Beiträge von Sagota

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Ich danke euch nochmal für alle lieben Worte (und nein, liebe Valentine , das hört sich überhaupt nicht blöd an ;)


    Ich lese gerade sehr begeistert den neuen Roman von Nina George - der letzte hatte mir nicht allzu gut gefallen - aber hier übertrifft sie sogar sich selbst - und "Das Lavendelzimmer", eins meiner Lieblingsbücher von ihr: Ich lese es in Gedanken für meine Lieblingsschwester mit (die das Lavendelzimmer auch liebte) - und bin sicher, "Südlichter" hätte ihr auch sehr gefallen...


    Etwas bleibt von jedem Menschen, den man liebt - es geht im Buch um die Liebe in all ihren Spielarten: Schön, dass sie mit dem Tod eben NICHT stirbt: Sie lebt weiter... im Herzen derer, die sich an den geliebten Menschen erinnern. Meine Mutter hat ein sehr ähnliches Schicksal erlitten. Sie kämpfte ein Jahr lang - und obgleich ihr Tod schon 34 Jahre zurückliegt, ist sie (auch durch mein Tun, besonders wenn ich stricke) dennoch bei mir...


    Ganz ähnlich ist es jetzt bei meiner "großen" Schwester (sie war kleiner als ich ;), beim Lesen schaut sie mir über die Schulter - und schmunzelt mit...

    Ihr Lieben:


    Ich danke euch ganz ganz herzlich für eure Worte - und euer Mitgefühl.... Es hat mich wirklich berührt, wie viele an meinen Worten Anteil nahmen - und auch, dass Sunshine Sunny und Lilli auch mit schmerzlichen Verlusten zu kämpfen hatten/haben....


    Ich hatte 2,5 Jahre Zeit, mich auf diesen Tag vorzubereiten - aber wenn es dann soweit ist, nutzt das leider oft nicht viel... Eine Brief- und Lesefreundin schrieb: "Trauer kommt erfahrungsgemäß immer in Wellen - und das ist auch gut so" - dem stimme ich unbedingt zu.

    Meine beste Freundin schrieb "behalte trotzdem immer einen warmen Blick nach vorne" - das ist in solchen Zeiten auch sehr wichtig....


    Da seit Mai/Juni die Lebensqualität mehr und mehr eingeschränkt war und im August so gut wie nicht mehr vorhanden, war es so, dass man es so sehen kann, wie es ist: Wenn die Kraft zu Ende geht, ist Erlösung und der Tod auch eine Gnade. Sie war 8 Wochen im Hospiz und sehr gut dort versorgt worden.


    Dem Herbst (den sie überhaupt nicht mochte, sie war ein Juli-Kind) hat sie ein Schnippchen geschlagen: Kurz vor dem kalendarischen Herbstbeginn - ging sie.

    Die Trauerfeier war noch an einem der warmen Spätsommertage...


    Familie und Freunde helfen sehr bei der Bewältigung - und Bücher tun es auf ihre Weise :) Ich habe beschlossen, jetzt für sie in Gedanken mitzulesen, wir haben uns sehr oft ausgetauscht und sie mochte oft die gleichen Bücher und Autoren ...


    Nochmal ganz lieben Dank an Euch und allen, die Verluste hinnehmen müssen - ebenfalls ganz viel Kraft!!

    Ich mag Widmungen auch gerne; zuweilen sagen Sie etwas (Persönliches) über den Autor/die Autorin aus

    (by the way: sandhofer : Bei Dir weiß ich übrigens manchmal nicht, wann Du "frozzelst" und was wirklich ernst gemeint ist :breitgrins:)


    Zur Wochenfrage:

    Ich würde es meinen Eltern widmen - oder meiner "großen" Lieblingsschwester, die ein ganz ähnliches Lesegusto hatte wie ich und mir der Austausch mit ihr (auch über Bücher) sehr fehlen wird... Sie war unheilbar erkrankt und wurde Ende August von ihren Leiden erlöst. Letzten Freitag war die Beisetzung....

