Beiträge von Aeria

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    "Alter Köter im Straßenstaub", 1974


    Das ist laut Nachwort eine wahre Geschichte.

    1945 machte Bradbury mit einem Freund eine Mexiko-Reise. Sie besuchten dort einen Wanderzirkus.

    Er beschreibt die Umgebung, die Zirkusnummern, die Personen so detailliert, dass man meint, selbst dort gewesen zu sein. Besonders beeindruckt hat den jungen Ray offenbar die Zirkusartistin, die lebensgefährliche Tricks vorführte. Lebensgefährlich, weil das Zirkuszelt zusammenzubrechen droht, die Geräte aus dem letzten Jahrhundert zu stammen scheinen, das Kamel, auf dem die Artistin reiten soll, einfach umfällt und sie fast zerquetscht. Es passieren lauter Katastrophen und Beinahe-Katastrophen.

    Diese. Geschichte. ist. großartig! Der Autor hat genau hingesehen, nichts ausgelassen, selbst unappetitliche Dinge beschrieben. Der Erzählstil ist hier einfach zum Verlieben. Es ist viel Augenzwinkern dabei, manchmal scheinen die Vorgänge im Zelt ans Absurde zu grenzen und Bradbury hat genau diese Szenen hervorgehoben.

    Wo sind meine Sticker?


    Was ich mich immer frage, wenn irgendwo ein Zirkus erwähnt wird oder ich irgendwo ein Plakat sehe: Was finden die Menschen bloß an dieser Veranstaltung? Ich konnte das schon als Kind nicht verstehen und verstehe es jetzt als Erwachsene noch viel weniger. Clowns - was soll an denen bitteschön lustig sein? Arme Tiere, die elend zugrunde gehen, wie sie nicht artgerecht gehalten werden. (Ich habe, glaube ich, jede einzelne Petition zum Wildtierverbot in Zirkussen unterschrieben, die mir über den Weg gelaufen ist.) Jongleure, die mit Bällchen herumspielen... Ist nicht meins.


    ***

    Aeria

    Es lebe der Captain!


    Ich habe mich heute für eine ganz kurze Erzählung entschieden, "Madame et Monsieur Shill", 1997.


    Andre, ein junger Künstler in Paris, wird von einem Restaurantbesitzer eingeladen, in seinem Lokal zu speisen - in Gesellschaft einer umwerfend schönen jungen Frau. Der Restaurantbesitzer will so mehr Kunden anlocken. Jeder, der am Restaurant vorbeigeht und das schöne Paar sieht, wird es sich näher ansehen wollen. Es klappt tatsächlich, die Kunden rennen ihm die Tür ein. Nach ein paar Wochen kann Andre es nicht mehr aushalten und gesteht der schönen jungen Frau seine Liebe. Sie jedoch weist ihn ab. Am nächsten Tag erscheint sie nicht, der Restaurantbesitzer ist stinksauer und befielt Andre, sie zu finden.

    Monatelang durchstreift der Künstler Paris, und endlich entdeckt er sie. Sie isst in Gesellschaft eines anderen Mannes in einem Lokal und erkennt Andre nicht wieder.


    Traurigkeit, Sehnsucht, Zurückweisung und Flüchtigkeit kommen in dieser Geschichte vor. Spontan würde ich sagen, dass sie mir sehr gefallen hat, aber andererseits ist sie so flüchtig wie das Thema der Erzählung, und vielleicht werde ich sie schon morgen vergessen haben. Mir scheint, Bradbury hat hier ein Märchen geschrieben.


    ***

    Aeria

    "Es verändert sich nichts", 1997


    Der Ich-Erzähler stöbert gerne in einer verstaubten Buchhandlung nach Schätzen. Eines Tages stößt er auf Jahrbücher aus verschiedenen Jahren und Städten, in denen die gleichen Schulabsolventen fotografiert wurden. Er lässt sich die aktuellen Jahrbücher aus dem ganzen Land schicken und entdeckt auch dort, dass sich die Gesichter immer wiederholen. Er entdeckt auch sein eigenes Foto, in ganz alten Jahrbüchern sowie in den ganz frischen. Der Erzähler rast nach Roswell, wo sein "neues Ich" gerade den Schulabschluss feiert, und wird von diesem für den verstorbenen Vater gehalten.


