Beiträge von Vandam

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Aber wer jetzt hier weiter Panik verbreitet, bekommt eine Zwangs-Forenpause verordnet!

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    Adam Hart-Davis: Schrödingers Katze. Und 49 andere Experimente, die die Physik revolutionierten, OT: Schroedinger's Cat And 49 Other Experiments That Revolutionised Physics, München 2019, aus dem Englischen von Hanna Lemke, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-336-8, Softcover, 176 Seiten mit farbigen Illustrationen von Jason Anscomb, Format: 15,1 x 2,2 x 20,8 cm, EUR 16,00.


    In alten Zeiten erklärte man sich Ereignisse, die man nicht verstand, mit Magie oder mit dem Willen der Götter. Doch hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich mit diesen „Erklärungen“ nicht zufriedengegeben haben. Sie haben die Natur beobachtet, Fragen gestellt, Theorien entwickelt, Versuche gemacht und Antworten gefunden. Dies geschah nicht immer im Alleingang. Denker*innen und Forscher*innen haben mit anderen zusammengearbeitet und/oder auf den Erkenntnissen anderer aufgebaut. So haben wir nach und gelernt, wie unsere Welt funktioniert. Und wir lernen noch immer.


    50 bahnbrechende Experimente aus der Physik stellt uns der Autor in diesem Buch vor – von der Antike bis fast in die Gegenwart. Ich kannte Hart-Davis‘ Buch über die revolutionären Experimente in der Psychologie und fand es recht unterhaltsam und informativ. Nun wollte ich wissen, was er mit der Physik, der vielleicht ältesten aller Naturwissenschaften, anstellt.


    Verblüffende Versuche und Schlussfolgerungen

    Nun bin ich wie viele andere Menschen auch, in Physik allenfalls durchschnittlich bewandert. Bringt das Buch trotzdem was? Ja! Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus! Die Fragen der Denker aus Antike und Mittelalter konnte ich ja noch verstehen. Die kann man sich als kritischer Mensch durchaus stellen. Ist Luft „etwas“ oder “nichts“? Wie kriegt man raus, ob ein Objekt wirklich aus Gold ist, oder ob der Goldschmied Rohmaterial abgezwackt und etwas Billigeres hineingemauschelt hat? Warum ist ein Regenbogen bunt? Fallen kleine oder große Gegenstände schneller? Ist die Luft oben auf dem Berg dünner als unten im Tal? Aber wenn es dann an die Versuchsanordnungen oder gar an Formeln geht, wird offenbar, warum diese Herrschaften hier als Physikgenies in die Geschichte eingegangen ist, während ich nur mit einem „Befriedigend“ abgeschlossen habe. ;-)


    Intelligenz, Kreativität und Engagement

    Irgendwann habe ich beschlossen, dass es egal ist, ob ich die Berechnungen nachvollziehen oder nicht und habe das Buch als Hommage an kluge Menschen gelesen, an ihr Beharrungsvermögen und ihre Hingabe an die Sache.


    Manche hatten es ja echt nicht leicht: Monatelang haben die britische Hofastronom Nevil Maskelyne und seine Mitarbeiter im Jahr 1774 bei schlechtem Wetter auf einem schottischen Berg ausgeharrt, der ihm dafür geeignet schien, die Welt zu wiegen (!). Die Idee dahinter: „Wenn man ein Lot neben einen Berg halten, die Abweichung von der Senkrechten ermitteln und daraus die Masse des Bergs ableiten könne, könnt e man die Erdmasse berechnen – und damit auch die des Mondes, der Sonne und anderer Planeten.“ (Seite 55)


    Der Wert, den Isaac Newton ein Jahrhundert zuvor geschätzt hatte, erwies sich zwar im Nachhinein als der exaktere, aber Maskelynes aufwändiges Experiment ist der erste Versuch, die Erdmasse zu ermitteln. Dass Maskelyne gar nicht so scharf darauf war, das Experiment selbst auszuführen und nur auf den Berg klettern musste, weil sich sonst niemand dafür fand, macht das Genie menschlich.


    Menschen und ihre Entdeckungen

    Manchmal hat man das Gefühl, dass die Lebensgeschichte der Forscher*innen nicht weniger interessant ist als das, was sie entdeckt haben. Marie Sklodowska-Curie wäre ein Beispiel – oder Nikola Tesla. Was die Ehefrau von James Joule wohl dazu gesagt hat, als er 1847 die Flitterwochen damit verbrachte, an einem Wasserfall in Südfrankreich den Temperaturunterschied an Beginn und am Ende der Fallstrecke zu messen? Joule war übrigens auch der erste, der das Prinzip der Energieerhaltung formulierte – wenn auch mit einer unwissenschaftlichen Begründung. Und gibt es eigentlich einen nachvollziehbaren Grund dafür, dass 1974 nicht die nordirische Astronomin Susan Jocelyn Bell den Nobelpreis für ihre Entdeckung der Pulsare bekam, sondern ihr Doktorvater Antony Hewish? Es gibt viele solcher Geschichten rund um die wissenschaftlichen Fakten, die einen doch näher interessieren würden.


    Denker der Antike

    Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Im ersten Kapitel begleiten wir die Denker der Antike bei ihrer Suche nach Antworten. Dass Archimedes 240 vor unserer Zeit auf das Prinzip der Verdrängung von Flüssigkeit gekommen ist, kann man ja noch begreifen. Aber dass Erasthotenes zehn Jahre später schon verflixt genau den Erdumfang berechnen konnte, ist doch verblüffend. Das konnten also schon die alten Griechen!


    Die Forscher des Mittelalters

    Mit den Themen Schwerkraft, Pneumatik (Luftdruck und Vakuum), Licht, Mechanik und Thermodynamik haben sich die Forscher des Mittelalters befasst. In diesem Kapitel erfahren wir auch, was es mit der Anekdote vom herabfallenden Apfel auf sich hat, der angeblich Isaac Newton zu seinen Überlegungen bezüglich der Anziehungskraft der Erde inspiriert hat.


    Neue Möglichkeiten im 18. Jahrhundert

    Im 18 Jahrhundert gab es dann schon andere Möglichkeiten. Plagte sich Nevil Maskelyne im Jahr 1774 sich noch in einem unwirtlichen Camp auf einem Berg mit der Ermittlung der Erdmasse ab, gelang es 1798 dem als exzentrisch beschriebenen - und möglicherweise im autistischen Spektrum angesiedelten - Henry Cavendish dasselbe im Labor mittels einer Drehwaage, die Professor John Michell entwickelt hatte. Auch hier sind die Menschen mindestens so interessant wie ihre Arbeit.


    Jetzt kommen auch Entdeckungen rund um die Elektrizität ins Spiel und erste Elektromotoren werden entwickelt.


    Licht, Strahlung und Atome

    Im vierten Kapitel (1851 bis 1914) geht es hauptsächlich um Licht, Strahlung und Atome. Die Röntgenstrahlen werden entdeckt, die Beschaffenheit der Atome und die Radioaktivität. Nikola Tesla wollte drahtlos Strom über den Atlantik schicken, Albert Einstein formulierte seine spezielle Relativitätstheorie und James Franck und Gustav Ludwig Hertz kommen dem Quantensprung auf die Spur.


    Ab Kapitel 5 wird’s ziemlich komplex

    Bis hierher kann man als normal begabte*r Leser*in noch einigermaßen folgen. Aber dann verliert man den Boden unter den Füßen. Mir ging es zumindest so. In Kapitel 5 (1915 bis 1939) ist das „Rätsel der Materie“ Thema, in Kapitel 6 (1940 bis 2009) geht es quer durchs Universum. Ab da klang für mich alles irgendwie nach RAUMSCHIFF ENTERPRISE: Protonen, Photonen, Positronen und Neutronen … Dunkle Energie, Dunkle Materie und Antimaterie … Kernspaltung und Kernfusion, Teilchenphysik, Schwarze Löcher, Pulsare und die Ausdehnung des Universums …


    Ja, ich habe das alles mit Staunen und Interesse gelesen – vieles davon von nicht zum ersten Mal. Ich kann aber die Heisenberg’sche Unschärferelation höchstens aufsagen, wirklich verstanden habe ich weder das noch sonst was aus diesen Kapiteln. Ich dachte die ganze Zeit: Okay, wenn ihr meint! Aber ihr könnt mir hier viel erzählen!


    Was ist jetzt mit der Katze?

    Und was ist jetzt mit Schrödingers Katze? Die gute Nachricht: Das war ein reines Gedankenexperiment, es kam kein Tier zu Schaden. Aber ist sie nun tot oder lebt sie? Der Theorie nach könnte ja sowohl das eine als auch das andere zutreffen. Ganz unwissenschaftlich pragmatisch würde ich sagen: „Mensch, dann macht halt die Kammer auf und guckt nach, dann wisst ihre es!“


    Weite Teile dieser Lektüre sind vielleicht doch an mich verschwendet. Ich bin nicht gescheit genug. Da hat auch das Glossar auf Seite 172 nicht mehr viel genutzt.


    Sorgfältige Recherche, hilfreicher Anhang

    Ein ausführliches Quellenverzeichnis zeigt, dass der Autor aufwändig recherchiert hat, um die 50 großen Entdeckungen auf so kleinem Raum schildern zu können. Sachkundige Unterstützer*innen hatte auch, wie seine Danksagung belegt. Dank des aussagekräftigen Inhaltsverzeichnisses und des Registers im Anhang findet man einzelne Beiträge später auch wieder.


    Die farbigen Illustrationen (Collagen) von Jason Anscomb sind nicht in erster Linie informativer Natur. Sie greifen das Thema des jeweiligen Beitrags künstlerisch auf. So toll diese Graphiken auch sind – mir wäre es lieber gewesen, sie wären etwas kleiner ausgefallen, wenn dadurch die Schrift etwas größer geworden wäre!


    Der Autor

    Adam Hart-Davis ist Chemiker und studierte in Oxford, York und Alberta. Früh fing er an als Moderator im Radio und im Fernsehen zu arbeiten und sich populär mit historischen und wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen sowie 14 Ehrendoktorwürden. Er verfasste zahlreiche Bücher, schreibt regelmäßig für Zeitungen und hat eine Kolumne in Radio Times. Daneben setzt er sich für unterschiedliche Wohltätigkeitsorganisationen ein und fährt aus Überzeugung und mit Ausdauer Rad. Außerdem ist er um einige Ecken verwandt mit Königin Elisabeth II.

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    Vashti Hardy: Das Wolkenschiff. Aufbruch nach Südpolaris (ab 10. J.), OT: Brightstorm. A Sky-Ship-Adventure, aus dem Englischen von Doris Attwood, München 2020, Ars Edition, ISBN 978-3-8458-3032-2, Hardcover, 311 Seiten, Format: 15,2 x 2,8 x 22 cm, Buch: EUR 15,00.


    Wäre DAS WOLKENSCHIFF ein Film und kein Buch, wäre es erstklassiges Popcorn-Kino. Ein temporeicher Mix aus Steampunk und Fantasy, so ein bisschen im Stil von DER GOLDENE KOMPASS. Würde man jedoch während dieses Kinofilms kurz mit seinem Sitznachbarn quatschen oder sich allzu intensiv seinem Popcorn widmen, hätte man mit Sicherheit eine verblüffende Wendung verpasst. Zum Glück kann man beim Lesen das Tempo selbst bestimmen.


    Ein Mix aus Steampunk und Fantasy

    Die Hauptpersonen sind die zwölfjährigen Zwillinge Arthur und Marie Brightstorm aus Lontown. Ihre Mutter, Violetta, ist jung gestorben, ihr Vater, der aus einfachen Verhältnissen stammt, hat sich zum Entdecker hochgearbeitet. Derzeit ist er im Auftrag der Geografischen Gesellschaft auf einer Expedition nach Südpolaris, dem südlichsten Teil der Welt, den noch kein Mensch zuvor betreten hat. Die Zwillinge sind derweil mit Haushälterin Miss Wilder allein daheim.


    Die technisch begabte Marie Brightstorm träumt davon, Ingenieurin zu werden wie ihre Mutter. Ihr impulsiver Bruder Arthur ist noch nicht so festgelegt. Vielleicht wird er ja Entdecker wie sein Vater. Er weiß, dass er sehr gut darin ist, Probleme zu lösen. Notgedrungen, denn er hat ein Handicap, für das uns im Lauf der Geschichte verschiedene hochdramatische „Erklärungen“ geliefert werden, von denen aber keine stimmt: Arthur fehlt der rechte Arm. Stattdessen trägt er eine von seiner Schwester entwickelte eiserne Prothese. Das stört ihn nicht groß, er kennt es ja nicht anders.


    Schlimme Nachrichten für die Zwillinge

    So geht alles einen geregelten Gang. Doch „Kontrolle ist nur eine Illusion. Wir wissen nie, was das Leben für uns bereithält.“ (Seite 297) Keine der Expeditionsmannschaften, die nach Südpolaris aufgebrochen sind, hat ihr Ziel erreicht. Sogar die knallharte Entdeckerin Eudora Vane musste mit ihrem Wolkenschiff „Victoria“ umkehren. Und sie hat schlimme Nachrichten für die Geografische Gesellschaft und Brightstorm-Kinder: Ernest Brightstorm und seine Crew sind auf dem eisigen Dritten Kontinent umgekommen. Sie wurden von wilden Tieren getötet. Aber zuvor haben sie sich noch am Entdeckergeist versündigt: Sie haben die Brennstoffvorräte der „Victoria“ gestohlen. Jetzt ist Ernest nicht nur mit seiner Forschungsreise grandios gescheitert, er ist auch als Dieb und Versager entehrt.


    Dadurch verliert seine Familie Brightstorm ihren Versicherungsschutz und all ihr Hab und Gut. Die Zwillinge landen in den „Slumps“, dem örtlichen Elendsviertel. Dort hausen sie unter unwürdigen Bedingungen bei den habgierigen Eheleuten Beggins. Marie muss in der Schiffswerft schuften, Arthur den Haushalt schmeißen. Geld sehen die Kinder für ihre Arbeit natürlich keines, das sacken die Beggins‘ ein.


    Aus ist der Traum vom Leben als Ingenieurin bzw. Entdecker! Und den Namen ihres Vaters können die Zwillinge aus dieser Position heraus auch nicht reinwaschen. Denn eines ist ihnen klar: Nie im Leben hätte ihr Papa die Expedition eines Mitbewerbers sabotiert und ihm Treibstoff gestohlen. Nicht einmal, wenn es sich bei der Konkurrenz um die hinterhältige und skrupellose Eudora Vane gehandelt hätte.


