Beiträge von Vandam

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Adam Hart-Davis: Pawlows Hund. Und 49 andere Experimente, die die Psychologie revolutionierten, OT: Pavlov's Dog And 49 Other Experiments That Revolutionised Psychology, München 2019, aus dem Englischen von Claire Roth, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-335-1, Softcover, 176 Seiten mit farbigen Illustrationen von Jason Anscomb, Format: 15,1 x 2,2 x 20,8 cm, EUR 15,00.


    Seit Jahrtausenden beschäftigen sich die Menschen mit ihrer „Innenwelt“. Aber woher weiß man eigentlich, was in unserer Psyche vor sich geht? Das ist ja nichts Messbares wie Länge, Masse oder Stromstärke! – Nun, es gab Beobachtungen, daraus abgeleitete Theorien und Experimente, die diese bestätigten – oder eben nicht.


    So richtig losgegangen ist das alles mit Charles Darwin und seinen Studien zum Verhalten der Tiere. Danach fragte man sich, inwieweit diese Erkenntnisse auf den Homo sapiens übertragbar sind. So entwickelte sich aus der Untersuchung der Lernfähigkeit von Tieren (Edward Thorndike, 1889) und der Konditionierung von Reflexreaktionen (Iwan Pawlow, 1901) die Forschung zu Wahrnehmung, Verhalten und Denken des Menschen.


    Experimente verständlich erklärt

    In chronologischer Reihenfolge schildert uns der Autor die seiner Ansicht nach wichtigsten Experimente von 1881 bis ins Jahr 2007. „Mir lag daran, jedes Experiment in schlichter, verständlicher Sprache darzustellen und Fachjargon weitgehend zu vermeiden“, schreibt er. (Seite 173). „Auf Statistik habe ich bewusst verzichtet, weise jedoch auf maßgebliche Erkenntnisse hin.“


    Das titelgebende Experiment des russischen Physiologen Pawlow – ein Spezialist für Verdauung – ist wohl eines der bekanntesten: Ehe er die Versuchshunde fütterte, ließ er ein Metronom ticken. Mit der Zeit fingen die Tiere an zu sabbern, wenn sich nur das Geräusch hörten, obwohl gar kein Futter in Sicht war: Sie haben einen neutralen Reiz – das Ticken – mit Nahrungsaufnahme verknüpft.


    Die älteren der hier beschriebenen Experimente sind zum Teil recht krass. Dass man an einem 9 Monate alten Kind testet, ob man auch Menschen konditionieren kann, wäre heute in dieser Form nicht mehr denkbar. 1920 haben John B. Watson und Rosalie Rayner dem kleinen Albert Angst vor pelzigen Tieren anerzogen, indem sie ihn beim Anblick von Kaninchen, Ratten, Hunden u. ä. durch vorsätzlich erzeugten Lärm erschreckten. Natürlich fing der Kleine an zu brüllen und wollte mit Hund, Katze und Maus nichts mehr zu tun haben. Desensibilisiert hat man ihn nach Abschluss des Versuchs nicht. Die Abneigung gegen Tiere blieb ihm sein Leben lang erhalten.


    Erinnerungen sind ein Prozess

    Bei der Versuchsanordnung zum Beweis, dass uns unvollständig erledigte Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als bereits abgeschlossene (1927), ist zum Glück niemand zu Schaden gekommen. – Dass unser Langzeitgedächtnis nicht so zuverlässig ist, wie gerne glauben würden, wies Frederic Bartlett 1932 nach. Erinnern ist ein Prozess, ähnlich wie das Entwickeln von Vorstellungen und Gedanken. (Sind die Erinnerungen einer Gruppe an ein Ereignis weitgehend gleich, mag das daran liegen, dass man immer wieder über den Vorfall gesprochen hat und sich die „Erinnerungen“ dadurch einander angeglichen haben. Wer weiß schon noch, wie’s damals wirklich war?)


    Sehr interessant ist die Erforschung von Führungsstilen, Verantwortungsbewusstsein und Regierungsverhalten. Bei diesem Experiment ist nicht mehr passiert, als dass ein paar 10- bis 11jährige Kinder unter verschiedener Leitung gebastelt und gespielt haben. Das Ergebnis ist überaus aufschlussreich ...


    Ebenfalls spannend: Solomon Aschs Konformitäts-Experimente von 1956: Werden Menschen wider besseren Wissens eine falsche Aufgabenlösung nennen, nur weil die anderen (in den Versuch eingeweihten) Probanden diese mehrheitlich bevorzugen? Wer steht für seine Überzeugung ein und wer zweifelt an sich und passt sich der sich irrenden Mehrheit an?


    Ein bisschen wie BIG BROTHER für 11- und 12jährige Schulbuben mutet das „Robbery-Cave-Experiment“ aus dem Jahr 1961 an. Es untersucht die Gruppenmentalität und führt zu dem Schluss, dass Konflikte eher durch den Kampf um Ressourcen entstehen als durch individuelle Unterschiede – was so manches Verhalten erklärt.


    Von Jekyll zu Hyde in nur sechs Tagen

    Vom Milgram-Experiment (1963) im vierten Kapitel hat man auch schon gehört. Es beschreibt auf erschreckende Weise, wie weit manche Menschen gehen, wenn sie auf Anordnung einer Autorität handeln. Hier haben viele ohne mit der Wimper zu zucken anderen Probanden zur Strafe „Stromstöße“ verpasst, die zum Glück nur simuliert waren. Andere haben Menschenleben gefährdet, weil sie gar nicht auf die Idee gekommen sind oder es nicht gewagt haben, die Anweisungen eines Vorgesetzen in Frage zu stellen. (Astroten-Experiment, 1966). In die gleiche Kategorie fällt die Frage, warum Menschen in Gruppen seltener in Notfällen helfen als Einzelpersonen (1968). Auch das hat mit dem Übernehmen oder Abgeben von Verantwortung zu tun.


    Ebenso bekannt wie schrecklich ist das Stanford-Prison-Experiment von 1971: 24 College-Studenten aus der Mittelschicht wurden in zwei gleich große Gruppen eingeteilt: in „Gefangene“ und in „Wärter“. Zwei Wochen sollte das Rollenspiel dauern, aber es lief derart aus dem Ruder, dass es am sechsten Tag schon abgebrochen werden musste. Das zeigt wie leicht gewöhnliche Menschen sich vom guten Dr. Jekyll in den bösen Mr. Hyde verwandeln.“ (Seite 109).


    Alles Mumpitz – oder was?

    Gleichfalls erschreckend ist, was passiert, wenn man psychisch völlig unauffällige Probanden in die Psychiatrie einweist (1973). Erkennt dort jemand, dass sie gar nicht krank sind? Die Mitpatienten schon ... Erstaunlich sind die Erkenntnisse, dass Belohnung für Leistung kontraproduktiv sein kann (1973), wie leicht man in Depressionen abgleiten kann, wenn man das Gefühl hat, negative Ereignisse nicht kontrollieren zu können (1975) und was es wirklich mit unserer Willensfreiheit auf sich hat (1983).


    Können Gebete heilen? Gibt’s außersinnliche Wahrnehmung oder ist das Mumpitz? Wie entstehen außerkörperliche Erfahrungen? Was ist Synästhesie? Warum können wir uns nicht selbst kitzeln und was hat diese Tatsache mit Schizophrenie zu tun? Mit Fragen wie diesen befasst sich das sechste Kapitel. Dort erfahren wir auch etwas über faszinierende Phänomene wie Gesichts- und Veränderungsblindheit. Bin ich froh, dass letzteres etwas ganz Normales ist! Ich habe schon an mir gezweifelt, weil ich weder neue Frisuren an meinen Mitmenschen bemerke noch sagen kann, wie das Haus ausgesehen hat, das man vor kurzem abgerissen hat, selbst wenn ich dort mein halbes Leben lang täglich vorbeigegangen bin.


    Im Galopp durch die Psychologie-Geschichte

    Es ist spannend und aufschlussreich, durch die Geschichte der Psychologie zu galoppieren und das Buch beschert einem so manches Aha-Erlebnis. Nicht alles ist einem neu und nicht allen Experimenten tut es gut, wenn man sie in dieser Kürze abhandelt. Ist die Versuchsanordnung komplex, schwirrt einem vor lauter Gruppen, Kontrollgruppen, Antwortmöglichkeiten und Resultaten schnell der Kopf. Aber man gewinnt einen ersten Eindruck und kann sich bei höherem Informationsbedarf ja anderer Quellen bedienen. Bei der Schilderung von 50 Experimenten auf 176 Seiten (inklusive Inhaltsverzeichnis, Glossar, Quellen, Danksagung und Register) können die einzelnen Themen natürlich nur grob angerissen werden.


    Die Illustrationen haben nur zum Teil eine informative Funktion, meist sind es phantasievoll-künstlerische Umsetzungen des jeweiligen Themas. Ich finde, dass die Schrift wahnsinnig klein ist. Trotz Brille hatte ich da manchmal Probleme. Da hätte ich gerne auf etwas Großzügigkeit im Layout und verschwenderischen Weißraum verzichtet und das eine oder andere Bildchen kleiner gemacht, wenn dafür die Schrift etwas lesefreundlicher geworden wäre.



    Abb. © Knesebeck-Verlag


    Der Autor

    Adam Hart-Davis ist Chemiker und studierte in Oxford, York und Alberta. Früh fing er an als Moderator im Radio und im Fernsehen zu arbeiten und sich populär mit historischen und wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen sowie 14 Ehrendoktorwürden. Er verfasste zahlreiche Bücher, schreibt regelmäßig für Zeitungen und hat eine Kolumne in Radio Times. Daneben setzt er sich für unterschiedliche Wohltätigkeitsorganisationen ein und fährt aus Überzeugung und mit Ausdauer Rad. Außerdem ist er um einige Ecken verwandt mit Königin Elisabeth II.

    Ah, das ist ja interessant! Dankeschön!


    Ich habe zu der Serie keine weiteren Hintergrundinfos aus den Medien. Ich lese sie von Band eins an und bin manchmal total überrascht, was mir da auf den Tisch kommt. Es ist ja schon untypisch, dass nicht nur den Haupthandlungsstrang gibt, sondern zwischendrin Bände mit spin-off-Geschichten.


    Tobi Winter hat mich jetzt nicht so überzeugt. Nightingale und Abigail dürften spannend werden.


    Ich hatte auch das Gefühl, dass Aaronovitch die Geschichten mehr oder weniger wuchern lässt. Ist ja schon klasse, was er sich da für eine Welt zusammenfabuliert hat. Nur wenn dann in einem Buch ungefähr halb so viele Leute auftauchen wie in der Bibel und du nie weißt welche davon noch wichtig werden und welche du ignorieren darfst, kann könnte ich ihm ins Gesicht springen. Ich schätze. das ist so, weil er zu dem Zeitpunkt selber noch nicht weiß, wen er nochmals brauchen und aufgreifen wird.


    Ob er schon weiß, was er mit Leslie May anstellen wird? Irgendwie muss die Geschichte ja zu einem Ende finden.

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    Ben Aaronovitch: Der Oktobermann. Ein Tobi-Winter-Roman, OT: The October Man, Deutsch von Christine Blum, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21805-4, Softcover, 205 Seiten, Format: 12,4 x 2 x 19 cm, Buch: EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A), Kindle: EUR 7,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    Also, bisher bin ich nicht übermäßig beeindruckt von deinen Ermittlungskünsten“, sagte Vanessa. (…)
    „Ach, was hast du denn daran auszusetzen?“, fragte ich. (…)
    „Zum Beispiel fehlt mir ein roter Faden. Wir ermitteln so vor uns hin – vom Tatort zur Autopsie und zum Opfer nach Hause – und suchen nach … Keine Ahnung, wonach wir suchen. Wonach suchen wir eigentlich?“
    (Seite 75/76)


    Peter Grants deutscher Kollege

    Dass Ben Aaronovitch uns bisher nur von der Londoner Magiepolizei erzählt hat – von DCI Thomas Nightingale und Constable Peter Grant – heißt nicht, dass es so etwas ausschließlich in Großbritannien gibt. Das deutsche Äquivalent zum englischen „Folly“ nennt sich „KDA“- Abteilung für komplexe und diffuse Angelegenheiten – und ist dem BKA angegliedert. Die deutsche Polizeieinheit ist auch nicht größer als die der London Metropolitan Police: Sie besteht aus der namentlich nie genannten Chefin und ihrem Ermittler Tobias Winter.


    Winter stammt aus einer Polizistenfamilie und zitiert gern seinen Vater: Nach Feierabend solle man sich den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden: Familie, Freunde, Haus, Herd und Hund. (Seite 11, Seite 201 und andere.) So ganz schafft Tobi es nicht, nach Dienstschluss abzuschalten. Wer es, statt mit handelsüblichen Verbrechern, mit Ortsgeistern, Flussgöttern, illegal praktizierenden Zauberern, Wiedergängern und sonstigen unheimlichen Gestalten aus der magischen Demi-monde zu tun hat, sollte besser rund um die Uhr auf der Hut sein.


    Das ist Tobi auch. Nicht einmal im Urlaub hat er seine Ruhe! Als er gerade ein paar Tage bei seinen Eltern in Mannheim-Gartenstadt verbringt, verbringt, ereilt ihn noch vor dem Frühstück ein Anruf seiner Chefin. Er muss sofort nach Trier. „Verdächtiger Todesfall. Mit ungewöhnlichen biologischen Charakteristika. (S. 13) Ein zunächst unbekannter Mann wurde am Fuße eines Weinbergs gefunden. Sein Körper ist von etwas befallen, das normalerweise nur Weintrauben infiziert.


    Winter und Sommer ermitteln

    Vor Ort teilt man Tobi Winter die Polizistin Vanessa Sommer als Kollegin zu.


    Tatsächlich stellt Vanessa Sommer sich beim Aufspüren von Vestigia, den Spuren magischen Wirkens, recht geschickt an. Sie wundert sich auch nicht groß, als die ansonsten so sachliche Winzerin Jacqueline Stracker bei der Zeugenbefragung von Begegnungen mit der Göttin des Flusses Kyll berichtet, der ihr Großvater immer ein paar Flaschen seines besten Weines als Trankopfer dargebracht hat. Nur vom Tod des Unbekannten hat Jacqueline leider nichts mitbekommen.



    Flussgöttin Kelly erzählt nur Geschichten

    Selbst die Kontaktaufnahme mit Kelly, der Göttin des Flusses Kyll, ergibt nichts wesentlich Neues. Kelly erzählt den beiden Polizeibeamten Geschichten von vor zweitausend Jahren und hat im Übrigen alle Hände voll damit zu tun, eine ungebärdige Vierjährige in Schach zu halten: die Mini-Flussgöttin Morgane. Niemand weiß, woher sie kommt. Tobi hält sie für die neue Göttin der Mosel. Die vorige Moselgöttin ist, laut Kelly, von den Deutschen ermordet worden. (Dass man Götter töten kann, haben wir im letzten Peter-Grant-Band gelernt.)


