Beiträge von Trevor

Literaturschock & das Forum machen eine (Sommer)Pause! Deaktivierung der Seiten vom 01.07. bis mindestens 30.09.!

    John Irving „Die vierte Hand“


    Ich habe schon ewig keinen Irving mehr gelesen und daher fast vergessen, wie viel Spaß es doch macht.
    In seinem Roman „Die vierte Hand“ wird dem Protagonisten, einem Fernsehjournalist, vor laufender Kamera die Hand abgebissen und es wäre nicht John Irving, wenn man über diese eigentlich schockierende Tatsache nicht schmunzeln müsste. Im weiteren Verlauf will ein Handchirurg mit der ersten erfolgreichen Handtransplantation in die Geschichte eingehen und eine Frau die Hand ihres noch lebenden Ehemannes zur Verfügung stellen. Da trifft es sich gut, dass jener durch einen dummen Unfall am Super Bowl Abend sein Leben verliert und sich die frisch gebackene Witwe geistesgegenwärtig nach der Unversehrtheit der linken, da noch benötigten Hand erkundigt und diese schnellstmöglich dem Empfänger zukommen lässt.


    So weit so gut – ein klassischer Irving eben. Aber in seinen Figuren steckt viel mehr als es zunächst den Anschein hat. Hinter seinen skurrilen Anordnungen und Verwirrungen versteckt Irving das höchst sensible Gefühlsleben seiner Protagonisten und deckt Kapitel für Kapitel immer mehr von dem auf, was einen als Leser so dermaßen berührt und mit nimmt. Seine Figuren stehen nahezu alle am Abgrund ihrer Gefühlswelt, hadern mit ihrer Identität und zeigen ein permanentes Abwehrverhalten gegenüber ihrer Umwelt. Ihre überzogen dargestellten Abneigungen und Begierden in einer verzehrten Welt kann man gut für sich selbst stehen lassen. Er schafft das Unglaubliche, mit wenigen Charakterzügen `zig Emotionen zu zeichnen und das auch noch mit einem Witz, der oftmals so deplaziert wirkt, dass man kaum weiß, warum einem die Tränen in die Augen schießen.
    Irgendwie weiß man bei Irving nie, was einen im nächsten Kapitel erwarten könnte, ob man die Hauptfiguren eigentlich mag oder lieber als abstoßend empfinden möchte. Man findet sich plötzlich in einer Liebesgeschichte wieder – wie auch in diesem Roman - ohne überhaupt bemerkt zu haben, dass über die vorherigen Kapitel hinweg zwei Protagonisten darauf hingeschrieben wurden. Seine Figuren sind mit Bedacht so entwickelt, dass sie sich unmöglich in ein Schwarz-Weiß-Muster quetschen lassen, sondern wunderbar grau erscheinen wie im echten Leben.
    Wenn man dermaßen intensiv über Gefühle schreibt wie Irving, dann zeigt sich der talentierte Schriftsteller, nämlich dann, wenn er respektvoll und authentisch ohne Wertung an dieses stark subjektive Thema herangeht. Das gelingt John Irving zweifellos, indem er sich über seine skurrilen Charaktere gleichsam von ihnen distanziert, sich über sie hinweg setzt und somit einer Wertung enthält. Dazu kommt noch sein wunderbar ausgeglichenes Sprachbild, in dem man vergebens nach langen Sätzen oder blumigen Metaphern sucht.


    Ich kann dieses Buch nur weiter empfehlen und wie wohl bei allen Irvings ist es auch bei diesem Roman so: Mit einer guten Portion Selbstreflexion liest es sich gleich doppelt so gut.

    4ratten (Ich habe lange überlegt, aber eine Ratte Abzug gibt es, da andere Bücher von ihm einfach noch besser sind)

    Bertolt Brecht - Dreigroschenroman


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links


    Dieser Roman entstand als weiterführende Betrachtung acht Jahre nach seinem weltberühmten Vorgänger „Dreigroschenoper“.
    Ich habe letzteres noch nicht gelesen bzw. gesehen und kann daher nicht sagen, wie viel des Vorgängers in seinem Nachfolger steckt.
    Mit dem Dreigroschenroman hat Brecht nach guter alter Manier ein Lehrstück statuiert. Er, der die Aufgabe der Kunst nicht in der Unterhaltung sah, sondern vielmehr in ihrer Verantwortung dem Leser gegenüber, diesen aus seiner politischen Unwissenheit zu führen, ihm verschiedenste ökonomische wie gesellschaftliche Zusammenhänge und Spielregeln zu erläutern, damit in ihm ein aufgeklärtes Weltbild entstehen kann.
    Wer sich den Dreigroschenroman vornimmt, darf auf literarisch hochwertige Kost und einen ausgefeilten Spannungsbogen genauso wenig hoffen wie auf höchst ambivalente, aufgeschlossene, kantige Charaktere. Bei Bertolt Brecht ist alles durchgeplant und durchdacht, nichts geschieht aus einem Gefühl heraus, spontan eingeführte Personen und Handlungswendungen würde es nie geben, denn alles dient einem höheren Ziel – der Festlegung eines Exempels.
    Brecht liebt es, dem Leser Botschaften zu geben, Gesetzmäßigkeiten unserer Gesellschaft vor Augen zu führen, ein kleine Welt in seinen Werken aufzubauen, die für Regelmäßigkeiten des Großen und Ganzen stehen und genau das gelingt ihm auf faszinierend präzise Art und Weise.


    Im Mittelpunkt dieses Romans steht der Kleinhändler Macheath, der mehrere Filialen in London besitzt und diese mit Hehlerware am Laufen hält. Er versucht sich stetig am Aufstieg, ehelicht die Tochter eines ebenso fragwürdigen Gewerbetreibenden aus dem Untergrund, spielt seinen größten Konkurrenten gegen dessen Kreditgeber aus und feilt an seinem tadellosen Ruf in der Londoner Gesellschaft. Tatsächlich aber ist Macheath ein kleinkrimineller Emporkömmling, eine Laus unter vielen im Londoner Abschaum und verdächtig, früher unter dem Namen „das Messer“ sein Unwesen getrieben zu haben. Mittlerweile besitzt er etliche Filialen in der Großstadt und streckt seine Fühler nach Höherem aus. Es ist großartig zu lesen, wie er seinen Aufstieg und den Niedergang der Konkurrenz zustande bringt. Wie er beispielsweise seine eigene Handelsgesellschaft gründet, um die Herkunft seiner gestohlenen Waren zu legalisieren und sich damit einen Kredit bei einer angesehen Bank erschleicht, wie er im selben Atemzug die Auslieferung an seine Filialen unterbindet, um die Warennachfrage künstlich in die Höhe zu treiben – all das beschreibt Brecht mit sachdienlicher Konsequenz und zielsicherer Logik.
    Noch amüsanter muten die Stimmungsschwankungen Macheaths` an, wenn er sich als von allen Verlassener in Selbstmitleid badet und die Verachtung von Seiten seiner Kleingewerbehändler, die er mit seinem kalkuliert künstlichen Warenstopp nahezu in den Ruin treibt, kaum noch ertragen kann. Als ungerechtes Los empfindet er sein Leben, hätte er doch Anerkennung und Achtung verdient, stattdessen aber immer wieder in die Mahlwerke kapitalistischer Spielregeln gerät. Man empfindet diesen Charakter als schäbig, kaum des Mitleids und der Wahrnehmung wert, doch perfiderweise steht genau derselbe Charakter für das Ansehen der Londoner Gesellschaft, für den etablierten Geschäftsmann und Wohltäter in der Not, den besorgten Arbeitgeber und gebildeten, ausgewogen patriotischen Bürger.
    Bei seiner Darstellung hält sich Brecht so allgemein, dass dieser Roman, der in den 1930ern entstand, problemlos auch in die heutige Zeit übertragen werden kann. Das war das große Talent Brechts, dass er bestimmte Gesetzesmäßigkeiten im menschlichen Dasein aus seiner Zeit lösen und zur allgemeinen Darstellung bringen konnte.


    Die Betrachtungsweise Brechts wirkt manchmal in seiner analytischen Art natürlich etwas steif,
    bisweilen dogmatisch, aber trotzdem hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, belehrt zu werden. Dieser Roman ist kein leidenschaftliches persönliches Plädoyer, sondern eine erstaunlich objektive sachliche Darstellung, was zum einen zwar das Lesevergnügen dämpft, ich aber andererseits sehr an diesem Buch geschätzt habe.


    5ratten

    Ich habe von ihm "Tadellöser und Wolff" gelesen und obwohl das schon ein paar Jahre her ist, kann ich mich heute noch sehr gut an das Buch erinnern. Ich habe es eher zufällig gelesen, weil es bei meinen Eltern im Bücherregal stand und hätte nicht gedacht, dass es mich so begeistern würde. Irgendwie habe ich diesen Autor aber leider aus den Augen verloren.


    SheRaven
    Danke für die schöne Rezi. Sie hat mich daran erinnert, dass ich unbedingt weitere Sachen von Kempowski lesen muss :zwinker:

    Christian Haller – Die verschluckte Musik



    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links


    Der Autor begibt sich in die Vergangenheit seiner Mutter und Großeltern mütterlicherseits – eine Reise in das Bukarest zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als man es noch das" Paris des Ostens" nannte.


    Seine Mutter wird zunehmend dement und vergisst aktuelle Geschehnisse, schwelgt dafür aber umso intensiver in der Vergangenheit, erinnert sich an Gerüche, Farben und Ausflüge, die sie als kleines Kind in der Familie mit gutbürgerlicher Strenge regelmäßig unternahm.
    Christian Haller schwankt zwischen den Zeiten – man liest über den Großvater, wie er erhabenen Hauptes in Bukarest ankommt, von der Schönheit der Stadt sogleich überzeugt ist und seiner Familie als Generaldirektor eines Textilwerkes ein angenehm vorteilhaftes Leben in wohlsituierter Gesellschaft ermöglicht.
    Dann plötzlich befindet sich die Familie im Internierungslager in Linz und muss auf engstem Raum zusammen leben, nichts mehr zu ahnen von der statthaften Villa, die sie vorher bewohnten. Der 1.Weltkrieg ist ausgebrochen.
    Schließlich besucht man mit dem Ich-Erzähler das Bukarest der Gegenwart, auf der Suche nach der Vergangenheit. Doch statt der prunkvollen Häuserfassaden, der stilsicheren und eleganten Architektur, dem prall bunten Leben aus den Erinnerungen seiner Mutter läuft jener gegen grauen Beton und triste Apathie.
    Ich muss gestehen, dass ich vorher noch nie etwas über Bukarest in jener noch in sonst irgendeiner Zeit gelesen und daher mit großer Neugier die Atmosphäre dieser Stadt aufgesogen habe, die Christian Haller meines Erachtens hervorragend und einprägsam darstellen konnte.


    Die Stärke des Buches liegt absolut in der Erzählkunst des Autors. Mit seinem poetischen Stil hat er permanent sehr starke Bilder in meinem Kopf entstehen lassen und nicht der Ich-Erzähler oder sein Großvater befanden sich in Bukarest, sondern ich selbst fuhr mit dem Landauer über die harten Pflastersteine und drückte mich gegen die heißen Sitzpolster, während ich die wenigen Passanten mit tief ins Gesicht gezogenen Sonnenhüten auf dem hitzeflimmernden Gehsteig beobachtete.
    Diese Art des Erzählens gelingt nicht immer und aus ungeübten Federn wirkt sie aufdringlich und lieblos, allerdings konnte ich diese Entgleisung bei Christian Haller nicht entdecken. Er benutzt zwar unglaublich viele Worte und Beschreibungen, wirkt dabei aber dennoch sehr ausgeglichen. Zudem haucht er dem Roman eine unfassbar bedrückende Realität ein, indem er manche Sachen nur andeutungsweise nennt. Manchmal habe ich mich wie auf einem äußerst lebhaftem Familientreffen mehrerer Generationen gefühlt, auf dem bruchstückhafte Erinnerungen angedeutet werden, nur um sie sogleich totschweigen zu können, denn man lebte in einem Katastrophenjahrhundert.


    Ich konnte mich jedenfalls wunderbar in diesem Roman verlieren und kann ihn daher nur weiter empfehlen.


    5ratten

    Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links



    Anfang der 40er Jahre, die Quangels erhalten Nachricht vom Tod ihres Sohnes und damit auch die Gewissheit, dass sich etwas ändern muss. Bisher lebten die Eheleute angepasst und unauffällig in ihrer kleinen Berliner Wohnung. Hitler und der Krieg ging sie in ihrem tristen Alltag gewissermaßen nichts an. Sie wollten sich nur aus allem raus halten, doch das Telegramm bringt mit dem Verlust des einzigen Kindes auch die rohe Gegenwart in die Quangelsche Isolation.
    Das Ehepaar beginnt damit, eindeutige Botschaften gegen das Naziregime als auch gegen den Krieg auf Postkarten zu schreiben und in belebten Häuserkomplexen abzulegen. Anfangs noch mit viel Nervenkitzel und großer Vorsicht unterwegs, wird das Schreiben und Ablegen der Postkarten irgendwann zu gefährlicher Routine.
    Schon seit Monaten ist die Gestapo auf diesen Fall angesetzt und wartet mit beunruhigender Geduld nur auf einen einzigen Fehler der Quangels, der die Spur direkt zu ihnen führen wird.


    Das Berliner Ehepaar gab es wirklich, ihren Widerstand, die Postkarten, ihre Verhaftung mit anschließender Hinrichtung und Fallada schafft aus dieser wahren Begebenheit einen Spiegel für die kleinen Leute. Erzählungen und Romane über den Widerstand jener Zeit gibt es zahlreich, aber Falladas Werk ist so besonders einzigartig, weil es den Widerstand, das sich zur Wehr setzen gegen eine scheinbar unbesiegbare Sache in den Alltag der kleinen Leute integriert.
    Fallada macht den Widerstand endlich mal zu einer privaten Sache jedes Einzelnen und so hat man eben darüber noch nie gelesen. Es gibt keine Helden, es gibt keine großartig beeindruckenden Plan und selbst Anna Quangel zeigt sich enttäuscht, als ihr Mann ihr seine Idee nahe legt, denn sie hatte von ihrem Otto etwas viel Größeres erwartet als einfach nur Postkarten.
    Jede Figur in diesem Roman ist unauffällig, ein kleiner unbedeutender Fisch mitten in Berlin, genau jene Leute, von denen man immer wieder gern behauptet, sie hätten nur weg schauen können. Fallada besaß aber genug Spürsinn, um in seinem Roman den Widerstand auf bisher unbekannte Weise darzustellen.
    So ist es zum Beispiel auch als eine Form des Widerstandes annehmbar, wenn sich die Postbotin Eva Kluge zu ihrer Schwester aufs Land flüchtet, die Hergesells sich immer mehr in ihr privates Glück zurück ziehen oder der Kammergerichtsrat Fromm die alte Rosenthal versteckt.
    Fallada selbst haderte wohl oft mit seinem Alltag in Deutschland. Trotz Naziregime war er nicht bereit, seine Heimat zu verlassen und zog sich immer mehr in sein Privatleben zurück. Er litt darunter, dass er nicht frei schreiben konnte und schreiben musste, was er nicht schreiben wollte. Umso mehr hatte ich das Gefühl, dass ihm dieses Buch schon deshalb besonders am Herzen lag, da auch er sich zu seiner Rechtfertigung nur auf das Plädoyer „Widerstand beginnt im Kopf“ berufen konnte.
    Wo Widerstand ist, muss es auch einen Widersacher geben. In dem Roman stellt sich dieser zum einen in Form der Gestapo, zum anderen wiederum im Kleinbürgertum dar. Überaus interessant ist, dass Fallada auch hierbei nicht von seiner Betrachtungsweise abrückt. Komissar Escherich bemüht sich besonders um diesen Fall, um seine Aufstiegschancen und das eigene Ansehen zu nähren, der Kleinkriminelle Barkhausen gleicht einem Aasfresser, der gewissenlos sein Fähnchen nach dem Wind hängt und Baldur Persicke findet Befriedigung seines enormen Ehrgeizes in der Aufnahme in eine Napola. Letztendlich beginnt nicht nur der Widerstand, sondern eben auch das Mitmachen im Kopf.


    Dieser Roman entstand innerhalb weniger Wochen und aufgrund seines Umfangs ist das schon beachtlich. Andererseits hatte ich auch manchmal das Gefühl, dass Fallada zu viel auf zu wenigen Seiten schreiben wollte, so dass an manchen Stellen weniger mehr gewesen wäre. Die Personen an sich sind allesamt interessant und bieten so viel Erzählfläche, dass ich mir manchmal die Konzentration auf weniger Charaktere, dafür aber noch etwas ausführlicher gewünscht hätte.
    Insgesamt ist dieser Roman meiner Meinung nach aber trotzdem sehr gelungen, empfehlens- und lesenswert, wenn für mich persönlich auch nicht Falladas bestes Werk.


    4ratten

    Introvertiertheit wird leider oft als Makel wahrgenommen und es ist so erleichternd, wenn jemand sagt, dass es eben einfach ein Persönlichkeitsmerkmal ist.
    Ich habe immer das Gefühl, dass viele Menschen davon ausgehen, dass Extrovertiertheit sozusagen die höchste Entwicklungsstufe ist. Also entweder man ist wohl irgendwie zurück geblieben oder hatte eine schlechtes Kindheitserlebnis, das einen an dieser "gesunden" Entwicklung gehindert hat. Die Leute sind der Meinung, sie müssten einen dabei unterstützen und dazu animieren, sich weiter zu entwickeln, sprich zu einem geselligen und redseligen Zeitgenossen zu werden, um einem was Gutes zu tun.


    Andererseits kann ich natürlich auch nachvollziehen, dass extrovertierte Leute oftmals viel selbstbewusster, imponierender und damit leider automatisch auch glücklicher wirken, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind.

    Alexandre Dumas: Die Kameliendame




    Dieses Werk gehört ohne Frage nicht in unsere Zeit und daher wird es einem als Leser auch nicht immer leicht gemacht, am Ball zu bleiben.
    Die tragische Geschichte der Kurtisane Marguerite Gautier, die selbstlos ihre Liebe zu einem Mann dessen gesellschaftlichem Ansehen zuliebe aufgibt, ist an und für sich auch heutzutage noch ein brisantes Thema.
    Die Dramatik und das Sprachbild allerdings, mit welchem Dumas die Geschehnisse schildert, wirken weniger zeitgemäß. Es ist alles zu viel, zu viel Leidenschaft, zu viel Tragik, zu viel Leiden und zu viel Schmachten.


    Die Charaktere werden nicht langsam aufgebaut, sondern fallen mit der Tür ins Haus. Die Handlung wird von hinten aufgerollt: Man erfährt zuallererst, dass diese Liebe ein tragisches Ende nehmen wird, um anschließend von Armand Duval zu hören, wie er Marguerite kennen und lieben lernte. Dabei steht nun also schon die erste Begegnung der beiden unter keinem guten Stern und das Wissen um den tragischen Ausgang dieser Liebe gepaart mit der übermäßigen Leidenschaft, mit der sich die beiden einander hingeben, gibt dem Ganzen eine beachtenswerte Dramatik.
    Armand leidet und liebt wie ein Besessener, wie in einem Rausch bleibt im jede Vernunft versagt und diverse Eifersuchtsszenen treiben seine Qualen ins Unermeßliche und da der größte Teil des Romans aus seiner Sicht heraus geschildert wird, bleibt dem Schriftsteller Dumas uneingeschränkter Spielraum für die Darstellung intensivster Gefühlsschwankungen des Liebenden.
    Wie gesagt, der Roman ist mächtig und trotzdem will ich das dieser Geschichte nicht negativ anlasten. Unter Rücksichtnahme der Entstehungszeit und nach Überstehen der ersten Seiten habe ich mich doch wunderbar in diese Geschichte eingelesen und bin froh darüber, Marguerite und Armand kennen gelernt zu haben.


    Eine Liebe, die an gesellschaftlichen Konventionen scheitert, ist letztendlich eben doch so zeitlos wie die Liebe selbst.


    4ratten

    Das Buch steht schon lange auf meiner Wunschliste, aber irgendwie ist es wohl von meinen zahlreichen anderen Buchwünschen begraben worden.
    Deine Rezension hat mich jetzt wieder daran erinnert und noch mehr Lust auf dieses Buch gemacht, danke. :winken:

    Ich habe diesen Thread erst heute entdeckt und mit größtem Interesse überflogen.
    Ich selbst bin seit Kindheit an ein extrem introvertierter Mensch und kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich damit bereits auf Missverständnis und Kopfschütteln gestoßen bin.
    Die geposteten Artikel kann ich nur unterschreiben. Es wird einem ständig nahe gelegt, man solle doch mehr sprechen. Die Leute unterstellen einem entweder Arroganz oder Traurigkeit, obwohl es mir selbst blenden geht. Ich merke oft, dass ich die Menschen in meiner Umgebung mit meiner Introvertiertheit verunsichere und finde das selbst sehr schade. Auch die Aussage in dem Artikel, dass introvertierte Personen einfach mehr Zeit benötigen, um neue Eindrücke und Personen abschätzen zu können, kann ich voll unterschreiben.
    Mir wurde auch schon gesagt, dass mein Schweigen unfreundlich und desinteressiert wirkt, dabei habe ich oft wahrscheinlich mehr Interesse an meinem Gegenüber als all die Small talker, die im Endeffekt nicht wirklich zuhören. Aber leider wird das oft missverstanden.



    Cookie
    Deine Rezension klingt sehr vielversprechend und ist der Grund dafür, weshalb das Buch jetzt auf meiner Amazon-Wunschliste steht. :smile:


    Es ist schön, das Ganze auch mal von der wissenschaftlichen Seite aus betrachtet zu wissen.
    Ich kann leider auch heute noch das Gefühl, ich müsste mich ändern und gesprächiger werden, nicht immer ablegen, da einem das in der Gesellschaft immer wieder suggeriert wird.
    Mittlerweile habe ich für "Notfälle" schon einen regelrechten Small talk in meinem Kopf konstruiert, um mir nicht immer ganz so unhöflich vorzukommen :rollen: .
    Wohl fühle ich mich damit aber keineswegs und ich wünschte, ich könnte das ganz ablegen.

    Jurek Becker "Jakob der Lügner"



    Jakob, der unter Nazibewachung in einem polnischen Ghetto lebt, gerät eines Abends in eine missliche Lage, die zur Folge hat, dass ihm Informationen über den Frontverlauf und den sowjetischen Vorstoß gegen die Deutschen zu Ohren kommen.
    Getrieben von dieser hoffnungsschwangeren Neuigkeit vertraut er diese seinem Arbeitskollegen Mischa an. Da dieser ihm nicht glauben will, es aber noch viel weniger tun würde, wenn er die tatsächliche Quelle dieser Information aus jenem Abend genannt bekäme, greift Jakob zu einer Notlüge: Er hätte ein Radio.
    Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Ghetto und von nun an warten die armen Seelen täglich auf neue Nachrichten aus Jakobs Munde, die ihnen Hoffnung auf eine baldige Befreiung durch die Russen geben. Jakobs Lüge hingegen wird zum Selbstläufer mit immer untragbarerem Risiko und schwerwiegenden Folgen.


    Die Geschichte wird von einem Ich-Erzähler erzählt, ebenfalls ein Ghetto-Häftling, jedoch kein eigenständiger Charakter. Jurek Becker hat diese Gestalt vornehmlich als Brücke zum Leser benutzt und so bekommt man die Geschichte einerseits wertfrei erzählt und hat andererseits den Blick von innen, da auch der Ich-Erzähler das Ghetto bewohnt.
    Der Autor vergeudet nicht viel Zeit und schon auf den ersten Seiten erfährt man, wie Jakob in diese Notlüge stolpert. In nüchternem Ton geht es dann auch direkt weiter, unnötige Längen gibt es in diesem Buch keine und die Personen sind so dermaßen weich und v.a. menschlich gezeichnet, dass sie einem einfach ans Herz wachsen müssen.
    So ist man dann auch von der ersten Seite an zum Weiterlesen „verdammt“.
    Jurek Becker benutzt eine einfache, klare Sprache, die einem das Lesen sehr angenehm macht. Man kann sich problemlos in die Charaktere und ihre Emotionen hinein fühlen, mitfühlen und mitfiebern. Die Hoffnung der Ghettobewohner, meines Erachtens das zentrale Thema dieser Geschichte, überträgt sich auch auf den Leser und man erliegt beinahe dem Glauben, Jakobs Lüge könne sich doch noch als wahr herausstellen und die erhoffte Rettung kommen. Die Figur des Jakob habe ich bei all ihren Bemühungen, die Hoffnung im Ghetto aufrecht zu erhalten als ein Sinnbild für unantastbare Menschlichkeit empfunden, was auch am Ende der Geschichte noch einmal wunderbar verdeutlicht wird.


    Alles in allem ein Roman, der bewegt, zum Nachdenken anregt und dabei auch noch wunderbar erzählt wird.
    Ebenfalls ist es mir wichtig zu betonen, dass Jurek Becker auf Rührseligkeiten sowie auf moralische Wertungen verzichtet, was ich in Anbetracht des Themas doch außerordentlich finde und sehr schätze.


    5ratten

    Kurt Tucholsky „Schloß Gripsholm"


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links


    Der Hauptdarsteller will mit seiner Freundin einen Urlaub in Schweden verbringen und spontan mieten sich die beiden im Schloß Gripsholm ein. Sie genießen die Sommerwochen, vergehen sich in Liebeleien und neckischen Anspielungen, empfangen Besuch von Freunden und verlieren sich im entspannten Nichtstun.
    Das Idyll bekommt allerdings einen Riss, als sie von der Existenz eines mit harter Hand geführten Kinderheimes in unmittelbarer Umgebung erfahren. Besonderes Mitleid erregt dabei ein kleines, verschüchtertes Mädchen, dessen Rettung sich das Paar nun zur Aufgabe macht.


    Wirklich beeindruckt hat mich an dem Buch eigentlich nur die Sprache Tucholskys. Die ist klar, direkt, auf den Punkt. Er sagt Dinge in einem Satz, für die ich mindestens zehn gebraucht hätte, und das so einfach und unmittelbar, dass sein Tonfall immer ein bisschen frech und keck daher kommt. Auch wie er die Worte findet, zusammenfügt, Metaphern benutzt ohne sie zu überreizen, ist schon sehr bewundernswert.
    Die Handlung an sich hat mich aber nicht wirklich beeindruckt. Man hat das Buch an einem Tag durch, aber ich habe nicht das Verlangen danach gespürt, zum Ende zu kommen. Es ist mir nicht gelungen, Sympathie , geschweige denn überhaupt Interesse für irgendeine Person zu entwickeln. Die Geschichte plätschert mehr oder weniger vor sich hin und ich habe mich immer gefragt, worauf das alles hinauslaufen soll. Für mich persönlich haben sich die zwei Handlungsstränge, zum einen das Urlaubsidyll und zum anderen das grausame Kinderheim, nicht genügend und überzeugend ineinander gefügt.


    Fazit:
    Mir fällt es nicht leicht, dieses Buch zu beurteilen, weil es mir sprachlich außerordentlich gut gefallen hat, mich aber trotzdem nicht fesseln konnte. Als kleines Intermezzo für einen schönen Sommertag (oder auch verregneten Herbsttag) würde ich es letztendlich empfehlen, aber insgesamt davor warnen, zu viel zu erwarten.


    3ratten

    Das ist interessant. Mir ging es genau andersrum. Ich habe erst einige Bücher von Irving gelesen, aber irgendwie war er mir immer ein Stück zu fern ab von der Realität und seine Figuren zu verschroben.
    Dann bin ich auf T.C. Boyle gestoßen und sein harter Realismus und v.a. seine wunderbar zynische Tragikomik hat mir gleich zugesagt.
    Ich mag beide Autoren, aber letztendlich ist mir Boyle lieber.


    (Es gibt bessere Bücher von ihm als World`s End)

    Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links


    Dieses Buch zu lesen ist, als würde man nach jahrelanger ergebnisloser Schatzsuche endlich auf Gold stoßen. Hemingway erzählt in dieser Geschichte beispielhaft von dem Streben und Scheitern menschlicher Willenskraft.


    Der alte Mann fährt vor Havanna allein aufs Meer hinaus, um nach mehr als 80 erfolglosen Tagen endlich einen richtig großen Fang zu machen. Schon bald hat er einen Fisch am Haken, der so enorm kräftig und groß ist, dass er das kleine Boot über drei Tage und zwei Nächte hinweg durch das Meer zieht.
    Das verlangt dem alten Mann sehr viel ab, der schon bald von Müdigkeit, Hunger, Durst und schmerzenden Wunden an den Händen geplagt ist. Allein mit sich und seinen Gedanken führt er Selbstgespräche, spricht sich immer wieder Mut zu und entschuldigt sich im Voraus bei dem Fisch dafür, dass er ihn töten muss. Als dieser dann schließlich an die Oberfläche schwimmt, kann der alte Mann seine ganze Pracht und Schönheit bewundern und es tut ihm beinahe leid, dass er gerade dieses beeindruckend schöne und kräftige Tier am Haken hat, aber für eine Umkehr ist es zu spät. Schließlich gelingt es ihm, den geschwächten Fisch mit seiner Harpune zu töten und seitlich des kleinen Bootes zu befestigen.
    Zufrieden macht er sich auf den Rückweg nach Havanna, wird aber bald von Haien angegriffen, die ihre Zähne gierig in das Fleisch des Fisches hauen und ihn mehr und mehr zerstören. Wieder nimmt der alte Mann all seine Kräfte zusammen, um seinen Triumph zu beschützen, doch diesmal wird er scheitern.


    Diese Geschichte ist wirklich wunderschön erzählt, denn Hemingway hat eine sehr eindrückliche Sprache. Er wird nie kitschig oder anrührend, drückt nicht auf die Tränendrüse und wird nicht dramatisch. Vielleicht ist es aber gerade der nüchterne, realistische Ton, den er so gut trifft und der dieses kleine Drama um den Mann und seinen Fisch so bewegend macht. Es ist schon ein kleines Kunstwerk, wenn man nicht mehr zur Verfügung hat als einen Fisch, einen Mann und das weite Meer und daraus trotzdem etwas schafft, das nie langweilig oder langatmig wird.


    Dieses Buch hat mich wirklich erstaunt und ist zu einem kleinen Schatz für mich geworden. Ich wünschte, man könnte jeden Tag solch eine Entdeckung machen.


    5ratten

    Entschuldige, ich habe deine Verwirrung erst zu spät bemerkt.


    Der Satz ist tatsächlich etwas wirr, denn zu dem "weiter" müsste es nichts heißen.
    Also ich wollte nur sagen, dass man entweder gar nichts mehr zu diesem großartigen Roman sagen kann, sondern ihn einfach selber lesen muss oder eben einen ausufernden Kommentar schreiben müsste, um dem Buch gerecht zu werden.

    James McBride - Die Farbe von Wasser


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links


    Dieses Buch wurde für starke Frauen und Mütter geschrieben, ganz besonders für des Autors Eigene, Ruth McBride.
    Die autobiografischen Streifzüge James McBrides reichen bis in die Kindheit seiner Mutter in einem Amerika der 30er Jahre zurück, behandeln seine eigene im New York der 60er und 70er Jahre und enden mit einem milde stimmendem, versöhnlichen Resümee.
    Das Alles klingt für sich genommen erst mal nicht sonderlich spannend oder nach einer schon oft da gewesenen Geschichte.


    Der Clou liegt aber im Detail, denn Ruth McBride ist eine weiße polnische Jüdin, als sie in den 30ern im Kindesalter mit ihrer Familie nach Amerika auswandert. Sie werden in Suffolk, einer traurig öden Ortschaft im Staate Vriginia sesshaft und mit einem kleinen Lebensmittelladen selbstständig. Ruth McBride ist aber auch die Muttter zwölf schwarzer Kinder und überzeugte Christin, wenn man ihr in hohem Alter wieder begegnet.
    Dazwischen liegt die Geschichte dieses Buches und sie lässt sich wunderbar lesen.
    Im Wechsel ist entweder James McBride oder Ruth der Ich-Erzähler und es werden viele kleine Episoden erzählt, die alle zum Ganzen und somit zum Verständnis der Situation beitragen. Hautfarbe und Glaubenszugehörigkeit scheinen dabei stellvertretend für die Frage und Suche nach Identität und Zugehörigkeit zu stehen, die sicher eine Grundsatzfrage darstellt. Beeindruckend hierbei ist, wie stolz und selbstbewusst Ruth McBride mit diesem Thema umgeht, wie selbstverständlich sie sich in den „schwarzen Vierteln“ New Yorks bewegt und die Tatsache, dass sie mit ihren schwarzen Kindern auffällt wie ein bunter Vogel unter lauter weißen Vögeln, nur gelangweilt missbilligt.
    Auf die Frage ihres verunsicherten Sohnes, ob er denn nun schwarz oder weiß sei, antwortet sie „Du bist ein Mensch...bilde dich oder du bleibst ein Niemand.“
    Auf der anderen Seite offenbart James McBride auch die Schwächen seiner Mutter, lässt sie jahrelang ihren tyrannischen Vater ertragen und schmerzlich monatelang um ihren ersten Ehemann und seinen Vater trauern. So wird sie menschlicher, weicher und zugänglicher.
    Autobiografien können immer dann anstrengend werden, wenn sie in eine melancholische, mitleidige Selbstbeweihräucherung ausufern, aber bei diesem Buch wird man davon glücklicherweise verschont und man kann entspannt aufatmen, wenn sich Ruth bereits auf den ersten Seiten darüber beklagt, dass sie ihrem Sohn etwas über ihr Leben erzählen soll, da sie Angst hat „Dallas“ zu verpassen.


    Alles in allem würde ich dieses Buch als gelungenes Zwischenstück bezeichnen, d.h. man wird sich nicht allzu lang mit ihm aufhalten müssen (ein schönes Buch für zwei, drei Tage) und trotzdem einen Denkanstoß fürs Leben erhalten.


    4ratten

    Leo Tolstoi - Anna Karenina


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links



    Mit der „Karenina“ hat Tolstoi meiner Meinung nach ein sagenhaftes Werk vollbracht. Inhaltlich, stilistisch wie sprachlich ist dieser Roman sehr gelunen.
    Es ist wohl einer der bekanntesten Ehebrüche der Literaturgeschichte, den Anna Karenina mit dem Grafen Wronski begeht und man ahnt, dass es nicht gut enden kann. Tolstoi wird stets nachgesagt, ein fantastischer Beobachter mit psychologischem Feingefühl und ein minutiöser Analytiker gewesen zu sein - in diesem Roman findet man all das bestätigt.


    Schon der Einstieg in das Werk ist dem Autor sehr unterhaltsam gelungen, denn er fängt den Leser gleich mit einem seiner buntesten Charaktere ein. Annas Bruder, Stiwa genannt, wurde von seiner Ehefrau beim Seitensprung erwischt und muss es nun wieder einmal gerade biegen. Er empfindet keine wirklich Reue, denn schließlich könne niemand von ihm verlangen, dass er seine mittlerweile alt gewordene Frau noch attraktiv finde und doch ist ihm viel an dem Hausfrieden gelegen und er bestellt seine Schwester Anna zu sich, um seine Frau wieder zur Besinnung zu bringen. So ist es denn der Fall, dass sich Tolstoi den Witz erlaubt, seine Hauptfigur als Schlichterin eines Ehebruchs in die Handlung einzuführen und letztendlich als verzweifelte Ehebrüchige Selbige wieder zu entlassen.
    Tolstoi versteht mehrerer solcher aberwitzigen Verstrickungen und Wirrungen zu konstruieren, was wohl nichts anderes darstellen soll als die bekanntliche Ironie des Schicksals.


    In seinen Charakteren findet man sich wieder und wieder. Sie sind ein Spiegel aller erdenklichen Basisemotionen und dabei so facettenreich aufgebaut, dass man zu keinem Zeitpunkt an ihrer tatsächlichen Existenz zweifelt.
    Anna Karenina blendet den Leser anfangs in ihrem Gewand aus bezaubernder Schönheit, unnatürlicher Selbstbeherrschung und liebevoller Anteilnahme, bis die Liebe zu Wronski die Maske der kühlen Selbstsicherheit zerstört und Anna schließlich komplett aufreibt. Ihr Bruder Stiwa, ein Opportunist und unverbesserlicher Genussmensch will einem nicht unsympathisch erscheinen, obwohl er nicht viel für Frau und Kinder übrig hat, aber wahrscheinlich einer der wahrhaftigsten Charaktere des ganzen Romans ist. Lewin, der Denker auf ständiger Suche nach dem Lebenssinn und phasenweisen Erleuchtungsmomenten setzt einem immer wieder die eigenen Zweifel vor die Nase. Wronski, verzweifelt liebend und trotzdem abweisend, lässt ähnlich wie Anna eine Fassade bröckeln, die einen unsicheren, ziellosen und in jeder Hinsicht tragischen Charakter hinter einem stattlichem, eindrucksvoll selbstbewusstem Manne versteckt hielt. Man würde nie an diesen und noch vielen weiteren Figuren zweifeln, da sie alle eine Entwicklung durchmachen, immer dynamisch und nachvollziehbar sind, nie in ihren Charkterzügen versumpfen, wie es nicht selten bei vielen Romanfiguren selbst talentiertester Schriftsteller der Fall ist.


    Desweiteren kann Tolstoi problemlos dem Urteil nachkommen, dass kaum jemand so zu erzählen verstand wie die Autoren im Russland des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts. Man kann sagen, dass er sich einfach nur sehr bequem lesen lässt. Schachtelsätze, unverständliche Ausdrücke und verwirrende Formulierungen sucht man bei ihm vergebens. Anna Karenina ist in einem wunderbar flüssigem Stil geschrieben und trotzdem keinesfalls anspruchslos in seiner Sprache. Tolstoi kann mit Wörtern umgehen und haucht so nicht nur seinen Figuren, sondern auch den Schauplätzen sehr viel Leben ein. Genannt sei hier der Abschnitt, in welchem er Lewin bei der Heuernte begleitet und man wahrhaftig das Gefühl hat, man könne die glühend heiße Sonne auf dem Rücken spüren, würde die staubige, warme Luft einatmen und die gespannten, straffen Muskeln der schwitzenden Bauern bei jeder Bewegung beobachten.


    Und deshalb also hat Tolstoi meiner Meinung nach mit diesem Roman ein sagenhaftes Werk vollbracht. Seine Charakterstudien und lebendigen Beschreibungen sind meisterhaft und unbedingt lesenswert. Weiter oder noch unendlich viel mehr lässt sich zu diesem Roman nicht sagen.


    5ratten

    Charles Dickens – David Copperfield


    Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links



    Handlung:

    Im Mittelpunkt dieses Romans steht natürlich David Copperfield, mit dessen Geburt alles beginnt. Man sieht ihn aufwachsen, erfährt seinen Bildungsweg, Schicksalsschläge, die erste Verliebtheit und schließlich die Familiengründung.
    Auf seinem Lebensweg begegnet David so einigen Hindernissen und Widrigkeiten – nicht zuletzt seinem Erzfeind Uriah Heep. Für mich stellte die Figur Copperfields den roten Faden dar, von dem allerdings etliche Seitenpfade abgingen und so merkte man dem Roman im Ganzen doch an, dass er stückchenweise von Dickens veröffentlicht wurde, wie es damals gang und gäbe war. Die Handlungsstränge im Einzelnen sind unterhaltsam und machen neugierig, aber bisweilen fehlte mir der Gesamtzusammenhang sowie unvorhersehbare, überraschende Ausgänge.
    Ich persönlich fand es schade, dass mir die Figur David Copperfield in diesem Wirrwarr an Erzählungen des Öfteren verloren ging.


    Charaktere:
    Hier kann ich Dickens nur ein großes Lob aussprechen. Er versteht es wunderbar, lebendige, schrullige, liebenswerte, ekelhafte, naive, selbstbewusste, starke und schwache Persönlichkeiten zu formen und zu beschreiben.
    Ob man sich mehr an dem sich ständig anbiedernden, durchtriebenen Uriah Heep, dem liebenswert schrulligem Micawber oder an der eleganten, tatkräftigen Betsey Trotwood erfreuen kann, bleibt einem selbst überlassen. Dickens bedient nahezu jede Vorliebe mit allen denkbaren Klischees, die er in umfangreichem Stil ausstaffiert.


    Schreibstil:
    Ohne Frage ist der Erzählstil meiner Meinung nach gewöhnungsbedürftig und Geschmackssache. Man muss sich mit langen Sätzen und aus der Zeit gekommenen Formulierungen bzw. Begriffen auseinandersetzen, was der Geschichte andererseits, wenn man die Zeit, in welcher sie spielt berücksichtigt, einen besonderen Charme und Authentizität verleiht.
    Dickens schreibt aber immer verständlich, nicht gestelzt oder hochtrabend; allenfalls die Dialoge wirken nach unseren heutigen Maßstäben eben etwas steif und unwirklich.


    Fazit:
    Das erste Drittel des Buches hat mich gefesselt. Im zweiten Drittel habe ich leichten Stillstand verspürt und das letzte Drittel hat immerhin noch einige Handlungsstränge aufgelöst. Mir persönlich ist Copperfields Werdegang im Laufe des Buches zu sehr untergegangen und ich hätte mir gerade bei ihm noch etwas mehr Ecken und Kanten gewünscht. Es gab wenig Überraschungen, nahezu alles war vorhersehbar und wirkte deshalb etwas platt.
    Ich würde trotzdem nicht von dem Buch abraten, da es wie gesagt schon allein aufgrund seiner bunten Charaktere lesenswert ist. Wer allerdings spannende Unterhaltung und unerwartete Wendepunkte erhofft, dem würde ich andere Lektüre empfehlen.


    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus: