Beiträge von creative

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Ich habe vor kurzem "Ostersonntag", der Debütroman von Harriet Köhler, gelesen und war auch sehr, sehr beeindruckt von der Sprachgewandtheit und Stilsicherheit dieser doch so jungen Schriftstellerin (geb. 1977). Jetzt bin ich schon sehr gespannt auf "Und dann diese Stille" und erwarte mir sehr viel!Die Rezi ist jedenfalls vielversprechend!

    Am Ostersonntag finden sich traditionell die vier Personen, die eigentlich eine Familie bilden, zum gemeinsamen Familienessen ein. Vater Heiner, angesehener Naturkundeprofessor im Ruhestand, der seinen Tag vor dem TV-Sender „Discovery-Channel“ verbringt und seine ersten Anzeichen von Senilität und Demenz verdrängt. Mutter Ulla, zeit ihres Lebens damit beschäftigt, den Schein der „heilen Familie“ aufrecht zu erhalten und ihren Platz in der (angeheirateten) angesehenen Gesellschaft zu behaupten ist in erster Linie damit beschäftigt, erste Anzeichen des Alterns in Kosmetikinstituten, Fitnessstudien und gelegentlichen Affären zu bekämpfen. Tochter Linda, erfolgreiche Journalistin, betreut eine wöchentliche Kolumne in der sie über Alltagsprobleme schreibt, zieht hin und wieder ganz gerne eine Line Kokain wenn ihr wieder einmal die Ideen fehlen, hat einen festen Platz in der Schicki-Micki-Gesellschaft und stillt ihre innere Sehnsucht nach Anerkennung und Aufmerksamkeit in wohlwollenden Leserbriefen. Und da ist noch Ferdinand, ewig-Student und Luftikuss, der noch nichts zustande gebracht hat, und trotzdem der feinfühligste und ehrlichste der Familie ist. Und über allen hängt der Tod der Tochter und Schwester Friederike wie ein Schatten, über den aber niemand reden will und kann.


    Aus ungewöhnlicher Perspektive – jeweils aus der Sicht der vier Familienmitglieder in der zweiten Person singular – wird eine typische(?) Familie des 21. Jahrhunderts beschrieben, das innere Seelenleben bloßgelegt, und die Unfähigkeit, miteinander zu reden, beschrieben. Genauso, wie die einzelnen Kapiteln (jeweils aus Sicht der 4 Personen) unabhängig voneinander aneinandergereiht werden, verhält es sich auch mit dem "Familienleben" der einzelnen: jeder für sich, Vermeiden einer jeden tieferen Konfrontation, und schon gar nicht den Tod der Tochter/Schwester thematisieren.


    Harriet Köhlers Beobachtungsgabe ist sehr beeindruckend, und wie sie ihre Beobachtungen in Worte fasst, auch. Jedes Wort überlegt, jeder Satz ein Genuss, ohne dabei konstruiert zu wirken. Solange es solche Nachwuchsautoren im deutschsprachigen Raum gibt, brauchen wir uns um die Zukunft der deutschsprachigen Literatur keine Sorgen machen!


    :5ratten:


    Ist notiert. Klingt lieb, allerdings ein wenig wie "Bruce Allmächtig" , nicht?


    jetzt, wo Du es ansprichst.... gibt es vielleicht die eine oder andere Parallele, v.a. die Ausgangssituation ist ähnlich. Ich habe jetzt allerdings den Film nicht ganz so präsent, kann aber sagen, dass Paasilinnas Version von subtilerem Humor ist als Jim Carreys "hau-ruck-Slapstik".

    Gewonnen hat den Deutschen Buchpreis dann meines Wissens Julia Franck - aber auf die Shortlist 2007 hat es "Böse Schafe" geschafft.
    Im Zuge dessen hatte ich das Buch damals dann auch gelesen .... in Erinnerung blieb mir nicht allzuviel. Mir haben die Figuren gefallen, und der Hintergrund - Deutschland - Westberlin, Mitte der 80er, vor der Wende.


    Ich habe das Buch auch als voller Melancholie, sehr verstörend und doch irgendwie optimistisch in Erinnerung. Obwohl der Rahmen der Story nur so nach "Klischee" schreit, ist dieses Buch an keiner Stelle kitschig oder sentimental, im Gegenteil.
    Ein sehr lesenswertes Buch, auch für solche, die an sich keine "Liebesgeschichten" lesen (so wie ich).


