Beiträge von TochterAlice

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.


    Meine Meinung
    Den Titel finde ich übrigens ein wenig irreführend. Die Männer waren zwar nicht körperlich anwesend, trotzdem aber immer präsent: in Gesprächen oder Erinnerungen. Der einzige Kritikpunkt für mich ist


    4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:


    Genauso habe ich es auch empfunden, die Männer waren immer anwesend! Das was, Du gespoilert hast, ist mir auch aufgefallen, es hat mich aber nicht gestört. Für mich ein wunderbares Buch von einer meiner absoluten Lieblingsschriftstellerinnen!

    Oh, das war toll, ich habe es um Einiges besser bewertet als Du, wobei ich auch ein totaler Jeannette-Walls-Fan bin und möglicherweise nicht kritisch genug herangegangen bin.


    Ich grabe mal gerade nach meiner Rezi - hier ist sie:


    Hand in Hand der Sonne nach


    So hieß eines meiner Lieblingsbücher in meiner Kindheit: es ging um zwei Waisenkinder, zwei amerikanische Schwestern, die ihr trauriges Leben hinter sich lassen wollten und aufbrachen, um eine bessere Zukunft zu finden - sehr erfolgreich, wenn auch komplett anders als ursprünglich gedacht.


    Dieses Buch hat Jeanette Walls bestimmt auch mal gelesen, denn während der Lektüre ihres aktuellen Buches "Die andere Seite des Himmels" ergaben sich immer wieder mal Assoziationen: die Schwestern Liz und Bean, fünfzehn und zwölf Jahre alt, sind zwar keine Waisen, doch sind sie in einer ähnlichen Situation, werden sie doch von ihrer Hippie-Mutter mit musikalischen Ambitionen - wir schreiben
    das Jahr 1970 - immer wieder in Stich gelassen.


    Und so sind sie mehr oder weniger gezwungen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und tun es auch - mehr oder weniger gezwungenermaßen, um der Einweisung ins Jugendheim zu entfliehen: sie begeben sich per Bus auf eine Odyssee quer durch die Staaten - von Kalifornien an die Ostküste, wo ihre Mutter herkommt: da gibt es nämlich noch einen Onkel.


    Onkel Tinsley erweist sich als verschrobener, aber liebenswerter Kerl, auch andere Verwandte finden sich - quasi unverhofft - die den Mädchen, vor allem Bean, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ein wenig Wärme vermitteln. Auch die Mutter taucht wieder auf, zumindest partiell.


    Und sie treffen auf den bösen Wolf - in Form eines der mächtigsten Männer der Gegend und sagen ihm den Kampf an - mit allen Konsequenzen, die sie dann auch brutal erfahren müssen.


    Ein wunderbares Buch - wie bisher alles, was Jeanette Walls zu Papier gebracht hat - atmosphärisch und dicht geschrieben, so dass man es als Leser nicht aus der Hand legen kann. Man erhält einen Einblick in das USA der frühen 1970er Jahre: Vietnam, Rassismus, arm und reich - das alles ist noch sehr, sehr präsent - vor allem in den Südstaaten, wohin es die Mädchen verschlagen hat. Die Charaktere sind charismatisch, (fast) nie schwarz oder weiß, es gibt humorvolle, erschütternde, beklemmende, aufrüttelnde und ergreifende Szenen: ein wahres Gefühlskarussell, durch das man während der Lektüre geschleust wird.


    Keine Frage, es lohnt sich - für Menschen, die aufbrechen wollen, die Anstöße und Impulse brauchen, für Menschen, die etwas über die neuere Geschichte der USA erfahren wollen und vor allem für Menschen, die nach dem absoluten Lesegenuss lechzen - hier werden alle reich belohnt: Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.
    5ratten

    Hier meine Rezi zu "Kindeswohl":


    Recht und Unrecht
    sind nicht immer klar voneinander zu trennen, vor allem dann, wenn es um Entscheidungen des Familiengerichts und damit oftmals nicht um kriminelle, sondern um soziale oder gar ethische Konflikte geht. Ein solcher steht Richterin Fiona Maye ins Haus: diesmal hat sie zu entscheiden über Adam, einen jungen Zeugen Jehovas, der an Leukämie erkrankt ist und - unterstützt von Eltern und Kirche - die lebensnotwendige Medikation verweigern will. Kurz vor seinem 18. Geburtstag obliegt dem Gericht die Entscheidung, mit der es sich Fiona als oberste Instanz nicht einfach macht: sie nimmt sich die Zeit, Adam im Krankenhaus aufzusuchen und trifft auf einen ganz besonderen Menschen.


    Doch es ist nicht der einzige ethische Konflikt, mit dem sie zu kämpfen hat: ein weiterer, wesentlich persönlicherer geht von Jack, ihrem Ehemann seit mehreren Jahrzehnten, aus, der sie mit etwas Unglaublichem konfrontiert. Es geht hier nicht nur um Recht und Unrecht, nein, es geht auch um Schuld und deren subjektive Wahrnehmung bzw. Vermittlung - und zwar innerhalb ihrer Beziehung. Wer hat an etwas Schuld, wem wird diese zugesprochen, von wem und in welcher Situation. Fiona jedenfalls hat mit diesem Gefühl an allen beschriebenen Fronten zu kämpfen. Und wie so oft bei McEwan spielt auch Besessenheit eine Rolle, diese wird - wie bisher jedes Mal - in einem ganz eigenen, individuellen, absolut unnachahmlichen Modus transportiert.


    Diese beiden Stränge sind wie so oft bei McEwan eng verknüpft mit Musik, diesmal ist es gar der Aufbau eines Stückes, an dem er die Handlung dieses zwar kurzen, aber umso inhaltsreicheren Romans ausrichtet - und endet in einem eher stillen Finale Furioso, das nichtsdestotrotz eines ist - eben eines auf die unnachahmliche Art McEwans. Mit diesem, ich versteige mich dazu, ihn als seinen bisher weisesten, kontroversesten zu bezeichnen - Roman zeigt er wieder einmal, was für ein Ausnahmeliterat er doch ist - ohne weiteres eines Nobelpreises würdig - so empfinde zumindest ich es: sind doch Themen, die die den Leser noch lange verfolgen, eine bis ins Mark treffende Sprache und ein eindringlicher Stil, der die Handlung noch unterstreicht, ganz klar Kriterien, die einer solchen Beurteilung zugrunde liegen sollten - und alle diese erfüllt er hier aufs Trefflichste! Das stille Finale Furioso ist aus meiner Sicht eines der besten Enden in McEwans bisherigen Romanen - und es ist kein schlechtes darunter! Ein elegantes, kraftvolles Buch zu zwei eher stillen, doch eklatant wichtigen Themen! Wenn das die Richtung ist, in die McEwan nun weiter zu gehen beabsichtigt - wir können nach bereits Großem Unglaubliches von ihm erwarten!
    5ratten

    Ich fand es absolut grandios, wobei mein Lieblingsbuch von McEwan immer noch "Unschuldige" ist. Das spielt in Berlin unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg und ist sicher auch was für Leser, die sich bspw. für "Nachtauge" von Titus Müller begeistern konnten.


    "Kindeswohl" habe ich zunächst auf Englisch gelesen, weil ich als echter Fan nicht abwarten konnte, aber ein kleines bisschen habe ich mich damit übernommen und habe dann zu gegebener Zeit auf Deutsch nachgeschoben.

    Eine verbotene Liebe


    ...steht im Mittelpunkt dieses ungewöhnlichen und auf gewisse Art sicher auch herausragenden Werkes des jungen französischen Schriftstellers Joel Dicker.


    Um was geht es? Zunächst um die Rettung eines Meisters, nämlich der Rettung von Marcus' ehemaligen Professor Harry, der eines Mordes angeklagt ist, der lange zurückliegt: des Mordes an seiner Gespielin, angeblich seiner großen Liebe Nola, die Ende August 1975 im Alter von nur 15 Jahren - Harry selbst war damals bereits 34 - auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ihre sterblichen Überreste nämlich finden sich in Harrys Garten, er tut unschuldig und ist doch sooo verdächtig.


    Sein ehemaliger Student Marcus - ein junger Erfolgsautor, dessen erster Roman eingeschlagen hat wie eine Bombe und von dem nun mehr erwartet wird, versucht sich in der Wahrheitsfindung. Er will einfach nicht glauben, das der von ihm so bewunderte Harry, selbst Autor eines unglaublichen Werkes, ein Mörder sein soll....

    Geschäfttüchtige Agenten und Verleger bringen ihn dazu, aus diesem Stoff seinen neuen Roman zu machen und bewerben diesen - es ist das Jahr 2008 - bereits lange vor seinem Erscheinen aufs Heftigste. Ganz USA hat schon lange vor der Fertigstellung davon gehört - und Marcus steht unter Zugzwang. Zudem möchte er natürlich Harry, seinem Freund und Mentor, helfen.


    Es gibt eine Menge Maine, einen verschrobenen Autor, verschiedene schräge bzw. ungewöhnliche und gut dargestellte Charaktere ... und den Boxsport. Wiederholt stellte sich mir während des Lesens die Frage, ob Dicker und ich nicht etwa denselben Lieblingsautor - nämlich den großen John Irving - haben und ob er sich nicht hat beeinflussen lassen - sowohl vom Setting - der Roman spielt in Maine, obwohl der Autor Franzose ist - als auch von der Themenwahl und der Person Irvings. Boxen spielt hier eine nicht unwesentliche, nicht immer jedoch sinnvoll eingebrachte Rolle - und ließ mich an das Ringen, das bei irving immer wieder Thema ist, denken. Und bei der Entwicklung der Figur Harry könnte es Anleihen an die reale Person Irving geben, wenn auch diese - gottseidank - eine nicht annähernd so tragische Gestalt ist. Und immer wieder stellte sich mir die Frage der Authentizität - wie gut kennt der Franzose Dicker die USA und speziell Maine wirklich? Basiert das alles auf Rezipiertem, auf Recherchiertem oder auf Erdachtem. Insgesamt ein toller Roman - wenn auch aus meiner Sicht mit einigen Schwachstellen hinsichtlich Logik und Glaubwürdigkeit - auch einiger Klischees hat sich der Autor fleißig bedient..


    Aber Joel Dicker kann schreiben wie ein junger Gott - herrlich die Verschachtelung des entstehenden Romans mit dem vorliegenden Werk, der Tragödie um Harry und Nola! Ein Buch, das auf jeden Fall lohnenswert ist, auch wenn ich Ihnen nicht versprechen kann, dass Sie sich überhaupt nicht ärgern!
    4ratten

    Ich geselle mich hier auch zu denjenigen, die sehr sparsam mit Ratten umgehen....


    It`s a very, very Nerd World


    oder ist es doch "a Mad World", wie sie einst Roland Orzabal von "Tears for Fears" besang? Ich würde mal sagen, dieses Buch beinhaltet auf jeden Fall beides!


    Ein wunderschönes Cover, das das Buch eines jeden Bibliophilen höher schlagen lässt, eine kleine, verwunschene Buchhandlung mit einem überaus verschrobenen Buchhändler - das schien überaus vielversprechend, ich konnte mich der Magie dieser Versprechungen nicht entziehen. Und fiel - sinnbildlich gesehen - so ziemlich auf die Nase. ich hätte nämlich dem ebenfalls auf dem Cover abgebildeten, sich im Bücherregal befindlichen Monitor mehr Bedeutung beimessen sollen - für meinen Geschmack sind in diesem Buch nämlich eindeutig zu viele Nerds unterwegs, die mit ihren Methoden dem alles überlagerndem Geheimnis auf den Grund zu rücken versuchen.


    Was passiert? Ein arbeitslos gewordener Nerd, nämlich Clay Jannon, findet einen neuen Job in einem Buchladen - und in was für einem! Mr. Penumbras Laden mitten in San Francisco ist ein Traum für Bibliophile mit besonderen, ungewöhnlichen Wünschen - wie ungewöhnlich die Wünsche wie auch die Bibliophilen sind, dies offenbart sich erst nach und nach. Und alles zielt auf ein uraltes Geheimnis, dem Penumbra mitsamt den ungewöhnlichen Kunden auf der Spur ist. Clay und seine Freunde - ja, auch ein Nerd hat welche und es gibt auch mal eine Nerd-Romanze zwischendurch - sind bald mittendrin auf einer Jagd durch die Staaten. Diese ist leider nicht verwegen, sondern ziemlich langweilig und fungiert zudem als Werbeträger für Firmen wie Google - die man fast schon als eine der relevantesten Player im ganzen Buch bezeichnen kann, aber auch Kindle und ipads werden erwähnt.


    Am Ende versammelt Clay alles seine Lieblingsmenschen in einem Raum und dies ist genauso pathetisch, wie es klingt. Sequenzen wie "Mats Vorhaben ist total größenwahnsinnig, zwanghaft und vermutlich unmöglich. Mit anderen Worten: genau das Richtige für diesen Laden." (S.264) ließen mich lange auf den besonderen Clou hoffen, der sich aber leider in Langatmigkeit und Langeweile verlor. Schade.


    2ratten

    Eine Reise ganz, ganz weit in den Norden Europas,
    nämlich nach Spitzbergen macht der Leser dieses opulenten Romans - und noch viel mehr! Was dahintersteckt? Nun, die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen - zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart.


    So gibt es gleich zwei Protagonistinnen: die junge Emilie, die wir 1907 im heimatlichen Elberfeld, heute Wuppertal antreffen, wo die Tochter eines Industriellen von einem interessanteren, abenteuerlicheren Leben träumt und schließlich tatsächlich als Teilnehmerin einer Gruppe von Forschern in Norwegen landet - allerdings muss sie dafür in die Rolle ihres jüngeren Bruders Max schlüpfen.


    Auf der anderen Seite ist Hanna, die 2013 in Bayern von einem Tag auf den anderen vor den Trümmern ihres Ehelebens steht: ihr Mann Thorsten, mit dem sie zwei erwachsene Kinder hat, hat sie aus heiterem Himmel verlassen und sich mit einer jungen Gespielin auf eine einjährige Segeltour begeben. Auch sie zieht es nach Norwegen: sie entschließt sich, in ihren früheren Beruf als Reisereporterin zurückzukehren und nimmt einen Auftrag für einen Bericht über Spitzbergen an.


    Der Leser wird pausenlos mit Sprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Geschicke von Hanna in den 2010ern und die von Emilie im Jahr 1907. Ein Wechsel, der durchaus gelungen ist. Vor allem über die Umstände, aber auch über den Zeitgeist, der vor dem 1. Weltkrieg herrschte, erfährt man so einiges. Auch der Kontrast der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in Deutschland zur vergleichsweisen Freiheit eines männlichen "Forscherlebens" ist wirklich sehr gut, bildhaft und einfühlsam dargestellt.


    Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Auch sonst fand ich, dass die Prioritäten an manchen Stellen ungünstig gesetzt waren. Für mich war der Teil um Emilie mit großem Abstand der interessantere, auf den ich mich aufgrund der wunderbar recherchierten, atmosphärisch geschilderten Details aus früheren Zeiten immer sehr gefreut habe. Hanna mit ihrem plötzlich - hier sprechen wir von einigen wenigen Tagen - erfolgten kompletten Lebenswandel hat mich eher irritiert. Zudem hätte mich das Schicksal und die Entwicklung einiger Figuren - Emilies fortschrittliche Tante Fanny und ihr Bruder Max, mit dem sie zeitweise die Identität tauschte, waren hier sehr vielversprechend - vor allem 1907 interessiert, dies wurde ein wenig unter den Tisch gekehrt.


    Insgesamt aber ein packender und mitreißender Roman mit viel Herz, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!
    4ratten

    Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?


    Leider viele hier in unserm Land, denn Fremdenhaß und -feindlichkeit sind oft auf einer ganz irrationalen Angst begründet. Doch wie auch immer, dieser Tage begegnen wir allenthalben mehr und mehr einer feindlichen Einstellung gegenüber Andersaussehenden - so auch im Ländle, nämlich in Waiblingen, wo das zuständige Kripo-Team im Fall des jungen ermordeten Nigerianers Cassidy Osuji ermitteln muss. Ist hier Ausländerfeindlichkeit ein Motiv? Könnte sein, da der deutsche Schwiegervater des Toten Mitglied einer rechtsextemen Partei ist und mit der Wahl seiner Tochter, der Friseurin Martina, keineswegs glücklich war. Auch andere Parteimitglieder geraden ins Fadenkreuz, doch zahlreiche Spuren führen in andere Richtungen: gab es eine Geliebte, war das Opfer selbst politisch aktiv, was für Kontakte hatte er in die Heimat?


    Bunt ist der Strauß an Möglichkeiten, der sich vor Kommissarin Kristina Reitmeier und ihrem Team, allem voran dem stets übereifrigen und gern auf eigene Faust ermittelnden Daniel Wolf auftut - und es gibt jede Menge die Aufklärung behindernde Faktoren, nicht zuletzt den Umstand, dass das Weihnachtsfest unmittelbar vor der Tür steht. Zudem wandeln sowohl Kristina als auch Daniel gerade auf Freiers(Freierinnen)füßen bzw. würden das gerne tun und sind dementsprechend zeitweilig abgelenkt.


    Überraschende Wendungen und eine Vielzahl an Möglichkeiten und Varianten bietet der Autor Oliver Kern seinen Lesern, die geradezu zum Miträtseln verleitet werden. Für Möchtegern- MissMarples oder HerculePoirots also genau die richtige Lektüre!


    Leider bleibt die Spannung gelegentlich durch einen etwas umständlichen Erzählstil auf der Strecke - und zwar gerne gerade im Verlauf von wilden Hetzjagden oder anderen aufregenden Entwicklungen. Trotzdem ein empfehlenswerter Krimi - aufgrund der Erzählstruktur würde ich das Buch eher in dieses Genre einordnen und nicht als Thriller bezeichnen. Der Autor hat akribisch recherchiert und aufgrund der vielen Spuren ist das Ende lange Zeit nicht absehbar. Wer also in Bezug auf den Erzählstil mal ein Auge zudrückt, hat hier die Chance auf ein paar lohnende Lese- und Rätselstunden!
    4ratten

    Hier auch meine Rezension dazu, ich empfehle es ebenfalls!


    Hart, härter - Millar!


    Man kennt Sam Millar als Autor der harten, stellenweise aber auch humorvollen Serie um den Belfaster Privatdetektiv Karl Kane - einen oft glücklosen Ermittler mit Dauerproblemen, die trotz aller Härte und Schonungslosigkeit durch Stil und Charme besticht.


    Hier geht es noch um einiges mehr zur Sache, denn der Autor beschreibt sein eigenes Leben, von dem er etliche schicksalhafte Jahre im Gefängnis verbrachte - als politischer Häftling im berüchtigten nordirischen Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh, offiziell: Her Majesty's Prison Maze. Und das ist noch weniger etwas für zarte Gemüter als die Karl-Kane-Reihe: man kann es beim Lesen kaum fassen, dass es eine solche Stätte im westlichen Europa lange nach dem 2. Weltkrieg gegeben hat: Millars Lebensbeichte erstreckt sich über die 1970er bis in die 1990er, in irischen Gefängnissen war er ab 1973, in Long Kesh ab 1976. Es ist unvorstellbar, was ein so junger Mann - Millars politische Radikalisierung begann sehr früh - alles durchmachen musste.


    Auch andere Lebensphasen werden thematisiert: nach seiner Entlassung gründete Millar eine Familie, wanderte nach New York aus und erfüllte sich dort nach einem eher holprigen Start den Traum vom eigenen Comic-Laden. Der Start in ein ruhiges, geregeltes Leben? Nun ja, für ein paar Jahre, denn dann gab es einen Überfall auf das Welttransportunternehmen Brink's und was Millar damit zu tun hatte - das erfärt der interessierte Leser in diesem Buch.


    Doch alles weitere lässt nicht den eindringlichsten, aufrührendsten Teil vergessen: die langen Jahre im Gefängnis, über die ein französischer Journalist nach einem Interview mit Millar schrieb. "Long Kesh fügt sich nahtlos zwischen die Schrecken der Konzentrationslager der Nazis und die der Gulags ein." (S. 407)


    Sam Millars Bericht eines Rebellenlebens - seines eigenen. Klar, kompromiss- und schonungslos: gegen andere und gegen sich selbst. Hart, härter - Millar!
    5ratten

    Was für ein Tanz!


    Die "Psychopathenpolka" von Christine Sylvester macht ihrem Namen alle Ehre - der Dresdner Regionalkrimi kommt alles andere als betulich und beschaulich - Attribute, die man diesem Genre ja öfter mal anhängt, daher. Im Gegenteil, der mittlerweile vierte Band um die Ermittlerin Lale Petersen ist witzig, spritzig, schäumend vor Lebenslust - aber beileibe nicht nur vor guter Laune - nein, wie es in einem Krimi nicht anders sein soll, wird dem Leser die dunkle Seite des Lebens nicht vorenthalten.


    Worum es geht: Die Kommissarin Lale Petersen wird von einem jungen Radfahrer, mit dem sie zusammenstößt, angezeigt. Als sie ihn zusammen mit ihrer Kollegin Mandy am Arbeitsplatz aufsucht, finden sie ihn tot auf. Ist der Azubi tatsächlich am Arbeitsplatz gestorben? Garniert wird dieser Fall von diversen anderen Episoden, erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass Lales Exmann und Vater ihres Sohnes, der smarte Staatsanwalt Jobst Petersen, kräftig mitmischt.


    Christine Sylvester schreibt mit einer unglaublichen Leichtigkeit, die gerade in diesem Genre ihresgleichen sucht und ihm dabei doch so gut ansteht. Ihre Figuren sind Karikaturen, die exakt treffen und dabei von brillianten Regionalwissen zeugen - der Leser wird nicht nur bestens unterhalten, sondern erfährt auch noch viel über Dresden und seine Umgebung.


    Ein Sachsenkrimi, der aufgrund seiner Qualität überregional einschlagen sollte!Schade, dass die Autorin und ihre überaus unterhaltsame Reihe noch nicht so bekannt sind - als sächsische Antwort auf Rita Falks niederbayerischen Kommissar Franz Eberhofer zum Beispiel könnten Lale Petersen und ihre Kollegin Mandy, das sächsische Urgestein, das entscheidend zum Lokalkolorit beiträgt durchaus ihren Mann, ach Entschuldigung: natürlich ihre Frau stehen. Ein Lesespaß, den sich Fans von Regionalkrimis nicht entgehen lassen sollten!
    5ratten

    Tod einer jungen Mutter

    Religiösen Fanatismus gibt es vielerorts und mehr als man denkt, ist er in ländlichen Regionen verbreitet, auch hierzulande. Da bildet das Siegerland keine Ausnahme und so liegt es nahe, eine solche Motivation als Grund für den Mord an der jungen Mutter Anke Feldmann zu vermuten, deren Leiche in nahezu kultischer Weise auf einer alten Opferstätte drapiert aufgefunden wird. Doch gibt es rasch weitere Hinweise, die mit dem Ermordung der Frau zusammenhängen können - alles deutet auf eine Ehekrise, auf eine Affäre Ankes hin - ist es Ehemann Frank zu bunt geworden, so dass er sich ihrer entledigen wollte? Oder hatte sich Anke - sozusagen heimlich - doch auf religiöse Eiferer eingelassen, was ihr zum Verhängnis geworden war?


    Autorin Melanie Lahmer legt mit ihrem nunmehr zweiten Fall um die junge Ermittlerin Natascha Krüger, die es aus Köln ins beschauliche Siegen verschlagen hat, einen Fall vor, der spannungsreich startet und sich dann ein kleines bisschen verheddert. Die atmosphärische Schilderung des Settings sowie die treffende Darstellung einiger Protagonisten sind eindeutige Pluspunkte dieser durchaus ansprechenden, in eloquentem und angenehm zu lesenden Stil verfassten Krimireihe. Leider ist es so, dass die Figuren, die nicht näher beschrieben werden, kaum Wiedererkennungsmerkmale haben, so dass es mir aufgrund dessen von Zeit zu Zeit ein bisschen schwer fiel, der Handlung zu folgen. Aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben, denn es offenbaren sich einige ungeahnte Hintergründe.