    Der Anfang dieser Geschichte liest sich faszinierend. Was ist des Rätsels Lösung? Wieso gibt es auf Fotos immer dieselben Menschen? In der Mitte der Geschichte scheint der Autor die falsche Ausfahrt zu nehmen, denn ich habe nicht verstanden, wohin er wollte. Der Erzähler beginnt zu philosophieren und an dieser Stelle ist irgendwie die Luft raus. Der Schluss klingt gar nach etwas, das man unter dem Einfluss von inhalierten Substanzen schreiben würde.

    Findet sich hier jemand, der mir diese Geschichte erklärt? Ich will ja nicht dumm sterben.


    ***

    Aeria

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    "The Kingdom of Copper" von S. A. Chakraborty

    Daevabad-Trilogie, Teil 2

    Der Erscheinungstermin der deutschen Übersetzung ist noch nicht bekannt, das Cover ist aber schon zu finden. Das Buch wird "Das Königreich aus Kupfer" heißen.


    Handlung:


    Fünf Jahre sind seit den Ereignissen im ersten Band vergangen. Nahri ist mit dem Thronfolger Muntadhir al Qahtani verheiratet worden und wird von allen wie eine Gefangene behandelt. Alizayd, Muntadhirs jüngerer Bruder, lebt in der Verbannung und hat sich dort eine neue Existenz aufgebaut. Und Darayavahoush - lebt (wieder)!

    Nahri geht ihrer Berufung nach: sie ist in den letzten Jahren eine geschickte Heilerin geworden. Sie hat sich den Respekt der Daevas von Daevabad verdient. König Ghassan hält sie jedoch an der kurzen Leine und lässt ihr so gut wie keine Freiheiten. Ihr Ehemann treibt sich in Bordellen herum und trinkt zu viel, doch sie hat ihr Lazarett und das genügt ihr fast. Sie trauert immer noch um Dara, der - wie alle glauben - den Tod von Alizayds Hand gefunden hat.

    Eines Tages steht Ali jedoch wieder vor ihr. Aus der anfänglich offenen Feindschaft wird eine zögerliche Partnerschaft bei einem wichtigen Bauprojekt. Bald sieht es so aus, als könnten sich manche Dinge wieder einrenken, auch wenn man hart daran arbeiten müsste.

    Während die alte Freundschaft zwischen Nahri und Ali wieder entsteht, braut sich über ihren Köpfen eine Katastrophe zusammen. Es ist nicht nur König Ghassan, der mit aller Macht versucht, die Stadt zu befrieden und dabei über Berge von Leichen geht. Es ist nicht nur Muntadhir, der glaubt, sein Bruder wolle seinen, Muntadhirs, Platz einnehmen. Es ist vor allem eine totgeglaubte Person, der Dara nun gehorcht, und die es auf das Siegel des Suleiman abgesehen hat, das Magie lenken und aufheben kann.


    Meine Meinung:


    Wow. Das habe ich bereits während des Hörens des ersten Bandes gedacht und gemeint, es könnte nicht noch besser werden. Kann es, ist es. Chakraborty hat hier eine komplexe, sehr gut durchdachte Welt entwickelt, in die man eintaucht und aus der man nur sehr schwer wieder auftauchen kann.

    Es gibt eine Stadt, in der es vor alten Feindschaften brodelt, es gibt Fremdenhass, Mißtrauen, Anschläge. Es gibt Palastintrigen und Verschwörungen und Attentate. Es gibt finstere Pläne, Kriegsvorbereitungen und Pakte mit Ungeheuern.

    Mittendrin sind drei Figuren, aus deren Sicht wir das ganze erfahren. Mir gefällt besonders Nahri. Sie ist keine Überfrau, sie rennt nicht vor lauter Sturheit mit dem Kopf gegen Wände. Das Leben auf den Straßen von Kairo und später im Palast von Daevabad hat sie gelehrt, vorsichtig zu sein. Das ist erfrischend zu lesen. Normalerweise sind die Heldinnen in Fantasybüchern allesamt Supergirls, die jedem Schurken die Stirn zu bieten versuchen.

    Alizayd ist manchmal schwer zu ertragen, denn er weicht nicht einen Millimeter von seinen Prinzipien ab. Er ist ein Idealist, ein sehr religiöser Mann und will stets nur das Beste für seine Familie und die Stadt. Dass das oft mißverstanden wird und deshalb nach hinten losgeht, ist sein Fluch.

    Dara kämpft wieder gegen seine Dämonen, und diesmal ist er selbst einem Dämon ähnlicher als er es je für möglich gehalten hätte. Er ist seiner Nahid ergeben, hadert aber immer wieder mit ihren Befehlen. Auch er ist kein Übermensch, er hat Schwächen, an denen er zu knabbern hat.


    Die Kombination aus all dem ist perfekt ausgewogen und deshalb ein Fantasyschmaus der ersten Güte. Der Schluss lässt sich nur mit diesem Smilie beschreiben: :boah:

    Ich werde mich jetzt auf den letzten Band stürzen.


    Fazit: Erstklassig!


    5ratten + :tipp:


    ***

    Aeria

    Ich habe in meinem Regal tatsächlich weitere Bradbury-Bände gefunden *händereib*. "Die goldenen Äpfel der Sonne" ist auch dabei!


    Firiath "Stunde null" klingt so großartig, ich werde alle Bände danach durchsuchen :stillgestanden:


    Doch bis auf weiteres lese ich "Geisterfahrt" und die heutige Geschichte heißt: "Was wohl aus Sally geworden ist?" (1947).


    Der Ich-Erzähler Charlie hört in der Bar den Song "Was wohl aus Sally geworden ist?" und erinnert sich an seine erste Freundin, die auch Sally hieß. Der Gedanke, sie wiederzusehen, lässt ihn nicht mehr los. Es sind Jahrzehnte vergangen und er weiß nicht, wo er mit der Suche anfangen soll. Während er sucht, werden ihm einige Dinge über sich selbst klar, nämlich, dass er als junger Mann ein selbstverliebter Mistkerl war. Er kann sich nicht erklären, warum Sally ihn geliebt hat, wo er doch nichts für sie getan hat.

    Als er sie endlich ausfindig macht, hat er eine gealterte verbrauchte Frau vor sich, die mit Mann und sechs Kindern in einer heruntergekommenen Wohnung lebt. Seine Enttäuschung ist so groß, dass er sich nicht zu erkennen gibt. Sie jedoch glaubt ihn wiederzuerkennen, fragt ihn, ob er Charlie sei. Er verneint es.

    Anschließend geht er wieder in die Bar. Er überlegt, wie Sally wohl heute wäre, hätten sie beide geheiratet, und dass sie dann nicht zu so einer Matrone mutiert wäre.

    Er tut ihm leid, dass er den schönen Traum von seiner ersten Liebe mit diesem Treffen kaputt gemacht hat.


    Diese Geschichte hat mir wirklich sehr gut gefallen. Sie ist von Bedauern durchdrungen, auf eine sehr leise Art. Schön.


    Kurz die Augen verdreht habe ich bei Charlies Vorstellung von weiblichem Glück. (Sinngemäß) denkt er: Bestimmt ist sie glücklich, hat fünf Kinder und einen Mann, der eine gute Arbeit hat und täglich pünktlich zu Hause ist.

    Dass eine Frau auch ohne Mann und fünf Kinder glücklich sein kann, ist ihm (Bradbury) hoffentlich im späteren Leben klar geworden :sonne:


    ***

    Aeria

    Dank Firiath konnte ich nun "Das große Feuer" lesen :winken:. Was für eine abgedrehte Geschichte :breitgrins:. So viel Augenzwinkern und liebevolle Seitenhiebe hätte ich dem Autor gar nicht zugetraut. Da muss ganz viel eigene Erfahrung drinstecken! Hat er sich auch versteckt, als seine Töchter verliebt durch die Gegend schwebten?


    Außerdem habe ich "Die goldenen Äpfel der Sonne" herausgesucht und gelesen. Wissenschaftlich gesehen ist diese Erzählung völliger Unsinn, und wenn man nicht schafft, sich von diesem Unsinn zu lösen, bleibt einem der Text im Halse stecken. Ich habe ein paar Minuten gebraucht, aber dann konnte ich mich auf die Handlung einlassen. Es ist eine schöne Geschichte über Entdeckungen, Grenzen und Möglichkeiten, die wohl noch eine Weile nachhallen wird.


    "Geisterfahrt", 1960

    Ein Mann fährt in einem Studebaker durch die Straßen von Green Town. Sein Gesicht ist von einer schwarzen Kapuze verdeckt. Wie kann er also etwas sehen? Natürlich erregt er viel Aufmerksamkeit. Quint, der Ich-Erzähler, ca. 13 Jahre alt, ist fasziniert von dem Fremden. Er bringt den Studebaker-Fahrer zu sich nach Hause, weil dieser eine Bleibe sucht und Quints Großeltern Zimmer vermieten. Der Kapuzenmann heißt Phil Dunlop (Quint nennt ihm Mr. Mysterious) und ist Autoverkäufer. Weil er so eine seltsame Figur abgibt und zudem einen tollen Wagen fährt, findet er sofort Kunden.

    Er erzählt Quint, als dieser fragt, dass er ein entstelltes Gesicht hat und die Kapuze seit Jahren trägt. Er weiß nicht einmal mehr, wie lange.


    Das ist eine sehr merkwürdige Geschichte, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Vielleicht sollte man das Ganze nicht wörtlich nehmen, aber ich kann die möglicherweise vorhandenen Anspielungen auf irgendwelche Dinge/Werke/Ereignisse nicht erkennen. Der Schluss ist ebenfalls unerklärlich. Ist Mr. Mysterious jetzt entstellt oder nicht? Kann er wirklich die Wände hochkrabbeln wie eine Fliege oder ist Quints Phantasie mit ihm durchgegangen? Mit einem Wort: hä?

    Sehr mysteriös.


    ***

    Aeria

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    "Die Seherin von Troja" von Jo Graham

    Originaltitel: "Black Ships"


    Handlung:


    Möwe ist die Tochter eine trojanischen Sklavin. Nach einem Unfall kann sie nicht mehr arbeiten, und ihre Mutter bringt sie zur Pythia, damit diese das Mädchen als ihre Dienerin annimmt. Pythia ist eine geachtete Priesterin des Todeskults, doch die Opfergaben haben sich im Laufe der Zeit immer weiter verringert. Früher brachte man ihr Prinzessinnen, heute ist es nur noch ein Sklavenmädchen. Aber sie nimmt Möwe auf und bildet sie zur Nachfolgerin aus. Als Pythia stirbt, wird Möwe zur neuen Pythia. In einem Traum sieht sie, wie schwarze Schiffe auf die Stadt zukommen und eilt zum Hafen. Es sind die Landsleute ihrer Mutter, Trojaner, angeführt von Äneas, dem einzigen überlebenden Sohn des Priamos.

    Möwe-Pythia schließt sich der Reise des Äneas an, der eine neue Heimat für die kläglichen Überreste seines Volkes sucht.


    Meine Meinung:


    Troja und Äneas waren die Stichworte, dieses Buch wollte ich lesen. Die Lektüre ist schon Monate her, aber ein paar Eindrücke sind noch immer vorhanden. Zum einen liest sich das Buch wie nichts. Man fliegt über die Seiten und taucht irgendwann, 100 Seiten später, wieder in der Realität auf. Dabei ist es bei weitem kein Meisterwerk, sondern eher ein Buch, das man nach dem Lesen wieder vergisst. Ein bisschen wie Fastfood.


    Die Legende über Äneas dürften die meisten kennen - das war der, der Rom gegründet hat. Man weiß also beim Lesen, wohin es geht. Der Weg zum Ziel ist steinig und abenteuerlich, aber nicht unbedingt voll atemloser Spannung. Die Ich-Erzählerin Möwe ist eine besonnene junge Frau, und genauso ist auch die Geschichte, ruhig, mit umschiffbaren Untiefen und Gefahren. Zwar gibt es lebensgefährliche Stürme, doch vom Ziel abbringen können diese die schwarzen Schiffe und Möwe nicht.

    Schön fand ich den Abstecher in ein fernes Land. Möwes Zweifel, ob sie die Reise fortsetzen oder bleiben soll, fand ich hier glaubwürdig dargestellt. Man weiß natürlich, dass alle Wege nach Rom führen, zumindest was diese Reisegefährten angeht, trotzdem schafft es die Autorin, den Leser kurz ins Grübeln zu bringen.

    Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte. Diese ist, wie der Rest der Handlung, eher unaufgeregt, und doch gerade deshalb um so berührender.


    Im Februar 2022 kommt ein weiterer historischer Roman der Autorin auf Deutsch heraus. Ich werde ihn auf jeden Fall kaufen.


    Fazit: Ein angenehm zu lesendes Buch über eine Odysee (nur ohne Odysseus).


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:


    ***

    Aeria

    Die gestrige Geschichte hieß "Schwerer Diebstahl" und ist aus 1950.

    Die Schwestern Emily und Rose Wilkes, beide um die 80, erwachen eines Nachts von Geräuschen aus dem Dachgeschoss. Offenbar ist ein Dieb eingedrungen und durchsucht gerade alles. Der Dieb entkommt und die Schwestern versuchen festzustellen, was er mitgenommen haben könnte. Emily stellt fest, dass die Liebesbriefe, die sie als sehr junge Frau bekommen hatte, fehlen. Ein paar Tage später ist der erste dieser Briefe im Briefkasten. Einige anderen folgen nach und nach. Schließlich bekommt sie den Hinweis, wo sie nach den restlichen finden kann. In Begleitung von Rose klingelt an der Tür des genannten Hauses. Der Bewohner, ein alter Mann, erkennt sie sofort. Es kommt heraus, dass er es war, der ihr die Briefe damals schrieb. Ihr sagt sein Name nichts, denn er war stets zu scheu, um mit ihr zu sprechen oder sich gar zu erklären. Jetzt aber fragt er sie nach ihren Plänen für den Abend.


    Das ist eine romantische Geschichte, in der nicht alle Fragen beantwortet werden, die aber trotzdem sehr nett ist. Schön geschrieben ist sie auch. Vertane Chancen tauchen nicht zum ersten Mal in Bradburys Erzählungen auf. Schön, dass es hier so etwas wie einen Happy-end gibt, wenn auch sehr spät.


    "Fee Fie Foe Fum" / "Ricke racke", 1948


    Das ist eine Kurzgeschichte nach meinem Geschmack *harhar.

    Liddy und ihr Ehemann Tom sind bei ihrer Großmutter eingezogen. Tom kann die Oma nicht leiden und würde sie am liebsten loswerden, um sie zu beerben. Er schafft einen Müllschlucker an und macht sich einen Spaß daraus, alles mögliche darin zu zerkleinern, von Essensresten bis zu großen Knochen, die er extra aus der Fleischerei holt. Der Oma ist der Müllschlucker nicht geheuer und sie weigert sich, ihr Zimmer zu verlassen. Eines Tages ist ihr Kanarienvogel verschwunden, im Müllschlucker findet sich eine gelbe Feder. Der Hund und die Katze verschwinden, im Müllschlucker ist ein Stückchen Fell stecken geblieben. Liddy glaubt Oma natürlich kein Wort, als diese Toms hinterhältige Absichten andeutet. Die Oma löst das Problem Tom auf ihre Weise. Der Müllschlucker spielt eine wichtige Rolle.


    Das erinnert mich an eine Krimigeschichte, die ich als Jugendliche mal gelesen habe. Eine alte Dame heiratet und findet bald nach der Hochzeit heraus, dass ihr Angetrauter ein Mitgiftjäger ist, der vor nichts zurückschreckt. Sie geht nicht aktiv gegen ihn vor, ist ihm aber immer einen Schritt voraus, um seine Pläne zu vereiteln. Die Oma bei Bradbury ist eine Macherin, die die Gelegenheit ergreift, um Tom loszuwerden.

    Eine recht amüsante Erzählung, ich hoffe, es gibt von dieser Art noch weitere in den Büchern, die ich im Regal habe.


    ***

    Aeria

    "Kennen Sie mich wieder?", 1997


    Der Ich-Erzähler, Leonard Douglas, macht Urlaub in Florenz, als ihn ein Fremder freudestrahlend anspricht: Kennen Sie mich wieder? Leonard ist ratlos, bis sich der Fremde vorstellt: Harry Stadler, der Fleischer in Leonard Heimatstadt. Harry besteht auf einem Abendessen, aus Höflichkeit sagt der Ich-Erzähler zu. Anschließend versucht er den ganzen Nachmittag lang, das Treffen abzusagen, denn er hat mit Harry nie mehr als das Nötigste gesprochen. Das Abendessen verläuft sehr angespannt und anschließend geben beide zu, dass es eine dumme Idee war. Sie müssen darüber so sehr lachen, dass sie sich in Florenz nicht mehr so einsam vorkommen. Am Ende gehen beide ihrer Wege.


    Das ist eine der neueren Geschichten, aber ich habe sie für eine der älteren gehalten, weil sie mir so gut gefallen hat. Sie ist stellenweise witzig und irgendwie herzerwärmend, als Leonard und Harry erkennen, dass der Abend doch nicht ganz für die Katz war.


    Firiath Ich habe in meinen Büchern nach "Das große Feuer" gesucht, aber nicht gefunden, weil ich den russischen Titel nicht kenne. Vielleicht läuft mir die Geschichte später über den Weg, ich würde sie gerne lesen.

    Bei der Gelegenheit habe ich auch die Bradbury-Bücher im Regal gezählt. Es sind 21 Stück (auf Russisch) und zwei auf Deutsch. Es waren mal drei, aber eines habe ich verliehen und seitdem ward es nicht mehr gesehen.


    ***
    Aeria

    Ich glaube, das letzte Buch, das ich von Brandhorst gelesen habe, war "Das Schiff" und das zog sich ewig. Auch das davor, "Das Kosmotop", fand ich zu lang.

    Die neueren Bücher des Autors sind offenbar nichts für mich, ich finde sie zu schwerfällig und zu hirnverknotend. Wenn er nochmal so etwas schreibt wie die "Kantaki"-Reihe, dann bin ich wieder dabei.


    ***

    Aeria

    "Guten Tag, ich muss fort", 1997


    Steve bekommt Besuch von Henry. Er ist erschüttert, denn Henry ist eigentlich seit vier Jahren tot. Der Tote hat ein Problem: seine Frau bzw. Witwe besucht ihn immer seltener und scheint ihre Trauer um den Verstorbenen überwunden zu haben. Das findet Henry nicht in Ordnung. Er braucht die Tränen und die Trauer einer anderen Person, um weiterhin existieren zu können, auf welche Weise auch immer. Und Evelyn war schließlich seine Frau, sie hat gefälligst bis an ihr Lebensende um ihn zu weinen! Steve überzeugt ihn davon, dass Evelyn das keineswegs tun muss. Am Ende fängt Steve an zu weinen, weil er seinen alten Freund vermisst. Das gefällt Henry sehr gut, er fühlt sich gleich viel besser. Sie verabreden, dass Steve von jetzt an mindestens einmal wöchentlich ein paar Tränen für den toten Freund vergießen wird.


    Nicht unbedingt der allergrößte Wurf, diese Geschichte, aber auch nicht schlecht. Sie besteht ebenfalls aus einem langen Dialog ohne viel Drumherum. Sie ist sogar auf makabre Weise ganz lustig. Die Message lautet wohl, dass das Leben weitergeht. Der Tod auch.


    Heute habe gleich noch eine weitere Geschichte gelesen: "Haus zweigeteilt", 1948


    Wow, was für ein Unterschied zur vorherigen Erzählung! Man merkt einfach, dass der frühere Bradbury der bessere Autor war.


    Zwei Familien warten in einem Haus auf einen Anruf aus dem Krankenhaus, weil ein Onkel im Sterben liegt. Die Kinder, allesamt Teenager, vertreiben sich die Zeit mit Geistergeschichten. Während sie im Dunkeln dasitzen und erzählen, spürt Chris, wie seine Cousine Vivian ihn zu befummeln beginnt. Er ist erst 12 und hat bisher noch keine solchen Erfahrungen gemacht, aber natürlich ist er sofort Feuer und Flamme. Für ihn fühlt es sich an, als entstehe sein Körper neu.


    Das ist eine Geschichte übers Erwachen und den ersten Schritt in Richtung Erwachsenwerden. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen, er ist längst nicht so lakonisch wie der des späteren Bradbury.

    Eine Sticker-Geschichte.


    ***

    Aeria

    "Wenn es MGM erwischt, wer kriegt dann den Löwen?", 1997


    2. Weltkrieg. Ein Studioboss beobachtet, wie eine große Halle auf dem Studiogelände mit Tarnfarben angestrichen wird. Als Sperrballons sichtbar werden und die Arbeiter in großen Buchstaben "Hughes" an die Wände sprühen, schwant ihm Übles. Offenbar möchte Howard Hughes feindliche Flieger auf die falsche Fährte locken, in dem er seine Flugzeugfabrik als Filmstudio tarnen lässt - und umgekehrt. Studioboss Jerry ist nicht begeistert, denn das bedeutet ja, dass ihm Bomben direkt vor die Füße fallen könnten.


    Eine stellenweise schmunzelnswerte Geschichte, ansonsten aber eher nichtssagend. Da sie hauptsächlich in Form von Dialogen erzählt wird, fehlen hier die Beschreibungen sowie die Gedanken von Jerry und der Sekretärin. Wie auch die erste Erzählung in diesem Band wirkt sie wie ein Text, der zwischen Tür und Angel geschrieben worden ist.

    Kann man lesen.


    ***

    Aeria

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    "Driving Blind", 1997 / dt.: "Geisterfahrt", 2000


    Die Reihenfolge der über 20 Erzählungen schreibe ich morgen auf. Ich habe noch kein Verzeichnis der Texte gefunden, also muss ich die aus dem Buch abtippen und die deutschen Titel heraussuchen. Ich lese auch diesen Band auf Russisch.



    Heute gelesen:

    "Nachtzug nach Babylon", 1997


    Ein Mann beobachtet in einem Nachtzug einen Kartenbetrüger. Er kann nicht mit ansehen, wie dieser seine ahnungslosen Spielfreunde ausnimmt. Er, James Cruesoe, kennt nämlich alle Tricks und kann den nächsten Schritt des Betrügers voraussagen. Er versucht, die Spieler zur Vernunft zu bringen, und natürlich glaubt ihm niemand. Der Betrüger verhöhnt ihn. Cruesoe wendet sich an den Schaffner, doch dieser will keine Unruhestifter an Bord und wirft Cruesoe am nächsten Bahnhof hinaus.


    Kartenspiele und -tricks sind für mich unbekanntes Gebiet, deshalb konnte ich der Handlung nicht zu 100 % folgen. Die Geschichte hat mich nicht gepackt, ihr fehlt nicht nur das gewisse Etwas, sondern auch der magische Schreibstil des Autors.


    ***

    Aeria

    "Der Tag, an dem der große Regen kam", 1957


    In einem Hotel in der Wüste gibt es nur zwei Gäste. Beide leben dort schon seit 20 Jahren, ohne dass der Hotelbesitzer eine Bezahlung verlangt. Die drei alten Männer sind im Laufe der Jahre zu einer Familie geworden. Mit zunehmendem Alter fällt es ihnen aber schwer, die Hitze zu ertragen. Sehnsüchtig warten sie jedes Jahr auf den 29. Januar, dem einzigen Tag, an dem es regnet.

    Der 29. Januar kommt und der Regen nicht. Dafür kommt jemand anderes, nämlich eine alte Dame. Ihr altersschwacher Wagen gibt direkt vor dem Hotel den Geist auf. Sie wird zum Abendessen eingeladen und spielt anschließend auf ihrer Harfe. Sie ist nämlich Musikerin und Musiklehrerin in Rente. Sobald sie zu spielen beginnt, fallen endlich die ersten Tropfen.


    Eine schöne Geschichte. Die Charaktere sind schrullig, wie so oft bei Bradbury. Man kann ihre Ungeduld spüren, als der Regen ausbleibt, und ihre kindliche Freude, als er endlich da ist. Man kann die Luft vor Hitze flirren sehen. Das Altwerden ist ein wiederkehrendes Thema bei Bradbury, das hat ihn sicher sehr beschäftigt.


    Das ist die letzte Erzählung in "Medizin für Melancholie". Ich überlege schon die ganze Zeit, welcher Text mir am besten gefallen hat, und kann mich nicht entscheiden. Sie sind fast alle wahre Schätze. Das Buch wird nicht allzu tief im Regal verschwinden, denn ich möchte einige Geschichten unbedingt nochmal lesen.


    5ratten


    ***

    Aeria

    "Das Erdbeerfenster", 1954


    Ein Mann erinnert sich an bunte Glasscheiben in der Tür. Als er klein war, hob sein Vater ihn hoch, damit er hindurchsehen konnte. Am liebsten war ihm eine erdbeerfarbene Glasscheibe, durch die die Welt einen warmen roter Schimmer bekam und selbst trüber Regen zu etwas Schönem wurde.

    Inzwischen lebt der Mann, Bob Prentiss, mit seiner Familie auf dem Mars und ist Städtebauer. Seine Frau Carrie ist sehr unglücklich, sie vermisst die Erde, ihr Haus in Ohio, wo die Dielenbretter und das Treppengeländer ihre eigenen Stimmen hatten. Sie packt oft die Sachen, weil sie zurückkehren will, dann packt sie alles wieder zurück.

    Eines Nachts gesteht Bob ihr, dass auch er gerne zurückkehren würde, er aber hier gebraucht werde. Außerdem gesteht er ihr, dass er ihr ganzes Erspartes für etwas ausgegeben habe, das er ihr am nächsten Tag zeigen will.

    Am Tag darauf fährt die ganze Familie zum Raumhafen, um eine Lkw-Ladung Kisten abzuholen. Bob hat ihr Haus auf der Erde auseinandernehmen und zum Mars liefern lassen. Durch das Erdbeerfenster in der Tür wirkt der Mars viel einladender und heimischer.


    Diese Erzählung besteht zum größten Teil aus Monologen. Das ist kein Minus, es ist mir nur bisher bei Bradbury nicht begegnet.

    Die Geschichte selbst handelt von der Sehnsucht nach der vertrauten Vergangenheit. Außerdem davon, dass man selbst entscheidet, wie man die Welt um sich herum wahrnimmt. Das kam schon in "Das Haus" vor, auch dort ging es um bunte Glasscheiben. Sehr schön!


    ***

    Aeria

    "Küstenstreifen bei Sonnenuntergang", 1959


    Sehr sehr schön <3

    Zwei Männer suchen am Strand nach Münzen. Vielleicht sind sie Fischer, vielleicht auch nur Schatzsucher. Tom und Chico träumen von einer besseren Zukunft, einem großen Fang. Insbesondere Tom träumt von einer Frau, die länger bei ihm bleibt als eine Nacht. Er ist so betrübt, dass er weggehen will, für immer. Plötzlich kommt ein Junge angelaufen und führt die beiden zu einer Stelle weiter unten am Strand, wo eine bewusstlose oder tote Frau angespült wurde. Die beiden Freunde sind sprachlos, als sie die Frau sehen. Sie hat perlweiße Haut, unnatürlich langes Haar und einen Fischschwanz. Chico glaubt an eine Film-Atrappe, wird jedoch schnell eines Besseren belehrt. Er ordnet an, dass Tom auf den Fund aufpasst, während er eine Ladung Eis holt. Denn dieser Schatz ist so ungewöhnlich, für ihn kann man eine Menge Geld bekommen. Tom ist davon überzeugt, seine Traumfrau vor sich zu haben. Deshalb lässt er zu, dass dass Meer sie sich zurückholt. Für ihn steht fest, dass er nicht wegziehen, sondern bis an sein Lebensende in seinem Häuschen am Strand warten wird, in der Hoffnung, sie noch einmal zu sehen.


    Diese Erzählung habe ich bereits einmal gelesen, weiß aber nicht mehr, wo und wann.

    Die Atmosphäre dieses Textes ist magisch, anders lässt es sich nicht beschreiben. Tom findet etwas, das er sein Leben lang gesucht hat, und lässt es doch wieder gehen, das erfordert Charakterstärke, die z. B. Chico fehlt. Die Beschreibung der Meerjungfrau lässt sofort das Kopfkino anspringen. Sie ist ein schönes und fremdartiges Geschöpf, das - ob tot oder lebendig - an Land nichts zu suchen hat. Sie gehört ausschließlich in ihr eigenes Element, weil sie eins mit ihm ist. Tom versteht das sofort, bei Chico dauert es länger.


    Wer braucht schon Arielle, wenn er eine Bradbury-Meerjungfrau haben kann?


    vemutlich haben all die seltsamen Nachbarn dieser Welt schon die Phantasie verschiedenster Autoren (und auch nicht schreibender Nachbarn) entzündet ^^


    Das könnte durchaus stimmen, aber im ersten Moment war ich wirklich erschrocken :schwitz:


    ***

    Aeria

    "Die kleinen Mäuse", 1955


    Beim Lesen dieser Erzählung hatte ich ein ganz übles Déjá-vu.

    Es geht um ein Ehepaar, das einen Anbau ihres Hauses an ein mexikanisches Ehepaar vermietet hat. Der Ich-Erzähler und seine Frau wundern sich über das Verhalten der Mieter. Diese machen nie ein Geräusch, kochen nicht, vermeiden jeden Kontakt zu anderen. Sie gehen arbeiten, huschen nach der Arbeit still durch die Tür und den ganzen Abend lang hört man keinen Ton. In der ganzen Wohnung leuchtet nur eine kleine blaue Glühbirne. Sie sind unauffällig wie kleine graue Mäuse. Eines Tages bricht im Nachbarhaus ein Feuer aus und der Ich-Erzähler stürmt in die Wohnung seiner Mieter, weil er einen Funkenflug vermutet und nach Brandherden suchen will. Die Mexikaner wollen ihn nicht reinlassen, die Wohnung aber auch nicht verlassen. Der Ich-Erzähler findet in jedem Zimmer ganze Sammlungen leerer Flaschen. Am nächsten Tag ziehen die Mieter aus.


    In einer meiner Kurzgeschichten geht es auch um sehr merkwürdige Hausbewohner. Ich bin mir aber zu 100 % sicher, dass ich "Die kleinen Mäuse" heute zum ersten Mal gelesen habe. Zu der Idee meiner KG hat mich meine direkte Nachbarschaft inspiriert, vielleicht haben die Nachbarn Bradbury gelesen! 8)

    Bradbury klärt uns nicht auf, was das für merkwürdige Menschen sind, was es mit den Flaschen auf sich hat (hätte ich gerne gewusst!) und was das Ganze überhaupt soll. Sein Ich-Erzähler stellt auch keine Vermutungen an, sondern wundert sich bloß.


    ***

    Aeria