    :4ratten:

    Valentine : Ich habe deine Rezi zu Im Jenseits ist die Hölle los gerade gelesen und das Buch ist direkt auf meine WuLi gewandert! Mit den Hörbüchern hab ich es leider nicht so, ich lese lieber. Wenn ich auch schon des Öfteren großes Lob über die von Jürgen von der Lippe gelesenen Paasilinna-Hörbücher gehört habe.


    Wie oben schon erwähnt hatte ich auch erst vor Kurzem das Vergnügen, diesen Autor kennenzulernen... weitere Bücher folgen auf jeden Fall!

    Auch auf die Gefahr hin, jemanden von Euch die Vorfreude zu vermasseln, poste ich jetzt mal meine Meinung zum Buch (mit der ich offenbar alleine auf weiter Flur stehe):


    Der Leser begleitet Alice und Mattia, zwei aufgrund von Kindheitserlebnissen schwer traumatisierte Menschen in einigen Stationen in deren Kindheit, Pubertät bis hin zum mittleren Erwachsenenalter.


    Alice litt unter der Dominanz ihres Vaters, der keine Schwächen tolerierte und das sensible Kind ständig überforderte. Die daraus resultierende Magersucht mit all ihren psychischen Konsequenzen begleitet Alice durchs Leben und findet sie sich nur schlecht zurecht. Außenseitertum und die Unfähigkeit, Bindungen einzugehen prägen ihr Leben.


    Mattia fühlt sich schuldig am Verschwinden seiner geistig zurückgebliebenen Schwester, eine Schuld, über die er nicht reden kann und die im Borderline-Syndrom endet. Er ist ein begnadeter Mathematiker und flüchtet sich in diese Wissenschaft.


    Außenseitertum, das Trauma eines einmaligen Kindheitserlebnisses (von dem man aber nur andeutungsweise erfährt), soziale Inkompetenz und ein verständnisloses Elternhaus verbinden die beiden, deren Lebenswege - ausgenommen einer gemeinsamen Schulzeit - sich bis zum Schluss nicht kreuzen.


    Als "literarische Sensation" wurde dieses Buch gefeiert. Es kann sich meiner Meinung nach bei diesem Prädikat nur um das Pendant der "Goldenen Himbeere" in der Filmwelt handeln. Es ist mir völlig schleierhaft, was an diesem Buch so - positiv - sensationell sein soll. Zugegeben, die Idee des Titels, Primzahlen sind niemals Nachbarn in der Zahlenreihe, berühren sich nicht und sind grundsätzlich "einsam", ist kreativ und überlässt durchaus ein Spielfeld für einen findigen Schriftsteller. Doch was in diesem Buch geliefert wird, gleicht eher einem - durchaus ambitionierten - Schulaufsatz eines kleinen Strebers. Sehr bemüht, Wortwiederholungen zu vermeiden, immer bedacht auf eine schöne Satzkonstellation und sehr behutsame Wortwahl. Schriftstellerische Kniffe wie Zeitblenden, Zeitsprünge, Metaphern, die, wenn gut angewandt, Raum für eigene Interpretationen lassen, verfehlen in diesem Buch absolut diese Ziel. Alles wirkt bemüht, konstruiert, klischeehaft und absehbar. Ein kleiner erhobener Zeigefinger zum Schluss macht das Buch noch unerträglicher.


    Warum ich das Buch dann gelesen habe? Ich hatte viel Zeit und war schlicht und ergreifend fassungslos, was da als literarische Sensation bezeichnet wird.


    von mir leider nur :1ratten:

    Ich tu mich ein bisschen schwer mit der Beurteilung dieses Buches und stehe ihm etwas zwiespältig gegenüber. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich vor wenigen Tagen Phlippe Claudels "An meine Tochter" gelesen habe, ein Buch, das mich schwer und sehr nachhaltig beeindruckt hat und das sowohl die geringe Seitenanzahl als auch (zwar etwas grob gesteckt) die Thematik gemeinsam hat. Man soll Bücher nicht miteinander vergleichen, aber in diesem Fall fällt mir das schwer und schneidet vielleicht auch deshalb Olmi etwas schlechter ab als sie es sonst getan hätte ....


