Beiträge von Tamlin

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Historische Romane sind ein gutes Mittel, um das Interesse an der Vergangenheit wachzuhalten, resp. zu wecken und die Auseinandersetzung mit ihr zu fördern. Solange der Leser die im Roman dargestellten Inhalte nicht mit der Wirklichkeit verwechselt, sondern als (zeitgenössische) Interpretation betrachtet, die
    seine Neugier entfachen, herauszufinden, auf welchen Fakten die erzählte Geschichte beruht, sind historische Romane ein belletristischer Zugewinn. Zumindest wenn die erzählerische Absicht cum grano salis in reiner Unterhaltung besteht und keine hintergründigen Zielsetzungen verfolgt werden. Der historische Roman - sowohl als Einzelexemplar als auch als Genre - kann (z.B. für politische/weltanschauliche Ziele) mißbraucht werden. Das ist "ihm" oft genug passiert.


    Ansonsten ist er harmlos, aber ansteckend. Insbesondere schlecht recherchierte oder geschriebene Exemplare führ(t)en bei schriftstellerisch Begabten öfters zum Fenimore-Cooper-Syndrom. Was das Genre des historischen Romans immer wieder neu befruchtet und am Leben erhält. Und da Geschichte nie aufhört, wird es den historischen Roman selbst dann noch geben, wenn die utopische oder eher noch die dystopische SF-Literatur als Reportage und Realsatire gehandelt wird. Gestern war heute noch morgen. :rollen:


    In gewisser Weise ist der historische Roman - oder der Anspruch, einen zu schreiben - ein Widerspruch in sich. Seine Autoren und Autorinnen stehen oft - nicht unähnlich manchen Fantasyautoren - für bestimmte Denkschulen (-weisen/-schemata) der Gegenwart und reflektieren eher gesellschaftliche und politische Zustände, Vorlieben, Abneigungen und Entwicklungen ihrer eigenen Lebenswelt als daß ihr Opus tatsächliches Nacherleben (weit) zurückliegender Ereignisse aufschlüsselt und einem breitem Publikum begreifbar machen kann. Wunsch und Wille dazu mögen auf beiden Seiten vorhanden sein, die konsequente Umsetzung ist aber dazu verdammt, in der Praxis an einem grundsätzlichen Hindernis zu scheitern.


    Ab dem späten 17. Jahrhundert setzte eine tiefgreifende, grundlegende Veränderung des (kulturellen) Denkens, menschlichen Selbstverständnisses und Weltbilds ein, die bis heute anhält und fortschreitet. Um überhaupt glaubwürdig "historisch" sein zu können, müßten Autoren z.B. "mittelalterlicher" Romane erst einmal das damals gültige antike Weltbild/Selbstverständnis verinnerlichen und anschließend beim Erzählen ihrer Geschichte(n) fortlaufend den Spagat zwischen der in der Antike wurzelnden Denkweise und ihren - wie der Leserschaft - modernen Denkgewohnheiten meistern.


    Es ist schwer vorstellbar, daß die Fangemeinde historischer Romane - als Voraussetzung zum Verständnis reiner Urlaubs- und Unterhaltungslektüre - dazu bereit sein sollte, ihre persönliche Eigenwahrnehmung, ihr individuelles Selbstverständnis und grundsätzliche Methodik der Wert- und Weltbetrachtung infragezustellen. Der fantastischen Literatur ist es - bar historischen Ballastes - hin und wieder gelungen, den Leser zu verführen, sich auf alternative Wahrnehmungsweisen der (realen) Welt einzulassen, aber ob einem historischen Roman dieses Kunststückchen gelingen könnte, steht dahin.


    :belehr:

    Ich scheine in meiner Kindheit und Jugend entweder die falschen oder zu wenige Bücher gelesen zu haben, denn die tendenzielle Flut der "super braven Kinder" ist, von Ausnahmen wie der "Biene Maja" und Tim aus "Tim & Struppi" abgesehen, doch glatt an mir vorübergegangen. :rollen:


    Aber ich stimme zu, daß Tobi Tatze eher einer der "Lümmel aus der letzten Bank" als einer der "Fünf Freunde" ist. Seine Mama sieht das etwas anders und diese Mama, die nicht realisieren kann, daß Tobi kein Baby mehr ist, möchte man weder als Kind noch als Erwachsener geschenkt bekommen. Und so kommt es denn zum Eklat zwischen Mutter und Sohn, aus dem beide geläutert hervorgehen. Tendenziell... :breitgrins:


    Und - um auch diese Frage zu beantworten - Maulwurfsgulasch schmeckt wie Rindergulasch, nur mit Maulwürfen... (nehme ich an). :zwinker:


    Jedenfalls lautet auch meine Bewertung des Buches: 5ratten

    Obwohl manche der Angaben nicht passen ... - könnte es sich eventuell um "Mark Helprin, Wintermärchen" handeln. Entgegen dem oft etwas mißverständlich als lineare Liebesgeschichte zwischen zwei Protagonisten charakterisierten Inhalt, enthält das Werk neben drastischen Zeitsprüngen auch verschiedene Handlungsstränge, die erst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, bis sie sich dann doch verflechten.


    Allerdings schreibt Helprin, obwohl als unkonventioneller Autor apostrophiert, der seinen eigenen Weg geht, unter seinem Namen und m.W. nicht unter Pseudonym.


    :kaffee:

    Manchmal schreiben bellende Hunde auch Bücher, anstatt nur in anderleuts Büchern zu bellen. Ansonsten schreiben eher Katzen Bücher und von Ausnahmen abgesehen, kommen Hunde darin eher schlecht weg. Was für Tiere sonst noch Bücher schreiben, wäre einen eigenen Thread wert - sofern es ihn nicht längst schon gibt? Habe ich jetzt nicht nachgeprüft.


    Der Hund, den ich meine, ist eigentlich kein Hund, sondern ein amerikanischer Jugendlicher von ca. 16 Jahren, der sich auf einem Fest zum Abschluß des Schuljahres über einen afrikanischen Austauschschüler lustig macht, dessen Vater oder Großvater ein Schamane (?) sein soll. Bei der Verabschiedung wünscht der Austauschschüler ihm spöttisch einen "Schönen Sommer". Das leicht mulmige Gefühl, das Arthur befällt, verschwindet schnell wieder, doch am nächsten Morgen erwacht er in Hundegestalt. Was ihn vor diverse Schwierigkeiten stellt, teils heiterer, teils ernster Natur, die durchaus glaubwürdig dargestellt sind.


    Wer nun glaubt, einen typischen Tierroman vor sich zu haben, in dem das Tier menschlich handelt und das Umfeld das einfach so akzeptiert, wird angenehm enttäuscht. Arthur bleibt Mensch - eingesperrt in einen fremden Körper - und hat so seine Probleme, sich mit der Verwandlung abzufinden und zu lernen, sich als Hund "richtig" zu verhalten, um nicht allzu sehr aufzufallen. Nach ein paar Schicksalsschlägen macht er in Greenwichvillage die Bekannschaft eines durch einen Unfall erblindeten Straßenkünstlers, etabliert sich als dessen Blindenhund und lernt eine Welt kennen, die weitab von seinen bisherigen Erfahrungen als sorgloser und schnöseliger High-School-Zögling aus den begüterten Vororten liegt.


    Auch die schließliche Rückverwandlung ist in ein glaubhaftes Szenario eingebettet, aus dem Arthur neue Schwierigkeiten erwachsen, die er nun als Mensch, der eine zeitlang ein Hund war, zu bewältigen hat. So viel sei hier verraten, ohne etwas zu verraten.


    Nachzulesen in dem klug und gut geschriebenen Buch: "Der Hund, der Arthur hieß" von Ernesto Bethancourt.


    :trinken:

    Winterliche Atmösphäre? Weihnachtsgeschichte?? "Der kleine Lord"??? Das erstaunt denn doch ein wenig und hätte jemand, der das Buch tatsächlich gelesen hat, eigentlich nicht passieren können/dürfen. :rollen:


    Ich fürchte, hier liegt eine Verwechslung zwischen "Der kleine Lord" von Hodgson-Burnett mit der adaptiven Fortsetzung "Der große Lord" von Raymond A. Scofield vor, die tatsächlich als Weihnachtsgeschichte apostrophiert ist. Zumindest vom Verlag.


    "Der kleine Lord" beginnt irgendwann im Vorfrühling in New York und setzt sich nach einer Ozeanreise in England fort - dort beschreibt die fortlaufende Handlung - mit einem kleinen amerikanischen Intermezzo - ungefähr ein Dreivierteljahr und endet irgendwann im November, Anfang Dezember. Also definitiv keine Weihnachtsgeschichte. Vielmehr die multisaisonale Geschichte einer Annäherung zwischen einem alten, verbitterten und "steifen" Aristokraten, der sich zum "guten" Menschen wandelt, nur weil er von seinem kindlich-naiven, demokratisch erzogenen Enkel in aller Unbefangenheit und stürmischen Liebenswürdigkeit für einen edelmütigen Menschen gehalten wird.


    Neben ein, zwei Prisen Sozialkritik steckt in dem Buch auch eine liebevolle Betrachtung der - historisch betrachtet ja nicht ohne Ironie - amerikanischen Vorliebe für die britische Aristokratie. Ein Aspekt, mit dem englische wie amerikanische Autoren seit jeher immer mal wieder gerne spiel(t)en. Mark Twain, Martha Grimes und eben auch Hodgson-Burnett.


    Die Bewertung "Zuckerguß" ist sicher richtig, aber es artet nie zur rührseeligen Klitsche aus - unter das Leichte, Heitere mischen sich ernste Untertöne und es lag wohl letztlich an dieser ausgewogenen, zeitlosen Mischung, daß sich dieses Büchlein auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.


    :grmpf:

    Es gibt eine skandinavische Verfilmung der "Brüder Löwenherz", die bei uns seinerzeit als Miniserie - in m.W. vier Episoden - ausgestrahlt wurde. Im dritten Programm, glaube ich. Das Drehbuch schrieb Astrid Lindgren höchstselbst, so daß bis auf wenige Veränderungen, die sie selbst vornahm, der Film zu fast 100% der Romanvorlage entspricht. Der an skandinavischen Schauplätzen gedrehte Film, resp. die Serie ist grandios - allein schon die Filmmusik (Titelmusik) ist klasse.


    Ich weiß, daß Astrid Lindgren von christlichen Verbänden wegen dem "Freitod-Aspekt" ("Suizidverherrlichung") angegriffen und kritisiert wurde. Als isoliertes Ereignis herausgegriffen kann man das Ende des Buchs in diesem Lichte sehen, aber im Gesamtkontext erschließen sich Leben und Tod als Kreislauf oder als kontinuierliche Reise. Die Ausgangskonstellation eines Übergangs zwischen zwei Welten wird am Ende wieder aufgegriffen. Das Leben endet nicht mit dem Tod, sondern setzt sich in einem anderen Kosmos fort. Obwohl Lindgren tatsächlich die Meinung vertrat, daß jeder Mensch das Recht habe, seinen Tod selbst zu bestimmen, läßt sich das Ende der "Brüder Löwenherz" eher als eine "Walhalla-Alternative" zur christlichen Auffassung verstehen. Diese Interpretation erscheint umso naheliegender als da Dreiviertel des Buches ohnehin in einem rustikalen, nordischen Reich der Sagen und Mythen angesiedelt ist.


    Wie dem auch sei - wer sich für die "Brüder Löwenherz" ein versöhnlicheres - oder zumindest Kindern leichter zu erklärendes - Ende wünscht, wird mit dem Filmende zufrieden sein. Der Film endet eindrucksvoll mit der Botschaft "Licht am Ende des Tunnels" und dagegen können noch nicht einmal christliche Verbände etwas einwenden.


    :grmpf:

    @ Morwen:


    Wenn Du noch ein bißchen weiterlesen möchtest - es gibt eine lesenswerte, informative, augenzwinkernde Biographie zu Horatio Hornblower und den 11 Romanen von C.S. Forester:


    C.Northcote Parkinson, Horatio Hornblower - sein Leben und seine Zeit. Eine fiktive Biographie. (1970)


    Auf Deutsch u.a. bei Ullstein 1980 erschienen (mir vorliegende TB-Ausgabe). ISBN 3-548-20064-8



    Anm. 1: Parkinson, seines Zeichens Geschichtsprofessor, ist jener Parkinson, der dem lesenden Publikum vor allem durch seine Bürokratie- und Wirtschaftskritik bekannt sein dürfte.


    Anm. 2: Neben den 11 Romanen gibt es zusätzlich noch drei Erzählungen über Hornblower von C.S. Forester, die m.W. auf dt/engl. sowohl einzeln als auch in einem Sammelband erschienen sind, in dem C.S. Forester auch über die Entstehung seines Werkes berichtet.
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    Meine Meinung mag den einen oder anderen entsetzen, aber ich kann die Aufgabe der Hugendubelfiliale am Marienplatz nicht als Verlust empfinden! Vor 30 Jahren war das zwar meine Lieblingsquelle zum Stöbern und Schmöckern (mit sturer Regelmäßigkeit bis zum Vivalidi-Kehraus...), aber nachdem der Laden vor einigen Jahren umgebaut wurde, traten sich dort Menschen und Bücher in etagenweiser schlauchartig anmutender Enge auf die Füße. Und wer die 500 m bis zum riesigen Hugendubel am Stachus scheut, findet im Umkreis von 200 m noch zwei weitere Ersatzanlaufstellen - die etwas versteckt gelegene Stammhausbuchhandlung und den weitläufigen Laden in Richtung Theatinerkirche. Also insofern... :rollen::breitgrins:
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    [quote author=Aldawen] ... bleibt es für mich vor allem ein Werk, in dem zwei Jugendliche (von Julia wird gesagt, sie sei 14, für Romeo wird – glaube ich – kein Alter genannt, aber er benimmt sich kaum älter als 15 :rollen: ) ihren Pubertätsschmerz ausleben. Bevor jetzt entsetzte Aufschreie kommen: Ja, ich weiß, ich vereinfache hier bestimmt ganz furchtbar ... [/quote]


    Die Sorge ist grundlos. Obwohl viele Leute es aus unerfindlichen Gründen für DIE tragische Liebesromanze der Weltliteratur halten, ist das Stück eine Teenagertragödie. Julia ist so um die 12/13 Jahre alt und Romeo ca. 14/15. Und so führen sie sich auch auf. Shakespeare wird nicht umsonst als einer der Begründer der Psychologie betrachtet. Das lamoryante, überzogene, nervige Verhalten der beiden Protagonisten entspricht der gestalterischen Absicht des Autors. So what... :breitgrins:
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    Wir lasen das Stück in der Schule, aber es wurde nach meiner Erinnerung nicht in Grund und Boden interpretiert. Meines Erachtens gehört der Inhalt des Theaterstücks zu jenen Stoffen, die von zeitloser Gültigkeit sind. Dieser Eindruck mag aber auch daran liegen, daß ich es in den 80er Jahren bei den Münchner Theaterfestspielen in einer hochmodernen Inszenierung gesehen habe. Die Räuberbande war - bis an die Zähne bewaffnet - als Terroristengruppe aufgezäumt, kam in einem VW-Bus auf die Bühne gefahren, die Toten wurden auf einem Billardtisch aufgebahrt usw. Die Förmlichkeit der Texte und ihr leidenschaftlicher Pathos nahmen sich in diesem Kontext leicht anachronistisch aus, aber die Gesamtwirkung war wirklich ziemlich eindrucksvoll - und unvergeßlich.
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    Hätte ich das Cover nicht wiedererkannt, wäre es mir schwergefallen, die Geschichte anhand des Klappentextes etc. wiederzuerkennen... :rollen:


    Der englische Titel dieses Buches - "Stormbird" - ist weitaus stimmiger als die deutsche Benamsung "Jenny und das Geheimnis von Newbrigg". Das Buch ist nämlich keine Abenteuergeschichte, sondern eine kindergerechte Umsetzung der gegen Ende des 19. Jahrhunderts beliebten "Gothic-Mystery-Novel". Die volkstümliche Geschichte spielt in einem kleinen Fischerdorf an der englischen Küste im ausklingenden viktorianischen Zeitalter. Die mutterlose Jenny wird von ihrem Vater, den Existenzsorgen plagen, im freudlosen Haushalt einer entfernten Tante geparkt, während er auf einem Fischtrawler zur See fährt.


    Schon bald merkt Jenny, daß mit ihrer Tante etwas nicht stimmt, über das weder sie noch die Leute im Dorf reden wollen. Die unerwartete Freundschaft mit Joshua, dem vogelkundlich begeisterten Sohn des Arbeitgebers ihrer Tante und die gemeinsamen Exkursionen ins örtliche Sumpfgebiet muntern Jenny ein bißchen auf, aber auch in Joshuas Familie herrscht seit einem rätselhaften Unglücksfall in der Vergangenheit eine bedrückende Atmosphäre. Erst als die Kinder selbst in Gefahr geraten, gelingt es ihnen, das dunkle Geheimnis zu lüften, das sich um beider Familien rankt. Wer das Übernatürliche liebt, wird von diesem kleinen Roman allerdings enttäuscht sein, denn hier geht es lediglich um die Psychologie von Schuld und Sühne, während rächende Geister und das Böse durch Abwesenheit glänzen.
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    Ich kann die scharfe Verurteilung, die einige Rezensenten Guy Gavriel Kays "Die Fürsten des Nordens" angedeihen lassen, nicht teilen. Es ist richtig, daß Kay sich sehr stark an die Geschichte verschiedener Teile Britanniens als Schauplatz seiner Handlung anlehnt und der Roman eher im Reich des nacherzählenden historischen Romans als im Genre Fantasy anzusiedeln ist, obwohl er in einem fiktiven Paralleluniversum spielt. Aber bis auf das Fehlen einer Karte läßt sich darin kein Nachteil sehen. Im Gegenteil - die eher nüchterne Sachlichkeit und der weitgehende Verzicht auf überschwengliches Pathos und Gefühlsduselei ist sehr zu begrüßen. Die abgehandelten Stoffe und Nebenstränge wie auch die zurückhaltende Erzählweise haben die nordischen Sagas zum Vorbild. Kay spielt mit Versatzstücken dieser Erzähltradition, anstatt sie in epischer Breite á la Avalon auszuwalzen. Er hat bei früheren Adaptionen von Sagenstoffen und freier Fantasy hinlänglich bewiesen, daß er auch anders vorgehen, psychologisch in der Tiefe gründeln, heftige Emotionen beschwören und auf die Tränendrüse drücken könnte. Aber er tut es hier angenehmerweise nicht, sondern beläßt es bei Andeutungen. Das entspricht dem Wesen der eher nüchternen Erzählweise nordischer Sagas. Deren Crux besteht darin, zwar von vielem zu erzählen und menschliche Schicksale vor dem Ohr des geneigten Lesers auszubreiten, aber bei Einzelheiten eher unbestimmt zu bleiben.


    Es ist richtig, daß hinter den "Erlingern" die sogenannten Wikinger stehen - jedoch in einer vagen Gesamtheit, die sowohl die Noch-Nicht-Wikinger Angeln und Sachsen im Stadium ihres ersten Fußfassens in Kent im 5. Jahrhundert einschließt als auch die zeitlich viel späteren Danen und Norweger, die mit den inzwischen britischen Angelsachsen ab dem 8. Jahrhundert im Clinch lagen. Der fiktive Söldnerverbund von Jormsvik ist eine Mischung aus dem gleichnamigen Jormsvik an der Ostsee des 10. Jahrhunderts und dem authentischen, nordenglischen Jorik (heute York) des 9. Jahrhunderts. Ersteres lag am Meer und war eine Wikingerfestung, um die sich eine blutige Saga rankt, letzteres Zentrum eines eigenständigen Königreichs im nordenglischen Binnenland. Ein ähnliches Konglomerat stellt die beiläufig erwähnte zweimalige Plünderung eines weiß der Kuckuck wo liegenden "französisch" klingenden Klosters durch die erlingischen Jormsviksöldner dar. Pate stand wohl einerseits der Überfall auf Lindisfarne im ausgehenden 8. Jahrhundert als auch normannische Raubzüge im gallischen Binnenland des 6. Jahrhunderts.


    Hinter den Cyngael lassen sich nicht nur die Kelten des Rückzugsgebiets Wales vermuten, denn es sind auch Anklänge nach Irland sowie zu den keltischen Stämmen Südostenglands feststellbar. Hinter den Anglcyn stehen nicht nur die Angelsachsen und Alfred der Große sowie ihr Clinch mit den Wikingern aus York und skandinavischen Horden, sondern es deuten sich auch Bezüge zu den keltisch-romanischen Briten aus East-Anglia des 5. Jahrhunderts an. Chronologisch reicht die Spannweite vom 5. Jh.n.Chr. bis zum 10.Jh.n. Chr. und der geografische Bezugsrahmen konzentriert sich zwar auf die Osthälfte Englands und Wales (im Westen), greift aber "überseeisch" bis nach Frankreich und an die Gestade der östlichen Ostsee aus. Den zeitlich wie geographisch kunterbunt durcheinandergewürfelten Sachbezügen ist vermutlich teilweise die manchmal schwer vorstellbare Streckenführung der fiktiven Infrastruktur und die eher vage bleibende allgemeine Geographie geschuldet. Betrachtet man Märchen und Legenden als Teil der Realität, beschränkt sich die Fantasy in "Die Fürsten des Nordens" auf die Verlegung der Handlung und der Personenpalette in ein Paralleluniversum, denn Mythologie und Gehalt an übernatürlichen Wesen stellen lediglich eine extemporierte Adaption authentischer Vorlagen dar und warten nur spärlich mit Neuschöpfungen wie z.B. der neckischen Idee von der Degeneration der Elfen auf.


    Man kann Kay wahrhaftig nicht vorwerfen, zu wenig und nicht gründlich genug recherchiert zu haben oder die gewonnenen Sachinformationen unstimmig umzusetzen. Die Handlung ist sauber, wenn auch knapp, doch ohne lose Enden konstruiert und die dahinter stehenden Motivationen sind glaubwürdig geschildert. Das Buch gewinnt geschichtliche Tiefe durch die eingestreuten, nacherzählenden Episoden, die in gedrängter Form die Vorgeschichte der charakterisierten Personen referieren sowie durch einige erzählerische Seitenableger, die für den Fortgang der Handlung zwar meist ohne Bedeutung sind, aber für Lokalkolorit (Land und Leute) sorgen. Allenfalls könnte man kritisieren, daß dieses Buch keine Fantasy ist, sondern ein Sachbuch, das sich als Fantasyroman kostümiert, um nicht an der grundsätzlich allen historischen Romanen innewohnenden Problematik zu scheitern, Geschichte nur mit dem Vorwissen des Nachhinein durch eine neuzeitliche Brille betrachten zu können, ohne den natürlichen Vorsprung an Wissen oder moderne Werturteile (inkl. politische Ambitionen) gänzlich ausblenden zu können.


    Fazit = Ein gut geschriebenes, glaubwürdiges Buch, das Personen und Handlungen zwar in eine Parallelwelt transferiert, aber bei den der wirklichen Welt entlehnten sachlichen Hintergründen und Informationen auf jene Art künstlerischer Freiheit verzichtet, die unweigerlich zu Falschdarstellungen führt, über die man sich in vielen historischen Romanen wegen ihrer frech als "wahr" behaupteten Unstimmigkeit fürchterlich ärgern kann. Deshalb:


    5ratten

    Schwer zu sagen, ob dieser Roman mit hohem Gänsehautpotential in die Sparte "Paranormal" gehört oder nicht. Meines Erachtens ließe er sich der Sparte Horror-Thriller zuordnen, denn die Elemente nüchterner, polizeilicher Ermittlungsarbeit spielen keine Hauptrolle. Sollte Sigurdardottir jedoch den sich auch in ihrem Roman "Feuernacht" - aus der Dora-Gudmundsdottir-Serie - andeutenden Pfad der Vermischung von Übernatürlichem und Kriminologischen weiterverfolgen, landet ihr Oeuvre ohnehin früher oder späte in toto in der Mystery-Abteilung.


    Dem Horrorgenre an sich wegen seiner No-Fair-Play-Attitüden abhold, las ich den "Geisterfjord" mit der falschen Erwartung, einen in Island spielenden Kriminalroman vorzufinden. Diese Erwartung wurde teilweise enttäuscht. Die Geschichte ist allerdings atmosphärisch dicht konstruiert, logisch aufgebaut und gut geschrieben, weshalb ich das Buch nicht mehr weglegen konnte und an einem Wochenende durchgelesen habe. Es ist nicht unbedingt zu empfehlen, das Buch nachts zu lesen, denn kalte Stromstöße, die die Rückenwirbelsäule herunterrieseln, sind garantiert und dagegen helfen auch keine heißen Getränke.


    Wie bei einem "richtigen" Kriminalroman schälen sich die Zusammenhänge erst allmählich heraus, aber da die Ober- und Untertöne spukhaft sind, i.e. Spuk als Realität dargestellt wird, zeichnet sich schon früh ab, daß die alle Mysterien und das scheinbar Übersinnliche rational aufklärende, versöhnliche "Bibliotheksszene" wohl ausfallen wird. Der Roman endet mit ein paar Überraschungen. Der Kreis, den die Geschichte beschreibt, bleibt offen und gibt eventuell Raum für mögliche Fortsetzungen. Für die Serien-Junkies unter den Lesern ist Hopfen und Malz also noch nicht verloren, auch wenn dieses Buch erst einmal einsam und allein in der isländischen Landschaft steht.


    :todmuede::buchalarm::lesewetter:
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    Ich mag keinen Schokoladenpudding, daran könnte es also auf sympathetisch-kulinarischem Wege liegen, daß mir das Buch quer im Magen lag. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, als hätte die Autorin drei (oder so) mehr oder weniger gute Ideen gehabt, die für sich allein nicht tragfähig waren, aber - Brüchen nicht achtend - irgendwie zusammengeschraubt werden konnten. Oder als wäre das Buch das zusammengestrichene Fragment eines ursprünglich sehr breit und tief angelegten Romans für Erwachsene, der durch Umarbeiten für Jugendliche adaptiert wurde.


    Die Grundidee einer mittelalterlichen Geheimgesellschaft, deren Macht sich bis in die heutigen Tage erstreckt, ist zwar in der Literatur nicht gerade selten, aber immer wieder - so auch hier - faszinierend. Leider wird sie einer Internatsgeschichte mit den üblichen Zutaten und einer Kriminalgeschichte mit teilweise unglaubwürdigen Opfern und Folgen untergeordnet. Vieles wird nur angedeutet und gewinnt weder Tiefgang noch Gewicht und am Ende geht alles kinderleicht in Rauch und Wohlgefallen auf, wodurch endgültig unerklärlich wird, wie die Geheimgesellschaft überhaupt so lange existieren und agieren konnte, ohne aufzufallen und enttarnt zu werden. So, wie die Geschichte aufgezäumt ist, ist es ziemlich unglaubwürdig, daß sich eine ganze Stadt in der Hand des Komplotts befinden soll und alles wieder gut wird, weil ein 16jähriges Schulmädchen die richtigen Fragen stellt.


    Schade - zu viele Elemente aus zu vielen Genres bewegen sich hier auf klischeehafte, gekünstelt wirkende Weise parallel zueinander, ohne sich zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen. Gute Grundidee, aber die darauf aufbauende Geschichte zerfällt in zu viele Bruchstücke, die miteinander darum rangeln, die Hauptrolle zu spielen.


    1ratten

    Ein Buch ist gar nichts, es muß schon Teil einer Serie sein. Serien sind IN. Serien sind groovy. Serien liegen voll im Trend - und verkaufen sich auch besser. Unter einer Triologie oder Quadriga geht es nicht! Oberstes Bücherkoboldgesetz. :grmpf:


    Wenn rächende Schatten und Nebel ein Buch zum Teil einer Serie machen, dann hätte ich einen megaheißen Tipp, der einen Strauß an wikipedia- und amazonrelevanten (die Horte der letzten Weisheit und garantiert zutreffenden Informationen...) Spekulationen ermöglicht. Schreibt Zafón vielleicht auch unter Pseudonym, was bei Autoren nicht ohne Beispiel ist? Gibt es ein verschollenes Werk, das die Nebel-Triologie oder -"Vierologie" zum Quintett abrundet? Der Titel als entlarvender Anzeiger für Bücherschnüffler auf der beinharten Queste nach geheimen Teilen einer Serie? Da wären gleich zwei aus diesem Blickwinkel mögliche, eventuelle Pseudo-Autoren zu nennen - Joan Aiken und Rodney Bennett. Erstere schrieb das Buch "Schattengäste" (viele Geister und viel Nebel), letzterer das Buch "Die Kreuze im Nebel" (ein Geist und jede Menge Nebel). Stammen auch diese Bücher in Wirklichkeit von Zafón...??? :rollen:


