Beiträge von Papyrus

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Klappentext:

    Timo Seidel ist 28 Jahre alt und führt ein Leben ohne jegliche Ambitionen. Anstatt wie seine Freunde Karriere zu machen, ist er in seinem Studentenjob hängen geblieben. Dementsprechend uninspiriert führt er seine Arbeit aus, so dass er fristlos entlassen wird. Zu allem Überfluss hat seine Freundin Cleo beschlossen, sich von ihm zu trennen. Nun steht er also da: Ohne Freundin, ohne Job, ohne Geld und ohne Perspektive. Aus heiterem Himmel bietet sich ihm jedoch eine außergewöhnliche Offerte: Er bekommt einen befristeten Arbeitsvertrag als Lehrer. Nun ist es also offiziell: Für die kommenden sechs Monate darf Timo staatlich beauftragter Klugscheißer sein. Im öffentlichen Dienst! Vom Staat angeheuert wie James Bond! Quasi 007 Klugscheißer Royale! Schnell muss er allerdings feststellen, dass der Lehrerberuf doch ein wenig schwieriger ist als ursprünglich gedacht...



    Timo Seidel, 28 Jahre und in einem Callcenter tätig, war für mich nicht unbedingt ein Sympathieträger. Statt seinem Studium nachzugehen wählte Timo die einfachere Variante und ist nun seit 5 Jahren in einem Callcenter tätig. Als Klugscheißer und Besserwisser ist man für diesen Job jedoch nur bedingt geeignet und Timo wird, nachdem er das Klugscheißen an den Kunden mal wieder arg übertrieben hat, fristlos entlassen. Just an dem Tag, an dem Cleo, seine Freundin, beschliest die Beziehung zu beenden. Wäre ich seine Freundin Cleo, ich wäre ebenfalls ausgezogen.

    Ein arroganter Schnösel der keine Probleme hat Cleo finanziell das gemeinsame Leben stemmen zu lassen, aber seinen Part in keinster Weise dazu beiträgt. Oder wie Timo es ausdrückt, seine Tolleranzgrenze in Punkto Dreck ist einfach höher.

    So langsam erwacht Timo in der realen Welt und muss z.B. seinen geliebten BMW verkaufen, denn ein Leben ohne Arbeit ist teuer und das Finden eines neuen Jobs nicht so einfach wie gedacht.

    Aber Glück gehört nun auch zum Leben und so erhält Timo eine Aushilfsstelle als Englischlehrer an einer Abendschule und das auch noch als einziger Mann unter weiblichen Kollegen. Ein Paradies? Mitnichten.

    Zweisprachig aufgewachsen, Timos Vater war Amerikaner, und nach einigen Anlaufschwierigkeiten, scheint ihm der Beruf des Lehrers tatsächlich zu liegen, seine Schüler sind begeistert. Nicht jedoch eine seiner Kolleginnen, die ihm das Lehrerleben schwer macht, so dass unserem Klugscheißer dabei ein mehr als unflätiger Kommentar über die Lippen huscht, was wiederum die Rektorin animiert ihn auf eine Lesung mit Alice Schwarzer zu verdonnern. Irgendetwas scheint da mit Timo passiert zu sein und er wandelt von Saulus zu Paulus. Leider ist dieser Übergang dem Autor nicht ganz gelungen, der Wechsel vom überzeugten Klugscheißer zum Menschenfreund geschieht doch sehr plötzlich und unerklärlich. Nun gut, nehmen wir den geläuterten Timo so wie er ist und freuen uns über seine erwachte positive Lebensenergie und die geplante Zukunft.


    Für Zwischendurch ist die Lektüre tatsächlich leicht zu lesen und durchaus geeignet, der Humor lässt sich für mich nicht immer finden und die Hauptfigur ist eher nervig als lustig. Vielleicht bin ich aber altersmäßig auch einfach nicht mehr die Zielgruppe, aber das mag jeder für sich selber herausfinden und entscheiden.


    Wer mehr über Buch und Autor erfahren möchte: Thorsten Steffens


    3ratten

    Ich habe das Buch gerade ausgelesen, wobei mich Titel und Cover im Vorfeld eher vom Lesen abgehalten haben. Ich kann mich den Vorschreiberinnen nur anschließen, gerade diese beiden, für ein Buch doch elementaren Dinge, hat diese Geschichte nicht verdient.

    Mia und Katie sind Schwestern wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Gewissenhaft und strukturiert die eine (Katie) und ein kleiner oberflächlicher Wildfang die andere (Mia).

    Bei einem spontanen Urlaub durch die Welt ist Mia in Bali von einer Klippe gestürzt und Katie bleibt nur das blaue Reisetagebuch ihrer Schwester. Nur mit diesem Tagebuch bewaffnet macht Katie sich auf die Suche nach ihrer Schwester. Will klären ob es sich wirklich um Selbstmord handelt. Dabei lernt Katie nicht nur ihre kleine Schwester besser kennen, sondern kommt sich selber näher.


    Der Weg zur Selbstfindung usw. mag vielleicht ein wenig klischeehaft klingen, trifft es m.E. aber ganz gut. Allerdings konnte ich das Tamtam und Mia nicht wirklich nachvollziehen, wirkte sie auf mich durch die Erzählungen doch eher sehr unsympathisch und rücksichtslos.


    Zumindest den Namen der Autorin werde ich mir merken und gerne ein weiteres mal zu einem ihrer Bücher greifen.


    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Herr Jakob, Mitte fünzig, Vater von zwei Töchtern und geschieden, arbeitet als Bibliothekar und fertigt in seiner Freizeit die ein oder andere Skulptur.


    Sein Leben ist eher unaufgeregt bis trist. Der Beruf bringt keine Erfüllung, die Exfrau und die Töchter fordern immer mehr Geld und das Leben an sich wird immer hektischer und schneller.


    Eines Tages sitzt er in seinem Garten als eine unreife Nuss aus einem Baum fällt und direkt auf seiner Stirn landet. Die Unfähigkeit der Nuss auszuweichen, obwohl er ihren Fall aus der Baumkrone beobachtet hatte, einschließlich des Eichörnchens welches als talenierter Werfer in Frage kommt, scheint der Beginn einer großen Veränderung zu sein: Herr Jakob schläft und träumt. Anfangs scheint es sich um Erschöpfungszustände zu handeln, doch entwickelt sich schon sehr bald in den Schlafphasen eine eigene Realität.

    Herr Jakob schläft und träumt. Von einem Eichhörnchen welches intensiv eine Nuss betrachtet und von einem Huhn, mit dem er ausführliche Gespräche führt. Die Träume kommen in ähnlicher Form wieder, mit Eichhörnchen und Huhn. Sein Tagesrythmus gerät durcheinander, er wacht später auf als gewohnt und wird eher müde.

    Das geht soweit, bis Herr Jakob im Winter eine längere Reise fingiert um ungestört über Monate schlafen zu können. Hierbei vermischen sich Traum und Realität und es stellt sich die Frage, was überhaupt ist Traum, was Realität?

    Herr Jakobs ausgiebige fingierte Reise ist ein Winterschlaf, der Nachahmer findet? Ist es das Erwachen eines Urinstinkes, die Lösung für ein friedlicheres Zusammenleben in der Welt?

    Das kleine Büchlein regt auf angenehme Weise an darüber nachzudenken.


    4ratten

    Oje, da hat nicht mal der Urlaubsbonus geholfen. Das ist wirklich blöd.

    Es ist zum Beispiel schlichtweg falsch Ägypterinnen eine Burka zu verpassen, tragen die vollverschleierten Frauen in Ägypten einen Niqab.

    Das wird leider nicht nur in deinem Buch durcheinander geworfen :rollen:

    Stimmt. Aber in irgendeiner Rezi bei Amazon wurde sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, wie authentisch dieses Buch wirken würde. Da gruselt es mich doppelt.

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    Ich habe seit längerer Zeit nicht mehr in diesem Forum geschrieben. Da ich aber wieder angefangen habe ein bisschen zu lesen sollt ihr ruhig daran teilhaben :)


    Über dieses Buch:

    "

    Der wunderbare Debütroman einer hoch talentierten deutschen Autorin – originell, warmherzig und herrlich humorvoll!

    Birtes Alltag könnte kaum unspektakulärer sein. Tagsüber sortiert sie Zahlen im Rechnungsprüfungsamt, und die Abende verbringt sie mit ihrer depressiven Mutter. Bis eines Tages das rätselhafte Erbe ihrer Großmutter Birtes Leben auf den Kopf stellt: Mit einem bunten Sonnenschirm und einem geheimnisvollen Brief im Gepäck soll sie auf Nilkreuzfahrt gehen!

    Aber traut Birte sich überhaupt zu, alleine nach Ägypten zu reisen? Und kommt ihre Mutter ohne sie zurecht? Doch vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass Birte ihr ruhiges Fahrwasser verlässt. Mutig packt sie ihre Koffer, und das Abenteuer kann losgehen.

    Auf dem Nil erwarten Birte nicht nur ein Krokodil in der Kabine, eine vertrackte Dreiecksgeschichte an Bord und ein älterer Herr, der sich ausgerechnet für ihren Sonnenschirm interessiert – sondern auch etwas Liebe ..."



    Während meines Ägyptenurlaubs lasse ich mich gerne von einer thematisch passenden Lektüre unterhalten. Nach den bisherigen Rezensionen und Meinungen war ich überzeugt mit diesem eBook wieder eine nette Unterhaltung gefunden zu haben.

    Glücklicherweise hatte ich das Buch aus der Onleihe, inhaltlich und sprachlich war es ein Desaster. Die positiven Meinungen zu diesem Erstling sind mir schlichtweg ein Rätsel, selbst für einen Freundschaftsdienst zu gut.

    Es mag natürlich sein, dass keiner der Rezensenten jemals in Ägypten auf einer Nilkreuzfahrt war, das entschuldigt aber noch lange nicht alles.

    Es ist zum Beispiel schlichtweg falsch Ägypterinnen eine Burka zu verpassen, tragen die vollverschleierten Frauen in Ägypten einen Niqab. Ein Thema, das ein wenig Recherche verdient, gerade wenn es der Authentizität dient und sich sogar einfach ergooglen lässt.


    Die Geschichte selber ist arg vorhersehbar und erzählerisch mehr als einfach gehalten. Die Hauptfigur, Birte, ist Mitte 30 und eine Person, die nicht im Ansatz sympathisch oder authentisch wirkt. Diesbezüglich fielen mir beim Lesen eher Attribute von dämlich bis absolut naiv ein.

    Aber auch den anderen Figuren fehlt es an Esprit und Charme und mehr als einmal habe ich mich über das beschriebene Verhalten geärgert und gefragt, wer in meinem Bekannten- und Freundeskreis so agieren und reagieren würde, wie die Menschen auf dieser Kreuzfahrt. Mir fiel keiner ein.


    Es waren glücklicherweise nur knapp 200 Seiten und somit schnell gelesen. Gelohnt hat es sich nicht


    1ratten

    Hallo Tina,


    meine Antworten sind bestimmt etwas unbefriedigend, aber ich versuche es trotzdem:


    Bücher über Israel von nicht israelisch / hebräischen Autoren:
    Frank Schätzing - Breaking News
    Amanda Sthers - Schweine züchten in Nazareth



    Welche israelischen Bücher habt ihr gelesen?
    Shifra Horn - Die Schönste aller Frauen
    Shifra Horn - Das Kupferbett


    Welche israelischen Autoren sind Euch ein Begriff?
    Amos Oz
    Anat Talshir
    Assaf Gavron
    Ayelet Gundbar-Goshen
    Batya Gur
    David Grossman
    Ephraim Kishon
    Shifra Horn
    Lev Nussimbaum (Kurban Said)
    Meir Shalev
    Pearl Abraham
    Yael Hedaya


    Wenn es hebräische Literatur gibt, die Euch gefällt, warum?
    Mein Steckenpferd ist ja eher die arabische (genauer die ägyptische Literatur), aber mich interessiert auch das Umfeld. Die ganze arabische / orientalische / islamische Literaturwelt.


    Wie seid hr auf die Bücher aufmerksam geworden?
    Erst durch Zufall, dann bewußter.


    Welche Autoren lest ihr besonders gerne und warum?
    ./.


    Welche Themen interessieren Euch?[/b]
    Der Konflikt zischen Israel und Palästina, weil ich begreifen möchte was da geschieht. Von daher lese ich auch gerne Bücher aus der Sicht Palästinas.

    Ich bin ja seit längerer Zeit inaktives Mitglied. Die Liste lade ich mir aber jedes Jahr, um meine Statistik weiterzuführen.


    Herzlichen Dank für die Liste 2017 :smile:

    Schade, dass qantaqa damals auf Seite 90 aufgegeben hatte. Das Buch ist eben ein typischer Robbins, abgedreht und auf sympathische Weise schräg.
    Eine Zusammenfassung fällt wahrlich schwer. Wie sollte diese auch ausfallen, bei einer Story um eine schmutzige Socke, einer Dose Bohnen, einen Dessertlöffel, einen uralten bemalten Stab und eine ebenso alte Muschel, auf dem Weg nach Jerusalem?


    Aber auch menschliche Figuren eilen der Story zu Hilfe unter den sieben Schleiern. Ellen Cherry, die, statt als Künstlerin Karriere zu machen, ihr Dasein als Kellnerin im I & I fristet und ihr Mann, Boomer, von Hause aus Schlosser, der durch den Wohnwagen, den er zum fahrenden Truthahn umgebaut hat, zum anerkannten Künstler wird. Oder Turn Around Norman, der jeden Tag nichts anderes tut als sich fast unmerklich um seine eigene Achse zu drehen. Ein Künstler?


    Im Großen und Ganzen geht es in dem abstrusen Roman um religiöse Konflikte, Fundamentalismus, den mittleren Osten und Kunst.
    Das Lesen war wieder einmal das pure Vergnügen. Hier ist der Weg das Ziel, wobei immer wieder philosophische Gedanken zu dem altbekannten Thema "Gott und die Welt" stattfinden. Hinzu kommt Fundamentalismus jeder Gesinnung, egal ob christlich oder muslimisch. Eine literarische Auseinandersetzung zu einem momentan mehr als aktuellen Thema, unglaublich unterhaltsam verpackt. Umso erstaunlicher, dass dieses Buch bereits 1990 erschienen ist.


    Zitat

    Wer auf ein Leben nach dem Tod setzt, verneint das Leben. Wer sich auf den Himmel konzentriert, schafft die Hölle


    5ratten

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    Klappentext, wenn auch zugegebenermaßen ein wenig sperrlich:


    Tradition und Revolution zeitgleich erleben
    Ägypten aktuell: die letzten Momente des Mubarak-Regimes und die Ära danach bis Ende 2012
    Ägyptens Wirklichkeit: Abseits von Kairo und Alexandria leben die Menschen, bei denen die Revolution nicht angekommen ist
    Der Insider und Ägyptenkenner Gerald Drißner hat fünf Jahre in Alexandria gewohnt




    Gerald Drissner ist Journalist. 2007 zog er für fünf Jahre Ägypten, lernte arabisch und besuchte Land und Leute auf ungewöhnliche Art und Weise: individuell, mit landestypischen Verkehrsmitteln, ohne Reisebüro.


    "Für die Ägypter, die täglich ums Überleben kämpfen und trotzdem ihren Humor nicht verloren haben"


    Fragt man die meisten Menschen nach Ägypten kennen sie die Pyramiden und Hurghada, einige wenige noch die kulturellen Schätze des alten Ägypten in Luxor. Nichts hiervon kommt in dem Buch vor. Der Autor zeigt den ägyptischen Alltag und Orte, die ein Tourist nie besucht.
    Wunderbar trocken erzählt Drissner seine erlebten Geschichten und die Fakten über das Land am Nil.


    "In Ägypten dreht sich fast jedes Lied nur um die Liebe, und die meisten Filme triefen vor Herz und Schmerz. [...] "Ohne dich fühle ich mich wie eine Nacht ohne Mond." Deutsche Romantik ist Trockenbrot dagegen. Das ist aber nur im Film so. In der ägyptischen Realität wird das Märchen von Liebe und Heirat zu einer Mischung aus Dallas und Denver Clan am Nil [...]"


    Vom verdreckten Nil und Land, vom Trinkwasser mit Chlornote, erzählt er ebenso wie von der tiefen, teilweise fundamentalistischen, Religiosität.
    Von einfachen Mann auf dem Land, der von der Revolution bis heute nichts erfahren hat, sondern täglich ums blanke Überleben kämpft, lesen wir ebenso wie über Verschwörungstheorien und katastrophale politische Fehlentscheidungen vergangener Jahrzehnte.
    Oft habe ich geschmunzelt und genickt, kam mir einiges sehr bekannt vor, anderes füllte die Lücken in meinem ägyptischen Puzzle.


    Und doch ist es für mich ein wenig schade, dass Gerald Drissner die touristischen Highlights nicht einmal gestreift hat, besser hätte man Gegensätze nicht verdeutlichen können.


    Das Buch ist kein Reiseführer, wer aber fern ab von westlich orientierten Hotelburgen und den berühmten historischen Bauten Ägypten verstehen möchte, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt. Ob man Land und Leute danach mehr mag sei dahin gestellt.
    Zumindest der Autor, und ich als Leserin, haben die Zuneigung zu den Menschen in Ägypten nicht verloren.


    "In der Nordhälfte wohnen die meisten Ägypter. Ein Land kann durch seine Natur faszinieren. Im Norden Ägyptens aber sind es die Menschen."


    5ratten

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    Klappentext:
    Sie bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmenge auf dem Markt, ohne sich nach jemandem umzusehen. Viele Stimmen umgeben sie. Antar ist bleich und schaut besorgt. Er geht vor Mussaad her, hoch und hager. Schwankt. Er schiebt die Leute leicht beiseite. Mussaad keucht. Er spürt einen grossen Druck auf der Brust. Den Geschmack von Staub im trockenen Mund. Die Sonne ist grell. Seine Augen tränen. Er hält den Kopf zur Seite geneigt. Hin und wieder tastet er nach dem Griff des Messers. Antar spürt, dass er sich zu weit entfernt hat. Er schaut sich um. Über die Köpfe der Leute hinweg sieht er Mussaad verloren in de Menge. Er geht ein, zwei Schritte zurück, bis er wieder neben ihm ist. Sie haben die erste Biegung hinter sich gebracht. Die Strasse, vollgepackt mit Menschen, ist jetzt schnurgerade. Sie nähern sich der zweiten Biegung. Dahinter liegt Barakats Laden.


    Ende der 1960er Jahre, in einer Provinzstadt im Nildelta, ist Mussaad, der seine Frau bei einem Seitensprung erwischte, auf dem Weg zum Laden seines Metzgerkollegen Barakat, um den Kopf von dessen Sohn zu verlangen. Ein ägyptisches Drama bahnt sich an.
    Muhammad al-Bissati erzählt diese Geschichte um Eifersucht, Ehre und eine geheime Liebschaft in schlichten Sätzen, ohne viel Ausschmückungen und Dramatik.


    Das eigentliche Drama ist nicht der Ehemann, man mag ihn als Opfer dieser Schmach noch am ehesten verstehen, im Versuch seine Ehre wieder zu erlangen. Das Drama spiegelt sich im Verhalten der anderen Personen wieder. Die Resignation im Umgang mit diesem Ehebruch ist für den Leser greifbar und unfassbar zugleich. Alle, beteiligt, wie unbeteiligt, übernehmen ihre Rolle in diesem Stück.
    Es gibt keine Versuche, Mussaad zur Besinnung zu bringen, er will seine Frau Saadija und ihren Liebhaber Amir töten. Danach kommt er ins Gefängnis. Egal.
    Selbst Saadija ergibt sich ihrem Schicksal und wird während der Zeit des Wartens auf ihren Tod von ihrer Schwägerin bewacht. Auch hier fehlen Gefühle wie Mitleid und Verständnis. Neid und Gier prägen die Situation.


    Es wäre so leicht für alle Beteiligten die Situation zu ändern, doch handeln alle Akteure wie Schauspieler in einem Bühnenstück. Tendenzen die sich bis heute gehalten haben. Es fehlt meines Erachtens die Erkenntnis das Veränderungen von innen geschehen müssen, jedoch agiert der Ägypter lieber nach vermeintlich gesellschaftlichen Erwartungen.


    Alle, bis auf die Familie des Metzgers Barakat, die ihrem Sohn Amir zur Flucht verhilft.


    Muhammad al-Bissati, 1937 in Ägypten, in Gamalija (bei Port Said) geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und war als staatlicher Rechnungsprüfer jahrelang tätig und lebte in Kairo. Im Jahr 2000 wurde er für sein literarisches Werk mit dem in Dubai verliehenen Sultan-Uwaiss-Preis ausgezeichnet, dem arabischen Nobelpreis.
    Auf deutsch liegen im Lenos-Verlag, neben dem vorgestellten Buch, "Auf Besuch. Geschichten aus der arabischen Welt" und "Hunger" vor.
    Der Autor starb im Jahr 2012.


    4ratten

    Susan Abulhawa schreibt Romane über den Konflikt zwischen Palästina und Israel.
    Als Kind palästinensischer Flüchtlinge, aufgewachsen in Kuwait, Jordanien, Jerusalem und den USA, schreibt sie diese aus Sicht der Palästinenser. Man mag ihr dabei vorhalten ihr Blick sei einseitig und die Rolle der Palästinenser als Opfer festgeschrieben. Ich teile diesen Vorwurf nicht, schließlich schreibt sie Romane und keine Sachbücher über die Region. Zumal erscheint mir ihre Art des Erzählens aus palästinensischer Sicht so authentischer. Objektives Reflektieren ist in lang verzettelten Konflikten wohl sehr unrealistisch wie man es leider immer wieder in den Nachrichten verfolgen muss.


    Nur, die weibliche Hauptfigur in diesem Roman ist in Amerika aufgewachsen, einem Amerika welches auch nur bedingt in der Lage die Menschen in seinem Land vor Unglück zu beschützen wie der Leser an der Figur von Nur erfahren wird.
    In den 1990er Jahren gelangt sie nun über die Einladung des Arztes Jamal nach Palästina, in das Land ihrer Vorfahren. Diese mussten 1948 nach israelischen Angriffen ihr Dorf verlassen und kommen in den politischen Wirren nicht zur Ruhe.


    Mit den Augen der Amerikanerin erfährt der Leser wie anders das Leben in der arabischen Welt gelebt und verstanden wird. Die Autorin geht in ihrer Erzählung nicht geradlinig vor, sondern springt zwischen den Jahreszahlen und den beteiligten Akteuren hin und her. Dabei weiß sie sich der arabischen blumigen Erzählkunst durchaus zu bedienen, allerdings verknüpft sie vieles in dieser Geschichte durch ein sehr mystisches Element. Dies ist leider nicht sehr gelungen und vermag mehr Fragen beim Leser zu hinterlassen, denn Antworten zu geben.


    Um den Geschehnissen zu folgen gibt es im Anhang ein Glossar was mir jedoch nicht ausreichend erscheint. In der gemeinsamen Leserunde hier konnte man klar erkennen, dass das Lektorat gut daran getan hätte ein paar Fußnoten mit Erklärungen zu arabischen Ausdrücken und Gebräuchen einzufügen. Zu anders ist diese Welt, auch einige Pointen verlieren aufgrund fehlender Erklärungen ihre Wirkung.


    "Als die Sonne im Meer verschwand" ist eine Geschichte über die Frauen. Männer haben keine dominante Rolle im erzählten Alltag. Aber so ist es vielleicht auch im wirklichen Leben, zumindest in einigen Teilen der Welt. Die Männer spielen Krieg und Ähnliches und die Frauen müssen sehen wie sie klarkommen. Und sie kommen klar.
    Wer die Bücher der Autorin noch nicht kennt, sollte vielleicht mit "Während die Welt schlief" beginnen. Zumindest mich konnte der Erstling mehr überzeugen.


    3ratten