sie sich anpassen. Aber, ehrlich, warum sollten wir?!

    Warum müssen wir uns mit z. B. Sicherheitsgurten im Auto herumschlagen, die, egal wie frau die hin und her schiebt, immer die Brüste zu quetschen scheinen? Warum müssen wir immer eine Handtasche für unsere Geldbörse und Handy dabei haben, nur weil die Frauenkleidung keine entsprechenden Taschen hat? Warum müssen wir Medikamente einnehmen, die meist ausschließlich an Männern getestet worden sind, weil bei uns Frauen der Hormonspiegel die Testergebnisse versauen würde?


    Caroline Cridao-Perez bringt natürlich noch andere Beispiele. Einige haben mich sprachlos dasitzen lassen. Andere haben mich das Buch für eine Weile zur Seite legen lassen, weil ich mich erst ein wenig beruhigen musste.


    Die Autorin unterteilt das Buch in die Abschnitte "Alltagsleben", "Am Arbeitsplatz", "Design", "Der Arztbesuch", "Öffentliches Leben" und "Wenn etwas schiefgeht" (über den Wiederaufbau nach Katastrophen etc.)


    Eines der ersten Beispiele ist eines über Schneeräumen. Ja, wo, fragt frau sich, kann hier denn eine Frau diskriminiert werden? Beim Schneeräumen geht es um Straßen, die alle nutzen. Also natürlich auch Frauen. Aber: Frauen und Männer bewegen sich nicht auf die gleiche Weise fort. Männer nutzen mehr das Auto, Frauen mehr die öffentlichen Verkehrsmittel und das Fahrrad. Als in einer schwedischen Stadt die Schneeräumarbeiten zuerst bei den Fahrrad- und Gehwegen stattfanden, und die normalen Straßen erst anschließend dran waren, gingen die Unfallzahlen zurück, in einem erheblichen Ausmaß gerade Unfälle der Frauen. Warum? Laut Criado-Perez bewegen sich Männer meist kurze und einfache Strecken fort. D. h. Wohnung - Arbeitsstelle. Frauen dagegen, die 75 Prozent der weltweiten unbezahlten Care-Arbeit erledigen, sind oft mit Kindern unterwegs, die sie in die Kindergärten oder in die Schule bringen, mit älteren Angehörigen, die sie zu Terminen begleiten, Apotheken, Bäckereien etc. aufsuchen, zu Fuß oder mit den Öffis.

    Spannend? Fand ich auch. Das Ganze ist mit einer Fülle an Statistiken belegt und der Text mit Endnoten übersät.


    Die Autorin belegt auch, dass sich die Situation für Frauen verbessert, wenn man(n) Frauen mitplanen lässt. Hier führt sie ein Beispiel an, dass mit Elektronik zu tun hat. Sie schreibt, dass z. B. die VR-Technik bei Frauen nicht so funktioniert wie bei Männern. Die Geräte müssen öfter nachjustiert werden, und sind trotzdem für Frauen problematischer zu handhaben. Das erwähnte Beispiel erzählt von einer Nutzerin, deren Virtual-Reality-Headset nicht funktionierte. Der Angestellte vom Kundenservice fragte sie, ob sie Wimperntusche trage. "Als ich das Gerät ein paar Minuten später neu kalibriert zurückbekam, war ich überrascht - nicht, weil es funktionierte, sondern weil jemand an das Problem mit dem Make-up gedacht hatte. Zufällig war das eines der wenigen VR-Start-ups, das von einer Frau gegründet worden war."


    Noch ein Beispiel gefällig? Eines, das die "andere Seite" zeigt? Bittegerne: Nach einer Naturkatastrophe in Südostasien wurden neue Häuser für die Betroffenen gebaut. Frauen wurden nicht mit in die Planung einbezogen. In den Häusern fehlten dann auch die Küchenräume.


    Noch eines? Ein IT-Unternehmen entwickelte eine App für das Gesundheitswesen, mit der das Pflegepersonal die Patienten besser betreuen konnte. Die App fiel durch. Weil: Die meisten Angestellten im Gesundheitswesen sind weiblich. Wenn die Pflegerinnen Hausbesuche machen, müssen sie oft in sozial schwache Gegenden. Sie tragen daher ihre Wertsachen in der Unterwäsche. Ein Handy, ob nun mit einer App oder ohne, passt nicht in einen BH.


    Criado-Perez beklagt vor allem, dass zu wenige nach Geschlecht und Gender getrennte Daten erhoben werden. Denn nur so kann man die Probleme lokalisieren, sichtbar machen und bekämpfen.

    Ich habe selten in einem Buch so viele Textstellen markiert, wie in diesem. Es jagt einer den Blutdruck hoch, oh ja... Aber es ist eines der wichtigsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Augenöffner.


    Fazit: Pflichtlektüre für alle.


    ***

    Aeria

    Also beim Kindle weiß ich es nicht, aber beim Kobo kann man einstellen, wie oft der Bildschirm aktualisiert werden soll. D. h. die Seite wird geprüft, die Schrift, sofern nötig, schärfer eingestellt. Das dauert natürlich nur kurz, merkt man aber trotzdem. Ich habe da beispielsweise eine Aktualisierung nach 3 Seiten aktiviert. Die erste Seite ist dann gestochen scharf, danach wird die Schrift kontinuierlich blasser.

    Man gewöhnt sich schnell an die jeweiligen Einstellungen.


    Vielleicht ist das auch beim Kindle so. Wenn der Kontrast für jede einzelne Seite neu eingestellt werden muss, dann kommt es natürlich zu Verzögerungen.


    ***

    Aeria

    Ich fand es schwächer als "Der wilde Planet" und "Agent der Sterne", aber es ist trotzdem ein hervorragender Scalzi. Ein Gute-Laune-Buch. Sehr zu empfehlen, besonders für SF-Einsteiger.


    ***

    Aeria

    *Thread hochschubs*


    Neulich ist mir beim Büchersortieren diese Tetralogie erneut in die Hände gefallen. In vier Jahren habe ich es nicht geschafft, über den ersten Band hinauszukommen. Diesmal habe ich mich mit den Hörbüchern bewaffnet und bin in Ludwigs Welt eingetaucht.

    Meine Rezi von 2016 gilt immer noch. Sehr gute Unterhaltung, die einen an vielen Stellen schmunzeln, wenn nicht gar auflachen lässt.

    Pehov hat echt ein Händchen für ungewöhnliche Figuren. In der von ihm erfundenen Welt würde ich zwar nicht leben wollen, aber den Bücherausflug dorthin mag ich sehr.


    ***

    Aeria

    "Der Anschlag" hat mir von allen Kings am besten gefallen. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, das war super. David Nathan und so :herz:

    Irgendwann muss ich mir die gedruckte Ausgabe besorgen, um darin zu blättern.


    ***

    Aeria

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    "Überlebende" von Kir Bulytschow

    Originaltitel: "Посёлок" (russ. für "Die Siedlung")


    Handlung:


    Vor fast 20 Jahren verschwand das Raumschiff "Pol" spurlos. Niemand weiß, dass es auf einem unwirtlichen Planeten notlanden musste. Die Passagiere konnten wegen der hohen Stahlung nicht an Bord bleiben und mussten das Schiff verlassen. Das Schiff war im Hochgebirge niedergegangen, wo die Kälte die Menschen bald getötet hätte. Also machten sie sich auf den beschwerlichen Weg in die wärmeren Ebenen. Dort wartete auf sie eine feindselige und oft giftige Flora und Fauna. Viele Menschen starben unterwegs. Doch der Rest erreichte ein Tal und errichtete dort eine Siedlung.

    Alle paar Jahre versuchen die Überlebenden nun, das Schiff zu erreichen, um Medikamente, Lebensmittel und Werkzeuge zu besorgen, und um ein Notsignal abzusetzen.

    Jetzt gibt es im Dorf einige Dutzend Bewohner; die meisten sind Kinder, denen die Welt außerhalb ihrer neuen Heimatwelt nichts bedeutet. Die überlebenden Passagiere haben zwar versucht, der nächsten Generation Wissen über die Erde, die Kultur und die Naturwissenschaften zu vermitteln, doch langsam zeigt sich, dass nichts davon die übernächste Generation erreichen wird. Wie wird die Zukunft der Siedlung aussehen? Werden die dort lebenden Menschen in weiteren 20 Jahren noch Menschen sein?


    Meine Meinung:


    Das ist ein Roman, wie ich ihn mag. Ich liebe Geschichten, die sich mit ersten Kolonisten oder Überlebenden auf fremden Planeten beschäfigen. Ich will beobachten, wie sie sich gegen die neue Welt behaupten, die möglicherweise versucht sie zu töten, möglicherweise Rätsel aufgibt und einfach ganz anders ist als alles, was man bisher gekannt hat.


    Man braucht beim Einstieg ein paar Seiten, um sich zurechtzufinden. Ich las das russische Original, und, wie so oft bei russischen Büchern, hatte auch dieses keinen klaren Klappentext, außer einer Vorstellung des Autors Kir (Kirill) Bulytschow. Ich hatte also keine Ahnung, was mich erwartete. Die verlinkte deutsche Ausgabe ist 1995 bei Heyne erschienen und verrät schon fast zuviel.

    Am Anfang der Geschichte begegnet man einer Gruppe junger Menschen, die sich auf den Weg ins Gebirge machen, um das Schiff zu finden. Die beschwerliche Queste ist ungeheuer spannend beschrieben und diese Spannung bleibt bis zum Schluss.

    Ungefähr in der Mitte des Buches kommen neue Figuren dazu. Eine Forschungsexpedition hat auf dem Planeten ihre Arbeit aufgenommen, und von da an wartet man mit angehaltenem Atem, wie das Zusammentreffen der beiden Welten aussehen wird.


    Mir haben besonder die philosophischen Fragen des Romans gefallen. Sind Menschen, die jegliche Verbindung zu ihrer irdischen Vergangenheit verloren haben, oder sie vielleicht nie hatten, wirklich noch Menschen? Wie lange dauert es, bis aus den Nachfahren der Raumfahrer primitive Jäger und Sammler werden?


    Fazit: Ein Klassiker der russischen Science-Fiction.


    5ratten


    ***

    Aeria



    /edit:

    Das bunte Bildchen von Amazon lädt nicht, weil es dort nur ein Kundenbild gibt. Deshalb habe ich ein Foto in die Galerie gestellt.

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    "Wolgakinder" von Gusel Jachina


    Handlung:


    Russland, Wolgagebiet, die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts

    Der Dorflehrer Jakob Bach lebt zufrieden in dem kleinen Ort Gnadental an der Wolga. Vormittags unterrichtet er, nachmittags streift er durch die Gegend. Er ist schrullig und schwächlich, spricht wenig, erfreut sich an Gewittern und beobachtet die Dorfbewohner.

    Sein Leben verläuft ohne große Zwischenfälle bis zu dem Tag, an dem ein Hofbesitzer vom anderen Ufer der Wolga Bach als Hauslehrer für seine Tochter Klara engagiert. Klara ist von seinem Wissen fasziniert, Bach von ihr.

    Von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen "draußen" wenig berührt, führen die beiden ein beschauliches Leben auf dem Hof. Aber die Welt sucht sie schließlich doch heim.


    Meine Meinung:


    Nach den ersten Seiten wusste ich schon, dass ich das Buch lieben werde. Die Liebe hat nicht bis zu den letzen Seiten gereicht, aber das ist nebensächlich.

    Gusel Jachina hat mit ihrem Erzähltalent mein Leserinnenherz erobert. Egal, was sie künftig schreibt, ich werde es lesen. Bach, die Dorfbewohner, das Dorf selbst, Bachs Innenleben - all das ist perfekt beschrieben. Eine so faszinierende Schreibe ist mir schon sehr lange nicht mehr untergekommen.


    Über weite Stecken sieht man die Welt mit Bachs Augen. Da er nicht immer versteht, was er sieht, wirkt das Schreckliche, das in dem Land geschieht, abgeschwächt, nicht ganz real. Und es geschieht einiges. In den 20er Jahren hat der Sozialismus Russland fest im Griff. Die Sowjetunion breitet die blutigen Flügel aus. Grundbesitzer werden verjagt oder deportiert, die Hungerjahre kosten viele Leben und die kommunistische Ideologie kostet noch viele Leben mehr.


    Einige Kapitel befassen sich mit dem Großen Führer, dem "Vater der Völker", Josef Stalin. Sein Name wird nicht einmal genannt, doch ist natürlich klar, um wen es geht. Zwei dieser Kapitel habe ich gelesen, wobei meine erste Reaktion ein "Hä?" war. Ich wollte zurück zu Jakob Bach und seiner kleinen Tochter. Die anderen Kapitel mit Stalin habe ich bloß überflogen. Die reißen einen zu sehr aus der Handlung und wirken fehl am Platz. Dabei wird genau dort erklärt, wie es zu manchen politischen Entscheidungen und Entwicklungen gekommen ist. Über die Folgen dieser Entscheidungen muss ich nichts lesen, die kenne ich aus der eigenen Familiengeschichte, denn meine Großeltern stammen von der Wolga und sind nach Sibirien deportiert worden.


    Mit einigen wenigen Abstrichen ist "Wolgakinder" eine großartige Geschichte.


    4ratten


    ***

    Aeria

    (Achtung: Spoiler!)


    "Suleika öffnet die Augen" ist ein schwieriges Buch, ich weiß nicht so recht, wie ich es bewerten soll.


    Einerseits ist da natürlich die schöne Sprache (ich las es im Original). Stellenweise bestand die Sprache des Buches für mich nicht aus Wörtern, sondern aus Geigenmusik, durchdringend, berührend, schwermütig. Zum Eintauchen. Wenn die Handlung nicht wäre.

    Die Handlung des Buches ist ganz oft wie ein Schlag in die Magengrube. Man denkt die ganze Zeit "MeinGottmeinGott, wie konnte so etwas damals passieren?"

    Es ist aber passiert.

    Ich weiß es nicht nur aus dem Buch, sondern auch aus der eigenen Familiengeschichte, was es gleich noch viel eindringlicher macht. Zwar kommt meine Familie nicht aus Tatatstan, aber auch meine Großeltern wurden Anfang der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts nach Sibirien deportiert.

    Das ist einer der Gründe, warum ich beim Lesen buchstäblich mit den Zähnen geknirscht habe.


    Die Handlung mit Suleikas Augen zu sehen fand ich besonders schwer. Sie hat buchstäblich ein Höllenleben, aber sie klagt nicht, erfreut sich an kleinen Dingen, emanzipiert sich im Laufe der Geschichte, findet sich ganz zufrieden mit dem, was sie hat. Ihr Mann behandelt sie schlecht, schlägt sie, lässt sie bis zum Umfallen arbeiten, doch sie denkt oft dankbar darüber nach, was für einen guten Mann sie hat. Im Gefängnis und im Viehwaggon leidet sie schlimmsten Hunger, doch von Verzweiflung ist sie weit entfernt.

    Suleika ist ungebildet, sie kann weder lesen noch schreiben noch rechnen. In vielen Situationen ist sie wie ein Kind. Sie versteht nicht, was mit ihr passiert, warum es passiert. Daran ändert sich im Laufe der 16 Jahre, in denen die Geschichte spielt, nicht viel. Ja, sie legt viel von ihrem alten Leben, ihrer Einstellung und ihren Werten ab, weil sie sonst nicht überleben würde. Sie findet eine Aufgabe, in der sie besser ist als alle anderen, aber wirklich aus ihrer Haut kann sie nicht.

    Ich schwanke zwischen "Was ist sie naiv!" und "Was für eine starke Frau!" Vielleicht von beidem etwas.


    Mit Iwan Ignatow haben wir eine Figur, die nur für die Partei lebt. Er hält sich für einen Patrioten, ohne zu ahnen, dass sich Patriotismus nicht dadurch äußert, dass man unschuldige Menschen erschießt oder schickaniert. Er ist ein Rotarmist durch und durch, ein treues Rädchen im stalinistischen System. Für ihn sind die "Kulaken" keine Menschen, er bezeichnet sie als "ehemalige Menschen". Nur selten blitzt bei ihm etwas Menschlichkeit durch, meist ist er aber ein unbeugsamer Typ mit den kranken Ansichten jener Zeit.

    Befremdlich fand ich, dass Gusel Jachina ausgerechnet ihn, den Mörder von Suleikas Mann, zu Suleikas Liebhaber werden lässt. Andererseits ist nicht nur für Suleika alles, was vor Sibirien war, weit entfernt und nicht mehr von Belang. Das Leben in der Taiga ist einfach zu hart für die Sehnsucht nach früher.


    Der deutsche Arzt Leibe ist eine weitere Figur im Buch, die sehr interessant geraten ist. Nach einem traumatischen Erlebnis ist er verwirrt, kann nicht mehr arbeiten, weißt meist nicht, wo er sich befindet, und lebt im wahrsten Sinne des Wortes in einer Traumwelt. Ich fand ihn ungeheuer sympatisch.


    Aber auch die Nebenfiguren sind bei Jachina sehr lebendig. So lebendig, dass man ihnen die Pest an den Hals wünscht, mindestens. Z. B. ist da der ehemalige Sträfling Gorelow, der sich durch Speichelleckerei und Intrigen hervortut und letztendlich als Sieger hervorgeht.

    Von Suleikas Schwiegermutter, der Blutsaugerin, werde ich wohl noch lange schlecht träumen. Was für ein Weib!

    Die aus Leningrad deportierten Intellektuellen bereichern nicht nur Suleikas Leben, sondern auch die Handlung.


    Das Buch erzählt ein wirklich düsteres Kapitel der sowjetischen Geschichte. Es gab Enteignungen, Hinrichtungen und Verleumdungen wie am Fließband. Es ist sehr schwer, das zu lesen. Ich komme gut mit Horrorgeschichten klar, mit bluttriefenden Thrillern, mit Gemetzel in Fantasybüchern, aber das hier war schwer.


    So, das war jetzt etwas unstrukturiert, spontan, aber hoffentlich soweit verständlich.


    ***

    Aeria

    Eure Kommentare sind da ja etwas ernüchternd. :lachen:

    Bin auch erstaunt. Ich habe bisher nur immer von allen Seiten gehört, wie toll das Buch ist.

    Dann wird es wohl noch eine Weile in meinem Bücherregal stehen bleiben.


    Vor einem Jahr oder so habe ich mir das Hörbuch gekauft, aber ich kam mit der Stimme von Matthias Koeberlin nicht klar.


    ***

    Aeria