    Auf der Suche nach dem verschollenen Vater

    Mit dem Mut der Verzweiflung bewerben sich die Zwillinge heimlich als Mannschaftsmitglieder einer weiteren Südpolaris-Expedition. Harriet Culpfeffer, die blutjunge Expeditionsleiterin, ist zunächst skeptisch, lässt sich aber überzeugen. Doch gibt es eine Reihe von Leuten, die mit aller Macht zu verhindern versuchen, dass Arthur und Marie an dieser Expedition teilnehmen und bei der Gelegenheit nach ihrem verschollenen Vater suchen. Die einen haben was zu verlieren, die anderen was zu verbergen.


    Trotz enormer Hindernisse schaffen es die Zwillinge, buchstäblich in letzter Sekunde an Bord des Wolkenschiffs „Aurora“ zu kommen, das man sich wie eine kuriose Mischung aus Zeppelin, Ballon und einem fliegenden viktorianischen Wohnhaus vorstellen muss. Ach ja, und mit einem modernen, nachhaltigen und umweltfreundlichen Antrieb, von dem weder die Konkurrenz noch die Geografische Gesellschaft etwas weiß.


    Dies ist der Auftakt zu haarsträubenden Abenteuern.


    Zunächst läuft alles prima …

    Eigentlich sollte der neuartige Antrieb der „Aurora“ einen Vorsprung sichern, und zunächst sind Kapitänin Harriet Culpfeffer und die Besatzung auch guter Dinge.


    … doch einer spielt falsch

    Es gibt da nur ein Problem: Einer der Mitbewerber spielt nicht fair. Und das hat einen tieferen Grund, von dem die Zwillinge allerdings nichts ahnen …


    Auch wenn man deutlich älter ist als die angepeilte Zielgruppe der Zehnjährigen, kann man das Buch kaum weglegen. Die Autorin hat eine unglaubliche Phantasie und kann das, was sie sich vorstellt, so lebhaft schildern, dass auch wir Leser*innen das „sehen“.


    Sehr erfreulich: Es gibt starke, kluge und erfolgreiche Frauen und Mädchen. Schurkinnen allerdings auch. Wenn Frauen nahezu alles können, was Männer können, gehört Bosheit und Gemeinsein natürlich dazu.


    Fortsetzung folgt

    Für psychologische Grautöne bleibt, wie so oft bei actionreichen Geschichten, keine Zeit. Die Guten sind gut und die Bösen sind böse, basta. Manchmal zeigt sich schon am Namen, zu welcher Fraktion eine Person gehört. Gut, die jungen Leser*innen wird das nicht stören, und vielleicht kommt es ja auch noch zu der einen oder anderen unerwarteten Wandlung.


    Zwar ist der Roman in sich abgeschlossen, doch am Schluss deutet sich eine Fortsetzung an. Und das ist gut so, denn wirklich fertig sind die Zwillinge mit ihren Gegenspielern noch nicht. Da geht noch was …!


    Die Autorin

    Bevor Vashti Hardy Schriftstellerin wurde, arbeitete sie mehrere Jahre als Grundschullehrerin. Schon damals hat sie mit ihren Schulkindern am liebsten fantastische Geschichten erfunden und aufgeschrieben. Später machte sie einen Abschluss in Kreativem Schreiben an der University of Chichester und arbeitete anschließend als Marketingleiterin. „Das Wolkenschiff“ ist ihr erster Roman. In England wurde das Buch von der Bookseller Association als „Book of the Season Spring 2018“ ausgezeichnet und stand außerdem auf der Shortlist des Waterstone’s Children’s Book of the Year Prize. Vashti Hardy ist Mitglied der „Golden Egg Academy“ (einer Vereinigung britischer Schriftsteller) und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Brighton in Sussex.


    Die Übersetzerin

    Doris Attwood ist Diplom-Übersetzerin. Nach ausgedehnten Reisen durch Neuseeland und Kanada arbeitet sie nun seit vielen Jahren als freiberufliche Übersetzerin. Am liebsten übersetzt sie Kinder- und Jugendbücher, aber auch Filmuntertitel und Drehbücher, Fantasy-Romane und Reiseführer.

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    Sophia Eickelpoth-Rauer, Kirsten Jebsen: Die Sprache der Tiere verstehen. Die Seelen und Gefühle der tierischen Begleiter begreifen, München 2020, mvg Verlag, ISBN 978-3-7474-0114-9, Softcover, 207 Seiten, Format: 13,5 x 1,3 x 20,5 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 12,99.


    „Mit zunehmendem Selbststudium erhielt ich immer mehr Botschaften aus der geistigen Welt und staunte über den Kontakt zu Engeln, Erzengeln und aufgestiegenen Menschen.“ (Seite 21)


    Äh … gut, dass wir darüber gesprochen haben! An dieser Stelle war ich nämlich raus aus der Nummer. Ich hatte die Autorinnen vorher nicht gekannt und anhand von Buchtitel und Pressetext sachliche Informationen über Tierpsychologie und die Körpersprache der Tiere erwartet. Von Erzengeln und Esoterik war nirgendwo die Rede! Die kamen dann zu meinem Entsetzen im ersten Kapitel aus dem Gebüsch. Ich habe alle folgenden Fallbeispiele deshalb nur noch überflogen.


    Ja, ich glaube unbesehen, dass Tierkommunikatorin Sophia Eickelpoth-Rauer über genügend Lebenserfahrung, Einfühlungsvermögen und gesunden Menschenverstand verfügt, um sich zum Beispiel zusammenreimen zu können, dass Schäferhund Bruno lieber bei Minusgraden in seiner eiskalten Hundehütte hockt, als ins warme Haus zu kommen, weil Herrchen und Frauchen dort die ganze Zeit lautstark streiten.


    Mumpitz oder Jahrmarktzauber?

    Wenn die Therapeutin diese Tatsache ihren Klienten am besten als Ergebnis eines Dialogs mit dem Hund verkaufen kann und allen damit geholfen ist, dann soll mir das recht sein. Wenn sie den Leser*innen Meditation ans Herz legt, damit sie ähnlich einfühlsam mit Tieren in Kontakt treten können wie sie selbst, dann schadet das sicher auch nicht. Aber ich will nicht an Hellsichtigkeit, Reinkarnation, morphologische Felder, Gespräche mit Engeln und Verstorbenen usw. glauben sollen. Die Autor*innen mögen davon überzeugt sein – in meinen Augen ist das esoterischer Mumpitz.


    Falls die Damen je selbst Skeptikerinnen sein sollten und das alles ihren Klient*innen und Leser*innen nur erzählen, weil es lukrativ ist, wäre es sogar fauler Jahrmarktszauber. Aber davon will ich jetzt mal nicht ausgehen.


    Esoterisch verpackte Wahrheiten mögen bei entsprechend gepolter Kundschaft tatsächlich hilfreich sein. Aber wir bewegen uns dann auf dem Niveau des Fernsehhelden Patrick Jane aus der TV-Serie THE MENTALIST. Der war ein brillanter und hervorragend geschulter Beobachter – aber er war eben ein falsches Medium. Heiligt der Zweck wirklich sämtliche Mittel? Und gilt „Wer heilt, hat recht“ auch für jedweden unwissenschaftlichen Unfug? Ich habe da Bedenken.


    Das Buch widerstrebt über weite Strecken meiner naturwissenschaftlich-skeptischen Sicht auf die Welt und ich kann es daher nicht reinen Gewissens empfehlen.


    Die Autorinnen

    Sophia Eickelpoth-Rauer, 1989 geboren, ist mit Herz und Seele Tierkommunikatorin. Sie vermittelt in ihrer Praxis, in Ausbildungsseminaren und Online-Kursen, wie sehr sich die Tiere freuen, in die direkte Kommunikation mit Menschen gehen zu können. Als bekennende Veganerin und Tierschützerin setzt sie sich für das Wohl der Tiere ein und erinnert die Menschen daran, dass Tiere auch ein Recht auf Leben in Freiheit und Liebe haben. www.sophia-eickelpoth.de


    Kirsten Jebsen, 1960 geboren, lebt und liebt ihre Berufung als Coach und Buchautorin der Bewusstseinsentwicklung. Mit ihrer "SCHULE DES GLÜCKLICHEN LEBENS nach Kirsten Jebsen" vermittelt sie in ihren Coachings, Seminaren, Filmen und Büchern, wie ein glückliches und erfolgreiches Leben für sich selbst, in Partnerschaft, Familie und Beruf gestaltet werden kann. Aus Liebe zu den Tieren erfüllen sie und ihre Tochter Sophia sich mit diesem Buch einen langjährigen Herzenswunsch. Die Anleitung zur Tierkommunikation, ebenso wie die Sterbebegleitung geben Einblicke in die Denk- und Gefühlswelt unserer tierischen Freunde. http://www.kirstenjebsen.de

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    Carla Berling: Pechmaries Rache. Kriminalroman (Band 5 der Ira-Wittekind-Reihe), München 2020, Wilhelm Heyne Verlag, I-SBN 978-3-453-42252-0, Klappenbroschur, 351 Seiten, Format: 12,1 x 3,3 x 18,6 cm, Buch: EUR 9,99 [D], EUR 10,30 [A], CHF 14,50 [CH], Kindle: EUR 9,99.


    Eigentlich will Lokalreporterin Ira Wittekind, 54, auf dem Hellberger Hof in Bad Oeynhausen nur einen jungen Mann interviewen, der ein stillgelegtes Sägewerk zu einem Innovationszentrum umbauen möchte. Das Gespräch mit ihm und seiner Mutter, der Möbelrestauratorin Marilena Heiland, verläuft angenehm und unauffällig – bis Ira ein Foto von der Stelle machen möchte, an der der Borstenbach unter dem Sägewerk durchfließt. Das lehnt Simon Heiland vehement ab. Ähnlich massiv wird er, als Ira mit seiner Mutter, der Besitzerin des Hofs, sprechen möchte. Nein, das gehe nicht. Lilo Wolf sei krank, da könnten sie jetzt nicht hin.


    Diese übertriebenen Reaktionen machen die routinierte Reporterin stutzig. Irgendwas stimmt hier nicht!


    Was stimmt nicht bei den Heilands?

    Ira weiß so gut wie nichts über die Familie. Sie ist ja erst vor kurzem wieder nach Bad Oeynhausen gezogen, den Ort, an dem sie aufgewachsen ist.


    Abgesehen vom Zeitungsarchiv und ihren guten Kontakten zur Polizei hat Ira allerdings ein paar Recherche-Trümpfe im Ärmel: ihre alteingesessene Schwiegerfamilie, zum Beispiel. Insbesondere die zwei betagten Tanten ihres künftigen Ehemanns kennen alle Welt und sind einem gepflegten Tratsch nicht abgeneigt. Und ihre Freundin seit Schulzeiten, Coco, bekommt als Taxifahrerin auch so manches mit. Da dauert es nicht lange, bis Ira weiß, dass die Familie Heiland komplett zerstritten ist, und zwar nicht erst, seit die dreijährige Angelina im Borstenbach ertrunken ist, weil Oma Marilena nicht aufgepasst hat.


    Auf dem Hellberger Hof gibt’s zwei Fraktionen: Auf der einen Seite Marilena mit Sohn Simon und dessen Lebensgefährtin Nikola, auf der anderen Seite Hofbesitzerin Lilo Wolf mit Enkelin Sissy plus deren Ehemann und Kinder. Warum die sich seit Jahrzehnten so spinnefeind sind und trotzdem so eng beieinander wohnen, weiß niemand. Nur, dass es da manchmal so heftigen Krawall gibt, dass sogar die Polizei kommen muss. Das erfährt Ira von den Nachbarn der Heilands. Die erzählen ihr das mit Genuss.


    Zwei Tote auf dem Hellberger Hof

    Dass Lilo Wolf schwer krank war, hat wohl gestimmt. Am selben Tag wie Iras Artikel über Simon erscheint die Todesanzeige seiner Großmutter in der Zeitung. Wenige Tage darauf wird Marilena tot im Borstenbach gefunden. Suizid, heißt es. Das hält Ira Wittekind für ausgeschlossen.


    Eine schrecklich verkorkste Familie

    Statt sich um die Vorbereitungen für ihre Hochzeit zu kümmern, verbeißt Ira sich in den „Fall Bachleiche“ und dreht die Vergangenheit der Familie Heiland auf links. Und wie das so ist bei verkorksten Familiengeschichten: Je tiefer man gräbt und je genauer man hinschaut, desto gruseliger und unappetitlicher wird es.


    Düsterer Fall, normale Ermittlerin

    Die düstere Familiengeschichte wird aufgelockert durch die markigen Sprüche der beiden alten Tanten. Sophie und Frieda Weyer rauchen Zigarre, trinken Schnäpschen, lieben deftiges Essen und sind in ihrer Wortwahl nicht zimperlich. Diese zwei bodenständigen Frauen sind nicht nur wegen ihres umfassenden Hintergrundwissens über die einheimischen Familien ein unverzichtbares Element in den Ira-Wittekind-Krimis.


    Ich mag Ira Wittekind, weil sie so normal ist. Sie recherchiert und schreibt über Personen im Ausnahmezustand und gibt keine Ruhe, bis sie „die Geschichte hinter der Geschichte“ gefunden und verstanden hat. Oberflächliche Berichterstattung ist ihre Sache nicht. Stets will sie genau wissen, wie alles zusammenhängt und was die Menschen zu ihren Taten getrieben hat. Aber wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist Familienleben (mit Hund) angesagt und zum Glück keine depressive Nabelschau wie bei vielen anderen Krimi-Ermittler*innen.


    Reporterin im Jagdfieber

    Als Reporterin, die diesen Job seit 30 Jahren macht, weiß sie, wie sie die Leute nehmen muss, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen Informationen zu entlocken, die sie eigentlich nicht preisgeben möchten. Dass sie es dabei mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt, gehört zum Job.

    Aber wenn das Jagdfieber sie mal gepackt hat, dann gibt’s eben kein Halten mehr.


    Knallharte Methoden

    Ich glaube, so taff wie in diesem Band haben wir Ira Wittekind noch nie erlebt. Wie sie ein etwas schlichtes Mitglied der Heiland-Familie überrumpelt und einschüchtert, ist nicht von schlechten Eltern. Und kleine Kinder auszufragen ist ebenfalls ein bisschen grenzwertig. Gut, sie macht das nicht für eine reißerische Schlagzeile, sondern weil sie tatsächlich die Wahrheit sucht – und einen Mörder. Das halten wir ihr zugute. Trotzdem war’s ein wenig erschreckend, sie so knallhart auftreten zu sehen, wo wir bisher hauptsächlich ihren Schmusekurs kannten. Aber eigentlich dürfte uns nicht überraschen, dass sie die gesamte Klaviatur ihres Jobs beherrscht. Wie sonst hätte sie sich 3 Jahrzehnte lang erfolgreich ihrem Beruf halten können?


    Spannung, Tragik und Humor

    Der Krimi ist spannend, weil man, genau wie die Reporterin, herausfinden will, was in dieser schrecklichen Familie vor sich gegangen ist und was schließlich zum Tod von Marilena Heiland geführt hat. Lustig wird’s, sobald die zwei betagten Tanten auf den Plan treten und im Dialekt ihren Senf zu Iras Recherchen geben. Ein bisschen ärgerlich ist’s, dass man ab gut der Hälfte des Buchs ahnt, wie der Hase läuft, weil der Buchtitel spoilert. Sobald im Roman das Wort „Pechmarie“ fällt, ist im Grunde klar, was passiert sein muss. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob dieser Plan auch wunschgemäß aufgeht. Deswegen lohnt sich das Weiterlesen auf jeden Fall.


    Mir liegt dieser Mix aus Spannung, Tragik und Humor, und ich würde mich freuen, wenn es ein Wiedersehen mit Ira gäbe. Aber jetzt lassen wir sie erst mal in Ruhe ihren Andy heiraten.


    Positiv vermerken möchte ich noch, dass der Verlag den Innenteil des Buchcovers sehr clever nützt. Unter der vorderen Klappe verbergen sich kleine Steckbriefe der Hauptakteure, unter der hinteren Klappe findet man eine Karte mit den wichtigsten Orten der Handlung. So kann man sich auch als ortsunkundiger Leser ein Bild machen.


    Die Autorin

    Carla Berling, Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihren Romanen durch große und kleine Städte.

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    Benjamin Seyfang: Lost Places Baden-Württemberg. Die Faszination verlassener Orte, Tübingen 2019, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2200-8, Hardcover mit Lesebändchen, 190 Seiten mit rund 125 großformatigen Farbfotos, Format: 26,7 x 2,2 x 28,9 cm, EUR 39,99.


    Über Facebook bin ich vor ein paar Jahren auf das Phänomen „Lost Places“ und die Szene der Urban Explorer aufmerksam geworden. Verlassene Gebäude, die, zum Teil noch voll möbliert, allmählich verfallen und verrotten – und Fotograf*innen, die diese Bauwerke erkunden und für die Nachwelt in Bildern festhalten.


    Kein ungefährliches Hobby, wie man sich denken kann, auch wenn man ganz offiziell mit Erlaubnis der Grundstückseigentümer auf Erkundungstour geht. Wie schnell ist man in so einem hinfälligen Bauwerk an einem Nagel hängengeblieben oder durch ein morsches Brett gebrochen! Und wer sich nicht an die wichtigste Regel der „Urbexer“ hält und erwischt wird, hat am Ende noch juristischen Ärger an der Backe: „Nimm nichts mit als Deine Fotografien und hinterlasse nichts als Deine Fußspuren.“ (Seite 5)


    Vage Ortsangaben zum Schutz vor Plünderern

    Gerade weil sich nicht alle an diese Regel halten, bleibt der Autor/Fotograf auch vage bei den Bezeichnungen der Objekte, die er uns in diesem Buch präsentiert. Er nennt sie oft nur mit Spitznamen, die sie entweder in der Szene haben oder die er sich selbst ausgedacht hat. Wenn niemand weiß, wo „Hunters Hotel“, der „Adlerhof“, „Annas Bauernhof“ oder die verschiedenen aufgelassenen Fabriken stehen, kann auch niemand dort einsteigen und die Objekte plündern. Okay: Wer am Ort wohnt, wird schon die eine oder andere Immobilie identifizieren können.


    Angesichts mancher Fotos könnte auch ein normalerweise anständiger Mensch in Versuchung geraten: „Meine Güte! Dieser göttliche Spiegel, dieses hinreißende Möbelstück und das traumhafte Treppengeländer! Das vergammelt da einfach so? Warum kommt keiner und rettet das? Das sieht doch noch toll und brauchbar aus ist vielleicht sogar noch etwas wert!“


    Auch ein Autofriedhof gehört zu Benjamin Seyfangs Lost Places. Bei den PKWs und Nutzfahrzeugen, die spinnwebenbehangen und moosbewachsen irgendwo im Nirgendwo vor sich hin rosten, blutet bestimmt manchen Oldtimerfreunden das Herz.


    Verlassene Arbeitsplätze

    Verlassene Firmengebäude mit rätselhaften staubigen Maschinen und schimmeligen Ordnern finde ich jetzt nicht so prickelnd. Die sind immer ein bisschen unpersönlich. Es sei denn, ein Arbeitsplatz sieht aus, als sei er von jetzt auf gleich verlassen worden wie der auf Seite 114. Da liegen in einer ehemaligen Schokoladenfabrik noch Formen und Etiketten für die Osterhasenproduktion auf dem Tisch. Wäre nicht alles so verstaubt, könnte man meinen, die Arbeiter*innen kommen gleich wieder. Auch beim Speisesaal in einer geschlossenen Klinik hat man dieses Gefühl. Da liegen sogar noch die Tischdecken auf dem Tisch. Wären die vertrockneten Pflanzen nicht, würde man denken, jeden Moment geht die Tür auf und die Patient*innen kommen zum Essen. Das ist ziemlich gruselig – ein bisschen wie in einem Endzeitfilm.


    Aber meistens sehe ich bei Fabrikbildern nur irgendwelche Balken und Konstruktionen, die ich nicht einordnen kann. Lange habe ich gebraucht, um zu kapieren, was genau auf der Doppelseite 34/35 abgebildet ist – und noch länger, bis ich die Eule aus der Bildunterschrift gefunden hatte.


    Zerfallende Privathäuser, voll möbliert

    Schaut man in zerfallende Privathäuser, die nie jemand ausgeräumt hat und die noch Opas und Omas Möbel und Hausrat enthalten, fühlt man sich ein wie ein Voyeur. Die Bilder hängen an der Wand, die Kleider im Schrank, die Betten sind ungemacht und die Tageszeitung liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Sind die früheren Bewohne*innen plötzlich gestorben und niemand war da, der sich um ihren Nachlass kümmern wollte? Unheimlich ist das und traurig ist es auch.


    Der morbide Charme verlassener Hotels

    Mich faszinieren am meisten verlassene Hotels. Luxus, oder was man einmal dafür gehalten hat, der dem Zerfall anheimgefallen ist – das hat einen morbiden Charme, ohne dass man sich beim Betrachten der Bilder wie ein Aasgeier oder Leichenfledderer vorkommt. Auch da sieht es manchmal so aus, als hätte das Hotelpersonal im laufenden Betrieb alles fallen gelassen und wäre getürmt – zum Beispiel auf dem Foto von Seite 91.


    Zu diesem Motiv schreibt der Autor: „Eine lange Tafel, der Flügel noch offen vom letzten Konzert – man könnte meinen, hier hätte am Morgen nach der Veranstaltung nur noch keiner saubergemacht. Doch das Reinigungspersonal kehrt nie wieder …“ – Ja, dem Kalauer im letzten Satz hätte ich auch nicht widerstehen können. ;-)


    Persönlich wird’s für den Fotografen, als er das verlassene Lichtspieltheater in Kirchheim noch einmal betreten darf, in dem er seinerzeit seinen ersten Kinofilm gesehen hat. Das ist dann natürlich ein ganz besonderer „Lost Place“.


    Schön und tragisch zugleich

    Eines der abgebildeten Objekte kenne ich auch. Und es ist schon seltsam, hier lauter Lost Places aus der eigenen Umgebung zu entdecken. Das gibt’s also nicht nur in Tschernobyl, in den USA und in und um Berlin, sondern auch vor der eigenen Haustür.


    So beeindruckend die Schönheit des Verfalls auch ist – eigentlich ist es doch furchtbar schade und manchmal regelrecht tragisch, dass Gebäude, (Kunst-)Gegenstände und wenn man es recht bedenkt, auch Menschen, aus Gleichgültigkeit oder Geldmangel so gottverlassen enden müssen.


    Der Autor

    Benjamin Seyfang, geboren 1988 in Esslingen am Neckar, arbeitet als Fachkraft für Abwassertechnik. Durch Arbeiten in der Graffiti-Szene begann er sich schon bald für das Thema „Lost Places“ zu interessieren. Dabei entdeckte er „die Schönheit des Zerfalls“. Ab 2012 fotografierte er auf Reisen rund um den Globus vergessene Orte dieser Welt. Jedes einzelne Bild von ihm erzählt eine eigene Geschichte.

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    Ursi Breidenbach, Heike Abidi: Wetten, ich kann lauter furzen? – Wie man als Mutter von Jungs überlebt, München 2019, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-10305-9, Softcover, 318 Seiten, Format: 11,9 x 2,4 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Söhne bedeuten für jede Mutter die ultimative Herausforderung, denn in unserer Erfahrungswelt sind sie unbekannte Wesen: Wie Jungs ticken, können wir nur ahnen, schließlich waren wir selbst einst kleine Mädchen.“ (Seite 295)


    So habe ich das noch nie gesehen. Anfälle von Ratlosigkeit befreundeter Jungsmütter habe ich darauf zurückgeführt, dass man generell nicht weiß, was genau in anderen Menschen vorgeht. Aber diese Erklärung leuchtet vollkommen ein! Die beiden Autorinnen wissen ja auch, wovon sie reden: Sie sind selbst Mütter von Jungs. In 41 kurzen Kapiteln schildern sie uns kenntnisreich und humorvoll, was das im Alltag bedeutet, in welchen Bereichen es schwierig wird, und warum es trotzdem die tollste Sache der Welt ist, Söhne zu haben.


    Erfahrungsberichte zweier Jungsmütter

    Natürlich stützen die Autorinnen sich nicht nur auf ihre eigenen Erfahrungen. Sie haben Expert*innen und Fachliteratur zurate gezogen und auch im Bekanntenkreis fleißig recherchiert. Manche Fallbeispiele sind derart komisch, dass man durch lautes Lachen auffällt, wenn man das Buch in der Gegenwart nichts ahnender Mitmenschen liest. Das sollte man vorher wissen. Zur Beruhigung: Die Namen der handelnden Personen wurden im Buch verändert. Es soll ja keiner für etwas bloßgestellt werden, das er als Kind getan hat.


    Lernen kann man hier eine ganze Menge. Jungsmütter dürften vor allem die Erfahrung machen, dass sie mit ihren Sorgen und Herausforderungen nicht allein sind. Aber auch Mädchenmütter, Schwestern, Tanten, Partnerinnen usw. haben das eine oder andere Aha-Erlebnis. „Ach, deswegen ist das so ...!“ Und all dieses Wissen wird so locker und unaufgeregt vermittelt, als erzählten uns zwei Freundinnen bei einem guten Wein aus ihrem turbulenten Familienalltag.


    Es versteht sich von selbst, dass man nicht alle Söhne (und Töchter) über einen Kamm scheren kann. Wenn die Mehrheit der Jungs auf Fußball, Autos, Technik, deftigen Humor und Actionfilme steht, heißt es nicht, dass alle das tun (müssen). Andere Interessen sind ebenso okay. Genau wie Mädchen, die sich für Fußball und/oder Autos, Technik, deftigen Humor sowie Actionfilme begeistern.


    Deko in einem Haushalt mit Jungs?

    Doch egal, wie genderneutral man auch zu erziehen meint – manche Vorlieben und Verhaltensweisen scheinen genetisch bzw. hormonell bedingt zu sein. Und als einziges weibliches Wesen in einem Mehrmännerhaushalt muss frau mitunter zurückstecken. Dekoration? Fehlanzeige! Schmunzelnd dachte ich an unser eigenes Wohnzimmer, in dem die Kissen grundsätzlich auf dem Boden herumkugeln, nachdem sie als Waffe oder als Rutschunterlage benutzt wurden.“ (Seite 18) Beete, Rabatten oder Zierpflanzen im Garten? Pfff! Man(n) braucht Rasen zum Fußballspielen! Auch Fernsehprogramm, Menüpläne und Gesprächsthemen wären anders, wenn’s nach der Mutter ginge. Sie würde sicher auch Sportarten wählen, bei denen sie nicht dazu verurteilt ist – unterlegen in Sachen Adrenalin und Muskeln – ihren Männern mühsam hinterher zu schnaufen. Wie grundverschieden wäre doch das Leben als Mädchenmutter! Aber wäre es besser ...?


    Was ist eigentlich, wenn man Sohn und Tochter hat? Behandelt man beide gleich? Oder neigt man am Ende dazu, in der Tochter eine kleine Ausgabe von sich selbst zu sehen und sie in die Richtung zu drängen, in die man selbst gerne gegangen wäre? Beim Sohn besteht diese Gefahr weniger, ihm lässt man deshalb womöglich mehr Freiraum.


    Jungs lieben Technik und Gefahr

    Herrlich sind Ursi Breidenbachs Anekdoten von der Technikbegeisterung der männlichen Haushaltsmitglieder. Und Heike Abidi ist nichts anderes übriggeblieben, als sich auch mit Fußball und Autos zu beschäftigen, weil diese Themen ihren Sohn so faszinieren. So erweitert frau unversehens ihren Horizont ... um Dinge, für die sie sich aus eigenem Antrieb niemals interessiert hätte. ;-) Nur beim Thema „Waffen“ ist Schluss mit lustig. Ursis kleine Söhne können Panzer, Soldaten und Krieg noch so toll finden – diesbezüglich dürfen sie von ihrer Mutter keine Unterstützung erwarten.


    Wie lebt man als Mutter, die vielleicht mal ein ängstliches Mädchen war, mit der Neigung von Jungs, manche Aktivitäten in ihrer Gefährlichkeit zu unterschätzen? Wie ist es, die wagemutigen Burschen ständig verarzten zu müssen? – Man wird vermutlich mit der Zeit gelassener. Es gibt zwischen den Geschlechtern nun mal einen biologischen Unterschied im Umgang mit Gefahr und der Bewältigung von Stresssituationen. Das hat mit den Hormonen zu tun.


    Essen, lernen, feiern

    Was tun, wenn man mit den Interessen, der Lieblingsmusik und den Lieblingsfilmen der Söhne so gar nichts anfangen kann? Und wie motiviert man Jungs zum Lernen, wenn ihnen „Fleißsternchen“ und die Anerkennung der Lehrkraft vollkommen egal sind? Beim Lernen neigen die Burschen ja gern zum Minimalismus: nicht mehr als unbedingt nötig! Es sei denn, der Stoff interessiert sie.


    Auch eine gute Frage: Ist es überhaupt möglich, männliche Pubertiere satt zu kriegen? „Bei einer Umfrage im Bekanntenkreis kam Beeindruckendes zutage: Vierfachjungsmutter Ingrid braucht zweieinhalb Kilo Schnitzelfleisch für eine Mahlzeit, Petra kocht zwei ganze Pfund Spaghetti, und Yvonne backt jedes Wochenende drei Kuchen.“ (Seite 125)


    Wie übersteht frau Kindergeburtstage mit einer Horde sich balgender kleiner Buben und einem eifersüchtigen Geschwisterkind? Im Teenageralter werden die Feten übrigens nicht weniger anstrengend für die Eltern: „Mittlerweile wollen unsere Söhne am liebsten Übernachtungspartys. (...) Das WLAN glüht, es wird bis zum Umfallen gezockt und dabei die Tagesproduktion der Firma Pringles vernichtet. (...) Das Haus sieht danach aus wie nach dem Einfall der Goten in Rom (...).“ (Seite 153)


    Pubertät und Abnabelung

    Die Autorinnen zeigen die wichtigsten Entwicklungsschritte der Jungs von 0 bis 18 Jahren auf, liefern uns augenzwinkernd ein Mini-Lexikon mit Begriffen aus dem Wortschatz der Söhne, damit man als Erwachsene*r wenigstens der Spur nach weiß, wovon sie reden. Ein wichtiges Thema sind natürlich Sexualerziehung, Pubertät und Abnabelung. Dafür sind die Erinnerungen der Mütter an ihre eigene Teenagerzeit nur bedingt brauchbar.


    Sehr schön ist die Liste der Dinge, die das Loslassen erleichtern. Denn eines darf frau nicht vergessen: Sie ist nicht nur Jungsmutter, sondern hat auch noch ein eigenes Leben. Die Zehn Gründe, warum es das Schönste auf der Welt ist, eine Jungsmutter zu sein“ (Seite 295) ist eine zauberhafte Liebeserklärung an die Söhne.


    Die coolen Männer von morgen

    In einem Interview mit ihrem Verlag wurden die beiden Autorinnen gefragt, welchen Rat sie allen Müttern von Jungs mit auf den Weg geben möchte. Heike Abidi antwortete: „Wenn wir es schaffen, unsere Söhne zu freundlichen, hilfsbereiten, emanzipierten, großzügigen, gewaltlosen, ehrlichen, gefühlvollen Jungs zu machen, können sich die Frauen von morgen freuen. Nutzen wir die Chance, eine neue Generation Mann auf den Weg zu bringen! Denn eins steht fest: Unsere Söhne sind die coolen Männer von morgen.“ Und Ursi Breidenbach ergänzte:Bloß nicht zu viel aufregen, nichts allzu tragisch nehmen. Die meisten Probleme lösen sich von selbst, wenn man mal abwartet. Stattdessen sollte man sich entspannen und die Zeit mit den Jungs genießen! Sie ist so schnell vorbei.“


    Die Autorinnen

    Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane für Erwachsene sowie Jugendliche und Kinder.


    Ursi Breidenbach reist gern. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, schreibt sie neben unterhaltenden Sachbüchern und Kurzgeschichten am liebsten wunderschöne Liebesromane zum Wohlfühlen. Ursi Breidenbach lebt mit ihrer Familie in der Steiermark (Österreich).

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    Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, München 2020, dtv, Deutsche Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26236-1, Klappenbroschur, 266 Seiten, mit mehreren Selbsttests, Format: 13,5 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99, auch als Audio-CD lieferbar.


    „Die Gene bilden zwar eine Grundlage. Aber die Umgebung, die Freunde, das soziale Netz, das Leben selbst formen erst die Persönlichkeit, die wir sind. Und im kommenden Jahr (…) werden wir schon wieder jemand anderes sein.“ (Seite 81)


    Wie sind wir eigentlich der Mensch geworden, der wir sind? Und können wir auch, wenn wir wollen, ein anderer werden?


    Erwachsene ändern sich nicht?

    Dass die „technischen Daten“ wie Name, Staatsangehörigkeit, Sprache, Religion, Aussehen, ja unter Umständen sogar das Geschlecht, veränderbar sind, wissen wir. Die „kulturelle Identität“ ist also eine flexible Angelegenheit. Und wie sieht es mit unserer Persönlichkeit aus? Die ist zum Teil genetisch bedingt und wird von Erziehung und äußeren Einflüssen geprägt. Stimmt es, dass sich ab ca. 30 nicht mehr viel in der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen tut? Dass sich höchstens noch im Alter manche Charakterzüge verstärken?


    „Aus einem Ochs‘ wird kein Esel“, meinte mein früherer Chef zu diesem Thema. Meine Familie hat ähnlich blumige Umschreibungen für die angebliche Tatsache, dass sich die Persönlichkeit eines Erwachsenen nicht mehr entscheidend verändern kann. Doch anscheinend stimmt das gar nicht, auch wenn der Volksmund es behauptet und selbst die Wissenschaft lange davon überzeugt war. Es wäre auch schlimm, wenn unsere Persönlichkeit bereits in jungen Jahren in Stein gemeißelt wäre. Wir wären der Möglichkeit beraubt, uns zu entwickeln und uns an veränderte Lebensumstände anzupassen. Dafür muss zwar nicht zwingend der Ochs‘ zum Esel werden, aber mitunter muss man schon sehr weit aus seiner Komfortzone herausgehen und zum Beispiel extrovertiert agieren, obwohl man von Haus aus introvertiert ist. Das kann man tatsächlich lernen, wenn man will – oder wenn man es muss.


    Die „Big Five“ unserer Persönlichkeit

    „Für alle Menschen gilt: Wir verändern uns, wenn sich die Welt um uns herum verändert. Wenn wir eine neue Rolle in der Gesellschaft einnehmen, am Arbeitsplatz oder in der Familie, dann verändern wir uns ein Stück weit. Und da sich die Welt ständig wandelt, wandelt sich andauernd auch unser Selbst.“ (Seite 111)


    Die grundlegenden Eigenschaften, aus denen eine Persönlichkeit aufgebaut ist, nennt man die „Big Five“. Das sind:

    • Neurotizismus, oder, positiv ausgedrückt, emotionale Stabilität
    • Extraversion/Introversion
    • Offenheit für Erfahrungen
    • Verträglichkeit
    • Gewissenhaftigkeit


    Auf Seite 101 ff kann man testen, wie stark die einzelnen Dimensionen bei einem selbst ausgeprägt sind. Das ist ein bisschen Arbeit. Das Problem dabei ist, dass die Testauswertung im Buch nicht funktioniert. Die Zahlenwerte überlappen sich, und man weiß nicht so recht, in welche Zeile man seine ermittelten Punktzahlen eintragen soll.


    Abb: © dtv Verlagsgesellschaft, Scan: E. Nebel


    Ich vermute, die Spalte links muss korrekt heißen:

    • Ausgesprochen (21 bis 25 Punkte)
    • Sehr (16 bis 20 Punkte)
    • So lala (11 bis 15 Punkte)
    • Ein bisschen (6 bis 10 Punkte)
    • Gar nicht (1 bis 5 Punkte).


    Man muss sich nicht ändern – aber man kann

    Nach diesem Test wissen wir, wo wir (derzeit!) stehen. Und, wichtig: So, wie wir sind, sind wir vollkommen in Ordnung. Keines der Persönlichkeitsmerkmale ist ein Makel. Es gibt also keinen Zwang zur Veränderung. Aber für den Fall, dass man will oder muss, erfährt man hier, wie es geht.


    „Dazu muss man keinesfalls ab seinem genetischen Code basteln. Die Persönlichkeit besteht nun einmal aus Denken, Fühlen und Verhalten. Wenn sich dieser Dreiklang ändert, wird die Persönlichkeit eine andere.“ (Seite 194)


    Wie gut einem Menschen das Verhalten außerhalb seines Urcharakters gelingt, ist zum einen eine Talentfrage und zum anderen Übungssache. Übungsaufgaben für die Big Five gibt es ab Seite 227. Ohne entsprechenden Leidensdruck, glaube ich, tut man sich das aber nicht an. Also, ich bestimmt nicht!


    Was wir sonst noch über uns erfahren

    Um diese Möglichkeiten zur Veränderung geht es hauptsächlich in diesem Buch. Aber das ist natürlich nicht alles, was man hier erfährt und lernt. Hier noch ein paar Beispiele:

    • Dass wir uns eher selbst erfinden als uns selbst zu finden, hängt mit der Resonanz zusammen. Wir entwickeln uns in Reaktion auf äußere Einflüsse (Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen) weiter.
    • Wir erfahren, welche Lebensumstände und Entscheidungen uns am stärksten beeinflussen. Und wir sehen, dass die ersten Lebensjahre meist gar nicht so entscheidend sind wie wir bislang geglaubt haben.
    • Wir entdecken interessante Fallbeispiele für verblüffende Persönlichkeitsveränderungen – absichtlich herbeigeführt, zufällig entstanden oder durch Krankheiten und Unfälle bedingt.
    • Wir stellen fest, dass unser Gedächtnis mindestens so flexibel ist wie unser biegsames ich – und dass es mit unserer Selbsteinschätzung nicht sehr weit her ist.
    • Wir gehen der Frage nach, was eigentlich Authentizität bedeutet. Und auf den Seiten 64 ff können wir testen, wie authentisch wir selbst sind.
    • Warum eigentlich haben wir bei Klassentreffen immer das Gefühl, dass sich unsere ehemaligen Schulkameraden gar nicht verändert haben? (Außer äußerlich, natürlich. Aber ihr wisst ja: Ein Klassentreffen ist eine Zusammenkunft von Menschen, die früher mal gleich alt waren.)
    • Wir erfahren außerdem, wie sich Schlaf, Ernährung und sogar Mikroben auf unsere Psyche auswirken.


    Es ist immer hochinteressant und spannend zu sehen, wie der Homo sapiens funktioniert. Dass unsere Persönlichkeit erwiesenermaßen wandelbarer und anpassungsfähiger ist als bislang angenommen, ist durchaus erfreulich – auch wenn wir das aufgrund eigener Erfahrungen irgendwie schon vermutet haben.


    Die Autorin

    Christina Berndt studierte Biochemie und promovierte in Heidelberg. Als Wissenschaftsjournalistin berichtete sie über Medizin und Forschung für ›Der Spiegel‹, ›dpa‹, ›Süddeutscher Rundfunk‹ und ›Süddeutsche Zeitung‹, wo sie seit 2000 als Redakteurin arbeitet. 2006 wurde sie mit dem European Science Writers Junior Award ausgezeichnet. Sie deckte den Organspendeskandal auf und erhielt dafür den renommierten Wächterpreis der Tagespresse. Sie war 2013 für den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie »Investigation« nominiert und wurde unter die Top 3 der Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2013 gewählt. 2017 wurde sie in der Kategorie »Wissenschaftsreportage« für den Deutschen Reporterpreis nominiert. 2018 erhielt sie den Karl-Buchrucker-Preis.

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    Hanna-Laura Noack: Frau mit Artischocke. Roman, Norderstedt 2019, BoD, Books on Demand, ISBN 978-3-74949718-8, Softcover, 396 Seiten, Format: 12,7 x 2,3 x 20,3 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle: EUR 4,99.


    „Als ich [das Bild] zum ersten Mal sah, traf es mich wie ein Blitz. Es war, als blickte ich auf eine Zeitspanne meines Lebens zurück, in der ich in etwa so alt war wie du jetzt. Es sagte mir etwas Wichtiges, als blicke ich in einen Spiegel meiner Seele. Dieser Blick auf das Bild hat mir geholfen.“ (Seite 167)


    Wenn man eine so toxische Verwandtschaft hat wie die Apothekerin Antje Wieden (35), verrammelt man am besten sämtliche Türen, blockiert die Telefonnummern der Angehörigen und wechselt fluchtartig die Straßenseite, falls man doch mal versehentlich einen von ihnen trifft.


    Toxische Verwandtschaft

    Ankes Mutter Tonia, Mitte 50, weiß haargenau, was die Sippe ihres Ex für ein egozentrischer, missgünstiger und manipulativer Haufen ist.


    Doch Ankes Familie väterlicherseits ist wie die Ameisen: Auch wenn man alles hermetisch abriegelt, finden sie immer wieder einen Weg ins Haus. Mit 14 freundet sich Anke mit der gleichaltrigen Birgit Worms an, ohne zu ahnen, dass das ihre Halbschwester ist.


    Jugendliche Schwärmerei

    Das geht aber auch nicht lange gut. Irgendwann bricht Anke aus nachvollziehbaren Gründen den Kontakt zur Familie Worms ab. Nur ihrem Patenkind Julian, Birgits Sohn, schickt sie stets Geschenke, auch wenn er nie darauf reagiert. Mit 14 begegnet er seiner Tante bei einem peinlichen Verwandtenbesuch zum ersten Mal und stellt erfreut fest, dass sie nicht nur nett und großzügig ist, sondern dass sie auch noch aussieht wie Angelina Jolie. Warum eigentlich lassen seine Eltern kein gutes Haar an ihr?


    Eine jugendliche Schwärmerei nimmt ihren Lauf.


    Julians Eltern haben Eheprobleme und streiten weit unter ihrem Niveau. Ihren hochbegabten Sohn verstehen sie nicht. Julian ist Klassenbester, träumt von einer Zukunft als Nuklearphysiker und hat Albert Einstein zu seinem Idol erkoren. Liebe und Halt findet er daheim nicht, das sucht er anderswo.


    Er ist 16, als er seine Patentante aufgrund eines Artikels in der Tageszeitung kontaktiert. Vielleicht erzählt sie ihm ja, warum seine Eltern sie so sehr hassen und wieso sie dann seine Patin ist. Zuhause bekommt er keine Antworten. Deswegen – und weil Anke so verflixt attraktiv ist– sucht er sie auf. Sie heißt ihn überrascht willkommen, ist aber bezüglich der Vergangenheit nicht auskunftsfreudiger als seine Eltern. Sie will ihm nicht einmal verraten, warum sie sich für den Zeitungsartikel ausgerechnet vor dem Picasso-Gemälde „Frau mit Artischocke“ hat fotografieren lassen. Das ist ihr zu persönlich.


    Julian zieht alle Register

    Antworten oder nicht - nach diesem Besuch kennt Julian nur noch ein Ziel. Er will seine schöne Patentante ins Bett kriegen, koste es, was es wolle. Dafür zieht er sämtliche Register: naiv, romantisch, verzweifelt, kackdreist – irgendwas muss ja mal funktionieren!


    Es dauert ewig, bis Anke kapiert, was der Bursche von ihr will. Sie nimmt ihn nicht ernst, für sie ist er ein Kind. Und die Schwierigkeiten, die er in Schule und Elternhaus hat, erscheinen ihr albern im Vergleich zu dem was ihr Auszubildender Adib Arjouni durchgemacht hat – und immer noch durchmacht.


    Während die Chefin den syrischen Azubi nach Kräften schikaniert, kümmert sich Anke, die auch in der Flüchtlingshilfe engagiert ist, um den jungen Mann.


    Das alles bietet reichlich Zündstoff.


    Anke hat die Nase voll

    Irgendwann kracht’s. Es fliegen nicht mehr nur Beleidigungen …. Und nun ist selbst für die geduldige Anke Schluss mit lustig. Sie nimmt sich ein Beispiel an der „Frau mit Artischocke“, die für sie ein Sinnbild der Wehrhaftigkeit ist, und räumt in ihrem Leben auf. Nun sollen sich mal alle schön um ihren eigenen Kram kümmern und damit aufhören, Schuldgefühle, Probleme und Verantwortung bei ihr abzuladen! Ihr Umfeld ist von dieser Veränderung, gelinde gesagt, überrascht …


    Wenn man als Leser*in freiwillig Zeit mit der garstigen Verwandtschaft anderer Leute verbringt, muss das schon ein sehr interessanter Roman sein. Bisweilen ist er verstörend – der Raubüberfall, zum Beispiel, oder Ankes Jugenderinnerungen. Auch die Familienstreitigkeiten bei Julian daheim sind ziemlich beängstigend. Aber spannend!


    Außer Anke, Adib und Kollege Felix sind eigentlich alle Personen unsympathisch und gestört. Aber man will unbedingt wissen, wie weit Ankes Sippe mit ihrer Dreistigkeit kommt, warum sie einander so spinnefeind sind und wieso, um Himmels Willen, nicht jeder seiner Wege zieht und die Menschen hinter sich lässt, die er nicht ausstehen kann. Aber das ist bei Verletzungen, die bis in die Kindheit zurückreichen, wohl nicht so einfach.


    Noch nicht zufrieden mit dem Status quo

    Ich hatte noch nie besonders viel Geduld mit der Nabelschau von Teenagern. Mit dem Gejammer ewig Zukurzgekommener wie Julians Mutter geht es mir ähnlich. Umso mehr bewundere ich den Langmut der Apothekerin Anke. Ich glaub‘, an ihrer Stelle hätte ich die ganze Bagage längst vergiftet! Oder ihnen zumindest ohne Spielraum für Interpretationen gesagt, dass sie sich zum Teufel scheren sollen. Doch dafür ist Antje zu lieb und zu reflektiert. Und ihre Sprache ist für ein herzhaftes „Hörmal“-Gespräch einfach zu literarisch.


    Kommt da eigentlich noch was? Das Nachwort deutet eine Fortsetzung an. Und, ehrlich gesagt, ist vielleicht Anke mit dem Status quo zufrieden. Ich als Leserin bin mit den Fieslingen, die ihr das Leben zur Hölle gemacht haben, noch lange nicht fertig!


    PS: Schockiert war ich über die Darstellung von Ankes Mutter als gebrechlicher, alter Frau – mit Mitte 50, wenn man nach den Altersangaben im Roman geht. Also, da sind die Mädels in meinem Umfeld deutlich besser in Schuss! Auch die, die das Leben ein bisschen heftiger gerupft hat.


    Die Autorin

    Hanna-Laura Noack ist in der Welt viel herumgekommen und spricht vier Sprachen. Nach einer Hotelfachlehre studierte sie in Paris, Berlin und Bonn. Im Ausland war sie nacheinander an einer britischen, pakistanischen und iranischen Botschaft tätig, als Privatsekretärin und Dolmetscherin von zwei Botschaftern. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie viele Jahre als Psychotherapeutin in Köln. Parallel zu ihrem Beruf, leitete sie ein Berufsverbandsfachteam für Diplom-Psychologen, führte von ihr entwickelte Trainingsseminare durch und trat vielfach als Expertin in Funk und Fernsehen auf. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Köln und in der Bretagne.

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    Heike Abidi: Und dann kamst du (14 - 17 Jahre), Hamburg 2019, Oetinger Taschenbuch im Verlag Friedrich Oetinger GmbH, ISBN 978-3-8415-0583-5, Softcover, 313 Seiten, Format: 12,7 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 7,99.


    „Vor zwei Monaten hatte sie das Elternhaus verlassen, und was hatte sie in dieser Zeit erreicht? Nichts. Na ja, abgesehen davon, dass sie neue Freunde, neue Hobbys und zwei Aushilfsjobs ohne Perspektive gefunden hatte. Und einen herrenlosen Rucksack.“ (Seite 222)


    Bis zum Abitur war für die neunzehnjährige Claire Cornelius alles klar: Sie würde zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Colin Medizin studieren und später, nachdem die Eltern sich zur Ruhe gesetzt hätten, mit ihm deren Praxis übernehmen. So könnten die Geschwister privat ein eigenes Leben führen und beruflich weiter das Dreamteam sein, dass sie von Geburt an waren.


    Alle Zukunftspläne futsch

    Doch dann erleidet Colin einen tödlichen Unfall, und nichts ist mehr, wie es war. Jetzt sitzt Claire 100 Kilometer von Familie und Freunden entfernt in einer WG an ihrem Studienort und fühlt sich ohne ihren Bruder vollkommen verloren.


    War das mit dem Medizinstudium und der Praxisübernahme eigentlich jemals ihre eigene Zukunftsplanung, oder hat sie nur mitgespielt, weil ihre Familie das so sehr wollte? Und weil es vielleicht bequemer war, als sich selbst Gedanken zu machen?


    Auf der Suche nach Sam

    Nur das Medizinstudium steht nicht ihrem Fokus. Dafür verbeißt sie sich in ein aberwitziges „Projekt“: Statt den Rucksack, den ein attraktiver junger Mann im Bus vergessen hat, beim Fahrer oder im Fundbüro abzugeben, nimmt sie das Ding mit heim und setzt alles daran, den Besitzer selbst ausfindig zu machen. Der Mann hat so traurig ausgesehen – vielleicht sind sie beide ja vom Schicksal dazu ausersehen, einander Halt und Trost zu geben. Am Ende sind sie gar Seelenverwandte!


    Claire weiß selbst, dass das verrückt und kitschig klingt, aber mit der Suche nach dem jungen Mann hat sie wenigstens etwas Interessantes zu tun. Die Tagebuchaufzeichnungen, die sie in seinem Rucksack findet, verraten ihr, dass er Samuel heißt und gerade von seiner Freundin verlassen worden ist. Ein paar seiner Hobbys und sein vermutliches Studienfach gehen ebenfalls aus den Notizen hervor, und Claire beginnt, den Unbekannten ganz gezielt zu suchen.


    Claire sortiert ihre Gedanken

    Sams Tagebuch benutzt sie kurzerhand weiter. Sie schreibt darin ihre Überlegungen nieder als seien es Briefe an ihn. Dies und die fiktiven Dialoge mit ihrem Bruder helfen ihr, ihre Gedanken zu sortieren und sich selbst neu kennenzulernen.


    Claire wird klar, dass Colin immer der Motor in ihrer Beziehung war und sie in allem mitgezogen hat. Wie sie ihr Leben gestalten will, hat nie jemand gefragt, nicht einmal sie selbst. Jetzt ist dieser „Motor“ ausgefallen. Das heißt, Claire selbst muss eine Richtung finden und die Kraft aufbringen, sich dorthin zu bewegen. Dass es kein Dauerzustand sein kann, so orientierungslos herumzudümpeln, wie sie es derzeit tut, ist ihr klar. Sam zu finden und ihm seinen Rucksack zurückzugeben, ist eine fixe Idee aber kein Lebensziel.


    Es ist schon ziemlich schräg, was Claire alles veranstaltet und erlebt, um Sam „zufällig“ über den Weg zu laufen. Gut, dass er davon nichts mitkriegt! Er würde sich vermutlich eher gestalkt als geschmeichelt fühlen. Das ist ihr auch bewusst. Aber sie ist in einem Ausnahmezustand, und diese Suche hilft ihr. Anders gesagt: Indem sie Sam sucht und darüber schreibt, findet sie zu sich selbst.


    Plötzlich muss man selbst entscheiden

    Auch wenn dieser Selbstfindungsprozess bei den meisten jugendlichen Leser*innen glücklicherweise nicht so dramatisch verlaufen dürfte wie bei der Romanheldin – irgendwie müssen alle da durch. Irgendwann ist die Zeit vorbei, in der das Leben durch die Eltern und die Schule geregelt ist. Dann läuft nichts mehr „automatisch“. Man muss sich Ziele setzen, Entscheidungen treffen und selbst aktiv werden. Dass diese Phase nicht nur schwierig ist, sondern auch im positiven Sinne aufregend sein kann, zeigt dieser Roman. Claire macht ganz neue Erfahrungen und entdeckt auf einmal Interessen und Fähigkeiten an sich, von denen sie bislang nichts geahnt hat.


    Was mich als erwachsene Leserin bei der Stange gehalten hat, war seltsamerweise nicht die Frage, ob Claire den rechtmäßigen Besitzer des Rucksacks findet und wie er auf ihre obsessive Suche nach ihm reagieren wird. Meinetwegen hätte sie die Suche nach Sam auch einfach als Hirngespinst aufgeben können. Ich wollte unbedingt wissen, für welches Studium/welche Ausbildung sie sich entscheiden wird. Wie wohl die meisten Erwachsenen ging ich im Geiste mögliche Alternativen durch und hätte die arme Claire im wahren Leben wahrscheinlich fürchterlich damit genervt, statt sie ihre Bestimmung alleine finden zu lassen. :-) So gesehen ist es gar nicht verkehrt, wenn auch Angehörige eines jungen Menschen in der Berufsfindungsphase mal einen Blick in dieses Buch werfen.


    Wie man Geld verdient

    Sehr aufschlussreich war für mich Claires Gespräch mit der Geisteswissenschaftlerin Sophie über die Frage, wie man das im Studium erworbene Wissen hinterher am besten zu Geld machen kann. Schließlich studiert man ja nicht nur zum Spaß, sondern weil man einen Beruf braucht, von dem man leben kann. Und da gibt es in der Tat verschiedene Herangehensweisen.


    Der Schluss hat mich dann ein wenig überrumpelt. Das ging mir einen Tick zu schnell. Aber im Grunde war alles Wesentliche erzählt, und da kann ich dann auch mit einer gewissen Verkürzung leben. Ich würde das unterhaltsame Buch jederzeit jungen Leser*innen, die sich mit dem Thema Berufswahl und Zukunftsplänen beschäftigen, in die Hand drücken.


    Die Autorin

    Heike Abidi, Jahrgang 1965, ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane, Kinder- und Jugendbücher sowie unterhaltende Sachbücher - Letzteres zusammen mit Lucinde Hutzenlaub und Ursi Breidenbach.

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    Silje Elin Matnisdal, Leiv Magnus Grøtte: Ayla - Meine ungewöhnliche Freundschaft mit einem jungen Fuchs, OT: Ayla the Fox - Reven som sjarmerte en hel verden, aus dem Norwegischen von Dr. Ulrike Strerath-Bolz, München 2019, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-21452-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 208 Seiten mit zahlreichen großformatigen Farbfotos, Format: 21,3 x 2 x 23,8 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 14,99.


    „Ich will die Berge für mich allein. Und weil ich so gern allein unterwegs bin, habe ich mir einen Fuchs als Begleiter gesucht.“ (Seite 157)


    Die Fotos in diesem Band sind großartig – die Idee, einen Fuchs als Haustier zu halten, ist es nicht. Auch wenn man, wie die Autorin/Fotografin Silje Elin Matnisdal, auf einem Bauernhof in Südwestnorwegen wohnt und das Tier in einem geräumigen Gehege halten kann – wenn es nicht gerade im Haus ist und wenn Frau und Füchsin nicht zusammen durch die Natur wandern.



    Abbildungen: © Knaur Verlag


    Die Geschichte geht für die Füchsin auch nicht gut aus. Das machen die Autoren gleich auf den ersten Seiten klar. Und ich sage es hier auch in aller Deutlichkeit, weil ich weiß, dass manche Leser*innen Bücher mit traurigem Schluss nicht mögen.


    Wenn man Siljes Vorgeschichte kennt, klingt ihre Idee, einen Fuchs halten zu wollen, gar nicht mehr so kurios. Als sie fünf Jahre alt war, hielt ein Nachbar Silberfüchse und schenkte Siljes Bruder einen Welpen zum Geburtstag. „Mikkel“ hieß das Tier, hatte ein Gehege auf dem Hof aber uneingeschränktem Freigang – von dem er eines Tages nicht mehr zurückkehrte. Ein anderer Nachbar hatte ihn erschossen. Mikkels Nachfolgerin, die Füchsin Mikkeline, war nicht so streunerisch veranlagt und wurde an Siljes Seite uralt.


    Silje will einen Fuchs als Haustier

    Jetzt ist Silje um die 30 und möchte wieder einen Fuchs. Nun kann man nicht einfach ein Wildtier aus der Natur entführen. Also kauft sie einen fünf Wochen alten Goldfuchswelpen – einen Mix aus Rot- und Silberfuchs – von einer Pelztierfarm frei und zieht ihn auf ihrem Hof groß.


    5 Wochen ist ein bisschen sehr früh, um einen Welpen von seiner Mutter wegzunehmen, aber Silje erklärt uns, dass ein älteres Tier nicht mehr an den Menschen hätte gewöhnt werden können.


    Stubenrein wird das Tier nicht. Ayla verschleppt, zerstört und bepinkelt alles, was sie erwischen kann. Silje muss sich schon sehr stark nach ihrem Haustier richten, ihre Wohnung entsprechend aus- und umräumen und der Füchsin permanent hinterherputzen. Das hatte sie so nicht in Erinnerung. Aber vielleicht haben die Füchse ihrer Kindheit auch nicht mit im Haus gewohnt. Doch Ayla ist noch zu klein um allein draußen im Gehege zu schlafen. Sie schläft bei Silje und folgt ihr, wenn sie zuhause ist, auch sonst auf Schritt und Tritt.


    Mit Futterbelohnungen und Klickertraining gelingt es Silje, ihrer Füchsin Kommandos beizubringen wie einem Hund. Nur, dass Ayla eben ein Wildtier bleibt und nur dann gehorcht, wenn sie gerade Lust dazu hat.


    Goldfüchsin Ayla wird zum Medienstar

    Ayla ist flauschig und niedlich, und als Silje ein paar Fotos von ihr auf Instagram postet, dreht das Internet durch. Mit jedem neuen Fuchsfoto wächst die Zahl ihrer Follower. Die Zeitungen melden sich und diverse Fernsehsender. Ayla wird zum Medienstar. Richtig zahm wird sie aber nie. Wenn Silje sie an der Leine führt, fühlt sich das so unnatürlich und verkrampft, wie wenn sie mit einer angeleinten Katze spazieren gehen würde.


    Wo „der berühmteste Fuchs der Welt“ (Seite 13) auch auftaucht, sorgt er für Aufsehen. Das ist Ayla manchmal zu viel. Aufdringliche Menschen, die ihr zu dicht auf den Pelz rücken, mag sie nicht. Da kann sie ganz schön ungemütlich werden.



    Autor mit kritischer Distanz

    So hinreißend die Fotos von Ayla im Haus und auf den Wanderungen sind - Leiv Magnus Grøtte wahrt stets eine kritische Distanz zu dem Thema, über das er schreibt. Er lässt beim Leser gar nicht erst den Wunsch aufkommen, ebenfalls einen Fuchs als Haustier halten zu wollen. Zum Glück! Es wäre auch nicht wünschenswert, dass aus einem Medien-Hype ein Fuchs-als-Haustier-Hype wird. Also genießen wir Leser*innen die herrlichen Fotos und die einfühlsamen Berichte über Aylas Abenteuer in diesem Buch – und vielleicht auch im Internet* – und sind froh, dass wir die Probleme, die Silje mit ihrem Haustier hatte, nicht haben.


    Die Autoren

    Silje Elin Matnisdal lebt auf einem Bauernhof unweit von Stavanger in Südwestnorwegen und arbeitet als Logistikerin bei einem großen Maschinenbauunternehmen. Sie ist eine große Naturliebhaberin und Tierfreundin.


    Leiv Magnus Grøtte lebt in Hundvag bei Stavanger und arbeitet in einer Werbeagentur. Er hat Silje und Ayla über Monate hinweg mit seiner Kamera begleitet.

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    Susi Menzel: Von wegen faul auf dem Sofa liegen – Ninas unglaubliche Abenteuer in der Welt der Katzen, Norderstedt 2019, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-7504 0265-2, Softcover, 264 Seiten mit einigen Farbfotos, Format: 12,7 x 1,4 x 20,3 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 8,99.


    Hinter diesem Buchtitel hätte ich jetzt nicht unbedingt einen Fantasyroman vermutet – aber es ist einer: Wenn die Menschenfrau Nina gewusst hätte, was ihr an phantastischen und gefährlichen Abenteuern blüht, hätte sie vermutlich nie die Abkürzung über die Feldwege genommen, als sie an einem düsteren Novemberabend vom Einkaufen nach Hause ging. Aber zu Beginn der Geschichte weiß sie das nicht. Sie kürzt also ihren Heimweg ab, hört ein unheimliches Geräusch, das sie nicht einordnen kann, sieht einen Schatten, schaut in ein paar riesige goldgelbe Augen – und fällt in Ohnmacht.


    Nina wacht als Katze auf

    Als sie wieder zu sich kommt, ist sie in einer skurrilen Zwischenwelt, in der Katzen Kleidung tragen und aufrecht auf zwei Beinen gehen. Verrückter noch: Sie selbst ist eine von ihnen! Doch diese Phase währt nur kurz. Vor lauter Schreck verliert Nina erneut das Bewusstsein und erwacht als Hauskatze „Tigerchen“, Kosename „Mäuslein“ bei einer ihr unbekannten Menschin.


    Mit zu deren Haushalt gehört der schwarze Kater Oskar, der sofort merkt, dass Nina zwar aussieht wie seine Mitbewohnerin Tigerchen, aber anders riecht und sich auch ganz anders benimmt. Er glaubt Nina auch aufs Wort, dass sie bis vor wenigen Augenblicken noch eine Menschenfrau war. Sie kann gar keine richtige Katze sein: Sie kann ja weder klettern noch jagen!



    Wie wird Nina wieder ein Mensch?

    Natürlich will Nina wieder in ihre menschliche Gestalt zurück, auch wenn ihre Erinnerung daran immer blasser wird. Und Oskar möchte seine Gefährtin Tigerchen wiederhaben, auch wenn Nina eigentlich viel netter und interessanter ist als sie. Aber irgendwo muss Tigerchen ja abgeblieben sein, wenn Nina ihren Platz einnehmen konnte. Sie ist sicher auch irgendwo, wo sie sich nicht auskennt und Angst hat.


    Doch zunächst einmal gilt es, herauszufinden was in der Schlucht Seltsames vor sich geht, was das mysteriöse „Hundekragentier“ für ein Gegner ist und wie man sich gegen die aggressiven Krähen wehren kann. Die haben die arglose Nina ganz übel attackiert.


    Für „Tigerchen“ wird’s kritisch


    Auch wenn sich alles irgendwie zurechtgeruckelt hat: Es kann nicht so bleiben, wie es momentan ist. Das „richtige“ Tigerchen ist schwer krank und braucht ärztliche Hilfe, ehe es zu spät ist. Und Nina wird in der Menschenwelt doch sicher auch vermisst werden. Also muss das, was immer den beiden zugestoßen ist, so schnell wie möglich rückgängig gemacht werden!


    Hilfe aus der Zwischenwelt


    Nach und nach wird uns Leser*innen klar, wie es Nina in die Katzenwelt verschlagen hat, und dass die Ereignisse, so dramatisch sie auch verlaufen, doch auch ihr Gutes haben.


    Es ist interessant, amüsant und aufschlussreich zu beobachten, wie sich ein Mensch, ein überzeugter Vegetarier sogar, auf einmal als Katze durchschlagen muss. Nicht nur die Ernährung ist schwierig, sondern auch die Körperbeherrschung und der Umgang mit ehemaligen und derzeitigen Artgenossen sowieso.


    Unsere tierischen Mitbewohner fänden es bestimmt saukomisch, wie wir Zweibeiner uns in ihrer Welt anstellen. Überhaupt wäre es mal schön zu wissen, was ihnen so durch den Kopf geht. Na, vielleicht auch nicht …! Wer weiß das schon?


    Ich fand das phantasievolle Abenteuer in der Tierwelt spannend. Über die geheimnisvolle Zwischenwelt hätte ich gerne noch mehr erfahren. Aber vielleicht schreibt die Autorin ja irgendwann noch mehr zu diesem Thema ...


    Die Autorin

    Susi Menzel lebt in Minden, Westfalen, dessen ländliche Vororte die perfekte Kulisse für ihre Geschichten rund um Tiere und Natur sind. Außerdem fotografiert sie gerne und kann so ihre Erzählungen oft mit echten Tierfotos illustrieren.

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    Adam Hart-Davis: Pawlows Hund. Und 49 andere Experimente, die die Psychologie revolutionierten, OT: Pavlov's Dog And 49 Other Experiments That Revolutionised Psychology, München 2019, aus dem Englischen von Claire Roth, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-335-1, Softcover, 176 Seiten mit farbigen Illustrationen von Jason Anscomb, Format: 15,1 x 2,2 x 20,8 cm, EUR 15,00.


    Seit Jahrtausenden beschäftigen sich die Menschen mit ihrer „Innenwelt“. Aber woher weiß man eigentlich, was in unserer Psyche vor sich geht? Das ist ja nichts Messbares wie Länge, Masse oder Stromstärke! – Nun, es gab Beobachtungen, daraus abgeleitete Theorien und Experimente, die diese bestätigten – oder eben nicht.


    So richtig losgegangen ist das alles mit Charles Darwin und seinen Studien zum Verhalten der Tiere. Danach fragte man sich, inwieweit diese Erkenntnisse auf den Homo sapiens übertragbar sind. So entwickelte sich aus der Untersuchung der Lernfähigkeit von Tieren (Edward Thorndike, 1889) und der Konditionierung von Reflexreaktionen (Iwan Pawlow, 1901) die Forschung zu Wahrnehmung, Verhalten und Denken des Menschen.


    Experimente verständlich erklärt

    In chronologischer Reihenfolge schildert uns der Autor die seiner Ansicht nach wichtigsten Experimente von 1881 bis ins Jahr 2007. „Mir lag daran, jedes Experiment in schlichter, verständlicher Sprache darzustellen und Fachjargon weitgehend zu vermeiden“, schreibt er. (Seite 173). „Auf Statistik habe ich bewusst verzichtet, weise jedoch auf maßgebliche Erkenntnisse hin.“


    Das titelgebende Experiment des russischen Physiologen Pawlow – ein Spezialist für Verdauung – ist wohl eines der bekanntesten: Ehe er die Versuchshunde fütterte, ließ er ein Metronom ticken. Mit der Zeit fingen die Tiere an zu sabbern, wenn sich nur das Geräusch hörten, obwohl gar kein Futter in Sicht war: Sie haben einen neutralen Reiz – das Ticken – mit Nahrungsaufnahme verknüpft.


    Die älteren der hier beschriebenen Experimente sind zum Teil recht krass. Dass man an einem 9 Monate alten Kind testet, ob man auch Menschen konditionieren kann, wäre heute in dieser Form nicht mehr denkbar. 1920 haben John B. Watson und Rosalie Rayner dem kleinen Albert Angst vor pelzigen Tieren anerzogen, indem sie ihn beim Anblick von Kaninchen, Ratten, Hunden u. ä. durch vorsätzlich erzeugten Lärm erschreckten. Natürlich fing der Kleine an zu brüllen und wollte mit Hund, Katze und Maus nichts mehr zu tun haben. Desensibilisiert hat man ihn nach Abschluss des Versuchs nicht. Die Abneigung gegen Tiere blieb ihm sein Leben lang erhalten.


    Erinnerungen sind ein Prozess

    Bei der Versuchsanordnung zum Beweis, dass uns unvollständig erledigte Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als bereits abgeschlossene (1927), ist zum Glück niemand zu Schaden gekommen. – Dass unser Langzeitgedächtnis nicht so zuverlässig ist, wie gerne glauben würden, wies Frederic Bartlett 1932 nach. Erinnern ist ein Prozess, ähnlich wie das Entwickeln von Vorstellungen und Gedanken. (Sind die Erinnerungen einer Gruppe an ein Ereignis weitgehend gleich, mag das daran liegen, dass man immer wieder über den Vorfall gesprochen hat und sich die „Erinnerungen“ dadurch einander angeglichen haben. Wer weiß schon noch, wie’s damals wirklich war?)


    Sehr interessant ist die Erforschung von Führungsstilen, Verantwortungsbewusstsein und Regierungsverhalten. Bei diesem Experiment ist nicht mehr passiert, als dass ein paar 10- bis 11jährige Kinder unter verschiedener Leitung gebastelt und gespielt haben. Das Ergebnis ist überaus aufschlussreich ...


    Ebenfalls spannend: Solomon Aschs Konformitäts-Experimente von 1956: Werden Menschen wider besseren Wissens eine falsche Aufgabenlösung nennen, nur weil die anderen (in den Versuch eingeweihten) Probanden diese mehrheitlich bevorzugen? Wer steht für seine Überzeugung ein und wer zweifelt an sich und passt sich der sich irrenden Mehrheit an?


    Ein bisschen wie BIG BROTHER für 11- und 12jährige Schulbuben mutet das „Robbery-Cave-Experiment“ aus dem Jahr 1961 an. Es untersucht die Gruppenmentalität und führt zu dem Schluss, dass Konflikte eher durch den Kampf um Ressourcen entstehen als durch individuelle Unterschiede – was so manches Verhalten erklärt.


    Von Jekyll zu Hyde in nur sechs Tagen

    Vom Milgram-Experiment (1963) im vierten Kapitel hat man auch schon gehört. Es beschreibt auf erschreckende Weise, wie weit manche Menschen gehen, wenn sie auf Anordnung einer Autorität handeln. Hier haben viele ohne mit der Wimper zu zucken anderen Probanden zur Strafe „Stromstöße“ verpasst, die zum Glück nur simuliert waren. Andere haben Menschenleben gefährdet, weil sie gar nicht auf die Idee gekommen sind oder es nicht gewagt haben, die Anweisungen eines Vorgesetzen in Frage zu stellen. (Astroten-Experiment, 1966). In die gleiche Kategorie fällt die Frage, warum Menschen in Gruppen seltener in Notfällen helfen als Einzelpersonen (1968). Auch das hat mit dem Übernehmen oder Abgeben von Verantwortung zu tun.


    Ebenso bekannt wie schrecklich ist das Stanford-Prison-Experiment von 1971: 24 College-Studenten aus der Mittelschicht wurden in zwei gleich große Gruppen eingeteilt: in „Gefangene“ und in „Wärter“. Zwei Wochen sollte das Rollenspiel dauern, aber es lief derart aus dem Ruder, dass es am sechsten Tag schon abgebrochen werden musste. Das zeigt wie leicht gewöhnliche Menschen sich vom guten Dr. Jekyll in den bösen Mr. Hyde verwandeln.“ (Seite 109).