    Ich hatte manchmal Mühe, mich daran zu erinnern, dass der Ich-Erzähler, der hier ermittelt, eben nicht der Londoner „Zauberlehrling“ Peter Grant ist. Immer wieder habe ich gestutzt und mich z.B. gefragt, wie Grant denn mit dem Computersystem des BKA arbeiten kann, wo er doch gar kein Deutsch spricht. Bis mir einfiel: Ach nee, das ist ja gar nicht Grant, das ist sein deutscher Kollege!


    Ihre Probleme sind recht ähnlich und ihre Erzählstimmen irgendwie auch. Bis auf die gelegentlichen Referenzen auf Vater und Onkel, die ebenfalls bei der Polizei sind, hat Tobi im Grunde nichts Eigenes. Er geht beim Arbeiten auch genauso planlos vor wie sein Kollege in England. Er befasst sich mit diversen alten Geschichten, die er im Verlauf der Ermittlungen aufschnappt: mit einem Jahrhunderte alten Eifersuchtsdrama, der wundersamen Rettung eines Kindes im zweiten Weltkrieg, einer versuchten Vergewaltigung von vor 20 Jahren, einem ungeklärten Vermisstenfall aus derselben Zeit, diversen mutwilligen Beschädigungen antiker Skulpturen … und daneben durchleuchtet er zusammen mit den Kollegen noch die Mitglieder der skurrilen Weintrinkergesellschaft.


    Tobi ist so planlos wie Peter Grant

    Als Leserin ging es mir wie Tobis Kollegin Vanessa: Ich war verwirrt. Was hat Tobi vor? Hat er überhaupt einen Plan? Wer sind all diese Leute? Haben die überhaupt irgendwas mit seinem übernatürlichen Mordfall zu tun oder interessiert ihn das alles einfach nur so? Wo kommt Person XY jetzt auf einmal her? Ist ihr Name in der Geschichte überhaupt schon mal erwähnt worden? Und wenn ja, wo? Aber das alles frage ich mich bei Peter Grant auch schon seit Jahren. ;-)


    Leider ist der deutsche Fall weder so bissig und witzig noch so magisch und spannend wie die Abenteuer von Tobis britischen Kollegen. Auch das Personal bleibt hier ein wenig flach. Man hat beim Lesen Zeit und Muße, sich Dinge zu fragen wie: Was fangen die internationalen Leser*innen wohl mit dem deutschen Namedropping an? Die kennen doch unsere Prominenten gar nicht! Erklärt man ihnen in einer Fußnote, wer Alfred Biolek ist? Und wie, bitte, simuliert man auf Englisch das „Berlinern“ des französischen (!) Tätowierers?


    Die Aufklärung des Falls kommt dann auch ein bisschen wie das Kaninchen aus dem Hut und man denkt: Okay, wenn der Autor meint …!

    Wir hätten auch jede andere Erklärung akzeptieren müssen.


    Ich weiß Ben Aaronovitchs Bemühungen zu schätzen, seinen deutschen Fans einen eigenen „magischen“ Helden zu geben. Aber der ganz große Wurf ist es nicht. Sollte Peter Grant allerdings mal Hilfe brauchen, ist es gut zu wissen, dass es in anderen Ländern ebenfalls Magie und entsprechende Polizeieinheiten gibt und dass wir Leser*innen zumindest das deutsche Team schon kennen. Hoffen wir, dass der Brexit der internationalen magisch-polizeilichen Zusammenarbeit keine allzu großen Steine in den Weg legt. Und falls doch, wird der Autor diese Tatsache entsprechend zu kommentieren wissen.


    Der Autor

    Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie 'Doctor Who' verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

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    Jette Jorjan: 60 & 1 Liebesbrief, Norderstedt 2011, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-8423-7538-3, Softcover, 132 Seiten, mit Abbildungen in Farbe und Schwarz-und s/w, Format: 13,4 x 1,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 9,95, Kindle: EUR 8,49.


    „Nur DU
    DU darfst
    durch meine Augen
    in die Seele blicken
    in mein Herz schlüpfen
    dort bleiben
    für immer
    nur DU!

    (Seite 103)


    Gibt’s denn heute noch Liebesbriefe? Eigentlich nicht, oder? Sie wurden abgelöst durch bunt bebilderte Messenger-Kurznachrichten am Computer.


    Die Autorin schreibt noch welche – in SMS-Länge. Diesbezüglich haben die modernen Zeiten auch auf sie abgefärbt. Aber ihre Liebesbriefchen und –gedichte sind ausnahmslos handgeschrieben, liebevoll gestaltet und dafür geschaffen, sie dem Liebsten in den Koffer oder die Jackentasche zu schmuggeln oder sie ihm heimlich an den Computer zu heften, damit er sie findet, überrascht ist und sich freut.


    Ob auf einfachen Notizzetteln, Karo- oder Briefpapier – die Liebesbriefe wurden abfotografiert in diesem Buch reproduziert. Fotos von Blumen und Blättern ergänzen die Briefe: analoge Liebesbezeugungen in einer digitalen Welt.


    „Sei mein Du“, heißt es an einer Stelle.

    „Nicht virtuell,
    nicht digital,
    keine Zahl
    in unserem Wir.“

    (Seite 63)


    Schade, dass manche Seiten leer bleiben. So wirkt das Büchlein zwar angenehm luftig, aber man hätte gerne noch mehr von den persönlichen und inspirierenden Liebesbriefen gelesen. Aber gut – so ist nun mal das Konzept.


    Wer mehr Gedichte haben will, kann sich durch Jette Jorjans Texte anregen lassen und selbst welche schreiben. Wer das nicht hinbekommt , aber jemandem etwas Bestimmtes zu sagen hat, kann auch einfach dieses Buch verschenken.


    Die Autorin

    Jette Jorjan, geboren 1951 nahe der ostfriesischen Nordseeküste. Nach Stationen in Berlin, England, Frankreich und USA ist ihr Lebensmittelpunkt mit Mann und fünf Zufallskatzenfreunden im Sauerland. Sie arbeitete als Sekretärin und technische Übersetzerin bei einem Maschinenhersteller.

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    Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman, Frankfurt 2019, S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397381-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 287 Seiten, Format: 13,3 x 2,7 x 21 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 18,99.


    „Helen, warum haben Sie diese Fehlstelle nicht ausgebessert, nur fixiert?“ Sie berührte leicht die Seite mit den ausgerissenen Miniaturen.
    „Wenn wir diese Fehlstelle betrachten, können wir uns ausmalen, dass dort ein Pfau in einer Pfütze badet“, sagte ich.
    „Das ist kindisch. (…) Bitte unterlegen Sie die Stelle wenigstens. Ich erwarte nicht, dass Sie mir einen Pfau zeichnen, aber das ist ein Riss.“ (…)
    „Das ist Geschichte“, sagte ich.
    (Seite 58)


    Die deutsche Buchrestauratorin Helen(e) Mazavian hat zwar einen armenischen Nachnamen, aber keine Ahnung von ihrer Familiengeschichte. Die Großeltern mütterlicherseits – ihren Vater kennt sie nicht – haben in Moskau gelebt und nie viel erzählt. Helens Mutter Sara weiß auch nicht mehr. Aber diese egozentrische Künstlerin interessiert sich sowieso nur für sich selbst.


    Verwandtensuche in Armenien

    Helen hat ihre Mutter über ein Jahr lang nicht gesehen. Doch als diese erfährt, dass Helen im Rahmen eines Austauschprogramms für ein paar Monate nach Jerewan/Armenien geht um dort am Mesrop-Maschtoz-Institut alte Handschriften zu restaurieren und die armenische Bindetechnik zu lernen, schlägt sie überfallsartig bei Helen und deren Lebensgefährten Danil auf und bringt ein altes Familienfoto mit. Ein paar der abgebildeten Personen sind auf der Rückseite namentlich genannt, und diese Verwandten, bzw. deren Nachkommen, soll Helen nun in Armenien ausfindig machen. Helen ist von der Idee wenig begeistert. Noch nie hat Sara sich für ihre Wurzeln interessiert, und jetzt auf einmal kommt sie mit so einem Krampf daher!


    In Jerewan angekommen, hat Helen zunächst auch gar keine Zeit für private Geschichten. Sie muss sich in einer fremden Stadt und an einem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden und sie spricht die Landessprache nicht. Das macht den Alltag anstrengend.


    Eine Bibel mit Familiengeschichte

    Die Arbeit an einem rund 300 Jahre alten Evangeliar nimmt Helen völlig gefangen. Diese handliche kleine Familienbibel hat nicht nur irgendwo in einem Schrank gestanden. Sie wurde gelesen, zu Rate gezogen, Kranken hoffnungsvoll unters Kopfkissen gelegt, mit Anmerkungen versehen, bekritzelt und auch mitgenommen, wenn die Besitzer auf der Flucht waren. Anhand der Eintragungen in dem Buch kann man die Lebensstationen seiner Vorbesitzer nachvollziehen.


    Zwei Namen tauchen in dem Buch immer wieder auf: Anahid und Hrant. Durch die Kapitel, die in Helens Geschichte eingestreut sind, wissen wir Leser*innen mehr als die Protagonistin: Anahid (13) und Hrant (6) sind die einzigen Überlebenden einer Gastwirtsfamilie aus Ordu, einer Stadt an der Schwarzmeerküste. Alle anderen sind 1915 bei einem Massaker an der armenischen Bevölkerung ums Leben gekommen. Sagt man hier auch Pogrom? Es war jedenfalls eines.


    Alles, was die beiden Geschwister jetzt noch besitzen, sind die Kleider, die sie am Leib tragen und ihre Familienbibel. Sie wissen nicht, wohin sie flüchten sollen. Sie rennen einfach drauflos. Mehr als einmal hängt ihr Leben an einem seidenen Faden, und obwohl Anahid sich hartnäckig einredet, sie sei die Erwachsene und für ihren kleinen Bruder verantwortlich, ist sie mit der Situation heillos überfordert. Kein Wunder – das Kind ist 13!


    Irgendwann trennen sich Bruder und Schwester auf ihrer Flucht, und dann verliert sich erst einmal ihre Spur. Wie ihre Bibel in das Institut in Jerewan gekommen ist, weiß kein Mensch mehr.


    Die Spurensuche verselbstständigt sich

    Nur halbherzig betreibt Helen ihre eigene Ahnenforschung. Mutter Sara hat ihren diesbezüglichen Auftrag längst vergessen, und Helen selbst interessiert sich derzeit mehr für Levon, den attraktiven Sohn ihrer Chefin, als für irgendwelche weit entfernten Cousins und Cousinen. Doch in Armenien nimmt man Familienangelegenheiten ernst. Obwohl Helen gar keine Leere spürt, die sie mit bisher unbekannten Verwandten füllen wollen würde, steckt sie plötzlich knietief in Recherchen. Als sich nämlich herumspricht, dass sie ihre Verwandtschaft sucht, hat auf einmal jeder in ihrem Umfeld tausend Ideen. Helen kann gerade noch verhindern, dass einer ihrer übereifrigen Bekannten sie in eine kitschige Fernsehshow à la „Bitte melde dich!“ zerrt.



    Die letzten Armenier von Ordu

    Der Leser allerdings wird bei den etwas wirren Erzählungen der alten Damen stutzig. Entweder, die Geschichten der verfolgten und vertriebenen Armenier*innen gleichen einander alle irgendwie, oder es schließt sich hier tatsächlich ein Kreis. Vielleicht wünschen wir uns das aber auch nur, weil wir gerne ein gutes Ende für die Personen hätten, die wir im Buch kennengelernt haben.


    Die Heldin lässt das alles kalt. Auf die Frage nach ihren Wurzeln antwortet sie: „Ich bin kein Baum“. Sie lebt gut damit, ihre Familiengeschichte nicht zu kennen. Für sie wird alles weiterlaufen wie bisher, ob sie ihre Verwandtschaft nun findet oder nicht. Helen muss nicht jeden Riss und jede Leerstelle gekittet und aufgefüllt haben, Lücken, Brüche und offene Fragen sind für sie in Ordnung. Das ist, wie sie sagt, Geschichte.


    Der Leser ist neugieriger als die Heldin

    Der Leser ist es, der die gleichgültigen Mazavian-Frauen am liebsten schütteln würde. Wenn die das alles nicht wissen wollen, wir schon! Warum haben sie denn nicht besser zugehört, nicht genauer nachgefragt, sich nicht für die Vergangenheit interessiert, als die (Groß-)Elterngeneration noch lebte? So haben sie sich – und uns – um eine zufriedenstellende Auflösung der Geschichte gebracht. Das ist natürlich kein Unvermögen der Autorin, sondern pure Absicht. ;-) Katerina Poladjan hätte nur hier und da einen Vor- oder Nachnamen mehr nennen müssen, und schon wären wir schlauer gewesen.


    Die Heldin ist schwer zu fassen. Ich habe manchmal glatt vergessen, dass sie hier als Ich-Erzählerin fungiert, weil sie so distanziert durch die Handlung schlurft, als sei sie permanent zu müde oder zu deprimiert, um die Ereignisse an sich heranzulassen. Die Dialoge zwischen Helen und ihren Liebhabern sind seltsam entrückt und abgehoben. So richtig im Alltag kommt sie selten an. Die poetische Sprache liest sich toll, aber es ist alles wahnsinnig ernst. Vielleicht ist es wirklich so, wie Levon einmal sagt: Alle Armenier sind traurig, immer.“ (Seite 85) Er meint es zwar spöttisch, aber hier sieht es so aus, als hätte er Recht. Der Genozid ist eben doch nicht nur Geschichte, sondern ein Schmerz, der noch bis heute nachwirkt.


    Die Autorin

    Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul.

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    Claudia Hochbrunn, Andrea Bottlinger: Helden auf der Couch. Von Werther bis Harry Potter – ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte, Hamburg 2019, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, ISBN 978-3-499-60672-4, Softcover, 237 Seiten, Format: 12,5 x 1,8 x 19 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Dieser Punkt ist wichtig: Beim zweiten Treffen, nachdem sie sich gerade einen Tag kennen, nachdem Romeo einen Tag vorher noch liebeskrank wegen Rosalinde war, beschließen sie zu heiraten. Das ist doch genau die Art wie man wichtige, lebensverändernde Entscheidungen treffen sollte.“ (Seite 49)


    Wenn die Held*innen aus Büchern und Filmen keine Macke hätten und keine Fehler machen würden, gäb’s keine guten Geschichten. Die Idee, berühmte Protagonist*innen mal auf die Couch eines Psychiaters zu legen und darüber nachzudenken, wie die Story wohl verlaufen wäre, wenn man ihnen rechtzeitig eine adäquate Therapie hätte angedeihen lassen, ist grandios. Ein Wunder, dass vorher noch niemand darauf gekommen ist! So, wie Claudia Hochbrunn – Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie – und Andrea Bottlinger – Lektorin, Übersetzerin und Autorin – die Sache angehen, ist das ebenso amüsant wie aufschlussreich.


    Ikonen mit Macken

    Obwohl man davon ausgehen kann, dass die Leser*innen schon mal was von König Artus, Romeo und Julia, Dracula, Sherlock Holmes u.s.w. gehört haben, tun uns die beiden Autorinnen den Gefallen und fassen die jeweilige Handlung auf wenigen Seiten zusammen. Dabei erstarren sie keinesfalls in Ehrfurcht vor den Ikonen der Literatur und Popkultur. :-)


    Nie hätte ich zu denken gewagt, dass Romeo und Julia nichts anderes ist als ein aus dem Ruder gelaufenes Schulhofdrama oder dass all die Katastrophen bei Ödipus nur deshalb passiert sind, weil sein leiblicher Vater ein dissozialer, verantwortungsloser Charakter mit Entscheidungsschwäche war, der besser daran getan hätte, sich zu seiner H o m o s e x u a l i t ä t zu bekennen statt die blutjunge Iokaste zu heiraten. Wenn man das so liest, klingt es fast wie eine moderne Seifenoper.


    Und warum ist mir trotz des zu-Tode-Interpretierens in meiner Schulzeit nie aufgefallen, was Werther für eine arme Socke ist? Ich hab‘ immer gedacht, der stellt sich nur an. So, wie Werther gestrickt ist, wär’s für ihn aber übel ausgegangen, egal was er gemacht hätte. Selbst bei einer heutigen Psychotherapie hätte er eine schlechte Prognose gehabt. Und ich werde ihn mir nie wieder anders vorstellen können als als Emo mit Eyeliner und ins Gesicht hängenden Haaren.


    Lappen, Psychos, Fremdenfeinde

    Hochinteressante Aspekte gewinnen Hochbrunn und Bottlinger Bram Stokers Dracula ab. Dass der Stoff etwas mit S e x u a l i t ä t zu tun hat, ist schon klar. Aber ich habe noch nie Fremdenfeindlichkeit und einen Mangel an Kommunikation dort herausgelesen. Aber die Argumente der Autorinnen leuchten ein. Und wenn man das mal gelesen hat, wundert man sich, wie einem das je hat entgehen können!


    Die Romanfiguren, vor allem die Herren, werden hier einer nach dem anderen genüsslich demontiert. Erstaunlich, was bei Dracula alles an Waschlappen und Psychopathen rumrennt! Herrlich die Vorschläge zum alternativen Verlauf der Geschichte, inklusive lukrativer Geschäftsideen für den untoten Grafen. Ja, fragen wir uns doch einfach mal, was wohl gewesen wäre, wenn sich alle Beteiligten unter therapeutischer Leitung in einer Gruppe zusammengesetzt hätten! – Ich habe mich köstlich amüsiert!


    Was hätte eine Therapie gebracht?

    Ernster geht’s bei der Analyse der Hauptfiguren aus Umberto Ecos Der Name der Rose zu. Hochinteressant ist die Frage, ob Jorge von Burgos von einer Psychotherapie hätte profitieren können. Aus welchen Gründen er auch immer seine schwere Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, – und dazu gibt’s zwei sehr überzeugende Theorien – die Aussichten sind auf jeden Fall niederschmetternd.


    Wahrscheinlich kennt die Wissenschaft auch einen Begriff für die Störung, fiktive Personen so zu betrachten, als seien sie reale Menschen, aber sei’s drum! Ich fand Jorges Geschichte sehr beklemmend und berührend. Er hat mir richtig leidgetan.


    So erging es mir auch mit ein paar der Figuren aus Harry Potter, z.B. mit Severus Snape und Tom Riddle (Voldemort). Das war schon damals so, als ich die Bücher gelesen habe, auch wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, meinen Eindruck so schlüssig zu begründen wie die Autorinnen es tun.

    Interessant ist auch die Frage, was wohl passiert wäre, wenn Voldemort das Baby Harry nicht mit Mitteln der Magie sondern mit schnöden Muggel-Methoden attackiert hätte …


    Kein Charakter – keine Analyse

    Es ist schon toll, wenn man altvertrauten Lesestoff mal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten darf. Die professionelle Analyse der Held*innen versagt nur dort, wo’s überhaupt nichts zu analysieren gibt, weil die Hauptfiguren nur Wunschprojektionen sind und gar keinen realen Charakter abbilden. Auch das gibt es, sogar in Weltbestsellern!


    Ich hätte noch ewig so weiterlesen können! Eine Fortsetzung wäre schön. Psychisch auffällige Held*innen gibt’s in der Literatur ja noch genügend. Vielleicht könnte man das Ganze auch mit Film- und Fernsehfiguren durchspielen. Gerade Serienheld*innen haben genügend Zeit, einen Charakter zu entwickeln, der dem von realen Menschen nahe kommt.

    Also: Super! Bitte weitermachen!


    Die Autorinnen

    Claudia Hochbrunn ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitete viele Jahre lang in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, beim Sozialpsychiatrischen Dienst, sowie im forensischen Maßregelvollzug mit Schwerverbrechern. Zum Schutz ihrer Patienten verfasst sie ihre Bücher unter Pseudonym.


    Andrea Bottlinger studierte Buchwissenschaft und Komparatistik und arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht.

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    Andreas Tjernshaugen: Von Walen und Menschen. Eine Reise durch die Jahrhunderte, OT: Hvaleventyret, aus dem Norwegischen von Martin Bayer, Salzburg/Wien 2019, Residenz-Verlag, ISBN 978-3-7017-3491-7, Hardcover, 253 Seiten, mit Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß, Format: 14,2 x 2,5 x 22,6 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 15,99.


    „Für das 19. Jahrhundert gibt es keine verwertbaren Statistiken über die Bejagung der einzelnen Arten, aber man weiß, dass ab 1900 weltweit insgesamt 379.185 Blauwale erlegt und verwertet worden sind, eingerechnet die illegalen Abschüsse durch die Sowjets. Die große Mehrzahl waren antarktische Blauwale. Die Fangzahlen im Norden waren vergleichsweise bescheiden: Während des 20. Jahrhunderts wurden im Nordatlantik und Nordpazifik nur rund 15.000 Blauwale erlegt.“  (Seite 213)


    Der Mensch ist schon ein mörderisches Biest! Für den schwedischen Fischer aus dem ersten Kapitel, der im Jahr 1865 einen gestrandeten jungen Blauwal findet, hat man noch ein gewisses Verständnis. Er hat eine Gelegenheit genutzt, die die Natur ihm geboten hat. Das Tier wäre so und so verendet. Eine grausame Schlächterei war’s trotzdem. 30 Stunden hat es gebraucht, bis er den Wal endlich zu Tode gebracht hat.


    Okay, in der Steinzeit, als die Norweger schon Walfang betrieben, war das noch ein Kampf einzelner Menschen gegen die Naturgewalt. Das galt sicher auch für die Basken, die im Mittelalter entlang der Biskayaküste in Ruderbooten Bartenwale jagten. Das geschah sozusagen „für den Eigenbedarf“ eines Stammes oder einer Wohnsiedlung. Die werden von ihrer Beute auch nichts verschwendet haben.


    Jagd im industriellen Maßstab

    Als das Jagen dann allerdings industrielle Ausmaße annahm und der Mensch mehr Tiere tötete als er verwerten konnte, nur um die Fangmethoden oder den Profit zu optimieren, dann wird’s aus heutiger Sicht schon ein bisschen abartig. Da wurde erlegt, was den Menschen unter die Augen kam: Jungtiere, ausgewachsene Tiere, trächtige Tiere, Muttertiere, die Junge dabei hatten, die ohne sie nicht überlebensfähig waren … Das war einfach egal.


    Die Walfänger waren eben Kinder ihrer Zeit. Der Tierschutzgedanke war, als es mit dem Walfang in großem Stil losging, noch nicht auf der Welt. Da teilte man die Tiere in „nützlich“ und „schädlich“ ein. Die nützlichen, dachte man, habe „Gott zu Nutz und Frommen der Menschen geschaffen“. Also wurden sie gejagt. Dass Tiere denkende und fühlende Wesen sind, hatte man damals noch nicht auf dem Schirm. Diesbezüglich hat der Homo sapiens ja heute noch einen gewissen Nachholbedarf.


    Dass man ganze Arten durch zu intensive Bejagung ausrotten könnte, auf die Idee ist lange niemand gekommen. Seit Menschengedenken sind immer genügend Beutetiere vorhanden gewesen. Und vor allem, wenn man davon ausging, dass Gott für diesen Zustand sorgt, gab es keinen Grund, anzunehmen, dass sich das jemals ändern könnte. In Umweltfragen lernt der Mensch sehr, sehr langsam dazu,


    Wir Leser*innen sehen hier mit gewissem Grausen, wie die Jagdmethoden stetig perfektioniert werden und die Fangquoten steigen. Und weil wir die historischen Entwicklungen aus heutiger Sicht betrachten, denken wir: Die müssten doch wissen, was sie tun! Und sollte man nicht mehr Respekt vor diesen gigantischen Tieren haben, statt sie massenhaft abzuschlachten?


    Verwandt mit Hirschen, Kühen und Schweinen

    Das ist doch eigentlich irre: Da schwimmen 27 Meter lange Anverwandte unserer Hirsche, Kühe und Schweine in den Weltmeeren herum, ernähren sich von winzigen Krebstierchen, kommunizieren mittels Gesang und tragen die Nase verkehrt herum auf dem Oberkopf – und unsere Art hat nichts Besseres zu tun, als ihnen mit schnellen Booten, Sprenggranaten und Harpunenkanonen den Garaus zu machen, ihr Fleisch zu essen und aus ihrem Tran Brennstoff, Seife und Margarine herzustellen. Aber im Rückblick kann man immer leicht moralisch sein …


    Den biologischen Teil in dem Buch fand ich spannender als den historischen über die Geschichte des Walfangs. Da hatte ich nämlich das Gefühl, 20 Mal dasselbe Kapitel zu lesen, nur mit anderen Namen und Jahreszahlen. Mal finden die Ereignisse auf der nördlichen, mal auf der südlichen Halbkugel unserer Welt statt, aber der „Plot“ ist, genau wie bei Katastrophenfilmen, immer der gleiche:


    Ein Plot wie im Katastrophenfilm

    Wissenschaftler warnen vor der drohenden Ausrottung der Wale und verlangen sofortige Schutzmaßnahmen. Alle, die vom Walfang wirtschaftlich profitieren, leugnen und verweigern das. Es wird gestritten, verleumdet und intrigiert, beschönigt und gelogen, gemauschelt, geschmiert und verhandelt. Allenfalls auf Kompromisse will man sich einlassen, auf Fangquoten, die – falls es wirklich stimmen sollte, dass die Wale weniger werden –, es auch noch in Zukunft ermöglichen würde, Walfang zu betreiben. Lobbyisten treten auf den Plan und schließlich wird ein Abkommen ausgehandelt. Doch schneller, als man gucken kann, wird es wieder unterlaufen und gebrochen. Das erinnert ein bisschen an den aktuellen Umgang mit dem Klimawandel.


    Das wiederholt sich ständig, und die ganze Welt spielt mit: Europäer, Russen, Japaner, Amerikaner … Krisen und Kriege kommen dem Walfang und dem Walschutz in die Quere. Und als die Tiere im Norden immer rarer werden, zieht der Walfangzirkus weiter in Richtung Antarktis.


    Vom Nutz- zum Schutzgedanken

    Erst in den 1960er Jahren setzt sich der Schutzgedanke durch und der Walfang hört auf. Gut, die Japaner tun nicht so richtig mit, aber die werden die Restbestände hoffentlich nicht im Alleingang vollends ausrotten. „Gute Vorarbeit“ hat die Menschheit ja geleistet. Der Bestand der nördlichen Blauwale hat sich inzwischen einigermaßen erholt, Doch Den dramatischsten Zusammenbruch erlebte der Blauwalbestand im Südpolarmeer, wo er am größten war. Als der Walfang dort endete, gab es vielleicht noch 350 Exemplare der großen antarktischen Unterart des Blauwals (…). Es könnten auch bloß noch 150 gewesen sein (…), auf jeden Fall aber kaum noch wenige Promille der ursprünglichen Anzahl, die es hier gab, als Carl Anton Larsen in Grytviken [zu Beginn der 1880er Jahre mit dem Walfang] anfing.“ (Seite 217)


    Auch wenn sich die Lage sich mittlerweile ein bisschen entspannt hat, gilt der antarktische Blauwal noch immer als vom Aussterben bedroht. „Im weiten Polarmeer, wo die Pioniere seinerzeit verblüfft über die Menge an Blauwalen waren, ist diese Art heute ein seltener Anblick.“ (Seite 218)


    Es war überaus interessant zu sehen wie sich die Einstellung der Menschen zu den Walen im Lauf der Jahrhunderte verändert hat. Lange hat’s gedauert, bis man vom Nutz- auf den Schutzgedanken gekommen ist.


    Ein bisschen dröge …

    Wie uns diese Entwicklung erzählt wird, ist leider verhältnismäßig trocken – auch wenn sich das meist im und am Wasser abspielt. Dass der Autor penibel recherchiert hat, kann man aufgrund seiner Arbeit für DAS GROSSE NORWEGISCHE LEXIKON voraussetzen. Man sieht’s auch anhand der üppigen Quellenangaben im Anhang des Buchs. Aber, wie gesagt: Es ist aufschlussreich, es ist ausführlich, es ist bestimmt alles korrekt – aber egal, was auf dem Klappentext versprochen wird: Spannend ist es nicht.


    Der Autor

    Andreas Tjernshaugen, geboren 1972 in Nesodden, studierte Soziologie und arbeitet in Teilzeit für DAS GROSSE NORWEGISCHE LEXIKON. Den Rest seiner Zeit verbringt er damit, Bücher zu schreiben. Sein Vogelbuch DAS VERBORGENE LEBEN DER MEISEN wurde von Kritikern in Deutschland hochgelobt und war wochenlang auf den Spiegel-Bestsellerlisten.

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    Beate Maxian: Die Tränen von Triest. Roman, München 2019, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3453423794, Klappenbroschur, 431 Seiten, Format: 12,2 x 4 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,99, Kindle: EUR 9,99.


