Beiträge von Vandam

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Sibylle Luise Binder: Die Flucht der Trakehner – Eine dramatische Geschichte von Menschen und Pferden. Roman, Stuttgart 2019, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-15943-9, Klappenbroschur, 304 Seiten, zwei Landkarten im Umschlag-Innenteil, Format: 13,7 x 2,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 14,99.


    „Ja, ja, ich weiß …“ [Joachim] warf seine Angel aus und es sah so aus, als wenn er mit dem scharfen Haken die Machthaber treffen wolle, „… du bist unpolitisch! Politik interessiert dich nicht, du willst nur in Ruhe dein Gütchen bewirtschaften, hübsche Pferdchen und Kinderchen züchten …“ (Seite 65)


    Ostpreußen, im September 1943: Ganz unberechtigt ist der Vorwurf nicht, den Joachim Graf von Tranckow hier seinem Jugendfreund Dr. Jesco von Esten macht. Jesco nimmt alles als gegeben hin. In seiner Familie ist man eben Freiherr, Gutsherr, Landwirt, Pferdezüchter und Soldat. Warum die hohen Herren einen Krieg anzetteln, darüber macht er sich nicht so wahnsinnig viele Gedanken.


    Verheiratet ist Jesco von Esten mit Sophie, Dr. der Agrarwirtschaft, genau wie er, und die Tochter des Gutsverwalters seiner Eltern. Das junge Paar eint, neben der Liebe zueinander, die Liebe zur Natur, zur Landwirtschaft und den Pferden. Jesco und Sophie sind, um im Bild zu bleiben, ein gutes Gespann.


    Heimatschuss – und neue Aufgaben

    Natürlich wird Sophie von Ängsten geplagt, als ihr Mann an der Front ist. Im Sommer 1943 kommt er allerdings nach Hause – kriegsversehrt. Seinen linken Arm habe er in Russland gelassen, meint er lapidar. Ein Drama für einen so aktiven Menschen wie ihn, der zudem noch ein begeisterter Musiker war. Aber er lebt, ist wieder daheim auf seinem Gut Jesensee am Persingsee, und er ist mit seiner Frau zusammen. Doch nicht für lange. Da die meisten arbeitsfähigen Männer beim Militär sind, fehlt es in der Heimat an Personal. Jesco von Esten wird trotz seiner Behinderung nicht aus dem Militärdienst entlassen. Man stellt ihn lediglich frei, damit er das Vorwerk Bajohrgallen in Trakehnen leiten kann. Seine Frau darf er nicht mitnehmen. die muss 40 Kilometer weg von zuhause das Gut derer von Tranckow leiten, mit dem der alte Gutsherr hoffnungslos überfordert ist.


    Keine leichte Situation! Das junge Ehepaar ist auf unbestimmte Zeit hunderte von Kilometern voneinander getrennt und sieht sich nur alle paar Wochen mal. Sophies Sorge, dass Jesco aufgrund seiner Behinderung nicht alleine klar kommt, sind durchaus berechtigt. Er hat ja noch gar keine Zeit gehabt, sich an sein Handicap zu gewöhnen. Es fragt auch niemand, ob die Elterngeneration ohne Hilfe von (Schwieger-)Sohn und Tochter auf Jesensee zurechtkommt. Die müssen sich jetzt irgendwie durchwursteln.


    Getrennt und auf sich gestellt


    Flucht in den Westen

    Auch wenn Jesco und Sophie so unpolitisch sind, wie ihr Gutsnachbar ihnen vor einem Jahr vorgeworfen hat: naiv sind sie nicht. Sie wissen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist. Im Herbst 1944 bereiten sie die Flucht vor, jeder an seinem Arbeitsplatz. Sie können nicht zusammen flüchten, weil sie für ihre Leute verantwortlich sind – und Jesco darüber hinaus noch für 300 Pferde, die er tatsächlich übers Frische Haff in den Westen bringen will.


    Als die Kreisleitung nicht genehmigt, dass Gut Tranckow geräumt werden darf, zieht Sophie mit ihren Leuten ohne Erlaubnis los. Sie will nicht warten, bis die Russen im Vorgarten stehen. Und sie hat noch einen weiteren Grund, vor Weihnachten unbedingt im Westen sein zu wollen, von dem ihr Mann allerdings nichts ahnt.


    Mitte Dezember zieht Jesco mit Treck und Pferden los, und nun begleiten wir Leser*innen die beiden Gruppen abwechselnd auf ihrer Flucht. Wie sich Eltern/Schwiegereltern von Gut Jesensee in Richtung Westen aufmachen, erfahren wir nur indirekt.


    Mit der Pferdeherde übers Frische Haff

    Auch wenn uns, genau wie den Protagonisten selbst, bewusst ist, dass wir es nicht mit lauter Unschuldsengeln zu tun haben, ist es dennoch heftig, wenn man quasi mit ansieht, was den Leuten unterwegs alles widerfährt.


    Bange fragt man sich, ob Jesco das Unterfangen wohl überleben wird und ob er seine Familie jemals wiedersieht. Inzwischen ist Sophie von ihrem Treck getrennt worden. Auch da ist der Ausgang offen. Und was aus den Leuten von Jesensee geworden ist, weiß niemand so genau …


    Natürlich könnte man mit Geschichten über Krieg, Flucht und Trakehner ganze Bibliotheken füllen. Auf 300 Seiten kann man das Schicksal kompletter Landgüter und Familienclans nur schlaglichtartig beleuchten.


    Es geht um die Pferde

    Wir Leser*innen brauchen in der Regel menschliche Identifikationsfiguren. Die gibt uns die Autorin in Gestalt von Jesco und Sophie. Aber in erster Linie geht es darum, unter welchen dramatischen Umständen die legendären Pferde von Ostpreußen nach Süddeutschland gekommen sind. Da braucht man als Erzählerin, was die Menschen angeht, Mut zur Lücke. Als Leser*in ist man gut beraten, auf die Zeitangaben bei den Kapitelüberschriften zu achten, denn die Handlung macht nach dem vierten Kapitel plötzlich einen Sprung von einem Jahr. Das ist kein Manko, man stutzt nur im ersten Moment.



    Spannend, mitreißend und informativ

    Das Buch ist spannend, mitreißend und auch noch informativ. Die Autorin erklärt Begriffe, die nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, jeweils in einer Fußnote. Und damit man über das Romanpersonal den Überblick behält, gibt’s im Anhang ein Personenverzeichnis. Das ist bei den langen, komplizierten und auch ungewohnten Personennamen ein toller Service. Genau wie die Landkarten. Die eine zeigt das gesamte Ostpreußen, auf der anderen kann man die Route der verschiedenen Trecks verfolgen.


    Sibylle Luise Binder hat’s mit diesem Buch geschafft: Obwohl weder Ostpreußen noch Trakehner jemals eins meiner Kernthemen war, will ich jetzt mehr darüber wissen. Und das ist ja nicht das Verkehrteste, was ein Roman auslösen kann.


    Die Autorin

    Sibylle Luise Binder verfügt über langjährige Erfahrung mit Pferden. Die passionierte Reiterin und Pferdebesitzerin ist durch ihre Publikationen in der Pferdeszene bekannt und etabliert. Wenn sie gerade nicht über Pferde schreibt, dann ist sie in Sachen Oper, Krimi oder Geschichte unterwegs. Gerne auch mal alles gleichzeitig.

    Meint ihr sowas?

    Rezensions-URLs zu Titel: Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester (1): Als wir zu träumen wagten. Roman

    Verlag: Diana-Verlag


    Großes Bücherboard Literaturschock.de:

    https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/51916-melanie-metzenthin-die-hafenschwester-1-als-wir-zu-träumen-wagten/


    Bücherforum Büchereule:

    https://www.buechereule.de/wbb…agten-melanie-metzenthin/

    Forum von Booklooker

    https://www.booklookerforum.de/viewtopic.php?f=19&t=26950


    Blog "Boxmail" („Wahnsinn im Alltag“):

    https://www.boxmail.de/2019/09…zu-traeumen-wagten-roman/


    Bücherrubrik von Tiergeschichten.de:

    http://www.tiergeschichten.de/…zu-traeumen-wagten-roman/


    Amazon:

    https://www.amazon.de/review/R…cr_srp_d_rdp_perm?ie=UTF8


    Bloggerportal von Randomhouse
    https://blogger.randomhouse.de…al/site/title/559086.html

    Hier müsste die Buchvorstellung irgendwo sein. Mein Problem ist: Habe ich sie in diesem Portal erst mal hinterlegt, finde ich sie in der Regel nicht mehr wieder. Aber Randomhouse wünscht das so, also trage ich sie halt dort ein.


    PS: Da hat's 'nen Haufen so lästiger Sonderzeichen in diesem Posting, die ich ums Verrecken nicht wegkriege. Sorry!

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    Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester (1): Als wir zu träumen wagten. Roman, München 2019, Diana-Verlag, ISBN 978-3-453-29233-8, Klappenbroschur, 463 Seiten, Format: 13,6 x 4,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „In dem Moment wusste sie, dass eine Frau alles im Leben erreichen konnte. Sie musste nur mit ganzem Herzen für das eintreten, an das sie glaubte. Wenn man die richtigen Worte am richtigen Ort wählte, wenn man die Menschen damit berührte, dann ging es nicht mehr darum, ob man ein Mann oder eine Frau war. Und somit war der 16. November 1896 der Tag, an dem Martha endgültig erwachsen wurde.“ (Seite 288)


    Hamburg 1892: Bis jetzt ist die Welt der vierzehnjährigen Martha Westphal aus dem armen Gängeviertel noch so halbwegs in Ordnung: Der Vater arbeitet als Schauermann, die Mutter näht in Heimarbeit für ein Weißwarengeschäft und sie selbst soll nach der Schule eine Schneiderlehre antreten. Schwesterchen Anna ist noch zu klein für Zukunftspläne, aber ihr Bruder Heinrich ist ein so heller Kopf, dass er aufs Gymnasium gehen wird. Seit langem spart die Familie schon für sein Schulgeld.


    Auch Martha ist überaus intelligent, wissbegierig und wortgewandt, aber für ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen ist der Besuch eines Gymnasiums nicht vorgesehen. Studieren dürfen Frauen in Deutschland sowieso nicht, und woher sollte sie das Geld nehmen, zu einem Studium ins Ausland zu gehen?


    Familienoberhaupt mit 14

    Dann kommt der Cholera-Sommer und auch die Westphals verlieren Familienangehörige. Der Vater erholt sich nicht mehr von diesem Schicksalsschlag, und auf einmal ist Martha das Familienoberhaupt und muss zusehen, wie Geld ins Haus kommt. Auf keinen Fall so wie bei Nachbarstochter Milli, die von ihrem Stiefvater zur Prostitution gezwungen wird!


    Durch die Pflege ihrer Angehörigen und den Kontakt mit verschiedenen Ärzten hat Martha ihr Interesse für Medizin und ihr Geschick im Umgang mit Kranken entdeckt. Durch Fürsprache eines Mediziners bekommt sie eine Stelle als Hilfskrankenwärterin im Krankenhaus in St. Georg. Die Sitten dort sind rau, die Arbeit hart, schmutzig und schlecht bezahlt. Doch Martha arbeitet sich später im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf gegen alle Widerstände bis zur OP-Schwester hoch.


    Eigentlich ist die Tätigkeit einer ausgebildeten Krankenschwester nur für höhere Töchter vorgesehen. Dass ein Mädchen aus dem Gängeviertel sie ausübt, hat’s noch nie gegeben.


    Martha entdeckt ihr politisches Bewusstsein

    Die engagierte Carola nimmt Martha mit zu Versammlungen der Sozialdemokraten. Auch wenn Martha meint, von Politik nichts zu verstehen: Die Idee von Chancengleichheit und Gerechtigkeit will sie aus vollem Herzen unterstützen.


    Jetzt versteht sie auch, warum ihre Familie und die Leute in ihrem Viertel nie auf einen grünen Zweig kommen – und dass man das durchaus nicht als gegeben hinzunehmen braucht, sondern etwas verändern kann, ja muss.


    Unter dem Begriff „Frauenrechte“ kann sich Martha zunächst gar nichts vorstellen. Doch als die Rednerin loslegt, ist sie Feuer und Flamme.


    Eifrig diskutieren Martha und Carola das, was sie auf den Versammlungen lernen, mit Schwester Susanne, einer sehr gläubigen Kollegin. Die ist gar nicht davon angetan, dass die Roten über die Kirche lästern und ihr im Bereich Wohltätigkeit Konkurrenz machen. Carolas flapsiger Spruch „In unserer Zeit wäre Jesus ein Sozialist geworden“ (Seite 215), kommt bei Susanne nicht gut an. Und so streiten sich die drei engagierten Krankenschwestern über Moralvorstellungen, Vorurteile, Glauben versus Ideologie und etliches andere. Sie brauchen eine ganze Weile, bis ihnen klar wird, dass sie in im Grunde alle dasselbe wollen: den Bedürftigen helfen. Nur der theoretische Ansatz ist jeweils ein anderer. In diesen Streitgesprächen stecken viele interessante Argumente und Denkansätze.


    Die Schwesternschaft verlangt das Zölibat

    Bei den politischen Versammlungen lernt Martha auch Paul Studt kennen, einen Maschinenbau-Ingenieur, der, wie sie, aus einfachen Verhältnissen stammt und seine Wurzeln nicht vergessen hat.

    Nur gibt es da ein Problem: Martha ist Mitglied der „Erika-Schwestern“. Das ist zwar kein religiöser Orden, doch die Schwesternschaft funktioniert nach ähnlich strengen Prinzipien. Von den Schwestern verlangt man einen tadellosen Lebenswandel - und das Zölibat. Hat eine was mit einem Mann, darf sie den Beruf als Krankenschwester nicht mehr ausüben. Klingt verrückt, entsprach aber damals den Tatsachen. Das hat sich die Autorin nicht ausgedacht.


    Auguste hat Martha mit Paul gesehen und weiß auch um ihre Freundschaft zur Prostituierten Milli. Beides ist nicht mit den strengen Statuten der Erika-Schwesternschaft vereinbar. Damit hat sie Martha nun in der Hand ...


    Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen

    Ich liebe es, wenn mir Geschichte und Politik anhand konkreter (fiktiver) Einzelschicksale nahegebracht wird. Es war faszinierend und aufschlussreich, Marthas politischem Erwachen zuzusehen. Plötzlich werden ihr Zusammenhänge klar, über die sie nie zuvor nachgedacht hat und es tun sich Möglichkeiten für sie auf, die Lebensumstände der Menschen in ihrer Umgebung zum Besseren zu verändern. Verblüfft stellt sie fest: Sie ist gar kein Spielball der Mächtigen, sie kann selbst etwas bewirken! Wie viel sie erreichen wird und welchen Preis sie dafür wohl wird zahlen müssen, werden wir in den folgenden Bänden dieser Reihe sehen.


    Ich habe dieses Buch tatsächlich auf einen Rutsch ausgelesen. Hatte ich gar nicht vor. Ich wollte nur mal schnell reinschauen ... Dann stand ich irgendwann vor der Wahl: Gehst du jetzt googeln, wie das mit dem Hafenarbeiterstreik ausgegangen ist oder liest du einfach weiter? Um an den Computer zu gehen, hätte ich aber das Buch aus der Hand legen müssen. Das wollte ich nicht. Also hab ich weitergelesen und immer weiter – und plötzlich war der Band zu Ende.


    Spannend und unberechenbar wie das Leben

    Jetzt werden wir wohl ein Jahr warten müssen, bis wir erfahren, wie es mit Martha und Paul, Carola, Susanne und Auguste, Milli, Moritz, Heinrich und all den anderen weitergeht. Besonders berechenbar ist das nicht, denn Melanie Metzenthins Romanfiguren nehmen sich die Freiheit, auch mal dazuzulernen und ihre Meinung revidieren. Zwielichtige Gestalten sind durchaus imstande, anständig zu handeln, wenn ihnen danach ist. Und die Guten können haarsträubende Fehler begehen. So bleibt’s so spannend wie im wahren Leben.


    Die Autorin

    Dr. Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie einen ganz besonderen Einblick in die Psyche ihrer Patienten, zu denen sowohl Traumatisierte als auch Straftäter gehören. Bei der Entwicklung ihrer Romanfiguren greift sie gern auf ihre beruflichen Erfahrungen zurück.


    PS: Sollte die Rezension aufgrund der Leserunde irgendwo anders platziert werden müssen als hier, dann bitte umbetten.

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    Eva Klingler: Badische Sünde. Kriminalroman, Meßkirch 2019, Gmeiner-Verlag, ISBN 978-3-8392-2497-7, Softcover, 280 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 20 cm, Buch: EUR 13,00 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 6,99.


    „Schrecklich“, sagte Marlies Schätzle. „In so was reingezogen zu werden. Ganz schrecklich. Und wie ging das aus? Hoffentlich gut?“ – Ich sah sie nachsichtig an. „Frau Schätzle, eine Mordsache kann niemals gut ausgehen. Denn wir haben ja mindestens einen Toten und einen Mörder.“ (Seite 171)


    Karlsruhe-Rüppur, Sonnenstift, 2018: Viktoria Hermann, Jahrgang 1941, ist überrascht, als sie Besuch von zwei Frauen aus einem Dorf im Schwarzwald bekommt. Sie hat noch nie von Marlies Schätzle und ihrer Tochter Esther gehört. Erst als Marlies sich auf ihre Tante, Marianne Reichert, beruft, die verfügt hat, dass Esther sich an ihrem 21. Geburtstag bei ihr melden solle, fällt der Groschen.


    Ein Besuch weckt Erinnerungen

    Nun hätte Viktoria der jungen Esther einfach das aushändigen können, was sie vor Jahrzehnten mit Marianne vereinbart hat und es dabei bewenden lassen. Aber die zwei Schätzles sind so piefig, selbstgerecht und ahnungslos, dass sie nicht widerstehen kann, ihnen die Wahrheit über ihre schillernde Verwandte zu erzählen – und über die dramatischen und skandalösen Umstände, unter denen sie in den 50er-Jahren ihre Bekanntschaft gemacht hat.



    Karlsruhe-Rüppur, 1959: Viktoria Hermann ist ein anständiges Mädchen und hätte normalerweise gar keine Berührungspunkte mit Kiezkönigin Marianne Reichert und deren Damen gehabt. Doch als Hermanns das Dachgeschoss an die Kindergärtnerin Renate Bandusch (26) vermieten, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Renate entpuppt sich zum Entsetzen der biederen Hermanns als kecke, moderne Singlefrau, die sich mit Männern in der Kneipe trifft. Sogar mit Amerikanern! Damit hat man zu der Zeit den Ruf eines Flittchens weg.


    Hermanns und die kecke Mieterin

    Mutter Hermann fürchtet, dass Renates zweifelhafter Ruf auf ihre Familie abfärbt und dass sie den fast erwachsenen Hermann-Kinder Peter und Viktoria Flausen in den Kopf setzen könnte. Junge Männer wie der Maschinenbau-Student Peter sind sowieso leicht zu beeindrucken, und Viktoria, eine unterforderte Bürokraft bei der Stadtverwaltung, hat auch ohne Renates Zutun schon genügend rebellische Ideen. Sie will immerzu lesen und lernen und träumt von einer Karriere als Kriminalkommissarin statt sich nach einem geeigneten Ehemann umzusehen.


    Als Viktoria den Kriminalassistenten Paul ihrer Familie vorstellt, wähnt diese sich schon am Ziel. Juhu, ein Schwiegersohn! Doch Viktoria findet Pauls Beruf interessanter als ihn selbst. Immer wieder schafft sie es, ihm kleine Informationshäppchen zu entlocken, zum Beispiel über den Mordfall Vera S., der sich vor kurzem in Karlsruhe ereignet hat.


    Wer tötete Vera S. und Renate B.?

    Seit ihrem Rauswurf bei Hermanns arbeitet Renate nicht mehr als Kindergärtnerin, sondern als Animierdame in Marianne Reicherts Tahiti-Bar. Und beim Verkauf von Getränken bleibt es nicht. Die wilde Renate führt ein Leben auf der Überholspur. Für Geld macht sie buchstäblich alles.


    Bei ihrem letzten Zusammentreffen spürt Viktoria, dass Renate vor jemandem Angst hat. Sie will keinen Namen nennen und zeichnet nur stumm den Buchstaben M. Wenig später ist Renate tot – erdrosselt mit einem Schal. Spuren gibt’s so gut wie keine, weil eine übereifrige Ersthelferin alle verwischt hat. Auf einmal ist Viktoria näher am Ermittlungsgeschehen als ihr lieb ist. Als Freundin der Ermordeten wird sie von der Polizei befragt. Und wie sich herausstellt, hat ihr Bruder Peter für die Tatzeit kein Alibi.


    Mit ihren begrenzten Mitteln ermittelt Viktoria nun auf eigene Faust.


    Die 50er-Jahre aus heutiger Sicht

    Ich habe ja gewisse Vorbehalte, was Romane angeht, die auf verschiedenen Zeitebenen spielen. Für diesen feministisch angehauchten Regionalkrimi ist die Erzählform aber perfekt. Wenn Viktoria von den vielfältigen Einschränkungen berichtet, denen Frauen damals unterworfen waren, tut sie das mit dem Wissen von heute. Vieles, was ihr als Teenager schon sauer aufgestoßen ist, ist aus heutiger Sicht ein absolutes Unding, genau wie die markigen Sprüche ihrer Eltern. All diese Prüderie und die einseitige Fixierung darauf, junge Mädchen schnellstmöglich in den Zustand einer gut verheirateten Hausfrau und Mutter zu überführen und ja keine anderen Lebensziele zuzulassen! Wenn Viktoria von den 50er Jahren erzählt, fällt Esther, die jetzt so ungefähr im selben Alter ist, meist nur eines ein: „Krass!“ Womit sie gar nicht so Unrecht hat.


    Löst Amateurermittlerin Viktoria Hermann nun die zwei Mordfälle oder trägt sie wenigstens dazu bei, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ist das, was man vor 50 Jahren versäumt hat, heute überhaupt noch korrigierbar?


    Eine böse Geschichte

    Alles in allem ist BADISCHE SÜNDE eine böse Geschichte. Man fragt sich, ob es richtig war, dass Viktoria ihren Besucherinnen alles erzählt hat. Gut, sie hat sich dabei amüsiert. Die spießige Marlies ist jetzt um eine Illusion ärmer und um eine Wahnsinnsgeschichte reicher, die sie daheim nur niemandem erzählen kann. Dafür hat Tochter Esther jetzt ein paar gefährliche Träume mehr.


    Nach dieser spannenden Zeitreise in die jüngere Vergangenheit kann man den Frauenrechtlerinnen nicht genug danken. Es gibt zwar noch einiges zu tun, aber wir sind auch schon ganz schön weit gekommen.


    An diesem packenden Krimi haben mich nur ein paar Kleinigkeiten gestört: Die Erklärung für das M, das die verängstige Renate zeichnet, ist ein bisschen billig. Und wenn im Lektorat niemand die Textstellen findet, die einander widersprechen, ist das schade. (Woher stammt Marianne? Schwarzwald oder Niederbayern?)


    Trotzdem hat mir die kritische, unangepasste Viktoria als Ermittlerin sehr gut gefallen – eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Was mich jetzt noch interessiert hätte: Ist sie denn irgendwann Kommissarin geworden? Das war ja dann möglich. Im Buch wird es nicht erwähnt. Wenn ja, könnte sie uns nämlich von weiteren spannenden Kriminalfällen aus anderen Jahrzehnten berichten. Zuhörer*innen, die die gegenwärtige Zeitebene rechtfertigen, würden sich bestimmt finden.


    Die Autorin

    Eva Klingler wurde im oberhessischen Gießen geboren. Ihre Jugend und die Studienjahre verbrachte sie in Mannheim, bevor sie nach Baden-Baden zog, um ein Volontariat beim Südwestrundfunk zu absolvieren. Nach einigen Jahren entschloss sie sich, selbstständig zu arbeiten und wirkte als Dozentin, Autorin und freie Journalistin in den Redaktionen in Baden-Baden und Bretten. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Bibliotheksleiterin in Rheinstetten wurde sie endgültig als Freie Autorin sesshaft. Ihre Bücher spielen meistens in Baden und im Elsass. Mit Mann und Hund lebt Eva Klingler nun in einem grünen Stadtviertel von Karlsruhe.

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    Carolin Rath: Das Erbe der Wintersteins. Roman, Köln 2018, Verlag: be – ein Imprint von Bastei Entertainment, ISBN 978-3-94761002-0, Softcover, 359 Seiten, Format: 12,6 x 2,5 x 19 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 6,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    Unterschwarzbach im Winter 1882Die Anweisungen des Kindsvaters waren klar. Er hatte es sogar schriftlich fixiert: Die Rummelplatz-Artistin Lucilla sollte die kleine Claire nach dem Tod ihrer Mutter zu deren Großmutter bringen. Doch die Kutsche verunglückt. Als der Krämer Wenzlaff Federer zufällig am Unfallort vorbeikommt, findet er nur das Baby lebend vor und bringt es auf den nahegelegenen Einödhof der Familie Winterstein.



    Findelkind Claire flieht in die Stadt

    In Klaras Jugend versucht ja jeder, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Kein Wunder, dass sie die erstbeste Gelegenheit nutzt und Hals über Kopf in die Stadt flüchtet.

    Zusammen mit dem Dienstmädchen Agnes geht sie auf Stellensuche, bis es die beiden schließlich auf den Rummelplatz verschlägt, auf dem Klaras leiblicher Vater, Carlo Federico Inverno, der Impresario ist. Und, nein, er heißt nicht „Inferno“ (Hölle), obwohl das zu seinem Charakter passen würde. Das V in seinem Namen steht mit voller Absicht dort.


    Familie Winterstein, 2016: Irgendwie muss die kleine Klara aus Unterschwarzbach im Lauf ihres Lebens zu ihrem ursprünglichen Vornamen, Geld, einer Porzellanfabrik und einer hochherrschaftlichen Villa in Meylitz gekommen sein. Mindestens ein Kind hat sie auch gehabt. Einen Ehemann dagegen nicht, denn ihre Nachkommen, denen wir im Jahr 2016 begegnen, heißen nach wie vor Winterstein.


    2016: Claires Tagebuch wird gefunden

    Gustav Winterstein, Seniorchef der Porzellanfabrik und ein Enkel von Claire, will die seit Jahren leerstehende Familienvilla in Meylitz endlich verkaufen. Damit das Objekt auf dem Markt einen besseren Preis erzielt, soll Tochter Celine, Mitte 30, eine Restauratorin, die notwendigen Sanierungsarbeiten vornehmen lassen und ein bisschen „Homestaging“ betreiben.


    Statt ihre Verlobung zu feiern, sitzt Celine jetzt also mit Kumpel Konrad über die Weihnachtsfeiertage in der zerfallenden Villa und studiert Uromas Claires Tagebuch, das sie bei den Renovierungsarbeiten im Haus gefunden haben. Anscheinend hatte die Urgroßmutter das eine oder andere düstere Geheimnis ...


    Das Mädchen vom Rummelplatz

    Wie so oft bei diesen Geschichten auf zwei Zeitebenen ist der Handlungsstrang in der Vergangenheit ungleich interessanter als der in der Gegenwart. Hier hatte ich sogar den Eindruck, als stammten die beiden Teile von zwei verschiedenen Autoren. Die Story um das Findelkind Claire ist zwar ziemlich konstruiert, spielt aber in einer spannenden Umgebung – auf dem Rummelplatz mit seiner bizarren „Sideshow“ (= „Freakshow“) – und man leidet mit dem Mädchen mit, das überall nur ausgenutzt wird.


    Die Geschichte um die heutige Fabrikantenfamilie Winterstein erinnert mich dagegen stark an die Fernsehfilme am Samstag Abend, in denen gut ausgeleuchtete schöne Menschen in schickem Ambiente ihre hundsgemeinen Familienintrigen spinnen. Wenigstens müssen hier keine Bayern, Sachsen und Schwaben so tun, als seien sie gebürtig aus Cornwall. ;-)


    Raffinierte Rückblenden

    Die Rückblenden auf Claires Leben sind raffiniert gemacht. Über weite Teile schauen wir ihrer Urenkelin über die Schulter, wie sie in dem alten Tagebuch liest. Um das Verfahren abzukürzen, gibt Celine immer wieder mal einem ihrer Verwandten eine kurze mündliche Zusammenfassung über das Geschehen. So überspringen wir Jahre und Lebensphasen, sind aber, was wichtige Entwicklungen angeht, trotzdem stets auf dem Laufenden.


    A propos Verwandtschaft ... sehr lebensnah ist Celines trampelige Schwägerin in spe geraten. Dumm wie Brot, egozentrisch, merkbefreit. Solche Leute kennt jeder. Vielleicht hatte „Maddie“ ja ein reales Vorbild.


    Glaubwürdig und nachvollziehbar ist auch das, was damals im 19. Jahrhundert Claires Gegenspieler angetrieben hat, genau wie die Wahl seiner Mittel. Diesbezüglich hatte er keine große Auswahl. Er hat sich eben der Methoden bedient, mit denen er in seinem bisherigen Leben immer gut gefahren ist.


    Ein Bösewicht auf Comic-Niveau

    Über Celines Antagonisten habe ich mich allerdings geärgert. Plötzlich wird aus einem smarten, gebildeten, gut vernetzten Menschen des 21. Jahrhunderts ein fieser Bösewicht auf Comic-Niveau.

    Und so verfolgt man das spannende Finale und denkt dabei die ganze Zeit: „Warum nur? Warum?“


    Meinetwegen hätte man den Handlungsstrang über die modernen Nachfahren der Wintersteins komplett weglassen können (auch wenn mir dadurch die herrlich dämliche Schwägerin Maddie entgangen wäre!). Ich wäre mit einem historischen Roman über die unangepasste Claire vom Rummelplatz vollauf zufrieden gewesen.


    Die Autorin

    Carolin Rath, Jahrgang 1964, studierte Sozialwesen und schreibt seit ihrer Kindheit Geschichten und Romane. Sie sitzt gern in Zeitmaschinen und bereist in ihrer Phantasie die jüngere und weiter zurück liegende Vergangenheit, wobei sie als permanenten Wohnort jedoch die Gegenwart eindeutig vorzieht. Wenn sie nicht gerade schreibt, unterrichtet sie an der Volkshochschule oder geht einem ihrer zahlreichen Hobbys nach. Sie wohnt in einem kleinen, alten Fehnhaus in Ostfriesland.

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    Elli H. Radinger: Die Weisheit alter Hunde. Gelassen sein, erkennen, was wirklich zählt – Was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können, München 2018, Ludwig-Verlag, ISBN 978-3-453-28108-0, Hardcover mit Schutzumschlag, 319 Seiten, zahlreiche Fotos in Farbe und Schwarzweiß, Format: 14 x 3,3 x 22 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 17,99.


    „Je näher wir dem Ende kommen, desto ausgiebiger sollten wir uns freuen. Das ist die Weisheit, die uns unsere alten Hunde hinterlassen. (…)[Sie] kennen die Weisheit des Glücks: Gib mir einen Knochen und ich bin glücklich – gib mir einen Platz in deinem Herzen und DU wirst glücklich sein.“ (Seite 309)


    Wolfsforscherin Elli H. Radinger hat ihre Forschungsarbeiten in den USA einstweilen ausgesetzt, weil sie ihre alte Labradorhündin Shira weder mitnehmen kann noch so lange in der Obhut von Verwandten zurücklassen möchte.


    Die Autorin weiß, was auf sie zukommt

    Shira ist jetzt 12. Da ist für einen großen Hund schon recht betagt. Die Autorin weiß, was auf sie zukommt. Sie hat ihr Leben schon mit anderen Hunden geteilt und sie im hohen Alter beim Sterben begleitet. Diesen letzten Liebesdienst will sie auch Shira erweisen und die verbleibende Zeit mit ihr genießen. „Hunde sind eine Bereicherung. Je älter sie werden, desto kostbarer ist die Zeit, wie wir mit ihnen verbringen dürfen“, schreibt sie (Seite 16). Ihre Entscheidung haben nicht alle Menschen in ihrem Umfeld nachvollziehen können. Tierhalter*innen aber schon.


    Dass der Umgang alter Hunde mit dem Ende des Lebens den Menschen zum Nachdenken darüber bringt, was wirklich wichtig ist, ist nicht weiter verwunderlich.


    Alter ist keine Krankheit, aber es stellen sich natürlich diverse gesundheitliche Einschränkungen ein. Hund und Frauchen müssen beide wegen Rückenbeschwerden regelmäßig zum Physiotherapeuten. Shira braucht Unterstützung um ins Auto einzusteigen. Und weil sie nichts mehr hört,. muss ihr Mensch die Kommandos auf Zeichensprache umstellen.


    Der Aktionsradius wird kleiner

    Das Leben wird ruhiger mit einem alten Hund – und der Aktionsradius wird kleiner. Man kann eben keine langen Ausflüge und weiten Reisen mehr unternehmen. Aber so ist das nun mal, wenn man sich „in guten wie in schlechten Tagen“ um sein Rudel kümmert. Die Autorin, die alleine lebt, hat auch schon geregelt, wer für ihr Tier sorgen wird, falls sie es aus gesundheitlichen Gründen einmal nicht mehr tun kann. Für Notfälle trägt sie z.B. stets eine Karte bei mit der Information, dass sie einen Hund zu Hause hat, und wer zu benachrichtigen sei, damit er sich um ihn kümmert. Das gehört dazu, wenn man seinem Haustier in jeder Lebenslage ein verlässlicher Partner sein will.


    Eine Erkenntnis, die einem ein Hund über das Leben vermittelt, ist, dass man nicht perfekt sein muss, um geliebt zu werden. Dem Tier ist es egal, ob der Mensch attraktiv und erfolgreich ist oder nicht und ob er in der Hund-Mensch-Beziehung immer alles richtig gemacht oder sich lediglich eifrig bemüht hat. Das beruhigt. Wir sind ja alle fehlbar und Hunde sind zum Glück nicht nachtragend. Okay, du hattest gestern keine Lust auf die Gassirunde? Macht nichts. Lass uns JETZT gehen. Das bisschen Regen ist doch lustig“, (Seite 97). Das würde nach Meinung der Autorin wohl ihre Hündin Shira sagen.


    Für deinen Hund bist du wichtig

    An dieser Einstellung können wir Menschen uns ein Beispiel nehmen. Und wenn wir die Menschen, mit denen wir zu tun haben, mit derselben ungeteilten Aufmerksamkeit bedenken wie Hunde das tun, wäre auch schon viel gewonnen. (D)ein Hund schaut dich an und du hast das Gefühl, du seist unheimlich wichtig. Er macht den Eindruck, als würde er dir fasziniert zuhören, selbst wenn du nur Blödsinn erzählst. ;-)


    Und von wegen, ein alter Hund lernt keine neuen Tricks mehr! Hunde haben keine Angst vor Neuem. „Pfeif aufs Alter, bleib neugierig, beweg dich, probiere ohne Angst was Neues aus und hab Spaß am Leben“, (Seite 141) Das würde Shira wohl den Zweibeinern raten, wenn sie sprechen könnte. Und das wären nicht die schlechtesten Tipps …


    Geduld und Minimalismus

    Geduld können, ja müssen wir von alten Hunden lernen, weil bei ihnen eben alles nicht mehr so schnell geht, wie wir uns das vielleicht wünschen. Und weil ihre Hündin gehörlos ist, lernt Elli Radinger die Stille zu schätzen, mit Körpersprache zu arbeiten und sich klarer auszudrücken. Vielleicht können wir uns auch die Ansicht unserer Hunde zu eigen machen, dass Dinge nicht wichtig sind. Oder, wie die schwedische Autorin Margareta Magnusson sagt: „Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben.“ (Seite 180)


    Hunde zeigen uns auch, dass der gegenwärtige Moment der Wichtigste ist. Das Gestern und das Morgen können wir nicht ändern. Aber wir können den Augenblick bewusst wahrnehmen und genießen und dankbar sein für das, was wir haben.


    Hinnehmen, was nicht zu ändern ist

    Hunde nehmen hin, was nicht zu ändern ist. Und Menschen fällt es dagegen schwer, nicht auf alles und jedes aus dem Umfeld zu reagieren. Dass wir das nicht tun müssen und dass niemand außer uns selbst dafür verantwortlich ist, wie wir uns fühlen, diese Gedanken sind uns fremd. Viele von uns werden erstmals im Rahmen einer Therapie mit dieser Vorstellung konfrontiert. Hunde wissen das von Haus aus. Sie brauchen kein Gelassenheitsgebet. „Das Geschenk, das uns alte Hunde immer wieder machen, ist, uns zu zeigen, dass heute ein guter Tag ist um zu leben. Und nicht, um sich Sorgen zu machen, wie es wohl morgen aussehen mag.“ (Seite 235)


    Sehr berührend ist das Kapitel vom Loslassen (ALLES HAT SEINE ZEIT, Seite 251 ff), in dem die Autorin den Abschied von ihrer Hündin Lady schildert. „Loslassen“, schreibt sie, „ist ein Akt der Liebe. Es beruht auf der der tiefen inneren Erkenntnis, dass das Leben seinen Lauf nimmt und sich nichts festhalten lässt.“ (Seite 258) Diese Lektion lernt auch der Nicht-Hundehalter zwangsläufig mit zunehmender Lebenserfahrung. Mit etwas Glück ist uns allen die Erkenntnis beschieden, dass Trauer zwar ein anhaltender Prozess ist und uns verändert, wir aber trotzdem weiterleben und wieder lachen und lieben werden.


    Nicht für Hunde, sondern für Menschen

    Manche Leser*innen hatten hier einen Ratgeber für den richtigen Umgang mit betagten Hunden erwartet und waren enttäuscht. Das ist das Buch aber nicht – oder nur ganz am Rande. Es geht wirklich in der Hauptsache um den Menschen … wie er wachsen und reifen kann, wenn er durch seine Haustiere mit den Themen Altern, Tod und Trauer konfrontiert wird. Und das zu vermitteln ist der Autorin auf eine sehr persönliche, anekdotenreiche und warmherzige Weise gut gelungen.


    Die Autorin

    Elli H. Radinger ist Fachjournalistin und Autorin mit Schwerpunkt Wolf und Hund. Die Naturforscherin und Wolfsexpertin beobachtet wildlebende Wölfe im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark und hält Lesungen und Vorträge. Um ihre 13 Jahre alte Hündin durch die letzten Jahre ihres Lebens zu begleiten, unterbrach die Autorin ihre Wolfsforschung. "Shira ist meine Familie und hat Priorität. Das habe ich von den Wölfen gelernt."

    Vielfach sind's wohl auch nur Begrifflichkeiten, die sich unterscheiden. So kann jeder Trainer auf den Mitbewerbern rumhacken, weil die z.B. von Dominanz und Alphatier reden, aber im Grunde gar nicht so viel anders machen als man selbst.


    Mir fällt's eben auf, dass in den meisten Ratgebern erst mal der Rundumschlag erfolgt: Der und der und der prominente Trainer hat keine Ahnung, weil er von X und Y spricht. Irgendwie muss man sich ja von der Konkurrenz abheben.

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    Dixie Wills: Wild & Wise: Clevere Lektionen von den Underdogs der Natur, OT: The Wisdom of Nature. Inspiring Lessons oft he Natural World to make Life more or less bearable, aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus, München 2019, Knesebeck-Verlag, ISBN 978-3 95728 325 2, Harecover, 160 Seiten, farbige Illustrationen von Katie Ponder, Format: 14,4 x 2,3 x 19,2 cm, Buch: EUR 15,00.


    „Mensch: Hominide, Zweibeiner; einer der gefährlicheren Menschenaffen. Der Mensch betrachtet sich gern als das klügste Lebewesen auf dem Planeten, schließlich heißt er mit wissenschaftlichem Namen Homo sapiens. Dennoch ist er unfähig, das [sic] Apostroph korrekt zu setzen, gehobene Ämter mit vernünftigen Vertretern seiner Art zu besetzen oder einen veganen Käse herzustellen, der auch nur im Entferntesten nach Käse schmeckt.“ (Seite 153)


    Zunächst einmal: Der Trend, englischsprachige Originaltitel für den deutschsprachigen Markt mit einem anderen englischen Titel zu ersetzen, kann mich nicht so recht überzeugen. Das ist doch ein fürchterliches Denglish! Vielleicht wollte man in diesem Fall aber auch darauf hinweisen, dass der Autor Brite ist. Die kriegen solche schrägen Konzepte offenbar besonders gut hin.


    70 Porträts unbeliebter Tiere

    70 Kurzporträts ziemlich unbeliebter Tiere, Pflanzen, Pilze und Naturerscheinungen hat der Autor hier zusammengetragen. Er zeigt uns, was wir von diesen Lebewesen und Phänomenen lernen können, auch wenn sie giftig, gefährlich, lästig oder hässlich sind – oder einfach nur unterschätzt werden.


    Zugegeben: Die Lehren für die Menschheit sind eher ein Jux als Lebenshilfe. So steht bei der Zecke: „Du gewinnst keine Freunde fürs Leben, wenn du dich durch selbiges schnorrst und jeder Zufallsbekanntschaft einen Infekt anhängst. Bleibende Erinnerung allerdings ist dir gewiss.“ (Seite 35) Ach was? - „Das Tier, das du verfluchst, weil es deine Kabel anknabbert, heißt Steinmarder. So viel Zeit muss sein“ (Seite 114) Das bringt uns im Alltag auch nicht weiter.


    Wir lesen und staunen

    Aber die Fakten in den Kurzporträts scheinen sauber recherchiert zu sein. Nun bin ich keine Biologin. Ich kann die Texte hier nur mit dem vergleichen, was ich in den vergangenen Jahrzehnten über Tiere und Pflanzen usw. gelesen habe. Und so erfahren wir und staunen:

    • Wanderratten sind sehr sozial und auf Sauberkeit bedacht. Sie verfügen über ein exzellentes Gedächtnis und einen ebensolchen Orientierungssinn. Dank ihrer Intelligenz und ihrer feinen Spürnase kann man sie sogar zum Aufspüren von Landminen einsetzen. Wanderratten haben sämtliche Erdteile außer der Antarktis besiedelt und zählen damit aus Sicht der Evolution zu den erfolgreichsten Säugetieren der Welt. Nicht schlecht für jemanden aus der Gosse!
    • Regenwürmer sind, wenn man ihre Größe in Betracht zieht, tausend Mal so stark wie der Mensch. Und wenn ihr Hinterende verletzt wird oder abhandenkommt, können sie es regenerieren.
    • Landasseln können Schwermetalle in ihren Körpern einlagern in einer Konzentration, die für Menschen hochgiftig wäre.
    • Floh: Hätte der Mensch eine vergleichbare Sprungkraft wie der Floh, könnte er aus dem Stand über den Berliner Fernsehturm hüpfen.
    • Stechginster enthält leicht brennbare Öle. Das klingt nach einem Problem, wenn denn mal ein Feuer ausbricht. Aber genau dieses Öl sichert der Pflanze im Notfall das Überleben. Brandstiftung mit System!
    • Rabenkrähen „(…) verfügen über etwa dieselben geistigen Fähigkeiten wie ein Mensch. Da allerdings menschliche Aktivitäten neuerdings zu neunzig Prozent darin bestehen, Essen zu fotografieren, um die Fotos ins Internet hochzuladen, ist dieses Kompliment vielleicht gar nicht so groß.“ (Seite 59)

    So erfahren wir Seite für Seite Interessantes und auch mal Nebensächliches über Ackerwinde, Blitz und Knollenblätterpilz, über Ameise, Mensch und Zecke und vieles andere mehr.


    Wenn jedes Tierporträt eine Seite Text und eine ganzseitige Illustration umfasst, kann das Wissen nicht allzu sehr in die Tiefe gehen. Die Beiträge sind kurz, wissenschaftlich inspiriert, mit einem Augenzwinkern geschrieben und unterhaltsam.


    Zauberhafte Illustrationen

    Katie Ponders Illustrationen sind eher künstlerisch als wissenschaftlich exakt – und sie sind wunderschön. Hat jemals ein Mensch Kleidermotten und Quallen, Wattwurm oder Bremse zauberhafter in Szene gesetzt als sie? Ich kann es mir nicht vorstellen! www.katieponderillustration.com


    Was ich mir hingegen sehr gut vorstellen kann: Wie die Übersetzerin bei manchen Texten geschwitzt hat. Wenn sich der Beitrag an einem umgangssprachlichen Begriff aufhängt, der im Deutschen in diesem Zusammenhang nicht gebräuchlich ist, wie z.B. hier beim Siebenschläfer, muss man sich schon sehr winden, damit das in der Übersetzung noch einen Sinn ergibt.


    Wie gesagt: Der Erkenntnisgewinn aus dieser Lektüre ist vorhanden aber er ist nicht gigantisch. Der Unterhaltungswert ist deutlich höher, und die Illustrationen sind überaus ansprechend. Tier- und Naturfreunden mit Hang zum Skurrilen ist WILD & WISE durchaus zu empfehlen.


    Der Autor

    Dixe Wills ist Autor, Reiseschriftsteller und Radiomoderator. Er schreibt unter anderem für den Guardian, den Observer, Countryfile und LandScape und hat regelmäßige Sendungen auf BBC Radio. Er hat bereits die Bestseller Tiny Island, Tiny Stations und Tiny Histories verfasst. Er lebt und arbeitet in London.

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    Bettina Ickelsheimer-Förster (Hrsg.): Magischer Tigerwald . Kurzgeschichten, (8 – 10 Jahre) Shaddodex Verlag der Schatten, ISBN: 978-3-946381-61-7, 264 Seiten mit zahlreichen Abbildungen in Farbe und s/w. Format: 13,8 x 1,7 x 21,3 cm, Buch: EUR 15,00, Kindle: EUR 7,00.


    13 Autorinnen haben Kurzgeschichten für diese liebevoll gestaltete Anthologie beigesteuert. Die Held*innen der Geschichten sind ausnahmslos die Tiere des Raubtier- und Exotenasyls Ansbach. Menschen haben hier nur Statistenrollen.


    Ich gehe davon aus, dass die Herausgeberin den Autorinnen einen Leitfaden an die Hand gegeben hat, damit die Geschichten auch zusammenpassen und einander nicht widersprechen. Sobald mehrere Verfasser*innen in ein und derselben phantastischen Welt unterwegs sind, ist das unabdingbar. Und das hat auch recht gut geklappt.


    Nächtliche Abenteuer im Tigerwald

    Darum geht’s: Tagsüber sind die Tiger, Pumas, Luchse, Füchse, Frettchen und Affen ganz „normale“ Wildtiere, die aus schlechter Haltung gerettet wurden und nun im Raubtierasyl Ansbach betreut und versorgt werden. Doch wenn die Besucher gegangen sind, entfaltet die Magie ihre Kraft. Die Tiere können ihre Gehege verlassen und im angrenzenden „Magischen Tigerwald“ Abenteuer erleben. Zum Frühstück sind sie dann wieder zurück, als wäre nie etwas gewesen.


    Damit sich bei diesen Exkursionen niemand aufführt wie die Axt im Walde und damit die Menschen dem Wald fernbleiben, gibt es den „Waldwächter“. Den muss man sich wie einen vielfarbig glitzernden Tannenbaum vorstellen, der mit den Tieren kommunizieren kann und notfalls auch mobil ist.


    „Anmoderiert“ werden die 13 Geschichten jeweils von dem Luchspärchen Anubis und Rokko. Diese beiden tierischen Conférenciers kennen einander so gut, dass sie sich in ihren kurzen Dialogen hervorragend gegenseitig auf die Schippe nehmen können. Dabei geraten sie einander auch mal in die getupfte Wolle.


    Überall lauern Gefahren

    Gleich in der ersten Geschichte lernen wir, dass man besser nicht allein im Tigerwald unterwegs ist, weil in dieser magischen Umgebung allerhand Gefahren lauern. Daran hat Schneeaffendame Nala nicht gedacht, als sie nach einem Streit mit ihrem Partner Tayo wütend in den Wald gelaufen ist. Jetzt rückt ein Rettungsteam aus um sie heil wieder zurückzubringen. Wird diese wild zusammengewürfelte „Mannschaft“ , bestehend aus Tigerin, Polarfüchsin, Frettchen und Schneeaffe, die Vermisste finden?


    Manchmal wird der Tigerwald auch von außen bedroht und die Tiere müssen helfend eingreifen: Mal ist der Bach versiegt und die pflanzlichen und tierischen Bewohner drohen zu verdursten. Das muss doch eine Ursache haben, die man hoffentlich beseitigen kann! Mal treibt ein Schneemonster sein Unwesen, mal legen Hilfsdämonen Feuer. Um die zu bekämpfen, sind viele verschiedene Fähigkeiten vonnöten. Das funktioniert nur mit einem Team, das gut zusammenarbeitet und fest zusammenhält.


    Geister gibt’s auch im Tigerwald. Die sind auf einmal wie wild hinter dem Goldschatz eines alten Römers her, obwohl sie doch für weltliche Güter gar keine Verwendung mehr haben. Können die Tiere sie zur Vernunft bringen? — Und wenn einmal rein gar nichts Aufregendes passiert und es dem Waldwächter langweilig wird, dann amüsiert er sich damit, den Tieren verrückte Träume zu bescheren. Zwei Füchse und eine Tigerin können ein Lied davon singen!


    Ein Wiedersehen mit verstorbenen Verwandten

    Weil im Tigerwald die Naturgesetze teilweise außer Kraft gesetzt sind, kann man dort auch verstorbenen Artgenossen bzw. Mitbewohnern begegnen. Die sind im Magischen Tigerwald wieder fit und gesund wie zu ihren besten Zeiten. Kein Wunder, dass sich die jungen Tiger, die erst vor kurzem ihren Vater verloren haben, mit dem Gedanken tragen, bei ihm im Magischen Wald zu bleiben.


    Der Beitrag DER BURGHERR IM MAGISCHEN WALD fällt etwas aus dem Rahmen. Darin können die Tiere etwas, was sie in den anderen Geschichten nicht können:

    13 kreative Köpfe, 13 phantasievolle Geschichten

    Auch wenn sich das Buch über weite Strecken wie aus einem Guss liest: Kleinere Abweichungen und Widersprüche gibt’s natürlich schon. Das ist immer so, wenn verschiedene Autoren in einem gemeinsamen „Universum“ unterwegs sind. Dass die Tiere und ihre Beziehungen zueinander unterschiedlich charakterisiert worden wären, ist mir jetzt nicht aufgefallen. Aber ihre Beziehung zum Waldwächter unterscheiden sich von Geschichte zu Geschichte: Hier gehen sie im Tigerwald ein und aus und kennen den Wächter gut, da müssen sie erste eine Prüfung ablegen, damit er sie überhaupt hineinlässt, und in wieder einer anderen Story glauben sie zunächst nicht einmal an seine Existenz. Da muss man sich als Leser erst wieder in Erinnerung rufen, dass man 13 verschiedene Interpretationen einer Vorgabenliste vor sich hat, weil 13 verschiedene kreative Köpfe hinter den Beiträgen stecken. Jeder Beitrag für sich ist phantasievoll, spannend und berührend.


    Ich habe das Buch gar nicht als Kinderbuch gelesen. Mir ist erst durch die Altersangabe im Internet bewusst geworden, dass es als solches konzipiert ist. Ja, das passt. Für Kinder sind das Märchen der etwas anderen Art, die offenbar auch Erwachsenen gefallen.


    Der Verkaufserlös geht ans Raubtierasyl

    Der Erlös aus dem Verkauf dieses Buchs geht direkt an das Raubtier- und Exotenasyl Ansbach. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der sich über Spenden Unterstützer und Veranstaltungen finanziert. DER SPIEGEL hat 2017 über die eindrucksvolle Arbeit der Ansbacher berichtet. Großkatzen kann man nicht einfach so vermitteln wie Hauskatzen, und so bleiben die Tiere lebenslang im Raubtier- und Exotenasyl. Die Kosten für Futter, Tierarzt, Strom etc. sind beachtlich. Da ist finanzielle Unterstützung natürlich immer willkommen, auch die aus dem Verkaufserlös dieses Buchs. Wer mehr über die Einrichtung wissen möchte: http://www.raubtierasyl.org


    Die Autorinnen

    Monika Grasl, P. C. Thomas, Heike Westendorf, Albertine Gaul, Rega Kerner, Eva von Kalm, Sarah Drews, Margo Wendt, Stefanie Guckes, Eve Grass, Julia A. Jorges, Patricia Rieger, Nora Olsen.

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    Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee, Bielefeld 2019, Pendragon Verlag, ISBN 978-3 86532 656 0, Klappenbroschur, 397 Seiten, Format: 13,4 x 3,8 x 20,5 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 15,99.


    Berlin in den 1920er-Jahren: Auch nachdem Kommissar Ariel Spiro den Mordfall Fromm/Gavorni aufgeklärt hat (Kerstin Ehmer: DER WEISSE AFFE), ist er bei den Kollegen immer noch der unbeliebte Neue aus der Provinz. Er, der Kaufmannssohn aus Wittenberge an der Elbe, ist nach wie vor fasziniert von Berlin, aber nicht mehr ganz sicher, ob er hier noch länger bleiben sollte. Seit seiner Trennung von der Bankierstochter und Medizinstudentin Nike Fromm ist das alles nicht mehr ganz so toll.


    Die zwei haben ein nicht alltägliches Problem: Spiro hat Nike bei seinem letzten Fall aus ermittlungstaktischen Gründen in dem Glauben gelassen, er sei Jude. Er ist aber lediglich jüdischer Abstammung, wurde nicht im Glauben erzogen und ist auch kein Mitglied der Gemeinde. Und mit dieser Unschärfe hat das Fräulein Fromm Schwierigkeiten, obwohl ich bei ihr keinerlei Anzeichen von Religiosität erkennen kann. Wie auch immer: Sie fühlt sich belogen und hat sich von Ariel Spiro getrennt.


    Vermisst: Der neue Freund der Ex

    Jetzt ist Nike Fromm mit dem Werkzeugmacher Anton Kraftschick liiert, einem Anarchisten, der sich, genau wie sie, in seiner freien Zeit um die Ärmsten der Armen kümmert. Er bringt russischen Emigranten Lebensmittel und sorgt dafür, dass mittellose Kranke medizinisch versorgt werden … z.B. von der Medizinstudentin Nike Fromm. So haben sich die beiden kennengelernt. Ganz ehrlich ist sie aber nicht zu ihm. Wenn sie ins Armenviertel geht, trägt sie die Kleider ihres Dienstmädchens. Anton weiß weder, wo Nike wohnt, noch wie vermögend ihre Familie wirklich ist. Das ist jetzt auch nicht viel ehrenvoller als das, was Spiro mit ihr gemacht hat …


    Eines Tages ist ihr sonst so zuverlässiger Anton verschwunden. Seine Mutter und sein Stiefvater machen sich Sorgen, trauen sich aber nicht, zur Polizei zu gehen. Lieber suchen sie den Sohn selbst. Nike hat da keine Hemmungen. Sie bittet ihren Ex, Ariel Spiro, um Hilfe. Der hat aber gerade ganz andere Sorgen. Zwei „Reiseleichen“ bereiten ihm Kopfzerbrechen: zwei junge Männer, die niemand zu kennen und zu vermissen scheint, starben durch einen ungewöhnlichen Giftcocktail. Der eine an Bord eines Dampfers, der andere in einem Bus. Es dauert lange, bis sich ein Zeuge findet, der aussagt, dass er einem der Männer schon begegnet sei – und da habe dieser russisch gesungen.


    Zwei „Reiseleichen“ geben Rätsel auf


    So gerät Kommissar Spiro mitten hinein in die politischen Wirrungen und Strömungen der russischen Gemeinde. Und er stellt erstaunt fest, dass Anton Kraftschick in diesen Kreisen kein Unbekannter ist. Hat er etwas mit den „Reiseleichen“ zu tun? Und wenn ja: als Täter oder als weiteres Opfer? Hier wissen wir Leser*innen mehr als der Ermittler. Wir kennen auch Polinas Geheimnis, das sie vor Bludau mit aller Macht zu verbergen sucht. Aber natürlich wissen wir nicht alles. Dafür hat die Autorin gesorgt. Uns wird uns erst klar, was genau passiert ist und wie das alles zusammenhängt, wenn Ariel Spiro die Puzzleteile zusammenfügt.


    Historischer Krimi oder Gesellschaftsroman?

    Ist das noch ein historischer Krimi oder schon ein Gesellschaftsroman? Es kommen so viele Themen aufs Tapet, dass der Fall mitunter in den Hintergrund rückt. Wir entdecken die Welt der Arbeiter und Emigranten, der Demi-monde und der High Society, der Nazis der Sozialdemokraten und der Anarchisten, der Ärzte und Polizisten … Und was immer wieder auftaucht, nicht nur bei der Medizinstudentin Nike Fromm sind die schrecklichen Folgen der Syphilis. Die macht keinen Standesunterschied und befällt arm und reich.


    Mit den politischen Differenzen der russischen Emigranten war ich stellenweise überfordert. Wer hat welche Überzeugungen, wer ist für oder gegen wen – und warum? Aber da kann man sich als Leser*in auch irgendwie durchmogeln …


    Faszinierende Frauengestalten

    Ein paar sehr interessante Frauengestalten gibt es in dem Buch! Da ist Nike Fromm, die sich vom oberflächlichen Partygirl zu einer ernsthaften Studentin und Wohltäterin gewandelt hat. Da sind die Lehrerin Polina Zwetkowa und die Gräfin Litwinska, die beispielhaft für das Schicksal der russischen Emigrant*innen stehen. Da ist die illusionslose Malerin/Zeichnerin Ana – und last not least Helene Kraftschick, Antons Mutter, die einfach tut, was ihrer Meinung nach getan werden muss. Außer ihr selbst und den Leser*innen weiß niemand, wie weit sie dabei zu gehen bereit ist … Das ist schon starker Tobak!


    Mit ihrer enormen Beobachtungsgabe und ihrer bildhaften Sprache führt uns Kerstin Ehmer mitten hinein in eine für uns fremde, vergangene Welt. Und nachdem am Schluss alle Handlungsstränge erfolgreich entwirrt sind, bleibt die Frage, wie es nun weitergeht mit Ariel Spiro. Mit seinen Zukunftsplänen stößt er ja in seinem Umfeld nicht unbedingt auf Gegenliebe. Bei den Leser*innen auch nicht … Aber warten wir mal ab, was Kerstin Ehmer diesbezüglich in petto hat. Ich gehe doch stark davon aus, dass noch eine Fortsetzung kommt! Gern auch mehrere.


    Die Autorin

    Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte. 2017 erschien mit »Der weiße Affe« ihr erster Kriminalroman und ihr erster Fall mit Kommissar Spiro.

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    Helmut Scharner: Mostviertler Jagd. Kriminalroman, Meßkirch 2019, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2521-9, Softcover, 346 Seiten, Format: 11,8 x 3 x 19,8 cm, Buch: EUR 13,50 (D), EUR 14,00 (A), Kindle: EUR 10,99.



    Statt Mörder jagt er Wilderer

    Zum Inhalt: Nachdem er seinen letzten Fall komplett versemmelt hat, ist Kommissar Leo Brandner seinen Posten beim BKA in Wien los. Jetzt ermittelt er in St. Pölten/Niederösterreich und muss sich mit Wilddieben herumärgern statt Mordfälle aufzuklären.


    Die Pendelei von Wien nach St. Pölten nervt ihn so sehr, dass er in Arbeitsplatznähe nach einem Haus sucht. Doch seine Frau und seine zwei Töchter machen ihm deswegen die Hölle heiß. Sie wollen um keinen Preis der Welt weg aus Wien. Was soll Brandner machen? Seit man ihn degradiert bzw. strafversetzt hat – so genau weiß ich das nicht – hat er auch daheim an Ansehen eingebüßt. Es ist ja auch peinlich, wenn ein kleiner Baumarktangestellter einen Serienmörder zur Strecke bringt und nicht die Polizei.


    Hans Meyer, dem Mann aus dem Baumarkt, hat seine Heldentat auch kein Glück gebracht. Zwar ist es ihm gelungen, seine Schwester Resi vor dem Serienmörder zu retten, aber für seine Verlobte Juliana kam jede Hilfe zu spät. Und Resi hat den Überfall nie verkraftet. Aus der hoffnungsvollen Jungschauspielerin ist ein psychisches Wrack geworden.


    Eine lange schwelende Familienfehde

    Irgendwie gibt’s da auch noch eine langjährige Familienfehde der Meyers mit den miteinander verschwägerten Fabrikantenfamilien Schuster und Chan.



    Als nicht nur Hirsche, sondern auch ein Förster und ein alter Onkel der Familie Schuster erschossen im Wald liegen, geraten Brandner und seine Kolleg*innen unter Druck. Die Spurenlage ist dürftig. Wenn sie in der Gegend alle ins Visier nehmen wollen, die etwas mit Schusswaffen zu tun haben und/oder ein Mountainbike besitzen, dann haben sie gut zu tun.


    Jennifer und Hans wollen aussteigen

    Unterdessen hat Jennifer Chan keinen Bock mehr auf die kriminellen Machenschaften ihres Vaters. Sie will aussteigen, ihren Verlobten heiraten, eine Familie gründen und ansonsten ihre Ruhe haben. Doch das lässt ihr Vater aber nicht mit sich machen. Für ihn ist seine Tochter nur eine Schachfigur in seinem Spiel. Was sie sich vom Leben erhofft und erträumt, ist ihm vollkommen egal.


    Auch Hans Meyer hofft auf ein ganz bürgerliches Glück mit einer jungen Kollegin. Für sie ist er sogar bereit, seinen tödlichen Rachefeldzug gegen die Schusters/Chans zu aufzugeben. Doch dann droht sein Traum zu zerplatzen …


    Wenn hier jeder, dem was nicht passt, wild durch die Gegend ballert, ist es ja kein Wunder, dass die Polizei sich nicht mehr auskennt!


    Ein Happy End für die geplagten Seelen?

    Die (inneren) Konflikte der Personen sind sehr nachvollziehbar geschildert – nicht nur die Zwickmühle, in der Kommissar Leo Brandner steckt -, auch die der Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben.


    Das war das Schöne an dem Krimi.


    DALLAS statt Mostviertel

    Insgesamt waren mir die kriminellen Verwicklungen aber ein bisschen zu überlebensgroß. Vor allem die Chans und ihr Handlanger gehören meiner Meinung nach eher nach DALLAS als ins Mostviertel. Für einen Regionalkrimi hatte mir dieser Roman zu viel großes Drama und Krawumm. Ich hab’s lieber etwas bodenständiger. Aber das ist nicht mehr als eine persönliche Vorliebe.


    Der Autor

    Helmut Scharner, geboren 1975 in Niederösterreich, ist derzeit als Sales Manager für den größten österreichischen Stahlkonzern tätig. Seine beruflichen und privaten Reisen führten ihn bisher in über 50 Länder. Mit seiner Familie lebt er im niederösterreichischen Mostviertel. Helmut Scharner ist Mitglied der Autorenvereinigungen »Das Syndikat« und der österreichischen Krimiautoren.

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    Simone Dorra, Ingrid Zellner: Mordshass. Remstal-Krimi, Tübingen 2019, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2190-2, Softcover, 318 Seiten, Format: 12,1 x 3 x 19 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle: 11,99.


    Man hat’s ihm schon gesagt, dem indischstämmigen Stuttgarter Surendra Sinha, der in Friedrichshafen als Kriminalkommissar arbeitet: Seine Empathie ist seine Stärke, aber wenn er nicht aufpasst, kann sie auch sein Untergang sein.


    Sieht ganz so aus, als sei es jetzt so weit. Sinha hat sich im Dienst zu einer Eigenmächtigkeit hinreißen lassen und ist beurlaubt worden. Jetzt ist er bei seinen Eltern in Waiblingen untergekrochen, was wenigstens ein Gutes hat: Er trifft dort die indische Studentin Vidya Kapoor. Diese junge Frau wird zu einem Lichtblick in seinem derzeit recht chaotischen Leben. Doch der nächste Schicksalsschlag folgt auf dem Fuße: Vidya wird Opfer eines Gewaltverbrechens.


    Ein Kommissar unter Mordverdacht

    Der Täter wird aufgrund seiner DNS schnell identifiziert: Es ist der Serienvergewaltiger Pierre Meyer, dem Sinha mal zu einer mehrjährigen Haftstrafe verholfen hat. War Vidya also kein Zufallsopfer, sondern ein Teil von Meyers Racheplan? Das wird Sinha nie erfahren, denn als er zur Erinnerung noch einmal die Wege abgeht, die mit Vidya gegangen ist, findet er den Täter – ermordet.


    In den Augen von Kriminalkommissar Malte Jacobsen (45) von der Kripo in Waiblingen kann das kein Zufall sein. Für ihn ist der smarte Kollege aus Friedrichshafen der Hauptverdächtige. Und je deutlicher wird, dass seine Kollegin Melanie Brendel (35) anderer Meinung ist, desto mehr schießt er sich auf Sinha ein. Und das nicht nur aus beruflicher Eitelkeit: Ein Schuss Eifersucht ist auch mit dabei.



    Ermittlungen in eigener Sache

    Durch einen Unfall – ja, die Tücken der schwäbischen Kehrwoche! – ist Jacobsen erst einmal außer Gefecht gesetzt und dann zum Innendienst verdonnert. Hilflos muss er zusehen, wie Melanie sich mit dem illegal in eigener Sache ermittelnden Kommissar Sinha zusammentut und Pierre Meyers Vergangenheit durchleuchtet. Nicht nur Sinha hätte Grund gehabt, sich an Meyer zu rächen, auch seine früheren Vergewaltigungsopfer und deren Angehörige, deren Leben nachhaltig zerstört worden ist, kommen in Frage. Die beiden Polizisten klappern alle ab, deren sie habhaft werden können. Aber kennen sie überhaupt alle Opfer?

    Malte Jacobsen verfolgt, zunächst halbherzig, eine ganz andere Spur …


    Gefährliche Alleingänge


    Dass sie sich mit ihren kleinlichen Streitereien keinen Gefallen getan haben, bekommen die beiden Ermittler bald schmerzhaft zu spüren.



    Die Sache mit der professionellen Distanz

    Malte Jacobsen kommt recht sympathisch rüber, solange für ihn nichts auf dem Spiel steht. Im Umgang mit seiner Schwester und deren Familie ist er ein ganz normaler Kerl, den das Leben ein bisschen zerzaust hat. Liebenswert und fürsorglich ist er, wenn es um seinen Ziehsohn Lukas von Weyen geht, der ihm in seinem ersten Waiblinger Fall „zugelaufen“ ist. Aber sobald jemand oder etwas seinem Ziel im Weg steht, wird er offenbar zur rasenden Wildsau, die blindwütig alles niederwalzt. Das ist ziemlich beängstigend und es hat nicht den Anschein, als könne er dieses Verhalten kontrollieren. Ich weiß nicht, welche Schwachstelle gefährlicher ist: Malte Jacobsens verbissene Sturheit oder Surendra Sinhas übermäßiges Einfühlungsvermögen. Die professionelle Distanz verlieren dadurch beide.


    Berührend sind in diesem Krimi die Schicksale der Gewaltopfer. Im Zuge der Ermittlungen kommt ans Licht, welche verheerenden Folgen die Taten des Pierre Meyer auf die vergewaltigten Frauen und auf ihr gesamtes persönliches Umfeld hatten.


    Spannend, nachvollziehbar und tragisch

    Am Schluss gibt’s rund um die Familie M. doch ziemlich viele Zufälle. So klein, dass jeder jedem über den Weg läuft, ist Waiblingen nicht. Aber die Geschichte ist spannend, nachvollziehbar – und tragisch.


    Sollten die Kommissare aus Friedrichshafen und Waiblingen wieder ermitteln, egal ob getrennt oder in einem Crossover-Team, bin ich auf jeden Fall wieder dabei. Ich hoffe, dass Malte Jacobsen bis dahin von seinem Egotrip wieder runter ist und dass das Schicksal in Gestalt des Autorinnenteams dem Kommissar Sinha nicht wieder so übel mitspielt! Nur gut, dass seine super-emotionale Mutter nicht alles mitgekriegt hat!


    Und wer passt eigentlich in Friedrichshafen künftig auf die Katze auf, wenn ihr Dosenöffner dauernd unterwegs ist?


    Die Autorinnen

    Simone Dorra erblickte 1963 in Wuppertal das Licht der Welt und ist seit 1983 in Baden-Württemberg zu Hause. Die gelernte Buchhändlerin arbeitete zunächst in einem Stuttgarter Verlag und gestaltete dann als Sprecherin und Journalistin Radioprogramme für den Privatrundfunk. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Welzheim, wo sie heute als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung arbeitet.


    Ingrid Zellner wurde 1962 in Dachau geboren. Nach ihrem Theaterwissenschafts-,Literatur- und Geschichtsstudium in München war sie am Stadttheater Hildesheim und zwölf Jahre an der Bayerischen Staatsoper München Dramaturgin. Heute lebt sie als Übersetzerin (Schwedisch) und Schriftstellerin, Regisseurin und Theaterschauspielerin wieder in Dachau. Sie hat bereits Romane, ein Kinderbuch, Kurzgeschichten und Theaterstücke veröffentlicht. www.ingrid-zellner.de

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    Marianne Kaindl: Leserkatzen – Krimi-Helden. Vier Kurzkrimis, Stetten bei Meersburg 2018, ABB-Verlag, ISBN 978-3-945664-03-2, Softcover, 82 Seiten mit 24 s/w-Fotos, Format: 14,9 x 1,2 x 20,8 cm, EUR 8,50.


    Dass Marianne Kaindl Gastkatzen in ihren Coco-Katzenkrimis auftreten lässt – die Tiere ausgewählter Leser*innen – ist nichts Neues. Schließlich arbeitet die Autorin nicht ausschließlich im stillen Kämmerlein, sondern ist in regem Austausch mit ihrer Zielgruppe. Von da an war der Weg nicht weit bis zu der Idee, die eine oder andere Leser*innenkatze auch mal zur Hauptfigur eines der Kurzkrimis zu machen.


    Zur Durchführung dieses Projekts gab es virtuelles Katzen-Casting. Man konnte sich mit Texten, Fotos und Videos über seine Katze bei der Autorin bewerben. Nachdem die Jury ihre Wahl getroffen hatte, wurden den ausgewählten Tieren jeweils ein Kriminalfall auf den Leib geschrieben. Das muss ein Heidenaufwand gewesen sein, der sich aber gelohnt hat. Auf diese Weise sind vier sehr unterschiedliche Kurzkrimis entstanden, die auch brisante aktuelle Themen aufgreifen.


    1. KOPFSCHLAG

    Paulinchen und Bubu absolvieren in der Coco-Akademie in Überlingen eine Ausbildung zur Krimi-Katze. Paulinchens Praktikumsarbeit ist inhaltlich nicht ganz so optimal für die traumatisierte Tigerkätzin, aber man muss die Leichen nehmen, wie sie fallen. Eine Frau ist durch einen Schlag auf den Kopf getötet worden – ein Schicksal, dem Paulinchen als Kätzchen nur mit knapper Not entgangen ist.


    Die Polizei macht es sich einfach und verdächtigt den jungen Mann, der die Tote gefunden hat. Der ist aber aus Sicht der Katzen ganz unschuldig ins Visier der Ermittler geraten.


    Paulinchen stellt sich der Herausforderung. Zusammen mit Katze Coco und ihrem schüchternen Kommilitonen Bubu macht sie sich auf zum Tatort. Dort wird sie in mehr als einer Hinsicht mit ihrer Vergangenheit konfrontiert …


    2. VER-RÜCKT

    Rusty, der samtpfotige Psychologe, macht sich Sorgen um seine Patientin Luna Althoff. Seit sie verheiratet ist, ist aus der vormals fröhlichen jungen Frau ein konfuses Wrack geworden. Mal äußert sie Suizidabsichten, mal spricht sie davon, dass jemand sie ermorden will. „Psychologie und Feingefühl reichen da nicht aus, da muss zusätzlich kriminalistischer Spürsinn her“, meint Rusty (Seite 34) und bittet Kater Neelix von den Krimi-Katzen um Unterstützung.


    Heimlich besuchen die beiden die verwirrte Frau, die früher so gerne in der Natur war und heute nur noch im abgedunkelten Zimmer sitzt und denkt, sie müsse ihrem Ehemann dankbar sein, dass er sie nicht in eine Klinik einweisen lässt. Kater Neelix hat allerdings eine ganz andere Vermutung.


    Aus sicherer Entfernung heraus beobachten die beiden Kater das Paar und es wird immer deutlicher, dass hier etwas mächtig faul ist …!


    3. DER TEMPEL DER HATSCHEPSUT

    Sogar aus dem Ausland reisen Student*innen an, um sich am Bodensee zur Krimikatze ausbilden zu lassen. Die weiteste Anreise hatte sicher Lucky aus Luxor/Ägypten. Doch so interessant die Ausbildung auch ist und so sympathisch die Dozenten und Kommilitonen – jetzt hat Lucky Heimweh und beschließt, vorzeitig abzureisen.


    Da trifft es sich gut, dass Vanessa aus der Schweiz – eine Cousine von Cocos Frauchen Rebekka - gerade zu einem Ägypten-Urlaub aufbrechen will und sich als Flugpatin anbietet. Vanessa hat selbst Katzen und erklärt sich gerne bereit, Lucky gleich nach der Landung bei ihren Menschen in Luxor abzuliefern. Doch bald wird Lucky klar: Mit Vanessa stimmt was nicht …


    4. KINDERSCHÄNDER

    Die große Abschlussfeier für die Absolventen der Coco-Akademie für Krimikatzen steht an. Die Katzen reisen aus allen Himmelsrichtungen an. Menschliche Gäste gibt’s auch. Sogar die nervige Nachbarin ist eingeladen. :-) Alle sind in Partystimmung.


    Ob das Wohnmobil, das jetzt am nahen Waldrand parkt, noch weitere Partygäste bringt? Coco beobachtet das Fahrzeug neugierig. Zum Glück! Denn so bekommt sie mit, wie ein verzweifelter kleiner Junge aus dem Fahrzeug flüchtet und von einem wütend brüllenden Mann mit einem Prügel verfolgt wird.


    Rund ein Dutzend Tiere macht sich auf, um dem Jungen zu helfen, doch der hat vor hilfsbereiten Vierbeinern mehr Angst als vor prügelnden Zweibeinern. Jetzt ist guter Rat teuer …


    Spannend, unterhaltsam, aktuell

    Man muss Marianne Kaindls COCO-KATZENKRIMIS nicht kennen, um LESERKATZEN-KATZENKRIMIS folgen zu können, aber Kenner*innen der Reihe können sich wahrscheinlich ein bisschen schneller orientieren als Seiteneinsteiger.


    Es sind durchaus aktuelle und unbequeme Themen, die hier angesprochen werden. Gemütliche „Häkelkrimis“ sind das nicht! Die Coco-Katzenkrimis kann man bedenkenlos Kindern in die Hand drücken. Bei diesem Band wäre ich damit vorsichtig, obwohl es sich um dasselbe Ermittlerpersonal handelt.


    Meine Lieblingsstory in dem Band ist VER-RÜCKT. Auch wenn erfahrene Krimikonsument*innen recht bald ahnen, worin Lunas Problem besteht, ist es einfach zu schön, einen großen, fiesen Plan krachend scheitern zu sehen – und das an einer Kleinigkeit. Das nennt man Schadenfreude. Und wer von uns ist davon schon frei?


    Die Autorin

    Marianne Kaindl studierte Germanistik, Philosophie und Buchwesen und ergänzte dies durch eine profunde Ausbildung zur Multimedia-Autorin und -Projektleiterin. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in Zeitschriften, außerdem zwei Bücher als Ghostwriterin. 1991 machte sie Schreiben zu ihrem Hauptberuf und ergänzte es durchs Fotografieren, Designen und die Erstellung von elektronischen Medien. Seit 2001 ist sie selbstständig mit ihrer eigenen Agentur. Website der Coco-KatzenKrimis: http://www.katzen-krimi.de

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    Jochen Stadler: Guter Hund, böser Hund. Wegweiser für Rudelführer, Salzburg/München 2019, Ecowin bei Benevento Publishing, ISBN: 978-3-7110-0240-2, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 223 Seiten, Format: 14,9 x 2,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 15,99.


    „Die Dachorganisation hat [den britischen Tierärzt*innen] diese Aggressionsleiter zur Verfügung gestellt, an der sie sich orientieren können, die aber für jeden brauchbar ist, der mit Hunden in Kontakt kommt. (…) Denn anhand dieser Signale auf der „Eskalationsleiter“ zeigt ein Hund mehrfach, wenn ihm etwas unangenehm ist und ihn beängstigt. Erst wenn der Mensch dieses Signale ignoriert oder nicht erkennt, beißt er irgendwann.“ (Seite 57/58)


    Ich sage immer, ich bin kein Hundemensch, weil ich kein „Hundisch“ verstehe. Ich kann die Signale der Hunde nicht deuten. Die erschreckende Erkenntnis, nachdem ich dieses Buch gelesen habe: Das geht vielen Menschen so. Auch solchen, die selbst Hunde halten und/oder engen Kontakt mit ihnen haben. So entstehen Missverständnisse, und aus dem eben noch „lieben“ Hund wird in den Augen der Menschen ein „böser“, weil er angeblich ohne Vorwarnung nach einem Menschen geschnappt hat.


    Hunde senden Warnsignale

    Genau das aber, sagt der Autor, tun Hunde nicht. Sie senden sehr wohl Warnsignale. Nur muss man die eben verstehen und entsprechend reagieren, um nicht gebissen zu werden. Nicht „Kampfhunde“ sind das Problem – die gibt es ebenso wenig wie „Zuschnellfahr-Autos“ -, sondern in den allermeisten Fällen die Menschen.


    Rasse-Listen bringen nichts. In Ländern wie Dänemark, in denen man Listenhunde rigoros getötet hat, sieht sie Beiss-Statistik auch nicht besser aus als anderswo. Diese Maßnahmen hält der Autor lediglich für ein politisches „Feigenblatt“. Mit dem Verbot der Haltung von bullig-stämmigen Hunde beruhigt man nur die Wählerschaft. Das Grundproblem, dass der Mensch den Hund nicht versteht, ist damit nicht beseitigt.


    Diese Ahnungslosigkeit ist vor allem für Kinder gefährlich, die mit dem Hund ja quasi auf Augenhöhe und damit noch verletzlicher sind als ein Erwachsener. Dazu kommt, dass manche Hunde kleine Kinder nicht als Menschen wahrnehmen können. Was auf allen Vieren wegkrabbelt, ist Spielzeug oder Beute. Das sollte man wissen.


    Grundlegendes über die Körpersprache

    Wir erfahren Grundlegendes über die Körpersprache der Hunde, über ihre Beziehung zu „ihren“ Menschen, ihr Gerechtigkeitsgefühl und darüber, was es mit dem angeblich schuldbewussten Blick des Hundes auf sich hat, wenn er etwas angestellt hat.


    Auch wenn in jedem Hunde-(Erziehungs-)Buch unweigerlich erklärt wird, dass die anderen Trainer und Fernseh-Hundeflüsterer allesamt keine Ahnung von der Materie haben, scheint man sich doch in einem Punkt einig zu sein:„Will man verlässlich mit Hunden kommunizieren, sollte man sie (…) nicht volllabern, sondern ihnen mit klaren Zeichen und Körpersprache zu verstehen geben, was man von ihnen erwartet.“ (Seite 89) Das erlebt man leider oft anders …


    Kein Pardon für Dominanz-Fetischisten

    Mit all den „Dominanz-Fetischisten“ geht der Autor hart ins Gericht. Das sind diejenigen, die meinen, der Mensch müsse seinem Hund gegenüber als Alphatier auftreten. Das hält er für unangebracht.

    „Ein Anführer bei Mensch und Hund ist (…) einer, der gibt und vorangeht. Er zeigt dem andern, wo’s langgeht, und zwar mit liebevoller Konsequenz und nicht mit lächerlich künstlichem Imponiergehabe.“ (Seite 97)

    Seine bevorzugte Erziehungsmethode besteht daher aus Ruhe und Konzentration und positiver Verstärkung.


    Wie erzieht man einen Hund?

    Jochen Stadler berichtet uns Interessantes über Genetik, Epigenetik und die Sozialisierung von Welpen – und auch über Probleme, die einem reibungslosen Zusammenleben mit dem Menschen entgegenstehen können: Angst, Jagdtrieb, Territorialverhalten, kompromissloses Beschützen des Rudels sowie Krankheiten. Wie wir am besten damit umgehen, verrät er uns natürlich auch.


    Ja, und wie erzieht man jetzt am besten einen Hund?

    1. „Den Hund erschießen“ - Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint. ;-) Es geht darum, dass man konfliktträchtige Situationen vermeiden könnte. Wenn der Hund im Haus ist, kann er den Briefträger im Vorgarten nicht beißen. Aber er lernt ja nichts dadurch. Also ist diese Methode nicht so gut.
    2. Strafen – Das bringt vor allem dann nichts, wenn das missliebige Verhalten schon länger zurückliegt. Der Hund lebt in der Gegenwart, der versteht den Zusammenhang zwischen Tat und Strafe gar nicht.
    3. Ignorieren – z.B. des Bettelns bei Tisch. Da muss man aber konsequent bleiben, sonst bringt man dem Tier nur bei, dass hartnäckig lästig sein muss, um doch noch seinen Willen zu bekommen.
    4. Unterbrechen von Handlungen mit unangenehmem Reiz – Dafür gilt dasselbe wie für Punkt 3. Allenfalls bei absichtlichem Fehlverhalten ist eine gut gemeinte, angemessene Zurechtweisung sinnvoll.
    5. Unvereinbare, alternative Handlung antrainieren – Wenn der Hund bei Fuß geht, kann er nicht vor ein Auto springen oder Passanten anpöbeln.
    6. Unter Signalkontrolle bringen – Ein Beispiel: „Wenn man Hunden, die ständig kläffen, z.B. beibringt, auf Kommando zu bellen, werden sie es sonst weniger tun.“  (Seite 174)
    7. Abwesenheit fördern – das heißt, belohnen, wenn ein unerwünschtes Verhalten unterbleibt, also z.B. dann, wenn der Hund zu kläffen aufgehört hat und gerade ruhig ist.
    8. Motivation ändern –Beispiel: „Einen unausgelasteten, hibbeligen und dadurch nervigen Hund kann man schimpfen, wegsperren, ihm mühsam künstliche Ruhe antrainieren – oder ihn durch Hundesport, Spaziergänge, Joggen und Kopftraining auslasten.“ (Seite 178)

    Wie man das alles macht und was die Vor- und Nachteile, Risiken und Nebenwirkungen der einzelnen Methoden sind, erklärt uns der Autor ebenfalls. Und er hat natürlich noch mehr praktische Tipps für uns auf Lager als nur diese 8.


    Für den Hunde-Führschein!

    Seinen Wunsch nach Menschenschule und Hunde-Führschein kann ich sehr gut nachvollziehen. „Man darf ja auch nicht mit einem Auto durch die Gegend kurven, ohne nachweisen zu können, dass man weiß, wie das geht.“ (Seite 214.) Ich wäre dafür.


    Wer sich über ungewohnte Vokabeln und Redewendungen wundert: Autor und Verlag sind in Österreich ansässig und die Schriftsprache ist nun mal in Nuancen anders als das Binnendeutsche. Der Autor nimmt auch kein Blatt vor den Mund und so findet der eine oder andere Ausdruck Eingang in den Text, den ich in einem Sachbuch nie vermutet hätte. („Nudel***“!) Schön sprechen, Herr Stadler! ;-)


    Wie bei den meisten (Erziehungs-)-Ratgebern leuchtet alles ein, was ein kompetenter Fachmann wie Jochen Stadler schreibt … bis ein anderer Experte daherkommt und ebenso plausibel das genaue Gegenteil verkündet. Egal, ob es sich um Kinder oder Tiere handelt, Erziehung scheint eine quasi-religiöse Angelegenheit zu sein: Glaubenssache.


    Der Autor

    Jochen Stadler ist Biologe und schreibt als Wissenschaftsjournalist für die Austria Presse Agentur, die Wochenzeitschrift profil und heureka! Er arbeitete bei der Österreichischen Hundewasserrettung mit Hunden unterschiedlichster Rassen und bildet seine Flat-Coated-Retriever-Hündin Kleo zum Rettungshund zu Wasser und zu Lande aus.

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    Rita Falk: Guglhupfgeschwader: Ein Provinzkrimi. Der zehnte Fall für Franz Eberhofer, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3 423-26231-6, Klappenbroschur, 317 Seiten (Krimi, Rezepte, Glossar), Format: 13,5 x 3,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 15,90 (D), EUR 14,40 (A), Kindle: EUR 12,90. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Das war eine ganz herrliche Dings. (…) Da hättens dabei sein müssen, Eberhofer- Warum sinds denn nicht da gewesen?“, fragt mich der Bürgermeister, und ja, er riecht nach Alkohol.
    „Weil ich der Meinung bin, es sollte wenigstens einer zur Arbeit gehen in diesem depperten Kaff“, antworte ich und steige in den Wagen.
    (Seite 185)


    Franz hat Jubiläum …

    Zum zehnjährigen Jubiläum bei der Polizei in Niederkaltenkirchen will der Bürgermeister dem Eberhofer Franz eine Feier ausrichten. Der hat aber gar keinen Bock auf so ein Trara. dass der Kreisverkehr zwischen Frontenhausen und Niederkaltenkirchen künftig „Eberhofer-Kreisel“ heißen soll, in Anerkennung seiner Verdienste, das gefällt ihm schon besser. (Kenner der Eberhofer-Filme wissen genau, welcher Kreisel gemeint ist!) Doch das wiederum stinkt dem Bürgermeister. Er findet, diese Ehrung hätte ihm zugestanden.


    Dem Birkenberger Rudi, Eberhofers Privatdetektiv-Spezl, passt beides nicht. Er macht immer mindestens die halbe Arbeit und der Franz streicht die Belohnung dafür ein. Und jetzt gibt der Rudi mal wieder die 1A beleidigte Leberwurst. :-D


    … seine Freunde haben die Krise

    Auch in Franzens Freundeskreis ist die Stimmung derzeit nicht gut.



    Nur beim Eberhofer daheim ist alles wie immer: Papa kifft, Oma kocht und hört nur, was sie hören will, Bruder Leopold redet gescheiter daher als er ist und Franzens Lebensgefährtin Susi scheint sich damit abgefunden zu haben, dass sie weitgehend allein für „Aufzucht und Pflege“ des gemeinsamen Sohns Paul zuständig ist - und dass das mit dem Heiraten in diesem Leben wohl nichts mehr wird.


    Lotto-Otto hat Angst und Schulden

    Auch wenn alle Welt momentan schlecht drauf zu sein scheint: Franz hat für sowas gerade keine Zeit. Oscar Feistl, 25, genannt „Lotto-Otto“, weil er zusammen mit seiner Mutter den örtlichen Lotto-Laden betreibt, wird bei Franz vorstellig. Er hat bei den falschen Leuten Schulden gemacht, und die drohen jetzt seine Mutter umzubringen, wenn er nicht zahlt. Erst nimmt Franz die Geschichte nicht ernst – die Mafia auf dem Dorf, oder was? -, doch als er hört, wer die Finger in diesen unlauteren Kreditgeschäften drin haben soll, wird ihm doch mulmig.


    Er beschließt, Mutter und Sohn Feistl erst einmal aus der Schusslinie zu nehmen. Das gelingt nur unvollkommen. Auf einmal sind die Feistls weg und mit ihnen ein Haufen Geld. Der Lotto-Laden geht in Flammen auf und im Hinterzimmer liegt eine Leiche. Jetzt ist die Lage richtig ernst. Um nicht zu sagen, besch*ssen.


    Franz als Einzelkämpfer

    Das Dumme ist: Bis auf einen Kollegen in Landshut, der Franz in diesem Fall unterstützt, steht er mutterseelenallein da. Der Birkenberger schmollt und wird darin noch von seiner neuen Freundin Theresa bestärkt. Richter Morawetz glaubt Franz kein Wort, und den offiziellen Dienstweg kann er aus bestimmten Gründen nicht beschreiten. Schaut ganz so aus, als hätte er ein fettes Problem …


    Und privat? Seine Kumpels schleichen ja zum Teil schon auf die Fünfzig zu. Da wär’s so langsam an der Zeit, erwachsen zu werden, oder? Simmerl und Frau sind zwar noch im Krisenmodus, aber vielleicht geht ihnen doch noch ein Licht auf, was ihre Beziehung angeht. Der Flötzinger scheint schon begriffen zu haben, was die Uhr geschlagen hat und was er nun zu tun hat. Und mit etwas Glück nimmt sich der Franz Theresas Gardinenpredigt ein wenig zu Herzen. Da kann er sie noch so sehr als Esoteriktussi verunglimpfen: In der Sache hat sie recht.


    Endlich erwachsen?

    Ganz so entwicklungsresistent, wie es bislang den Anschein hatte, sind die Herren wohl doch nicht.



    Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, dass nach Band 10 Schluss sein müsste mit der Reihe. Vielleicht, weil ein paar Bände zwischendrin nicht ganz so prickelnd waren und ich dachte, das Konzept rennt sich langsam tot. Aber so, wie ich das sehe, geht’s mit dem Eberhofer, seinem Anhang und seinen Fällen munter weiter. Und der Fall hier war ja nicht schlecht. Ich hätt‘ also nicht direkt was dagegen.


    Für Kenner*innen der Reihe: Natürlich gibt’s im Anhang auch wieder Rezepte, auch den titelgebenden Guglhupf, von dem der Franz im ganzen Buch nix abkriegt. Und ein Glossar mit nicht allgemein bekannten Dialektausdrücken hat’s ebenfalls.


    Die Autorin

    Rita Falk, Jahrgang 1964, hat sich mit ihrer Provinzkrimiserie um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer in die Herzen ihrer Leser geschrieben. Von sich selber sagt die Autorin, dass sie die schönste Zeit ihres Lebens in Oberbayern verbracht hat. Dort hat sie ihre Kindheit verbracht, wuchs bei der Oma auf. Dem ihr so vertrauten Landstrich ist Rita Falk auch als Erwachsene treu geblieben. Sie lebt heute in München. Rita Falk ist mit einem Polizisten verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

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    Ulrike Renk: Zeit aus Glas. Das Schicksal einer Familie (Die große Seidenstadt-Saga, Band 2), Berlin 2019, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3499-9, Softcover, 487 Seiten, Format: 13,3 x 3,9 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D). EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Auswandern ist nicht das Problem“, sagte Walter. „Die Papiere habe ich schnell bekommen. (…)“
    „Was ist dann das Problem?“, fragte Martha verwirrt.
    „Einwandern, Martha. Raus dürfen wir schon, aber niemand will uns aufnehmen.“
    (Seite 168)


    Vorab zur Information: Die Seidenstadt-Trilogie beruht auf wahren Begebenheiten. Die Autorin konnte für diese Romanreihe unter anderem auf Ruth Meyer-Elcotts Tagebücher zurückgreifen. Für den Verlauf der Handlung und das Verhalten einzelner Menschen möge man also bitte das Leben verantwortlich machen und nicht Ulrike Renk. Sie hat sich das nicht ausgedacht. Sie erzählt uns Ruths Geschichte auf ihre bewährte Art und mit ein paar notwendigen dichterischen Freiheiten.


    Nach der Reichspogromnacht

    Krefeld, November 1938: Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten Ruth Meyer (17), ihre jüngere Schwester Ilse und ihre Freunde ganz normale Teenager-Sorgen. Da hat es auch noch keine Rolle gespielt, dass sie Juden waren. Für die Meyers selbst am wenigsten. Sie sind so religiös wie viele Christen auch: Sie pflegen ein paar Traditionen, doch darüber hinaus ist der Glaube kein großes Thema für sie. Doch seit die Nazis im Land das Sagen haben, ist ihre Religionszugehörigkeit zur tödlichen Gefahr geworden.


    Immer mehr hat man ihnen als jüdischen Mitbürger*innen Rechte und Freiheiten beschnitten. In der Reichspogromnacht zerstört der braune Mob auch noch ihr mit viel Liebe eingerichtetes Haus. Durch einen glücklichen Zufall waren Meyers nicht daheim und sind, anders als ihre Nachbarn, körperlich unversehrt geblieben. Und sie haben immerhin noch die wenigen Wertsachen, die die umsichtige Ruth rechtzeitig verstecken konnte.


    Als ich das erste Mal von Lebensgeschichte der realen Ruth Meyer-Elcott hörte, habe ich mich gefragt, warum die Siebzehnjährige alles organisieren musste und es als ihre Verantwortung ansah, das Leben ihrer gesamten Familie zu retten. Müssten sich nicht vielmehr die Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder kümmern? In diesem zweiten Band wird nun klar, warum das so ist: Der Vater ist meist abwesend und ohnehin nicht allzu praktisch veranlagt. Ohne seinen Chauffeur Hans Aretz wäre er völlig aufgeschmissen. Die Mutter ist psychisch labil, die Großeltern weltfremd und die kleine Schwester noch zu jung. Also hängt alles an Ruth.


    Von England aus könnte Ruth die Familie retten

    Das Haus der Meyers ist verloren, da macht Ruth sich nichts vor. Sie finden bei jüdischen Freunden Unterschlupf, die schon auf gepackten Koffern sitzen und in Kürze in die USA auswandern. Eine Dauerlösung ist das nicht. Da erfährt Ruth von einem Programm, das es jungen deutschen Frauen ab 18 ermöglicht, als Haushaltshilfe nach England zu gehen. Auch Jüdinnen. Sie erwägt, daran teilzunehmen, auch wenn sie dazu ihre Familie allein zurücklassen und ihre Papiere fälschen müsste. Sie ist um wenige Monate zu jung. Natürlich ängstigt sie auch die Vorstellung, sich allein in einem fremden Land durchschlagen zu müssen, aber wenn sie erst mal im Ausland wäre, könnte sie von dort aus alles daran setzen, ihre Familie nachzuholen.



    Netzwerken in höchster Not

    Als sie der Familie ihren Entschluss mitteilt, nach England zu gehen, ist das Geschrei groß. Wie kann sie es wagen, die Familie im Stich zu lassen? – Hallo? Was ist denn das für ein Doppelstandard? Der Onkel, der alleine nach Palästina aufgebrochen ist, um den Nachzug seiner Familie vorzubereiten, wird als Held gefeiert, und Ruth betrachtet man als Verräterin? Sie lässt sich trotzdem nicht beirren.


    Meine Namensvetterin in dem Roman – sie trägt meinen „bürgerlichen“ Namen - ist ebenfalls einer der hilfreichen Menschen, auch wenn sie gar nicht zur Meyer-Verwandtschaft gehört. Für Ruth ist sie zunächst nur ein wildfremdes, neugieriges Weib, das alles Mögliche wissen will. Doch wie sich herausstellt, verfügt Edith über Kontakte und Möglichkeiten, von denen ein Mädchen wie Ruth nur träumen kann.

    Aber steht es auch ihrer Macht, die Meyers aus Krefeld herauszuholen …?


    Ein Teenie als Familienoberhaupt

    Auch wenn es Phasen gibt, in denen „nur“ der beklemmende Alltag der Meyers geschildert wird, kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Das Unheil lauert stets im Hintergrund und man weiß genau, dass die Leute nun endlich in die Gänge kommen müssen, wenn sie ihr Leben retten wollen. Tun sie aber nicht! Sie verschließen die Augen vor der Realität (die Großeltern), vermasseln sich und den Kindern durch Egoismus und beleidigtes Gezicke die letzten Chancen (Tante Hedwig) oder jammern rum und kriegen rein gar nichts geregelt (Ruths Mutter Martha). Gut, wenn Martha wirklich depressiv war, konnte sie nichts für ihre Kraft- und Tatenlosigkeit. Es war trotzdem schwer zu ertragen, dass eine siebzehnjährige Schülerin in einer existenziellen Krise zum Familienoberhaupt werden und ihre Familie versorgen, bemuttern und retten muss. Ich ahne ungefähr, was das mit einem Menschen macht.


    Ich hätte wahnsinnig gerne die echte Ruth Meyer-Elcott kennengelernt! Es war bestimmt nicht immer einfach mit ihr. Ein Mensch mit so einer Lebensgeschichte lässt sich von den kleinen Wichtigtuern dieser Welt nämlich nicht mehr einschüchtern – und das mögen die gar nicht.


    Gerade weil die Geschichte wahr ist, ist sie für die Leser*innen manchmal schwer erträglich. Das ist kein leichter Stoff. Es kann auch kein Vergnügen gewesen sein, den Roman zu schreiben. Ich bin froh und dankbar, dass Ulrike Renk es trotzdem getan hat und es uns ermöglicht hat, Menschen wir Ruth und die Familie Aretz kennenzulernen.


    Die Autorin

    Ulrike Renk, geboren 1967 in Detmold, zog ein paar Jahre später mit Eltern und Bruder nach Dortmund, wo sie auch die Schule besuchte. Studienaufenthalt in den USA, Studium der Anglistik, Literaturwissenschaften und Soziologie an der RWTH Aachen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem jüngsten Sohn, zwei Alaskan Malamute, drei Hauskatzen und zwei indischen Laufenten, in Krefeld am Niederrhein und arbeitet als freie Autorin.

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    Steffi Hochfellner: Komme, was Wolle. Roman. Mit 15 Kreativ-Ideen zum Selbermachen, München 2019, Knaur Taschenbuch, ISBN 978-3-426-52374-2, Klappenbroschur, 445 Seiten mit s/w-Fotos und Illustrationen, Format: 12,3 x 3,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99.


    Ich kenne die Romane, die die Autorin unter dem Namen Steffanie Burow und Tessa White geschrieben hat, und ich kenne eines ihrer Strick- und Bastelbücher. Dies hier ist ein Mix aus beidem: Ein Roman mit DIY-Anleitungen im Anhang, anhand derer man die schönen Dinge nacharbeiten kann, die in dem Buch eine Rolle spielen. Und weil die Romanheldin sehr kreativ ist und Basteln und Handarbeiten im Buch ein wichtiges Thema sind, kommt einiges zusammen.


    Unverhofftes Erbe

    Darum geht’s in der Geschichte: An ihre Großtante Gerlinde Oberlechner kann sich die Nürnberger Physiotherapeutin Franziska Wolff, 34, kaum erinnern. Einmal, als sie noch ein Kind war, hat die Familie die Tante im ostfriesischen Westersum besucht, doch davon ist Franzi hauptsächlich das Kurzwarengeschäft im Gedächtnis geblieben, das Gerlinde im Erdgeschoss ihres Reetdachhäuschens betrieben hat. Der Kontakt zwischen den Verwandten hat sich dann verlaufen.


    Franzi ist vollkommen perplex, als die erfährt, dass die Tante ausgerechnet ihr das Haus vermacht hat. Offenbar ist Gerlinde inkognito mit ihr über Facebook befreundet gewesen und hat sie ihres Erbes für würdig befunden. Sie fackelt nicht lange. Ihr Leben in Nürnberg ist sowieso gerade in Auflösung begriffen. Die Familie ist in alle Winde zerstreut, die beste Freundin geht ins Ausland und ihre Chefin in den Ruhestand. Ohne den aktuellen Zustand der Immobilie zu kennen, nimmt Franzi das Erbe an, bricht ihre Zelte in Franken ab und zieht nach Ostfriesland. Sie möchte den Laden der Tante mit verändertem Konzept gerne weiterführen und hofft, damit bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen Erfolg zu haben.


    Das Haus ist ein Sanierungsfall


    Kampfgeist wird Franziska auch brauchen, denn eine Menge Leute am Ort wünschen sie zum Teufel und bringen dies auch deutlich zum Ausdruck. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie albern. Die einen hassen sie, weil sie Gerlindes Großnichte ist, die anderen, weil sie nicht aus der Gegend stammt, die dritten, weil sie eine Konkurrentin in ihr sehen oder weil sie ihre unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllt. Deppen gibt es also auch in Ostfriesland. Man nennt sie dort nur anders.


    Natürlich leben auch freundliche und hilfsbereite Menschen in Westersum. Privat ist sogar der attraktive Makler Sönke ganz nett, stellt Franzi fest, und beginnt einen intensiven Flirt mit ihm.


    Immer wieder Vandalismus

    Mit Unterstützung von Nachbar Jan Jessen, den Geschwistern Coordes, zwei Arbeitern aus Polen, dem Rentner-Kleeblatt und der Teenager-„Gurkentruppe“, die immer vor dem Handyladen rumlungert, setzt sie Haus, Laden und Garten wieder instand. Das Geld ist knapp, aber das Team ist kreativ und gut vernetzt. Doch immer wieder kommt es zu unerklärlichen Rückschlagen und Sabotageakten: Mal ist die Hauswand beschmiert, mal der Garten verwüstet, mal sind die Reifen von Franzis Auto zerstochen. Verdächtige gibt es jede Menge. Aber wer auf wessen Seite steht, ist nicht immer ganz klar.


    Wer legt des Nachts klammheimlich Geschenke vor Franzis Tür? Jemand aus dem gegnerischen Lager, als Entschuldigung? Und was bitte hat der Landwirt und ehemalige Seemann Onno Ehmken für ein Problem? Hasst er alle Menschen oder nur Franziska und ihre Freunde?


    Wer ist Freund und wer ist Feind?

    Doch dann hat Ehmken einen Unfall und Franzi fühlt sich verpflichtet, ihm zu helfen. Sehr viel umgänglicher wird er dadurch zwar nicht, aber die Rolle des generellen Menschenfeindes kann er nicht auf Dauer aufrechterhalten. Und auch andere zeigen mit der Zeit ihre wahren Farben ...


    Wird Franzi es trotz des massiven „Gegenwinds“ schaffen, ihr Haus zu renovieren und ihr Geschäft rechtzeitig zu Saisonbeginn zu eröffnen? Die Chancen dafür stehen denkbar schlecht ...


    Als routinierte Leserin ahnt man recht bald, wo in der Geschichte die „falschen Fuffziger“ sitzen, die nur so tun, als seien sie loyal. Aber es gibt auch Überraschungen, weil wir, genau wie die Heldin, so manchen voreiligen Schluss gezogen haben.


    KOMME, WAS WOLLE ist ein locker-leichter Wohlfühl-Roman mit einer sympathischen Protagonistin. Spontan und ziemlich naiv stürzt sie sich in ein Abenteuer, das ihr ganzes Leben umkrempelt. Angesichts der vielen Hindernisse, die sie dabei zu überwinden hat, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als über sich hinauszuwachsen.


    Roman mit Werbeunterbrechung?

    Ich frage mich, ob bei der Verknüpfung eines Romans mit Bastelanleitungen schon die optimale Form erreicht ist. Die jeweiligen Artefakte fügen sich zwar recht organisch in die Story ein, aber was mich gestört hat, waren die plakativen Hinweise auf die jeweilige Anleitung. Die sehen aus wie Post-it-Zettel und wirken mitunter so störend wie eine Werbeunterbrechung im Fernsehen. Da wacht die Heldin auf, weil der Hund knurrt. Draußen vorm Haus schleicht eine finstere Gestalt herum. Franzi schlottert vor Angst und fühlt sich bedroht. Und dann kommt – tataaa! - ein Hinweis auf eine Arbeitsanleitung für Topflappen. Am Anfang habe ich tatsächlich das Lesen unterbrochen und bis zu den Anleitungen vorgeblättert – bis ich lernte, die Hinweiszettel zu ignorieren.


    Hinweis auf die Anleitung. Abb: (c) Knaur, Foto: E. Nebel


    Die Bastelobjekte kann man auf Farbfotos im Innenteil der vorderen und rückwärtigen Buchklappe sehen. Die ausführlichen Anleitungen findet man in Wort und Bild auf den Seiten 357 bis 444. Es entgeht einem also nichts, wenn man den Roman zuerst liest und sich dann erst den Bastelanleitungen widmet.



    Fotos der Bastelarbeiten im Innenteil der Klappe. Abb: (c) Knaur, Foto: E. Nebel


    Für geübte DIY-Expert*innen ist die Umsetzung der Anleitungen sicher kein Problem. Ich habe generell Schwierigkeiten, schriftliche Arbeitsanleitungen zu verstehen, besonders, wenn ich es mit einer mir völlig fremden Technik zu tun habe. Ich muss einen Vorgang in Aktion sehen um ihn zu begreifen und bin deshalb nur bedingt dazu geeignet, über solche Arbeitsanweisungen ein qualifiziertes Urteil abzugeben.


    KOMME, WAS WOLLE habe ich als unterhaltsamen Roman gelesen, der mit den Anleitungen einen Zusatznutzen anbietet, von dem man Gebrauch machen kann – aber nicht muss.


    Die Autorin

    Steffi Hochfellner studierte in Hannover Grafik-Design und Fotografie. Anschließend arbeitete sie als Grafikerin, Art-Direktorin und Werbetexterin bei verschiedenen Agenturen, ehe sie sich vor einigen Jahren als Werbetexterin, Designerin und Konzeptionerin selbständig machte. Neben dem Schreiben von Romanen ist ihre zweite große Leidenschaft die Handarbeit, besonders Basteln und Stricken. Sie hat bereits drei erfolgreiche Bücher über das Stricken von Kuscheltieren veröffentlicht. Mit ihrem ersten Kreativ-Roman vereint sie ihre beiden Lieblingsbeschäftigungen Schreiben und Bastelarbeiten.

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    Edi Graf: Wolfsgebiet. Kriminalroman, Meßkirch 2019, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2480-9, Softcover, 410 Seiten, Format: 11,8 x 3,2 x 20 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15.50 (A), Kindle: EUR 11,99.


    Homo homini lupus – Der Mensch ist des Menschen Wolf. Das wussten schon die alten Römer.


    Der Wolf ist zurück im Schwarzwald! Naturschützer befürworten dies, Landwirte, Schäfer und ängstliche Naturen sprechen ihm die Daseinsberechtigung ab und würden ihn am liebsten abschießen. Als sieben Schafe aus der Herde von Schäfer Johann Kerner gerissen werden, spielt das den Wolfsgegnern natürlich in die Hände. Dass den Tieren höchstwahrscheinlich nichts passiert wäre, wenn nicht irgend so ein Depp sie aus dem Gehege befreit hätte, spielt bei der aufgeheizten Diskussion keine Rolle.


    Hat der Wolf ein Mädchen getötet?

    Doch es kommt noch schlimmer: Die vierzehnjährige Luisa, die nach einem Besuch im Nachbardorf zu Fuß nach Hause gegangen ist, kommt niemals dort an. Man findet sie tot im Wald – mit Fraßspuren eines Wolfs. Aber hat er sie auch getötet? Oder hat er nur die Leiche gefunden und sich bedient? Menschen gehören ja normalerweise nicht zum wölfischen Beuteschema.


    Der Anti-Wolfs-Gruppe ist das alles egal. Am liebsten würden sich die Leute zu einem Mob zusammenrotten wie die Dörfler im Frankenstein-Film und dem Tier den Garaus machen. Kleinere Splittergruppen versuchen das sogar. Doch der Lynchjustiz stehen Kriminalhauptkommissar Jens Bosch aus Calw entgegen, genau wie der Wildbiologe Martin Jaschke, der Förster Heinz Werkmann und die Tübinger Journalistin Linda Roloff, die im Verlauf der Geschichte sogar ihren Freund, den afrikanischen Safariführer Alan Scott zur Unterstützung einfliegen lässt. In Sachen Spurensuche ist er sowohl dem Förster als auch dem Biologen haushoch überlegen.


    Die Pro-Wolfs-Liga hat einen schweren Stand. Diejenigen, die für eine vorurteilsfreie Ermittlung sind, ebenfalls. Nicht zuletzt deshalb, weil der Rundfunkjournalist Heiko Büsgens aus höchst eigennützigen Gründen öffentlich Stimmung gegen Wölfe macht.


    Wolfshysterie und eine Mordermittlung

    Doch bei aller Wolfshysterie muss man auch der Frage nachgehen, ob Luisa nicht vielleicht verunglückt ist oder ermordet wurde, ehe der Wolf sie fand. Die Familienverhältnisse, aus denen der Teenager stammt, sind mit „desolat“ nur unzureichend beschrieben.



    Natürlich würde die Polizei jetzt liebend gerne mit Luisas leiblichem Vater reden. Doch Harald Haag ist spurlos verschwunden. Angst? Ein Schuldeingeständnis? Oder ist er ein weiteres Opfer, von wem oder was auch immer?


    Die Wolfsgegner: brutal und verbissen

    So brutal und verbissen, wie die Anti-Wolfs-Fraktion ihre Interessen vertritt, kann es für sie nicht nur um Sicherheit, Rechthaberei oder eine illegale Jagdtrophäe gehen. Für den einen oder anderen steht offenbar viel mehr auf dem Spiel.


    Oh ja, spannend ist das! Deprimierend auch, denn am Schluss hat keiner der Beteiligten durch seine Aktionen etwas gewonnen. Im Gegenteil: Alle haben Wertvolles verloren: das Leben, die Freiheit, die Hoffnung, einen geliebten Menschen … Nur Mutter Natur zeigt den eifernden Menschlein ganz ungerührt den Stinkefinger.


    Band 6 einer Buchreihe

    Offensichtlich bin ich da mitten in eine lange laufende Buchreihe hineingeraten. Das ist schon der sechste Band. Deshalb brauchte ich eine Weile – und ein paar erklärende Rückblicke – um die Personen, ihre Vorgeschichte und ihre Beziehungen zueinander einordnen zu können.


    Wer die Hauptfigur in dieser Geschichte ist, könnte ich nicht einmal sagen. Kommissar Bosch? Die Journalistin Roloff? Der Wolf? Die Story weist eine Menge Personen auf und der Hauptader der Handlung hat viele Seitenarme, von denen manche unterwegs irgendwie versickern. Als Leserin komme ich mir da veralbert vor. Erst wird eine tierische Spannung aufgebaut und man wähnt die eine oder andere Person in tödlicher Gefahr – und nachdem man –zig Seiten lang gar nichts mehr über ihr Schicksal erfahren hat, löst sich der Sachverhalt auf einmal in zwei Sätzen in Wohlgefallen auf. Ärgerlich!


    Gemeine Irreführung

    Und warum genau habe ich mir jetzt die Lebensgeschichte einer allein stehenden alten Bäuerin gemerkt? Sie taucht nach der einen Szene nie wieder auf! Bei Schneeschuhwanderer Michael Günthner war ich dann schlauer: Hat er einen der Vermissten gefunden? Sachdienliche Hinweise? Den Wolf? Nein? Okay, irrelevant, weiterblättern. Und genau der Kerl wird nachher noch wichtig! Wie war das in der Äsop-Fabel mit dem Mann, der „Wolf“ rief …?


    Ein bisschen Irreführung der Krimileser*innen gehört zum Geschäft. Aber solche gemeinen Ablenkungsmanöver mag ich nicht. Wenn sämtliche Ermittler einer falschen Spur folgen, fein. Aber dem Leser Nebenhandlungen unterzujubeln, die gar nichts mit dem Verlauf der Geschichte zu tun haben, das ist fies.


    Jetzt weiß ich ja, dass der Autor so arbeitet und wäre für einen weiteren Band gerüstet. Die Naturbeschreibungen sind nämlich klasse, die Spannung stimmt und die Personen kommen auch recht realistisch daher. Da kann ich über Gemeinheiten aus der Autorentrickkiste auch mal hinwegsehen.


    Der Autor

    Edi Graf, Jahrgang 1962, studierte Literaturwissenschaft in Tübingen und arbeitet als Moderator und Redakteur bei einem Sender der ARD. Zuhause ist er in Rottenburg am Neckar. Seit über 30 Jahren bereist der Autor den afrikanischen Kontinent und lässt neben seinen Protagonisten, der Journalistin Linda Roloff und ihrer Fernliebschaft, dem Safariführer Alan Scott, die gemeinsam zwischen Schwarzwald und Afrika ermitteln, auch Tierwelt und Natur tragende Rollen zukommen.