Beiträge von creative

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Ich habe das Buch nun auch beendet und stehe dem Gelesenen fast fassungslos gegenüber.


    Ich hatte extreme Probleme mit Eva, der Mutter von Kevin. Unter diesen Voraussetzungen eine Mutterschaft einzugehen halte ich für fast fahrlässig, wäre es wohl besser gewesen, sie wäre kinderlos geblieben. Ihr Verhalten fand ich auf weite Strecken hin ebenfalls unverständlich, wie kann ein erwachsener Mensch nur so egoistisch, egozentrisch, unnachgiebig und eigensinnig sein. Für eine Mutterschaft die denkbar schlechtesten Voraussetzungen! Dass nun Kevin ein so schwieriges Kind ist, schreibe ich schon dem Verhalten und der Einstellung von Eva zu, ich kann eigentlich nicht glauben, dass ein Kind von Grund auf böse ist.


    Dieses Buch wirft sehr viele kritische Fragen auf. Inwieweit ist die Erziehung schuld? Kann man als Eltern so etwas verhindern? - Ich bin normalerweise seeeehr vorsichtig damit, den Eltern die Schuld zu geben, wenn ein Kind auf die falsche Bahn gerät, so viele Einflüsse entziehen sich der elterlichen Aufsicht. Doch in diesem Fall bin ich fast schon geneigt zu sagen, dass Eva und auch Franklin zumindest eine Teilschuld trifft. Aber im Nachhinein ist man immer klüger.


    Das Buch ist sehr realistisch geschrieben, es hätte sich in der Tat so zutragen können. Mir gefällt, dass sich die Schriftstellerin nicht der gängigen Klischees bedient sondern sogar mit diesen "aufräumt". So distanziert sie sich davon, dass gewalttätige Filme und Computerspiele die Wurzeln allen Übels sind oder dass der Privatbesitz von Waffen solche Taten fördert. Es sind vielmehr die Langeweile, die Übersättigung an Dingen, das Fehlen von Herausforderungen, was Kevin zu dieser Tat schreiten ließ.


    Insgesamt habe ich das Buch recht gerne gelesen, wenn es auch für mich ein bisschen "zu amerikanisch" - sprich "fast hysterisch" war. Manche Wiederholungen (v.a. die Schilderung der vielen Amokläufen in div. Schulen) hätte man sich vielleicht sparen können, das Buch wäre dadurch etwas straffer, aber es ist ansonsten durchaus sehr lesenswert!


    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Ich denke auch, dass es mit diesem Beitrag in Stern-TV zusammenhängt. War übrigens sehr interessant. Man kann wirklich sagen, die Drogen haben ihr Leben zerstört. Denn auch jetzt noch - so lange Zeit später - hat der Kampf noch immer nicht aufgehört.

    Der Kunsthistoriker Max Morden kehrt an jenen Ort zurück, mit dem er aufregende und unbeschwerte, tiefschürfende und sehr prägende Erinnerungen verbindet: das Haus am Meer.
    Er hat erst vor kurzem seine geliebte Frau Anne nach einem Jahr des Kampfes gegen den Krebs verloren. Um die Trauer zu bewältigen, den unendlichen Verlust zu verarbeiten ruft er Kindheitserinnerungen wach, in denen vor allem die etwas unkonventionelle Familie Grace eine große Rolle spielt. Doch mit dieser Reise in die Vergangenheit werden auch alte Wunden aufgerissen.


    Herausragend – weil unbeschreiblich kunstvoll, ergreifend und wortgewaltig – ist der Stil dieser Erzählung. Banville jongliert mit verschiedenen Zeitebenen, lässt detailreiche Beschreibungen und kurze Momentaufnahmen von Landschaften, Gerüchen, Gefühlen und Personen einfließen, ohne auch nur an einer Stelle in Sentimentalitäten oder Gefühlsduseleien zu verfallen und fügt so das Lebensbild des Max Morden im Laufe der Erzählung mosaikartig zusammen. Max Morden ist keine sympathische Figur, er ist ich-bezogen, eitel und starrköpfig. Und doch bringt man Verständnis für ihn auf und begleitet ihn gerne auf seinem Weg zu einer Erkenntnis, die auf den letzten Seiten offenbart wird.
    Nicht zuletzt vermitteln die wunderbaren Beschreibungen des Meeres anhand vieler Metaphern die Vergänglichkeit des Lebens, die Bedeutung von Gegenwart und Vergangenheit, das Zusammenspiel von Liebe und Leiden.


    Ein ruhiges Buch, ein stimmiges Buch, ein Buch, das den Leser sehr nachdenklich zurücklässt. Äußerst empfehlenswert!


    Der Ire John Banville, geb. 1945, erhielt für diese „meisterhafte Studie über Trauer und erinnerte Liebe“ (Jury) den Man Booker Prize 2006.


    5ratten


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    Das Taschenbuch erscheint im März 2008:

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    Ich war auch sehr enttäuscht von "Die Arbeit der Nacht" und deshalb überrascht mich Dein Fazit überhaupt nicht.


    Auch dort ging es in erster Linie um eigene Befindlichkeiten eines Egoisten. Und das interessierte mich auch nicht. Und wie ich Deiner Rezi entnehme, ist es bei "Das bin doch ich" genauso, vielleicht sogar noch verstärkter.


    Aber ich kann Dich beruhigen: Es gibt durchaus sehr empfehlenswerte Bücher des Deutschen Buchpreises! (z.B. Arno Geiger "Es geht uns gut" oder "Böse Schafe" von Katja Lange-Müller!

    Cunningham beschreibt in diesem Buch jeweils einen Tag im Leben von 3 Frauen in den Jahren 1923, 1949 und am Ende des 20. Jahrhunderts, die alle durch Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ miteinander verbunden sind.


    1923 in Richmond, einem Vorort von London: Virginia Woolf schreibt den ersten Satz ihres Buches – das später „Mrs. Dalloway“ heißen wird – nieder: „Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen.“ Die Schriftstellerin ist auf der ständigen Flucht vor ihren Kopfschmerzen und vor dem Hören von Stimmen, die sie allmählich um den Verstand bringen. Aus diesem Grund überredete sie ihr Mann Leonard, die pulsierende Hauptstadt London zu verlassen um in Richmond zu mehr Ruhe und Erholung zu kommen. Doch Virginia ist unglücklich in Richmond, sie sehnt sich nach London zurück. Während sie die Vorbereitungen für den Besuch ihrer Schwester trifft, kreisen ihre Gedanken ständig um ihre Protagonistin Clarissa Dalloway und feilt sie den ganzen Tag am Konzept dieses neuen Werkes.


    Laura Brown ist mit dem liebevoll-biederen Kriegsveteranen Dan verheiratet und lebt mit ihrem sehr anhänglichen 3jährigen Sohn Ritchie im Los Angeles des Jahre 1949 und erwartet ihr zweites Kind. Nach außen hin muss sie sich zwingen, die von ihr erwartete Rolle als treusorgende Mutter und pflichtbewusste Hausfrau zu spielen. Doch nur sich selber gesteht sie ein, wie unbefriedigend dieses Leben für sie ist. Ihre Liebe gilt den Büchern und nimmt sie die Unpässlichkeiten ihrer Schwangerschaft zum Vorwand, um noch ein wenig länger als normal im Bett zu bleiben und Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ zu lesen, der sie sich innerlich sehr verbunden fühlt. Eine enorme Todessehnsucht prägt Laura Brown und spielt sie immer öfter mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen.


    Clarissa Vaughn kauft Blumen, denn sie hat sich bereit erklärt für ihren aidskranken Freund und ehemaligen Geliebten, dem Schriftsteller Richard, der sie liebevoll „Mrs. Dalloway“ nennt, anlässlich einer Literatur-Preisverleihung eine Party auszurichten. Aufgrund der Besucherliste werden immer wieder Erinnerungen wach und lässt sie so Phasen ihres Lebens Revue passieren.


    In jeweils abwechselnden Kapiteln erzählt Cunningham vom Innenleben der Protagonistinnen, aber auch der Personen in deren Umkreis, von Liebe, Glück und Freundschaft. Ruhig, kunstvoll, formvollendet und durchdacht verwebt er die Parallelen, die sich aus den ähnlichen Situationen und Gefühlslagen der drei Frauen ergeben. Jede möchte für sich ausbrechen, fühlt sich überfordert, kann oder will das Glück nicht erkennen. Eine latente Todessehnsucht und Melancholie sowie die bekannten und wiederkehrenden Namen (Clarissa, Mrs. Dalloway, Richard) runden dieses Bild ab. Eine gekonnte Wendung zum Schluss verbindet das Schicksal der Frauen überraschend.


    Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ habe ich vor längerer Zeit gelesen. Es ist sicher nicht Voraussetzung zum Verständnis für „Die Stunden“ doch jedenfalls förderlich, um in Cunninghams Buch versinken zu können. Ganz große Literatur, von mir eine echte Empfehlung!


    5ratten

    Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.


    Mit diesem Satz beginnt diese außergewöhnliche Erzählung über das kurze Leben des Elias Alder in einem kleinen vorarlbergerischen Bergdorf zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In einer ganz beeindruckenden – betont altmodischen – Sprache und unter Einbindung des Lesers durch die direkte Anrede entführt der auktoriale Erzähler direkt in diese Zeit und an diesen Ort.


    Johannes Elias ist von Geburt an ein sonderbares Kind, mit seiner hohen Stimme, seinen gelben Augen und seiner damit verbundenen Introvertiertheit ein Außenseiter in Verhalten und Aussehen und hat es somit in seiner engstirnigen, kleinkarierten Heimat nicht einfach.
    Die Musik begleitet Elias von Anfang an und spielt eine große Rolle in seinem Leben. So überlebt der Junge nur, weil die Hebamme bei seiner Geburt das „Te Deum“ singt. Immer öfter fühlt er sich zur Orgel in der Kirche hingezogen um die in seiner Phantasie entstandenen Melodien genial zu Tone zu bringen ohne jemals das Orgelspielen oder Notenlesen gelernt zu haben.
    Als 5-jähriger verliebt er sich in seine Cousine Elsbeth, welche Liebe ihm in der Folge auch das Leben kosten wird.


    Das Herausragende an diesem Buch war für mich die Sprache. Man versinkt in dieser finsteren, dämonischen Welt und gibt sich ganz den Beschreibungen der Natur und der Orgelmelodien hin. Auch die Derbheit, die Intoleranz und die Selbstgerechtigkeit der Bevölkerung wird großartig beschrieben. Ein ganz außergewöhnliches Buch!


    5ratten

    John Irving setzt sich anhand der Schilderung der intensiven Freundschaft zwischen John Wheewright, dem Ich-Erzähler, und Owen Meany, einem Kleinwüchsigen mit Fistelstimme auch mit der Geschichte der USA der 2. Hälfte des 20. Jh. auseinander.
    Fast beiläufig wird die Biografie des Außenseiters Owen Meany erzählt: er denkt anders, er fühlt anders, er handelt anders. Owen - er selber sieht sich als ein von Gott Gesandter - ist kein Sympathieträger, doch der Leser kommt nicht umhin, Rührung, Mitleid und Freude mit ihm zu empfinden. Sein (ganz persönlicher) religiöser Glaube beruht auf seinen Erfahrungen und hat nichts mit Frömmelei zu tun. Einzelne Episoden aus seinem Leben - die scheinbar zufällig passieren - fügen sich am Ende zu einem Meisterwerk, das seinesgleichen sucht.
    Es wäre nicht John Irving, würden sich nicht rund um die beiden Protagonisten skurrile Personen scharen, abwegige Ereignisse ihren Lauf nehmen und merkwürdige Tode sich ereilen. Das Alltägliche erscheint absurd, das Absurde erscheint alltäglich, für mich Irvings bislang bestes Buch, unbedingt lesen!


    5ratten

    1. Das beste Buch in einem von Euch gewählten Genre (z.B. bester Klassiker, bester Fantasy-Roman etc.)
    Bestes Zeitgenössisches: Sabine Gruber - Über Nacht
    Bester Krimi: Hakan Nesser - Kim Novak badete nie im See von Genezareth
    Bestes Historisches: Der Name der Rose - Umberto Eco
    Klassiker: Jakob der Lügner - Jurek Becker


    2. Das beste Buch, in dem es auch etwas zu schauen gibt (also Comics, Bildbände etc.)
    -


    3. Das beste Buch eines deutschsprachigen Autors
    Sabine Gruber - Über Nacht


    4. Das beste Buch eines nicht-deutschsprachigen Autors
    Irène Némirovsky - Suite francaise


    5. Das beste Buch, welches im Jahre 2007 (in der Originalsprache) erstmals erschienen ist
    Sabine Gruber - Über Nacht


    6. Der beste Schmöker (mehr als 800 Seiten)
    John Irving - Owen Meany


    7. Ein Buch, welches ihr als Weihnachtsgeschenk empfehlen würdet
    Anna Enquist - Letzte Reise

    8. Das beste Buch, welches neu nicht mehr als 10 EUR kostet

    Irène Némirovsky - Suite francaise


    9. Das vermutlich beste Buch, welches 2007 auf den SUB gelangt ist, aber noch nicht gelesen wurde (Buch wurde 2007 gekauft, und ihr glaubt, dass es ein Lesehighlight werden könnte)
    Haruki Murakami - Kafka am Strand
    Alan Isler - Klerikale Irrtümer