    Ich stehe also noch etwas neben mir zuweilen; aber die Bücherwelt hilft - auch bei so großen Verlusten....

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    Aktuell ist der zweite Band der Agententhriller-Reihe des englischen Autors Mick Herron erschienen; "Dead Lions" (UT in der deutschen Übersetzung) 'Ein Fall für Jackson Lamb') erschien (HC, gebunden) im Diogenes-Verlag, 2019.


    Dieser "Fall", in dem es um Schläfer aus Zeiten des Kalten Krieges in Großbritannien geht und um einen russischen Ölmagnaten, der ein Treffen mit Spider Webb, seinerzeit Kollege von River Cartwright beim MI5 (Secret Service) anberaumt und zwei seiner russischen "Gorillas" vorschickt, um die Lage zu erkunden: Das Treffen soll in "The Needle" stattfinden, ein stattliches imposantes Hochhaus im Zentrum von London....

    Um die Lage seinerseits auszukundschaften, beauftragt Spider Webb zwei Mitarbeiter des "Slough House", Louisa Gay und Min Harper, die Machenschaften von Piotr und Kyril genau zu beobachten.


    Jackson Lamb, dem Chef der Abservierten, erscheint es merkwürdig, dass ein ehemaliger Wegbegleiter von ihm, Dickie Bow , der wie er damals kurz vor dem Mauerfall in Berlin eingesetzt, durch einen Schlaganfall in einem Bus zu Tode kam: Wurde da nachgeholfen, wenn auch alles wie ein unspektakulärer Tod aussah? Es wird bereits zu Beginn ersichtlich, dass hier keiner dem anderen traut, manch einer sich eine weitere Karrierestufe hochangeln möchte (Spider Webb) und andere ihren Buckel hinhalten sollten, falls etwas schiefgeht: Am besten eignen sich hier natürlich die Mitarbeiter im Slough House, dem abseits gelegenen heruntergekommenen Stützpunkt der lahmen Gäule, die sich um ihren Chef Jackson Lamb scharen:


    Wie im ersten Band in deutscher Übersetzung lernt der Leser die Agenten im Slough House kennen; allen voran Jackson Lamb, der selbst so heruntergekommen und recht fettleibig aussieht wie das Haus, dessen Verstand jedoch jedem Vergleich zu den Kollegen im Regent's Park standhält (auch den von Diana Tearner, die noch etwas gutzumachen hat bei ihm) und manche gar überflügelt. Die altbekannte Truppe, bereits im ersten Band vorgestellt, wie River Cartwright, Louis Guy und Min Harper, Catherine Standish wie auch der Computerexperte Roderick Ho erscheinen allesamt wieder auf der Agenten-Bildfläche; wobei Marcus Longridge und Shirley Dander als neue "Slow Horses" dazugekommen sind. Sie alle haben es auf die eine oder andere Weise "vermasselt" und wollen gerne wieder zurück in den Regent's Park - allein bei Jackson Lamb bin ich mir da nicht sicher; gibt ihm die Außenstelle der lahmen Gäule auch mehr Spielraum als zuvor, was seinen teils unkonventionellen Ermittlungsmethoden durchaus zugute kommt.


    So glaubt er auch nicht an den natürlichen Tod des früheren Agenten - und er und seine Mitarbeiter heften sich auf diverse Fährten Verdächtiger; Cartwright begibt sich undercover in die Cotswolds und erkennt, dass in dem beschaulichen Dorf Upshott nicht alles so ist, wie es scheint; Min und Louisa beschatten die 'Gorillas' und besonders Louisa soll später ein persönliches Interesse daran finden, den russischen Ölmagnaten Arkadi Paschkin sehr genau unter ihre Lupe zu nehmen, als es zu dem geplanten Treffen - und dem Showdown im 2. Teil des Agententhrillers, der wie gewohnt von Beginn an spannend und stimmig zu lesen ist, kommt: Die vorhandene Spannung nimmt noch einmal kräftig an Fahrt auf und neben den markigen Sprüchen des Autors (die für mich diese Agententhriller zum wahren Lesegenuss machen) fehlt es auch nicht an gesellschaftskritischen Seitenhieben, die Mick Herron in das Doppelspiel unserer Agenten einbezieht.


    Auch ein Schmunzeln ist immer wieder unumgänglich, etwa wenn der Autor konstatiert, dass Roderick Ho (ein Genie im IT-Bereich, jedoch ohne jeglichen sozialen Kompetenzen) "lieber im Internet tiefgetaucht wäre, als die Treppen bis zum 77. Stockwerk des abgeriegelten "The Needle" nehmen zu müssen" ..... Solche schwarzhumorigen Anmerkungen finden sich immer wieder; die Inhalte dieses wiederum unglaublich spannenden, mit durchaus sympathischen Agenten im Slough House personalisierten Krimis sollte man sich selbst erlesen. Um nicht zu spoilern, gehe ich daher nicht weiter auf den Verlauf der Handlung ein, um geneigten LeserInnen (von denen es hoffentlich nur so wimmelt!) keine Pointen vorwegzunehmen.


    An diesem "Fall für Jackson Lamb" gefiel mir besonders die Tatsache, dass Mick Herron zu Beginn eine Katze die Räume des Slough House besuchen lässt und den Leser zu den einzelnen Agenten mitnimmt (falls Band 1 noch unbekannt) und am Ende eine Maus durch die Räume trippelt - um am Ende im Büro des Chefs, Jackson Lamb, anzukommen: Dazwischen verbirgt sich ein hochspannendes Doppelspiel der Agenten, das mit Zeiten des Kalten Krieges, dem Mauerfall 1989 und dem britischen Geheimdienst MI5 (nebst seinen "Abservierten" lahmen Gäulen, die jedoch zu Topform auflaufen können, hinter der sich jeder Mitarbeiter im 'Regent's Park' nur verstecken kann) zu tun hat. Hauptsächlich geht es hier um tote Löwen - eben Dead Lions - und ihrem Wiedererwachen:


    "Wenn Löwen gähnen, heißt das nicht, dass sie müde sind. Es heißt, dass sie aufwachen." (Zitat S. 58)


    Ich für meinen Teil freue mich bereits auf den Folgeband und spreche hiermit eine absolute Leseempfehlung aus - verbunden mit 4,5 Sternen und 96° auf der "Krimi-Couch". In sprachlicher wie auch inhaltlicher Hinsicht ein absoluter Lesegenuss und eine hochspannende wie auch mit schwarzem Humor versehene Lektüre, zu der ich nur viel Lesespaß wünschen kann!


    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Hier ist auch noch ein Fan von Ruth Rendell - von ihr habe ich wohl die meisten Krimis (aller AutorInnen) im Regal stehen; es sind jedoch meist die Älteren. Fast alle habe ich gelesen - als TB, es gibt jedoch noch einige HC, die ich noch nicht kenne - und mir aus der Biblio ausleihen will :zwinker: oder via booklooker...


    Für mich ist sie unbestritten eine der "Queen of crime" - noch lange vor Martha Grimes, die ich früher auch mochte (die Inspektor Jury-Reihe)....


    "Dämon hinter Spitzenstores" und "Der Krokodilwächter" von RR haben mir besonders gut gefallen!


    Welche hast Du denn bereits von ihr gelesen - bzw. magst Du besonders, Minze ?

    Am Wochenende mal wieder bei den Gebraucht-Bücher-Online-Händlern gestöbert und soeben beim Nachbarn abgeholt.


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    "Das Leben der Rebecca Jones" ist eines meiner ABSOLUTEN Lieblingsbücher!!! Viel Freude beim Lesen! :winken:

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    Nach der literarischen Wiederentdeckung von "Der Reisende" ist nun der erste (und leider auch letzte) Roman des Autors (man lese seine tragische Biografie und erfährt den Grund) auf Deutsch erschienen: "Menschen neben dem Leben" ist ein literarisch stimmungsvoller und in die Tiefe gehender Ausflug ins Berlin der frühen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts und wurde wiederum vom Verlag Klett-Cotta (HC, gebunden, 2019) herausgegeben.