    Ein bisschen unglücklich gewählt finde ich den Titel, der schon ein bisschen in der Handlung vorgreift und die - bzw. eine - Richtung der Ermittlungen anzeigt. Zudem fällt die Handlung, was Originalität anbelangt, aus meiner Sicht gegenüber dem Vorgänger "Knochenfinder", in dem Geocaching das auf höchst anregende Weise angegangene Thema war, geringfügig ab. Nichtsdestotrotz hat der Ausflug ins Siegerland, dessen Atmosphäre aus meiner Sicht treffend gespiegelt ist, viel Spass gemacht: ich mag die junge, spritzige Natascha mitsamt den ungleich betulicheren Siegerländer Kollegen, ihrem Liebsten Simon und ihrer unkonventionellen Kölner Familie und freue mich schon auf den nächsten Fall, in dem sie ermittelt!
    4ratten

    Zoe Lenz und das große Ganze


    Mögen Sie schräge Krimis à la Sara Gran mit der eigenwilligen, ja einzigartigen Detektivin Claire de Witt oder Heinrich Steinfest mit dem einarmigen Markus Cheng? Auf ihre ganz eigene, ganz besonders tiefgründige Art hat die Autorin Helene Henke mit Zoe Lenz, der jüngsten Bestatterin von Deutschland, ansässig in einem kleinen Kaff im Hunsrück, ein ebenbürtiges Pendant geschaffen. Im nunmehr zweiten Teil geht es um zwei tote Mädchen, die in einem nahen Waldstück aufgefunden werden und deren mögliche Verbindungen um sektenähnliche Strukturen.


    Doch eigentlich geht es hier um viel, viel mehr, nämlich um ein mehrteiliges, umfassendes und vielschichtiges Gesamtwerk. In Helene Henkes Zoe-Lenz-Reihe scheint jede kleinste Entwicklung, jede neu auftauchende Figur und sei sie noch so nebensächlich, in einem kausalen Zusammenhang zum großen Ganzen zu stehen: der Leser sollte gut aufpassen und aufmerksam abspeichern, hier bekommt alles nochmal eine Bedeutung, ist unerlässlich für die weitere Entwicklung von Zoes Geschichte - um die geht es hier nämlich übergeordnet, nicht nur um die einzelnen Fälle.


    Bis zu einem gewissen Punkt ein durchaus spannendes Konzept, das aber den Leser geradezu verpflichtet, keinen Band auszulassen bzw. auf weitere Bände - "Menschenfischer" ist gerade mal der zweite und beinahe jede Figur, auf jeden Fall aber jede Entwicklung aus Band 1 hatte hier eine Bedeutung bzw. stand im Zusammenhang zu aktuellen Ereignissen.


    Auch wenn ich den ungewöhnlichen und ausgesprochen anspruchsvollen Stil von Helene Henke sehr gern mag und Zoe fest in mein Herz geschlossen habe: Ich bleibe ungern mit einer derart unfertigen Geschichte zurück und fühle ich mich, obwohl mir das Buch wirklich gut gefallen hat, ein kleines bisschen betrogen, auch wenn es natürlich das gute Recht einer Autorin ist, es genau so und nicht anders zu machen. Aber ich habe es gern etwas "aufgelöster", wenn Sie verstehen, was ich meine: ganz klar mein Problem. Da es aber so gut geschrieben ist und Zoe mir so am Herzen liegt, bleibe ich natürlich weiterhin am Ball - immer vorausgesetzt, es gibt einen weiteren Band.


    4ratten

    Tee trinken, ihn verkaufen und Morde aufklären


    das tut die charismatische, übersinnlichen Themen nicht abgeneigte Exjournalistin Berenike im schönen Salzkammergut. Diesmal stößt die auf die erdrosselte Monika - Zufall oder Mord, das Band der Dirndlschürze hat sich um den Hals gewunden. Die Gute war zu Lebzeiten einerseits überaus lebenslustig, andererseits nationalsozialistischem Gedankengut nicht abgeneigt. Und es folgen weitere Leichen, die gewisse Rückschlüsse zulassen....


    Auch Berenikes Liebster, der hübsche Kommissar Jonas, taucht auf - und mit ihm Wolken am Horizont. Wird die bucklige, aber attraktive Franziska ihn ihr ausspannen? Lebenslust und heitere Liebesreigen durchzogen von dunkleren Wolken - wenn mal ein/e Dritte/r btrogen wird - das scheint das Markenzeichen des Salzkammerguts zu sein.


    Nun ja, wir alle wissen, dass man am Wolfgangsee gut lustig sein kann, dass sich dort aber auch jede Menge Leichen rumtreiben, das ist neu! Anni Bürkl schreibt durchaus atmosphärisch, lässt Lokalkolorit aufblitzen - manchmal wird es jedoch ein wenig fahrig oder gar wirr. Und der Schluss hinterlässt leider alles andere als Befriedigung. Schade - gerade bei einer so besonderen Protagonistin wie Berenike, die jede Menge Alleinstellungsmerkmale aufweist und somit eigentlich flink zu Österreichs Ermittlerin Nr. 1 aufsteigen könnte, hätte ich ein bisschen mehr erwartet. Nun, vielleicht dann in Berenikes fünftem Fall!
    3ratten

    Das köstliche Marzipan


    ist es wohl nicht, was die junge Jette, Tochter nach Kanada emigrierter Deutscher in das Land ihrer Ahnen treibt. Und es ist ein besonderer Neubeginn: ein Start mit Knall. In der Bahnhofsbuchhandlung nämlich, in der sie sich beim Warten auf ihren Opa Kurt, tätig bei der Lübecker Polizei, die Zeit vertreiben will, wird die Buchhändlerin, mit der sie gerade spricht, erschossen.


    Und weiter geht es mit den Hindernissen: Kurt nimmt seine Enkelin nämlich nicht gerade mit offenen Armen auf, sein ungeliebter Vorgesetzter Goran, der den alten Recken am liebsten in Rente sähe, dagegen umso mehr. Zudem hat Jette etwas in Kanada zurückgelassen, was auch dort bleiben soll.


    "Aufgemotzt" werden die Ermittlungen vor allem durch Kurts Kartenrunde, ein munteres Klübchen, das außer ihm aus der Polizeisekretärin Inge-Britt, Kioskbesitzer Fritz und Rentner Erwin besteht, die den Fall nicht nur beim Kartenspielen kräftig aufmischen: sie sind die wahren Juwelen in diesem Buch, wohingegen Kurt und vor allem Jette ein bisschen angestrengt wirken und somit den Leser - zumindest mich - ziemlich strapazieren.


    Es gibt eine Menge Figuren, die nur kurz aufblitzen und den eigentlich runden Fall ein wenig unübersichtlich gestalten. Doch der unterhaltsame Schreibstil der Autorin Christiane Güth und ihre originellen Ideen - die tote Buchhändlerin meldet sich bspw. ab und an aus dem "Off" - haben mich dann doch am Ball gehalten. Ein netter Krimi, bei dem ein paar Stränge zu viel im Sande verlaufen, der jedoch trotzdem eine Menge Lesespass brachte. Es wäre interessant zu wissen, wie es mit Kurt und Jette weitergeht - ich zumindest hoffe hier auf einen nächsten Fall.
    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

    Schön ist die Jugendzeit - sie kommt nicht mehr


    so heißt es in einem alten Lied und Jan, ein Kölner Journalist, ist eigentlich ganz froh darüber, gab es doch in seinen Jugendjahren ein Ereignis - den Tod zweier Altersgenossen - das er am liebsten für immer vergessen möchte. Der Verdrängungsmechanismus funktioniert erfolgreich: aber nur, bis sein Chef auf die Idee kommt, Jan zu genau diesem, inzwischen 27 Jahre zurückliegenden Fall recherchieren zu lassen. Er ist nämlich nie aufgeklärt worden.


    Wie damals ist gerade Hochsommer und Jan sollte eigentlich in Kürze seiner Familie an die Nordsee folgen. Doch zusammen mit Freundin Mütze - Recherchegenie und echter Kumpel in Zeiten der Not - legt er los. Sie waren damals eine ganze Clique, die in der Südstadt ihr (Un)Wesen trieb, eine Clique auf einem Ausflug ins Bergische Land, von dem zwei nicht lebend zurückkehrten. Die Folge - zerbrochene Freundschaften und Jugendlieben in Hülle und Fülle, denn nach diesem Wochenende konnte nichts mehr so sein wie zuvor. Daher ist der Aufwand, die alten Freunde wieder aufzutreiben, kein geringer.


    Schnell wird klar - nicht zu jedem war die Zeit gnädig, nein, wirklich nicht. Jan hat bei weitem nicht nur angenehme Erlebnisse beim Wiedertreffen der alten Freunde und zudem kehrt die Gewalt schnell wieder zurück...


    Ein spannendes Buch, das atmosphärisch in Köln und sein Umland eingebettet ist - man möchte wirklich Köln-Touristen raten, dieses Buch als Lektüre mitzunehmen und den Wegen in der Südstadt, in Ehrenfeld und in Sülz zu folgen - man würde so einiges "echt Kölsche" mitnehmen können.


    Leider sind die Charaktere nicht ganz so eindringlich geschildert wie die Stadt und bleiben zu einem großen Teil recht blass, was bei der spannenden inhaltlichen Ausrichtung und den durchaus eindrucksvollen Rückblenden ins Jahr 1986 doch recht schade ist. Auch einige besonders verheißungsvolle Erzählstränge verlaufen leider ins Nichts und so war das Buch trotz eines veritablen Showdowns für mich nicht ganz so spannend wie erhofft.


    Aber in Jan und seinem Umfeld steckt viel Potential und so freue ich mich schon von ganzem Herzen auf den in Aussicht gestellten 2. Band, der hoffentlich recht bald folgen wird!
    4ratten

    Auf dem absteigenden Ast


    befindet sich Nazideutschland im Frühjahr 1943 - die Deutsche Armee war in Stalingrad Monate zuvor vernichtend geschlagen worden und jedem, der sich einigermaßen in Politik und Kriegsführung auskannte, war klar, dass dieser Krieg für Nazideutschland nicht mehr zu gewinnen war.


    Den Fanatikern auf deutscher Seite - aber nicht nur denen, sondern auch dem Gros der deutschen Bevölkerung, das einfach nur mit dem täglichen Überleben beschäftigt war, ist das nicht so klar, auch wenn die Rationen geringer werden und zunehmend mehr Teile der männlichen Bevölkerung eingezogen werden.


    Titus Müller spricht in seinem Roman "Nachtauge" neben der Spionagethematik - die Titelfigur ist eine deutsche Spionin in England, die die Pläne der Briten zu durchkreuzen und dadurch den Krieg umzukehren versucht - ein sehr wichtiges und in der Belletristik definitiv bislang vernachlässigtes Thema an: die Zwangsarbeit im Dritten Reich.


    Konkret geht es um das Zwangsarbeiterlager auf den Möhnewiesen unterhalb der Möhnetalsperre, von dem aus vor allem Arbeiterinnen aus den eroberten Ostgebieten auf die umliegenden Betriebe verteilt wurden. Es wird von Georg Hartmann geleitet, einem Schöngeist, der eigentlich Lehrer ist und den Sinn des Nationalsozialismus von Anfang an nicht nachvollziehen konnte. Anders sein Schwager Axel, der im Polizeidienst tätig ist und dem Georg diese Position verdankt, die ihn vor dem Wehrdienst - einem fast sicheren Tod in diesen Tagen - rettet. Georg ist gebildet, kritisch und hört britische Radiosender. Ihm ist - im Gegenteil zu vielen anderen, die die Augen verschließen - klar, wohin der Weg führt.


    Im Lager begegnet der erst 19jährigen Ukrainerin Nadjeschka, deren Zauber er sich nicht entziehen kann - damit beginnt für ihn, der durch die Lektüre verbotener Literatur, kritische Äußerungen und die mangelnde Euphorie und Partizipation an nationalsozialistischen Veranstaltungen sowieso angreifbar war, ein gefährliches Leben, denn es ist nicht nur sein übereifriger, auf den eigenen Vorteil bedachter Blockwart, der ihm zusetzt.


    Ein wenig unpassend gewählt erscheint mir der Titel: "Nachtauge" spielt zwar eine entscheidende Rolle, sie ist aber nicht nicht Diejenige, um die sich die Handlung maßgeblich dreht - nein, das sind schon Georg und Nadjeschka. Wer also einen rasanten Spionageroman erwartet, wird nur teilweise zufrieden sein, zu sehr fokussiert sich die Handlung auf den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland - ein Aspekt, der mir ganz besonders gut gefiel, zumal der Autor ganz ausgezeichnet recherchiert hat. Die Entstehung von Fanta, die Existenz italienischer Eisdielen in Hitlerdeutschland, die politischen Aktivitäten von Thomas Mann - es sind gerade diese kleinen Details, die den Roman für mich ausmachen, die seine Qualität und Atmosphäre prägen.


    Und auch sprachlich gibt es nur Positives zu berichten: Titus Müller versteht es, den Leser zu fesseln, Bilder in ihm entstehen zu lassen, die das Leben in Deutschland 1953 sehr anschaulich machen - wie froh ich im Nachhinein bin, dies nicht "in Echt" erlebt zu haben!


    Ein wenig geht dies auf Kosten einiger Erzählstränge, der Ausarbeitung mancher Figuren, auch die Logik bleibt gelegentlich auf der Strecke. Doch das sind Kleinigkeiten, die für mich den Genuss dieses Romans in keinster Weise geschmälert haben!
    4ratten

    Sie hieß Mary Rose und war sein Schiff
    Er hielt ihr die Treue was keiner begriff
    Es gab so viele Schiffe so schön und groß
    Die Mary Rose aber ließ ihn nicht los


    Das ist jetzt zugegebenermaßen bei Freddy Quinn geklaut und auch noch ein wenig abgewandelt - aber es ist so passend! Auch wenn es (noch) nicht so scheint, zeigt Charlotte Lyne in diesem Renaissance-Roman ein großes Herz für Frauen- sie stehen zwar vordergründig in der zweiten Reihe, sind aber bei allem die treibende Kraft. Allen voran die stolze Mary Rose!


    Es geht nämlich um jahrzehntelange Freundschaften, um ebensolche Leidenschaften. Der, dem die treuesten Freundschaften und die feurigsten Leidenschaften gelten, das ist Anthony, ein dunkler, verkrüppelter, unwirscher Kerl, der nicht nur ein Päckchen zu tragen hat und wunderbar Schiffe bauen kann - da ist es kaum verwunderlich, dass seine große Leidenschaft von Kindesbeinen an der Mary Rose, dem riesigen Renaissance-Schiff des Tudor-Königs Henry 8. gilt. Er hat wegen ihr Schlimmstes durch- und überstanden, aber das tut seiner Leidenschaft keinen Abbruch - und alle anderen, die ihm und denen vor allem er etwas bedeutet, müssen sich danach richten. Das ist vor allem sein Fenchel, seine Liebste Fenella. Von Kind an sind sie füreinander bestimmt, bilden ein Dreigestirn zusammen mit dem schönen, immer freundlichen und liebenswerten Sylvester - auch er ein Mann voller Liebe und Leidenschaft. Doch im Vergleich zu Anthony - und damit auch im Vergleich zur Mary Rose - müssen sich alle hintan stellen, vor allem die so unterschiedlichen und kraftvollen Frauen, die diesen Roman bevölkern - und auf ihre Weise tragen, ohne sich jemals allzusehr in den Vordergrund zu rücken.


    Das alles eingebettet in die Zeit des großen Tudorkönigs Heinrich 8., dem eine durchaus tragende Rolle zukommt, auch seine sechs Frauen bleiben dem Leser nicht vorenthalten, wobei Anne Boleyn am meisten in die Handlung eingreift und diese entscheidend prägt.


    Wie immer hat die Autorin hervorragend recherchiert und sich der Zeit, über die sie schreibt, gefügt. Ein solches Gespür für Geschichte und den jeweiligen Geist der Zeit haben nicht viele Autoren. So erwartet den Leser ein opulenter, farbenstarker Renaissance-Roman - üppig in jeder Hinsicht, doch nie überladen. Auch wenn der Leser es manchmal gern anders hätte und vor allem den Sympathieträgern Fenella und Sylvester mehr Freude und Erfüllung im Leben wünschen würde, weil das aus seiner Sicht einfach gerechter wäre, passt hier jedes Wort! Ein wahrhaft saftiger Roman von Charlotte Lyne und das im besten Sinne des Wortes!


    5ratten

    Ein Abenteuerroman im allerbesten Sinne


    Wer kennt schon das Reich der Hethiter, hat jemals etwas über Hattuša, seine Hauptstadt gehört? Es ist auch kein Wunder, dass sie so wenig bekannt ist, denn diese Stadt im heutigen Anatolien - inzwischen sind die Überreste als Weltkulturerbe anerkannt - hatte ihre Glanzzeit im zweiten vorchristlichen Jahrtausend.


    Dorthin entführt uns Carmen Lobato im Rahmen ihres spannenden Romans "Die Stadt der schweigenden Berge", zunächst nur in Gedanken: denn von dieser Stätte träumt Amarna, die Protagonistin des Romans, die im Berlin der frühen 1930er das Glück hat, studieren zu können - für Frauen eine Seltenheit. Die junge Frau stammt aus einer Archäologen-Familie und es gibt für sie nichts Schöneres, als sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Doch ihr Vater, selbst ein erfolgreicher Wissenschaftler, allerdings seit Jahren nicht mehr aktiv und dessen bester Freund Merten, natürlich ebenfalls Professor der Archäologie, bemühen sich sehr, sie von Hattuša fernzuhalten. Ist mit dieser Stätte ein Geheimnis verbunden, eines, das möglicherweise mit Amarnas Familie zusammenhängt?


    Doch sie setzt sich durch und reist bald mit dem Orient-Express in Begleitung ihres Freundes und Verlobten - diese Reihenfolge ist absichtlich und mit Bedacht gewählt - Paul, natürlich ebenfalls Archäologe, nach Istanbul. Und dort ändert sich für die Reisenden schnell alles, was bisher war, Amarna trifft nämlich Arman, die Liebe ihres Leben, man muss sagen, sie erkennen sich gleich als füreinander bestimmt und Paul hat das Nachsehen.


    Ihre Ziele in bezug auf Hattuša verliert Amarna nie aus den Augen und es entwickelt sich ein Drama um Liebe, Achtung und Würde, das bis in die Glanzzeit von Hattuša zurückreicht. Doch vor allem bestehen Bezüge zu Ereignissen, die 1907 stattfanden und mit Amarnas Mutter, über die sie kaum etwas weiß, zusammenhängen. Damals war Amarna noch ein kleines Kind...


    Ein kluges, vielschichtiges Drama einer großartigen Autorin, die unter anderem Namen schon viele wunderbare historische Romane geschaffen hat - detaillierte Recherche, hoher Anspruch sowohl an die historische Richtigkeit als auch an den Stil: das sind ihre Markenzeichen. Nicht zu vergessen den ganz besonderen Humor, der immer wieder hervorblitzt und die Lektüre zu einem ganz besonderen Genuss macht.


    Es ist ein intelligenter Roman prall gefüllt mit Wissen: man erfährt viel beim Lesen, sowohl historische Fakten, als auch Informationen aus der Welt der Sagen und Mythen. Man kann sich aber auch einfach fallenlassen und schwelgen: in farbigen Beschreibungen der orientalischen Welt, in wunderbar dargelegten, vielschichtigen Charakteren, einer verzweigten, doch niemals unlogischen Geschichte. Erwachen daraus - das kann man erst, wenn man das Buch zugeklappt und die letzte Seite entgültig ausgelesen hat, doch es ist kein Roman, den man schnell vergisst. Etwas von Hattuša, von dieser ganz besonderen Atmosphäre, wird immer bei mir bleiben - und eine gewisse Sehnsucht, die ich nicht ganz zu fassen bekomme, auch. Sie umfasst sowohl die beschriebenen Orte als auch die Figuren, vor allem jedoch den Geist, der in diesem Buch zu spüren ist und der von Kraft, Liebe, Würde und jeder Menge farbiger Erlebnisse durchdrungen ist. Man könnte sagen, ich bin zumindest innerlich durch die Lektüre zu einer Pionierin geworden, will Neues wagen und entdecken, Abenteuer erleben! Ich empfehle dieses Buch jedem, der einen guten Roman nicht nur zum Abschalten liest, denn das Buch wird Sie fordern. Aber noch mehr wird es ihnen geben und vielleicht werden auch Sie einen Drang verspüren, der Ihnen neuen Schwung und neue Impulse gibt.


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    Wie Gewalt entsteht


    Harte Zeiten sind es, in denen wir heute leben: auch ohne offiziell verhängten Kriegszustand geht es brutal und blutig zu auf dieser Welt. Woanders mehr als bei uns, aber auch hierzulande geht es mehr und mehr zur Sache. Da kommt unwillkürlich die Frage auf, wo denn die Ursache für eine solche Gewaltbereitschaft, ein solches Potential liegen kann, das manche Menschen dazu bringt, Gewalttaten der heftigsten Art zu begehen. Eine mögliche Antwort gibt Autor Rudi Jagusch in seinem Thriller "Mordsommer".


    Worum es geht? Die ehrgeizige Kölner Staatsanwältin Nina hat die Aussicht, weiter auf der Karriereleiter hochzupurzeln - und ist mehr als bereit dazu. Da erhält sie eine bzw. gleich mehrere Nachrichten, die in ihre Vergangenheit führen, in ihre Jugendtage, in denen Dinge geschehen sind, die unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit dringen sollten. Doch Nina ist nicht die Einzige, die davon weiß, dieses Wissen teilt sie mit einigen anderen Menschen: ihrer damaligen Clique. Aus Gründen, die im Handlungsverlauf deutlich werden, haben sie schon seit Jahren untereinander keinen Kontakt mehr, doch nun treffen sie in einem kleinen verlassenen Eifeldorf aufeinander, denn sie alle haben eine Nachricht erhalten, der sie gefolgt sind.


    Alle außer einem: Steff, Ninas große Jugendliebe. Welche Rolle spielt er in dem ganzen Szenario? Und welches Geheimnis verbindet die ehemaligen Freunde?


    Ein Buch, dessen Handlung gewalttätiger und grausamer nicht sein könnte - mir persönlich ging es zu brutal zu, auf der anderen Seite war das Ende dann aber nicht so überraschend, wie es hätte sein können. Brutalität ohne Spannung also? Nicht ganz, denn wer kurzfristige übergriffsartige Spannungsmomente liebt, kommt durchaus auf seine Kosten, nur Liebhaber von raffinierten Auflösungen, atemberaubend aufregenden Schlussszenarien - und dazu gehöre ich - bleiben eher auf der Strecke. Nicht, dass es kein Showdown gibt - doch es ist nicht so überraschend und nervenzerreißend, wie ich es mir erhofft hätte - zur Sache geht es jedoch durchaus! Mir fehlten ein wenig die Hintergründe - einige der Protagonisten blieben mir dann doch zu blass.


    Aber: Obwohl ich nicht restlos begeistert bin, finde ich dieses Buch sehr wichtig. Gerade in heutigen Zeiten denkt man viel darüber nach, was Gewalt bedingt und wie die Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen, die nicht nur für mich kaum nachzuvollziehen sind, motiviert werden. Rudi Jagusch zeigt in "Mordsommer" eine mögliche Option auf - die unfassbar scheint, trotzdem glaube ich, dass Menschen so sein können. Für Freunde harter Thriller, die inhaltlich nicht an der Oberfläche bleiben, auf jeden Fall ausgesprochen empfehlenswert.


    3ratten