    Die kaputte Psyche der Mutter wird dermaßen eindringlich geschildert, dass man als Nichtbetroffener eine ungefähre Ahnung bekommt, wie sich Depressionen "anfühlen" könnten: Diese Ausweglosigkeit, Trostlosigkeit, Zukunftsangst, gemischt mit guten Vorsätzen, Rechtfertigungen vor sich selber.
    Der viele und ständige Regen, das tosende, stürmische Meer, die Kälte, das schmutzige, heruntergekommene Hotelzimmer waren mir dann doch zuviel, irgendwie war alles nur mehr grau, nur mehr Weltuntergang, mir persönlich kam es ein bisschen übertrieben vor, die Atmosphäre wäre mit der Beschreibung des psychischen Zustandes der Mutter und ihrem Verhalten schon abgründig genug. Mit dem ganzen "Drumherum" hat Olmì meiner Meinung nach "übers Ziel geschossen".


    :3ratten:

    Dieses Büchlein mit seinen gut 100 Seiten ist ein Meisterwerk!


    Nach "Die grauen Seelen", "M. Linh..." und "Brodecks Bericht" mein 4. Buch von Claudel, und - wie ich finde - das intensivste.


    Ich hatte das Glück, das Buch in einem Rutsch durchlesen zu können, und somit in der Welt des Protagonisten zu versinken, eine Welt, die seit dem Tod seiner Frau in ihrer Trostlosigkeit nicht zu überbieten ist. Ihn kann auf der Welt nichts mehr halten, er sieht nur mehr Dummheit, Oberflächlichkeit, Eitelkeit, Egoismus und Obszönitäten. Für das Schöne, das Erfreuliche hat er keinen Blick.
    Es ist nicht Hass, der ihn so auf die Welt blicken lässt, es ist vielmehr eine Mischung aus Phlegmatik und Sinnleere. Bis ein Stück Hoffnung in Person einer Frau, die gerade ihre 17-jährige Tochter verloren hat, in sein Leben tritt, und den vermeintlichen Abschiedsbrief zu einer ergreifenden Liebeserklärung macht.


    Dies alles liest man auf knapp 100 Seiten, mit wenigen Worten - bzw. den richtigen Worten - wird alles gesagt, vieles zwischen den Zeilen.


    eine ganz, ganz klare Empfehlung von mir!


    :5ratten::tipp:

    Der liebe Gott ist seiner Schöpfung überdrüssig, von den Menschen genervt und möchte sich für ein Jahr eine Auszeit nehmen, um Abstand zu gewinnen und wieder Kraft zu tanken. In einem komplizierten Auswahlverfahren wird der finnische Kranführer Pirjeri Ryynänen als seine Vertretung bestimmt, der mit tatkräftiger Unterstützung von Petrus und dem Erzengel Gabriel die Geschäfte übernehmen soll.


    Pirjeri ist voller Tatendrang und setzt sich als vorrangiges Ziel die Wiederherstellung des Weltfriedens und die Beseitigung der Armut. Doch bevor er diese großen Taten setzen kann muss er sich mit allerlei Kleinkram beschäftigen: Löschen eines Buschbrandes in Australien, Reparatur des Fahrrades eines alten Chinesen, Heilen von diversen Wehwehchen, … die Liste der Gebete, die eintreffen, ist unendlich. Zudem sitzt sein Freund, der unbeholfene aber größenwahnsinnige Geschäftsmann Torsti Rahikainnen ständig in der Klemme und begleitet und beschäftigt Pirjeri während dessen Amtszeit als Gott.


    Bei seinem Vorhaben, Missstände aufzudecken und zu bereinigen merkt er rasch, dass es selbst als Gott gar nicht so einfach ist, festgefahrene Praktiken und Institutionen zu verändern. Er mischt sich in die Belange Indiens ein und wird von den Hinduisten ordentlich zurechtgewiesen, er lernt Mose kennen der ihm erklärt, warum er sich als Hauptverantwortlicher des Nahost-Konfliktes fühlt, er prangert die Bürokratie und Haltung des Vatikans an und schafft es dabei kaum, zu einer Audienz des Papstes vorgelassen zu werden. Zudem hat er mit der steten Versuchung des Satans, der überall seine Finger im Spiel hat, zu kämpfen. Pijeri muss eingestehen, „dass Gutes seine Zeit braucht und dass der ständige Kampf gegen das Böse undankbar und ermüdend ist“ (Seite 279).