    Die Weltwirtschaftskrise (1929) liegt noch nicht weit hinter den Menschen und hat ein Heer von Arbeitslosen, Prostituierten und Bettlern hinterlassen, die auch das Stadtbild von Berlin mitprägen. So besteht das Romanpersonal aus einigen Entwurzelten, die und deren Geschick und Vergangenheit hier näher kennenlernt:


    Boschwitz stellt seine HauptprotagonistInnen nach und nach vor; im Romanverlauf lernt man sie immer besser kennen. Der Beginn ist in Walter Schreibers Keller, in dem er mit Gemüse handelt und einen kleinen Raum für wenig Geld an Fundholz und Tönnchen zum Schlafen vermietet: Fundholz ist ein gutmütiger, immer noch sozialer Mensch, dem sich Tönnchen einst anschloss, da dieser ihn "mitversorgt". So begleiten wir beide - oder nur Fundholz - durch Berlin und seinen "Schnorr-Alltag" - immer auf der Hut vor der Polizei.


    Während Fundholz einmal Heim und Frau hatte, war das Schicksal Tönnchen gegenüber weniger gnädig: Bis zum Alter von 12 Jahren ein normaler Junge, hatte er ein traumatisches Erlebnis, das ihn das Leben hätte kosten können und ihn für viele Jahre in die Klapse brachte. Dieser Vorfall hat die Verbindung zwischen seinem Denken und Handeln vollständig unterbrochen und der einzige Lebensinhalt ist das Essen; daher wohl auch sein Spitzname....


    Diesen beiden schließt sich Grissmann an; ein über sein eigenes Schicksal der Armut erboster junger Mann, der im Gegensatz zu Fundholz jedoch noch nicht mit dem Leben abgeschlossen hat, nichts mehr erwartet. Seine Besuche in der Bibliothek sind nicht dem Motiv einer Weiterbildung zuzuordnen wie es bei vielen anderen Arbeitslosen der Fall ist, sondern um ein Gegenmittel gegen die Langeweile zu finden - und Menschen zu treffen, die wie er einen absonderen erotischen Hang zu Fotografien haben, die dort getauscht werden und mit denen er kleine Geschäfte macht. Im Grunde schlummert jedoch eine kriminelle Ader in ihm und seine Vorbilder sind die Ganoven amerikanischer Kriminalromane, die "immer davonkommen". Solch ein Ganove möchte er sein, weiß jedoch, dass er die Gewieftheit eines größeren "Dings" nicht wirklich umsetzen kann. Denn im Grunde ist er ein ängstlicher Mensch...


    Bis er Elsi, die Frau des blinden Sonnenbergs trifft und mit ihr tanzt sowie das viel schönere Minchen Lindner, das ihn jedoch kalt abweist. Denn letztere hat Gefallen an dem "schönen Wilhelm" gefunden, den wiederum die geistig verwirrte Frau Fliebusch für ihren seit 20 Jahren verschollenen Wilhelm hält und an dessen Tod im 1. Weltkrieg sie nicht glaubt: Sie glaubt hingegen, dass alle Menschen niederträchtig sind und sie belügen. Daher trägt sie auch in zwei Koffern seine Uniform immer bei sich, in der Hoffnung lebend, ihn wiederzusehen...


    All diese tragischen Gestalten werden kurz angetroffen, bevor sich der Autor ihnen dann auf einer sehr einfühlsamen, warmherzig-emotionalen Ebene nähert und dem Leser das oftmals leidvoll erlittene Schicksal der ProtagonistInnen beschreibt, uns daran teilhaben lässt und Verständnis hat für die jeweilige "Überlebensstrategie", ohne einen moralischen Zeigefinger. Ausser Grissmann und auch dem alten Sonnenberg, der über den Verlust seines Augenlichts im 1. Weltkrieg wütend und verbittert ist, dies auch seine Frau spüren lässt, sind die übrigen Figuren, die sich letztendlich im "Fröhlichen Waidmann" treffen, durchaus sehr sympathisch. In einer Nebenfigur skizziert Boschwitz auch die bereits vorhandene Ablehnung gegenüber Juden, die in den frühen 30er Jahren (und auch zuvor) in Form von bestehendem Antisemitismus durchaus vorhanden war und die nicht unerheblich zum Entstehen des nationalsozialistischen Denkens beitrug.


    In der Eskalation zwischen Sonnenberg und Grissmann, in der die aufgestaute Wut beider Ausdruck findet, beide "unter den Rädern des Lebens" liegend, nimmt der Roman eine überaus dramatische Wendung; Boschwitz vergleicht den Kampf der beiden Unterdrückten mit dem Krieg von Nationen und sieht die Zukunft, in der noch mehr Vernichtungserfolge in Kriegen zu finden sein werden, sehr realistisch: Er sollte Recht behalten, was beim Lesen mehr als betroffen macht.


    Während die beiden Kontrahenten keinen Ausweg sehen, ihrer Wut zu entkommen und auch Fundholz nicht schlichten kann, endet das Zusammentreffen in einer Katastrophe: Für andere wiederum gibt es Hoffnung auf ein besseres Leben als jenes, das sie nicht mehr führen möchten: Wird Minchen Lindner, deren Ersparnisse aus ihrer Edelprostitution stammen, mit dem früheren Zuhälter Wilhelm einen Kolonialwarenladen führen können; werden beide heiraten? Wir wissen es nicht, aber zu hoffen wäre es.


    Ein sehr berührendes Gesellschaftsportrait der oftmals in schuldlos unwürdigen Lebensverhältnissen lebenden Menschen im Berlin der frühen 30er Jahre, in dem der Autor es zutiefst menschlich versteht, jeder Romanfigur Respekt, Aufmerksamkeit und Würde entgegen zubringen, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. Ein Roman, der nachhallt - und dessen Personal an "Zille sein Milljöh", an Hans Fallada ("Kleiner Mann - was nun?") und an Döblin's "Berlin Alexanderplatz", erinnert. Eine absolute Leseempfehlung von mir und ein Dank an den Herausgeber Peter Graf, dessen brillantem Nachwort zum Roman ich mich gerne anschließe! 4,5*


    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Ich reise tatsächlich lieber in Büchern, bin ein absoluter Reisemuffel. War ich schon immer. Ich bin kein Mensch, wenn ich abends nicht in mein eigenes Bett krabbeln kann.

    Dann bin ich ziemlich das Gegenteil von Dir ("Nix-wie-weg-Programme der hiesigen Tourismusbranche finde ich immer irgendwie anziehend, vor allem gen Norden ;-)), aber das Nachhause kommen - und das eigene Bett ist auch immer schön... - zuweilen macht es mir aber nix aus, in einen Schlafsack, ein Gästebett, ein Hotelbett zu krabbeln :breitgrins::winken:


    P.S. Früher tickte "die biologische Uhr" :zwinker: und nun bin ich "in ein Alter gekommen" (O-Zitat Mr. Sagota), in der ganz offensichtlich die Reiseuhr "tickt" :elch:

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    Dieser wichtige literarische "Stolperstein", der in diesem Falle Hirsch Komissar gewidmet wurde und von dessen Leben und seinen Peinigern im besetzten Norwegen (ab 1940) der Nationalsozialisten handelt, erschien im Eichborn-Verlag, August 2019. Es ist inhaltlich keine leichte Kost und lässt den Leser - gerade in der heutigen Zeit, im Erstarken von Populisten in ganz Europa - sehr nachdenklich zurück; aber das Lesen dieses ungewöhnlich geschriebenen Romans lohnt sich für historisch interessierte LeserInnen sehr!


    "In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.

    Ein auf wahren Begebenheiten basierender Roman, der achtzig Jahre Geschichte und vier Generationen umfasst. Eine Erzählung über den Holocaust, über Familiengeheimnisse und über die Geschichten, die wir an unsere Kinder weitergeben." (Quelle: Verlagstext)


    Ausgangspunkt des Romans und der Aufarbeitung einer Familienchronik ist ein Stolperstein (Steine der Erinnerung, die vor dem jeweiligen Haus platziert wurden, in dem eine oder mehrere jüdische Familien vor dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust wohnten). Es ist der im Roman vom Verfasser mit "du" angesprochenen Hirsch Komissar, der mit seinen Eltern einst aus Russland emigrieren musste und in Norwegen mit seiner Frau Marie einen Textilladen aus dem "Nichts" erschuf. Der Familie geht es gut, bis Norwegen von den Deutschen besetzt wird und der Vater von Gerson und Lillemor denunziert und verhaftet wird. Kurzzeitig wird er als Dolmetscher, des Russischen mächtig, in Nordnorwegen eingesetzt, um dann wieder nach Falstad, einem Gefangenenlager der Nazis, verbracht zu werden. Im Zuge eines Vergeltungsschlages wegen eines Angriffes des norwegischen Widerstands wird Hirsch Komissar mit 9 weiteren unschuldigen Gefangenen im Oktober 1942 erschossen.


    Auch wenn Simon Stranger einem sehr eigenwilligen Stil folgt: Seine kurzen Kapitel beginnen in alphabetischer Reihenfolge, denen jedoch entsprechende Worte vorangehen, die - wenn auch zeitlich sprunghaft - jedem Kapitel sinngemäß voranstehen, versteht er es sehr prätentiös und eindringlich, zuweilen auch beklemmend, etwaige Gedankengänge, aber auch real Erlebtes von Komissar (wie vielen weiteren unschuldig Inhaftierten) immer wieder in den Roman einfließen zu lassen. Der Hauptprotagonist ist jedoch ein Mann namens Henry Oliver Rinnan, dessen Lebensgeschichte so bizarr klingt wie das Ausmaß seiner Grausamkeiten, nachdem er es schaffte, zum Schlimmsten aller norwegischen Nazis zu werden, mit den Deutschen zu kollaborieren (dadurch die von ihm längst ersehnte "Anerkennung" zu finden),und im Jonsvannsveien 46, dem sog. "Bandenkloster" zahlreiche Menschen, die des Verrats oder des Widerstands gegen die Nazis beschuldigt wurden, grausam folterte und ermordete.


    Gibt dem Leser bereits die Kindheit und Jugendzeit dieses Verbrechers sehr zu denken, der bedingt durch seine Körpergröße von 161 cm Probleme hat, sich durchzusetzen, "unauffällig" bleibt und dennoch immer mehr Gewaltpotential, Wut und Hass in sich zu mehren, so ist man im Erwachsenenalter von Rinnan zuweilen an der Grenze der eigenen Belastbarkeit, die Zeilen über seine Macht- und Gewaltfantasien, die bald in die Realität umgesetzt werden können, zu lesen: Er ist skrupellos und bar aller Gefühle, ebenso wie sein Handlanger Karl Dolmen: Mit einigen anderen versuchen sie, die Netzwerke des Widerstands zu infiltrieren, Waffen aufzuspüren und - sich gegen die eigenen Landsleute wendend - diese aufs Grausamste zu foltern und auch zu ermorden. Das Haus im Jonsvannsveien 46, das leider im Internet nur Informationen auf norwegischer Sprache preisgibt, nicht aber auf deutschen Seiten, hat eine sehr dunkle Epoche erlebt: So wundert es nicht, dass Ellen, die Frau Gersons, in diesem Haus immer mehr erschaudert und eigentlich eine andere Wohnung finden möchte, ihr Mann dies aber herunterspielt und nicht erkennt, wie sehr seine sensible Frau leidet. In diesem Zusammenhang konnte ich die Gefühle und das Verhalten von Ellen sehr gut nachvollziehen, jedoch Marie, die Frau des ermordeten Hirsch Komissar, missfiel mir sehr: Egozentrisch und leichtfertig vermittelte sie ihnen dieses Haus der Folter und der Angst, um ihren Sohn Gerson im Laden zur Hilfe zu haben.

    Es geht um Flucht (nach Schweden) und um Fluchthelfer, die gerade jüdischen Flüchtlingen halfen, über die Grenze zu kommen und oft ihr eigenes Leben damit aufs Spiel setzten. Es geht um Angst der Flüchtenden (auch heute ein aktuelles Thema, denn seit dem Ende des 2. Weltkrieges gab es nicht mehr so viele Flüchtlinge auf der Welt wie seit einigen Jahren), aber auch um das Überleben. Das Weiterleben, wobei dem Leser nach dieser auf Wahrheit basierenden Lektüre sehr bewusst wird, wie viele Leben durch den Krieg zerstört wurden - und Lebenswege, Möglichkeiten sich für immer veränderten. Er ruft letztendlich dazu auf, zu verzeihen, da dies der Weg in die Zukunft sei.


    Ein interessanter und nachdenklich stimmender Einblick hat der interessierte Leser auch auf die antisemitischen Anfänge bis in die heutige Zeit; die historischen Hintergründe sind gut recherchiert worden und beginnen bereits in der römischen Zeit durch die ersten Judenpogrome. Der Roman beleuchtet wie ein Scheinwerfer die Angriffe auf jüdische Siedlungen, etwa auch im russischen Zarenreich, weshalb die Familie unseres Protagonisten, dessen Name nicht vergessen werden sollte, auch die Flucht aus Russland nach Norwegen antreten musste. Man bedauert, dass die Familie während des 2. Weltkriegs nicht im sicheren Schweden verblieb (wie die Schwester von Gerson, Lillemor) und die Geschichte dieser Familie sich durch ihre Rückkehr nach Norwegen für immer veränderte...


    Manche Bücher müssen weh tun, mit solch' einem haben wir es hier zu tun: Dennoch sollte man sie - oder gerade deswegen - lesen, um die Menschen und Schicksale, die hinter den bisher insgesamt 67.000 in europäischen Städten eingelassenen "Stolpersteinen" stehen, niemals zu vergessen. Und nicht nur das: Um Sorge zu tragen, dass sich solch eine dunkle Zeit weder in Deutschland noch in Europa niemals wiederholen darf! Hart an der Schmerzgrenze, aber - oder gerade deswegen - 4,5* und ein Dank an den Autor Simon Stranger, der diesen Stolperstein umgedreht und ihm eine (Roman)form gegeben hat.

    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Die Antwort geht fix: Ich fahre nicht in Urlaub.

    Ich auch (leider) eher selten.... aber Reisen ist für mich wie atmen - und Vorfreude auf eine Reise ist mit fast nix zu vergleichen ;-)

    Ganz ohne könnte ich nicht - nehme aber an, dass Anne umso lieber in Büchern verreist :-) und DAS liebe ich auch sehr.


    Zur Frage:

    Bei meiner Schottlandreise vor fast einem Jahr hatte ich 2-3 Reiseführer im Gepäck; vor allem in Edinburgh war das schon toll, mir nochmal die historischen Hintergründe durchzulesen...


    In Schleswig-Holstein Ende Juni brauchte ich kein Navi (DB) - und meine Freundin war die beste Reiseführerin "wo gibt" :breitgrins:

    Keine leichte Frage (bei der Auswahl, die zur Verfügung steht :-)


    Aber dabei wäre auf jeden Fall


    Caroline Ronnefeldt - Quendel 2 (gerade frisch gedruckt)

    Tamara Ramsay - Die Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott (als reread)

    Fred Vargas - Die drei Evangelisten (three in one :-)

    Rebecca Gablé - Das Lächeln der Fortuna (steht schon seit Jahren im Regal... :verlegen:)

    und so einiges von Thomas Montasser - zum Aufmuntern, falls nötig :breitgrins:

    Gestern war Dr. Wolf-Dieter Storl in einer Talkshow beim ndr - schade, dass er kaum zu Wort kam. Nach dem Anschauen war mir das Buch noch sympathischer (und es gibt einige Bücher von ihm). Eine sehr interessante vita - und er könnte in der Tat als "der deutsche Gandalf" durchgehen ;)