    10. Euer Lesehighlight 2007
    ex aequo:
    Sabine Gruber - Über Nacht
    Anna Enquist - Letzte Reise
    Irène Némirovsky - Suite francaise

    Ich nehme 2008 auch nicht teil.
    2007 habe ich kläglich versagt. Ich möchte das lesen, worauf ich gerade Lust habe und kann einfach zu Beginn des Jahres das nicht festlegen. Und da sind diese vielen interessanten Neuerscheinungen und die Empfehlungen der Bibliothek, die dann immer dazwischenkommen....

    Anhand von 12 – stilistisch sehr unterschiedlichen - Erzählungen berichtet Arno Geiger in diesem Buch von Geschichten, die das Leben so schreibt. Enttäuschte Hoffnungen, verletzte Gefühle, zerbrochene Beziehungen, unglückliche Liebschaften, bilden den Inhalt dieser oft nur ein paar Seiten umfassenden Erzählungen.


    Arno Geiger besticht auch hier durch eine detaillierte, unglaubliche Beobachtungsgabe, prägnantem, nüchternen Stil und mit der Kunst, Alltägliches spannend und interessant zu erzählen. Seine Figuren sind Anti-Helden, meist erfolglose, gescheiterte Existenzen, die jedoch niemals pathetisch, klischeehaft oder trostlos wirken.


    Mir persönlich hat die Geschichte mit dem Titel „Doppelte Buchführung“ am besten gefallen. Während er in der Notaufnahme um das Leben eines 12-jährigen kämpft, verarbeitet der diensthabende Arzt seine eigene krisengeschüttelte Beziehung zu seinem Vater. In „Abschied von Berlin“ muss sich ein junger ehrgeiziger Österreicher von seinen großen beruflichen Träumen in der deutschen Hauptstadt verabschieden. Vor seiner Abreise schlägt aber nochmals seine große Stunde.


    Obwohl ich ansonsten kein Anhänger von Erzählungen bin, hat mir das Buch überraschend gut gefallen.


    4ratten


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    Bei mir war "Gefährliche Geliebte" mein erster Murakami und es hat mir eigentlich recht gut gefallen. Allerdings war ich am Ende doch etwas enttäuscht, da so viel unerklärt geblieben ist. Diese geheimnisvolle Shiamoto, was hat sie in der Zwischenzeit gemacht, was war mit dem Kind, usw. Das hat mich dann doch gestört dass diese Fragen nicht - zumindest andeutungsweise - aufgeklärt wurden.


    Ansonsten eine schöne Geschichte über einen midlifecrises-geschüttelten Mann, der eigentlich alles hat und dem trotzdem was fehlt, wirklich sehr eindringlich erzählt! Empfehlenswert!!


    4ratten

    Auf offener Bühne wird ein Opernsänger erschossen, der Verdächtige Frederic Delacroix – von Beruf Klavierstimmer - wird verhaftet und landet im Gefängnis. Dieser Vorfall ist der Grund, die seit Jahren getrennte Familie wieder zusammenzubringen.
    Die Kinder von Delacroix, die Zwillinge Patrice und Patricia, haben sich vor sechs Jahren – aus Flucht vor den Auswirkungen ihrer inzestuösen Liebe zueinander – in entfernte Teile der Welt abgesetzt. Das Zusammentreffen nehmen sie nun zum Anlass, ihre Gefühle, Gedanken – die nie ausgesprochen wurden – jeweils in Tagebuchform niederzuschreiben. Auf diese Weise wird die Familiengeschichte zurück bis in die Generation der Urgroßeltern offengelegt. Viele Hintergründe kommen ans Tageslicht, Enttäuschungen, Schicksale, tragische Ereignisse, überraschende Wendungen. Zudem wird auch hier – wie so oft bei Mercier - der klassischen Musik gebührend gehuldigt.


    Stilistisch ist das Buch natürlich hervorragend – Mercier versteht es, Gefühle, Leidenswege, Tragik eindringlich zu schildern. Der Knalleffekt zu Beginn, verschiedene Erzählebenen und Zeitblenden machen das Buch von der ersten Seite an spannend, alleine die Ausflüge in die klassische Musik waren mir persönlich zu ausufernd und langatmig.


    Für meine Begriffe war das Buch zu „schicksalsträchtig“. Jeder – wirklich jeder – hat einen unvorstellbaren Leidensweg durchgemacht. Nicht nur die Familienangehörigen, auch die Personen am Rande haben jeder für sich ein ordentliches Päckchen zu tragen – teilweise auch sehr an den Haaren herbeigezogen. Daher ist die Geschichte für mich realitätsfern und unglaubwürdig. Das hier beschriebene Schicksal reicht normalerweise für 17 Familien.


    Ich persönlich habe - nach "Nachtzug nach Lissabon" und "Lea" vorerst einmal genug von Pascal Mercier!


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    3ratten

    Juni, 1940. Vor den Toren von Paris steht die deutsche Armee. Anhand von einzelnen Personen/Familien – quer durch alle Gesellschaftsschichten - wird beschrieben, wie die Betroffenen panisch ihre Habseligkeiten zusammenpacken und fliehen. Die Leute reagieren ganz unterschiedlich auf die drohende Gefahr.


    Da ist z.B. die Familie Pericand, eine sehr angesehene, wohlhabende und fromme Familie. Als die ersten Bomben fallen zeigt die Mutter ihr ganzes Organisationstalent. Tafelgeschirr, Silberbesteck, Fahrräder und sämtliche Wertgegenstände werden verstaut und ein Konvoi mitsamt den Dienstboten verlässt Paris. Anders das bescheidene Ehepaar Michaud. Sie packen nur ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen und machen sich zu Fuß (die Züge sind längst übervoll) auf den Weg aus der Stadt. Dabei stoßen sie auf die Ärmsten der Gesellschaft, zeigen Mitgefühl und helfen, wo sie nur können.
    Auch der bekannte Schriftsteller Gabriel Corte muss sein prunkvolles Haus mitsamt dem liebgewonnenen Luxus verlassen. Für ihn stellt der Krieg eine „Störung seines Wohlbefindens“ dar. Allerdings sieht er keine Gefahr und ist sich sicher, dass ihm sein Bekanntheitsgrad sämtliche Türen öffnen wird und er auch die Obrigkeiten für seine Zwecke einsetzen kann. Unwirsch und rücksichtslos macht er sich lustig über den „Pöbel“, der durch die Straßen von Paris flüchtet, ehe er eines Besseren belehrt wird ….


    Irene Nemirovsky beleuchtet ein breites Spektrum von Charakteren angesichts der Bedrohung der deutschen Armee, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Menschliche Abgründe, motiviert von Egoismus, Neid und Hass stehen aber einer unendlichen Menschlichkeit, Einfühlvermögen, Hilfsbereitschaft, Verzweiflung und Demut gegenüber.


    Während sich der erste Teil des Buches mit den Konsequenzen rund um den Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1940 beschäftigt, so steht im Mittelpunkt des zweiten Teiles ein von Deutschen besetztes französisches Dorf im Sommer 1941. In jedem Haus ist ein Soldat stationiert und hat sich die Bevölkerung damit zu arrangieren. Die Gefühle den „Feinden“ gegenüber schwanken zwischen Hass, Ablehnung, Rache, aber auch Wohlwollen, Zuneigung, sogar Liebe. Es ist sehr beachtlich und beeindruckend zu lesen, dass Nemirovsky – als Jüdin - hier keine Wertung vornimmt. Dass es keine „Guten“ und keine „Bösen“ gibt und sie zum Teil sehr hart und schonungslos mit ihren französischen Landsmännern ins Gericht geht.


    Das Buch wäre als 5-teiliges Werk geplant gewesen, leider konnte Irene Nemirovksy nur 2 Teile fertigstellen. Sie starb im August 1942 in Auschwitz. Das Manuskript zu „Suite Francaise“ wurde von ihren Töchtern gerettet, entziffert und veröffentlicht. Im Anhang des Buches angeschlossene Tagebuchaufzeichnungen und Notizen zu „Suite Francaise“ geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr Vorhaben, ihre Motivation zu diesem wahrlichen Meisterwerk und den geplanten Inhalt der weiteren 3 Teile. Ebenfalls angeschlossen ist ein Konvolut an Korrespondenz in den Jahren 1936 bis 1945 sowie ein sehr berührender Aufsatz über das Leben der Irene Nemirovsky, verfasst von Myriam Anissimov.


    Ein ganz beachtliches, großartiges Buch, ein außergewöhnliches Sittengemälde, wohl mein Highlight 2007!


    5ratten:tipp:


    Das Buch ist mittlerweile auch als TB erschienen:


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