    Alles Mumpitz – oder was?

    Gleichfalls erschreckend ist, was passiert, wenn man psychisch völlig unauffällige Probanden in die Psychiatrie einweist (1973). Erkennt dort jemand, dass sie gar nicht krank sind? Die Mitpatienten schon ... Erstaunlich sind die Erkenntnisse, dass Belohnung für Leistung kontraproduktiv sein kann (1973), wie leicht man in Depressionen abgleiten kann, wenn man das Gefühl hat, negative Ereignisse nicht kontrollieren zu können (1975) und was es wirklich mit unserer Willensfreiheit auf sich hat (1983).


    Können Gebete heilen? Gibt’s außersinnliche Wahrnehmung oder ist das Mumpitz? Wie entstehen außerkörperliche Erfahrungen? Was ist Synästhesie? Warum können wir uns nicht selbst kitzeln und was hat diese Tatsache mit Schizophrenie zu tun? Mit Fragen wie diesen befasst sich das sechste Kapitel. Dort erfahren wir auch etwas über faszinierende Phänomene wie Gesichts- und Veränderungsblindheit. Bin ich froh, dass letzteres etwas ganz Normales ist! Ich habe schon an mir gezweifelt, weil ich weder neue Frisuren an meinen Mitmenschen bemerke noch sagen kann, wie das Haus ausgesehen hat, das man vor kurzem abgerissen hat, selbst wenn ich dort mein halbes Leben lang täglich vorbeigegangen bin.


    Im Galopp durch die Psychologie-Geschichte

    Es ist spannend und aufschlussreich, durch die Geschichte der Psychologie zu galoppieren und das Buch beschert einem so manches Aha-Erlebnis. Nicht alles ist einem neu und nicht allen Experimenten tut es gut, wenn man sie in dieser Kürze abhandelt. Ist die Versuchsanordnung komplex, schwirrt einem vor lauter Gruppen, Kontrollgruppen, Antwortmöglichkeiten und Resultaten schnell der Kopf. Aber man gewinnt einen ersten Eindruck und kann sich bei höherem Informationsbedarf ja anderer Quellen bedienen. Bei der Schilderung von 50 Experimenten auf 176 Seiten (inklusive Inhaltsverzeichnis, Glossar, Quellen, Danksagung und Register) können die einzelnen Themen natürlich nur grob angerissen werden.


    Die Illustrationen haben nur zum Teil eine informative Funktion, meist sind es phantasievoll-künstlerische Umsetzungen des jeweiligen Themas. Ich finde, dass die Schrift wahnsinnig klein ist. Trotz Brille hatte ich da manchmal Probleme. Da hätte ich gerne auf etwas Großzügigkeit im Layout und verschwenderischen Weißraum verzichtet und das eine oder andere Bildchen kleiner gemacht, wenn dafür die Schrift etwas lesefreundlicher geworden wäre.



    Abb. © Knesebeck-Verlag


    Der Autor

    Adam Hart-Davis ist Chemiker und studierte in Oxford, York und Alberta. Früh fing er an als Moderator im Radio und im Fernsehen zu arbeiten und sich populär mit historischen und wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen sowie 14 Ehrendoktorwürden. Er verfasste zahlreiche Bücher, schreibt regelmäßig für Zeitungen und hat eine Kolumne in Radio Times. Daneben setzt er sich für unterschiedliche Wohltätigkeitsorganisationen ein und fährt aus Überzeugung und mit Ausdauer Rad. Außerdem ist er um einige Ecken verwandt mit Königin Elisabeth II.

    Ah, das ist ja interessant! Dankeschön!


    Ich habe zu der Serie keine weiteren Hintergrundinfos aus den Medien. Ich lese sie von Band eins an und bin manchmal total überrascht, was mir da auf den Tisch kommt. Es ist ja schon untypisch, dass nicht nur den Haupthandlungsstrang gibt, sondern zwischendrin Bände mit spin-off-Geschichten.


    Tobi Winter hat mich jetzt nicht so überzeugt. Nightingale und Abigail dürften spannend werden.


    Ich hatte auch das Gefühl, dass Aaronovitch die Geschichten mehr oder weniger wuchern lässt. Ist ja schon klasse, was er sich da für eine Welt zusammenfabuliert hat. Nur wenn dann in einem Buch ungefähr halb so viele Leute auftauchen wie in der Bibel und du nie weißt welche davon noch wichtig werden und welche du ignorieren darfst, kann könnte ich ihm ins Gesicht springen. Ich schätze. das ist so, weil er zu dem Zeitpunkt selber noch nicht weiß, wen er nochmals brauchen und aufgreifen wird.


    Ob er schon weiß, was er mit Leslie May anstellen wird? Irgendwie muss die Geschichte ja zu einem Ende finden.

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    Ben Aaronovitch: Der Oktobermann. Ein Tobi-Winter-Roman, OT: The October Man, Deutsch von Christine Blum, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21805-4, Softcover, 205 Seiten, Format: 12,4 x 2 x 19 cm, Buch: EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A), Kindle: EUR 7,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    Also, bisher bin ich nicht übermäßig beeindruckt von deinen Ermittlungskünsten“, sagte Vanessa. (…)
    „Ach, was hast du denn daran auszusetzen?“, fragte ich. (…)
    „Zum Beispiel fehlt mir ein roter Faden. Wir ermitteln so vor uns hin – vom Tatort zur Autopsie und zum Opfer nach Hause – und suchen nach … Keine Ahnung, wonach wir suchen. Wonach suchen wir eigentlich?“
    (Seite 75/76)


    Peter Grants deutscher Kollege

    Dass Ben Aaronovitch uns bisher nur von der Londoner Magiepolizei erzählt hat – von DCI Thomas Nightingale und Constable Peter Grant – heißt nicht, dass es so etwas ausschließlich in Großbritannien gibt. Das deutsche Äquivalent zum englischen „Folly“ nennt sich „KDA“- Abteilung für komplexe und diffuse Angelegenheiten – und ist dem BKA angegliedert. Die deutsche Polizeieinheit ist auch nicht größer als die der London Metropolitan Police: Sie besteht aus der namentlich nie genannten Chefin und ihrem Ermittler Tobias Winter.


    Winter stammt aus einer Polizistenfamilie und zitiert gern seinen Vater: Nach Feierabend solle man sich den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden: Familie, Freunde, Haus, Herd und Hund. (Seite 11, Seite 201 und andere.) So ganz schafft Tobi es nicht, nach Dienstschluss abzuschalten. Wer es, statt mit handelsüblichen Verbrechern, mit Ortsgeistern, Flussgöttern, illegal praktizierenden Zauberern, Wiedergängern und sonstigen unheimlichen Gestalten aus der magischen Demi-monde zu tun hat, sollte besser rund um die Uhr auf der Hut sein.


    Das ist Tobi auch. Nicht einmal im Urlaub hat er seine Ruhe! Als er gerade ein paar Tage bei seinen Eltern in Mannheim-Gartenstadt verbringt, verbringt, ereilt ihn noch vor dem Frühstück ein Anruf seiner Chefin. Er muss sofort nach Trier. „Verdächtiger Todesfall. Mit ungewöhnlichen biologischen Charakteristika. (S. 13) Ein zunächst unbekannter Mann wurde am Fuße eines Weinbergs gefunden. Sein Körper ist von etwas befallen, das normalerweise nur Weintrauben infiziert.


    Winter und Sommer ermitteln

    Vor Ort teilt man Tobi Winter die Polizistin Vanessa Sommer als Kollegin zu.


    Tatsächlich stellt Vanessa Sommer sich beim Aufspüren von Vestigia, den Spuren magischen Wirkens, recht geschickt an. Sie wundert sich auch nicht groß, als die ansonsten so sachliche Winzerin Jacqueline Stracker bei der Zeugenbefragung von Begegnungen mit der Göttin des Flusses Kyll berichtet, der ihr Großvater immer ein paar Flaschen seines besten Weines als Trankopfer dargebracht hat. Nur vom Tod des Unbekannten hat Jacqueline leider nichts mitbekommen.



    Flussgöttin Kelly erzählt nur Geschichten

    Selbst die Kontaktaufnahme mit Kelly, der Göttin des Flusses Kyll, ergibt nichts wesentlich Neues. Kelly erzählt den beiden Polizeibeamten Geschichten von vor zweitausend Jahren und hat im Übrigen alle Hände voll damit zu tun, eine ungebärdige Vierjährige in Schach zu halten: die Mini-Flussgöttin Morgane. Niemand weiß, woher sie kommt. Tobi hält sie für die neue Göttin der Mosel. Die vorige Moselgöttin ist, laut Kelly, von den Deutschen ermordet worden. (Dass man Götter töten kann, haben wir im letzten Peter-Grant-Band gelernt.)


    Ich hatte manchmal Mühe, mich daran zu erinnern, dass der Ich-Erzähler, der hier ermittelt, eben nicht der Londoner „Zauberlehrling“ Peter Grant ist. Immer wieder habe ich gestutzt und mich z.B. gefragt, wie Grant denn mit dem Computersystem des BKA arbeiten kann, wo er doch gar kein Deutsch spricht. Bis mir einfiel: Ach nee, das ist ja gar nicht Grant, das ist sein deutscher Kollege!


    Ihre Probleme sind recht ähnlich und ihre Erzählstimmen irgendwie auch. Bis auf die gelegentlichen Referenzen auf Vater und Onkel, die ebenfalls bei der Polizei sind, hat Tobi im Grunde nichts Eigenes. Er geht beim Arbeiten auch genauso planlos vor wie sein Kollege in England. Er befasst sich mit diversen alten Geschichten, die er im Verlauf der Ermittlungen aufschnappt: mit einem Jahrhunderte alten Eifersuchtsdrama, der wundersamen Rettung eines Kindes im zweiten Weltkrieg, einer versuchten Vergewaltigung von vor 20 Jahren, einem ungeklärten Vermisstenfall aus derselben Zeit, diversen mutwilligen Beschädigungen antiker Skulpturen … und daneben durchleuchtet er zusammen mit den Kollegen noch die Mitglieder der skurrilen Weintrinkergesellschaft.


    Tobi ist so planlos wie Peter Grant

    Als Leserin ging es mir wie Tobis Kollegin Vanessa: Ich war verwirrt. Was hat Tobi vor? Hat er überhaupt einen Plan? Wer sind all diese Leute? Haben die überhaupt irgendwas mit seinem übernatürlichen Mordfall zu tun oder interessiert ihn das alles einfach nur so? Wo kommt Person XY jetzt auf einmal her? Ist ihr Name in der Geschichte überhaupt schon mal erwähnt worden? Und wenn ja, wo? Aber das alles frage ich mich bei Peter Grant auch schon seit Jahren. ;-)


    Leider ist der deutsche Fall weder so bissig und witzig noch so magisch und spannend wie die Abenteuer von Tobis britischen Kollegen. Auch das Personal bleibt hier ein wenig flach. Man hat beim Lesen Zeit und Muße, sich Dinge zu fragen wie: Was fangen die internationalen Leser*innen wohl mit dem deutschen Namedropping an? Die kennen doch unsere Prominenten gar nicht! Erklärt man ihnen in einer Fußnote, wer Alfred Biolek ist? Und wie, bitte, simuliert man auf Englisch das „Berlinern“ des französischen (!) Tätowierers?


    Die Aufklärung des Falls kommt dann auch ein bisschen wie das Kaninchen aus dem Hut und man denkt: Okay, wenn der Autor meint …!

    Wir hätten auch jede andere Erklärung akzeptieren müssen.


    Ich weiß Ben Aaronovitchs Bemühungen zu schätzen, seinen deutschen Fans einen eigenen „magischen“ Helden zu geben. Aber der ganz große Wurf ist es nicht. Sollte Peter Grant allerdings mal Hilfe brauchen, ist es gut zu wissen, dass es in anderen Ländern ebenfalls Magie und entsprechende Polizeieinheiten gibt und dass wir Leser*innen zumindest das deutsche Team schon kennen. Hoffen wir, dass der Brexit der internationalen magisch-polizeilichen Zusammenarbeit keine allzu großen Steine in den Weg legt. Und falls doch, wird der Autor diese Tatsache entsprechend zu kommentieren wissen.


    Der Autor

    Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie 'Doctor Who' verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

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    Jette Jorjan: 60 & 1 Liebesbrief, Norderstedt 2011, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-8423-7538-3, Softcover, 132 Seiten, mit Abbildungen in Farbe und Schwarz-und s/w, Format: 13,4 x 1,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 9,95, Kindle: EUR 8,49.


    „Nur DU
    DU darfst
    durch meine Augen
    in die Seele blicken
    in mein Herz schlüpfen
    dort bleiben
    für immer
    nur DU!

    (Seite 103)


    Gibt’s denn heute noch Liebesbriefe? Eigentlich nicht, oder? Sie wurden abgelöst durch bunt bebilderte Messenger-Kurznachrichten am Computer.


    Die Autorin schreibt noch welche – in SMS-Länge. Diesbezüglich haben die modernen Zeiten auch auf sie abgefärbt. Aber ihre Liebesbriefchen und –gedichte sind ausnahmslos handgeschrieben, liebevoll gestaltet und dafür geschaffen, sie dem Liebsten in den Koffer oder die Jackentasche zu schmuggeln oder sie ihm heimlich an den Computer zu heften, damit er sie findet, überrascht ist und sich freut.


    Ob auf einfachen Notizzetteln, Karo- oder Briefpapier – die Liebesbriefe wurden abfotografiert in diesem Buch reproduziert. Fotos von Blumen und Blättern ergänzen die Briefe: analoge Liebesbezeugungen in einer digitalen Welt.


    „Sei mein Du“, heißt es an einer Stelle.

    „Nicht virtuell,
    nicht digital,
    keine Zahl
    in unserem Wir.“

    (Seite 63)


    Schade, dass manche Seiten leer bleiben. So wirkt das Büchlein zwar angenehm luftig, aber man hätte gerne noch mehr von den persönlichen und inspirierenden Liebesbriefen gelesen. Aber gut – so ist nun mal das Konzept.


    Wer mehr Gedichte haben will, kann sich durch Jette Jorjans Texte anregen lassen und selbst welche schreiben. Wer das nicht hinbekommt , aber jemandem etwas Bestimmtes zu sagen hat, kann auch einfach dieses Buch verschenken.


    Die Autorin

    Jette Jorjan, geboren 1951 nahe der ostfriesischen Nordseeküste. Nach Stationen in Berlin, England, Frankreich und USA ist ihr Lebensmittelpunkt mit Mann und fünf Zufallskatzenfreunden im Sauerland. Sie arbeitete als Sekretärin und technische Übersetzerin bei einem Maschinenhersteller.

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    Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman, Frankfurt 2019, S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397381-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 287 Seiten, Format: 13,3 x 2,7 x 21 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 18,99.


    „Helen, warum haben Sie diese Fehlstelle nicht ausgebessert, nur fixiert?“ Sie berührte leicht die Seite mit den ausgerissenen Miniaturen.
    „Wenn wir diese Fehlstelle betrachten, können wir uns ausmalen, dass dort ein Pfau in einer Pfütze badet“, sagte ich.
    „Das ist kindisch. (…) Bitte unterlegen Sie die Stelle wenigstens. Ich erwarte nicht, dass Sie mir einen Pfau zeichnen, aber das ist ein Riss.“ (…)
    „Das ist Geschichte“, sagte ich.
    (Seite 58)


    Die deutsche Buchrestauratorin Helen(e) Mazavian hat zwar einen armenischen Nachnamen, aber keine Ahnung von ihrer Familiengeschichte. Die Großeltern mütterlicherseits – ihren Vater kennt sie nicht – haben in Moskau gelebt und nie viel erzählt. Helens Mutter Sara weiß auch nicht mehr. Aber diese egozentrische Künstlerin interessiert sich sowieso nur für sich selbst.


    Verwandtensuche in Armenien

    Helen hat ihre Mutter über ein Jahr lang nicht gesehen. Doch als diese erfährt, dass Helen im Rahmen eines Austauschprogramms für ein paar Monate nach Jerewan/Armenien geht um dort am Mesrop-Maschtoz-Institut alte Handschriften zu restaurieren und die armenische Bindetechnik zu lernen, schlägt sie überfallsartig bei Helen und deren Lebensgefährten Danil auf und bringt ein altes Familienfoto mit. Ein paar der abgebildeten Personen sind auf der Rückseite namentlich genannt, und diese Verwandten, bzw. deren Nachkommen, soll Helen nun in Armenien ausfindig machen. Helen ist von der Idee wenig begeistert. Noch nie hat Sara sich für ihre Wurzeln interessiert, und jetzt auf einmal kommt sie mit so einem Krampf daher!


    In Jerewan angekommen, hat Helen zunächst auch gar keine Zeit für private Geschichten. Sie muss sich in einer fremden Stadt und an einem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden und sie spricht die Landessprache nicht. Das macht den Alltag anstrengend.


    Eine Bibel mit Familiengeschichte

    Die Arbeit an einem rund 300 Jahre alten Evangeliar nimmt Helen völlig gefangen. Diese handliche kleine Familienbibel hat nicht nur irgendwo in einem Schrank gestanden. Sie wurde gelesen, zu Rate gezogen, Kranken hoffnungsvoll unters Kopfkissen gelegt, mit Anmerkungen versehen, bekritzelt und auch mitgenommen, wenn die Besitzer auf der Flucht waren. Anhand der Eintragungen in dem Buch kann man die Lebensstationen seiner Vorbesitzer nachvollziehen.


    Zwei Namen tauchen in dem Buch immer wieder auf: Anahid und Hrant. Durch die Kapitel, die in Helens Geschichte eingestreut sind, wissen wir Leser*innen mehr als die Protagonistin: Anahid (13) und Hrant (6) sind die einzigen Überlebenden einer Gastwirtsfamilie aus Ordu, einer Stadt an der Schwarzmeerküste. Alle anderen sind 1915 bei einem Massaker an der armenischen Bevölkerung ums Leben gekommen. Sagt man hier auch Pogrom? Es war jedenfalls eines.


    Alles, was die beiden Geschwister jetzt noch besitzen, sind die Kleider, die sie am Leib tragen und ihre Familienbibel. Sie wissen nicht, wohin sie flüchten sollen. Sie rennen einfach drauflos. Mehr als einmal hängt ihr Leben an einem seidenen Faden, und obwohl Anahid sich hartnäckig einredet, sie sei die Erwachsene und für ihren kleinen Bruder verantwortlich, ist sie mit der Situation heillos überfordert. Kein Wunder – das Kind ist 13!


    Irgendwann trennen sich Bruder und Schwester auf ihrer Flucht, und dann verliert sich erst einmal ihre Spur. Wie ihre Bibel in das Institut in Jerewan gekommen ist, weiß kein Mensch mehr.


    Die Spurensuche verselbstständigt sich

    Nur halbherzig betreibt Helen ihre eigene Ahnenforschung. Mutter Sara hat ihren diesbezüglichen Auftrag längst vergessen, und Helen selbst interessiert sich derzeit mehr für Levon, den attraktiven Sohn ihrer Chefin, als für irgendwelche weit entfernten Cousins und Cousinen. Doch in Armenien nimmt man Familienangelegenheiten ernst. Obwohl Helen gar keine Leere spürt, die sie mit bisher unbekannten Verwandten füllen wollen würde, steckt sie plötzlich knietief in Recherchen. Als sich nämlich herumspricht, dass sie ihre Verwandtschaft sucht, hat auf einmal jeder in ihrem Umfeld tausend Ideen. Helen kann gerade noch verhindern, dass einer ihrer übereifrigen Bekannten sie in eine kitschige Fernsehshow à la „Bitte melde dich!“ zerrt.



    Die letzten Armenier von Ordu

    Der Leser allerdings wird bei den etwas wirren Erzählungen der alten Damen stutzig. Entweder, die Geschichten der verfolgten und vertriebenen Armenier*innen gleichen einander alle irgendwie, oder es schließt sich hier tatsächlich ein Kreis. Vielleicht wünschen wir uns das aber auch nur, weil wir gerne ein gutes Ende für die Personen hätten, die wir im Buch kennengelernt haben.


    Die Heldin lässt das alles kalt. Auf die Frage nach ihren Wurzeln antwortet sie: „Ich bin kein Baum“. Sie lebt gut damit, ihre Familiengeschichte nicht zu kennen. Für sie wird alles weiterlaufen wie bisher, ob sie ihre Verwandtschaft nun findet oder nicht. Helen muss nicht jeden Riss und jede Leerstelle gekittet und aufgefüllt haben, Lücken, Brüche und offene Fragen sind für sie in Ordnung. Das ist, wie sie sagt, Geschichte.


    Der Leser ist neugieriger als die Heldin

    Der Leser ist es, der die gleichgültigen Mazavian-Frauen am liebsten schütteln würde. Wenn die das alles nicht wissen wollen, wir schon! Warum haben sie denn nicht besser zugehört, nicht genauer nachgefragt, sich nicht für die Vergangenheit interessiert, als die (Groß-)Elterngeneration noch lebte? So haben sie sich – und uns – um eine zufriedenstellende Auflösung der Geschichte gebracht. Das ist natürlich kein Unvermögen der Autorin, sondern pure Absicht. ;-) Katerina Poladjan hätte nur hier und da einen Vor- oder Nachnamen mehr nennen müssen, und schon wären wir schlauer gewesen.


    Die Heldin ist schwer zu fassen. Ich habe manchmal glatt vergessen, dass sie hier als Ich-Erzählerin fungiert, weil sie so distanziert durch die Handlung schlurft, als sei sie permanent zu müde oder zu deprimiert, um die Ereignisse an sich heranzulassen. Die Dialoge zwischen Helen und ihren Liebhabern sind seltsam entrückt und abgehoben. So richtig im Alltag kommt sie selten an. Die poetische Sprache liest sich toll, aber es ist alles wahnsinnig ernst. Vielleicht ist es wirklich so, wie Levon einmal sagt: Alle Armenier sind traurig, immer.“ (Seite 85) Er meint es zwar spöttisch, aber hier sieht es so aus, als hätte er Recht. Der Genozid ist eben doch nicht nur Geschichte, sondern ein Schmerz, der noch bis heute nachwirkt.


    Die Autorin

    Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul.

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    Claudia Hochbrunn, Andrea Bottlinger: Helden auf der Couch. Von Werther bis Harry Potter – ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte, Hamburg 2019, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, ISBN 978-3-499-60672-4, Softcover, 237 Seiten, Format: 12,5 x 1,8 x 19 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Dieser Punkt ist wichtig: Beim zweiten Treffen, nachdem sie sich gerade einen Tag kennen, nachdem Romeo einen Tag vorher noch liebeskrank wegen Rosalinde war, beschließen sie zu heiraten. Das ist doch genau die Art wie man wichtige, lebensverändernde Entscheidungen treffen sollte.“ (Seite 49)


    Wenn die Held*innen aus Büchern und Filmen keine Macke hätten und keine Fehler machen würden, gäb’s keine guten Geschichten. Die Idee, berühmte Protagonist*innen mal auf die Couch eines Psychiaters zu legen und darüber nachzudenken, wie die Story wohl verlaufen wäre, wenn man ihnen rechtzeitig eine adäquate Therapie hätte angedeihen lassen, ist grandios. Ein Wunder, dass vorher noch niemand darauf gekommen ist! So, wie Claudia Hochbrunn – Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie – und Andrea Bottlinger – Lektorin, Übersetzerin und Autorin – die Sache angehen, ist das ebenso amüsant wie aufschlussreich.


    Ikonen mit Macken

    Obwohl man davon ausgehen kann, dass die Leser*innen schon mal was von König Artus, Romeo und Julia, Dracula, Sherlock Holmes u.s.w. gehört haben, tun uns die beiden Autorinnen den Gefallen und fassen die jeweilige Handlung auf wenigen Seiten zusammen. Dabei erstarren sie keinesfalls in Ehrfurcht vor den Ikonen der Literatur und Popkultur. :-)


    Nie hätte ich zu denken gewagt, dass Romeo und Julia nichts anderes ist als ein aus dem Ruder gelaufenes Schulhofdrama oder dass all die Katastrophen bei Ödipus nur deshalb passiert sind, weil sein leiblicher Vater ein dissozialer, verantwortungsloser Charakter mit Entscheidungsschwäche war, der besser daran getan hätte, sich zu seiner H o m o s e x u a l i t ä t zu bekennen statt die blutjunge Iokaste zu heiraten. Wenn man das so liest, klingt es fast wie eine moderne Seifenoper.


    Und warum ist mir trotz des zu-Tode-Interpretierens in meiner Schulzeit nie aufgefallen, was Werther für eine arme Socke ist? Ich hab‘ immer gedacht, der stellt sich nur an. So, wie Werther gestrickt ist, wär’s für ihn aber übel ausgegangen, egal was er gemacht hätte. Selbst bei einer heutigen Psychotherapie hätte er eine schlechte Prognose gehabt. Und ich werde ihn mir nie wieder anders vorstellen können als als Emo mit Eyeliner und ins Gesicht hängenden Haaren.


    Lappen, Psychos, Fremdenfeinde

    Hochinteressante Aspekte gewinnen Hochbrunn und Bottlinger Bram Stokers Dracula ab. Dass der Stoff etwas mit S e x u a l i t ä t zu tun hat, ist schon klar. Aber ich habe noch nie Fremdenfeindlichkeit und einen Mangel an Kommunikation dort herausgelesen. Aber die Argumente der Autorinnen leuchten ein. Und wenn man das mal gelesen hat, wundert man sich, wie einem das je hat entgehen können!


    Die Romanfiguren, vor allem die Herren, werden hier einer nach dem anderen genüsslich demontiert. Erstaunlich, was bei Dracula alles an Waschlappen und Psychopathen rumrennt! Herrlich die Vorschläge zum alternativen Verlauf der Geschichte, inklusive lukrativer Geschäftsideen für den untoten Grafen. Ja, fragen wir uns doch einfach mal, was wohl gewesen wäre, wenn sich alle Beteiligten unter therapeutischer Leitung in einer Gruppe zusammengesetzt hätten! – Ich habe mich köstlich amüsiert!


    Was hätte eine Therapie gebracht?

    Ernster geht’s bei der Analyse der Hauptfiguren aus Umberto Ecos Der Name der Rose zu. Hochinteressant ist die Frage, ob Jorge von Burgos von einer Psychotherapie hätte profitieren können. Aus welchen Gründen er auch immer seine schwere Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, – und dazu gibt’s zwei sehr überzeugende Theorien – die Aussichten sind auf jeden Fall niederschmetternd.


    Wahrscheinlich kennt die Wissenschaft auch einen Begriff für die Störung, fiktive Personen so zu betrachten, als seien sie reale Menschen, aber sei’s drum! Ich fand Jorges Geschichte sehr beklemmend und berührend. Er hat mir richtig leidgetan.


    So erging es mir auch mit ein paar der Figuren aus Harry Potter, z.B. mit Severus Snape und Tom Riddle (Voldemort). Das war schon damals so, als ich die Bücher gelesen habe, auch wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, meinen Eindruck so schlüssig zu begründen wie die Autorinnen es tun.

    Interessant ist auch die Frage, was wohl passiert wäre, wenn Voldemort das Baby Harry nicht mit Mitteln der Magie sondern mit schnöden Muggel-Methoden attackiert hätte …


    Kein Charakter – keine Analyse

    Es ist schon toll, wenn man altvertrauten Lesestoff mal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten darf. Die professionelle Analyse der Held*innen versagt nur dort, wo’s überhaupt nichts zu analysieren gibt, weil die Hauptfiguren nur Wunschprojektionen sind und gar keinen realen Charakter abbilden. Auch das gibt es, sogar in Weltbestsellern!


    Ich hätte noch ewig so weiterlesen können! Eine Fortsetzung wäre schön. Psychisch auffällige Held*innen gibt’s in der Literatur ja noch genügend. Vielleicht könnte man das Ganze auch mit Film- und Fernsehfiguren durchspielen. Gerade Serienheld*innen haben genügend Zeit, einen Charakter zu entwickeln, der dem von realen Menschen nahe kommt.

    Also: Super! Bitte weitermachen!


    Die Autorinnen

    Claudia Hochbrunn ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitete viele Jahre lang in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, beim Sozialpsychiatrischen Dienst, sowie im forensischen Maßregelvollzug mit Schwerverbrechern. Zum Schutz ihrer Patienten verfasst sie ihre Bücher unter Pseudonym.


    Andrea Bottlinger studierte Buchwissenschaft und Komparatistik und arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht.