Beiträge von TochterAlice

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Ich mag den Aufbau Verlag sehr, habe schon viele seiner Bücher rezensieren dürfen und stelle die Rezension auch gerne auf amazon ein. Von Chigozie Obioma - Der dunkle Fluss und seinem Buch habe ich schon gehört und finde das Thema sehr spannend. Gern würde ich mitlesen und würde mich auch über ein Freiexemplar sehr freuen.


    Also, für mich ist Irving alles andere als das, aber die Geschmäcker sind verschieden. Aber keine Sorge: ich fühlte mich eher durch das Setting an Irving erinnert und für mich war es klar (kann aber natürlich auch Einbildung gewesen sein), dass Dicker viel Irving gelesen hat - inhaltliche bzw. stilistische Ähnlichkeiten konnte ich eher nicht finden....

    Mir hat dieses Buch absolut super gefallen - ich habe es allerdings in einer Leserunde gelesen, in der die Meinungen ausgesprochen unterschiedlich waren.


    Hier meine Rezension:


    Leaving on a jet plane




    TochterAlice


    vor 11 Monaten
    (13)


    Das tut die US-amerikanische Familie Kriegstein - Vater Chris, Mutter Elise und die Töchter Leah und Sophie wieder und wieder, sind sie doch lupenreine expatriates: durch den Chris' Job bei einer global agierenden US-Firma ziehen sie rund um die Welt, mal da, mal dort einige Jahre lebend.


    Doch nicht nur das lässt sie zu zerrissenen Charakteren werden - die Vergangenheit, vor allem die der Mutter Elise, die als Kind mißbraucht wurde, lässt die Figuren nicht aus ihrer Einsamkeit heraus: es fällt ihnen schwer, als Familie zu agieren, die Harmonie kommt dadurch abhanden. Dazu kommt ein schwerer Schicksalsschlag - ab einem bestimmten Zeitpunkt muss die Familie in reduzierter Zahl weitermachen: weiterexistieren, weiterreisen und in irgendeiner Form versuchen, weiterzuLEBEN.


    Aus verschiedenen Perspektiven - unter anderem der eines Hauses und verschiedene Stile gebrauchend hat die Autorin ein ungeheuer kraftvolles Werk geschaffen, das dem einen oder anderen durch den Abstand zu den Figuren , den einzunehmen der Leser durch stilistische Mittel immer wieder gezwungen wird, befremdlich vorkommen mag.


    Doch entbehrt die Lektüre keinesfalls humoristischer Exkurse: die Passage aus der Sicht von Chris' Eltern bspw. beinhaltet zahlreiche ausgesprochen humorvolle Komponenten. Und natürlich bringt auch der Umstand, dass ständig verschiedene Kulturen aufeinander prallen, diverse humorvolle Wendungen.


    Dieses Buch schafft den Leser, es ist verletzlich und verletzend, berührend und Distanz wahrend zugleich: Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, kommt in den Genuss einer ganz besonderen Lektüre, die nicht gerade zu einem geringen Anteil auch Verdienst der Übersetzerin Patricia Klobusiczky ist, die hier Großartiges geleistet hat. Für Freunde anspruchsvoller Lektüre, die bereit sind, sich auf Ungewohntes, noch nicht Erlebtes, möglicherweise Schmerzhaftes einzulassen!


    Meine Meinung
    Den Titel finde ich übrigens ein wenig irreführend. Die Männer waren zwar nicht körperlich anwesend, trotzdem aber immer präsent: in Gesprächen oder Erinnerungen. Der einzige Kritikpunkt für mich ist


    4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:


    Genauso habe ich es auch empfunden, die Männer waren immer anwesend! Das was, Du gespoilert hast, ist mir auch aufgefallen, es hat mich aber nicht gestört. Für mich ein wunderbares Buch von einer meiner absoluten Lieblingsschriftstellerinnen!

    Oh, das war toll, ich habe es um Einiges besser bewertet als Du, wobei ich auch ein totaler Jeannette-Walls-Fan bin und möglicherweise nicht kritisch genug herangegangen bin.


    Ich grabe mal gerade nach meiner Rezi - hier ist sie:


    Hand in Hand der Sonne nach


    So hieß eines meiner Lieblingsbücher in meiner Kindheit: es ging um zwei Waisenkinder, zwei amerikanische Schwestern, die ihr trauriges Leben hinter sich lassen wollten und aufbrachen, um eine bessere Zukunft zu finden - sehr erfolgreich, wenn auch komplett anders als ursprünglich gedacht.


    Dieses Buch hat Jeanette Walls bestimmt auch mal gelesen, denn während der Lektüre ihres aktuellen Buches "Die andere Seite des Himmels" ergaben sich immer wieder mal Assoziationen: die Schwestern Liz und Bean, fünfzehn und zwölf Jahre alt, sind zwar keine Waisen, doch sind sie in einer ähnlichen Situation, werden sie doch von ihrer Hippie-Mutter mit musikalischen Ambitionen - wir schreiben
    das Jahr 1970 - immer wieder in Stich gelassen.


    Und so sind sie mehr oder weniger gezwungen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und tun es auch - mehr oder weniger gezwungenermaßen, um der Einweisung ins Jugendheim zu entfliehen: sie begeben sich per Bus auf eine Odyssee quer durch die Staaten - von Kalifornien an die Ostküste, wo ihre Mutter herkommt: da gibt es nämlich noch einen Onkel.


    Onkel Tinsley erweist sich als verschrobener, aber liebenswerter Kerl, auch andere Verwandte finden sich - quasi unverhofft - die den Mädchen, vor allem Bean, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ein wenig Wärme vermitteln. Auch die Mutter taucht wieder auf, zumindest partiell.


    Und sie treffen auf den bösen Wolf - in Form eines der mächtigsten Männer der Gegend und sagen ihm den Kampf an - mit allen Konsequenzen, die sie dann auch brutal erfahren müssen.


    Ein wunderbares Buch - wie bisher alles, was Jeanette Walls zu Papier gebracht hat - atmosphärisch und dicht geschrieben, so dass man es als Leser nicht aus der Hand legen kann. Man erhält einen Einblick in das USA der frühen 1970er Jahre: Vietnam, Rassismus, arm und reich - das alles ist noch sehr, sehr präsent - vor allem in den Südstaaten, wohin es die Mädchen verschlagen hat. Die Charaktere sind charismatisch, (fast) nie schwarz oder weiß, es gibt humorvolle, erschütternde, beklemmende, aufrüttelnde und ergreifende Szenen: ein wahres Gefühlskarussell, durch das man während der Lektüre geschleust wird.


    Keine Frage, es lohnt sich - für Menschen, die aufbrechen wollen, die Anstöße und Impulse brauchen, für Menschen, die etwas über die neuere Geschichte der USA erfahren wollen und vor allem für Menschen, die nach dem absoluten Lesegenuss lechzen - hier werden alle reich belohnt: Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.
    5ratten

    Hier meine Rezi zu "Kindeswohl":


    Recht und Unrecht
    sind nicht immer klar voneinander zu trennen, vor allem dann, wenn es um Entscheidungen des Familiengerichts und damit oftmals nicht um kriminelle, sondern um soziale oder gar ethische Konflikte geht. Ein solcher steht Richterin Fiona Maye ins Haus: diesmal hat sie zu entscheiden über Adam, einen jungen Zeugen Jehovas, der an Leukämie erkrankt ist und - unterstützt von Eltern und Kirche - die lebensnotwendige Medikation verweigern will. Kurz vor seinem 18. Geburtstag obliegt dem Gericht die Entscheidung, mit der es sich Fiona als oberste Instanz nicht einfach macht: sie nimmt sich die Zeit, Adam im Krankenhaus aufzusuchen und trifft auf einen ganz besonderen Menschen.


    Doch es ist nicht der einzige ethische Konflikt, mit dem sie zu kämpfen hat: ein weiterer, wesentlich persönlicherer geht von Jack, ihrem Ehemann seit mehreren Jahrzehnten, aus, der sie mit etwas Unglaublichem konfrontiert. Es geht hier nicht nur um Recht und Unrecht, nein, es geht auch um Schuld und deren subjektive Wahrnehmung bzw. Vermittlung - und zwar innerhalb ihrer Beziehung. Wer hat an etwas Schuld, wem wird diese zugesprochen, von wem und in welcher Situation. Fiona jedenfalls hat mit diesem Gefühl an allen beschriebenen Fronten zu kämpfen. Und wie so oft bei McEwan spielt auch Besessenheit eine Rolle, diese wird - wie bisher jedes Mal - in einem ganz eigenen, individuellen, absolut unnachahmlichen Modus transportiert.


    Diese beiden Stränge sind wie so oft bei McEwan eng verknüpft mit Musik, diesmal ist es gar der Aufbau eines Stückes, an dem er die Handlung dieses zwar kurzen, aber umso inhaltsreicheren Romans ausrichtet - und endet in einem eher stillen Finale Furioso, das nichtsdestotrotz eines ist - eben eines auf die unnachahmliche Art McEwans. Mit diesem, ich versteige mich dazu, ihn als seinen bisher weisesten, kontroversesten zu bezeichnen - Roman zeigt er wieder einmal, was für ein Ausnahmeliterat er doch ist - ohne weiteres eines Nobelpreises würdig - so empfinde zumindest ich es: sind doch Themen, die die den Leser noch lange verfolgen, eine bis ins Mark treffende Sprache und ein eindringlicher Stil, der die Handlung noch unterstreicht, ganz klar Kriterien, die einer solchen Beurteilung zugrunde liegen sollten - und alle diese erfüllt er hier aufs Trefflichste! Das stille Finale Furioso ist aus meiner Sicht eines der besten Enden in McEwans bisherigen Romanen - und es ist kein schlechtes darunter! Ein elegantes, kraftvolles Buch zu zwei eher stillen, doch eklatant wichtigen Themen! Wenn das die Richtung ist, in die McEwan nun weiter zu gehen beabsichtigt - wir können nach bereits Großem Unglaubliches von ihm erwarten!
    5ratten

    Ich fand es absolut grandios, wobei mein Lieblingsbuch von McEwan immer noch "Unschuldige" ist. Das spielt in Berlin unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg und ist sicher auch was für Leser, die sich bspw. für "Nachtauge" von Titus Müller begeistern konnten.


    "Kindeswohl" habe ich zunächst auf Englisch gelesen, weil ich als echter Fan nicht abwarten konnte, aber ein kleines bisschen habe ich mich damit übernommen und habe dann zu gegebener Zeit auf Deutsch nachgeschoben.

    Eine verbotene Liebe


    ...steht im Mittelpunkt dieses ungewöhnlichen und auf gewisse Art sicher auch herausragenden Werkes des jungen französischen Schriftstellers Joel Dicker.


    Um was geht es? Zunächst um die Rettung eines Meisters, nämlich der Rettung von Marcus' ehemaligen Professor Harry, der eines Mordes angeklagt ist, der lange zurückliegt: des Mordes an seiner Gespielin, angeblich seiner großen Liebe Nola, die Ende August 1975 im Alter von nur 15 Jahren - Harry selbst war damals bereits 34 - auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ihre sterblichen Überreste nämlich finden sich in Harrys Garten, er tut unschuldig und ist doch sooo verdächtig.


    Sein ehemaliger Student Marcus - ein junger Erfolgsautor, dessen erster Roman eingeschlagen hat wie eine Bombe und von dem nun mehr erwartet wird, versucht sich in der Wahrheitsfindung. Er will einfach nicht glauben, das der von ihm so bewunderte Harry, selbst Autor eines unglaublichen Werkes, ein Mörder sein soll....

    Geschäfttüchtige Agenten und Verleger bringen ihn dazu, aus diesem Stoff seinen neuen Roman zu machen und bewerben diesen - es ist das Jahr 2008 - bereits lange vor seinem Erscheinen aufs Heftigste. Ganz USA hat schon lange vor der Fertigstellung davon gehört - und Marcus steht unter Zugzwang. Zudem möchte er natürlich Harry, seinem Freund und Mentor, helfen.


    Es gibt eine Menge Maine, einen verschrobenen Autor, verschiedene schräge bzw. ungewöhnliche und gut dargestellte Charaktere ... und den Boxsport. Wiederholt stellte sich mir während des Lesens die Frage, ob Dicker und ich nicht etwa denselben Lieblingsautor - nämlich den großen John Irving - haben und ob er sich nicht hat beeinflussen lassen - sowohl vom Setting - der Roman spielt in Maine, obwohl der Autor Franzose ist - als auch von der Themenwahl und der Person Irvings. Boxen spielt hier eine nicht unwesentliche, nicht immer jedoch sinnvoll eingebrachte Rolle - und ließ mich an das Ringen, das bei irving immer wieder Thema ist, denken. Und bei der Entwicklung der Figur Harry könnte es Anleihen an die reale Person Irving geben, wenn auch diese - gottseidank - eine nicht annähernd so tragische Gestalt ist. Und immer wieder stellte sich mir die Frage der Authentizität - wie gut kennt der Franzose Dicker die USA und speziell Maine wirklich? Basiert das alles auf Rezipiertem, auf Recherchiertem oder auf Erdachtem. Insgesamt ein toller Roman - wenn auch aus meiner Sicht mit einigen Schwachstellen hinsichtlich Logik und Glaubwürdigkeit - auch einiger Klischees hat sich der Autor fleißig bedient..


    Aber Joel Dicker kann schreiben wie ein junger Gott - herrlich die Verschachtelung des entstehenden Romans mit dem vorliegenden Werk, der Tragödie um Harry und Nola! Ein Buch, das auf jeden Fall lohnenswert ist, auch wenn ich Ihnen nicht versprechen kann, dass Sie sich überhaupt nicht ärgern!
    4ratten

    Ich geselle mich hier auch zu denjenigen, die sehr sparsam mit Ratten umgehen....


    It`s a very, very Nerd World


    oder ist es doch "a Mad World", wie sie einst Roland Orzabal von "Tears for Fears" besang? Ich würde mal sagen, dieses Buch beinhaltet auf jeden Fall beides!


    Ein wunderschönes Cover, das das Buch eines jeden Bibliophilen höher schlagen lässt, eine kleine, verwunschene Buchhandlung mit einem überaus verschrobenen Buchhändler - das schien überaus vielversprechend, ich konnte mich der Magie dieser Versprechungen nicht entziehen. Und fiel - sinnbildlich gesehen - so ziemlich auf die Nase. ich hätte nämlich dem ebenfalls auf dem Cover abgebildeten, sich im Bücherregal befindlichen Monitor mehr Bedeutung beimessen sollen - für meinen Geschmack sind in diesem Buch nämlich eindeutig zu viele Nerds unterwegs, die mit ihren Methoden dem alles überlagerndem Geheimnis auf den Grund zu rücken versuchen.


    Was passiert? Ein arbeitslos gewordener Nerd, nämlich Clay Jannon, findet einen neuen Job in einem Buchladen - und in was für einem! Mr. Penumbras Laden mitten in San Francisco ist ein Traum für Bibliophile mit besonderen, ungewöhnlichen Wünschen - wie ungewöhnlich die Wünsche wie auch die Bibliophilen sind, dies offenbart sich erst nach und nach. Und alles zielt auf ein uraltes Geheimnis, dem Penumbra mitsamt den ungewöhnlichen Kunden auf der Spur ist. Clay und seine Freunde - ja, auch ein Nerd hat welche und es gibt auch mal eine Nerd-Romanze zwischendurch - sind bald mittendrin auf einer Jagd durch die Staaten. Diese ist leider nicht verwegen, sondern ziemlich langweilig und fungiert zudem als Werbeträger für Firmen wie Google - die man fast schon als eine der relevantesten Player im ganzen Buch bezeichnen kann, aber auch Kindle und ipads werden erwähnt.


    Am Ende versammelt Clay alles seine Lieblingsmenschen in einem Raum und dies ist genauso pathetisch, wie es klingt. Sequenzen wie "Mats Vorhaben ist total größenwahnsinnig, zwanghaft und vermutlich unmöglich. Mit anderen Worten: genau das Richtige für diesen Laden." (S.264) ließen mich lange auf den besonderen Clou hoffen, der sich aber leider in Langatmigkeit und Langeweile verlor. Schade.


    2ratten

    Eine Reise ganz, ganz weit in den Norden Europas,
    nämlich nach Spitzbergen macht der Leser dieses opulenten Romans - und noch viel mehr! Was dahintersteckt? Nun, die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen - zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart.


    So gibt es gleich zwei Protagonistinnen: die junge Emilie, die wir 1907 im heimatlichen Elberfeld, heute Wuppertal antreffen, wo die Tochter eines Industriellen von einem interessanteren, abenteuerlicheren Leben träumt und schließlich tatsächlich als Teilnehmerin einer Gruppe von Forschern in Norwegen landet - allerdings muss sie dafür in die Rolle ihres jüngeren Bruders Max schlüpfen.


    Auf der anderen Seite ist Hanna, die 2013 in Bayern von einem Tag auf den anderen vor den Trümmern ihres Ehelebens steht: ihr Mann Thorsten, mit dem sie zwei erwachsene Kinder hat, hat sie aus heiterem Himmel verlassen und sich mit einer jungen Gespielin auf eine einjährige Segeltour begeben. Auch sie zieht es nach Norwegen: sie entschließt sich, in ihren früheren Beruf als Reisereporterin zurückzukehren und nimmt einen Auftrag für einen Bericht über Spitzbergen an.


    Der Leser wird pausenlos mit Sprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Geschicke von Hanna in den 2010ern und die von Emilie im Jahr 1907. Ein Wechsel, der durchaus gelungen ist. Vor allem über die Umstände, aber auch über den Zeitgeist, der vor dem 1. Weltkrieg herrschte, erfährt man so einiges. Auch der Kontrast der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in Deutschland zur vergleichsweisen Freiheit eines männlichen "Forscherlebens" ist wirklich sehr gut, bildhaft und einfühlsam dargestellt.


    Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Auch sonst fand ich, dass die Prioritäten an manchen Stellen ungünstig gesetzt waren. Für mich war der Teil um Emilie mit großem Abstand der interessantere, auf den ich mich aufgrund der wunderbar recherchierten, atmosphärisch geschilderten Details aus früheren Zeiten immer sehr gefreut habe. Hanna mit ihrem plötzlich - hier sprechen wir von einigen wenigen Tagen - erfolgten kompletten Lebenswandel hat mich eher irritiert. Zudem hätte mich das Schicksal und die Entwicklung einiger Figuren - Emilies fortschrittliche Tante Fanny und ihr Bruder Max, mit dem sie zeitweise die Identität tauschte, waren hier sehr vielversprechend - vor allem 1907 interessiert, dies wurde ein wenig unter den Tisch gekehrt.


    Insgesamt aber ein packender und mitreißender Roman mit viel Herz, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!
    4ratten

    Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?


    Leider viele hier in unserm Land, denn Fremdenhaß und -feindlichkeit sind oft auf einer ganz irrationalen Angst begründet. Doch wie auch immer, dieser Tage begegnen wir allenthalben mehr und mehr einer feindlichen Einstellung gegenüber Andersaussehenden - so auch im Ländle, nämlich in Waiblingen, wo das zuständige Kripo-Team im Fall des jungen ermordeten Nigerianers Cassidy Osuji ermitteln muss. Ist hier Ausländerfeindlichkeit ein Motiv? Könnte sein, da der deutsche Schwiegervater des Toten Mitglied einer rechtsextemen Partei ist und mit der Wahl seiner Tochter, der Friseurin Martina, keineswegs glücklich war. Auch andere Parteimitglieder geraden ins Fadenkreuz, doch zahlreiche Spuren führen in andere Richtungen: gab es eine Geliebte, war das Opfer selbst politisch aktiv, was für Kontakte hatte er in die Heimat?


    Bunt ist der Strauß an Möglichkeiten, der sich vor Kommissarin Kristina Reitmeier und ihrem Team, allem voran dem stets übereifrigen und gern auf eigene Faust ermittelnden Daniel Wolf auftut - und es gibt jede Menge die Aufklärung behindernde Faktoren, nicht zuletzt den Umstand, dass das Weihnachtsfest unmittelbar vor der Tür steht. Zudem wandeln sowohl Kristina als auch Daniel gerade auf Freiers(Freierinnen)füßen bzw. würden das gerne tun und sind dementsprechend zeitweilig abgelenkt.


    Überraschende Wendungen und eine Vielzahl an Möglichkeiten und Varianten bietet der Autor Oliver Kern seinen Lesern, die geradezu zum Miträtseln verleitet werden. Für Möchtegern- MissMarples oder HerculePoirots also genau die richtige Lektüre!


    Leider bleibt die Spannung gelegentlich durch einen etwas umständlichen Erzählstil auf der Strecke - und zwar gerne gerade im Verlauf von wilden Hetzjagden oder anderen aufregenden Entwicklungen. Trotzdem ein empfehlenswerter Krimi - aufgrund der Erzählstruktur würde ich das Buch eher in dieses Genre einordnen und nicht als Thriller bezeichnen. Der Autor hat akribisch recherchiert und aufgrund der vielen Spuren ist das Ende lange Zeit nicht absehbar. Wer also in Bezug auf den Erzählstil mal ein Auge zudrückt, hat hier die Chance auf ein paar lohnende Lese- und Rätselstunden!
    4ratten

    Hier auch meine Rezension dazu, ich empfehle es ebenfalls!


    Hart, härter - Millar!


    Man kennt Sam Millar als Autor der harten, stellenweise aber auch humorvollen Serie um den Belfaster Privatdetektiv Karl Kane - einen oft glücklosen Ermittler mit Dauerproblemen, die trotz aller Härte und Schonungslosigkeit durch Stil und Charme besticht.


    Hier geht es noch um einiges mehr zur Sache, denn der Autor beschreibt sein eigenes Leben, von dem er etliche schicksalhafte Jahre im Gefängnis verbrachte - als politischer Häftling im berüchtigten nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh, offiziell: Her Majesty's Prison Maze. Und das ist noch weniger etwas für zarte Gemüter als die Karl-Kane-Reihe: man kann es beim Lesen kaum fassen, dass es eine solche Stätte im westlichen Europa lange nach dem 2. Weltkrieg gegeben hat: Millars Lebensbeichte erstreckt sich über die 1970er bis in die 1990er, in irischen Gefängnissen war er ab 1973, in Long Kesh ab 1976. Es ist unvorstellbar, was ein so junger Mann - Millars politische Radikalisierung begann sehr früh - alles durchmachen musste.


    Auch andere Lebensphasen werden thematisiert: nach seiner Entlassung gründete Millar eine Familie, wanderte nach New York aus und erfüllte sich dort nach einem eher holprigen Start den Traum vom eigenen Comic-Laden. Der Start in ein ruhiges, geregeltes Leben? Nun ja, für ein paar Jahre, denn dann gab es einen Überfall auf das Welttransportunternehmen Brink's und was Millar damit zu tun hatte - das erfärt der interessierte Leser in diesem Buch.


    Doch alles weitere lässt nicht den eindringlichsten, aufrührendsten Teil vergessen: die langen Jahre im Gefängnis, über die ein französischer Journalist nach einem Interview mit Millar schrieb. "Long Kesh fügt sich nahtlos zwischen die Schrecken der Konzentrationslager der Nazis und die der Gulags ein." (S. 407)


    Sam Millars Bericht eines Rebellenlebens - seines eigenen. Klar, kompromiss- und schonungslos: gegen andere und gegen sich selbst. Hart, härter - Millar!
    5ratten

    Was für ein Tanz!


    Die "Psychopathenpolka" von Christine Sylvester macht ihrem Namen alle Ehre - der Dresdner Regionalkrimi kommt alles andere als betulich und beschaulich - Attribute, die man diesem Genre ja öfter mal anhängt, daher. Im Gegenteil, der mittlerweile vierte Band um die Ermittlerin Lale Petersen ist witzig, spritzig, schäumend vor Lebenslust - aber beileibe nicht nur vor guter Laune - nein, wie es in einem Krimi nicht anders sein soll, wird dem Leser die dunkle Seite des Lebens nicht vorenthalten.


    Worum es geht: Die Kommissarin Lale Petersen wird von einem jungen Radfahrer, mit dem sie zusammenstößt, angezeigt. Als sie ihn zusammen mit ihrer Kollegin Mandy am Arbeitsplatz aufsucht, finden sie ihn tot auf. Ist der Azubi tatsächlich am Arbeitsplatz gestorben? Garniert wird dieser Fall von diversen anderen Episoden, erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass Lales Exmann und Vater ihres Sohnes, der smarte Staatsanwalt Jobst Petersen, kräftig mitmischt.


    Christine Sylvester schreibt mit einer unglaublichen Leichtigkeit, die gerade in diesem Genre ihresgleichen sucht und ihm dabei doch so gut ansteht. Ihre Figuren sind Karikaturen, die exakt treffen und dabei von brillianten Regionalwissen zeugen - der Leser wird nicht nur bestens unterhalten, sondern erfährt auch noch viel über Dresden und seine Umgebung.


    Ein Sachsenkrimi, der aufgrund seiner Qualität überregional einschlagen sollte!Schade, dass die Autorin und ihre überaus unterhaltsame Reihe noch nicht so bekannt sind - als sächsische Antwort auf Rita Falks niederbayerischen Kommissar Franz Eberhofer zum Beispiel könnten Lale Petersen und ihre Kollegin Mandy, das sächsische Urgestein, das entscheidend zum Lokalkolorit beiträgt durchaus ihren Mann, ach Entschuldigung: natürlich ihre Frau stehen. Ein Lesespaß, den sich Fans von Regionalkrimis nicht entgehen lassen sollten!
    5ratten

    Tod einer jungen Mutter

    Religiösen Fanatismus gibt es vielerorts und mehr als man denkt, ist er in ländlichen Regionen verbreitet, auch hierzulande. Da bildet das Siegerland keine Ausnahme und so liegt es nahe, eine solche Motivation als Grund für den Mord an der jungen Mutter Anke Feldmann zu vermuten, deren Leiche in nahezu kultischer Weise auf einer alten Opferstätte drapiert aufgefunden wird. Doch gibt es rasch weitere Hinweise, die mit dem Ermordung der Frau zusammenhängen können - alles deutet auf eine Ehekrise, auf eine Affäre Ankes hin - ist es Ehemann Frank zu bunt geworden, so dass er sich ihrer entledigen wollte? Oder hatte sich Anke - sozusagen heimlich - doch auf religiöse Eiferer eingelassen, was ihr zum Verhängnis geworden war?


    Autorin Melanie Lahmer legt mit ihrem nunmehr zweiten Fall um die junge Ermittlerin Natascha Krüger, die es aus Köln ins beschauliche Siegen verschlagen hat, einen Fall vor, der spannungsreich startet und sich dann ein kleines bisschen verheddert. Die atmosphärische Schilderung des Settings sowie die treffende Darstellung einiger Protagonisten sind eindeutige Pluspunkte dieser durchaus ansprechenden, in eloquentem und angenehm zu lesenden Stil verfassten Krimireihe. Leider ist es so, dass die Figuren, die nicht näher beschrieben werden, kaum Wiedererkennungsmerkmale haben, so dass es mir aufgrund dessen von Zeit zu Zeit ein bisschen schwer fiel, der Handlung zu folgen. Aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben, denn es offenbaren sich einige ungeahnte Hintergründe.


    Ein bisschen unglücklich gewählt finde ich den Titel, der schon ein bisschen in der Handlung vorgreift und die - bzw. eine - Richtung der Ermittlungen anzeigt. Zudem fällt die Handlung, was Originalität anbelangt, aus meiner Sicht gegenüber dem Vorgänger "Knochenfinder", in dem Geocaching das auf höchst anregende Weise angegangene Thema war, geringfügig ab. Nichtsdestotrotz hat der Ausflug ins Siegerland, dessen Atmosphäre aus meiner Sicht treffend gespiegelt ist, viel Spass gemacht: ich mag die junge, spritzige Natascha mitsamt den ungleich betulicheren Siegerländer Kollegen, ihrem Liebsten Simon und ihrer unkonventionellen Kölner Familie und freue mich schon auf den nächsten Fall, in dem sie ermittelt!
    4ratten