    Mit tiefschwarzem Humor zeigt Paasilinna die menschlichen Schwächen und die Missstände auf Erden auf und verschont dabei auch sein eigenes finnisches Völkchen nicht. Dennoch lässt sich immer wieder seine Verbundenheit zu Finnland herauslesen, nicht zuletzt als Pijeri alles daran setzt, den Himmelsthron von Bulgarien nach Finnland zu verlegen. Paasilinnas Auseinandersetzung mit der Gottesherrschaft ist ebenso skurril wie erschreckend real, ohne jemals die Pietät, die der Thematik zusteht, zu verlieren, ohne jemals in Geschmacklosigkeit abzugleiten.


    Für mich war es das erste Kennenlernen des finnischen Erfolgsautors und es macht jedenfalls Lust auf mehr!


    :4ratten:


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links

    Lore und Harry sind nun 40 Jahre verheiratet. Während Harry bereits in Rente ist und sich mit aller Energie seinem Garten widmet und zwischendurch gerne mal ein Bier trinkt, schiebt Lore ihre Pensionierung immer vor sich her. Sie arbeitet in einer Bibliothek, organisiert Lesungen und meint, ohne ihr ginge es ohnedies nicht, sie sei unabkömmlich. Ihre ganze Liebe gilt den Büchern und sie hat für Harrys Garten nur ein müdes, mitleidiges Lächeln übrig. Sie misst den Zeitaufwand für den Garten daran, wie viele Bücher man in der Zeit lesen könnte (S. 63).


    Überhaupt führt jeder der beiden ein sehr selbstständiges Leben, sie leben mehr nebeneinander als miteinander. Früher waren beide engagierte 68-er, von dieser Haltung ist nicht mehr viel übrig geblieben.


    Der anstehenden Hochzeit – es ist die dritte Verehelichung - ihrer einzigen Tochter Gloria mit einem „Firmenbonzen“, der ihr Vater sein könnte, stehen die beiden sehr skeptisch gegenüber und seit langem gibt es wieder Einigkeit – nämlich Ablehnung. Sie überdenken ihre Erziehungsmethoden, suchen Fehler und fragen sich, warum Gloria so geworden ist. Auch mit ihrer 11-jährigen Enkeltochter, die sich lieber mit Gameboy und Handy beschäftigt, haben sie ihre Probleme.


    In den einzelnen Kapiteln kommen abwechselnd Harry und Lore zu Wort, es folgt jeweils ein Dialog, der von schnippischen Wortgefechten genauso geprägt ist wie von tiefsinnigen Gedanken über Themen des Lebens, über Ideale, Zukunftspläne, gemeinsame Erlebnisse, verpasste Chancen.


    Ich konnte mich sowohl in Lore, als auch in Harry gut hineinversetzen. Meine Leidenschaft gilt den Büchern ebenso wie dem Gärtnern. Das Buch bescherte mir sehr vergnügliche aber auch sehr nachdenkliche Lesestunden und wird gekrönt mit einem sehr rührenden - wenn auch überraschenden - Ende.


    5ratten


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links

    Ko Phi Phi ist eine Inselgruppe im Süden Thailands, bestehend aus den Inseln Ko Phi Phi Don und Ko Phi Phi Le. In dieser beschaulichen, idyllischen Gegend, die beim Film "The Beach" als Kulisse diente, wollte der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub 2004 verbringen. Doch aus der beabsichtigten Reise ins Paradies wurde ein Höllentrip. Am 26.12. bricht die gewaltige Flut herein, zerstört alles und reißt Hunderte von Menschenleben mit sich. Josef Haslinger hatte Glück, großes Glück. Er konnte sich auf ein Dach eines Hotels retten und auch seine Frau und seine beiden Kinder überlebten. Die Flut erreichte dieses Dach nicht.


    Schwer traumatisiert von diesem Ereignis legt der Schriftsteller zwei Jahre danach Bericht ab. Er erzählt sehr nüchtern und doch so beeindruckend von den unfassbaren Zuständen, von Menschen, die er in dieser Ausnahmesituation kennen gelernt hat, von Menschen, die er ertrinken hat sehen, für die jede Hilfe zu spät kam und die nicht so viel Glück hatten. Er berichtet aber auch von kleinen zwischenmenschlichen Erfahrungen, von einer ungeheuren Solidarität und Nächstenliebe, von selbstlosen Helfern und von der unendlichen Ohnmacht, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit und die Frage, die er sich immer wieder stellt: warum hat gerade er so viel Glück gehabt. Gedankensplitter rund um Land, Kultur und Mentaliätät ergänzen den Bericht, wer allerdings einen "Reiseführer" erwartet, wird enttäuscht sein.


    Ein Jahr später kehrt Josef Haslinger mit seiner Frau an den Ort des Geschehens zurück und lässt das Erlebte Revue passieren. Er sucht die Stätten seiner Flucht auf, trifft Menschen, die überlebt haben, stellt Recherchen an. Ergebnis dieser Verarbeitung ist das vorliegende Buch, das in seiner Art einzigartig ist. Anhand von 3 Zeitsträngen (Weihnachten 2004, Weihnachten 2005 und die Zeit dazwischen) werden nüchtern und doch sehr persönlich Gedanken, Erlebnisse, Gefühle reflektiert, liebevolle Details erzählt, und dabei nie vergessen, welches Glück die Familie hatte. Von der Katastrophe blieb neben der Traumatisierung ein unbeweglicher Finger, der Haslinger das Betätigen der Umschalttaste auf der Tastatur erschwert, weshalb das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in Kleinbuchstaben geschrieben ist. Aber man hat als Leser das Gefühl, dass er diesen Finger gerne als "Andenken" mit sich herumträgt, als Andenken daran, wie knapp Glück und Unglück beieinander liegen, wie schnell alles ganz anders sein kann, und wie ungecht und willkürlich das Schicksal verteilt ist.


    Über den Autor (von amazon.de)


    Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«. Sein letztes Buch, »Zugvögel«, erschien im Frühjahr 2006. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.


    4ratten bis 5ratten


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links

    Die Bretagne im Sommer 2002: Sechs Touristen, 2 Pärchen und 2 Singles, lernen zufällig einander kennen und verbringen ein paar unbeschwerte Urlaubstage. Nach diesem Urlaub trennen sich die Wege, es bleiben ein paar Urlaubsfotos sowie Tagebuchaufzeichnungen.


    Sechs Jahre später werden nach und nach fünf der Beteiligten ermordet, jeweils unter brieflicher Ankündigung der Tat direkt an Inspektor Barbarotti. Der Fall erregt große Aufmerksamkeit im schwedischen Kymlinge, ist die Polizei trotz der Ankündigungen machtlos und kann die Taten nicht verhindern. Die Ermittler tappen lange im Dunkeln, während der Leser – durch die eingeschobenen Tagebuchaufzeichnungen, die von den Eskapaden der Urlaubstage genauso berichten wie von einem – nein, eigentlich zwei – tödlichen Zwischenfällen , immer einen Sprung voraus ist; ein Stilmittel, das einen ungeheuren Spannungsbogen erzeugt, der den Leser mit Leichtigkeit über die knapp 600 Seiten trägt. Dass es sich aber – wie der Titel schon anmutet – um eine „ganz andere Geschichte“ handelt, wird erst in den überraschenden letzten Kapiteln bewusst. Dass einige Fragen offen bleiben scheint eine Eigenart Nessers zu sein, stört aber nicht weiters.


    Inspektor Barbarotti hebt sich sehr angenehm von den „üblichen“ Kommissaren ab. Er ist nicht hauptsächlich mit der Lösung des Falles beauftragt, sondern ist einer der Ermittler, arbeitet im Hintergrund. Nebenbei hat er beide Hände voll zu tun, sein Privatleben auf die Reihe zu kriegen. Er ist geschieden, hat 3 Kinder. Seine jüngste Tochter ist eben flügge geworden und nach London gezogen, wo sie nicht unbedingt das Leben führt, dass sich der Vater vorstellt. Er selber hat sich mit Marianne angefreundet und beabsichtigt, sie zu heiraten, ein Umzug wird ins Auge gefasst. Der Leser nimmt Teil am Leben des sympathischen Barbarotti, schmunzelt über seine Gespräche mit Gott, mit dem er noch eine Rechnung offen hat, und folgt begeistert seinen philosophischen Gedanken.
    Nach „Mensch ohne Hund“ ist „Eine ganz andere Geschichte“ der zweite Fall des Inspektor Barbarotti, im August 2009 erschien mit „Das zweite Leben des Herrn Rossi“ bereits sein dritter Fall.


    4ratten

    In Philip Roths neuem Roman treffen wir auf Altbekanntes: Amerika im Koreakrieg, Schauplatz ein amerikanisches College, Protagonist Marcus, ein neunzehnjähriger Student aus Newark, Sohn jüdischer Einwanderer, wohlbehütet aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater ist Metzger, ein rechtschaffener Mann, der es nur gut mit seinem (einzigen) Sohn meint. Sein Sohn solle es einmal besser haben, unter eigenen finanziellen Einbußen wird Marcus ein Studium ermöglicht. Marcus ist sich dieser Verpflichtung bewusst, enttäuscht seine Eltern nicht und ist stets Jahrgangsbester. Doch mitunter werden der Druck und die Erwartungshaltung seines Vaters zu groß, die Fürsorge erdrückt den jungen Mann förmlich und er sieht als letzten Ausweg nur die Flucht aus dem Elternhaus. Hin- und hergerissen zwischen Gehorsam gegenüber dem Elternhaus, seinen eigenen Wünschen und auch erste Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht in Gestalt der psychisch labilen Olivia begeht Marcus eine Verfehlung, die für ihn schwerwiegende Folgen haben wird.


    Schon in den ersten Kapiteln des Buches erfährt man, dass Marcus sein (kurzes) Leben aus dem Jenseits erzählt und gerade diese Vorwegnahme des Endes gibt dem Buch eine unheimliche Spannung. Roth erzählt mit Routine und atemberaubender Dichte, auch in diesem Buch spart er nicht mit Seitenhieben auf den American way of life, auf religiöse Frömmelei und politische Zustände. Obwohl es für mich an „Jedermann“ nicht ganz heranreicht, kann ich dieses Buch uneingeschränkt weiterempfehlen!


    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links

    Wegen des Genres war ich mir nicht sicher ...... danke für den Tipp. Vielleicht kann einer der Mods die Verschiebung vornehmen. Danke!


    Ich habe bisher nur die "Brooklyn-Revue" gelesen und "Timbuktu" gehört, so ganz konnte mich Auster bislang nicht überzeugen. Doch mit "Mann im Dunkel" hat er voll meinen Geschmack getroffen!!

    Amerika im Jahr 2007. Owen Brick erwacht in einem dunklen Erdloch. Wie er dort hineingeraten ist, weiß er nicht mehr. Der ihn befreiende Uniformierte erteilt ihm den Auftrag, in die nächste Stadt zu gehen und jenen Mann zu erschießen, der den momentan tobenden amerikanischen Bürgerkrieg verursacht hat. Owen Brick sieht sich in einem Amerika, das er nicht kennt. Es gab kein 9/11, es gibt keinen Irak-Krieg. Stattdessen herrscht innerhalb der Staaten ein zermürbender Bürgerkrieg. Und jener Mann, der als Urheber dieses Bürgerkriegs bezeichnet wird, ist niemand anderer als der Schriftsteller August Brill, der in seinen schlaflosen Nächten die Figur des Owen Brick und die Geschichte jenes utopischen Amerikas erfunden hat. Der Kreis schließt sich, Fiktion und Realität verweben sich immer mehr. August Brill ist 72, verwitweter Literaturkritiker, lebt mit seiner Tochter Miriam und seiner Enkelin Katya im Haus seiner Tochter. Seit seinem Autounfall sitzt er im Rollstuhl bzw. ist er ans Bett gefesselt. Seine Frau Sonia starb vor einigen Jahren an Krebs, seine Tochter wurde nach vielen Jahren Ehe von ihrem Mann Richard verlassen, Katyas Lebensgefährte Titus ist verstorben. Auf welche (grausame) Art erfährt man am Ende des Buches. Alle drei haben Schicksalsschläge zu verarbeiten, Fehltritte zu bereuen und Verluste zu beklagen, jeder der drei macht dies auf seine eigene Art. Während August in seinen schlaflosen Nächten Geschichten wie die obige erfindet, (um die Gedanken an die Vergangenheit zu vertreiben), zieht sich seine Enkeltochter einen Film nach dem anderen rein (um in ihrem Kopf herumgeisternde Bilder zu übertünchen) und investiert seine Tochter ihre ganze Aufmerksamkeit in das Schreiben einer Biografie über die Frau von Nathaniel Hawthorne (um zu beweisen, dass man auch im Alter seinem Leben noch Sinn geben kann).


    Man kann zu den „alten Herren“ Amerikas (ich denke da an Roth, Auster, Updike, Irving, etc.) stehen wie man will: Ihr Handwerk verstehen sie! Genial, wie die Parallelwelten ineinanderfließen, wie sich reale Personen in der von August Brill erfundenen Geschichte wiederfinden, die Vergangenheit und die momentane Situation bewältigt werden und zugleich Kritik an Amerikas Innen- u. Außenpolitik geübt wird. Berührend die Beziehung zu seiner Tochter und seiner Enkelin, die ebenfalls große Verluste zu bewältigen haben und auf ihre Art versuchen, damit fertig zu werden. Das Lesen dieses Buches gleicht einer Achterbahnfahrt der Gefühle, hin- und hergerissen zwischen todtraurig, hoffnungsvoll-tröstend, unheimlich liebevoll, bewegend und dann wieder grausam-schockierend, erzählt mit einer unfassbaren Leichtigkeit. Ein Buch, das mich tief berührt und bewegt hat, ein geniales Buch.



    5ratten:tipp:


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links

    „Steckt kein Wille dahinter, kommt die Intelligenz nicht sehr weit“.
    Mit dem Ich-Erzähler und seinem neuen, gleichaltrigen Mitschüler Roderer treffen zwei sehr unterschiedliche Typen aufeinander, die eines verbindet: überdurchschnittlich hohe Intelligenz. Während der Protagonist diese in seiner Schullaufbahn durch Strebertum und herausragende Noten für sich nutzen kann, ist Roderer ein Sonderling, planlos und lebensuntüchtig, der Schulangelegenheiten links liegen lässt, keinerlei Ehrgeiz zeigt und selbst blind für die ihn anhimmelnden Mädchen ist. Im Zuge eines Schachspiels lässt Roderer sein Gegenüber ganz klar erkennen, wo dessen Grenzen sind. Der Erzähler sieht sich zum ersten Mal mit einem ernstzunehmenden Gegner konfrontiert, dessen Überlegenheit an ihm nagt und ihn in den nächsten Jahren nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Jahre ziehen ins Land, während der Ehrgeizige erfolgreich Mathematik studiert, lebt Roderer völlig zurückgezogen in seinem Zimmer, umgeben von Stapeln von philosphischen Büchern auf der Suche nach dem Wesen des absoluten Wissens.


    Auf nur wenigen Seiten zeichnet Guillermo Martinez zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die nicht von einander lassen können und durch eine Art Hass-Liebe miteinander verbunden sind. Zum Einen der streberhafte Ich-Erzähler, der steil die Bildungsleiter emporklimmt, erfolgreich und ehrgeizig ist, zum Anderen Roderer, der an seiner Intelligenz scheitert und andere Menschen in seinem Umfeld mit sich zieht. Obwohl ich das Ende etwas einfallslos fand, kann ich dieses Büchlein jedem an psychologischen Charakterstudien interessierten Leser empfehlen.


    Guillermo Martinez, geb. 1962 in Bahia Blanca, Argentinien, schrieb diesen Roman, der nun auf Deutsch erschien, bereits 1992. Im Jahr 2003 wurde der Schriftsteller durch seinen Roman „Die Pythagoras-Morde“ auch hierzulande bekannt. Martinez studierte Mathematik in England und lebt seit 1985 in Buenos Aires.



    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Mojoreads
    Buch24.de
    LChoice (lokal)

    * Werbe/Affiliate-Links


    4ratten

    Man nehme eine große Familie die aufgrund von Heirat und anderen Ereignissen weit verstreut ist, lasse die Großmutter sterben und diese Familie beim Begräbnis alte Erinnerungen ausgraben. Dazu streue man eine Prise Heimatverbundenheit , Heimweh und Sehnsucht und viel vom dem Gefühl, dass „früher sowieso alles besser war“. Natürlich darf eine platte, vorhersehbare Liebesgeschichte nicht fehlen, wie könnte es anders sein – der früher gar nicht wahrgenommene Bruder der besten Freundin muss herhalten. Über allem steht ein Apfelbaum, der zweimal im Jahr blüht und über Nacht reife Äpfel trägt, weil sich unter ihm ein Paar liebte.


    Dies alles und noch viel mehr ergibt ein Buch, das meiner Meinung nach von den Rezensenten überbewertet wird. Die Autorin gibt sich seitenlangen Detailschilderungen von Apfelschalen, Apfelblüten und Apfelmusdüften hin, wird nicht müde Flur und Heide in bester Pilcher-Manier anzupreisen und liefert ein Buch ab, von dem zugegebenermaßen eine gewisse Faszination ausgeht, das insgesamt jedoch bald in Vergessenheit geraten wird.


    2ratten:marypipeshalbeprivatmaus: