Beiträge von Emmy

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Die Geschwister Grischa und Katya wachsen in Russland auf, als jüngere Kinder eines verwitweten leibeigenen Bauern, dessen Familie bereits seit Generationen für die Grundherren arbeitet. Für Grischa und Katya ist das Leben unter diesen Bedingungen wenig romantisch, sondern harte Arbeit, es bedeutet vor allem Unfreiheit und Bevormundung. Es gibt keinerlei Lohn und Anerkennung , auch nicht vom Vater und den älteren Brüdern. Das ist eine mehr als deprimierende Situation und Grischa erkennt, dass er dieser engen und bedrückenden Welt entfliehen muss, alles andere ist für den erst 13-Jährigen undenkbar.. Andererseits will er seine kleine Schwester Katya beschützen, die wie eine Dienstmagd arbeiten muss und von ihrer Familie respektlos erniedrigt und ausgenutzt wird. Er fühlt sich für sie verantwortlich und weiß nur zu genau, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird, vor allem, wenn er nicht mehr im Haus ist. Katya flieht auf ihre Weise, sie ist phantasievoll und hat ein Gespür für die Vorgänge in der Natur und dem Wesen der Tiere. Sie fühlt das Eis wie ein lebendiges Wesen, sie kann seine Stimme hören - es ist ein instinktives Fühlen, das sich hinter den Worten verbirgt, zu gewaltig und doch zart, eine Ahnung, ein Teil ihres Wesens, ein verborgenes Wissen.

    Aus diesem inneren Impuls heraus folgt sie Grischa, als er sich eines Nachts auf den Weg macht. Die beiden streifen auf ihrer Flucht nach und nach alte Hüllen und Verhaltensmuster ab, etwas Neues, Unbekanntes beginnt, eine vage Ahnung von Freiheit und Abenteuer.


    Ihr gemeinsamer Weg in eine neue Zukunft beginnt auch sehr abenteuerlich, bis sie in Norwegen ein Zuhause auf Zeit finden. Für beide ist es eine Phase des Umbruchs und eine Neuorientierung, als sie bei der verwitweten Isländerin Silja Arbeit und Geborgenheit bekommen.

    Bereits in den Jahren, die sie dort verbringen, spürt Katya immer stärker eine Sehnsucht in sich nach etwas Unbekanntem, einem eigenen Leben, das ihrem Wesen entspricht. Als Silja ihr das Lesen beibringt, öffnet sich für sie das Tor zu einer neuen Welt, in der plötzlich alles möglich erscheint.

    Durch seine Arbeit als Seemann kommt Grischa irgendwann nach Hamburg und lernt die Brüder Thilo und Christian kennen und diese Begegnung wird sich im weiteren Verlauf der Handlung für alle Beteiligten als schicksalhaft erweisen. Sie werden sich gegenseitig inspirieren und unterstützen, allerdings auch enttäuschen und verletzen in dem aufregenden Spannungsfeld von

    jugendlicher Neugier auf das Leben, auf neue Wege und Wagnisse und dem unbewußten Konflikt zwischen Vernunft und Abenteuerlust. Diese scheinbaren Widersprüche bestimmen ihr weiteres Handeln und ihre Entscheidungen, ihre Erfolge und Niederlagen, sowohl im geschäftlichen als auch privaten Bereich.

    Dieser Roman ist eine faszinierende Reise durch unterschiedliche Landschaften und Klimazonen, durch Gefahren, Verlockungen und überwältigendem Zauber. Die Magie und die vielen Farben und Formen von Eis habe ich noch nie so facettenreich und auf sprachlich höchstem Niveau erzählt bekommen wie in dieser Geschichte von Katya, Grischa, Christian und Thilo. Vor allem, weil sich das Motiv Eis immer wieder verändert und um die Schicksale der Personen mäandert wie eine Verlockung, die mal verführerisch, aber genauso tröstend und gefährlich sein kann. So wie Katya bereits als Kind diesen Ruf, die Stimme des Eises wahrnimmt und ihr weiteres Leben wie einen kostbaren Schatz in sich trägt, bis sie vielleicht irgendwann eine Antwort gefunden hat, die sich richtig anfühlt. Sie hat sich nie von ihren Träumen und ihrem inneren Wissen abbringen lassen, der Zauber des Eises war immer stärker in ihr und hat ihr Mut gegeben.

    Ihre Geschichte wird weitergehen und ich freue mich darauf.


    5ratten:tipp:

    Ich hätte am liebsten noch mehr über die Farben und Gerüche Indiens gelesen. Schade auch, dass die Vier bloß ein paar Tage vor Anker liegen.

    Eines meiner Lieblingsländer :)- wenn Du mehr von Asien und Nicole möchtest und es noch nicht kennst, empfehle ich "Der englische Botaniker". Nicht Indien aber immerhin ganz schön viel China.

    Es war so anders in Madras, sinnlich, bunt, voller Lebensfreude - ich habe mich auch sehr gefreut, dass Nicole uns mit ihren magischen Vier dorthin hat reisen lassen. "Der englische Botaniker" gehört zu meinen Lieblingsromanen, kann ich euch von ganzem Herzen empfehlen. :*

    Besonders Christian wirkt wie ausgewechselt in dieser exotischen Umgebung, alles Düstere, Zweifelnde und Lähmende, das ihn in den letzten Monaten umgab, hat sich in pure Lebenslust verwandelt. Er lacht, macht Späße und verkauft gutgelaunt das kostbare Eis. Mit dieser neuen Leichtigkeit findet er auch wieder eine Verbindung zu Katya, die in diesen Stunden am Hafen einen Moment absoluten Glücks erlebt. Von ihrem Gewinn kaufen sie neue Waren für die Rückreise und alles scheint perfekt zu sein.

    Endlich erwähnt Thilo seine Heiratspläne und zum ersten Mal spürt Grischa den Schmerz eines möglichen Verlustes und ihm wird endlich bewußt, dass es mehr ist als körperliche Anziehung was ihn in Thilos Arme getrieben hat. Die beiden wollen es wagen, ihre Liebe zu leben - aber wird es diesmal gutgehen?

    Christian ist unterdessen bei Katya und erkennt, was er versäumt und verloren hat. Mit ihr bekommt das Leben Farbe, Licht und Schönheit und er wünscht sich so sehr, ein Teil davon zu sein. Er erfährt von ihrer Verlobung und beide spüren plötzlich, dass alles nicht mehr stimmt, sich falsch anfühlt. Sie entdeckt Christian ganz neu, anders, freier und selbstbewußter, seine Unsicherheiten und Selbstzweifel abgestreift wie eine alte Haut, die ihm zu eng geworden ist.

    Wie wäre es, ganz neu zu beginnen, in Indien zu bleiben, auch wenn sie zuhause Verpflichtungen haben und Menschen, die auf sie warten ?

    Schwierig - aber es bleibt der Lockruf eines möglichen Neubeginns, eines gewagten, exotischen Abenteuers.

    Es bleiben viele offene Fragen, verschiedene Wege, für die sich unsere Lieben entscheiden könnten oder eben nicht. Wir müssen uns gedulden bis nächsten Sommer, wenn die Reise weitergeht.

    Ich freue mich sehr darauf und sage schon mal ganz lieben Dank an euch alle für diese spannende Runde und besonders an dich, liebe Nicole, für deine wie immer engagierte und einfühlsame Begleitung.<3

    Sie will jetzt mit Johann die körperliche Liebe kennenlernen, als Zeichen für einen Neubeginn. Er ist die beste Wahl, die sie treffen konnte, er ist gleichzeitig Liebhaber, Freund und Seelengefährte für sie. Dieser Zustand ist so kostbar und zerbrechlich, sie und Johann in ihrer eigenen Welt, einer Insel im Nirgendwo mitten in Eis und Schnee, außerhalb von Zeit und Raum. Leider kann es keine Zukunft für sie geben, aber diese Tage und Nächte sind real und werden bleiben in der Erinnerung und der Seele.

    Das ist die Frage. Was wäre eine Zukunft mit Johann? Warum nicht 15 oder 20 Jahre mit ihm erleben, die Welt entdecken und geschätzt und geliebt werden? Ja, er wird irgendwann vor ihr sterben aber das kann mit einem jungen Mann auch passieren. Und das kann auch noch 30 oder mehr Jahre dauern. So alt ist er ja auch noch nicht.

    Eine gute Freundin von mir hat einen Mann, der 22 Jahre älter ist - seit über 25 Jahren ist sie glücklich. Das können viele junge Leute nicht von ihren Beziehungen sagen, weil sie so schnell unglücklich sind oder auseinander gehen.


    Ich finde es allerdings gut, dass Katya erst mal Abschied nimmt. Aber irgendwie ist Johan für mich der Joker im Hintergrund. ;)

     

    Johann wäre auf jeden Fall eine gute Wahl, mir würde er auch gefallen. ;)Das Problem ist auch nicht der Altersunterschied, sondern die Tatsache, dass er verheiratet ist und irgendwie für mein Gefühl von der Ehe genug hat.

    Auch für Katya ist er nach meinem Gefühl der Geliebte dieser speziellen Situation dort im norwegischen Winter. Auch bei ihr denke ich nicht, dass sie an eine Ehe mit Johann denkt.

    Zitat Nicole:


    Ja, das tun sie, und Katya kehrt gereift und wieder ein bisschen stärker nach Hamburg zurück.

    Ich hatte es glaube schon geschrieben hier in der Runde - damit haben Katya und Johann mich überrascht, erst ein paar Seiten davor habe ich diese Szene vor mir gesehen. Ich finde auch, sie hätte es nicht besser treffen können. Für mich ist das so sehr Katya: sie weiß, was sie will und holt es sich. Nicht auf eine trotzig-rücksichtslose, sondern auf eine erwachsen-weibliche Art. Und ich mochte diese Szene auch deshalb so sehr, weil Johann eben kein fescher junger Bursche ist, kein toller Hecht, sondern eben Johann.

    (Und ich wollte so, so unbedingt den im sibirischen Eis eingeschlossenen Atem der Erde unterbringen, den man in Flammen stecken kann.)


    Das ist dir auch auf faszinierende Weise gelungen, liebe Nicole <3

    Den Zauber und die vielen Farben und Formen von Eis habe ich noch nie so facettenreich erzählt bekommen wie in diesem Roman. Vor allem, weil sich das Motiv Eis verändert und um die Schicksale der Personen mäandert wie eine Verlockung, die mal verführerisch, aber genauso tröstend und gefährlich sein kann. Wie Katya bereits als Kind diesen Ruf, die Stimme des Eises wahrnimmt und ihr weiteres Leben wie einen kostbaren Schatz in sich trägt bis sie ihren eigenen See in Norwegen findet - und immer hat die Stimme des Eises sie auf ihrem weiteren Lebensweg begleitet. Dadurch hat sie dann später auch Johann gefunden und die Brüder kennengelernt und sie ließ sich nie von ihrem Ziel abbringen, der Zauber des Eises war immer stärker in ihr und hat ihr Mut gegeben auch bei den vielen persönlichen und finanziellen Problemen und Rückschlägen.

    Hier ging es ja nochmal so richtig ab im letzten Abschnitt! Gleich vorneweg möchte ich anmerken, wie leid es mir für Henny tut, dass sie nach Jette ein Baby nach dem anderen verliert. Das muss sehr schwer sein, immer wieder zu hoffen um dann wieder in den tiefen emotionalen Keller zu fallen, die Arme. Mir tut es auch leid für sie, dass ihre Ehe sich immer mehr aufzulösen scheint. Sicher hat Christian überstürzt und aus Trotz heraus gehandelt, als er um ihre Hand angehalten hat. Aber sie hat wirklich alles gegeben um daraus eine erfolgreiche und glückliche Ehe zu machen. Sie hat Christians Zweifel und seine Abwendung nicht verdient ...


    Das große Ereignis, das im Raum steht ist natürlich der Erfolg in Madras, den ich allen von Herzen gönne. Aber wie wird sich das auf ihre Freundschaften und vor allem auf den Charakter jedes Einzelnen auswirken? Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich und Erfolg steigt so manchem zu Kopf ...


    Nicole, du lässt mich mit vielen Fragen und einem mehr oder weniger offenen Ende zurück ... nun hibbel ich umso mehr auf den nächsten Band der Saga und geh jetzt mal lesen, was gagamaus so geschrieben hat ...

    Es passiert so viel in diesem Abschnitt und am liebsten würde ich zu allen Themen was sagen ;)

    Besonders gut gefällt mir, dass sie alle so fleissig und ehrgeizig sind, sich gegenseitig unterstützen und mit Nebenjobs Geld verdienen. Diese Zielstrebigkeit imponiert mir, sie haben soviel investiert - Zeit, Geld, Arbeit und mentale Energie, Rückschläge verkraften müssen - und nun drohen ihre ambitionierten Pläne zu scheitern. Katya ist in ihrer Blockhütte am norwegischen See und macht sich Sorgen um die Zukunft. Johann ist bei ihr in der Hütte, während draußen der Schneesturm heult - wie romantisch ist das denn bitte? :love: Leider hat sich die Stimmung zuhause eingetrübt, Anstrengung und Frust hinterlassen ihre Spuren, die Ehe von Christian und Henny wirkt abgenutzt, Thilo und Grischa streiten viel - das fragile Gewebe ihrer Freundschaft droht brüchig zu werden. Sie fangen an, sich zu verlieren.

    Katya will jetzt endlich das Leben spüren, sie hat genug davon zu warten. Sie will jetzt mit Johann die körperliche Liebe kennenlernen, als Zeichen für einen Neubeginn. Er ist die beste Wahl, die sie treffen konnte, er ist gleichzeitig Liebhaber, Freund und Seelengefährte für sie. Dieser Zustand ist so kostbar und zerbrechlich, sie und Johann in ihrer eigenen Welt, einer Insel im Nirgendwo mitten in Eis und Schnee, außerhalb von Zeit und Raum. Leider kann es keine Zukunft für sie geben, aber diese Tage und Nächte sind real und werden bleiben in der Erinnerung und der Seele.

    Zurück in Hamburg gibt es neue Verwerfungen zwischen den vier Freunden - der Rausch zwischen Thilo und Grischa hat sich verbraucht, ist zu einer schalen Nüchternheit verkümmert. Thilo fühlt sich wohl in Katya`s Nähe und er überrascht sie mit einem Heiratsantrag, in den sie einwilligt. So sehr ich nachvollziehen kann, dass die beiden sich auf vielen Ebenen gut verstehen, halte ich eine Ehe für eine ganz schlechte Idee. Katya würde niemals glücklich werden mit einem Mann, der sie zwar achtet und schätzt auf geistiger und seelischer Ebene, ihr aber in körperlich-sexueller Hinsicht niemals das geben könnte, was sie zu Recht in einer Ehe erwartet. Thilo ist nun mal homosexuell, im Gegensatz zu Grischa gab es bei ihm nie auch nur halbherzige Tendenzen in Richtung erotischer Annäherungen zu Frauen.

    In Norwegen: Christian und Katya reden, sie sagt ihm nicht, was er hören will und dann die schreckliche Szene, wo beide dank ihm untergehen und nackt in Felle gehüllt wieder aufwachen. Ich bin froh, dass es da zu keinen Zärtlichkeiten geführt hat, was ja durchaus hätte sein können. Sehr gut, wie Katya loslassen kann.

    Eine Schlüsselszene ist es, als Christian in den See einbricht und Katya ihm folgt, um ihn zu retten. Die Arbeit mit dem Eis ist sehr anstrengend, sie kommen alle an ihre Grenzen, bis die Situation eskaliert, Katya überfordert sich, dazu kommt der ständig präsente Konflikt mit Christian. Er erkennt in diesem Moment seine Verantwortung für ihren Schmerz und erleidet einen Schock, der ihn blind macht für die Gefahr und so bricht er durch das Eis in den See. Durch diese Erfahrung von Panik und Todesgefahr finden sie endlich wieder eine Verbindung, die Erkenntnis, dass es eine Ebene zwischen ihnen gab, die stärker und belastbarer ist, als ihnen bewußt war in den letzten Jahren. Dennoch oder gerade deswegen markiert diese Grenzerfahrung auch einen Abschied von der Vergangenheit, bildet einen Schlusspunkt und eine Last fällt von Katya ab, weil sie spürt, dass sie jetzt endlich frei und offen sein kann für die Zukunft. Sie hat erkannt, dass Liebe auch gefährlich sein kann - wie das Eis auf dem See kann sie halten und tragen, aber auch brechen und töten.

    Zitat von nirak Christian ist wohl eher nicht der Typ, der warten möchte. Ein bisschen enttäuscht war ich schon von ihm. Aber ich habe auch nicht wirklich erwartet, dass er sich an die Vorgaben von Grischa hält. Sich aber gleich ein anderes Mädel zu suchen und das so kurz nach dem Gespräch, fand ich schon heftig. Ich glaube ihm auch nicht, dass er keine Gefühle mehr für Katya hat. Im Gegenteil, ich denke es ist eher ein Ausweg um richtig Leben zu können. Die Leidtragende wird dann wohl irgendwann Henny sein. Sie ist ja ein ganz patentes Mädel, aber auf Dauer vermutlich zu brav und folgsam.

    Zitat von Nicole:

    Ich finde Christian und Henny eine ganz interessante Paarung. Ausgerechnet Henny kriegt den Charmebolzen, den alle ihre Freundinnen haben wollen! Und eigentlich ist Henny auch die Art von Frau, die Christian - zumindest an diesem Punkt - braucht und ihm - erst einmal - guttut.

    Dass Katya die Frau ist, die er eigentlich will, aber sich nicht zutraut, fand ich einen superspannenden Konflikt.

    (Und sind wir nicht alle schon mal einem Christian Petersen begegnet? 8) )


    "Mein" Christian hieß Stefan und er war einen Sommer lang Thema in meinem Tagebuch...;)

    Henny mag ich sogar sehr gerne, mir gefällt ihre lebensfrohe und unverstellte Art, sie ist tüchtig und pragmatisch veranlangt. Außerdem hat sie mir leidgetan, weil sie ständig von ihrer Mutter kontrolliert und zurechtgewiesen wurde. Kein Wunder, dass sie auf eine Gelegenheit gehofft hat, der unguten Stimmung in ihrem Elternhaus zu entfliehen. Außerdem hat sie ehrliche Gefühle für Christian und möchte ihr Leben mit ihm teilen. An ihrem Hochzeitstag ist sie im 7. Himmel - endlich ist sie frei und ohne ständige Aufsicht, sie darf lachen, trinken, tanzen, küssen - endlich leben. Da hab ich mich richtig gefreut für sie, so süß und trunken vor Glück wie sie ihre Liebe, ihre neue Freiheit und das Leben gefeiert hat.<3

    Auch für Christian scheint sie mir erstmal keine ganz schlechte Wahl zu sein, da hätte er auf ganz andere Zimtzicken reinfallen können, naiv wie er sich angestellt hat. Vor allem spielt sie ihm kein Theater vor, ihre Gefühle waren von Anfang nicht gespielt, sie ist ehrlich und liebevoll zu ihm, außerdem hilft sie tüchtig im Laden mit.

    Was schon lange in der Luft lag und Funken schlug, wird endlich real - Thilo und Grischa erleben ihre erste Liebesnacht. Es ist für beide in gewisser Weise eine Premiere - für Thilo ist es seine erste sexuelle Begegnung und auch für Grischa ist es neu und anders. Er hat eine elementare Facette seiner Erotik an Land getragen, außerhalb der hermetischen Enge auf See - und es fühlt sich anders an mit Thilo, es ist mehr als nur die Begierde des Augenblicks.

    Dann ist es endlich soweit und sie segeln mit der "Albatros" nach Bergen in Norwegen und werden von Johann Silberberg und den Einheimischen herzlich begrüßt. Katya wirkt wie verwandelt auf dieser Reise, selbstsicher und gleichberechtigt bewegt sie sich zwischen den Männern. Das verwirrt Christian, es nagt an ihm, er fühlt sich fremd und ausgeschlossen. Während Thilo und Grischa glücklich diese magische Reise geniessen und ihre Zweisamkeit. Zwischen Katya und Christian kommt es zum Streit, alte Verletzungen brechen wieder auf und belasten die allgemein gute Stimmung.

    Christian wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Gemeinschaft, er provoziert und hat seine Gefühle nicht unter Kontrolle. Es ist Neid, was ihn so aggressiv werden lässt - auf Katya, die so ganz in ihrem Element ist - und Wut auf alles und jeden, am meisten jedoch auf sich selbst, Es ist die vage Ahnung, etwas für immer verloren zu haben, das ihn ganz und vollständig hätte formen können, wie eine verborgene Hälfte seines Wesens, die er nun nicht mehr finden kann.

    Tja, die Sache zwischen Christian und Katya war ja irgendwie von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich muss Thilo recht geben. Christian hat sie gar nicht verdient. Sie ist zu gut für ihn. Er ist schon so ein bisschen ein Schürzenjäger und rastlos, auch in Bezug auf Frauen. Ich denke, er sollte gar nicht heiraten. Ich hoffe, Henny ist ihm gewachsen und er macht sie nicht kaputt. Bei Henny bin ich noch etwas unsicher. Sie scheint ja fürchterlich naiv und ohne großen Ehrgeiz - Hauptsache es gibt lecker Essen. Aber sie ist ja noch jung. Hoffentlich entwickelt sie sich noch und dann könnte es für Christian sogar gut sein, wenn er eine Frau an seiner Seite weiß, so dass er nicht mehr allen Schürzen hinterherjagen muss. Vielleicht hat ihm ja diese Beständigkeit auch gefehlt. Bin sehr gespannt, wie sich diese Beziehung entwickelt und ich hoffe, Katya ist nicht der Keil dazwischen.

    Es ist eine sehr komplizierte emotionale Situation für alle Beteiligten und ich habe das ungute Gefühl, dass es noch turbulenter werden könnte. Katya und Christian erleben einen perfekten Moment des Glücks und eine vertrauensvollen Nähe, er behandelt sie mit Respekt und umwirbt sie liebevoll. Ich sehe ihn eher als einen Suchenden, der selbst noch unsicher ist und nicht unbedingt als Frauenheld. Ganz im Gegensatz zu Grischa, der immer nur im Moment lebt und nur in diesem ist es ihm auch ernst mit seinen Affären, ob es nun ein Mann ist oder eine Frau. Aber er ist nie verliebt, seine jeweiligen Sexpartner kommen und gehen, wie auch er keinen weiteren Gedanken mehr an sie verschwendet, wenn er weitergezogen ist. Alles Emotionale bleibt unverbindlich, die einzige Konstante in seinem Leben ist Katya.

    Interessant ist das Gespräch zwischen ihm und Christian, als er vom Tod seiner Mutter erzählt. Christian erinnert sich an seine verstorbene Mutter und seine kleine Schwester, er selbst damals schwer krank und noch ein kleiner Junge. Es gibt deutliche Parallelen in beiden Familien - Thilo und Christian sowie Grischa und Katya mussten früh und schnell erwachsen werden, ihre Kindheit endete schmerzhaft und zu früh. Diese traumatischen Erlebnisse haben bei Christian einen Lebenshunger geweckt, ein Bedürfnis nach Leichtigkeit und dem Unbeschwerten des Augenblicks. Daher kann ich schon verstehen, dass sein Blick auf Henny fällt und dort verweilt. Er war frustriert und schlecht gelaunt, als er sich von Katya distanzieren soll. Er befindet sich in einer sowohl beruflichen wie emotionalen Sackgasse, diese Situation des Wartens macht ihn fertig und aggressiv.

    Henny zeigt ihm in gewisser Weise einen Ausweg aus diesem Spannungsfeld, außerdem fühlt er sich wohl mit ihr, leicht und unbeschwert. Da ist es fast unvermeidbar, dass es zu dem "Skandal" bei den Pohls kommt und er sich bereit erklärt, sie zu heiraten. Bei Katya allerdings wird dieser emotionale Schock, auf den sie nicht vorbereitet war, noch lange nachwirken.

    wo heute in der Speicherstadt (ab 1883 erbaut) die Kaffeerösterei ist,

    Dann weiß ich genau, wie es da ausschaut. In der Kaffeerösterei bin ich jedes Mal, wenn ich in Hamburg bin. :)

    Vielen Dank für den interessanten Hinweis :) bei meinem nächsten Besuch in der Speicherstadt , die mich immer schon fasziniert hat - weil man dort das "alte" Hamburg noch spüren kann - schau ich mir das mal an. Dann werde ich in Gedanken an Thilo, Christian, Katya und Grischa ein schönes Käffchen geniessen.:thumbup:

    Der neue Schauplatz Hamburg gefällt mir schon mal sehr gut und auch die interessanten historischen Fakten in Bezug auf die Auswirkungen der napoleonischen Kriege und Besatzungszeit auf die Bevölkerung waren mir nicht so bewußt. Die Hamburger wurden eingeschüchtert, vertrieben, bestohlen und angegriffen und auch die Familie Petersen hat tiefe Wunden davongetragen, seelisch und körperlich. Die Mutter starb an Typhus, ebenso die kleine Schwester, der Vater ist seit einer Schußverletzung gehbehindert und launisch. Von solchen traumatischen Erlebnissen erholt man sich nicht so schnell wieder , auch wenn die beiden Brüder ganz gut zurechtkommen mit ihrem Laden. Ihre Verhaltensweisen und Eigenarten sind zum Teil auch dieser Zeit des Mangels, der Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit geschuldet, die sie damals als Kinder erleben mussten. Sie bewegen sich gedanklich und auch auf einer tieferen Ebene zwischen der Pflicht, das Erreichte zu bewahren und einer jugendlichen Neugier auf das Leben, auch neue Wege und Wagnisse , in einem unbewußten Konflikt zwischen Vernunft und Abenteuerlust. Diese scheinbaren Widersprüche bestimmen für mein Gefühl ihr weiteres Handeln und ihre Entscheidungen. Daher zeigen sie sich nach anfänglichem Misstrauen aufgeschlossen gegenüber den Plänen und Ideen von Grischa in Bezug auf den Eishandel und sie vermieten ihm sogar eine kleine Wohnung in ihrem Haus.

    Irgendwo hab ich mal gelesen/gehört, dass es ein Problem für die Salzwasserfische werden könnte, wenn alles Eis schmilzt und so der Salzgehalt in den Nordmeeren dramatisch sinkt.

    Doch, das habe ich gewusst. Ich habe irgendwann mal eine Dokumentation darüber gelesen, wie Eis transportiert wurde. Und auch in einem historischen Roman, war das schon mal Thema :) Der Roman hieß Eispiraten!

    Salzwasser hat andere Eigenschaften beim Gefrieren und könnte wahrscheinlich nicht so lange stabil bleiben und wachsen wie ein Eisberg - das vermute ich zumindest ;)

    Es ist eine ganz neue Welt auch für mich und ich höre den Schilderungen von Johann genauso fasziniert zu wie Katya. Dieser ruhige Winter in Norwegen verändert auch etwas ihrem Wesen - sie wird freier, offener und selbstbewusster. Mit Johann hat sie den idealen Gefährten an ihrer Seite, wenn sie gemeinsam durch Schnee und Eislandschaften wandern, beide lieben sie die Ruhe in der Natur und fühlen die Geheimnisse und die unterschiedlichen Strukturen und Eigenschaften von Eis und Schnee. Wenn er ein wenig jünger wäre, könnte er ein perfekter Partner an ihrer Seite werden ...:)

    Hach, ist das wieder heimelig mit Dir, liebe Nicole. Musste ich jetzt mal schnell loswerden. Wie Du über das Schreiben, Geschichte erschaffen und über deine Charakter sprichst, ist einfach so toll "zuzuhören". :*

    Da stimme ich dir aus ganzem Herzen 100% zu, liebe gagamaus. :* Es macht unser gemeinsames Lesen und Diskutieren noch viel tiefgehender und interessanter, wenn Nicole ihre Gedanken und Assoziationen beim Schreiben mit uns teilt. Die Geschichte des Romans und die Schicksale der Personen werden dadurch noch vielschichtiger und substanzieller.

    Silja gefällt mir auch sehr gut, sie ist auf ihre pragmatische Art lebenstüchtig, hat einen Sinn für Gerechtigkeit und folgt ihrer Intuition. Als sie Grischa und Katya in ihrem Haus aufnimmt, setzt sie auch ein deutliches Zeichen gegen das Misstrauen und die Vorurteile ihrer Nachbarn. Nach außen hin mag sie streng wirken, aber tief im Herzen ist sie liebevoll und sehr sensibel. Für Katya ist sie wie eine zweite Mutter und sie bietet ihr nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern ein Heim, das sie schützt und in dem sie doch wachsen kann.

    Es ist ein Glücksfall für Grischa und Katya, dass sie bei Silja in Norwegen ein Zuhause auf Zeit finden. Für beide ist es eine Phase des Umbruchs und eine Neuorientierung.

    Katya spürt eine Sehnsucht in sich nach etwas Unbekanntem, einem eigenen Leben, das ihrem Wesen entspricht. Als Silja ihr das Lesen beibringt, öffnet sich für sie das Tor zu einer neuen Welt, in der plötzlich alles möglich erscheint.

    Grischa macht auf dem Walfänger neue und extreme Erfahrungen in einer Männerwelt, die elementar und grausam erscheint, für ihn jedoch auch ihren Reiz hat. Irgendwie sehe ich einen Zusammenhang zwischen der Jagd auf die Meeressäuger und seinen sexuellen Erlebnissen mit dem jungen Matrosen und dem Harpunenjäger Wolf. In beiden Bereichen zählt nur der Moment, das Hier und Jetzt und macht alles intensiver, wilder und extremer - ein Rausch außerhalb von Zeit und Raum.

    Auch sein erotisches Abenteuer mit Silja später passt in dieses Schema und Verhaltensmuster. Für ihn ist es nichts weiter als ein neues prickelndes Wagnis an Land.

    Er allerdings verwirrt sie mit seiner animalischen Männlichkeit, weckt vergrabene Gefühle in ihr und lange verdrängte Sinnlichkeiten und Begierden.

    Die nächtliche Begegnung der beiden unter dem magischen Leuchten des Nordlichts macht sie zu etwas Besonderem und trägt doch die Vergänglichkeit schon in sich.

    Zitat von Nicole C. Ich oute mich hiermit als absoluten Nicht-Wintermenschen. Ich bin ein ausgemachter Sommermensch, ab 25plus Grad geht es mit erst so richtig gut.

    :five:

    Zitat von gagamaus:

    Genau. Ich bin im Juli geboren und behaupte, das hat damit zum tun, dass ich es gerne warm und sonnig mag. Cool, dass Du die Kälte und den Schnee und das Eis so schön beschreiben kannst, obwohl du das doch gar nicht magst.


    Für mich sind alle Jahreszeiten faszinierend und ich möchte auf keine verzichten.:) Daher lebe ich auch gerne in einem Land mit diesen klimatischen Übergängen und Gegensätzen. Die Wärme eines Sommertags strahlt für mein Empfinden so intensiv und macht uns glücklich, weil wir die Kälte und frühe Dunkelheit des Winters kennen. Das mag ich aber auch sehr, es ist drinnen gemütlich und draußen eine verwandelte Welt , die wie verzaubert aussieht. Genauso liebe ich die Gerüche im Herbst und die zarten Farben im Frühling - es gehört alles dazu.:)

    Ich frage mich, was die getan haben bis Katya das konnte. Also vor drei dürfte das doch schwierig gewesen sein, oder? Und dass sie überhaupt etwas kochen kann. War jemand da, der es ihr beigebracht hat?

    Hallo gagamaus :) Das waren vermutlich diese beiden (kurz erwähnten) Tanten oder Nachbarinnen, die sich um den Haushalt gekümmert haben und Katya das Nötigste beigebracht haben. Vielleicht hat auch der liebe Großvater noch einige Arbeiten übernommen, er war gütig und künstlerisch begabt, ganz im Gegensatz zum Vater und den älteren Brüdern. Katya hätte vermutlich nicht überlebt ohne ihren Opa. Es war aber in früheren Zeiten nicht so ungewöhnlich, dass Kinder in der Landwirtschaft oder im Haushalt mithelfen mussten, wie kleine Erwachsene. Meine Oma hat oft davon erzählt, wie sie und andere Kinder schon im Alter von fünf oder sechs Jahren bei der Ernte mithelfen mussten. Bei Katya ist es auch weniger die harte Arbeit, die ihr zu schaffen macht, sondern die respektlose und erniedrigende Art, mit der Vater und Brüder sie behandeln. Sie ist in deren Augen weniger wert als ein Dienstmädchen, als Tochter und jüngere Schwester ist es soz. ihre "Pflicht", ihnen zu gehorchen - und das ist wirklich unfassbar grausam. Katya`s Rettung ist Grischa und auch wenn sie an Bord unschöne Erfahrungen machen muss, habe ich den Eindruck, dass sie damit anders umgehen kann als früher zuhause, sie ist stärker und selbstsichrer geworden.

    Hallo ihr Lieben und liebe Nicole :)


    Eis ist ein faszinierendes Thema und wie du, liebe nirak, habe ich schon als Kind in den langen kalten Wintern in Bayern meine Liebe zu Schnee und dem magischen Zauber von Frost und Eis entwickelt.

    Für Grischa und Katya ist das Leben dort in Russland als Kinder eines Leibeigenen allerdings wenig romantisch, sondern harte Arbeit, für die es keinerlei Lohn und Anerkennung gibt, auch nicht vom Vater und den älteren Brüdern. Das ist eine mehr als deprimierende Situation und ich kann sehr gut verstehen, dass Grischa dieser engen und bedrückenden Welt entfliehen will. Andererseits will er seine kleine Schwester beschützen, er fühlt sich für sie verantwortlich und weiß nur zu genau, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird, vor allem, wenn er nicht mehr im Haus ist. Katya flieht auf ihre Weise, sie ist phantasievoll und hat ein Gespür für die Vorgänge in der Natur und dem Wesen der Tiere. Sie fühlt das Eis wie ein lebendiges Wesen, sie kann seine Stimme hören - es ist ein instinktives Fühlen, das sich hinter den Worten verbirgt, zu gewaltig und doch zart, eine Ahnung, ein Teil ihres Wesens, ein verborgenes Wissen.

    Aus diesem inneren Impuls heraus folgt sie Grischa, als er sich eines Nachts auf den Weg macht. Die beiden streifen auf ihrer Flucht nach und nach alte Hüllen und Verhaltensmuster ab, etwas Neues, Unbekanntes beginnt, eine vage Ahnung von Freiheit und Abenteuer.