Beiträge von TochterAlice

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Moderne Zeiten

    Eine ungewöhnliche Familie ist die Familie Reiner, die 1925 nach Juist zieht - gänzlich unkonventionell, wie es scheint. Die neue Schule, die dort entstehen soll, geht eigene Wege, sie folgt nämlich neuen Ansätzen. Ebenso wie das angegliederte Internat.


    Ein historischer Roman über ein Modell der Reformpädagogik - ein spannendes und interessantes Thema. Und vor allem: Es geht nicht nur darum, sondern auch um die Akzeptanz dieser neuen Schulform. Und damit können die Ureinwohner von Juist so gar nichts anfangen. Auch die zwei Welten, die hier aufeinander treffen, bilden einen wichtigen Bestandteil der Handlung: Hier trifft Modernes auf Althergebrachtes und das ist noch nie ohne Reibereien abgelaufen.


    Sorgfältig, mit Liebe zum Detail, ganz, wie man es von ihr gewohnt ist, beschreibt Autorin Sandra Lüpkes dieses Szenario - eine Thematik, die ich sehr genossen habe! Es sind nämlich nicht nur die genannten zwei, sondern es sind gleich mehrere neue Welten, die man als Leser hier betritt. Und die ich viel zu früh wieder verlassen musste - fast wünsche ich, es gäbe einen zweiten Teil!

    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Heute möchte ich mal vor einem Buch warnen - auch wenn Euch "Das Erbe der Rosenthals" gefallen hat, rate ich ausdrücklich von der Lektüre des Nachfolgeromans ab. Mehr dazu hier:

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    Eine zusammengestückelte Geschichte

    Nach dem aufwühlenden Roman "Das Erbe der Rosenthals" über die schicksalhafte und für die meisten Passagiere fatale Flucht nach Kube mit dem Schiff St. Louis, eines realen und besonders tragischen Ereignisses im Dritten Reich, war ich auch an dem Nachfolgeroman des Autors interessiert.


    Die Familie Sternberg, ebenfalls aus Berlin, hatte ein etwas anderes Schicksal: hier begab sich die Mutter Amanda Sternberg mit den beiden Töchtern Viera und Lina alleine auf die Flucht und nur Viera, die Ältere landete auf der St. Louis. Desweiteren geht es um das Leben von Amanda und Lina in Frankreich. Was ist das für ein Durcheinander, das da auf den Leser zukommt! Ständig fallen Charaktere , gerade auch Hauptfiguren, weg, kommen neue hinzu, werden weder richtig aus der Geschichte entlassen noch anständig eingeführt. Es gibt keine einzige wirklich lebendige dargestellte Figur, die die Handlung durchgehend tragen könnte.


    Es gibt auch einen Handlungsstrang in der Gegenwart, der ebenso bedeutungs- und zusammenhanglos dahindümpelt. Leider ist hier wirklich gar nichts gelungen an dem Roman!


    Ich möchte potentiellen Lesern daher nicht nur NICHT zu dem Buch raten, ich möchte ihnen sogar explizit von der Lektüre abraten, denn hier erhält man weder einen realistischen Eindruck von den Geschehenissen in Frankreich während des Krieges noch werden andere wichtige Informationen zum Zeitgeschehen im erforderlichen Umfang vermittelt und ein literarischer Genuss ist es schon gar nicht. Nur ein Satz mit X - für mich jedenfalls.

    1ratten


    Was soll man sagen - auch ich habe diese Lektüre sehr genossen!


    Micha bröckelt


    Vor allen Dingen tut das ihre Sprache - ihr fallen keine Wörter mehr ein, sie kann sich nicht mehr richtig ausdrücken. Gerade sie, für die Sprache ihr Leben lang alles bedeutet hat - oder zumindest sehr, sehr viel.


    Ein alltägliches Ereignis ist es also, auf das Autorin Delphine de Vigan ihre Romanhandlung aufbaut - die plötzliche Konfrontation mit dem eigenen Alter und dem seiner Lieben, die Ohnmacht in Bezug auf die Endlichkeit des Seins. Um die achtzig wird Michka sein, so erschließt es sich im Lauf der Handlung und sie möchte ihre Retter kennenlernen. Michka wurde nämlich als kleines Kind von einem Paar versteckt und zwar über mehrere Jahre hinweg. Nur dunkel erinnert sie sich daran, kennt nur noch ihre Vornamen.


    Die Suche gibt sie trotz ihres eigenen Alters nicht auf und sie findet Unterstützung. Vor allem in der jungen Marie, der sie über Jahre hinweg sehr geholfen hat, aber auch in Jerome, ihrem Logopäden.


    Trotz der mehr als knappen Form ein wirklich warmherziger Roman, der den Leser dazu auffordert, einen Blick - oder auch mehr - auf die Senioren in seiner Umgebung zu werfen, ihre Nöte, Bedürfnisse und Defizite zu sehen und sie zu unterstützen, gerade dann, wenn man ihnen nahesteht. Und das muss nicht unbedingt nur die eigene Verwandtschaft oder die des Partners betreffen. Nein, dieser Roman feiert die Wahlverwandtschaften, was ihn mir besonders sympathisch werden lässt. Und die kleinen bzw. späten Schritte im Leben. Zu beiden ermuntert die Autorin, denn: es kann sich immer noch was ergeben. Nur nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen!

    5ratten

    Ich fand es nicht schlecht, aber es hatte ziemliche Längen:


    Prall und sinnlich

    Wie man sich eben so das Leben im Zeitalter der Rennaissance so vorstellt - so ist auch diese Romanbiographie über den Künstler Raffael.


    Es geht rund und zwar in jeder Hinsicht: sowohl Ränke und Intrigen als auch jede Menge Frauengeschichten spannen sich um den Maler und seine Zeitgenossen. Da machte es nichts, dass er zeitlebens inmitten des Klerus lebte und wirkte - Medici und Borghia sind nur zwei Namen, die deutlich werden lassen, dass Kirche und Enthaltsamkeit damals zwei verschiedene Paar Schuhe waren.


    Wir lernen den Künstler Raffael hier als geselligen und lebensfreudigen Mann kennen, dem seine Mitmenschen am Herzen lagen - so oder ähnlich mag er wohl gewesen sein und ähnlich waren auch die Geschichten, die um ihn kreisten.


    Ab und zu war es mir dann doch ein wenig zu üppig und zu viel: auch wenn der Autor Noah Martin dem Werk eine akribisch geführte Liste aller Handelnden vorangestellt hat, war es mir im Endeffekt dann doch ein wenig zu kleinteilig, zu langatmig und insgesamt ein bisschen des Guten zu viel. Auch wenn ich ihn insgesamt sehr gerne gelesen habe, den Roman um Raffael und seine Zeit!

    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Auch mir hat dieser Roman sehr gefallen!


    Härtefall Mädchen

    Das Mädchen, das uns hier die Geschichte ihres Aufwachsens, also ihre Coming-of-Age-Geschichte erzählt, ist quasi von Geburt an ein Opfer, eine Gejagte. Ebenso wie ihre Mutter und zwar aus dem einfachen Grunde, dass beide weiblichen Geschlechts sind. Das macht sie aus der Sicht ihres Vaters bzw. Ehemannes per se zu verachtenswerten Geschöpfen.


    Die Mutter vergeht daran, sie trocknet förmlich aus und wird - aus der Sicht ihrer Tochter - zu einer Amöbe. Doch für sich selbst lässt diese Tochter, das erzählende Mädchen das nicht zu. Wenngleich sie in den Jahren ihres Aufwachsens größte Erniedrigungen erlebt und so gut wie gar keine Unterstützung von zu Hause erhält, schafft sie es, stark zu werden und ihren Weg zu finden. Der der einer Hochbegabten ist.


    Ein Roman, der zeigt, dass Getriebene sich nicht in ihr Schicksal fügen müssen. Dass sie sich nicht unterwerfen und preisgeben müssen, denn es gibt immer noch eine Chance. Allerdings eine, die man nur sieht, wenn man sich selbst (er)kennt.


    Ein sehr besonderes, kraftvolles Buch, das man jungen Menschen, vor allem jungen Frauen bzw. Mädchen an die Hand geben sollte!

    5ratten

    Für mich war es auch ein Highlight - ebenso wie danach für meine Freundin und ihre Mutter (wird in ein paar Tagen 87)!


    Übrig geblieben

    ist Violet nach dem großen Krieg, dem bitteren Stellungskrieg im zweiten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts, in dem ihr Liebster fiel, ebenso wie ihr großer Bruder. Sie gehört zu der Generation der überschüssigen Frauen und ist allein - auch noch dreizehn Jahre nach diesem Krieg, den wir heute den Ersten Weltkrieg nennen, also zu Beginn der 1930er Jahre und wahrscheinlich für immer. So denkt sie, als sie nach Winchester umsiedelt, um ein neues Leben, fern von ihrer Mutter zu starten. Wobei es geographisch gesehen ein Katzensprung ist, nämlich nicht mehr als 12 Meilen. Aber mit dem Antreten einer neuen Stellung in einer für sie neuen Stadt, in der sie ganz auf sich gestellt ist, beginnt für Violet eine neue Lebensphase, eine, in der sie ganz auf sich allein gestellt ist.


    Um es vorwegzunehmen: sie bleibt es nicht, aber auf ganz andere Art, als sie es vorgestellt oder gar gewünscht hat. Sie erlebt sowohl Liebe als auch Gemeinschaft auf eine ganz neue Art, lernt, sich zu behaupten, aber auch - zu leiden. Sie lernt Menschen kennen, die ihr ein Vorbild sind, solche, vor denen sie sich fürchten lernt und Menschen, die ihre Hilfe brauchen. Und die ihr umgekehrt ebenfalls zur Seite stehen. Und einen liebenswerten Menschen, der ihr Herz voll, aber auch schwer werden lässt.


    Es ist immer wieder herrlich, zu erleben, wie eindringlich Tracy Chevalier in ihr jeweiliges Setting einführt - ich fühle mich jedes Mal wie ein Teil davon. Sie filtert die wesentlichen Faktoren - wie diesmal das Schicksal einer alleinstehenden Frau mittleren Alters - klar heraus und setzt mit ihren Schilderungen packend ein - genau an der richtigen Stelle. Diesmal in den frühen 1930er Jahren im englischen Kleinstadtmilieu, wo es eine ganze Generation übriggebliebener Frauen wie Violet gibt - die Männer blieben zurück auf den Schlachtfeldern von Passchendaele, an der Somme und anderen Schauplätzen des Ersten Weltkriegs.


    Was für ein hartes Leben sie als alleinstehende, immer noch stark benachteiligte Frauen hatten, ist uns heute gar nicht mehr bewusst - Violet hat es mir deutlich gemacht mit ihrem Minigehalt als Schreibkraft, mit dem sie sich kaum über Wasser hält. Um sich einen Urlaub der einfachsten Kategorie leisten zu können, muss sie ihren Bruder um Unterstützung bitten.


    Erfüllung findet sie - man glaubt es kaum - im Sticken von Knie- und Sitzkissen für die Kathedrale von Winchester inmitten einer Gemeinschaft von Frauen, von denen ihr einige zu Freundinnen werden. Und auch sonst erlebt sie Ungeahntes und Unverhofftes in Winchester und um Winchester herum.


    Ein großartiges, ein kraftvolles Buch, das die Frauen und ihren steinigen Weg, den sie im Verlauf der historischen Entwicklungen gingen, feiert. Ich konnte es nicht aus der Hand legen und es wird noch lange in mir nachhallen.

    5ratten

    Ich fand es nicht ganz so schlimm, bin aber ebenfalls ein bisschen enttäuscht worden:


    Auf der Flucht

    ist Roses Mutter Elise und zwar schon seit - für Rose - ewigen Zeiten. Sie verschwand nämlich kurz nach Roses Geburt und die liegt schon weit über 30 Jahre zurück. Das ist die Information, die Rose von ihrem Vater Matt erhält - er weiß nichts über Roses weiteres Schicksal. Sagt er.


    Allerdings gibt er Rose einen ebenso wichtigen wie verwirrenden Hinweis: Die Autorin Constance Holden, von der Rose noch nie etwas gehört hat, könnte mehr wissen. Oder sogar etwas mit dem Verschwinden zu tun haben. Sie war einst eine gefeierte Bestsellerautorin und Matt zufolge hatte Elise mir ihr eine Beziehung, bevor sie Matts Frau und Roses Mutter wurde. Rose rückt dieser mysteriösen Person, die offenbar in den 1980ern ein richtiger Star war, zunächst über ihre Bücher näher und begibt sich dann auf die Suche nach der Person Constance. Doch die ist nicht leicht zu finden...


    Der Leser ist Rose immer meilenweit voraus, denn der Roman ist in zwei Erzählstränge gegliedert: einer rankt sich - wie geschildert - um Rose und ist in den Jahren 2017/2018 angesiedelt, im anderen steht Elise im Mittelpunkt und er spielt in den frühen 1980er Jahren, noch vor Roses Geburt. Wir wissen während der Lektüre also einiges mehr über Elise als ihre Tochter - aber längst nicht alles.


    Und das wird sich bis zum Ende des Romans leider auch nicht so recht ändern, denn der blieb zumindest für mich relativ undurchsichtig und enttäuschte mich damit. Ebenso wie die in einigen Passagen recht schlichte Sprache der Autorin. Auch wenn mir der Roman zumindest zu Beginn recht gut gefiel und sich auch durchaus süffig las, hat er leider nicht so recht meine Erwartungen erfüllt. Auch wenn mir die Idee durchaus gefiel. Aber den Umsetzungen der Autorin konnte ich trotz meiner Neugierde oft nicht so recht folgen. Aber vielleicht habe ich sie auch einfach nicht verstanden...

    3ratten

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    Mit Glas aufgewachsen, aber nicht aus Glas


    sind die beiden Zwillingsschwestern Dunja und Saphie, die bei Romanbeginn kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag stehen und tatsächlich am selben Tag - einem unwirtlichen Tag im Januar - ihre Männer verlieren. Wobei der von Dunja eigentlich nur (noch) der Vater ihrer bereits erwachsenen Kinder ist - sie hatte sich ein Jahr vor seinem Tod von Winne getrennt und verheiratet waren sie sowieso nicht gewesen. Ganz im Gegensatz zur kinderlosen Saphie, die nun Erbin eines Hotels ist. Auch sie hat sich jung gebunden und das Hotel fast im Alleingang geschmissen und dazu hat sie nun keine Lust mehr. Umso besser, dass Dunja, die in ihren Heimatort zurückkehrt und bei Saphie einzieht, überraschend großes Interesse am Hotel zeigt. Es bahnt sich ein Wechsel der Rollen an - Saphie gibt das Organisieren und Führen auf und entgegen ihrem bisherigen Ansatz schlägt sich Dunja ganz gut damit. Immer erfolgreicher sogar.

    Auch wenn Dunja und Saphie nicht aus Glas sind, sondern durchaus ihre Geheimnisse haben - durchaus auch voreinander (uns Lesern werden sie von der Autorin Franziska Hauser dankenswerterweise sukzessive offengelegt) sind ihre Charaktere glasklar vor Augen. Ich habe die beiden immer so unterschiedlich reagierenden und auch agierenden Zwillinge stets deutlich vor Augen, ebenso wie Dunjas Kinder, den folgsamen und gelegentlich auch formbaren Jules und die eigenwillige Augusta. Nicht ganz so klar erschliesst sich mir das Wesen der dritten Glasschwester, der um zehn Jahre jüngeren Lenka. Wieso das so ist und wieso sie so anders ist als ihre beiden "großen" Schwestern Saphie und Dunja - auch das wird uns von der Autorin glasklar vermittelt.

    Ebenso wie wir so einiges über die Eltern der Drei erfahren, ihre Mutter Brigäne und den Vater, einen Glasbläser, der nach der Wende diese Tradition seiner Familie nicht mehr aufrechtzuerhalten vermochte.

    Ein Roman ganz nach meinem Geschmack, ich konnte direkt ganz wunderbar darin eintauchen. Sehr komplex schildert Franziska Hauser das neue Leben der beiden Schwestern und ihrer (Wahl)Verwandten - ja, es gibt noch Jorge, einen ehemaligen Schulkameraden, der vor allem in Dunjas Leben eine entscheidende Rolle spielt sowie seinen Onkel, der auch nicht ganz "ohne" ist.

    Mir gefallen auch die kleinen eingefügten Familiengeschichten, bspw. dass Jules als Kleinkind auf eine (etwas anders formulierte) Anweisung seiner Mutter Augustas Gesicht ableckte und sie daraufhin aufhörte zu weinen. Eine köstliche kleine Episode, die Sie erst verstehen werden, wenn sie in den Roman versinken.

    Dies fiel mir überhaupt nicht schwer und ich konnte das Buch auch nicht aus der Hand legen, bevor ich am Ende angelangt war. Was für Ideen, was für ein Stil! Dass Franziska Hauser nicht nur Autorin, sondern auch Fotografin ist, merkt man an den vielen Bildern, die sie auch mit Worten darzustellen vermag. Tatsächlich hat sie eine ganz eigene Art des Schreibens, die mir sehr nahegeht, entwickelt.

    Insgesamt ein wirklich wundervolles Buch ganz nach meinem Geschmack - eine bittersüße Familiengeschichte der besonderen Art! Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingsautorin: die Gewitterschwimmerin hat es mir ja schon angetan und dieses Buch gefällt mir noch besser!

    5ratten

    Mir hat das Buch leider nicht allzuviel gesagt, deswegen ist mein Urteil auch extrem knapp:


    Mattias war.

    Und ist nun nicht mehr - sein Leben hat geendet und es blieben welche übrig. Menschen, die mit ihm zu tun hatten. Seine Hinterbliebenen, mal mehr, mal weniger mit ihm verbunden.


    Man erfährt gar nicht in allen Details, wie und warum das Leben von Mattias so früh endete und was geschah. Und ich muss sagen, man erfährt auch nicht unbedingt, was den Hinterbliebenen widerfährt - es sind eher so ausgewählte Kleckereien, vornehmer gesagt: Petitessen, die hier herausgepickt werden. Natürlich, die Mutter, die Freundin - sie trauern. Aber so richtig an sie heran komme ich in diesem Buch nicht.


    Ja, es ist ein interessanter Blickwinkel, zu überlegen, was passiert, wenn man nicht mehr existiert. Aber aus meiner Sicht wurde diese Perspektive und auch die Wahl der Protagonisten hier nur teilweise befriedigend gelöst. Mich jedenfalls konnte der kurze Roman nur bedingt erreichen und wird - so meine ich- auch nicht lange in meinem Gedächtnis nachhallen. Schade, denn Mattias hätte eigentlich mehr verdient. Ebenso wie die Hinterbliebenen.

    2ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Die Schicksale der Nachbarn


    Der junge Sascha, Vater einer kleinen Tochter, lernt beim Einzug in die neue Wohnung seine Nachbarin Tatjana Alexejewna kennen, eine überaus erzählfreudige alte Dame. Wie sich bald herausstellt, hat sie Schlimmes erlebt und mußte im Krieg für die Schuld anderer büßen: weil ihr Mann in Kriegsgefangenschaft aus sowjetischer Sicht mit dem Feind kollaborierte, wurde sie zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, von denen sie zehn absitzen musste.


    Ein ausgesprochen schmerzhaftes Kapitel nicht nur der sowjetischen, sondern der gesamten Weltgeschichte wird hier auf eigene Art aufgearbeitet. Der Autor gibt nicht nur durch die Erzählungen der über 90jährigen Zeitzeugin, sondern auch durch das Einfügen von Originaldokumente wichtige Einblicke in die jüngere Geschichte der Sowjetunion. Seite für Seite ist spürbar, dass ihm wichtig ist, dass die Greueltaten des 20. Jahrhunderts nicht vergessen werden.


    Ein wichtiges Buch, das ich gerne gelesen habe, obwohl ich wieder und wieder meine Probleme mit dem Erzählstil hatte. Stellenweise erscheint mir der Erzählfluss nicht ganz stimmig - es werden Informationen bzw. Entwicklungen ausgelassen, dann kommt wieder etwas dazu, dessen Bedeutung ich mir schwer erklären kann - für mich war das alles ein bisschen verwirrend.


    Dass mit Alexander die Figur eines jungen Mannes, der schon viel mitmachen musste, gewählt wurde, finde ich hingegen passend - seine eigenen Erfahrungen mit dem menschlichen Leid machen seine Entwicklung von jemandem, der von der Nachbarin genervt ist und sie als aufdringlich empfindet, zu einem einfühlsamen, ja fürsorglichen Zuhörer.


    Ein besonderer Roman, den ich trotz meiner persönlichen stellenweisen Schwierigkeiten gerne allen, die an neueren historischen Entwicklungen interessiert sind - und ich hoffe, dass das viele sind - weiterempfehle.

    3ratten

    Mir ging es genauso! Es hat mir auch besser gefallen als "Die Herzen der Männer"! Hier meine Rezension:


    Ein Dilemma

    Lyle und Peg sind überglücklich: ihre Adoptivtochter Shiloh ist zurückgekehrt zu den Eltern, bei ihr ist ihr fünfjähriger Sohn Isaac, ein entzückender kleiner Junge, der sofort beide Großeltern verzaubert. Wie schön wäre es, wenn sie für immer bei ihnen wohnen blieben!


    Zu Beginn war ich voll von Begeisterung für Lyle, der alles dafür tut, dass sich Shiloh und der kleine Enkel bestmöglichst im ländlichen Wisconsin einleben. Und meine Meinung von ihm ändert sich nicht, auch wenn Shiloh sich von ihm abwendet - durch den Einfluss, die die Kirchengemeinde, der sie sich angeschlossen hat, auf sie ausübt. Es ist nicht die evangelische Gemeinde, der die Familie seit Jahrzehnten angehört, sondern eine neue, deren Pfarrer begeistert Predigt - und mindestens dreimal länger, als Lyle und Peg es gewohnt sind. Pfarrer Steven fasziniert Shiloh so sehr, dass sie überglücklich seinen Heiratsantrag annimmt. Auch wenn Lyle ihm nicht traut, ist er bereit, das Glück seiner Tochter zu unterstützen. Bis herauskommt, dass Steven den kleinen Isaac als Heiler einsetzt, wenn jemand in der Gemeinde erkrankt.


    Und irgendwann, als Isaac bei den Großeltern ist, erkrankt er schwer und sie bringen ihn in die Klinik und laden damit den Zorn von Shiloh und Steven auf sich. Sie geben Lyle die Schuld an der Erkrankung des Jungen, der dann angeblich wieder gesundet - nur für eine kurze Zeit, dann geht es um Leben und Tod.


    Ein wunderbar warmherzig geschriebener Roman, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Der Leser sieht die Handlung aus Lyles Perspektive und ich habe es sehr genossen, meine Zeit mit diesem sympathischen älteren, ein wenig unkonventionellen Mann, dem Freunde und Familie alles bedeuten, zu verbringen. Und sein Dilemma zu teilen - wie soll er agieren, was kann er tun?


    Eine Familie, die durch den Glauben zu zerbrechen droht. Ein wichtiges und schweres Thema, denn religiöser Fanatismus in unterschiedlichen Facetten droht derzeit immer wieder die Oberhand zu gewinnen. Eine in mehrerer Hinsicht aktuelle Handlung - wie schade, dass der Roman so schnell zu Ende war!

    5ratten

    Mir hat das Buch gut gefallen

    Neue Perspektiven - und neue Sorgen:

    Das ist es, was die Menschen nicht nur in Deutschland am Ende des Jahres 1918, nach dem großen Krieg, den wir heute als Ersten Weltkrieg kennen, erwartet - ihre Welt, also Europa, liegt in Trümmern. Und das ist vor allem im übertragenen Sinne zu verstehen, denn es wurde zwar viel zerstört, aber nichts ist damit zu vergleichen, dass in vielen, vielen Ländern sich das ganze politische Konstrukt völlig neu definieren muss.


    In Deutschland folgte dem Zusammenbruch des Kaiserreiches das totale Chaos. Verschiedene - oft extreme - politische Strömungen trafen auf einander und kämpften nicht weniger erbittert gegeneinander als zuvor im Krieg.


    Autorin Elke Schneefuß nimmt uns gerade mal einen guten Monat nach dem Ende des Krieges, an Weihnachten 2018, mit nach Berlin, wo es besonders hoch her geht.


    Hier trifft der Leser auf drei Frauen: Auf Hanna, Tochter aus besserem Hause, die im Krieg als Krankenschwester an der Front war und sich nun gegen den Willen ihrer Eltern durchsetzen muss, die sie gut verheiratet sehen wollen. Was für Hanna keine Option ist, denn sie hat ihren Lebensmenschen schon kennengelernt. Im Krieg und zwar im Lazarett: Cora nämlich, die dort ebenfalls arbeitete, aber dass sie eine Frau liebt, das kann Hanna zu Hause nicht erzählen.


    Dann Vera, die im Krieg nicht ihrem erlernten Beruf als Schneiderin nachgehen konnte, weil die Werkstatt ihres Vaters irgendwann pleite ging. Nun, nach seinem Tod, möchte sie dort gerne wieder was aufbauen, muss sich aber um ihre Mutter kümmern, die chronisch krank ist. Oder behauptet sie das nur? Vera hat gar keine Zeit, darüber nachzudenken, denn sie trifft auf Benno, der sich in der ehemaligen Werkstatt verstecken will - er war Matrose im Krieg und ist in der Hoffnung auf einen neuen Start nach Berlin gekommen. Wenig später erscheint auch noch Veras Bruder Georg, der ganz andere Vorstellungen von der Zukunft hat als sie. Zudem möchte sie Benno, mit dem sie sich immer besser versteht, vor Georg und dessen Gefährten beschützen.


    Zuletzt gibt es noch die ledige Mutter Fritzi, die es aus Deutschlands Norden in die Stadt verschlägt. Sie sucht nach dem Vater ihres Kindes, von dem sie seit Jahren nichts gehört hat.


    Drei Frauen - drei Schicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, die sich aber dennoch überlappen. Elke Schneefuß zeichnet ein spannendes und eindringliches Bild von der Hauptstadt eines Landes, das in Scherben liegt.


    Auffällig ist, dass alle drei ein schlechtes bzw. gar kein Verhältnis zur Mutter haben, die Väter kommen hier besser weg. Zwischen den Frauen der unterschiedlichen Generationen klafft eine Riesenlücke in Bezug auf die Wertvorstellungen und die Weltsicht. Auch dies ein Aspekt, der verdeutlicht, wie sich die Zeiten geändert haben!


    Die drei jungen Frauen kommen weitgehend besser weg als die jungen Männer, die natürlich auch durch die Geschichte spazieren. Gut gefällt mir, dass einige Figuren richtig "durchwachsen" gezeichnet sind - ganz wie im richtigen Leben!


    Zudem hat die Autorin umfassend recherchiert und versteht es, diese Informationen in eine atmosphärische Handlung einzubauen. Ein sehr fokussierter Roman, der sich auf eine recht kurze Zeitspanne konzentriert und diese dem Leser sehr nahe bringt. Auch fühlte ich mich während der Lektüre gut unterhalten, so dass ich diesen Roman geschichtsinteressierten Lesern und Leserinnen - diesen vor allem - gerne weiterempfehle.

    4ratten

    Mir hat das Buch auch gefallen:


    Cymbeline und seine Mutter

    Cymbeline hat nur seine Mutter, denn sein Vater starb an seinem ersten Geburtstag. Das ist alles, was er weiß und wenn er anfängt zu fragen, dann fallen seiner Mutter tausend andere Themen ein, die man ansprechen, hunderte anderer Dinge, die man erledigen sollte.


    Und dann geht es ins Schwimmbad - von der Schule aus soll nun, in der vierten Klasse jeden Montag Morgen Schwimmunterricht erfolgen. Aber: Cymbeline war noch nie am, geschweige denn im Wasser. Und wenn es um dieses Thema geht, dann fallen der Mutter noch viel mehr Themen und Dinge ein, an die man sich unverzüglich heranwagen sollte.


    Also erzählt Cym - so wird er genannt - ihr gar nicht davon und organisiert sich selbst. Dass das bei einem Viertklässler ganz schön in die Hose gehen kann, das kann man sich denken, das, was aber wirklich passiert, ist so heftig, dass seine Mutter angerufen wird, um ihn abzuholen.


    Und danach zusammenklappt. In ihrem Schlafzimmer. Am nächsten Morgen ist sie nicht mehr da, sondern Onkel Bill, der sich nun um Cym kümmert. Im Wechsel mit der ziemlich exzentrischen Tante Mill, bei der Cym bald unterkommt und sich ganz verloren fühlt.


    Bis er merkt, dass er Freunde hat. Und zwar auch solche, mit denen er gar nicht rechnet. Wie Veronique, das schönste und klügst Mädchen der ganzen Klasse.


    Ab und zu geht es ein bisschen wirr zu, muss ich sagen. So wirr, wie Cyms Leben eben gerade ist. Und manches ist dann doch ein bisschen überzogen.


    Insgesamt ist dies jedoch ein wirklich rührender und berührender moderner Familienroman für alle Generationen - weswegen es wirklich lohnend ist, sich pro Familie ein Exemplar zuzulegen. Dann kann es von jedem gelesen werden. Oder am besten von allen zusammen. Denn dann taucht man gleich in einige Themen ein, die in den Familien stimmen sollten. Wie zum Beispiel das Unterlassen überzogener Geheimniskrämerei. Ich kenne das nur zu gut, denn auch bei uns zu Hause gab es einige Tabuthemen, die sich - ich bin um einige Jahrzehnte älter als Cym - direkt oder indirekt auf den Krieg bezogen. Da wurde sehr, sehr vieles ausgespart. Und andere Themen - wie Familienzwist, den es auch bei Cym gab - ebenfalls.


    Autor Adam Baron erzählt locker-flockig, aber niemals oberflächlich. Nein, dies ist eine auf ganz besondere Art einfühlsame Geschichte, die tragisch und warmherzig zugleich ist.

    4ratten

    Mich konnte das Buch nicht so recht faszinieren:


    Eine Art Spannungsroman

    Ein Buch mit einer ganz besonderen Protagonistin, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird: Clara nämlich, die an der Glasknochenkrankheit leidet und daher ihre Kindheit und Jugend innerhalb des Hauses verbringt, um die Gefahrenquelle für Brüche - die sie von jüngster Kindheit an kennt - so gering wie möglich zu halten. Wir schreiben das Jahr 1914, für die Krankheit liegen keine medizinischen Lösungen bzw. Erleichterungen vor


    Clara ist klein und ihre Haare haben die faszinierende Farbe (so wird es dargestellt) von Phosphor. Sie lebt mit ihrer Mutter und deren Mann in London, das sie aus dem genannten Grund jedoch kaum kennt. Die Mutter stirbt früh und plötzlich und danach wird Clara aktiv - sie bewegt und zwar vor allem zum Botanischen Garten von Kew, wo sie alles über orientalische Pflanzen und Gewächshäuser lernt.


    Bald erhält sie den Auftrag, ein Gewächshaus einzurichten und zwar in Shadowbrook, einem alten und sehr unheimlichen Haus, in dem sie das erste Mal mit fremden Menschen zusammenlebt. Dem Besitzer des Hauses, einem Mr. Fox, begegnet sie erst Monate später.


    Es ist eine für sie und für den Leser sehr irritierende Zeit, denn es scheint in dem Haus zu spuken und der Ort lebt von Klatsch. Ein Phänomen, dem Clara aufgrund ihrer bisherigen abgeschiedenen Lebensform noch nicht begegnet ist, das sie nun jedoch mit voller Wucht trifft.


    Es ist für sie - aber nicht nur für sie - fast unmöglich, herauszufinden, was Sein und was Schein ist. Eines erfährt man durch dieses Buch jedoch auf jeden Fall: wozu es durch Rufmord kommen kann und zwar in vielerlei Hinsicht.


    Ich hatte zunächst den Eindruck, dies sei ein ausgesprochen atmosphärisches Buch mit einer sehr starken Protagonisten, doch das ist aus meiner Sicht nicht der Fall. So richtig kommt der Zauber des Buches nicht rüber, auch die Protagonistin und einige weitere Figuren bleiben blass und irgendwie unausgegoren, was auch damit zu tun hat, dass mir die Handlung teilweise recht unlogisch erschien und ich ihr nicht immer folgen konnte. Gleichwohl ich streckenweise durchaus gefangen war von der Spannung oder vielmehr von der Aussicht darauf. Dennoch bleibt am Ende der Eindruck, dass die Autorin nicht so richtig geschafft hat, einen dichten und farbigen Roman zuwege zu bringen.

    2ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    In freiem Fall

    befindet sich Ally nicht nur während ihres Absturzes, sondern auch danach. Ganz besonders danach! Doch dazu mehr.


    Zunächst begegnen wir ihr, wie sie aus einem abgestürzten Flugzeug krabbelt: gerade noch mal davongekommen und ihres Liebsten verlustig. Der saß nämlich am Steuerknüppel des kleinen Fliegers. Ally muss sich nun in jeder Hinsicht komplett neu orientieren; zunächst jedoch aus der Wildnis herausfinden.


    Dass es in den letzten Jahren ganz schön bunt hergegangen ist in ihrem Leben, erfahren wir nicht nur von ihr, sondern auch von ihrer Mutter Maggie. Die beiden berichten nämlich im Wechsel.


    Dadurch entsteht ein vielschichtiger Thriller mit Emotionen, in dem die Entwicklungen der Hauptpersonen eindringlich geschildert werden. Leider aber wenig atmosphärisch, ebenso wie die Charaktere der Figuren für mich wenig greifbar sind.


    Dadurch wird die Spannung, die sich durch immer wieder neu eingestreute Details aufbaut, leider stark eingeschränkt. Vieles ist unlogisch und schwer nachzuvollziehen - obwohl ich ausgesprochen neugierig war, habe ich die Lektüre immer wieder sinken lassen und mich gefragt: "Was sollte das jetzt eigentlich?"


    Ich bin also hin- und hergerissen, sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch auf die Leistung der Autorin: manches ist (fast) grandios, anderes wiederum sehr verwirrend, teilweise schon dilletantisch. Dass das nicht an der Übersetzung liegt, weiß ich, denn diese wurde von der von mir hochgeschätzten Susanne Goga angefertigt, was für mich ein Grund mehr war, um zu dieser Lektüre zu greifen. Was sich - wie geschildert - leider nur teilweise lohnte.

    3ratten

    Morden wie im Märchen


    Die Ermittler der Reihe des Autors Lars-Erik Schütz haben es hart getroffen: während im ersten Fall (Alphabetmörder) der Profiler Jan Grall so stark involviert war, dass er im Anschluss suspendiert wurde, trifft es diesmal seine ehemalige Mitarbeiterin, die Schweizerin Rabea Wyler, die inzwischen auf seinem Posten sitzt - nicht freiwillig, denn sie hat die Fähigkeiten des ehemaligen Kollegen in der kurzen Phase der Zusammenarbeit zu schätzen gelernt und hätte ihn zu gern an ihrer Seite.

    Rein zufällig gerät sie nämlich an einen Fall, der sie stark an den ihrer vor Jahren verschwundenen Schwester erinnert. Es geht um die Faszination des Entführers bzw. Mörders für langes, blondes Haar. Rabea hegt immer noch die Hoffnung, dass iMarie noch leben könnte - eigentlich glaubt da niemand mehr so richtig dran, nicht einmal ihre Eltern. Die haben sich nach der Tragödie getrennt und führen jeweils eigene Leben.

    Aber zurück zum Rapunzel-Mord, wie der Fall genannt wird, der Rabea nach Deutschland und zwar ins Ruhrgebiet und nach Düsseldorf führt - ganz auf sich gestellt. Oder kann sie sich doch auf Jan Grall verlassen?

    Ein kraftvoller und ungewöhnlicher Thriller mit starken Charaktern, Manchmal wirkt alles ein bisschen zu überladen und zu dicht - zu viele Figuren, zu viele Erzählstränge - und einiges ist auch einfach unlogisch. Dennoch hat mich dieser Thriller in seiner Intensität durchaus fasziniert. Für Leser, die gern für ein Weilchen im Bösen versinken, um dann vom Autor rechtzeitig wieder daraus befreit zu werden.

    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Harry am Ende

    Hole jagt seinen alten Widersacher. Sie winken müde ab und sagen, das hätten Sie schon gehabt und zwar mehrfach? Seien Sie versichert: so nicht! Denn diesmal hat sich Rakel, die Frau, der Harry Hole die Sterne vom Himmel holen wollte, endgültig von ihm losgesagt und nicht nur das: ein altbekannter Verbrecher, nämlich Svein Finne ist wieder mal frei. Harrys größter Widersacher unter der Sonne also, ein perfider Mörder und Psychopath.


    Wird Harry ihn diesmal schnappen? Oder vielleicht einen anderen? Ein wahres Defilee an Figuren aus allen vergangenen Bänden der Reihe findet hier statt - das ist mir manchmal ein bisschen zu viel des Guten wie auch die permanente Erwähnung des Musikgeschmacks von Harry - oder ist es der seines Autors Jo Nesbo? Den ich im Übrigen größtenteils teile, aber Clash und Ramones auf jeder zweiten Seite eines Thrillers muss ich dann doch nicht haben.


    Ja, Sie merken schon, ich lenke ab von der Handlung. Weil ich nämlich nichts verraten will, das würde Ihnen ganz schön was von der Spannung rauben. Denn es gibt einen Punkt, der durchzieht die ganze Handlung und bringt viele Unterpunkte mit sich. Wie dem auch sei - dieser Band hat etwas von einem Schlussakkord, das kann aber auch "nur" die Befürchtung eines Fans sein, der nicht will, dass diese Reihe jemals endet.


    Nicht der beste, aber auch nicht der schlechteste Harry-Hole-Band. Und solides Mittelmaß ist für einen Band einer solchen Spitzenreihe doch ganz klar etwas, was man ohne Weiteres hinnehmen kann. Oder sogar mehr als das!

    4ratten

    Ich fand es auch verworren!


    Very british, very confusing

    So ist es tatsächlich: obwohl dieses Buch atmosphärisch einfach alles gibt, um ein echt britisches Was-auch-immer zu sein, habe ich eine ganze Weile gebraucht, um die Handlung nachvollziehen zu können: Denn hier wiederholt sich zwar immer wieder ein bestimmter Tag und zwar der, an dem die titelgebende Evelyn Hardcastle sterben musste, doch der Erzähler steckt jedesmal in einem anderen Körper und erlebt die Handlung aus einer anderen Perspektive mit. Somit fügt sich Tag für Tag ein Puzzlestein zum anderen, bis das Rätsel gelöst ist.


    Eine geradezu geniale Idee, muss man sagen - wenn sie denn ebenso genial ausgeführt worden wäre. Aber die Tage purzeln hier wild durcheinander, zudem gibt es nicht einzuordnende Figuren in dem Roman, die - zumindest bei mir - die Verwirrung noch vergrößerten.


    Irgendwie platzt man hier einfach hinein in die Handlung und muss dann schauen, wie man sich zurecht findet. Mir ist das jedenfalls nicht so recht gelungen und so konnte ich den Roman nicht so genießen, wie ich wollte. Obwohl er jede Menge toller Einfälle enthält, kann ich ihn nicht weiterempfehlen, es sei denn, man kennt jemanden, der genau so etwas sucht!

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    Ich habe den Roman ähnlich wahrgenommen!


    Jelena - Lena - Füchschen - Elena - Baba


    Das sind die Namen, mit denen die Protagonistin im Laufe ihres Lebens benannt wird - abhängig von den Zeiten und denen, die sie ansprechen. Geboren 1902 wurde sie Jelena getauft und Lena genannt, "Füchschen" war der Kosename ihrer großen Liebe für sie, zu Elena wurde sie in Deutschland. Und "Baba" war sie für ihre Enkel - ein Name, den sie hasste.


    93 Jahre alt ist sie geworden - ein langes Leben, dennoch beginnt ihr Enkel Konstantin erst lange nach ihrem Tod zu recherchieren über sie und die Vergangenheit seiner Familie, die aus Berlin, wo Elena, ihre vier Töchter und deren Familien nach dem Krieg jahrzehntelang lebten, über Leningrad, Moskau und Nishni Novgorod bis nach Gorbatow an der Wolga zurückführt. Dort stand Elenas Wiege, dort wurde ihr Vater 1905 als früher Revolutionär aus dem Weg geräumt.


    Mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod versucht Konstantin ihrem Leben, seiner Familiengeschichte, nachzuspüren? Was wurde aus seinem Großvater, dem Deutschen Robert Silber, der nach dem Krieg spurlos verschwand? Warum versteht sich seine Mutter nicht mit ihren Schwestern? Wie erging es seiner Großmutter als Kind, als junger Frau im fernen Russland, in der Sowjetunion? Und warum weiß er kaum etwas über die Verwandten in Berlin, in seiner Stadt? Einige wenige der vielen Fragen, die ihn umtreiben.


    Der Autor Alexander Osang pflegt einen eindringlichen und gleichzeitig unterhaltsamen Stil. Trotz erheblicher Längen und gelegentlicher Redundanzen fiel mir die Lektüre leicht. Nur im Nachhinein habe ich mich gefragt, was denn nun genau die Erkenntnis aus diesem Roman ist. Erschütternd war es für mich zu erkennen, dass ich keine gewonnen habe! Ich bin Elena und ihrer zerfahrenen, zerfaserten Familie emotional kaum näher gekommen und bin mir sicher, dass sie und Konstantin ebenso wie die anderen Menschen um sie herum schon bald wieder aus meiner Wahrnehmung verschwinden werden. Ein gefälliger Roman ohne Botschaft. Ich bereue nicht unbedingt, ihn gelesen zu haben, aber andererseits war es auch kein Gewinn.

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    Der Alltag in der DDR


    Isabella Krause, ihres Zeichens Schauspielerin, wenn auch seit Jahrzehnten mehr als erfolglos, erhält einen Auftrag: sie soll 10 ehemalige DDR-Bürger finden, die bereit sind, über ihr damaliges Leben zu berichten. Das Ganze soll eine Art Retrospektive anlässlich der nahenden 30jährigen Wiedervereinigung beider Deutschlands werden.


    Gesagt, getan - da Frau Krause, wie sie schon im Titel heißt, ihr gesamtes Leben "davor" in der Zone verbracht hat, ist diese Aufgabe für sie absolut lösbar. Mehr als das. Allerdings sind die Macher des Films alles andere als zufrieden mit ihrer Auswahl; sie halten sie nicht für repräsentativ. Schlimmer noch, all das, was die ehemaligen Wegbegleiter der Isabella Krause berichten, soll nicht realistisch, nicht zutreffend sein!


    Frau Krause weiß aber ganz genau, dass es so ist. Was also ist passiert?

    Isabella Krause entstammt einer Familie von Tanzlehrern, das ist passiert! Ihr Leben und das der von ihr angeheuerten Protagonisten spielte sich in der elterlichen Tanzschule ab, zwischen Proben und Bällen. Auch das war DDR, auch wenn man das nicht glauben kann!


    Sie haben es sicher bereits erraten: die Filmemacher sind Wessis und wissen genau, was sie von der DDR sehen wollen. Das jedenfalls nicht! Und tatsächlich hat Frau Krause noch was in petto, einen Plan B sozusagen. Aber ob der aufgehen wird?


    Kathrin Aehnlich ist wieder da und mit ihr ihr besonderer, unverwechselbarer Erzählstil. Sentimental, teilweise auch morbide, aber immer voller Respekt, ja voller Andacht. Und mit warmherzigem Humor. Ach, es fällt mir schwer, diesen Stil zu beschreiben, Kathrin Aehnlich muss man lesen! Und dann wird man sie auch stets wiedererkennen.


    Ich hatte befürchtet, es würde hier West gegen Ost gehen, im Sinne einer Verherrlichung - oder gar zweier. Doch das ist nicht der Fall, die Autorin nimmt sich und ihre ehemaligen Landsleute ebenso auf die Schippe wie diejenigen westlich der Mauer - es bekommen also alle derzeitigen Bewohner von Deutschland ihr Fett weg, egal, wo sie früher lebten. Nicht in Form einer Posse, oh nein, Frau Aehnlich widmet all diesen Menschen - und somit auch sich - einen Roman, wenn auch einen kurzen. Wer Kathrin Aehnlich kennt, weiß: kurz und lakonisch - das ist ihre Art.


    Dennoch beileibe kein Romänchen für zwischendurch. Nein, einer den man sich ordentlich zur Brust nehmen und genießen sollte!

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