    Nein, stammen sie nicht! Nur weil verschiedene Bücher eines Autors an ähnlichen Schauplätzen spielen oder in demselben Universum angesiedelt sind oder vergleichbare Elementen in ihnen auftauchen, macht sie das noch nicht zum Teil einer Serie. Bei einer Serie bauen die Handlungen aufeinander auf, die Erzählstränge werden fortgesetzt und die in ihnen vorkommenden Personen werden schrittweise älter und reifen (manchmal) an Erfahrung. Die Erschaffung eines fiktiven Universums allein reicht nicht aus, um alle Bücher, deren Handlungen darin angesiedelt sind, zu einer Serie zu verknüpfen. Auch das Vorkommen einzelner Personen in verschiedenen Büchern, die einander durch verwandtschaftliche oder freundschaftliche Bande verbunden sind, muß besagte Bücher noch nicht zum Teil einer Serie machen. Oben erwähnte Joan Aiken hat verschiedene Bücher geschrieben, in denen immer mal wieder dieselben Personen ein Gastspiel geben. Bei Wikipedia werden die Bücher locker flockig als Teil einer Serie namens "Die Wölfe von Willoughby" gelistet. Diese Serie gibt es als solches aber gar nicht. Einige der gelisteten Bücher nehmen indirekt aufeinander Bezug und ein, zwei sind sogar auf Basis derselben Protagonisten direkte Fortsetzungen voneinander, aber die einzige konsequent übergreifende Verbindung ist die Ansiedlung aller Handlungen in demselben (fiktiven) Universum.


    Ob das bei Zafóns Büchern ebenfalls der Fall ist, würde ich jedoch nicht behaupten. Stammten "Der dunkle Wächter" und "Der Fürst des Nebels" von verschiedenen Autoren, würde man wahrscheinlich - aufgrund einzelner atmosphärisch ähnlicher Elemente vielleicht sogar berechtigt - von Adaptionen reden. Bei demselben Autor bliebe lediglich die Frage zu klären, ob ein Autor sich selbst adaptieren oder gar plagieren kann? Die beiden Bücher sind keine Teile einer Serie im eigentlichen Sinne aufeinander aufbauender und sich fortsetzender Handlungen. :trinken:



    P.S.:
    Ein Rezensent in diesem Thread kritisierte die Unglaubwürdigkeit einiger Elemente der Geschichte wie z.B. den Umstand, daß niemand jemals zu essen und zu trinken scheine. Auf der Basis müßte man dann jedoch rund 90% der Literatur zeihen, daß in ihr keine Toilettengänge geschildert oder erwähnt werden ... so von wegen glaubwürdige Darstellung des täglichen Lebens... :wegrenn:


    :baden:

    @ HoldenCaulfield:


    Innerhalb der letzten fünf Jahre gab es mal eine Gesamtausgabe in zwei Bänden. Wenn ich mich nicht irre, umfaßte der eine Band alle bis dahin auf Deutsch vorliegenden Bücher der einen Serie und der andere Band die der anderen Serie, aber da kann ich mich irren. Ich bin auch nicht sicher, ob der Verlag in diesem Fall ebenfalls DUMONT war - wie bei den Einzelbänden - oder ein anderer (Carlsen?). Beide Bände der Gesamtausgabe waren relativ günstig - ca. 20 €uro, glaube ich.


    Wer möglichst viele Bände auf einmal zu guten Konditionen erhaschen will, für den könnten sich die beiden Sammelausgaben allerdings eventuell lohnen. :zwinker:
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    ... Zwar scheint sie in dieser Serie gemäßigter ans Werk zu gehen, als in der Balaclava-Reihe, aber eine gewisse Skurrilität was Personen oder Begebenheiten angeht, ist auch hier gegeben. ...


    Ach ja...? :rollen: :breitgrins:


    Nach "Kabeljau & Kaviar" sowie "Rolls Royce & Bienenstiche" sprechen wir uns wieder... :trinken: :kaffee:


    :belehr: