Beiträge von Variemaa

Bitte achtet auf euch und eure Lieben! Bleibt gesund!

Zum Thema COVID19 darf ab sofort ausschließlich in diesem Thread geschrieben werden!

    Ich finde es toll, wie wir Häppchenweise etwas über Dominiques Vergangenheit erfahren und dabei auch neue Rätsel aufkommen. Ihre Geheimnisse zu lüften macht wirklich Spaß und es erhöht massiv die Spannung, wenn wieder ein neues Puzzleteil aufgedeckt wird.


    Die Privatarmee fand ich interessant. Die Polizei unnötig zu machen und bei der Bevölkerung positiven Eindruck zu hinterlassen ist tatsächlich ein kluger Schachzug. Der Vergleich mit Robin Hood hat mir gefallen. Überhaupt ist Dominique jemand, der immer wieder versucht, Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Das Geld von den Kronjuwelen hat sie ja auch dementsprechend gespendet, bzw die Juwelen in ihre Heimatländer zurück gebracht. Ja, nicht uneigennützig, aber das macht sie zu einer guten Mischung aus Egoistin und Altruistin.

    Ich hab den ersten Abschnitt auch schon durch. Die geheimnisvolle Erzählstimme finde ich sehr interessant, am Anfang fast schon nervös, aber souveräner, je weiter es geht.

    Dominique selbst ist irgendwo zwischen knallhart und glamourös. Dass es auch komische Elemente gibt, ist unterhaltsam und macht sie auch greifbar. Obwohl wir ja noch nicht wirklich viel von ihr erfahren, sondern vor allem von ihrem Aussehen und ihrem Lebensstil, zeigt sich ein erstes Bild. Ich bin gespannt, sie sich das entwickelt.

    Und Luc ist wirklich ein armer kleiner Träumer. 😅

    Jüngst habe ich meine erste Leserunde auf Leserunden.de absolviert. Gemeinsam wurde Beatrix Gurians neuer Jugendroman Sommernachtsfunkeln gelesen. Mit 352 Seiten ist das Buch im April bei Arena erschienen und verspricht ein mysteriöses Geschehen.
    Katie flieht nach einem Unfall, der sie gezeichnet hat, als Au-Pair nach L.A. Dort trifft sie in einer seltsamen Smoothie-Bar auf Jeff und Lucy, erwachsen gewordene Kinderstars, die mit einem ungewöhnlichen Konzept die Oberklasse Hollywoods begeistern. Auch Katie ist begeistert, vor allem, als Jeff Interesse an ihr zeigt und ihre Träume zu Greifen nahe werden. Doch dann taucht Luke auf, ihr ehemals bester Freund, und erkennt, was Katie nicht sehen kann.
    Katie ist zu Beginn eine starke Figur, die nicht nur eine tiefe Verbindung zu den Kindern entwickelt, auf die sie als Au-Pair aufpasst, sondern auch nicht gleich auf jeden Anmachspruch hereinfällt. Damit kaschiert sie auch die Unsicherheit über die Narbe, die sie seit dem Unfall mit sich herumträgt. Sie ist umsichtig und vernünftig, kennt ihre Ziele und wird kein hibbeliges Kleinkind, nur weil plötzlich ein Mann an ihr Interesse zeigt. Das hat mir sehr gut gefallen. Eine starke Figur. Leider bleibt das nicht die ganze Zeit so. Auch Katie lässt sich blenden, um den Finger wickeln, verliert ihre Ziele aus den Augen. Das war mir zu typisch und hat auch nicht mehr mit der reflektierten jungen Frau zusammengepasst, die ich am Anfang kennengelernt habt.
    Der Plot ist gut gesponnen. Es gibt immer wieder kleine, mysteriöse Hinweise, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Persönlich mochte ich Jeffs Freund Esra sehr, einen melancholischen Mann im Todeskostüm mit Sense, der immer wieder eine Warnende Stimme ist. Nicht nur für Katie, sondern vor allem auch für den Leser, der so wachsam bleibt und mehr entdeckt, als die Protagonistin. Dieses Rätseln mach einen großen Charme des Buches aus und versetzt es in eine ursprünglich fantastische Ebene, die der ewigen Skepsis, ob es nun so ist, oder so.
    Sehr gut gefallen hat mir auch die Mischung aus gegenwärtiger Handlung und Rückblenden, denn immer wieder erfährt der Leser, was vor dem Unfall eigentlich vorgefallen ist und warum Katie wirklich geflohen ist. Hier entwickelt sich ein zweiter Handlungsstrang, der Luke in den Mittelpunkt stellt. Das entwickelt sich nach und nach, so dass er vielleicht nicht als zweite Hauptfigur, aber wohl als wichtigste Nebenfigur zu betrachten ist. Lukes Erkenntnisgeschichte und seine Verbindung mit Katie wird wunderbar deutlich gemacht. Diese Entwicklung, das Ergebnis, auf das sie hinausläuft, haben mir sehr gut gefallen. Ein toller Gegenentwurf zu jeder Hals-über-Kopf-Geschichte.
    Ich fand den Stil hier sehr angebracht, weil die Nähe zu den Figuren nicht zu groß wurde und ich als Leserin so mehr über die unterschiedlichen Entwicklungen und Entscheidungen reflektieren konnte. Dieser Einbezug des Lesers hat mir sehr gut gefallen. Es gab immer wieder Stellen, über die es sich – auch im Nachhinein – noch lohnt nachzudenken und die das Buch, gerade am Ende, nochmals anders lesen lassen. Dieses Spiel mit den Möglichkeiten fand ich toll.
    Eine gute Geschichte für alle, die eine Spur des Mysteriösen mögen, ohne direkt einen Fantasy-Roman zu wollen.

    Aslı Erdoğan – Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

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    Buchbeschreibung auf Amazon: Eine der wichtigsten Stimmen der türkischen Opposition – Aslı Erdoğans politische Essays erstmals auf Deutsch



    "Wir müssen den Mördern die Stirn bieten und die Opfer zu Wort kommen lassen." Aslı Erdoğan, die große türkische Romanautorin und Oppositionelle, ist zur Symbolfigur für die Meinungsfreiheit und das Ausmaß der türkischen Willkürherrschaft geworden. Für ihre Publikationen wurde sie viereinhalb Monate inhaftiert und ist momentan unter Auflagen für die Dauer des Gerichtsprozesses frei. Erstmals liegt nun eine Auswahl ihrer politischen Essays, die derzeit nicht in der Türkei erscheinen können, auf Deutsch vor. „Ihr Buch macht deutlich, wie unverzichtbar die Stimme und das Engagement einer Frau in jedwedem Freiheitskampf ist […] Seite für Seite wird man aufgerüttelt und Zeuge ihres unermüdlichen Widerstands.“ Libération


    Meine Rezension


    Ich kenne Essays vor alle als Texte, die eine klaren Ursprung haben, eine Frage, einen Moment, dem sie auf den Grund gehen wollen. Sie schweifen mal ab, sind mal sehr fokussiert oder auch mal einfach literarisch. Aber immer bewegen Essays zum Nachdenken, zum Überlegen und Infragestellen. Der Leser arbeitet mit.
    So ist es auch bei Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Mit sehr unterschiedlichen Ansätzen berichtet Aslı Erdoğan aus der Türkei, aus ihrer Heimat, die sie liebt, die ihr entgleitet. Sie schreibt über Gräueltaten mit versteckten Worten, die unter die Haut gehen und von eigenen traumatischen Erlebnissen, die bewegen. Sie wird sachlich und nutzt gelungen Argumente. Kurz: Sie zeigt in diesen Essays eine gewaltige Bandbreite an schriftstellerischem Können.
    Das beeindruckt und bewegt. Gleichzeitig informiert es. Fußnoten erklären auf welche Ereignisse die Autorin anspielt und selbst in den literarischen Tendenzen zeigt sich vieles, was dem europäischen Beobachter in Bezug zur Türkei nicht klar ist. Einzelfälle, historische Ereignisse, Momente von Aslı Erdoğans Leben, die mit der aktuellen Geschichte der Türkei verwoben sind. Großartig geschrieben.
    So berichtet die Autorin vom jüngsten Putschversuch, von Diskriminierungen und den Andenken an Ermordete. Sie zeigt einen sehr persönlichen, liebevollen Blick auf Land und Leute, einen sehr kritischen und wachen auf politische Geschehnisse. Persönlich, also subjektiv und gewiss nicht wertfrei, aber so reflektiert, dass Raum für den Leser und seine eigene Meinung bleibt. Das ist sehr gut gemacht und steigert sowohl das Interesse an den Essays, als auch das spätere Auseinandersetzen mit ihnen.
    Cem Özdemir hat die Einführung geschrieben und die biografischen Eckdaten der Autorin eingearbeitet. Ihre Gefangennahme, ihr Ausreiseverbot, ihr kleiner Kampf, der groß geworden ist. Allein das ist schon faszinierend. Nicht einmal das Schweigen gehört noch uns spielt genau darauf an. Dass die Option, mit den Augen zu rollen und stumm zu bleiben, keine mehr ist. Schweigen ist für Aslı Erdoğan unmöglich geworden, so unmöglich wie das direkte Aussprechen. Und damit liefert und dieses Buch aktuelle Zeitgeschichte. Unbedingt lesen!

    Arawn, Sohn Odins und des Fenriswolfes, Anführer von Odins Wolfskindern, hat einen neuen Auftrag. Einen, mit dem er so gar nicht warm wird. Er soll heiraten und eine neue Vanin nach Asgard führen. Das passt so gar nicht zu Arawns Plan. Verkleidet als Edelmann kommt er nach England und trifft das Mädchen, dass einmal seine Frau sein soll. Das Kind fasziniert ihn. Schnell versteht er, was in Wahrheit auf dem Spiel steht. Mehr als die goldenen Äpfel oder Odins Gunst. Doch kann er diesen Kampf überhaupt gewinnen?
    Ich mag Mythen unheimlich gern und war sofort angetan, als ich hörte, dass hier mal um germanische geht. Alles, was wir heute von der Edda kennen, ist Chris Hemsworth oben ohne. Aber Thor macht ja nicht die ganze Germanische Mythenwelt aus. Umso schöner, dass es hier um andere geht und die Autorin gleich auch etwas mitgedichtet hat. Sie hält sich nicht streng an die Edda, interpretiert dies aber und liefert so eine ganz neue Geschichte. Spannend dabei finde ich auch, dass sie die Handlung nicht nur in Asgard spielen lässt, sondern bewusst im mittelalterlichen England.
    Da das Buch der erste Teil einer Reihe ist, beginnen hier viele Fäden, ohne dass der Kurs ganz klar ist. Darüber hinweg sehen kann ich vor allem, weil die Basis der Geschichte abgerundet wird. Arawns Abenteuer, seine zukünftige Braut zu finden und kennen zu lernen. Da sie am Anfang noch ein Kind ist, entwickelt sich diese Beziehung zunächst sehr platonisch, langsam, weniger reißend, als wir es heute gewohnt sind. Das hat mir sehr gefallen. Diese Entschleunigung und das gegenseitige lange Kennenlernen funktionieren entgegen der „Liebe auf den ersten Blick“.
    Auch spielt der Roman mit einer noch jungen Frauenfigur, die durchaus ihren eigenen Kopf hat. Zeitlich abgesteckt zwar und teilweise noch in den Startlöchern, aber so, dass es nach einer plausiblen Entwicklung aussieht und im Rahmen der Handlung funktionier. Ich hoffe, dass sich die Stärke noch festigt und in den weiteren Bänden die Frau keine Nebenfigur wird. Dazu gehört auch, dass ich Arawns Konflikt, wie viel er von sich preisgeben darf, absolut nachvollziehe und dennoch nicht so glücklich darüber bin, wie selbstverständlich er sie im Unklaren lässt. Er schwankt zwischen „BadBoy“ und Held.
    Konflikte gibt es also genug. Schön, dass auch hier der Roman nichts mit der Tür ins Haus fällt. Er lässt die unterschiedlichen Spannungsebenen langsam wachsen, in unterschiedlichem Maße. Das entschleunigt, ohne fade zu werden. Gezielt wird Raum für Entwicklungen gelassen. Gleichzeitig entwickeln sich auf einer anderen Ebene Stränge, die gefährlich werden können. Diese Spannung aus dem Hintergrund ist sehr angenehm eingefädelt.
    Schnell wird dadurch klar, dass Odins Politik und Arawns Gefühle zwar das gleiche Ziel haben, aber doch in ganz unterschiedliche Richtungen gehen. Und dass es noch eine ganz andere Gefahr gibt, die Vater und Sohn bisher nicht einmal erahnen. Ich bin sehr gespannt, wie die Reihe weitergeht.

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    Beschreibung auf Amazon:
    Als sich Sonja mit über vierzig endlich bei der Fahrschule anmeldet, verspricht sie sich davon mehr Freiheit. Nur bereitet ihr das Schalten größere Probleme als gedacht und überhaupt läuft ihr Leben gerade nicht rund. Immer mehr sehnt sie sich an die idyllischen Orte ihrer Kindheit zurück: Wilde Singschwäne und Zugvögel will sie sehen, keine Tauben und Plastikeulen auf Nachbarbalkonen! Doch was muss passieren, damit Sonja ihr Schicksal in die Hand nimmt?


    Meine Meinung:
    Sonja will endlich das Autofahren lernen. Mit über vierzig, getrennt, unglücklich mit Job, Wohnort, Beziehungen, spürt sie Sehnsucht. Sie will zurück an den Ort ihrer Kindheit, aber auch in die Einfachheit. Hin zu Momenten, die vergangen sind. Und das ist es auch schon. Im Grunde will Sonja einfach nur Auto fahren lernen. Mehr nicht.
    Ich fand es sehr interessant, Sonja in diesem Buch zu begegnen. Sie befindet sich im Stillstand und will so unbedingt heraus, dass es mich immer wieder verwundert. Als eine zutiefst passive Gestalt macht es ihr schon Bauchschmerzen die dominante Fahrlehrerin gegen einen Fahrlehrer einzutauschen. Sonja kann nicht Nein sagen und ihre Meinung ausdrücken traut sie sich schon gar nicht. Das Übersetzten der blutrünstigen Bücher, sie alle so gerne lesen, macht ihr Angst.
    Zur Metapher ihrer Sehnsucht nach zu Hause wird einmal die trostlose Landschaft. Sie sehnt sich nach der Weite, den Bergen, den goldenen Feldern, in denen sie sich als Kind versteckt hat. Und ihr wird eine Ebene präsentiert. Sie schwankt zwischen Extremen. Und irgendwie wird klar, sie ist eigentlich ein brodelnder Vulkan. Doch statt auszubrechen, beugt sie sich immer wieder, nimmt Abzweigungen, die es ihr erlauben, weiterhin passiv zu bleiben.
    Als ihre Masseurin sie zu einem spirituellen Ausflug überredet, bleibt Sonja nur der Ausweg, sich auf ein Klos zu flüchten und zu warten, bis „die anderen“ ohne sie weiter gehen. „Die anderen“ wird zum kollektiven Übel. Alle, die ihr Zuschreibungen geben, sie mit sich ziehen wollen, um in ihr eine Verbündete zu finden. Der Fahrlehrer, der nicht die erhoffte Wendung bringt, sondern eine ganz andere will. Die beste Freundin, die Sonja von ihrem Liebesleben berichtet. Doch das alles ist Sonja nicht.
    Es war herrlich erfrischend, dass dieser Roman so zentriert auf seine Protagonistin ist. Sonjas Passivität wird dadurch zur Möglichkeit, ihre Innensicht, ihre Gedanken bedeutungsschwer werden zu lassen. Es gibt keinen Kerl, in dem Sonja sich verlieren will. Ihr geht es gerade um das Gegenteil. Das Ankommen – das Zurückkommen. Ich bin ehrlich nicht ganz glücklich mit diesem starren Blick in die eigene Kindheit, die kindliche Heimat als räumlicher Ort der Zufriedenheit. Denn natürlich romantisiert Sonja hier. Sie überzeichnet ihre Erinnerungen als Wunschvorstellungen. Ich glaube nicht, dass sie dort glücklich werden kann.
    Aber neu anfangen könnte sie. „Back to the roots“ ganz wörtlich. Zurück zu ihren Wurzeln. Und die werden hier großartig mit einem Gegenkonzept aufgezeigt. Mit der Schwester, die Sonja nie sprechen will. Mit dem Lebensweg, den sie nie gegangen ist. Sonja sucht verzweifelt die Nähe zur Schwester. Zu dem Ich, das sie hätte sein können. Diese Metapher wird hier schön gestaltet. Weniger schön ist, dass Sonjas Schwester Klischeecharakter hat. Sie ist verheiratet, Mutter, im Heimatdorf geblieben. Das andere Extrem und ich glaube, dass Sonja das auch nicht glücklich gemacht hätte. Dafür ist sie viel zu zufrieden mit sich selbst – nur ihre Umgebung stört sie.
    Sehr schön finde ich auch den Rahmen des Autofahrens. Sonja sucht Anleitung. Jemanden, der ihr erklärt, wie sie ihr Leben zu leben hat. Sie will an die Hand genommen werden. Doch das geht immer wieder schief. Einmal prallt sie mit Figuren zusammen, die sich selbst zu stark einbringen und Sonja damit dominieren wollen. Und auf der anderen Seite kann nur Sonja selbst die entscheidenden Schritte gehen.



    Titel an Forumskonventionen angepasst, Grüsse illy
    Tippfehler im Titel korrigiert. LG, Valentine

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    40 Jahre nach Erscheinen von Maxie Wanders Bestseller „Guten Morgen, du Schöne“ ist es Zeit für eine Neubefragung. Welches Selbstverständnis haben Frauen* heute, mit welchem Rollenbild werden sie erwachsen und was wollen sie verändern? 19 Frauen* zwischen Madrid und Berlin, zwischen 16 und 92 Jahren erzählen ungeschönt und mit viel Humor aus ihrem Leben, von ihren Ängsten und Sorgen, von falschen, richtigen und notwendigen Entscheidungen und davon, was es braucht, um glücklich zu sein.


    Nadine Kegele hat in ihrem Buch höchst heterogene und spannende Lebenswelten vereint. Sie alle machen deutlich, dass sexuelle Übergriffe und Diskriminierung, Krieg und Flucht, Rassismus und soziale Ungleichheit auch heute noch die großen Lebensthemen sind.



    Meine Meinung:


    Lieben muss man unfrisiert gibt Berichte von Frauen wieder. Wie sie ihr Leben rückblickend und aktuell bewerten. Was sie erlebt haben, aber auch wie ihre Stellung als Frau ist. Ein sehr wichtiges Thema also und ich wünsche mir, dass mehr Menschen – egal welchen Geschlechts – sich damit befassen.
    Die Aufzeichnungen, die Nadine Kegele hier liefert, unterliegen keiner höheren Ordnung. Sie sind weder alphabetisch noch zeitlich geordnet. Und das ist auch gut so. Eine zeitliche Einteilung käme einer Chronik gleich und keiner Bestandsaufnahme. Der Eindruck entstünde, hier würde eine Entwicklung aufgezeigt. So war das Frauenbild – so ist es heute. Doch – und das zeigt dieses Buch wunderbar – es gibt nicht DAS Frauenbild. Es gibt Elemente und Zuschreibungen, Vorurteile und Umstände, die Faktoren für die Vorstellung der Frau sind. Und doch gibt es in diesem Buch lediglich parallelen zwischen den einzelnen befragten Frauen – keine Überschneidungen.
    Außerdem, und auch diesen Umstand liebe ich hier, sind die Gesprächsteilnehmerinnen so großartig divers. Migrantinnen und Emigrantinnen, Traditionelle und Konservative, Junge und Alte, Weiße und Schwarze, Mütter, Großmütter, Alleinstehende, Lesbische, Transgender, Queer. Statt nur zu fragen, wie Frauen heute leben, fragt das Buch hier auch was eigentlich eine Frau ausmacht. Auch zieht Nadine Kegele dabei durch die verschiedenen sozialen Schichten. Von der Anwältin zur Putzfrau, von der Tänzerin zur Wissenschaftlerin, von der Schülerin zur Architektin. Das öffnet die Augen und zeigt die eigene Begrenztheit der Erfahrungen auf.
    Geradezu erschütternd ist, wenn die einen vom Kampf gegen das Patriachat reden, vom Wunsch nach Gleichberechtigung, der freien Entfaltung des eigenen Seins – und die anderen gerade diese Regeln als Gottgegeben aufzeigen. Auch hier arbeitet das Buch fesselnd. Indem es diese Meinungen lediglich präsentiert, aber nicht gegeneinander aufwiegt, schafft es einen Vergleich zu ermöglichen, ohne selbst zu werden. Generell nimmt die Fragestellerin sich in den Aufzeichnungen so gut es geht heraus. Lediglich das von den Befragen Gesagte ist abgetippt. Zu behaupten, dadurch wäre ein objektiver Blick gewährleistet ist aber fatal. Nur weil sie „herausgeschnitten“ ist, heißt das nicht, dass sie keine Fragen gestellt hat. Das zeigt sich in den Antworten, wenn direkt auf Nachfragen zu Berufsaussichten, Ungerechtigkeiten, Erfahrungen eingegangen wird.
    Hier zeigt sich, dass die Intention des Buches doch klar ist, Missstände aufzuzeigen. Gehaltsunterschiede zwischen Männer und Frauen werden genauso angesprochen wie Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bildung, Aussehen, Diskriminierungen kommen zu Sprache. Aber eben aus so vielen Perspektiven und teilweise auch mit Kritik an dem Konzept des Buches selbst, dass ich wirklich erstaunt, beeindruckt, erschreckt und begeistert zugleich war. Gerade durch diesen vielseitigen Blick wird für mich jedenfalls die Zuschreibung „Frau“ offener und weiter. Gleichzeitig bin ich geradezu entsetzt, wie viele Belästigungen hier zur Sprache kommen, Übergriffe, Gewalt, Anfeindungen.
    Wie prägend die Einteilung in Frau und Mann ist – in all ihren Einzelheiten – ist kaum fassbar. Aber dieses Buch bietet zumindest auf der einen Seite und in sehr vielen Facetten einen guten Ansatz, um es herauszufinden.


    Titel angepasst. LG, Valentine