Beiträge von Claudi

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Nachdem scheinbar sämtliche meiner Freunde und obendrein sogar ein Großteil meiner Schüler dieses Buch gelesen und in den höchsten Tönen davon geschwärmt hatten, wollte auch ich endlich diesen Roman lesen. Vorab: Niemand hat zu viel versprochen. Die Gesichte von August Pullmann ist ein wörtlich "wunder"bares Buch, die nur einen Nachteil hat: Man hat sie zu schnell ausgelesen.


    Eigentlich ist August ein ganz normaler Junge, wenn er nur nicht so schrecklich entstellt wäre. Zu Beginn des Romans ist man furchtbar neugierig, wie dieses Kind denn wohl aussehen mag. Wenn man es im Verlauf des Romans erfährt, ist dieser aber schon zur Nebensache geworden. Denn: Man mag August mittlerweile so sehr, dass sein Äußeres zur Nebensache geworden ist.


    Natürlich ist das nicht bei allen Figuren dieses Romans so. Die Handlung spielt an einer amerikanischen Highschool mit all den Storys, die man aus diversen Fernsehserien der eigenen Jugendzeit kennt und liebt. Aber für August ist es eben manchmal schwer, "normal" zu sein. Immer wieder gelingt ihm dies mit Hilfe eines kleinen aber feinen Freundeskreis. Aber immer wieder kommen auch Bedenken auf, ob sein Äußeres vielleicht doch eine größere Rolle spielt als es eigentlich sollte.


    Die Sprache ist einfach, Handlung und Sprache sind absolut schon für jüngere Jugendliche geeignet. Nichtsdestotrotz hat dieser Roman auch für Erwachsene seinen Charme. Abwechselnd wird aus der Perspektive von August und anderen Figuren dieses Romans erzählt.


    An diejenigen, die dieses Buch auch gelesen haben: Mich würde interessieren, was ihr glaubt,


    Dieser Roman ist eine absolute Leseempfehlung.


    5 Ratten (die Smileys wollen bei mir grad nicht...)


    Claudi

    Schade, dass ihr Tony nicht mögt. Ich habe sie, nach Christian, am liebsten. Sie ist zwar naiv und selbstverliebt, aber so, wie sie erzogen wurde, bleibt ihr wohl auch nichts anderes übrig. Sie spürt instinktiv, was von ihr erwartet wird und lebt den Namen Buddenbrook voll aus. Das ist ihre Überlebensstrategie.
    Christian ist das Schwarze Schaf. Es ist für ihn sicher schlimm, nur der zweite Sohn zu sein. Er weiß, wenn er nichts anderes aus sich macht, wird er in der Firma immer nur die zweite Geige spielen.
    Thomas mag ich viel weniger, weil er so pflichversessen ist und dabei so wenig glücklich. Anders als Tony arrangiert er sich ja nicht gut in seinem Leben als Buddenbrook. Und ja, er weist Parallelen zu Thomas Mann auf. Aber ich finde nicht, dass Mann sich nur positiv zeichnet. Doch dazu später, in einem späteren Teil.
    LG
    Claudi

    Tony hat einen ausgeprägten Standesdünkel. Für eine Dame mit ihrem Namen war es tatsächlich selbstverständlich, gewisse Privilegien zu genießen. Sie ist zwar in gewisser Weise eine "hohle Nuss", aber wohl eher naiv. Sie verschließt die Augen vor der Realität und vor allem davor, dass es noch etwas anderes geben könnte außer dem guten Ruf des Namen Buddenbrook.


    Hanno ist in der Tat eine tragische Figur. Dass er Nachhilfe außer Haus bekommt ist natürlich darauf zurückzuführen, dass man als Buddenbrook eben für alles Personal hat. Auf der anderen Seite ist es auch bezeichnend: Um Hanno kann sich niemand aus seiner Familie angemessen kümmern. Er ist eine zarte Künstlerseele, die in die kaufmännische, traditionsorientiere Geschäftsfamilie Buddenbrook nicht hineinpasst. Mehr noch: Thomas ist entsetzt darüber, dass sein Sohn so wenig ein Buddenbrook ist.


    Für mich war dieser Abschnitt leider der erste Wermutstropfen im Buch. Die Entwicklung ist einfach zu unlogisch für mich (und den Grund für das Verkleidungsspiel habe ich ebenfalls nicht verstanden).


    Ich fand diese Entwicklung gerade gelungen. Du wirst überrascht sein, wie zum Ende hin die Freundlichkeit des Mr Crippen trotzdem noch in Zweifel gezogen werden kann. Ich finde, Boyne hat es wunderbar geschafft, die Täterschaft Crippens in Frage zu stellen, obwohl sie ja eigentlich historisch belegt zu sein scheint. So haben auch Leser, die den Fall kennen, noch einen Mehrwert von Boynes Sicht auf die Ereignisse.


    Den Grund für das Verkleidungsspiel habe ich aber auch nicht verstanden, auch wenn wir in der Leserunde schon ein paar Mal darüber gesprochen haben. Ich fand alle Erklärungen nicht so recht überzeugend.


    LG
    Claudi

    Das ist ja gerade die Finte. Man würde Crippen verstehen und deshalb empfindet man ihn nicht so sehr als kaltblütigen Mörder.
    Aber mal ehrlich: Doch nur, weil er eine Romanfigur ist und wir aufgrund des Klappentextes schon wissen, dass es sich um eine Mordgeschichte handelt.
    In der Realität würde man doch nie davon ausgehen, dass jemand seine Frau, sei sie auch noch so schrecklich, ermorden würde. Von daher: Cora benimmt sie mehr als daneben und sie hat Strafe verdient. Aber damit rechnen, umgebracht zu werden, konnte sie wohl nicht.
    LG
    Claudi

    Das hat mir auch gut gefallen. Wenn man quasi die Gedanken der Familie über Generationen hinweg verfolgen kann, so erklärt das bestimmt auch so manche Entscheidungen aus der Vergangenheit, die man sonst nie hätte nachvollziehen können und man behält die Vorfahren in sehr persönlicher Erinnerung.


    Nicht nur in Erinnerung. Die Vorfahren setzen insbesondere Tony ja auch ganz schön unter Druck. Wenn man in einer solchen Chronik liest, fühlt man sich wahrscheinlich viel eher verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten, als wenn man sich als eigenständige Person wahrnehmen kann.
    Nicht nur Tony, auch Thomas und irgendwie auch Christian, müssen ja den Anforderungen der Familie genügen bzw. sich daran messen lassen. Der Name Buddenbrook hat Gewicht - die Chronik belegt das schwarz auf weiß.

    John Boyne ist ein sprachliches Genie und außerdem ein Meister darin, eine Geschichte zu konstruieren.


    Die Geschichte beruht auf einer Tat, die sich wahrlich zugetragen hat. Den wahren Fall Crippen muss man als Leser nicht kennen - ich würde sogar behaupten, dies würde das Lesevergnügen schmälern. Aber nur geringfügig, denn: Boyne schafft es den Leser immer wieder geschickt zu verwirren, dass er das eigene Wissen in Frage stellt und auch die Lösung, die er am Ende liefert, ist überraschend und trotzdem nicht unglaubwürdig.


    Der Roman lebt von seinen Figuren. Diese sind allesamt skurril, haben in der Regel zwei Gesichter. Vor allem der titelgebende Mr Crippen lässt sich absolut nicht in ene Schublade stecken. Man möchte ihn hassen, aber es fällt schwer. Man findet ihn abstoßend und seltsam, hat aber Mitleid mit ihm.


    Viele der Nebenfiguren sind fast ebenso interessant wie die Hauptfiguren. Mathieu Zela und sein Neffe Tom, der sich unmöglich auf dem Schiff benimmt. Mrs Drake, die so impertinent ist, dass man permanent über sie lachen möchte. Und der liebenswerte Billy Carter, dessen Geschichte sicherlich Stoff für einen weiteren Roman geben würde.


    Für mich eines der Lesehighlights dieses Jahr.


    5ratten

    Holden, ich finde es sogar gut, wenn nicht alle die gleiche Meinung haben. Aber stimmt natürlich, manchmal kommt es einem tatsächlich komisch vor, wenn man die einzige ist, die nicht begeistert ist. Ist mir aber auch schon passiert.


    In einem gebe ich dir Recht: Etwas mehr zum wahren Fall hätte ich mir in einem Nachwort auch gewünscht.


    Spannend finde ich, dass die Leiche, die in Crippens Haus gefunden wurde, gar nicht Coras ist. Gibt es da tatsächlich immer noch Ermittlungen? Boah.


    Also, ich muss gestehen, jetzt bin ich restlos verwirrt. Ist nun also doch Ethel die Mörderin?
    Zumindest wäre damit klar, warum die Leiche so unfachmännisch zerlegt wurde. Crippen hätte das doch sicherlich besser machen können.
    Aber zuvor deutete alles darauf hin, dass Crippen Cora getötet hat. Warum wollte er unbedingt, dass Ethel als Junge reist? Nur wegen des Anstands? Und warum überhaupt die Flucht? Er muss doch irgendwas gewusst haben, oder?!
    Irgendwie habe ich das Gefühle, gerade gar nichts mehr zu wissen. :redface:


    Dieser Kritikpunkt bleibt auch auf meiner Liste bestehen. Mir ist bis zum Schluss nicht klar geworden, warum Ethel sich unbedingt als Mann verkleiden muss. Es wäre viel einfacher gewesen, sie hätte sich als Mann und Frau, oder als Vater und Tochter ausgegeben. Einen falschen Namen anzugeben ist offensichtlich kein Problem, also brauchen sie wohl auch keine Papiere. Ein Ehepaar ist doch auch viel unverdächtiger als ein Vater mit seinem Sohn, ohne Mutter.


    LG
    Claudi


    Im 2. Kapitel nimmt es für meinen Geschmack mit den Fremwörtern überhand. Soll das Angeberei sein?


    Ja :breitgrins:
    Ich mag Thomas Manns Erzählstil unheimlich gerne. Allerdings ist er mir als Person äußerst unsympathisch. Thomas Mann hat sich als ein zweiter Goethe gesehen und war beleidigt, als er den Literaturnobelpreis für die Buddenbrooks bekam. Beleidigt, weil dieser Preis nicht sein gesamtes Werk honorierte.
    Von daher: Durch seine Art zu schreiben, wollte er schon demonstrieren, wie gebildet er war. Allerdings ist der Roman auch 100 Jahre alt. "Unterhaltungsliteratur" von heute ist schon etwas anderes. Damals schrieb man tatsächlich nicht für die breite Masse, sondern Lesen und Romane waren eher für die gebildete Oberschicht, die weniger Probleme mit Fremdworten und Französisch hatte.


    Die Beschreibung der KLeider und ellenlange Beschreibungen dienen auch der Intention des Autors, ein Zeitporträt zu schaffen. Er wollte möglichst genau die Lebensumstände 1900 festhalten. Weil ihm das so gut gelingt, lesen wir u.a. die Buddenbrooks ja auch heute noch in der Schule.


    LG
    Claudi

    Ich fand, dass es hier weniger Beschreibungen gab als im ersten Teil, vielleicht auch, weil eben nicht mehr alles dem Leser vorgestellt werden musste, sondern er das Haus und die Bewohner schon kannte. So gab es nun mehr Handlung, es vergehen ein paar Jahre und man kann die Entwicklung der Personen mitverfolgen.


    Die zeitraffenden Elemente in den Buddenbrooks werden in von Teil zu Teil größer, das heißt die Handlung läuft immer schneller und schneller. Der Untertitel deutet ja auch schon auf den Verfall der Familie hin und Thomas Mann unterstützt den unaufhaltsamen Verfall und die sich schneller drehende Abwärtsspirale so auch sprachlich.


    Du hast schon die "Sorgenkinder" Tony und Christian erwähnt. Sie sind trotzdem meine Lieblingsfiguren.


    LG
    Claudi

    Was für eine Absicht könnte denn dahinter stecken, dass Boyne absichtlich falsch benennt, die Homöopathie käme aus Japan? Welche Figur behauptet dass denn nochmal?


    Ich kann mir gerade auch nicht vorstellen, dass hier versehentlich ein Fehler passiert ist, aber mir fällt es auch schwer, einen Grund für Absicht zu finden. :rollen:


    LG
    Claudi


    Mich wundert und ängstigt es, dass sein Onkel ihm nun auch noch sagt, dass Edmund ein Mädchen ist! Ich glaube nicht, dass er mit dieser Kenntnis umgehen kann und ich befürchte da noch Schlimmes!


    Ich glaube, das gehört zu Mathieus "Erziehungsmethoden". Wahrscheinlich versucht er, dem Jungen Vertrauen entgegenzubringen und ihm so zu zeigen, dass auch er vertrauen kann. Dazu gehört auch, dass man in einer Familie ehrlich miteinander ist und auch mal ein Geheimnis teilen kann. Wenn Mathieu sich auf Tom verlässt, dann ist Tom gleich auch in der Verantwortung, ein bisschen verlässlicher zu werden.

    Danke, Nimue, dass du nochmal so tolle Zitate hier anführst. Beim Lesen fällt mir sprachlich Gelungenes auch oft auf, aber wenn ich nichts anstreiche, kann ich mir leider auch nichts merken.


    Habe den Roman gestern einer Freundin geliehen, die von Crippen bisher noch nichts gehört hatte. Habe ihr gar nicht viel zu dem Roman gesagt, außer "Lies mal" und ihr auch geraten, den Klappentext vorher nicht zu lesen. Er verrät zwar nur einiges, aber immerhin. Auch das finde ich schon ärgerlich genug.


    LG
    Claudi

    Zara, an Handschrift habe ich auch überhaupt nicht gedacht. Wahrscheinlich ist es einfach zu naheliegend. Boyne ist wirklich meisterhaft darin, seine Leser auf die falsche Spur zu locken aber Andeutung und Merkwürdigkeiten so zu streuen, dass man sich immer wieder fragt und gleichzeitig denkt: "Kann doch nicht sein."


    Schade dass der Romam um Mathieu Zela noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Das werde ich aber im Auge behalten.


    LG
    Claudi