Beiträge von Tina

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Was auffällt, ist, wie Oz die unterschiedlichen Arten von Einsamkeit perfekt porträtiert. Man sollte meinen, in einer eingeschworenen Gemeinschaft wie in einem Kibbuz gibt es keine Einsamkeit, aber Oz belehrt den Leser schnell vom Besseren. Das scheinbar idyllische Leben im Kibbuz hält bei näherer Betrachtung nicht statt. Bei allem Idealismus kristallisieren sich rasch in Ansätzen totalitäre Züge heraus.

    Ich wollte dazu noch etwas sagen.

    Auch wenn es sich hier um eine fiktive Geschichte handelt, so sind die einzelnen Charaktere auch in einem realen Kibbuz zu finden, erst Recht in dieser Zeit. Ich denke, man sollte mein Lesen auch immer den historischen Kontext nicht aus den Augen verlieren. Es ist hier die Rede von einem Kibbuz der 50er Jahre. Die Kibbuzim stellten eine unglaublich heterogene Gesellschaft dar, immer in Hinblick auf ihre Geschichte. Auch wenn diese vielleicht nicht explizit Erwähnung finden, so muss man bedenken, das die Menschen, die in den 50er Jahren in den Kibbuzim lebten, größtenteils mit der 5. Alina ins Land kamen. Sie kamen aus Europa, Polen und hatten das Grauen in seiner Reinform kennengelernt. Hier spielen auch Traumata eine Rolle, die wir uns nicht ansatzweise vorstellen können, von denen wir auch nicht so viel wissen, da die Überlebenden der Shoa meist nicht darüber sprechen wollten. Sie gehörten zu den Menschen, die eher zurückhaltend waren, sich abkapselten und einfach nur froh waren, zu leben. Natürlich gab es auch viele Kibbuzniks, die im Land geboren waren, aber sie waren indirekt auch von den Ereignissen in Europa betroffen. Man hatte eine sehr ambivalente Einstellung den Einwanderern gegenüber und es prallten Charaktere aufeinander, die sich freiwillig an diesem Ort mit Sicherheit nie gefunden hätten. Wir reden hier von Akademikern, von Arbeitern, von zerstörten Familien. Sie alle leben in einer, aus Not bedingten Gemeinschaft und die Einstellung der Sabres (der im Land geborenen) war eine gänzlich andere. Man wollte nichts mehr zu tun haben mit dem Bild des europäischen Juden. Man wollte kein Opfer mehr sein. Darum auch das falsche Bild der Ultra-Orthodoxen Juden in einem Kibbuz (wie gesagt, es gab auch vereinzelt religiöse Kibbuzim, aber die waren eher die Ausnahme). Die traf man dort nicht. Das Bild des "Neuen" Israelis war das des starken, unabhängigen und durchtrainierten Menschen. Braungebrannt und selbstbewusst. Das Bild der Charedim passte dort nicht hinein. Wir reden hier von einer Zeit nach der Staatsgründung und dieses Land hatte vom ersten Tag an das Problem, sich seiner Existenz rechtfertigen zu müssen. Am Tag der Staatsgründung wurde Israel von 5 arabischen Staaten angegriffen und es endete in einem zwei Jahre andauernden Krieg. Dem Unabhängigkeitskrieg. Es gab immer wieder arabische Angriffe auf Kibbuzim. Damals war es ein normales Bild, dass die Kibbuzim Wachtürme hatten. Man schlief mit der Waffe unter dem Kopfkissen. Diese Menschen kamen trotz ihres an für sich abgeschotteten Kibbuzleben niemals wirklich zur Ruhe.

    Es gäbe noch viel mehr zu sagen, aber ich denke, alle diese Fakten, sollte man beim Lesen dieser Lektüre nicht aus dem Fokus verlieren. Es war eine harte Zeit und sie erforderte harte Maßnahmen, genauso wie sie im Gegenzug auch die Menschen in einer bestimmten Art und Weise hart machte. Diese emotionale Härte war oft nichts anderes als simpler Eigenschutz. Angst vor engen zwischenmenschlichen Bindungen war keine Seltenheit und insofern kommen die Genossen dort dem Begriff "Freund" schon sehr nah, auch wenn wir zu diesem Begriff, von unserem heutigen Standpunkt aus, einen ganz anderes Bild haben.

    Trotz der Kürze gelingt es Oz zudem authentische Charaktere zu präsentieren. Vielleicht liegt es an der Serie Shtisel, die ich momentan schaue, aber ich konnte mir die verschiedenen Personen lebhaft vorstellen.

    Nur dass es sich bei Sthisel um Charedim handelt und die Menschen im Kibbuz mit Religion meist nicht viel zu tun haben. Natürlich gibt es auch religiöse Kibbutzim, aber die sind eher eine Seltenheit. In diesem hier rennen sie eher in Latzhosen, Shorts, Top und Sandalen rum, aber ja, auch ich sehe sie leibhaftig vor mir.

    Hallo Ihr Lieben


    auch ich war erstaunt über die Kurzgeschichtenform. Bisher habe ich die ersten beiden Geschichten gelesen und werde entweder später oder morgen dazu mehr schreiben.

    Ich bin das ganze Wochenende bei einem Klausurvorbereitungsseminar in Bonn und mir raucht der Schädel. ( Stunden Philosophie des Geistes haben mich fertig gemacht.

    Ich freue mich jetzt auf eine weitere Geschichte von Amos Oz. Wie schön und angenehm ist er im Vergleich zu Kant, Platon und Konsorten. Ich hoffe ich schlafe nicht ein und kann gleich noch etwas schreiben.

    Nur in aller Kürze,


    Schon die erste Geschichte hat mich sehr berührt und fast ein wenig traurig gemacht. Es scheinen aber, trotz der einzelnen in sich abgeschlossenen Geschichten, alle Geschichten in einem Kontext zu stehen, nämlich dem des Kibbuz und seinen Kibbutzniks.

    Ja genau. Ich habe mir schon des öfteren gedacht, dass ich mit meinen Beiträgen hier ein wenig das Thema verfehlt habe, denn es handelt es, wie du schon richtig gesagt hast, auch um Literatur über Israel, aber auch jüdische Literatur weltweit, wie z.B. Singer.

    25. Februar geht in Ordnung. Allerdings werde ich wohl eher langsamer lesen, da ich mich zeitgleich auf meine Klausuren vorbereite, aber ich kann ja nicht 24 Stunden am Stück lernen. Da tut ein wenig Amos Oz neben her ganz gut.

    Philip Roth – Täuschung

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    OT: Deception, a novel

    OA: 1990

    168 Seiten

    ISBN: 978-3499229275


    Klappentext:

    Der Schriftsteller Philip schreibt eine frivole Liebesgeschichte über einen zweifachen Betrug; am Ehemann der Geliebten und an der eigenen Ehefrau. Doch dann findet seine Frau das Dokument eines fortgesetzten Ehebruchs und fordert eine Erklärung. Die Lüge geht dem Schriftsteller glatt von den Lippen: Alles ist nur ausgedacht, Material für den Roman über die Täuschungen in der Liebe. Bitte keine Szene! Aber was ist wahr?


    Eigene Meinung:

    Ein interessantes Buch und zwar in vielerlei Hinsicht.

    Die beiden Handlungsebenen, in welche der Roman unterteilt ist wechseln sich nicht ab. Die Rahmenhandlung, beginnt erst auf den letzten Seiten des Buches und stellt damit das gesamte, zuvor gelesene auf den Kopf. Wobei ich mir jetzt noch nicht einmal sicher bin, was hier Rahmenhandlung ist und was die eigentliche Geschichte. Der Versuch des Protagonisten, seine Frau von der Fiktion des geschriebenen zu überzeugen, beginnt beim Leser mehr zu fruchten als bei der Ehefrau, die beide die Notizen gelesen haben, welche sich der Autor im Laufe der Jahre gemacht hatte.


    Die Notizen an sich sind schon nicht einfach zu lesen. Das gesamte Buch besteht aus Dialogen. Nur nach und nach erfährt man einige Namen, nur nach und nach erkennte man, wer nun hier spricht und bis zum Schluss war ich mir stellenweise unsicher, ob ich nun wirklich den Kontext verstanden habe. Das ist aber nicht von Nachteil. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Dialogen, weniger auf den Personen an sich und diese Dialoge, die haben es in sich.

    Manche kamen mir erschreckend bekannt vor und als ich an die Stelle kam, an welcher der Schriftsteller mit Philip angesprochen wurde, fragte ich mich, wieviel von diesem Buch autobiografisch sein könnte. Die Dialoge sind glaubhaft und die Gedankengänge der Protagonisten höchst interessant. Das liegt vor allem daran, dass Roth hier nichts schönt. Er lässt seine Protagonisten reden, wie es den verschiedenen Situationen gerecht wird. Auch eine zuweilen etwas derberer Umgangssprache tut dem Inhalt der Gespräche keinen Abbruch, im Gegenteil, es verleiht ihnen eine gewisse Authentizität.

    Aber nicht nur Ehebruch ist das Thema, sondern auch die eigene mehr oder minder stabile jüdische Identität kommt in vielen Dialogen zum tragen und zwar von den eigenen Wurzeln bis hin zu einer extrem ausgebildeten Sensibilität für Antisemitismus.

    Ich begann das Buch und konnte es nur schwer aus der Hand legen, zu sehr hat mich diese Geschichte gefesselt. Vielleicht ist auch ein wenig Voyeurismus dabei, denn man bekommt fast das Gefühl ein Paar bei seinen intimsten Gesprächen zu belauschen.


    Das Gespräch mit der Ehefrau findet erst im letzten 6tel des Buches statt. Hier musste ich sogar grinsen, mit welcher Chuzpe Philip hier versucht seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.


    Alles in allem, habe ich es dieses Buch zu lesen genossen. Herrlich unverkrampft, ehrlich, selbstreflektierend und frech.


    4ratten

    Im Moment leider nicht, weil mir die Zeit fehlt. Ausserdem bin ich momentan zu sehr angefixt mit Buchvorschlägen von meinem Freund. Da habe ich noch einiges zu lesen, unter anderem auch Sachbücher. Aber vielleicht sollte ich Star Trek wieder als "Gute-Nacht-Lektüre" aufnehmen.