Beiträge von TochterAlice

Literaturschock positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Ich bin wirklich ein Riesenfan der vom Leben so gebeutelten Tatortreinigerin Judith Kepler: mit ihrer Historie als Tochter eines Ostspions und ihrer Kindheit in einem kargen, lieblosen DDR-Heim wird die jüngste Vergangenheit Gesamtdeutschlands sowohl eindringlich als auch spannend aufgearbeitet.


    So habe ich die beiden Vorgängerbände, die sich mit dem vorliegenden Fall als Trilogie abschließen, mit Begeisterung gelesen. Hier wurde es mir schnell ein wenig zu viel, denn es geht nicht nur um Judith, bzw. nicht nur um ihre Belange und ihr Bedürfnis, den Vater Richard Lindner, der mittlerweile unter dem Namen Bastide Larcan sein Unwesen treibt, aufzuspüren, sondern es treten weitere Biographien wie die der ehemaligen Stasi-Spionin Eva Kellermann in den Vordergrund. Sie verstirbt und hat ihrerseits mit Lindner noch eine Rechnung offen, die sie ihrer Tochter "vererbt".


    Dann gibt es noch das Mädchen Tabea, eine Halbwaise, für die sich Judith verantwortlich fühlt, und deren Vater Frederik, für den sie Gefühle entwickelt hat - insgesamt alles ein bisschen zuviel des Guten. Diese verschiedenen Erzählstränge sorgen aus meiner Sicht für Längen.


    Dennoch bringt Elisabeth Hermann die Geschichte der Tatortreinigerin zu einem absolut runden Schluss, der die Lektüre für mich lohnenswert machte. Wenn man die ersten beiden Bände bereits kennt, sollte man diesen also auf jeden Fall ebenfalls lesen, aber vielleicht nicht zu viele Erwartungen hegen.

    3ratten

    Mir hat das Buch wirklich sehr gefallen:


    Jasmijn ist schon von Kind an klar, dass sie anders ist als die anderen - sie liebt es nicht laut, kommt nicht gut zurecht, wenn viele Leute zusammen sind ... und ist von klein an gewöhnt daran, dass die Menschen ihr mit Verwunderung, ja Befremdung begegnen. Außer ihren Eltern und ihrem Bruder - die stehen hinter, wenn es sein muss, auch vor ihr und machen ihr das Leben erträglich. Zumindest meistens


    Wobei Jasmijn eigentlich nur mit einem Wesen zusammen normal sein kann - und das ist ihre Hündin Senta. Sonst zieht sie sich sehr in sich zurück, isst sogar meist allein auf ihrem Zimmer - und zwar ständig. Denn, obwohl spindeldürr, hat sie ständig Hunger.


    Es ist ein Leben, in dem sie sich selbst ständig im Weg steht, da sie genau weiß, wie sie eigentlich sein will. Aber das klappt nur in ihren Gedanken und manchmal in ihrem Tagebuch. Umso überraschter ist sie, als sie im Laufe ihres Lebens den ein oder anderen Menschen trifft, der sie verstehen, ja, sogar lieben kann.


    Und trotz diverser Unwegsamkeit so langsam lernt, sich inmitten anderer zu respektieren und wertzuschätzen.


    Die Autorin Judith Visser hat selbst erst als Erwachsene erfahren, dass sie das Asperger Syndrom hat und führt uns in diesem Roman einfühlsam und warmherzig in die Welt ihres Alter Ego ein. Ein wundervoller Roman, der Brücken baut, zum Lachen und zum Weinen mit Jasmijn, aber auch mit den Menschen um sie herum einlädt!

    5ratten

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    Auf der Schnauze landet Caro jäh und unvorhergesehen - bisher lebte sie ein privilegiertes Jet-Set-Leben an der Seite ihres Freundes, des attraktiven Orthopäden Jens, in einer schicken Wohnung in Prenzlauer Berg. Aus der sieht sie sich nun unversehens hinauskatapultiert. Statt dass sie das Weite sucht, zieht Mandy, eine Nachbarin, die sie bisher nur vom Sehen kannte, zu sich herein und nimmt sich ihrer an.


    So lernt Caro das Hinterhaus kennen, wo allerdings ein ganz anderer Wind weht als vorne. Von Schickimicki keine Spur! Im Gegenteil, noch nicht einmal ein Bad gibt es hier. Und ihre restlichen Nachbarn lernt Caro nun auch so langsam, aber sicher von einer ganz, ganz anderen Seite kennen. Und nicht nur das: ihr Minijob als gefeierte Radiosprecherin geht ebenso den Bach runter wie vorher schon Beziehung und Wohnung. Auf der anderen Seite kümmern sich Menschen um sie, von denen sie es nicht im Traum gedacht hätte.


    Die Vielfalt der Vergangenheit und Gegenwart von Prenzlauer Berg: in diesem Regionalkrimi erhält man mehr als nur einen kleinen Happen davon und genau das hat mir ganz außerordentlich gefallen. Weniger allerdings die Fäkalsprache und -thematik wie auch einige weitere recht derbe Szenen, in denen es ausgesprochen deutlich zur Sache ging. So etwas muss ich in einem Krimi nicht habe und auch dieser hätte mir "ohne" noch um einiges besser gefallen.


    Wenngleich - der Charme der vergangenen, teilweise noch bestehenden Welt im Berliner Osten, die teilweise grausam, teilweise aber auch berührerend ist und war, hat mich so richtig gepackt. Ich würde mich also über einen weiteren Prenzlauer-Berg-Krimi der Autorin Lioba Werrelmann freuen, wenn auch nicht unbedingt Caro im Fokus stehen muss. Aber es gibt auch noch andere, vielversprechende Figuren im Krimi, die sich durchaus nicht nur für Nebenrollen eignen. Ein ungewöhnlicher Krimi also in ansprechendem Setting, aber leider mit ein paar extremen - für mich zu extremen - Szenen und Worten.

    3ratten

    Mir hat dieses Buch ganz ausgezeichnet gefallen:


    "

    Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land"

    So beginnt das "Rennsteiglied", in dem ein ganz besonderer Wanderweg besungen wird: ein Symbol gleichwohl für das geteilte wie auch für das wiedervereinigte Deutschland. Denn der Rennsteig führt durch Thüringen und Franken, so ziemlich genau an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlang.


    Vor dem zweiten Weltkrieg war er von Hotels gesäumt, einfachen und ziemlich eleganten. Ein besonders mondänes, in dem sich die feine Gesellschaft ein Stelldichein gab, war das "Hotel Waldeshöh" das über Jahrzehnte hinweg von Familie Dressel geführt wurde. Die Familie bewohnte das Haus auch noch, nachdem es Teil des Sperrgebiets, eines fünfhundert Meter breiten Streifens unmittelbar an der Grenze, geworden war. Ein hartes Leben, ohne eine besondere Genehmigung durfte niemand zu Besuch kommen und noch schlimmer: man selbst benötigte eine Genehmigung und musste diese ständig mit sich führen.


    Eine Familiengeschichte, die im Dunkeln liegt, bis Milla, eine Anwaltsgehilfin Anfang Dreißig, im Rahmen der Suche nach "Lost Places" auf einen Keller stößt. Einen Keller mit nix drüber. Was hat es damit auf sich? Sie findet dort neben Marmeladen und Säfte, auch hausgemachten Wein aus den 1970er Jahren auch das Tagebuch eines jungen Mädchens, einer Christine. Und in ihr erwacht der Jagdtrieb. Was wohl aus ihr geworden ist? So alt ist sie doch noch gar nicht, so Mitte fünfzig müsste sie sein!


    Milla findet nicht nur Christine, sondern so viel mehr und stößt auf ein trauriges Geheimnis. Eines, das keins sein sollte und das viel Leid gebracht hat. Dennoch ist dies längst nicht nur ein trüber und melancholischer Roman, es ist die Chronik einer Familie, möglicher Schicksale von DDR-Bürgern, die stellenweise traurig, andererseits aber auch sehr atmosphärisch und teilweise sogar idyllisch.


    Ein ausgesprochen besonderer Roman über ein ebenso unbekanntes wie leidvolles Thema. Die Autorin Kati Naumann schreibt ebenso eindringlich wie bewegend, ich habe als Leserin auf jeder Seite gespürt, dass ihr dieses Thema am Herzen liegt. Und das hat sie nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf professioneller Ebene ausgesprochen gekonnt umgesetzt! Manchmal waren mir einige Hinweise zu vage, sie blieben quasi in der Luft hängen. Aber das Thema ist so komplex, dass man als Autor gezwungen ist, Grenzen zu setzen - bei einem Thema, in dem es ständig um Grenzen geht! Ich bin beim Lesen einfach neugierig geworden und hätte ewig so weiterlesen können!


    Eine ganz dicke Empfehlung für jeden, dem die jüngste deutsche Geschichte am Herzen liegt, der das Gefühl hat, längst nicht alles zu wissen. Ein ganz ordentlicher schwarzer Fleck kann durch die Lektüre dieses Buches definitiv mit Inhalt gefüllt werden!

    5ratten

    ich fand es eher so mittel:


    Ein dramatisches Ende markiert den Beginn. Und zwar das des Familienoberhauptes Emilio Arenas, fern der spanischen Heimat. In New York sind die Mutter und die drei Töchter, gerade erst dort angekommen, ganz auf sich gestellt.


    Eindringlich und mitreißend geschrieben ließen mich die ersten Seiten des Romans werden auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Und man kann sich warm anziehen: der Unfalltod des Vaters, die ersten selbstständigen Schritte von Mutter und Töchtern in New York: das alles ist noch gar nichts im Vergleich dazu, was nun folgt.


    Eine Art City-Western nicht nur, aber hauptsächlich unter emigrierten Spaniern ist dies, in dem sich unterschiedliche Parteien um das Erbe der Familie Arenas streiten, in dem die Töchter - jede auf ihre Art - flügge werden und dem Leben in der urbansten aller Städte der damaligen Zeit - man schreibt die Mitte der 1930er Jahre auf verschiedene Art und Weise zu begegnen versuchen.


    Bald schon sind sie umringt von Männern. Manche wollen ihr vermeintliches Erbe, doch den meisten geht es um die Mädchen selbst.


    Was zunächst als spannendes Epos beginnt, wird aus meiner Sicht im Handlungsverlauf zu einem ziemlich wirren und überladenen Durcheinander - es ist eindeutig zu viel Personal vorhanden in diesem Roman. Personal, das - wie beispielsweise ein abgesetzter spanischer Thronfolger - die Ereignisse eher verwirrt als vorantreibt.


    Das Schicksal der drei Schwestern Victoria, Mona und Luz lag mir bis zum Ende am Herzen, doch hätte ich mir hier eine wesentlich stringentere Handlung und ein klareres Ende gewünscht. Ich habe das Buch ganz gerne gelesen, frage mich jedoch nach der Beendigung: "Wozu das Ganze?". So richtig etwas dabei rumgekommen ist aus meiner Sicht nämlich nicht.

    3ratten

    Mir hat das Buch auch wirklich gut gefallen!


    Englische Beziehungen: Und zwar nicht nur solche zwischen Paaren: Geschwister spielen eine große und wichtige Rolle in diesem auf zwei Ebenen verlaufenden Roman. Die Protagonistinnen der jeweiligen Erzählstränge, die sechzehnjährige Madeleine, genannt Maddy im Jahre 1939, Fotografin Chloe in der Gegenwart, haben jeweils eine sehr enge Bindung zu den ihrigen: Maddy zu ihrer älteren Schwester Georgina, die nach dem Tode der Mutter quasi deren Stelle eingenommen hat, Chloe zu ihrem jüngeren Bruder Danny, der vollkommen abhängig von ihr ist. Wie gut, dass sie seit einiger Zeit mit der Liebe ihres Lebens, dem fürsorglichen Adrian, verheiratet ist. Oder etwa nicht?


    Chloe gerät in Maddys Geschichte hinein, als sie eines Tages den Auftrag für ein Fotoshooting in Summerhill, dem Anwesen von Maddys Familie erhält. Ihr Besuch dort bringt ihr so manche Erkenntnis.


    Ich bin eher zufällig an diesen Roman geraten, aber ausgesprochen glücklich über diese Fügung: sagte mir die Autorin Nikola Scott bisher nichts, bin ich jetzt drauf und dran, jedes von ihr bisher verfasste Fitzelchen zu erlesen, so spannend und mitreißend schreibt sie! Falls man mich für allzu ambitioniert hält, sei gesagt, dass "Das Leuchten jenes Sommers" nach "Zeit der Schwalben" erst der zweite Roman der Autorin ist. Hoffentlich aber nicht der letzte, denn für alle Freunde historischer Romane wird dies hier eine ganz besondere Nahrung, eine Delikatesse sozusagen. Nikola Scott ist eine Königin der Eloquenz und des eindringlichen Stils, der auch in der Übersetzung sehr gut rüberkommt, was möglicherweise daran liegt, dass die Autorin ihre Romane zwar in englischer Sprache verfasst, allerdings in Deutschland aufgewachsen ist. Schwer, sich vorzustellen, dass diese ausgezeichnete Übersetzung von Nicole Seifert nicht von ihr abgesegnet wurde!


    Wer also ganz, ganz tief abtauchen will in eine unglaublich spannende, gut geschriebene, vielschichtige und berührende Geschichte, ist hier genau richtig! Man sollte sich aber unbedingt den richtigen Moment aussuchen, in dem man sich so richtig einlassen kann auf die atmosphärisch und stellenweise überraschend verlaufende Handlung, auf eindringliche Charaktere und nicht zuletzt auf den Überschwang der Empfindungen, der den Leser während oder nach der Lektüre durchaus auch mal für längere Zeit überkommen kann. Etwas für Freunde des Gefesselt-Werdens, wenn auch nur im literarischen Sinne!

    5ratten

    Lena hat jahrelang mit ihrem Mann und ihren Kindern Hannah und Jonathan in einer fensterlosen Hütte im Wald gelebt - bis sie ihn umbringt und zusammen mit beiden Kinder fliehen kann. Und dann gibt es einen Unfall: Lenas Eltern, die sie seit 14 Jahren vemisst haben, kommen ins Krankenhaus und sehen, dass die Verletzte, die sich Lena nennt, gar nicht ihre Tochter ist. Doch dann kommt Hannah und ist Lena wie aus dem Gesicht geschnitten.


    Was ist geschehen? Wie passen alle diese Puzzlesteine zusammen? Berichtet wird aus mehreren Perspektiven: aus der von Lena, von Hannah und Matthias, Lenas Vater.


    Und bald wird deutlich, dass dies eine Geschichte ist, die uns sehr nahe geht, einfach, weil sie einerseits zwar weit hergeholt wirkt, andererseits jedoch uns alle treffen kann. Denn: das Unheil ist hier nicht abstrakt, nein, es schleicht sich mitten hinein in das Familienleben, nistet sich ein und ist latent noch immer vorhanden, auch wenn Frau und Kinder offenbar in Sicherheit sind. Wird Matthias seine Tochter wiedersehen? Werden Lena, Hannah und Jonathan jemals normal leben können? Was ist in diesem Zusammenhang überhaupt normal?


    Heftig und erschütternd, dabei meisterhaft konstruiert ist der Thriller der jungen Autorin Romy Hausmann. Es geht nicht übermäßig blutig darin zu, nein, es ist ein Psychoterror der subtilen Art, der das gesamte Geschehen durchdringt und mir beim Lesen permant eine Gänsehaut bescherte. Faszinierend und absolut meisterhaft!

    5ratten

    Mir hat dieses Buch wirklich gut gefallen!


    Mäxchen und seine Oma:

    Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut wahnwitzige Geschichte aus seiner Perspektive und seine Grossmutter ist diejenige, um die sich alles dreht und wendet. Und auch die, die alles bewegt. Da sorgt sie schon selbst für.


    Wenn sie tatsächlich exisiteren würde und ich mich in ihrem Dunstkreis befände, würde ich sie möglicherweise manchmal hassen, aber ich lese wahnsinnig gern über sie: Max' Großmutter sprengt alle Dimensionen des Vorstellbaren. Und zwar in jeder Hinsicht! Denn so taktlos und übergriffig ihr Verhalten auch fast immer ist, sie verfügt ohne Zweifel über ein riesengroßes Herz. Auch wenn man das nicht immer merkt, nicht zuletzt, weil sie es nicht für jeden öffnet. Denn wo käme man dann wohl hin!


    Doch in dem Moment, als ihre Familie zusammenzubrechen droht, vor allem, weil ihr Mann sich einer anderen zuwendet, geht sie ganz besondere Wege, um das Gefüge zusammenzuhalten und neu zu justieren. Gerade sie, die in anderen Situationen nicht alle in ihrer Familie halten konnte. Oder wollte.


    Einmal mehr hat Alina Bronsky - nach dem wunderbaren "Baba Dunjas letzte Liebe" - einen kleinen Roman mit großem Inhalt geschaffen: wieder schreibt sie spritzig, tragikomisch, rührend, absurd, bewegend, liebevoll und stellenweise auch erschrecken und abstoßend - vor allem aber unglaublich originell. Und wenn es ein Museum für Romanhelden gäbe - jede einzelne ihrer Figuren wäre es wert, darin ausgestellt zu werden. Sie ist die einzige mir bekannte Autorin, die es vermag, mit wenigen Worten einen blumigen, ja wilden Stil zu kreieren und das ist eine Kunst, die man nicht lernen kann - sie ist tief in einem drin verwurzelt - so wie Max und seine Familie es in ihrer neuen Heimat Deutschland nie sein werden. Oder doch?


    Man muss ein bisschen nachdenken, um im Handlungsverlauf die Fäden zusammenziehen zu können, denn man ist als Leser immer an Max' Seite, der längst nicht alles sofort begreift und dem noch viel weniger erzählt wird - und der auf der anderen Seite schon früh eine erschreckend wache Auffassungsgabe vorweisen kann, aber ohne wäre er in dieser Familie nicht weit gekommen!


    Wenn in "Baba Dunja" Verwurzelung das zentrale Thema war, dann ist es hier Entwurzelung, Neubeginn, Selbstfindung - wählen sie eines davon oder auch alle zusammen. Ja, auch bei Alina Bronsky ist es nicht immer so eindeutig wie bei Baba Dunja, hier muss sich nicht nur Max nach der Auswanderung aus Russland neu orientieren, nein, auch der Leser muss für sich selbst zunächst einmal jeden Akteur und jedes Ereignis richtig platzieren und einordnen: Dann wird auf einmal alles sonnenklar und die Tragik wie auch der Humor können in ihrer Gesamtheit erst voll erfasst werden. Und man bekommt eine Ahnung davon, was der Begriff "russische Seele" so alles beinhalten kann.


    Mal wieder ein ganz besonderer Roman von Alina Bronsky - wenn es ein Lied wäre, würde ich sagen, es hätte Folk-Elemente - oder kann man diesen Begriff auch auf Literatur verwenden? Auf Alina Bronsky passt er auf jeden Fall genau!


    Wenn also - bspw. für eine Bahnfahrt - eine nicht allzu ausführliche, dabei aber genussintensive Lektüre gewünscht wird, dann ist dieses Büchlein aus meiner Sicht genau das Richtige - wie auch in Phasen leichter Trübsinnigkeit, in die kein platter Humor passen würde. Da ist die diesen Roman durchdringende Tragikomik genau das Richtige! Ein Roman, den ich nicht so schnell vergessen werde und der mich besonders berührt hat!

    5ratten


    Bei mir hat der Autor auch keine Chance mehr - schade!


    Nichts Halbes und nichts Ganzes

    Was habe ich mich auf diesen Fall und auf den Ermittler Fabian Risk gefreut, den ich durch Kommentare und Bewertungen als unheimlich charismatischen Typen abgespeichert hatte! Statt dessen traf ich einen überforderten Familienvater mit Eheproblemen und (aus meiner Sicht) schlechtem Musikgeschmack, der mit zur Auffrischung der Beziehung zu seiner Frau mit einem Besuch im Swingerclub liebäugelte. Und er trat erstmal - da beurlaubt - gar nicht als Teil der Ermittlerteams in Erscheinung, auch wenn er privat an dem ein oder anderen Fall herumdokterte.


    Das weitere Team - zu dem Risk irgendwann dann doch hinzustieß - war mit einer Reihe von Fällen beschäftigt, die mit rechtsradikalen Motiven, Kindesmißbrauch und Serienmorden an Frauen aus sexueller Motivation zu tun hatten - oder sich vielleicht auch vermischten. In mir keimte ab und an der Verdacht auf, dass der Autor Stefan Ahnhem selbst noch so recht keine Ahnung hatte, ob und wie das alles ineinander verstrickt war.


    Musste er auch nicht, da sich - zu meiner großen Enttäuschung - die wenigsten Fälle im Handlungverlauf auflösten, es erschien mir eher wie ein Intermezzo, das andere Handlungsteile miteinander verbindet und vor allem dazu gedacht ist, einen weiteren lukrativen Verkaufsschlager zu generieren.


    Ein bisschen hat mich all das an das gute, alte Mikado erinnert: Lauter Handlungsstränge, die wie Stäbchen auseinanderfallen & liegen bleiben. (Fast) Nichts davon wird aufgelöst. Es gab nicht nur einen Cliffhanger, sondern eine ganze Reihe davon, die sich an unterschiedlichen Stellen im Buch auftaten und dann einfach nicht wieder aufgegriffen wurden. Wahrscheinlich sollte ich nun gespannt darauf sein, wie sie sich auflösen werden und voller Erwartung dem nächsten Band des Autors entgegenblicken, doch das Gegenteil ist der Fall: in mir hat sich eine Art Trotzreaktion entwickelt: ich habe überhaupt gar keine Lust, mich weiter mit Fabian Risk und seinen Kollegen zu beschäftigen und breche meine Verfolgung ihrer Geschicke nach Vollendung der Lektüre dieses Bandes einfach ab! Basta!


    2ratten

    Ich war nicht ganz so begeistert wie meine "Vorschreiberinnen":


    Island im Herzen:

    Das hat Pias Großmutter Greta bereits seit vielen Jahrzehnten, denn als ganz junge Frau hatte sie dort 1949/50 ein Jahr verbracht, sozusagen als Gastarbeiterin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nämlich dort auf den Höfen Arbeitskräfte gesucht - eine der wenigen Möglichkeiten für deutsche Frauen für einen Neubeginn im Ausland.


    Doch Greta war nicht dort geblieben, im Gegensatz zu ihrer Schwester Helga, die auf Island eine Familie gegründet und nie mehr ihren Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat. Auch der Kontakt zwischen den beiden Schwestern war seit langem abgebrochen.


    Doch dann - wir schreiben das Jahr 2017 - kommt eine Einladung zu Helgas 90stem Geburtstag. Greta ist bereit, diese anzunehmen, doch nur wenn sie Verstärkung bekommt: Enkelin Pia und deren Tochter Leonie sollen sie begleiten. Trotz ihres sehr engen Verhältnisses zu Greta hat Pia keine Ahnung, was damals vorgefallen ist - die Großmutter weigert sich schlicht, darüber zu sprechen.


    Pia und vor allem Leonie können sich schnell begeistern - sowohl für die Umgebung als auch für die Bewohner. Wobei letztere durchaus ein wenig sperrig sein können, vor allem der männliche Teil.


    Island in seiner vollen Pracht - das bekommt der Leser - bzw. vielmehr die Leserin, es ist nämlich ein typischer Frauenroman - hier intensiv vermittelt, vor allem das Wesen der Isländer wird den Rezipientinnen nähergebracht. Auch die Informationen zu den historischen Ereignissen - zur Übersiedlung deutscher Arbeitskräfte, vor allem Frauen, nach Island, sind durchaus fundiert und ausgesprochen interessant.


    Doch so sehr ich Romane liebe, die auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen spielen - hier hat mir gerade bei dem Erzählstrang in der Gegenwart so einiges an handlungsfüllendem Leben, an Emotionen und Hintergründen gefehlt. Im Nachkriegsstrang war davon mehr vorhanden, doch auf beiden Ebenen war schnell abzusehen, worauf alles hinausläuft. Dadurch verliert sich aus meiner Sicht ein wenig die Bedeutsamkeit - ich merke bereits jetzt, wenige Tage nach dem Lesen, dass ich die Namen nochmal nachblättern muss, auch viele Teile der Handlung werden schnell aus meinem Gedächtnis entschwinden - ein Buch so leicht und luftig wie ein isländischer Sommertraum. Also sehr kurzlebig, wenn überhaupt vorhanden.


    Dennoch eine Leseempfehlung von mir - für einen unterhaltsamen Familienroman. Passt gut als Urlaubslektüre - nicht nur für Island-Reisende!

    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Ich fand das Buch eher mittelmäßig, aber dennoch lesenswert:


    Bonn als Zentrum der Politik und damit der Macht in der Bundesrepublik Deutschland: das ist ein mittlerweile vergangenes Kapitel und Bonn ist fast zu seiner einstigen Beschaulichkeit zurückgekehrt.


    Doch in den Nachkriegsjahren und bis nach der Wende war es tatsächlich die politische Zentrale des Landes und als solche wird sie hier von Brigitte Glaser dargestellt: Wir schreiben das Jahr 1972 und Willi Brandt ist gerade als Kanzler bestätigt worden, was seine fortschrittliche Politik der vergangenen Jahre - er war bereits seit 1969 Kanzler - bestätigte.


    Die Handlung des Romans spielt in den zwei Wochen ab der Wahl, in denen die Ereignisse einander jagen: mit Hilde Kessel, der Wirtin des "Rheinblick", der Logopädin Sonja und der Journalistin Lotti stehen drei Frauen im Fokus der Handlung, die in den Sog der damaligen politischen Ereignisse und auch Intrigen geraten.


    Nachvollziehbar schildert die Autorin, wie die so unterschiedlichen Frauen; die mit beiden Beinen im Leben stehende Hilde, die mühsam versucht, die Nachwirkungen ihrer traumatischen Kriegserlebnisse aus dem Alltag herauszuhalten und die beiden jungen, nach dem Krieg geborenen Frauen auf vollkommen unterschiedliche Weise mit den politischen Ereignissen in Berührung kommen. Hilde führt seit langen Jahren den "Rheinblick", Treffpunkt der unterschiedlichsten politischen Player, die an Politik nicht sonderlich interessierte Sonja wird im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit vor eine ganz besondere Herausforderung gestellt und Lotti, die für eine süddeutsche Provinzzeitung tätig ist, tut fast alles, um ihren ersten großen Artikel platzieren zu können.


    Ein wirklich interessanter Roman für mich, die ich mit Bonn - damals das politische Zentrum - von Kindesbeinen an vertraut bin und den Wandel der Stadt sozusagen hautnah miterlebt habe. Die Idee, verschiedenen Perspektiven "sprechen" zu lassen, ist wirklich gut, allerdings ist die Darstellung, vor allem, was das Personalgefüge anbelangt, etwas überladen. Zu viele Akteure, die in zu viele Ränke verwickelt sind, haben mich stellenweise verwirrt und beim Lesen aus dem Konzept gebracht. Ein Personalverzeichnis zu Beginn des Buches wäre hilfreich gewesen, die Konzentration auf weniger Charaktere und Ereignisse ebenfalls.


    So hat mir das Buch nicht ganz so gut gefallen wie andere Bücher der Autorin, deren langjähriger Fan ich bin. Dennoch ist es wichtig, originell und lesenswert und ich lege es jedem auch nur halbwegs politisch und zeitgeschichtlich interessierten Leser ans Herz!

    3ratten




    Ich war auch sehr beeindruckt - und schockiert!


    Lesefreudige Frauen sollten für die Lektüre dieses Thrillers starke Nerven mitbringen, denn zu ertragen, was hier im Verlauf der Handlung ihren Geschlechtsgenossinnen zustößt, ist fast unerträglich! Durch eine Partnerschaftsplattform im Internet angelockt von einem galanten Adonis, verwandelt dieser sich beim trauten Tete á Tete in eine Bestie, der die Frau zunächst stundenlang mißbraucht, dabei foltert und dann umbringt. Und das alles vor den Augen gut zahlender Zuschauer, die das genüsslich kommentieren und die DVD - zum wiederholten Betrachten zu Hause danach mit auf den Weg bekommen. Wie auf einem Familienfest! Ja, es ist wirklich unglaublich, was hier vor sich geht.


    Doch Staatsanwältin CJ Townsend ist in ihrem mittlerweile vierten Fall den Männern auf der Spur - zumindest einigen. Sie ist nämlich nicht nur als Ermittlerin in diese Verbrechen involviert. Wird sie alle bekannten Fälle - dreizehn an der Zahl - auflösen können?


    Zumindest kann so viel verraten werden, dass einige der Hinterbliebenen eine bittere Genugtuung erfahren - und andere das genaue Gegenteil.


    Jiliane Hoffmann schreibt so eindringlich wie möglich, so brutal wie nötig. Allerdings sei nochmal gesagt, dass hier Notwendigkeit zur genauen Erläuterung von Gewaltausübung ausgesprochen hoch ist, es geht also nicht gerade sachte zu. Die Autorin begibt sich in die dunkelsten Gefilde menschlicher bzw. männlicher Begierden, wenn man das so nennen kann.


    Auf der anderen Seite jedoch gibt sie durch diesen Thriller Frauen ihre Würde zurück - auf eine durchaus ungewöhnliche Art und Weise. Dadurch wird dieses Buch zu etwas ganz Besonderem, finde ich.


    Ich kannte die Cupido-Reihe bisher nicht, hatte aber überhaupt kein Problem, beim vierten und letzten Band einzusteigen. Der Leser wird genau dort abgeholt, wo er jeweils steht. Lesenswert für Frauen und für diejenigen, denen die Geschicke der Frauen am Herzen liegen. Aber nur dann, wenn sie wirklich hart im Nehmen sind!

    4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Ich war leider längst nicht so begeistert vom dritten Dicker-Roman:


    Theater, Theater

    ist im nunmehr dritten Roman des französischen Autors Joel Dicker immer wieder ein Thema, denn bereits seit Jahren findet im zentralen Schauplatz der Handlung, dem kleinen Küstenstädtchen Orphea in den idyllischen Hamptons nahe New York jeden Sommer ein inzwischen durchaus angesehenes Theaterfestival statt. Im Jahre 1994 fand am Rande der Eröffnungsveranstaltung eine Tragödie statt, die insgesamt vier Opfer forderte - eine dreiköpfige Familie und eine junge Frau. Die herbeigerufenen Ermittler der State Police Jesse Rosenberg und Derek Scott fanden den Mörder schnell.


    Nun, zwanzig Jahre später muss sich Jesse Rosenberg von der jungen Journalistin Stephanie Mailer sagen lassen, dass der richtige Mörder noch frei herumläuft. Bevor er mehr erfahren kann, ist sie spurlos verschwunden.


    Rosenberg und Scott finden sich in einer Situation, die neue Untersuchungen erfordert, da es weitere Opfer gegeben hat. Dabei werden sie von der lokalen Beamtin Anna Kanner unterstützt.


    Und es gibt so einiges, was geklärt werden muss - in der Stadt hat es so einige Entwicklungen gegeben, die nicht allzu stimmig sind. Bald schon deutet sich eine Sensation an: am Eröffnungsabend des Theaterfestivals soll im Handlungsverlauf des aufgeführten Stückes der Name des Mörders verkündet werden.


    Alles in allem gibt es eine Menge Hamptons, die jedoch aus meiner Sicht um einiges eindringlicher hätte beschrieben werden können, zwei (von drei) Ermittler, die ein ganz schönes Päckchen zu tragen haben und so einige schräge bzw. ungewöhnliche Charaktere - und eben das Theater.


    Beim Eröffnungsstück findet sich neben dem Regisseur, einer Schlüsselfigur aus dem Jahre 1994, so einige Charaktere unter den Schauspielern wieder, die schon vor zwanzig Jahren im Zusammenhang mit den Morden eine kleinere oder auch größere Rolle spielten.


    Und immer wieder stellte sich mir die Frage der Authentizität - wie gut kennt der Franzose Dicker die USA und speziell die Hamptons wirklich? Basiert das alles auf Rezipiertem, auf Recherchiertem oder auf Erdachtem?


    Leider tun sich in diesem durchaus unterhaltsamen Roman aus meiner Sicht so einige Schwachstellen hinsichtlich Logik und Glaubwürdigkeit auf - auch einiger Klischees hat sich der Autor fleißig bedient. Das gab es auch in den beiden vorherigen Romane des Autors, doch waren diese zu vernachlässigen, was diesmal leider nicht der Fall ist, zumal auch noch etliche Längen dazu kommen.

    Süffig zu lesen ist dieser Roman allemal, aber leider definitiv nicht das erhoffte Meisterwerk des Autors. Im Gegenteil muss man sich im Vergleich zu den Vorgängerromanen auf die ein oder andere Enttäuschung gefasst machen.

    3ratten

    Mir hat es leider nicht ganz so gut gefallen...


    Je ne regrette rien! Nach diesem Motto, das der Titel ihres mit Abstand berühmtesten Liedes werden sollte, lebte Edith Piaf offenbar schon in ihren jüngeren Jahren: bevor sie berühmt wurde. Ein tristes Leben garniert mit Begegnungen mit den richtigen Menschen - so hat sie es etwas gebracht.

    Dieses Buch behandelt die letzten Kriegsmonate und die unmittelbare Nachkriegszeit, in der die Piaf wie so viele ihrer Landsleute in den Verdacht geriet, gemeinsame Sache mit den Boches, den Deutschen also, gemacht zu haben. Dabei hatte sie - so ihre Darstellung - doch nur die kriegsgefangenen französischen Soldaten unterhalten. Sie kam gerade noch so davon.

    Es sind Männer, die ihr weiterhelfen, mit vielen verbindet sie mehr als das berufliche Interesse, doch dann stößt sie auf einen, mit dem es läuft wie mit keinem. Ganz anders nämlich.

    Es handelt sich um Ivo Livi, groß und hübsch und etliche Jahre jünger als sie. Er wird zu ihrem Protegé und bald auch Liebhaber. Der Name sagt Ihnen nichts? Nun, dann aber vielleicht sein Künstlername, Yves Montand nämlich. Wird es einen gemeinsamen Weg für sie beide geben?

    Insgesamt ist dies aus meiner Sicht ein mäßig unterhaltsamer Roman, in dem die politische und gesellschaftliche Situation in jener Zeit eine vollkommen minimale Rolle spielt. Es geht wirklich fast ausschließlich um Edith Piafs Karriere und die damit verbundenen Entwicklungen, es kommen reihenweise Charaktere vor, die meiner Ansicht nach im Anhang hätten einzeln aufgeführt werden müssen. So erfuhr ich die Lektüre als ziemlich verwirrend.

    Ja, der Leser macht einen Sprung in das Leben des Spatzen von Paris, doch ist dies aus meiner Sicht ein ziemlich verwirrender Sprung!

    3ratten

    Ich fand es auch eher so mittelmäßig


    "Bitte bring mich zum Beben" (S.153)

    Dieser Satz fällt während eines Gesprächs bei einer Sexhotline. Es ist kein gewöhnliches Gespräch,denn beide Teilnehmer haben Namen: Yvonne und Joe nämlich. Ach nein, heißen sie doch Marie und Gottlieb?


    Was stimmt, was ist wahr, was erfunden? Diese Frage stellt sich der Leser nicht nur an diesem Punkt, nein, eigentlich ist jede Aussage der beiden Telefonpartner fragwürdig.


    Es ist zunächst ein unverbindliches Geplänkel, aus dem irgendwann mehr wird. Ein "Mehr", das man als alles Mögliche bezeichnen kann, nur nicht als Telefonsex. Oder wenn, dann nur am Rande.


    Worauf die beiden bzw. der Anrufer; nennen wir ihn nun Gottlieb, hinauswollen? Verrate ich Ihnen nicht, nur so viel, es kommt noch eine zweite Marie im Gespräch vor, ein Kind, eine Lehrerin und ein Hausmeister. Hilft Ihnen nicht viel weiter?


    Soll es ja auch nicht, denn so ein kurzer Text ist schnell gelesen, sofern Sie sich dazu entschließen. Keine Frage, es ist eine kurzweilige Lektüre, denn Bernhard Aichner schreibt gewohnt leichtfüßig und eloquent. Weswegen ich ihn ja auch sehr schätze.


    Allerdings macht es für mich einen Unterschied, ob er diese Fertigkeiten in das eher schwere, düstere Setting seiner Krimis steckt oder in eine von Beginn an federleichte Geschichte, in eine Geschichte mit Kaschmirgefühl. Das stelle ich mir vor als das ultimative Wohlfühlgefühl, eines, in das man während des Lesens einsinkt, um sich nie wieder davon lösen zu wollen.


    Dafür war mir die Geschichte zu dünn: anfangs zu belanglos, später dann zu wenig überraschend. Auch wenn ein Roman von Bernhard Aichner natürlich immer lohnenswert ist in dem Sinne, dass er keine verschwende Lebens- und Lesezeit darstellt. Wenn Sie bspw. unbedingt erfahren wollen, wer wen zum Beben bringen soll und warum. Oder auch aus einem anderen Grund. Aichner geht immer - aber sein bester ist das hier nicht. Finde ich zumindest.

    3ratten


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    Liv und die Wikinger: Oder wie man sonst die wilden nordischen Gesellen so bezeichnet, die den alten Göttern huldigen. In diesem Krimi zeigt sich Sylt überhaupt nicht als Insel der Reichen und Schönen, sondern vor allem als ein ursprüngliches Stück Land inmitten der Nordsee mit ebenso ursprünglichen, traditionsbewussten (Ur)Einwohnern, die eine eigene Sprache sprechen.. Von ihnen stammt Liv Landers, die junge Kommissarin ab, doch hat es sie aufgrund komplizierter Verwandtschaftsverhältnisse nach Flensburg verschlagen, wo sie - gerade mal um die 30 - mit Großmutter Elise und Sanna, ihrer pubertierender Tochter lebt. Und arbeitet. Außer, es verschlägt für einen Fall mal wieder nach Sylt.


    Der aktuelle hängt eng mit den regionalen Traditionen zusammen, hat sich doch am Rande des traditionsreichen Biike-Feuers ein Mord ereignet - an Gerhard, einem jungen Mann, der seinerseits eine starke Bindung zu den alten Riten hatte. Und seine Verlobte ist verschwunden. Auch als sie wieder auftaucht, völlig durcheinander, können zunächst einmal keine Zusammenhänge hergestellt werden. Ist der gesamte Freundeskreis verdächtig? Noch ratloser werden die Ermittler, als auf einmal deutlich wird, dass ein Apothekerpaar mit Sohn immer wieder im Rahmen der Ermittlungen auftaucht. Und diese Familie huldigt ganz klar nicht den Göttern, sondern dem schnöden Mammon!


    Ein Krimi, in dem das Privatleben der Ermittlerin Liv Landers stark im Vordergrund steht. Ich finde, es passt gut zu dem Setting und dadurch intensiviert sich auch ein anderer Eindruck von Sylt: nämlich das Bild als Nicht-Nur-Touristen-Insel.


    Insgesamt ein runder Fall, am Ende fehlte mir ein kleines bisschen die Spannung: nachdem alles fest stand, wurde es nochmal aufgerollt und wieder und wieder beleuchtet, das war aus meiner Sicht viel zu langatmig. Dennoch war dies nur ein geringer Störfaktor, denn dies ist definitiv eine Reihe, bei der ich am Ball bleibe, bei der sich die Protagonistin von der Masse absetzt dank verschiedener Alleinstellungsmerkmale. Ich mag Liv sehr gern, sie ist so authentisch und einfach ein Typ. Kein unkomplizierter, aber ganz klar ein liebenswerter. Ich mag besonders gern an ihr, dass sie kein bisschen zickig ist und dass sie ein ebenso guter Kumpel für Männer wie für Frauen ist - wenn man sie lässt. Auf ihren nächsten Fall freue ich mich schon jetzt!

    4ratten


    Ich kann diesem Roman - wie momentan so vielen - nicht viel abgewinnen. Im Nachhinein frage ich mich sogar, warum es drei Sterne geworden sind.


    Auf der Suche nach Erfahrungen sind die fünf Frauen, um die es in Daniela Kriens Roman "Die Liebe im Ernstfall" geht. Für mich ist es eher eine Sammlung von fünf (längeren) Kurzgeschichten, denn jede der hier vorgestellten Frauen hat ihre Geschichte - und diese haben nur bedingt miteinander zu tun. Denn es ist nicht so, dass sich alle fünf Frauen kennen - jede kennt manche davon und nur Judith kennt alle - die meisten allerdings im Rahmen ihrer Tätigkeit als niedergelassene Hausärztin.

    Und alle diese Frauen haben Wünsche und Sehnsüchte, vor allem aber Erfahrungen. Erfahrungen in einem Bereich, nämlich in der Liebe. Um sie geht es hier und zwar nicht nur im Ernstfall.

    Ich muss gestehen, ich bin nicht zum Fan dieses Romans geworden: vor allem deswegen, weil die Frauen nicht eindringlich genug charakterisiert wurden. Und ihre Liebesgeschichten - von denen durchaus viele Folgen hatten - waren aus meiner Sicht nur selten Ernstfälle. Oftmals mit unsympathischen Männern. Oder auch die Frauen wurden in der Konfrontation der bestehenden oder vergehenden Liebe zu Unsympathinnen.

    Hier rein, da raus - das ist leider mein Fazit dieser Lektüre, die - durchaus gefällig geschrieben - sich nicht allzu tief in meinem Bewusstsein eingenistet hat - ich habe fast schon während des Lesens vergessen, was es mit der vorherigen Frau eigentlich auf sich hatte.

    Für mich sind alle fünf Frauen, die ihre innere Zerrissenheit zelebrieren, jede auf ihre eigene Art und teilweise auch nur zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens. Das kann spannend sein, doch die verlorenen Chancen, die bei einer Monika Zeiner oder Vea Kaiser witzige, spritzige oder auch tiefgründige Folgen haben, verpuffen hier vielfach im Nichts.

    3ratten

    Es gibt so viele neueIdeen, die mich begeistern konnten, da sie mir so noch nicht begegnet sind.Auch das Setting fand ich einmalig und einfach phantastisch, auch wenn ich mirhier genauere Beschreibungen gewünscht hätte, um ein genaueres Bild vor meineminneren Auge haben zu können. Die Handlung war spannend und die Figuren konntenmich mit ihrer Vielschichtigkeit überzeugen

    Das kann ich nur unterstreichen!

    Ich lese ja nie Fantasy - fast nie! Hier habe ich eine Ausnahme gemacht und hatte meinen Spaß!


    Ophelia ist ein kleiner Blaustrumpf und mit ihrem Dasein auf der Arche Anima - einem der 21 Teile, "Archen" genannt, in die die Erde vor langer Zeit auseinanderbrach - sehr zufrieden. Denn sie hat ihren Traumjob als Leiterin des lokalen Museums und kann ausserdem lesen - was ganz anders gemeint ist, als das, was wir darunter verstehen: sie kann nämlich durch Berührung die Geschichte verschiedener Gegenstände "lesen", eine Gabe, über die auch in ihrer Heimat nicht gerade viele verfügen. Auf eine Ehe hatte sie bisher keine Lust, aber nun hat sie keine Wahl: an oberster Stelle wurde beschlossen, dass sie heiraten soll und zwar einen Mann von der Arche Pol - wo es wirklich so kalt ist, wie an den Polen, die wir auf der Erde kennen. Eine politische Zweckhochzeit also.

    Ophelia hat keine Wahl: sie muss bereits vor der Hochzeit nach Pol umsiedeln, an ihrer Seite, quasi als Anstandsdame ihre Patentante Roseline.

    Ihr Verlobter Thorn holt sie ab und entpuppt sich als überaus schweigsamer, nicht gerade zugänglicher Zeitgenosse. Und ein bisschen beängstigend: kein Wunder, gehört er doch zum Klan der Drachen.

    Ophelia und Roseline werden zunächst bei Thorns Tante Berenilde in der Himmelsburg untergebracht, wo höchst eigenartige Dinge vor sich gehen, aber das ist längst nicht alles...

    "Die Spiegelreisende" - das ist Fantasy auf französisch und zwar im besten Sinne: intelligent und charmant, auch vieldeutig, ohne jemals anrüchig zu werden - elegant natürlich und eloquent - auch in der Übersetzung (weswegen ich annehme, dass auch das Original die Merkmale erfüllt).

    Der vorliegende Band markiert Teil 1 eines Vierteilers und ist für nicht zu junge Jugendliche geeignet, aber mindestens genauso gut für Erwachsene - ich las es mit großer Spannung und steigender Begeisterung. Das Einzige, was mich richtig enttäuschte, war das sehr abrupte Ende. Es ist halt wirklich ein "richtiger" erster Teil, einer der nichts ist ohne die nachfolgenden.

    Denn er beinhaltet wenn überhaupt, dann ein nur sehr provisorisches Ende, ich würde es eher als Abschluss bezeichnen. Einer, den ich nur mit sehr großer Ungeduld und auch nur sehr vorübergehend akzeptieren kann. Denn schon jetzt zittert alles in mir dem nächsten Band, bzw. den folgenden dreien entgegen, um endlich zu erfahren, ob "die" wirklich gestorben sind, ob Ophelia tatsächlich Besuch aus der Heimat erhält und um noch massenweise Antworten auf andere, zentralere Fragen (die ich hier gar nicht erst aufwerfe, um nicht zu viel zu verraten) zu erhalten.

    Eine neue Welt, die ich im Herzen behalten will. Auf jeden Fall!

    5ratten