    „Ich mein, was verdammt noch einmal hat diesen Scheißkerl geritten?“, empörte sich Judith weiter.
    „Eine andere Frau …“
    (Seite 49)


    Wien, Juli 2019: Angestachelt durch die Spekulationen ihrer temperamentvollen Freundin Judith rechnet die Innenarchitektin Johanna Silcredi an ihrem 33. Geburtstag fest mit einem Heiratsantrag. Doch ihr Lebensgefährte, der Architekt Roman Hubner, nutzt den Abend in einem sündteuren Nobelrestaurant, um sich auf ausgesucht gemeine Art von ihr zu trennen.


    Johanna ist enttäuscht, wütend und verletzt und löst das Geschenk ihrer Familie – eine Woche Urlaub in Triest – sofort ein. Die Villa Costa, die heute eine Frühstückspension ist, war von 1900 bis 1918 im Besitz der Familie von Silcredi. Johannas Urgroßmutter Afra ist in der Villa aufgewachsen.


    So halb im Scherz sagt Johannas 94jähriger Großvater, sie könne ja bei ihrem Aufenthalt ein bisschen Ahnenforschung betreiben. Vielleicht fände sie ja heraus, wer sein Vater war.


    Opas Lebensthema: seine Abstammung


    Johanna sagt „ja, ja“ zum Ansinnen ihres Großvaters, hat aber keine Ahnung, wo sie mit der Suche nach seinem Erzeuger beginnen sollte. Der Opa hat ja eh schon alles Erdenkliche versucht und nichts herausgefunden. Sie hat nicht die Absicht, sich in ihrem Urlaub mit diesem Thema zu belasten. Doch es kommt anders.


    Zur selben Zeit wie Johanna wohnen zwei Frauen aus Hamburg in der Pension Costa: Charlotte Uhlbrich, 93 und ihre Enkelin. Sie sind wegen einer Beerdigung hier. Als Charlotte den Namen Silcredi aufschnappt, wird sie hellhörig. Offenbar gab es zu den Zeiten ihres Vaters und Großvaters geschäftliche und gesellschaftliche Verbindungen zwischen den beiden Familien.


    Erstaunliche Querverbindungen und ein Tagebuch


    So richtig Bewegung kommt in die Sache, als Lucas Mutter Simonetta einfällt, dass die Familie ihres Mannes ja seit über 100 Jahren im Besitz des Tagebuchs der Afra von Silcredi ist. Sie wollte es damals bei ihrem Umzug nach Wien nicht mitnehmen, es sollte in Triest bleiben. Irgendwie hat sich nie einer der Costas getraut, die Unterlagen wegzuschmeißen. Fasziniert liest Johanna die schwärmerischen Schilderungen ihrer Urgroßmutter.


    Liebe und Krieg

    Triest 1914: Afra ist 19 und frisch verliebt in den Studenten Alfred Herzog, einen Freund ihres Bruders und Sohn eines Geschäftsfreundes ihres Vaters. Auch er ist hin und weg von ihr. Zwar gehört er nicht, wie sie, dem Adel an, aber ihr Vater hat glücklicherweise trotzdem nichts gegen diese Verbindung. Die Verlobung wird vorbereitet. Das junge Paar kann die Hochzeit kaum erwarten und Afras größte Sorge ist, dass man sie dabei erwischen könnte, dass sie sich in der Wohnung eines befreundeten Künstlers treffen, wenn dieser auf Reisen ist. Sie fängt an, ihre Geschichte aufzuschreiben, um alle Welt an ihre Glückseligkeit teilhaben zu lassen.


    Die Leser*innen von heute, die den Verlauf der Weltgeschichte kennen und zudem mehr Lebenserfahrung besitzen als die blutjunge Afra, ahnen schon, dass so viel Glück nicht von Dauer sein kann.


    Zurück ins Triest des Jahres 2019: Nachdem auch Johannas Urlaubsbekanntschaften Charlotte Uhlrich und Simonetta Costa den Inhalt von Afras Aufzeichnungen kennen, ergeben auf einmal Fragmente ihrer eigenen Familiengeschichte einen Sinn, die sie zuvor nie richtig einordnen konnten. Und am Ende der Woche fährt Johanna zurück nach Wien mit dem Tagebuch ihrer Urgroßmutter im Gepäck und einer umfassenden Vorstellung davon, wie diese von der naiven, privilegierten jungen Adeligen zu der taffen Geschäftsfrau geworden ist, die sie aus den Erzählungen ihrer Familie kennt.


    Nicht nur Opa wird Augen machen wenn sie mit all den Informationen und Neuigkeiten nach Hause kommt!


    Im Sog der alten Geschichten

    Es ist spannend, wie die unfreiwillige Ahnenforscherin Johanna immer tiefer in den Sog ihrer eigenen Familiengeschichte gerät.


    Schließt sich am Ende nach über hundert Jahren der Kreis, oder fängt der ewige Wechsel zwischen Glück und Katastrophen nur wieder von vorne an? Immer, wenn gar so eitel Sonnenschein herrscht, wird man als Leser*in ja ein bisschen misstrauisch. Aber vielleicht darf man bei Familien- und Liebesromanen diesbezüglich nicht so streng sein.


    Man merkt, dass die Autorin intensiv vor Ort und in Sachen Zeitgeschichte recherchiert hat. Es ist immer gut zu wissen, dass ein*e Schriftstelller*in ganz genau weiß, wovon er/ sie schreibt und uns kein X für ein U vormacht. Das führt zwar manchmal zu ein bisschen mehr Informationen als man zum Verständnis der Geschichte gebraucht hätte, aber Wissen schadet nie.


    Johanna Silcredi ist eine angenehm unperfekte Heldin mit sympathischen Macken. Zum Entsetzen ihres engsten Umfelds spricht sie zum Beispiel mit Gegenständen. Jeder hofft nur, dass sie das nicht auch in der Öffentlichkeit tut. ;-) Herrlich ist auch ihre Freundin, die Flugbegleiterin Judith, die stets unverblümt das ausspricht, was ihr gerade durch den Kopf rauscht. Und natürlich Johannas Eltern, die auf alle möglichen und unmöglichen Ereignisse miteinander wetten. Das ist schon reichlich skurril!


    Gewundert habe ich mich über den extravaganten Vornamen der Großmutter. Das passte gar nicht zu diesen konservativen Menschen. Nach ca. 300 Seiten bin ich dann darauf gekommen, dass es sich dabei um eine Kurzform von Maria-Theresia handeln muss.


    Ein Personenverzeichnis wär‘ nett

    Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Vermisst habe ich lediglich ein Personenverzeichnis, oder besser noch, einen Stammbaum der Familien (von) Silcredi und Uhlrich. Im Innenteil der Buchklappen wäre jede Menge Platz dafür gewesen. Wenn in einem Roman ungefähr halb so viele Personen vorkommen wie in der Bibel, ist so etwas ein prima Service!


    Ich fand es ärgerlich dass ich mich in Kapitel 7 damit abgemüht habe, mir die gesamte Hamburger Uhlrich-Sippe einzuprägen um dann festzustellen, dass im Verlauf der Ereignisse nur Charlotte wichtig war. Das weiß man als Leser*in aber vorher nicht und hält sich unnützem Informationsballast auf. Derlei Fakten kann man wunderbar in Verzeichnissen auslagern. Nur so als Anregung.


    Die Autorin

    Beate Maxian (geb. als Österreicherin in München) lebt in Oberösterreich und Wien, schreibt Romane, Kriminalromane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Sie wurde mit dem Stipendium des Literaturhauses Wiesbaden ausgezeichnet und für mehrere Preise nominiert. Ihre Wien-Krimis mit der Journalistin Sarah Pauli sind Bestseller in Österreich. Sie ist die Begründerin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi Literatur Festival.at www.maxian.at

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    Michael Meisheit: Wir sehen dich sterben. Thriller, München 2019, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-43982-5, Softcover, 446 Seiten, Format: 11,9 x 3,5 x 18,7 cm, Buch: EUR 10,99, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    Manchmal verrät schon die Entstehungsgeschichte eines Romans ein wenig davon, was den Leser erwartet. Dass der Autor TV-Serien und Liebesromane – mit und ohne Fantasy-Elemente – schreiben kann, wissen wir. Er ist ein Profi. Seinen ersten Thriller hat er „ins Blaue hinein“ geschrieben, ohne zu wissen, ob er einen Verlag dafür finden würde. Das Exposé des fertigen Romans hat er dann an eine Literaturagentur geschickt. „Sechs Monate kann es dauern, bis so ein vielbeschäftigter Agent sich meldet, sagte man mir“, schreibt er in seiner Danksagung (Seite 445/446). „(…) Die müssen ja erst einmal lesen, und das dauert ewig. Nicht sechs Monate, sondern exakt sechs Stunden nach meiner Mail mit dem Exposé hat Felix [der Agent] sich gemeldet (…)“ (Seite 446)


    Man kann also davon ausgehen, dass die Geschichte eine gewisse Sogwirkung entwickelt. Und, ja, das kann ich bestätigen!


    Nina will Blinden die Sehkraft wiedergeben

    Nina Kreuzer heißt die Heldin, die völlig unvorbereitet in eine ebenso wahnwitzige wie gefährliche Situation hineingerät. Sie ist Augenärztin und Biologin und hat, seit ihr Vater in jungen Jahren durch einen Unfall erblindet ist, ein Kindheitstrauma und eine Mission: Sie will Blinden das Augenlicht wiedergeben. In einem in den Sehnerv implantierten Chip sieht sie eine Chance. Auf diesem Gebiet forscht sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Christoph Becker an einer Universität.


    Die Beziehung und die Zusammenarbeit der beiden läuft akkurat so lange, bis für Christoph privat und beruflich etwas Besseres des Weges kommt. Privat in Gestalt der IT-Spezialistin Franziska, beruflich in Form eines Jobangebots des Internetmoguls Philipp „Ruby“ Rubinski. Dieser pervertiert die Idee des engagierten Forscherpaares zu MYVIEW.


    Die Firma GEM pervertiert Ninas Idee

    Christoph Becker nimmt das Angebot an, Nina Kreuzer ist raus aus der Nummer. Damit will sie nichts zu tun haben. Hat sie auch nicht – bis eines Tages eine GEM-Mitarbeiterin auf sie zukommt und sie um Hilfe bittet. Sie hat im Internet ein halbes Dutzend Livestreams entdeckt von Leuten, die offensichtlich keine Ahnung davon haben, dass alles, was sie sehen, irgendwohin übertragen, aufgezeichnet und beobachtet wird. Unfreiwillige Versuchskaninchen!


    Als die beiden Frauen auch noch beobachten, wie einer der Probanden kaltblütig ermordet wird, geht Nina zur Polizei. Es dauert eine Weile, bis man ihr dort glaubt. Kriminalkommissar Tim Börde hört wieder mal auf sein viel geschmähtes Bauchgefühl und geht der Sache nach. Die Streams sind ja nicht wegzudiskutieren. Und wenn eine der Versuchspersonen von einem Profikiller ausgeschaltet worden ist, ist nicht auszuschließen, dass die anderen ebenfalls in Gefahr sind.

    • Problem 1: Niemand weiß, wer die Probanden sind.
    • Problem 2: Tim kann sich nicht auf alle seine Kollegen verlassen. Er hat Grund zur Annahme, dass es in ihren Reihen einen „Maulwurf“ gibt, der der Gegenseite zuarbeitet.
    • Problem 3: Auch in der Firma GEM ist unklar, wem man trauen kann und wem nicht.

    Ahnungslose Probanden in Lebensgefahr

    Für den folgenden Tag ist eine öffentliche Präsentation des bislang geheimen Projekts MYVIEW geplant. Dieses Ereignis sollen die Probanden vermutlich nicht mehr erleben …


    Zusammen mit Nina und ein paar befreundeten Polizeibeamten schlägt Kommissar Tim Börde in seiner Wohnung ein provisorisches Hauptquartier auf. Sie gehen jedem noch so kleinen Hinweis nach, um die Probanden aufzuspüren, zu warnen und zu retten. Doch die Gegenseite, wer auch immer dahinterstecken mag, ist hochprofessionell organisiert und ausgestattet, hat ihre Augen und Ohren überall – und der Profikiller erledigt unerbittlich seinen Auftrag.


    Trotz der dramatischen Handlung muss man manchmal schmunzeln. Für einen besonders schamhaften jungen Polizisten ist das Überwachen der Livestreams eine Tortur. Zu viele Informationen für armen Kerl! Der Spott seiner Kolleg*innen ist ihm gewiss.


    Nina lässt sich von der Polizei nichts sagen

    Eine der Unwägbarkeiten bei diesen heimlichen polizeilichen Ermittlungen ist Zivilistin Nina Kreuzer. Sie lässt sich von den Anordnungen der Polizisten nicht beeindrucken und macht, was sie für richtig hält. Auch wenn es Tim und seinen Kolleg*innen nicht passt, geht sie, die eine offizielle Einladung besitzt, am Sonntag Abend zur MYVIEW-Präsentation in die Firmenzentrale von GEM – wo es zu einem hochdramatischen und actionreichen Showdown kommt.


    Erfahren wir jetzt, wer auf wessen Seite steht? Und kommen alle, mit denen wir nun 400 Seiten lang nägelkauend mitgefiebert haben, mit dem Leben davon?


    Von Samstag früh bis zum Sonntag Abend (kurz vor der Tagesschau ;-) ) folgen wir Nina, den Probanden und Polizisten bei ihrem mörderischen Wettlauf gegen die Zeit. Es bedarf einer starken Willensanstrengung, das Buch zwischendrin wegzulegen und sich dem eigenen Alltag zu widmen, weil es einfach so spannend ist.


    Das Seelenleben des Auftragsmörders

    Interessant sind die Einblicke in die Gedankenwelt des Auftragsmörders.


    Kurz und gut: Meisheit kann auch Thriller. Und wie! Allerdings habe ich wieder mal ein kleines Prolog-Problem: Ich kann die Personen aus dieser packenden Szene nicht zweifelsfrei in den Roman einsortieren. So bleibt er ein „Appetithäppchen“, das gleich zu Beginn zeigt, welche Spannung der Autor aufbauen kann. Ich hätte das jetzt nicht gebraucht. Ich hab’ ihm das auch so geglaubt.


    Der Autor

    Michael Meisheit, 1972 in Köln geboren, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch und ist seit über zwanzig Jahren im deutschen Fernsehgeschäft aktiv. Heute lebt Meisheit mit seiner Familie in Berlin-Kreuzberg, gegenüber von Polizeiabschnitt 52 und in Fußentfernung vom Tempelhofer Flughafen – also mitten in seiner Geschichte.

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    Tanja Brandt: Die Eulenflüsterin: Was ich von meinen Tieren über das Leben lernte, Köln 2019, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-7857-2664-8, Hardcover mit Schutzumschlag, 219 Seiten, mit Farbfotos, Format: 14,4 x 2,7 x 22,3 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 14,99.


    „In meinem Elternhaus hatte ich wenig Gelegenheiten, mich als liebenswerten Menschen wahrzunehmen, an mich selbst zu glauben und Beziehungen zu vertrauen. Dennoch sind Tiere für mich kein Ersatz, sondern eigenständige Wesen (…). Auch vermenschliche ich die Tiere nicht, sondern sehe sie so, wie sie sind mit all ihren arttypischen und individuellen Eigenschaften, ihrer Wildheit und ihrer Liebenswürdigkeit.“ (Seite 111)


    Wie viele andere Leser*innen, bin auch ich das erste Mal bei Facebook mit Tanja Brandts stimmungsvollen Tierfotos in Berührung gekommen. Ihre Bilder verschiedener Eulen, Greifvögel, oft zusammen mit ihrem Belgischen Schäferhund, sind unverwechselbar. Ich kenne inzwischen auch den einen oder anderen ihrer Bildbände und daher die Persönlichkeiten ihrer Eulen.


    Da ist zum Beispiel der miesepetrige Gandalf, eine Weißgesichtseule, die gerne zu Fuß geht. Da ist die divenhafte Schnee-Eule Uschi, weder Schnee noch männliche Artgenossen leiden kann. Und da ist der sibirische Uhu Bärbel, der sich irgendwann als Terzel (Männchen) entpuppt hat, aber seinen Mädchennamen behalten muss, weil er darauf hört. Das sind nur drei von vielen Tieren, die im Lauf der Zeit bei Tanja Brandt ein neues Zuhause gefunden haben, weil sie aufgrund ihrer Vorgeschichte in freier Wildbahn nicht mehr überlebensfähig wären.


    Ein Leben für die Tiere

    Was ich bislang nicht gewusst habe: Wie es dazu gekommen ist, dass die Autorin ihr Leben den Tieren gewidmet hat. Angefangen hat das schon in ihrer Kindheit, und der Auslöser war nicht sehr erfreulich:

    Tiere urteilen nicht

    Nur in der Gesellschaft von Tieren darf Tanja so sein, wie sie will, denn Tiere urteilen nicht. Diese Erfahrung macht sie schon in der Grundschule. Herzzerreißend ist die Geschichte mit dem Pferd. Ihr Vater muss schon ein sehr grausamer Mensch gewesen sein.



    Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Ihre Kindheitsträume von einer Farm mit vielen Tieren und einer Karriere als Buchautorin rücken in weite Ferne. Ihr Leben ist unstet. Sie wechselt Lebenspartner und Wohnorte, züchtet Hunde, heiratet eine Internetbekanntschaft, arbeitet als Fernfahrerin und Spediteurin, ohne die dafür die nötigen Voraussetzungen zu haben und ist ständig im Stress.


    Ein neues Leben nach schwerer Krankheit

    Nach einer schweren Erkrankung ändert sie ihr Leben. Sie lässt sich zur Falknerin ausbilden und bringt sich selbst das Fotografieren bei (alle Achtung!).


    Als sie schließlich eine Wohnung auf dem Gelände einer Falknerei bezieht, ist sie ihrem Kindheitstraum schon ziemlich nahe. Hier kann sie die Tiere halten, die sie so liebt. Nicht nur ihren Schäferhund Ingo, sondern auch die intelligente Wüstenbussard-Dame Phönix und diverse Eulen, von denen hier schon die Rede war. Weil sie alle als Individuen wahrnimmt, stellt sie fest, dass sie vieles von ihnen lernen kann.


    • Wüstenbussard Phönix lässt sich nicht verbiegen und lässt ihre Aggressionen ungefiltert heraus. Diese direkte und ehrliche Reaktion sorgt für Klarheit. Das würde einem Menschen wie Tanja, der sich immer so zurücknimmt, auch dann und wann guttun.
    • Hund Ingo und Steinkauz Poldi sind über die Artengrenzen hinweg befreundet. Sie lehren uns „den wahren Wert der Freundschaft: den anderen in seinem Wesen anzunehmen, füreinander einzustehen und jedem seine Eigenheiten und Freiräume zu lassen.“ (Seite 139)
    • Gandalf, die grantige Weißgesichtseule, unternimmt nicht einmal den Versuch, es allen recht machen zu wollen. Davon kann sich nicht nur die Autorin eine dicke Scheibe abschneiden.
    • Schnee-Eule Uschi stellt sich absichtlich dumm an, um Hilfe zu bekommen. Das ist nicht besonders fair, aber mitunter sehr wirkungsvoll …

    Das sind nur vier Beispiele. Jedes von Tanjas Tieren hat eine eigene Lektion zu bieten.


    Gefährliche Tierrettung

    Natürlich kümmert sich Tanja Brandt nicht nur um ihre eigenen Tiere, sondern auch unermüdlich um (Greif-)Vögel in Not. Das ist manchmal gefährlich, zum Beispiel, wenn ihre Rettungsmission sie tief ins Gelände oder besonders hoch hinaus führt und auch wenn sie einem Wildfremden in den Wald folgt, nur weil er sagt, dort liege ein verletzter Vogel. Manchmal ist es auch komisch – wenn sie z.B. eilends aus dem Haus rennt, weil ein Tier Hilfe braucht und dann unter den staunenden Augen der Nachbarschaft nur mit Unterwäsche bekleidet im Gebüsch herumkriecht. :-D


    Wenn die Geschichten in Kapitel 17, ALLE MEINE PATIENTEN, halbwegs repräsentativ sind, dann kommt ihre Hilfe oft zu spät und ihre Rettungsaktionen enden weit häufiger in Trauer und Frustration als mit dem Glücksgefühl, ein Leben gerettet zu haben. Dafür, dass Tanja Brandt trotzdem immer weitermacht, verdient sie unseren Respekt und unsere Bewunderung.


    Auch wenn man ihr in ihrer Kindheit und Jugend etwas anderes eingeredet haben mag: Sie macht eine ganze Menge richtig, und das macht sie sehr gut.


    Berührend und humorvoll

    DIE EULENFLÜSTERIN ist berührend und lehrreich und trotz vieler tragischer Ereignisse humorvoll und unterhaltsam erzählt. Natürlich gibt’s auch eine Anzahl von Tanja Brandts wunderbarer Tierfotos. Ohne Bilder wäre ein Buch über eine Tierfotografin ja nicht vollständig. Ich werde ihre Arbeit jetzt mit ganz anderen Augen betrachten.


    Die Autorin

    Tanja Brandt, 1968 in Stuttgart geboren, ist Falknerin und Fotografin und fotografiert seit vielen Jahren, Eulen, Greifvögel und Hunde – vor allem die Freundschaft ihres Hundes zu den Eulen. Sie ist auch eine begeistere Wildlife-Fotografin. In ihren Workshops erklärt sie nicht nur, wie man die Kamera richtig bedient, sie zeigt auch, wie man mit Tieren einfühlsam umgeht und wie und wo man Gelegenheit bekommt, sie zu fotografieren.

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    Simone Dorra, Ingrid Zellner: Ein Band aus Stahl. Band IV der Kashmir-Saga, Hamburg 2019, Tredition, ISBN 978-3- 7497-4071-0, Softcover, 518 Seiten, Format: 17 x 2,7 x 24,4 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 4,99.


    „Plötzlich sah er Sameera vor seinem geistigen Auge. Du würdest mir wahrscheinlich widersprechen, meine Liebste, aber manchmal muss man der Gerechtigkeit sein Schwert leihen, wenn das ihre stumpf geworden ist.“ (Seite 285)


    Srinagar/Kashmir: Strategie sei nun mal nicht sein Ding, erklärt Taxifahrer Raja Sharma schulterzuckend, als er gegen seinen Kumpel, den Waisenhausleiter Vikram Sandeep, beim Schachspiel verliert. Ein cleverer Stratege zu sein, das hat in seinen 50 + Lebensjahren auch noch niemand von ihm verlangt – bei der Arbeit nicht, damals im Knast nicht und in der Familie auch nicht.


    Raja ist ein liebevoller, großzügiger, emotionaler und ziemlich impulsiver Familienmensch. Außerdem ist er überaus hilfsbereit. Als er gehört hat, dass das Waisenhaus seines Kumpels in Srinagar einen schweren Sturmschaden erlitten hat und dringend ein neues Dach braucht, hat er nicht nur die 10 Kinder des Hauses bei sich und seinen Verwandten in Shivapur/Maharastra einquartiert, er hat sich auch sofort zusammen mit seinem ältesten Sohn und einem befreundeten Kollegen ins nächste Flugzeug gesetzt, um Vikram Sandeep und dessen Frau Sameera beim Wiederaufbau des Waisenhauses zu helfen.


    Die Geister der Vergangenheit

    Die Zusammenarbeit mit Sandeeps und den lokalen Handwerkern läuft bestens. Trotz des ernsten Anlasses hat der Bautrupp eine Menge Spaß. Nur Vikram ist nicht ganz bei der Sache. Ihm fehlen seine Pflegekinder, er sorgt sich aus nachvollziehbaren Gründen um die Gesundheit seiner Frau, und er kämpft wieder einmal gegen Gespenster aus seiner Vergangenheit.


    Bevor Vikram das Waisenhaus gegründet hat, ist er 25 Jahre lang als Agent der Abwehr gewesen. Während dieser Zeit hat er so manches getan, worauf er heute nicht sehr stolz ist, und er hat sich mächtige Feinde gemacht.


    Mehr im Spaß überträgt er vor seiner Abreise seinem Freund Raja die Verantwortung für das Haus und das Wohlergehen seiner Frau. Was soll in der kurzen Zeit schon schiefgehen?

    Doch Murphys Gesetz gilt auch in Indien: Als Sameera nicht von einem Routinecheck aus der Klinik zurückkehrt, rennt Raja panisch zur Polizei. In der Stadt findet gerade eine Demonstration statt. Vielleicht ist Sameera auf dem Rückweg dort hineingeraten und versehentlich verhaftet worden?


    Auf dem Heimweg spurlos verschwunden

    Wie’s der Teufel will, gerät Raja ausgerechnet an Avan Gupta. Als dieser begreift, dass er nicht nur Vikram Sandeeps Frau in seiner Gewalt hat, sondern auch noch dessen besten Freund, sieht er eine einmalige Chance, es seinem alten Feind so richtig heimzuzahlen. Also kehrt auch Raja nicht mehr ins Waisenhaus zurück.


    Als Vikram aus Delhi zurückkommt und Frau und Kumpel verschwunden sind, zählt er zwei und zwei zusammen. Da kann nur Avan Gupta dahinterstecken, der möglicherweise Wind von dem Untersuchungsausschuss bekommen hat!


    Amateure auf Rettungsmission

    Was jetzt? Zur Polizei kann Vikram nicht gehen, die steckt mit seinem Erzfeind unter einer Decke. Aufs Militär kann er nicht mehr zählen, dazu ist er zu lange raus aus dem Geschäft, wiewohl er noch inoffizielle Kontakte zu hochrangigen Offizieren hat. Also muss er für seine Such- und Rettungsmannschaft auf die Hilfe von Freunden zurückgreifen. Doch das sind allesamt Laien, deren Nahkampferfahrung kaum über eine Wirtshausrauferei hinausgeht. Der, auf dessen Schießkünste er vertrauen können muss, hat noch nie zuvor eine Waffe in der Hand gehabt. Das wird das absolute Himmelfahrtskommando!


    Die meisten Mitglieder der improvisierten Rettungsmannschaft hätten sich nie träumen lassen, einmal „der Gerechtigkeit ihr Schwert leihen“ und Selbstjustiz üben zu müssen, aber in der Not wachsen sie über sich hinaus. Und Raja Sharma, der Mann, der von sich behauptet, seiner Lebtag noch keine Strategie gehabt zu haben, braucht nun ganz dringend eine ...


    Schwer erträgliche Gewaltexzesse


    Kenner*innen der Reihe begegnen hier einem vertrauten Muster wieder: Je besser es den Sandeeps und Sharmas geht, desto schlimmere Katastrophen hält das Schicksal für sie bereit. Es wird einem schon angst und bange, wenn man sie eingangs so fröhlich an ihrem Haus herumwerkeln sieht. Das kann nicht lange gutgehen! Diese Ängste kennen wir vermutlich alle aus dem eigenen Leben. In einer so unruhigen Gegend wie Kashmir und bei Menschen, die von schlimmen (Gewalt-)Erfahrungen geprägt und traumatisiert worden sind wie die Helden dieser Romanreihe, ist das Unglück, das sie trifft, natürlich ungleich dramatischer als bei uns Leser*innen. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ nimmt hier gewaltige Dimensionen an.


    Es gibt noch Wunder

    Ein bisschen Bollywood-Feeling gibt’s schon auch. Der Handlungsstrang mit Azad und Ameera ist rührend, aber vielleicht doch der glücklichen Zufälle ein bisschen zu viel. Ein, zwei Wunder pro Roman würden mir eigentlich reichen. Aber das ist Geschmacksache und ohnehin nur eine winzige Nebenhandlung in dieser großen Saga.


    Die Geschichte der Entführung bzw. Rettungsmission hatte fast mehr Spannung als ich ertragen konnte. Ich gestehe, gelegentlich vorgeblättert zu haben um zu gucken, ob es Hinweise auf eine erfolgreiche Geiselbefreiung gibt, weil ich die Spannung sonst nicht ausgehalten hätte.


    Besonderer Service

    Ganz vorne im Buch ist dankenswerterweise ein Hinweis darauf, dass es im Anhang ein Glossar und ein Personenverzeichnis gibt. In die Dialoge sind immer wieder Begriffe auf Arabisch, Hindi und Urdu eingestreut. Wer genau wissen will, was sie bedeuten, kann hinten im Band nachschlagen, doch was gemeint ist, erklärt sich eigentlich meist aus dem Zusammenhang. Auch das Personenverzeichnis ist hilfreich, wobei man aber auch wunderbar klarkommt, wenn man die Bewohner*innen des Waisenhauses nicht alle mit Vor- und Zunamen kennt und die Mitglieder von Raja Sharmas großer Familie mit der ständig wachsenden Kinderschar nicht auseinanderhalten kann.


    Drei weitere Bände in Planung

    Noch drei weitere Bände der Reihe sind geplant. So langsam müssten eigentlich alle alten Feinde unserer Helden ausgeschaltet sein oder das Interesse an ihnen verloren haben. Auch für Erzfeinde und Mistkerle geht das Leben schließlich weiter. Aber ich bin sicher, die Herrschaften werden durch ihre Hilfsbereitschaft und ihren Gerechtigkeitssinn trotzdem Möglichkeiten finden, sich auch in Zukunft in lebensgefährliche Situationen zu bringen. Die politische Lage im Land dürfte das ihrige dazu beitragen. Und ich werde die Reihe weiterhin sehr interessiert verfolgen.


    Die Autorinnen

    Simone Dorra wurde 1963 in Wuppertal geboren, machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin und arbeitete mehrere Jahre als kirchliche Radio-Redakteurin für den Privatfunk. Sie ist verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Autorin von bislang drei Büchern im Silberburg-Verlag Tübingen. Als begeisterter Fan von Indien und Kashmir schrieb sie DAS HAUS DES FRIEDENS als Soloprojekt und setzte es gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Ingrid Zellner zu einer Serie in insgesamt sieben Bänden fort, die in den Jahren 2017 bis 2022 erscheinen werden. www.simonedorra.de


    Ingrid Zellner, geboren 1962 in Dachau. Studium der Theaterwissenschaft, der Neueren deutschen Literatur und der Geschichte in München. 1988 Magisterexamen. Dramaturgin 1990 bis 1994 am Stadttheater Hildesheim und 1996 bis 2008 an der Bayerischen Staatsoper München. Veröffentlichung von Romanen, Krimis, einem Kinderbuch, Kurzgeschichten, Theaterstücken, CD-Booklet-Texten und Artikeln. Freiberufliche Tätigkeit u.a. als Übersetzerin (Schwedisch) sowie als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. http://www.ingrid-zellner.de

    www.kashmirsaga.de

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    Martin Puntigam, Florian Freistetter, Helmut Jungwirth: Warum landen Asteroiden immer in Kratern? 33 Spitzenantworten auf die 33 wichtigsten Fragen der Menschheit, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-34961-1, Softcover, 285 Seiten mit s/w Illustrationen von Büro Alba, Format: 13,6 x 2 x 21 cm, Buch: EUR 11,90 (D), EUR 12,30 (A), Kindle: 11,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Jedes Mal, wenn sich beim Lesen der ‚Ahso, das merke ich mir jetzt mal‘-Modus einschaltet, haut es einem eine neue und schräge Wendung ums Gehirn“, schreibt Mark Benecke in seinem Vorwort. (S. 15). Verantwortlich für dieses unterhaltsame Sachbuch sind die „Science Busters“, die für ihre Bühnenshow schon mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurden. Seit 2011 bestreiten sie eine Fernsehshow im ORF und auf 3sat. Für FM4 haben sie seit 2007 über 500 Radiokolumnen gestaltet und ihre Bücher sind Beststeller. Sie versprechen „Wissenschaft für alle auf hohem performativen, wissenschaftlichen und humoristischen Niveau“. (Seite 9), und die drei Autoren sind mir auch schon im Umfeld der GWUP* bzw. der Skeptiker begegnet.


    Wissenschaft – kein Kindergarten

    Ohne diese Referenzen hätte ich das Buch gar nicht erst in die Hand genommen, denn auf den ersten Blick sieht die titelgebende Frage ja eher nach Kindergarten als nach Wissenschaft aus. Ist doch klar, dass sich die Meteoriten keinen Krater suchen, sondern einen machen! ;-)


    Das stellt der Autor auch gar nicht in Abrede. Er empfiehlt uns sogar, den Vorgang nachzustellen, indem wir Steine in einen Sandkasten werfen. Natürlich nur, wenn gerade keine Kinder drin sitzen. Aber … Moment! Bei unserem Experiment werden die Krater ja gar nicht so kreisrund wie bei den Meteoriten! Irgendwas müssen die also anders machen als wir mit unseren Steinen. Und schon sind wir mittendrin in den ebenso launigen wie sachkundigen Erläuterungen und erfahren, wie so ein „komplexer Krater“ entsteht. Wie man ihn von einem Vulkankrater unterscheidet, erklärt man uns gleich mit.


    Das Buch befasst sich auch mit ganz alltäglichen Phänomenen wie beispielsweise der Frage, warum wir auf dem Weg von einem Zimmer ins andere vergessen, was wir dort gerade tun wollten. Wir kennen dieses Phänomen auch, wenn wir am Computer arbeiten und schnell was nachsehen möchten. Dann erweckt aber dies und das auf dem Bildschirm unsere Aufmerksamkeit, und schon wissen wir nicht mehr, welcher Frage wir eben noch nachgehen wollten. So lästig das sein mag – dass es so ist, hat einen sehr guten Grund ...


    Alltagsfragen und Albernheiten

    Wir lernen etwas über Phantomschmerzen, über Viren, Alkohol, Muskeln, Deos und Aluminium, und hinter der merkwürdigen Frage „Wie klingt Käse?“ verbergen sich hochinteressante Fakten über unser Gehör. Dessen „Features“ lassen sich großteils auf die Anfänge der Menschheit zurückführen: „Damals waren wir noch nicht Bestimmer auf dem Planeten, sondern Futter für andere, weshalb es sehr nützlich war, unsere Fressfeinde nur aus der Ferne zu kennen. Alle, denen dies nicht gelungen ist, sind nicht unsere Vorfahren.“ (Seite 107). Klingt logisch, oder?


    Selbst, wenn man sich das noch nie gefragt hat, erfährt man hier, warum Bierschiss so ekelhaft stinkt und wieso Urin gelb und Kot braun ist. Ein bisschen Pipikacka-Humor muss halt auch sein. Nützlicher sind die Antworten auf Fragen wie ob man das Wetter manipulieren und das Klima wandeln kann und ob Einweghandschuhe an der Wursttheke den Verkäufer, die Wurst oder den Kunden schützen sollen oder ob das ganze eh nur ein unnützer Aufwand ist.


    Haben Engel S*x?

    Schräg wird’s, wenn die bekennenden Atheisten sich damit beschäftigen, ob der Leib Christi glutenfrei ist, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können und ob sie eigentlich Säugetiere sind. Immerhin werden sie auf Bildern mit B r ü s t en und B r u s t w a r z e n dargestellt. Was uns direkt zur Frage ihrer Entstehung bzw. Fortpflanzung bringt: Haben Engel eigentlich S*x?


    Ziemlich anspruchsvoll wird es bei Beiträgen aus dem Bereich Astronomie. Vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil ich mich mit diesem Themenbereich normalerweise nicht so intensiv beschäftige. Den Ausführungen über den Asteroidenbergbau und ob dieser sich lohnt, konnte ich noch folgen. Da ging es auch mehr um Wirtschaft als um Astronomie. Schwarze Löcher dagegen überfordern meine Vorstellungskraft, und die Sache mit den Gravitationswellen habe ich erst dann ansatzweise verstanden, als sich der Verfasser eines volksnahen Vergleichs bediente:


    Von Gravitation und Urzeit-Fürzen

    „Gravitationswellen sind quasi lange verschollen geglaubte Zeugen der Vergangenheit. (…) Vergleichen wir ausnahmsweise eine Gravitationswelle mit einem Furz. (…) Jeder Furz, den Sie einatmen, stammt aus der Vergangenheit. (…) Und so wie eine Gravitationswelle einen Detektor erreicht, so ist Ihre Nase die Messanlage für den Furz. Die nachgewiesenen Gravitationswellen (…) in unserem Gedankenexperiment sind also ein Furz von einem der allerersten vielzelligen Organismen, den dieser (…) vor unglaublich langer Zeit gelassen hat. Quasi ein Urzeitschas.“ (Seite 83/84)


    Okay. :-D –Vielleicht kann man sich das wirklich auf diese bildhafte Weise merken.


    Ich bin leicht zu erheitern. Schulbuben-Humor macht mir nichts aus. Ein bisschen hatte ich aber das Gefühl, dass ich hier etwas lese, das gar nicht für mich bestimmt ist. Hier schreiben männliche Autoren für ein vorwiegend männliches Publikum. Ich glaub’ zum Beispiel nicht, dass es der weiblichen Partnersuche förderlich ist, wenn frau mit fundiertem Wissen über Astronomie aufwarten kann. Wird hier Erfolg beim anderen Geschlecht als Lern-Motivation angepriesen, ist man als Leserin und „nerd in a skirt“ außen vor.


    Informativ und unterhaltsam

    Ich habe mich sehr gut informiert und bestens unterhalten gefühlt. Und ich habe mich besonders über die spezifisch österreichischen Vokabeln, Formulierungen und Redewendungen gefreut, die mir wohlvertraut sind, die ich aber in meinem Umfeld leider nicht mehr allzu oft höre.


    Die Autoren

    Martin Puntigam, geboren 1969 in Graz, Gründungsmitglied der Science Busters, ist mehrfach ausgezeichneter Kabarettist, Autor für Film, Funk und Fernsehen und Lektor an der Universität Graz.

    Der Astronom Florian Freistetter, geboren 1977 in Krems, publiziert als freier Wissenschaftsautor. Sein Science Blog Astrodicticum simplex zählt zu den meistgelesenen Wissenschaftsblogs in deutscher Sprache. Seit 2015 festes Mitglied der Science Busters.

    Helmut Jungwirth, geboren 1969 in Graz, Molekularbiologe, leitet das Geschmackslabor der Universität Graz und lehrt an selbiger als Professor für Wissenschaftskommunikation.

    Die drei treten im Fernsehen und zusammen mit wechselnden Mitstreitern im deutschsprachigen Raum auf.


    *) GWUP = Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften / www.gwup.org

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    Christina Grätz, Manuela Kupfer: Die fabelhafte Welt der Ameisen. Eine Ameisenumsiedlerin erzählt, Gütersloh 2019, Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08728-3, Hardcover mit Schutzumschlag,285 Seiten mit Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß, Format: 14,7 x 3,2 x 22,5 cm, Buch: EUR 20,–, Kindle: EUR 14,99.


    „Wenn ich mir vorstelle, wie Hundertausende Tiere aus den elf Nestern flüchten, Puppen und Innendienstler retten und Zuflucht in einem großen gemeinsamen Nest suchen, dann ist mir warm ums Herz. (...) So sieht echte Frauenpower aus.“ (Seite 126)


    Dass man vor der Realisierung eines Bauvorhabens schon mal Hamster, Echsen oder Käfer umsiedeln muss, hört und liest man ja öfter. Dass auch bestimmte Ameisenarten zu den geschützten Tieren gehören, denen man eine neue Bleibe besorgt, wenn der Mensch sich ihren bisherigen Lebensraum aneignet, war mir neu. Ich hatte mir auch nie Gedanken darüber gemacht, wer solche Umsiedlungen überhaupt vornimmt, was das für eine Knochenarbeit ist und wie man zu so einen Job kommt.


    Die Diplom-Biologin Christina Grätz erzählt uns in ihrem Buch mit einer solchen Begeisterung von dieser Tätigkeit, und Manuela Kupfer, gleichfalls Diplom-Biologin, bringt uns das Alltagsleben und die faszinierenden Fähigkeiten der kleinen Krabblerinnen so nahe, dass man quasi aus dem Stand zum Ameisen-Fan wird. :-)


    Wie man Ameisenumsiedlerin wird

    Niemand hat Christina Grätz an der Wiege gesungen, dass sie mal (unter anderem)mit dem Umsiedeln von Ameisen ihre Brötchen verdienen würde. Ihr Fachgebiet als Biologin ist die Botanik. Sie hat in einem Ingenieurbüro gearbeitet und dort die Bauvorhaben naturwissenschaftlich begleitet. Als auf einem Baugrundstück plötzlich 20 Ameisennester umgesiedelt werden müssen, ist guter Rat teuer. Wer ist dafür zuständig?



    Abtragen, eintüten, anderswo aufbauen

    Und wie rettet man nun Ameisen? Indem man die Nester ausfindig macht, sie vorsichtig abträgt, die Nestinhalte in große Papiersäcke füllt, diese penibel beschriftet, zum Auto trägt und am Zielort alles wieder so aufbaut, wie man es ursprünglich vorgefunden hat. Da kommt oft schweres Gerät zum Einsatz und man bewegt eine enorme Menge an Material. Auf den Fotos im Buch sieht man die Ameisenretter bis zur Hüfte in einer ausgehobenen Grube stehen. Also alles kein Spaß!


    Bei diesen Rettungsaktionen gibt es so manche Überraschung: Nester, die so spät entdeckt werden, dass eine Notfallrettung bei denkbar ungünstiger Witterung vorgenommen werden muss oder Nester, die deutlich größer sind als es zunächst den Anschein hatte. Wie bei Eisbergen liegt auch bei Ameisennestern der größte Teil unter der Oberfläche. Und plötzlich hat man einen enormen Arbeitsaufwand, mit dem kein Mensch gerechnet hat und möglicherweise viel zu wenig Personal.


    Dass Baumstümpfe in Ameisennester eingearbeitet werden, ist normal. Aber was hat es zu bedeuten, wenn man im Fundament eines Nestes Bierflaschen findet? Eine Ameisenparty?


    Die Tiere stecken voller Überraschungen

    Nicht immer gelingen die Umsiedlungen so, wie Christina und ihre Kolleg*innen sich das vorstellen. Mal gefällt den Tieren der neue Standort nicht und sie ziehen wieder um, mal kommt das Rettungsteam zu spät. Sehr berührend ist die Geschichte von den 11 Nestern, die einer Überschwemmung zum Opfer fallen. Nur das zwölfte Nest liegt an einem etwas höheren Standort und bleibt verschont. Also soll wenigstens dieses umgesiedelt werden. Als die Ameisenretter dort zu graben beginnen, trauen sie ihren Augen nicht …


    Es ist schon irre, wozu diese kleinen Tierchen fähig sind!


    Die optisch abgesetzte Info-Texte, die sich mit den lebhaften Schilderungen der Ameisenretterin abwechseln, sind sehr wissenschaftlich und man ertappt sich dabei, sich das Fachvokabular einbläuen zu wollen, als würde man demnächst abgefragt, aber dennoch ist das alles außerordentlich interessant. Ich vermute, dass diese Sachtexte von der zweiten Autorin, Manuela Kupfer, stammen.


    Bauern, Räuber und Vampire

    Dass Ameisen, genau wie Bienen und Wespen, mit denen sie verwandt sind, reine Frauenvölker sind, die nur für den jährlichen Hochzeitsflug ihrer Königinnen Männchen produzieren, ist nichts Neues. Aber egal, was die Tierchen so machen, es klingt außergewöhnlich und spannend –



    Olympiaverdächtige Rekorde


    Wenn nach Lektüre dieses Buches jemand (ehrenamtlich?) Ameisen umsiedeln möchte – personelle Unterstützung ist in diesem Bereich immer willkommen. Die Landesverbände der Ameisenschutzwarte bilden Ameisenheger*innen aus: http://www.ameisenschutzwarte.de


    Die Autorinnen

    Christina Grätz, geboren 1974, ist Diplom-Biologin und dreifache Mutter. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Niederlausitz, ist Unternehmerin und hat bereits über 1.300 Ameisennester in ihrer Laufbahn als Ameisenhegerin umgesiedelt, eines davon sogar auf ihren Hof. Ihre Tätigkeit als Ameisenumsiedlerin erregte im Jahr 2017 besondere mediale Aufmerksamkeit. Beiträge über die Umsiedlung von fast 200 Nestern am Berliner Ring waren deutschlandweit in den Printmedien und im Radio, aber auch in großen Fernsehsendern (ARD-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin, ProSieben Galileo, RTL Aktuell) vertreten.


    Manuela Kupfer, geboren 1968, ist Diplom-Biologin. Sie studierte an den Universitäten Würzburg und Marburg und arbeitet seit 20 Jahren freiberuflich als Lektorin und Fachredakteurin im Bereich Naturwissenschaften und Gesundheit. Ihr Interesse an sozialen Insekten hat sprunghaft zugenommen, seit sie selber Honigbienen hält. Und nachdem sie mehrere Ameisenumsiedlungen begleiten konnte, haben es ihr die emsigen Krabbeltiere ebenfalls angetan.

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    Christine Hutterer – Problem: Alkohol. Wege aus der Hilflosigkeit. Ein Ratgeber für Angehörige und Freunde, Berlin 2019, Stiftung Warentest, ISBN 978-3-7471-0111-7, Softcover, 176 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Fotos: Sibylle Fendt, Format: 16,5 x 1,3 x 21,7 cm, Buch: EUR 19,90, Kindle; EUR 14,99.


    „Das Buch ist für jeden, der sich Sorgen oder Gedanken über den Alkoholkonsum eines nahestehenden Menschen macht. (…) Je früher Sie sich damit auseinandersetzen, wie Sie einer Alkoholkonsumstörung – so der medizinische Fachbegriff – in Ihrem nahen Umfeld begegnen, desto besser sind die Chancen, dass der Betroffene einen Weg aus dem Konsum findet und dass es Ihnen gelingt, gesund zu bleiben. Denn auch Sie leiden.“ (Seite 11)


    Im Umfeld jedes Menschen mit Alkoholproblemen gibt es in der Regel mehrere Angehörige, die mitleiden. Und die können sich verflixt hilflos fühlen. Ein Alkoholproblem beginnt ja schleichend. Erst kriegt man es gar nicht mit, dass der Angehörige zu viel trinkt, dann verdrängt man es, und wenn es nicht mehr zu verdrängen ist, weiß man nicht, was man tun soll. Schimpfen, drohen, weinen, betteln, ihn kontrollieren, also all das, was man instinktiv macht, bringt nichts.

    Nur ungern fragt man in dieser Situation jemanden um Rat, weil Alkoholprobleme immer noch schambehaftet sind. Also recherchiert man heimlich ein bisschen und stößt vielleicht auf Aussagen wie: „Du musst dich ändern, dann ändert sich auch dein Angehöriger.“ ‚Oh‘, denkt man betroffen, ‚er trinkt, weil mit mir was nicht stimmt!‘ Das ist aber weder wahr noch hilfreich.


    Wertvolle Tipps für Angehörige

    Zum Glück gibt es kompetente Anlaufstellen: Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Ärzte, Psychologen etc., die den Angehörigen helfen können. Das Buch zeigt sie uns auf und liefert uns auch sonst eine Vielzahl hilfreicher Informationen. Erst wenn wir die Krankheit verstehen und wissen, was wir tun (können), haben wir die Chance, auf den Erkrankten dahingehend einzuwirken, dass er eine Therapie macht. Zwingen können wir ihn nicht dazu. Das hätte auch gar keinen Sinn. Erst, wenn derjenige selbst einsieht, dass er ein Alkoholproblem hat und daran etwas ändern will, ist die Zeit reif für eine Behandlung.


    Und nochmal: Wir tragen weder die Schuld daran noch die Verantwortung dafür, dass ein Familienmitglied trinkt. Es ist eine Krankheit. Wir müssen uns auch keine neue Persönlichkeit zulegen, um demjenigen zu helfen. Wie können den Betroffenen aber mit etwas Glück und den richtigen Kommunikationstechniken argumentativ erreichen, wenn er nüchtern ist. Wir können ihm das Trinken allerdings ungemütlicher machen, indem wir ihm nicht all seine Arbeit und Verantwortung abnehmen. Und wir können das Nüchternbleiben durch positive Verstärkung belohnen.


    Selbstfürsorge ist wichtig

    Vor allem müssen wir uns gut um uns selbst kümmern. Es nützt niemandem, wenn wir vor lauter Sorgen und Aufopferung vor die Hunde gehen. Im Flugzeug sind wir ja auch gehalten, uns in einem Notfall erst selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen, damit wir dann denen helfen können, die Unterstützung brauchen. Besonders wichtig ist diese Selbstfürsorge, wenn Kinder in die Situation involviert sind, die man schützen muss. Das erfordert viel Kraft. Davon berichten auch die Interviewpartner*innen, die der Autorin in diesem Buch ganz offen ihre Geschichte erzählen. An deren Beispielen sehen wir: Auch wenn zum Teil eine sehr lange Leidensgeschichte hinter ihnen liegt – Alkoholabhängigkeit ist behandelbar. Die Chancen stehen gut, sogar besser als bei anderen Suchterkrankungen.


    Wir erfahren, welche Therapieformen es gibt, was dort im Einzelnen geschieht, wie wir den Angehörigen dabei begleiten können, wie wir mit möglichen Rückfällen umgehen – und was geschieht, wenn alle unsere Anstrengungen vergebens sind und der Alkoholabhängige nicht die Kraft oder den Willen hat, eine Therapie zu beginnen.


    Keine Erfolgsgarantie

    Die Autorin sagt ganz unmissverständlich, dass es keine Erfolgsgarantie gibt. Man kann alle Profitipps minutiös umsetzen und trotzdem scheitern, weil man den Betroffen einfach nicht erreicht. Und/oder weil manche Menschen es vorziehen, ihre Krankheit zu behalten statt sich auf eine ungewisse Zukunft ohne das Hilfsmittel Alkohol einzulassen. Brutal gesagt: Manche sterben lieber als eine Veränderung zu riskieren.


    Im Übrigen ist kein Mitbetroffener verpflichtet, die Tipps in dem Buch zu befolgen und sein Leben neu zu sortieren. Ob er lieber weitermachen will wie bisher oder sich dazu entschließt, den alkoholkranken Angehörigen zu verlassen, weil er die Situation nicht mehr erträgt, ist seine freie Entscheidung. Das ist alles okay.


    Wir sind nicht hilflos und allein

    Das Buch ersetzt keine professionelle Begleitung oder Therapie. Auch das sagt die Autorin ganz deutlich. Es beschreibt aber die Möglichkeiten, die man als Angehöriger hat und zeigt, dass man keinesfalls so allein und hilflos dasteht, wie man im ersten Moment meint.


    Wenn man als Angehöriger dieses Buch rechtzeitig in die Finger bekommt und nicht erst wertvolle Jahre damit verschwendet, mit ungeeigneten Mitteln an dem Problem herumzudoktern, kann man womöglich tatsächlich dazu beitragen, dass der Abhängige noch die Kurve kriegt. Ich wünsche es jeder betroffenen Familie von ganzem Herzen! Es ist auf jeden Fall sinnvoll, es zu versuchen.


    Inhaltsverzeichnis

    Was wollen Sie wissen?

    Maßvoll oder bedenklich?

    Die eigene Rolle (neu) bewerten

    Alltagskonflikte überwinden

    Veränderungen einleiten

    Den Weg aus der Sucht begleiten

    Abstinenz gemeinsam leben

    Hilfe (Adressen)


    Die Autorin

    Dr. Christine Hutterer ist Medizinjournalistin, promovierte Biologin und Autorin. Seit vielen Jahren schreibt sie für Fachkreise, Betroffene und Angehörige unter anderem über Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen.

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    Brigitta Rudolf: Weihnachtsglück auf leisen Pfötchen. Roman, Norderstedt 2018, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-74814715-2, Softcover, 100 Seiten mit drei s/w-Illustrationen von Ulrike Imort, Format: 12,7 x 0,5 x 20,3 cm, Buch: EUR 7,90, Kindle: EUR 3,99.


    Für ihren Ausbildungsberuf, Bürokauffrau, ist Annett Korte einfach nicht gemacht. Doch nach der Schule hat sie keine bessere Idee gehabt, und so ist es zu dieser Verlegenheitslösung gekommen. Nach ein paar Jahren im Job macht sie aber ihr Hobby, das Backen, zum Beruf. Erst verkauft sie ihre traumhaften Torten übers Internet, und als sich die Gelegenheit bietet, ein kleines Café in der Innenstadt zu übernehmen, packt sie diese Gelegenheit beim Schopf


    Vom eigenen Café träumen viele, doch es auf Dauer rentabel zu führen, ist kein Kinderspiel. Auch bei Annett läuft’s mehr schlecht als recht. Vom Backen versteht sie was, vom Marketing eher nicht.


    Himmlischer Beistand erwünscht

    In ihrer Zukunftsangst reaktiviert sie ihren Kinderglauben und bittet den Erzengel Michael um himmlischen Beistand. Nicht, dass sie ernsthaft damit rechnen würde, dass da nun was passiert.


    Oder ist etwa der schusselige Unternehmensberater die Antwort auf ihre Gebete? Der Mann, seine Rechnung im Café nicht bezahlen kann, weil er seinen Geldbeutel im Büro liegengelassen hat? Er ist zwar vergesslich aber nett. Zuverlässig ist er auch, denn gleich am nächsten Morgen begleicht er seine Schulden. Zum Dank für ihr Vertrauen verspricht er Annett, ihr dabei zu helfen, das Café ein bisschen bekannter und erfolgreicher zu machen. Ach ja: Und er heißt wie der Erzengel, den sie um Hilfe gebeten hat: Michael.


    Man könnte wirklich denken, ihn habe der Himmel geschickt. Eine Lesung mit Annetts Autoren-Freundin Claudia möbelt er jedenfalls zu einem gut besuchten weihnachtlichen Event auf.


    Kleine Katze – große Pläne

    Als Annett nach einem Geschäftsessen auf dem Parkplatz des Restaurants ein verlassenes und halb verhungertes Katzenkind aufliest – und natürlich behalten will – hat Michael spontan eine neue Geschäftsidee. Diese umzusetzen würde allerdings eine beträchtliche Investition erfordern – Geld, das Annett nicht hat. Es würde auch eine Menge Papierkram und Lauferei anfallen und die Neuerungen dürften bei Annetts Stammkundschaft nicht auf einhellige Begeisterung stoßen.


    Sind Michaels Pläne überhaupt realisierbar oder ist das alles nur eine Kateridee?


    In dieser Geschichte gibt es keine Antagonisten. Also keine Bösewichte, die unserer Heldin das Leben schwer machen und ihr Glück und ihren Erfolg mit aller Macht verhindern wollen. Der Verwirklichung ihrer Träume stehen nur die ganz normalen Widrigen des Lebens entgegen. Man kann sich als Leserin gut in Annetts Situation einfühlen, insbesondere, wenn man Katzen liebt. Man will unbedingt wissen, ob sie ihr Projekt zum Laufen kriegt und ob die Begegnung mit Michael sich als Fluch oder als Segen erweist.


    Ein charmanter Kurzroman

    Gegen Schluss macht die Geschichte einen Sprung. Sie wird quasi um ein Jahr vorgespult und wir erleben im Zeitraffer, was aus Annetts Vorhaben geworden ist. Es bleiben keine Fragen offen, aber dieser Schluss kommt doch etwas plötzlich. Gut: Bei 100 Seiten mit großer, gut lesbarer Schrift, ist das gar nicht anders möglich. Da kann man nicht jeden Entwicklungsschritt auserzählen.


    WEIHNACHTSGLÜCK AUF LEISEN PFÖTCHEN ist ein charmanter Kurzroman, an dem vor allem Katzenfreund*innen ihre Freude haben werden. Auch wenn Titel und Buchcover suggerieren, dass es sich hier um eine weihnachtliche Geschichte handelt: So stark ist die Fokussierung auf das Christfest gar nicht. Man kann das Buch gut zu Weihnachten verschenken. Lesen kann man es das ganze Jahr über.


    Die Autorin

    Die Autorin Brigitta Rudolf lebt und arbeitet mit ihrem Mann und Kater Jonny am Rande einer kleinen Kurstadt am Südhang des Wiehengebirges.

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    Sibylle Luise Binder: Die Flucht der Trakehner – Eine dramatische Geschichte von Menschen und Pferden. Roman, Stuttgart 2019, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-15943-9, Klappenbroschur, 304 Seiten, zwei Landkarten im Umschlag-Innenteil, Format: 13,7 x 2,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 14,99.


    „Ja, ja, ich weiß …“ [Joachim] warf seine Angel aus und es sah so aus, als wenn er mit dem scharfen Haken die Machthaber treffen wolle, „… du bist unpolitisch! Politik interessiert dich nicht, du willst nur in Ruhe dein Gütchen bewirtschaften, hübsche Pferdchen und Kinderchen züchten …“ (Seite 65)


    Ostpreußen, im September 1943: Ganz unberechtigt ist der Vorwurf nicht, den Joachim Graf von Tranckow hier seinem Jugendfreund Dr. Jesco von Esten macht. Jesco nimmt alles als gegeben hin. In seiner Familie ist man eben Freiherr, Gutsherr, Landwirt, Pferdezüchter und Soldat. Warum die hohen Herren einen Krieg anzetteln, darüber macht er sich nicht so wahnsinnig viele Gedanken.


    Verheiratet ist Jesco von Esten mit Sophie, Dr. der Agrarwirtschaft, genau wie er, und die Tochter des Gutsverwalters seiner Eltern. Das junge Paar eint, neben der Liebe zueinander, die Liebe zur Natur, zur Landwirtschaft und den Pferden. Jesco und Sophie sind, um im Bild zu bleiben, ein gutes Gespann.


    Heimatschuss – und neue Aufgaben

    Natürlich wird Sophie von Ängsten geplagt, als ihr Mann an der Front ist. Im Sommer 1943 kommt er allerdings nach Hause – kriegsversehrt. Seinen linken Arm habe er in Russland gelassen, meint er lapidar. Ein Drama für einen so aktiven Menschen wie ihn, der zudem noch ein begeisterter Musiker war. Aber er lebt, ist wieder daheim auf seinem Gut Jesensee am Persingsee, und er ist mit seiner Frau zusammen. Doch nicht für lange. Da die meisten arbeitsfähigen Männer beim Militär sind, fehlt es in der Heimat an Personal. Jesco von Esten wird trotz seiner Behinderung nicht aus dem Militärdienst entlassen. Man stellt ihn lediglich frei, damit er das Vorwerk Bajohrgallen in Trakehnen leiten kann. Seine Frau darf er nicht mitnehmen. die muss 40 Kilometer weg von zuhause das Gut derer von Tranckow leiten, mit dem der alte Gutsherr hoffnungslos überfordert ist.


    Keine leichte Situation! Das junge Ehepaar ist auf unbestimmte Zeit hunderte von Kilometern voneinander getrennt und sieht sich nur alle paar Wochen mal. Sophies Sorge, dass Jesco aufgrund seiner Behinderung nicht alleine klar kommt, sind durchaus berechtigt. Er hat ja noch gar keine Zeit gehabt, sich an sein Handicap zu gewöhnen. Es fragt auch niemand, ob die Elterngeneration ohne Hilfe von (Schwieger-)Sohn und Tochter auf Jesensee zurechtkommt. Die müssen sich jetzt irgendwie durchwursteln.


    Getrennt und auf sich gestellt


    Flucht in den Westen

    Auch wenn Jesco und Sophie so unpolitisch sind, wie ihr Gutsnachbar ihnen vor einem Jahr vorgeworfen hat: naiv sind sie nicht. Sie wissen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist. Im Herbst 1944 bereiten sie die Flucht vor, jeder an seinem Arbeitsplatz. Sie können nicht zusammen flüchten, weil sie für ihre Leute verantwortlich sind – und Jesco darüber hinaus noch für 300 Pferde, die er tatsächlich übers Frische Haff in den Westen bringen will.


    Als die Kreisleitung nicht genehmigt, dass Gut Tranckow geräumt werden darf, zieht Sophie mit ihren Leuten ohne Erlaubnis los. Sie will nicht warten, bis die Russen im Vorgarten stehen. Und sie hat noch einen weiteren Grund, vor Weihnachten unbedingt im Westen sein zu wollen, von dem ihr Mann allerdings nichts ahnt.


    Mitte Dezember zieht Jesco mit Treck und Pferden los, und nun begleiten wir Leser*innen die beiden Gruppen abwechselnd auf ihrer Flucht. Wie sich Eltern/Schwiegereltern von Gut Jesensee in Richtung Westen aufmachen, erfahren wir nur indirekt.


    Mit der Pferdeherde übers Frische Haff

    Auch wenn uns, genau wie den Protagonisten selbst, bewusst ist, dass wir es nicht mit lauter Unschuldsengeln zu tun haben, ist es dennoch heftig, wenn man quasi mit ansieht, was den Leuten unterwegs alles widerfährt.


    Bange fragt man sich, ob Jesco das Unterfangen wohl überleben wird und ob er seine Familie jemals wiedersieht. Inzwischen ist Sophie von ihrem Treck getrennt worden. Auch da ist der Ausgang offen. Und was aus den Leuten von Jesensee geworden ist, weiß niemand so genau …


    Natürlich könnte man mit Geschichten über Krieg, Flucht und Trakehner ganze Bibliotheken füllen. Auf 300 Seiten kann man das Schicksal kompletter Landgüter und Familienclans nur schlaglichtartig beleuchten.


    Es geht um die Pferde

    Wir Leser*innen brauchen in der Regel menschliche Identifikationsfiguren. Die gibt uns die Autorin in Gestalt von Jesco und Sophie. Aber in erster Linie geht es darum, unter welchen dramatischen Umständen die legendären Pferde von Ostpreußen nach Süddeutschland gekommen sind. Da braucht man als Erzählerin, was die Menschen angeht, Mut zur Lücke. Als Leser*in ist man gut beraten, auf die Zeitangaben bei den Kapitelüberschriften zu achten, denn die Handlung macht nach dem vierten Kapitel plötzlich einen Sprung von einem Jahr. Das ist kein Manko, man stutzt nur im ersten Moment.



    Spannend, mitreißend und informativ

    Das Buch ist spannend, mitreißend und auch noch informativ. Die Autorin erklärt Begriffe, die nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, jeweils in einer Fußnote. Und damit man über das Romanpersonal den Überblick behält, gibt’s im Anhang ein Personenverzeichnis. Das ist bei den langen, komplizierten und auch ungewohnten Personennamen ein toller Service. Genau wie die Landkarten. Die eine zeigt das gesamte Ostpreußen, auf der anderen kann man die Route der verschiedenen Trecks verfolgen.


    Sibylle Luise Binder hat’s mit diesem Buch geschafft: Obwohl weder Ostpreußen noch Trakehner jemals eins meiner Kernthemen war, will ich jetzt mehr darüber wissen. Und das ist ja nicht das Verkehrteste, was ein Roman auslösen kann.


    Die Autorin

    Sibylle Luise Binder verfügt über langjährige Erfahrung mit Pferden. Die passionierte Reiterin und Pferdebesitzerin ist durch ihre Publikationen in der Pferdeszene bekannt und etabliert. Wenn sie gerade nicht über Pferde schreibt, dann ist sie in Sachen Oper, Krimi oder Geschichte unterwegs. Gerne auch mal alles gleichzeitig.

    Meint ihr sowas?

    Rezensions-URLs zu Titel: Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester (1): Als wir zu träumen wagten. Roman

    Verlag: Diana-Verlag


    Großes Bücherboard Literaturschock.de:

    https://literaturschock.de/literaturforum/forum/index.php?thread/51916-melanie-metzenthin-die-hafenschwester-1-als-wir-zu-träumen-wagten/


    Bücherforum Büchereule:

    https://www.buechereule.de/wbb…agten-melanie-metzenthin/

    Forum von Booklooker

    https://www.booklookerforum.de/viewtopic.php?f=19&t=26950


    Blog "Boxmail" („Wahnsinn im Alltag“):

    https://www.boxmail.de/2019/09…zu-traeumen-wagten-roman/


    Bücherrubrik von Tiergeschichten.de:

    http://www.tiergeschichten.de/…zu-traeumen-wagten-roman/


    Amazon:

    https://www.amazon.de/review/R…cr_srp_d_rdp_perm?ie=UTF8


    Bloggerportal von Randomhouse
    https://blogger.randomhouse.de…al/site/title/559086.html

    Hier müsste die Buchvorstellung irgendwo sein. Mein Problem ist: Habe ich sie in diesem Portal erst mal hinterlegt, finde ich sie in der Regel nicht mehr wieder. Aber Randomhouse wünscht das so, also trage ich sie halt dort ein.


    PS: Da hat's 'nen Haufen so lästiger Sonderzeichen in diesem Posting, die ich ums Verrecken nicht wegkriege. Sorry!

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    Melanie Metzenthin: Die Hafenschwester (1): Als wir zu träumen wagten. Roman, München 2019, Diana-Verlag, ISBN 978-3-453-29233-8, Klappenbroschur, 463 Seiten, Format: 13,6 x 4,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „In dem Moment wusste sie, dass eine Frau alles im Leben erreichen konnte. Sie musste nur mit ganzem Herzen für das eintreten, an das sie glaubte. Wenn man die richtigen Worte am richtigen Ort wählte, wenn man die Menschen damit berührte, dann ging es nicht mehr darum, ob man ein Mann oder eine Frau war. Und somit war der 16. November 1896 der Tag, an dem Martha endgültig erwachsen wurde.“ (Seite 288)


    Hamburg 1892: Bis jetzt ist die Welt der vierzehnjährigen Martha Westphal aus dem armen Gängeviertel noch so halbwegs in Ordnung: Der Vater arbeitet als Schauermann, die Mutter näht in Heimarbeit für ein Weißwarengeschäft und sie selbst soll nach der Schule eine Schneiderlehre antreten. Schwesterchen Anna ist noch zu klein für Zukunftspläne, aber ihr Bruder Heinrich ist ein so heller Kopf, dass er aufs Gymnasium gehen wird. Seit langem spart die Familie schon für sein Schulgeld.


    Auch Martha ist überaus intelligent, wissbegierig und wortgewandt, aber für ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen ist der Besuch eines Gymnasiums nicht vorgesehen. Studieren dürfen Frauen in Deutschland sowieso nicht, und woher sollte sie das Geld nehmen, zu einem Studium ins Ausland zu gehen?


    Familienoberhaupt mit 14

    Dann kommt der Cholera-Sommer und auch die Westphals verlieren Familienangehörige. Der Vater erholt sich nicht mehr von diesem Schicksalsschlag, und auf einmal ist Martha das Familienoberhaupt und muss zusehen, wie Geld ins Haus kommt. Auf keinen Fall so wie bei Nachbarstochter Milli, die von ihrem Stiefvater zur Prostitution gezwungen wird!


    Durch die Pflege ihrer Angehörigen und den Kontakt mit verschiedenen Ärzten hat Martha ihr Interesse für Medizin und ihr Geschick im Umgang mit Kranken entdeckt. Durch Fürsprache eines Mediziners bekommt sie eine Stelle als Hilfskrankenwärterin im Krankenhaus in St. Georg. Die Sitten dort sind rau, die Arbeit hart, schmutzig und schlecht bezahlt. Doch Martha arbeitet sich später im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf gegen alle Widerstände bis zur OP-Schwester hoch.


    Eigentlich ist die Tätigkeit einer ausgebildeten Krankenschwester nur für höhere Töchter vorgesehen. Dass ein Mädchen aus dem Gängeviertel sie ausübt, hat’s noch nie gegeben.


    Martha entdeckt ihr politisches Bewusstsein

    Die engagierte Carola nimmt Martha mit zu Versammlungen der Sozialdemokraten. Auch wenn Martha meint, von Politik nichts zu verstehen: Die Idee von Chancengleichheit und Gerechtigkeit will sie aus vollem Herzen unterstützen.


    Jetzt versteht sie auch, warum ihre Familie und die Leute in ihrem Viertel nie auf einen grünen Zweig kommen – und dass man das durchaus nicht als gegeben hinzunehmen braucht, sondern etwas verändern kann, ja muss.


    Unter dem Begriff „Frauenrechte“ kann sich Martha zunächst gar nichts vorstellen. Doch als die Rednerin loslegt, ist sie Feuer und Flamme.


    Eifrig diskutieren Martha und Carola das, was sie auf den Versammlungen lernen, mit Schwester Susanne, einer sehr gläubigen Kollegin. Die ist gar nicht davon angetan, dass die Roten über die Kirche lästern und ihr im Bereich Wohltätigkeit Konkurrenz machen. Carolas flapsiger Spruch „In unserer Zeit wäre Jesus ein Sozialist geworden“ (Seite 215), kommt bei Susanne nicht gut an. Und so streiten sich die drei engagierten Krankenschwestern über Moralvorstellungen, Vorurteile, Glauben versus Ideologie und etliches andere. Sie brauchen eine ganze Weile, bis ihnen klar wird, dass sie in im Grunde alle dasselbe wollen: den Bedürftigen helfen. Nur der theoretische Ansatz ist jeweils ein anderer. In diesen Streitgesprächen stecken viele interessante Argumente und Denkansätze.


    Die Schwesternschaft verlangt das Zölibat

    Bei den politischen Versammlungen lernt Martha auch Paul Studt kennen, einen Maschinenbau-Ingenieur, der, wie sie, aus einfachen Verhältnissen stammt und seine Wurzeln nicht vergessen hat.

    Nur gibt es da ein Problem: Martha ist Mitglied der „Erika-Schwestern“. Das ist zwar kein religiöser Orden, doch die Schwesternschaft funktioniert nach ähnlich strengen Prinzipien. Von den Schwestern verlangt man einen tadellosen Lebenswandel - und das Zölibat. Hat eine was mit einem Mann, darf sie den Beruf als Krankenschwester nicht mehr ausüben. Klingt verrückt, entsprach aber damals den Tatsachen. Das hat sich die Autorin nicht ausgedacht.


    Auguste hat Martha mit Paul gesehen und weiß auch um ihre Freundschaft zur Prostituierten Milli. Beides ist nicht mit den strengen Statuten der Erika-Schwesternschaft vereinbar. Damit hat sie Martha nun in der Hand ...


    Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen

    Ich liebe es, wenn mir Geschichte und Politik anhand konkreter (fiktiver) Einzelschicksale nahegebracht wird. Es war faszinierend und aufschlussreich, Marthas politischem Erwachen zuzusehen. Plötzlich werden ihr Zusammenhänge klar, über die sie nie zuvor nachgedacht hat und es tun sich Möglichkeiten für sie auf, die Lebensumstände der Menschen in ihrer Umgebung zum Besseren zu verändern. Verblüfft stellt sie fest: Sie ist gar kein Spielball der Mächtigen, sie kann selbst etwas bewirken! Wie viel sie erreichen wird und welchen Preis sie dafür wohl wird zahlen müssen, werden wir in den folgenden Bänden dieser Reihe sehen.


    Ich habe dieses Buch tatsächlich auf einen Rutsch ausgelesen. Hatte ich gar nicht vor. Ich wollte nur mal schnell reinschauen ... Dann stand ich irgendwann vor der Wahl: Gehst du jetzt googeln, wie das mit dem Hafenarbeiterstreik ausgegangen ist oder liest du einfach weiter? Um an den Computer zu gehen, hätte ich aber das Buch aus der Hand legen müssen. Das wollte ich nicht. Also hab ich weitergelesen und immer weiter – und plötzlich war der Band zu Ende.


    Spannend und unberechenbar wie das Leben

    Jetzt werden wir wohl ein Jahr warten müssen, bis wir erfahren, wie es mit Martha und Paul, Carola, Susanne und Auguste, Milli, Moritz, Heinrich und all den anderen weitergeht. Besonders berechenbar ist das nicht, denn Melanie Metzenthins Romanfiguren nehmen sich die Freiheit, auch mal dazuzulernen und ihre Meinung revidieren. Zwielichtige Gestalten sind durchaus imstande, anständig zu handeln, wenn ihnen danach ist. Und die Guten können haarsträubende Fehler begehen. So bleibt’s so spannend wie im wahren Leben.


    Die Autorin

    Dr. Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie einen ganz besonderen Einblick in die Psyche ihrer Patienten, zu denen sowohl Traumatisierte als auch Straftäter gehören. Bei der Entwicklung ihrer Romanfiguren greift sie gern auf ihre beruflichen Erfahrungen zurück.


    PS: Sollte die Rezension aufgrund der Leserunde irgendwo anders platziert werden müssen als hier, dann bitte umbetten.