Beiträge von Vandam

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Paul Grote: Ein Weingut für sein Schweigen. Kriminalroman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21953-2, Klappenbroschur mit Landkarte, 381 Seiten, Format: 12,2 x 3,4 x 18,9 cm, Buch: EUR 12,95 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 10,99.


    Rico Schmidt starrte böse vor sich hin. „Und als ich in Kassel war und die Mauer fiel, da meinte ein Bekannter, Republikflüchtling wie ich, dass jetzt all die in den Westen kommen, vor denen wir abgehauen sind. Die geistern hier wieder rum, ihre Seilschaften, ihre Kinder, im alten Geist erzogen, und genau deshalb helfe ich dir.“ (Seite 264)


    Wenn man Paul Grotes Weinkrimis lange genug verfolgt, kann man immer mal wieder alte Bekannte treffen. Helden früherer Bände tauchen als Nebenfiguren auf oder erscheinen als Protagonisten einer ganz neuen Geschichte. Manche sind unterhaltsam wegen ihrer vertrauten Macken, andere machen eine Entwicklung durch wie der Held dieses Kriminalromans.


    Einst Sicherheitsmann, jetzt Winzer

    Georg Hellberger, Mitte/Ende 40 hatte ich als nervigen Jammerlappen in Erinnerung, der ständig über seine Ex-Ehefrau und die gemeinsamen Kinder herzog (Paul Grote: TÖDLICHER STEILHANG). Hallo? An Partnerwahl und Erziehung war er ja nicht gänzlich unbeteiligt! Ich fand das ganz furchtbar. Jetzt, 8 Jahre später, ist von dieser Wehleidigkeit keine Spur mehr. Hellberger ist in zweiter Ehe mit der Moselwinzerin Susanne Berthold verheiratet, betrachtet ihre Kinder auch als die seinen und trauert seinem früheren Beruf als Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma nicht im Geringsten hinterher. Jetzt macht er Wein. Um fremder Leute Probleme sollen sich andere kümmern.


    Doch so ganz kriegt Hellberger das professionelle Interesse an undurchsichtigen Machenschaften nicht aus dem System. Als der Dortmunder Geschäftsmann Alexander Semmering bei ihm im Büro auftaucht und ihn damit beauftragt, die Besitzverhältnisse eines Weinguts in Sachsen zu klären, siegt bei ihm nach anfänglichem Zögern die Neugier über die Vernunft.


    Mysteriöse Vorgänge in Sachsen

    und als der Enkel jetzt versucht, das Gut zurückzukaufen, hält man ihn hin. Irgendwas stimmt da nicht! Hellberger soll für ihn herausfinden, was los ist. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn ein Winzer aus einer anderen Region sich für sächsische Weine interessiert, dafür ein paar namhafte Weingüter besichtigt und dabei auch beim Weingut Studt – wie das ehemalige Semmering-Anwesen jetzt heißt – vorbeischaut.


    Als ehemaliger Sicherheitsfachmann wird Hellberger ja wissen, wem er welche Fragen stellen muss, hofft Alexander Semmering, lässt dem verdutzten Winzer ein großzügiges Honorar zukommen und taucht unter. Das kommt Hellberger und seiner Familie jetzt doch seltsam vor. Kurz erwägen sie, das Geld zurückzugeben und von den Nachforschungen Abstand zu nehmen, doch diese Anwandlung geht schnell vorbei. Hellberger und sein Stiefsohn Kilian Berthold (16) packen ihre Sachen und fahren nach Sachsen.


    Schlecht vorbereitet in die Schlacht

    Das Problem ist, dass Hellberger keine Ahnung hat, worauf er sich da einlässt.

    Und das ist kein guter Ausgangspunkt, wenn man plant, seine Nase in einen politischen Fall zu stecken – und wenn man es nicht mit Kleinkriminellen, sondern mit ausgebufften Profis zu tun bekommt.


    Die Sache läuft aus dem Ruder

    Nur gut, dass er Richard „Rico“ Schmidt, einen Architekten im Ruhestand, an seiner Seite hat. Schmidts Enkelin ist mit Hellbergers Sohn befreundet, daher rührt der Kontakt. Schmidt hat die meiste Zeit seines Lebens in Sachsen verbracht. Er kann so manches Ereignis richtig einordnen und ist obendrein gut vernetzt. Doch dann läuft die Sache mächtig aus dem Ruder und Georg Hellberger wünscht sich, diesen Auftrag niemals angenommen zu haben. Hier können ihn nicht einmal mehr seine eilends herbeigerufenen Biker-Freunde Pepe, Ritze und Keule raushauen …


    Jetzt, da Hellberger sich nicht mehr ständig selbst bemitleidet, ist er gar kein übler Kerl. Nun ist er ein typischer Paul-Grote-Held geworden: unerbittlich auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, ständig im Clinch mit den Autoritäten und häufig die eigenen Fähigkeiten überschätzend. Er stürzt sich in den Kampf ohne zu wissen, über welche Mittel die Gegner verfügen und wie weit sie zu gehen bereit sind.


    Reale Weingüter, fiktiver Fall

    Ich gestehe, dass ich gegen Schluss, als es wirklich um Leben und Tod ging, die Ausführungen zu den sächsischen Weinen nur noch überflogen habe. Da war’s eben schon mehr ein packender Politkrimi als ein Regionalkrimi mit Informationen über die Weine der Gegend. Zu Anfang, als Vater und Sohn sich in die Materie einarbeiten und die Weingutbesuche als Legende verwenden, habe ich tatsächlich noch gegoogelt, ob ich mir die beschriebenen Gebäude richtig vorgestellt habe, wie die Plastiken der Künstlerin Małgorzata Chodakowska aussehen und ob der eine Winzer tatsächlich Ähnlichkeit mit einem bekannten deutschen Komiker hat (hihi – ja!). Paul Grote erfindet die Weingüter, Weine und Winzer ja nicht, die er hier beschreibt. Die, die auf der Landkarte eingezeichnet sind und in seiner Danksagung erwähnt werden, tauchen auch im Krimi auf.


    Bitte mehr von den Bikern!

    Ich bin, was die DDR angeht, vielleicht nicht ganz so schimmerlos wie der Held, doch als Wessi wage ich nicht zu beurteilen, wie realistisch das Szenario wirklich ist, das der Autor hier schildert. Auf jeden Fall ist die Geschichte spannend. Schade, dass Hellbergers Biker-Kumpels erst gegen Schluss ihren Auftritt haben. Die finde ich klasse, aber sie verstehen eben nicht viel vom Wein. Dafür haben sie umso mehr Ahnung von Motorrädern. Ich hätte so gerne Theo Wagners Gesicht gesehen, als die Jungs mit seiner Maschine fertig waren …


    Netterweise gibt’s am Anfang des Buchs ein Personenverzeichnis. So viele Figuren, dass man als Leser:in verwirrt werden könnte, treten zwar gar nicht in Erscheinung, aber ich schätze das als angenehmen Service.


    Der Autor

    Als Reporter in Südamerika entdeckte Paul Grote, Jahrgang 1946, sein Interesse für Wein und Weinbau. Seitdem hat er die wichtigsten europäischen Weinbaugebiete bereist und jedes Jahr einen neuen Krimi veröffentlicht.

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    Jessica Kremser: Frau Maier macht Dampf. Krimi, Frau Maiers 5. Fall, Bielefeld 2021, Pendragon-Verlag, ISBN 978-3-86532-766-6, Softcover, 279 Seiten, Format: 11,4 x 2,3 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,40, Kindle: EUR 10,99.


    Seit neun Jahren und fünf Bänden kenne ich nun schon Frau Maier, die wissbegierige Reinigungskraft im Rentenalter. Seit unserer ersten „Begegnung“ hat sie zum Glück ein paar Sozialkontakte dazugewonnen. Zu Anfang hatte sie ja wirklich nur ihre Katze. Introvertiert und eigenbrötlerisch ist sie immer noch. Das bleibt. Aber jetzt hat sie wenigstens einen kleinen Bekanntenkreis.


    Miss Marple vom Chiemsee

    Es ist von Anfang an so einiges schiefgelaufen in Frau Maiers Leben, sonst würde eine so hochintelligente Frau nicht einsam in einem abgelegenen kleinen Häuschen wohnen und sich mühsam mit Putzjobs über Wasser halten. Mit ihrem wachen Verstand und ihrer Beobachtungsgabe hätte sie Karriere bei der Kriminalpolizei machen können – oder was immer ihr sonst vorgeschwebt hätte. Doch sie hat nicht einmal eine Berufsausbildung.


    Jetzt ist sie so eine Art Miss Marple vom Chiemsee, die immer wieder unfreiwillig über Kriminalfälle stolpert und dabei oft genauer hinschaut als die Polizei. Und dann muss sie sich einfach einmischen, weil ihr Gerechtigkeitssinn verlangt, dass der/die Richtige zur Rechenschaft gezogen wird.


    Frau Maier und die Wellness

    Kenner:innen der Reihe ahnen schon, dass es auch bei Frau Maiers geplantem Wellnessurlaub in der Steiermark alles andere als geruhsam zugehen wird. – Mooooment! Die sparsame Frau Maier im Wellnesshotel? Das ist ja ganz was Neues! Nun ja, es war auch nicht ihre Idee. Elfriede von der Sparkasse, Frau Maiers einzige Freundin, hat diese einwöchige Reise in einem Preisausschreiben gewonnen, kann sie aber aufgrund widriger Umstände nicht antreten. Damit der Gewinn nicht verfällt, soll jetzt Frau Maier fahren. Die ziert sich zunächst, weil sie sich außerhalb ihres Häuschens überall fehl am Platz vorkommt, doch als sie hört, dass der vorige Hoteldirektor vor kurzem spurlos verschwunden ist, siegt ihre Neugier. Also packt sie ihr Köfferchen.


    Nur langsam gewöhnt Frau Maier sich daran, den ganzen Tag im Bademantel herumzulaufen und in noblem Ambiente ein umsorgter Gast zu sein. Umso schneller macht sie sich beim Personal unbeliebt, weil sie in aller gebotenen Diskretion Fragen nach dem verschwundenen Hoteldirektor stellt.


    Ein Toter im Spa

    Als der Chefbuchhalter des Hotels im Spa ums Leben kommt, dürft ihr dreimal raten, wer den Toten findet. – Klar: unsere Frau Maier, natürlich!



    Frau Maier ermittelt

    Also schnüffelt sie alleine im Hotel herum. Das heißt, so ganz alleine ist sie ja nicht. Einen Helfer hat sie. Doch die beiden haben keine Ahnung, wie weit ihre Gegner:innen für vergleichsweise geringe Gewinne zu gehen bereit sind.


    Statt Entspannung ist für Frau Maier jetzt Hochspannung angesagt und statt Wellness – Lebensgefahr!


    Wie immer bei den Frau-Maier-Krimis geht’s um Intrigen und krumme Geschäfte, bei denen leider auch mal ein Mensch auf der Strecke bleibt. Die Fälle sind recht spannend, nicht allzu blutig und so nah an der Realität, dass das alles wirklich passiert sein könnte.

    Schrullige Schnüfflerin

    Ich mag die schrullige Schnüfflerin, vielleicht, weil ich so gut nachvollziehen kann, wie sie tickt. Und sie tut mir immer ein bisschen leid, weil sie ihr Leben lang geistig unterfordert war und hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb. Jetzt erst, in einem Alter, in dem andere schon im Ruhestand sind, hat sie ihre Berufung als „Ermittlerin“ gefunden. Sie hat ihren Spaß daran und der sei ihr von Herzen gegönnt. Aber so viele verlorene Jahre davor, so eine traurige Verschwendung an Ressourcen!


    Ich genieße jeden ihrer Fälle. Ich hoffe, dass es mindestens noch einen gibt und dass ihre Beziehung zu Andreas auf eine Ebene kommt, in der sie sich beim Vornamen nennen. (Wehe, er sagt dann konsequent ‚Schatzi’ zu ihr!). Denn so gut wir Leser:innen die Heldin in den vergangenen Jahren auch kennengelernt haben: Wir wissen immer noch nicht, wie sie mit Vornamen heißt. Schon klar: Mit dem Siezen hält sie sich die Menschen auf Distanz. Aber bei uns Fans der Reihe wäre das doch wirklich nicht nötig! ;-)


    Die Autorin

    Jessica Kremser wurde in Traunstein geboren und wuchs am Chiemsee auf. Zum Studium der englischen und italienischen Literatur und der Theaterwissenschaften zog es sie nach München, wo sie als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften schreibt.


    Mit »Frau Maier fischt im Trüben« (2012) gab Jessica Kremser ihr Debüt als Kriminalschriftstellerin. Die erfolgreichen Bände »Frau Maier hört das Gras wachsen« (2013), »Frau Maier sieht Gespenster« (2015) , »Frau Maier wirbelt Staub auf« (2018) und »Frau Maier macht Dampf» (2021) folgten.

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    Ben Aaronovitch: Der Geist in der British Library und andere Geschichten aus dem Folly, OT: Tales from the Folly, Deutsch von Christine Blum, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21958-7, Softcover, 220 Seiten, Format: 12,2 x 2,2 x 19 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch/Audio-CD lieferbar.


    Sprechen wir erst einmal über Erwartungshaltungen: Sucht man das Buch im Internet, steht oft „Roman“ dabei. Der Insider denkt: „Juhu, eine Fortsetzung der Peter-Grant-Reihe!“, aber das stimmt nicht. Im Vorwort beschreibt Charlaine Harris das Werk als „Kurzgeschichtensammlung“. Und alle Leser:innen, die in grauer Vorzeit mal in der Schule gelernt haben, dass Kurzgeschichten ohne große Einleitung einen Ausschnitt aus dem Leben zeigen und gern mit einem offenen Schluss oder mit einer Pointe enden, haben automatisch eine Vorstellung davon, was sie hier erwartet.


    Ungewöhnliche Kurzgeschichten

    Nun sind solche Definitionen aber kein Kochrezept, nach dem Autoren vorgehen, um ein bestimmtes Resultat zu erzielen. Der Autor allein bestimmt, was er unter einer Kurzgeschichte versteht. Deshalb kriegt man hier manchmal Texte, die wie kleine Schnipsel aus einem Roman wirken und bei denen man etwas ratlos denkt: „Äh, ja ... und jetzt?“ Man hätte gerne noch mehr erfahren, aber die Story ist abrupt zu Ende.


    Am besten wird sein, man macht’s wie bei Aaronovitchs Romanen, bei denen man auch nicht immer kapiert, wer was warum tut und wohin das führt: Man lehnt sich zurück, denkt „Okay, Ben, lass es krachen!“ und schaut einfach zu, wie Götter, Geister und Ganoven der Magiepolizei das Leben schwer machen.


    Im ersten Teil ist Police Constable Peter Grant von der London Metropolitan Police der Held, zuständig für magische Angelegenheiten und „Zauberlehrling“ bei seinem Chef Thomas Nightingale. Im zweiten Teil stehen diverse Nebenfiguren der Reihe im Mittelpunkt.


    Immer Stress mit dem Übersinnlichen!

    HEIMSPIEL: Wir treffen auf einen kaffeesüchtigen Zauberer, der mit Thomas Nightingale gewissermaßen ein 65 Jahre altes Hühnchen zu rupfen hat 😉. Und das muss ausgerechnet jetzt sein, während der Olympiade. Blöderweise ist Nightingale gar nicht in der Stadt und so wird die Sache Peter Grants Problem. – HÄUSLICHE GEWALT: Sogar nach seinem Tod streitet sich Mrs. Fellaman so heftig mit ihrem Gatten, bzw. dessen Geist, dass die Nachbarn die Polizei rufen. Peter Grant geht den Ereignissen auf den Grund und macht eine verblüffende Entdeckung. HAHNENKAMPF: Randaliert tatsächlich ein Poltergeist in der Buchhandlung oder geht hier etwas ganz anderes ab?


    Unheimlich aber nicht allzu übernatürlich geht es in der Geschichte DIE EINSAMKEIT DER LANGSTRECKEN-GRANNY zu. Eine Zufallsbegegnung gibt uns interessante Einblicke in das Sozialleben der Flussgötter. – Ein psychisch gestörter Mensch im Rattenkostüm haust in der Kanalisation. Er kann sich noch daran erinnern, wann er vom angesehenen Immobilienmakler zum RATTENKÖNIG geworden ist … aber nicht mehr an den Grund. Dieser ist noch schräger als „Melvin, die Wanderratte“ selbst. Doch irgendwie hat die Geschichte kein richtiges Ende. – Warum der Beruf eines Bibliothekars nichts für Memmen ist, erfährt Professor Harold Postmartin in DAS RARE BUCH DER VORTREFFLICHEN APPARATUR. Dass Gegenstände ein bizarres Eigenleben entwickeln, ist ganz amüsant, nur der Schluss ist etwas mau.


    Verwandte, Gläubiger und andere Probleme

    A DEDICATED FOLLOWER OF FASHION spielt in den 1960er Jahren. Ein Drogendealer verkriecht sich auf der Flucht vor rabiaten Gläubigern in einem baufälligen Haus am Fluss. Nach einem Hochwasserschaden macht das Gebäude eine befremdliche Wandlung durch und auch für den kriminellen Helden bleibt nichts mehr, wie es war. – DER FRÖHLICHE ONKEL taucht nur an Weihnachten bei Barbaras Familie auf. Niemand weiß, wie er wirklich mit der Sippe verwandt ist und eigentlich müsste er schon älter sein als Gott. Zauber-Azubine Abigail, eine vom Peter Grants unzähligen Verwandten, soll ihm auf den Zahn fühlen. Was immer er ist, er hat eine faszinierende Begabung … Abigail ist klasse und diese Geschichte eine der längsten und interessantesten im Buch.


    Eltern gesucht— für einen Gott

    VANESSA SOMMERS ZWEITE WEIHNACHTSLISTE: Die Polizistin aus Trier weiß noch gar nicht so lange, dass es Magie wirklich gibt. Jetzt, beim Familienbesuch, klopft sie die Orte ihrer Kindheit auf magische Phänomene hin ab. Diese Story hat tatsächlich sowas wie eine Pointe! – DREI FLÜSSE, ZWEI BRÄUTIGAME UND EIN BABY: Was geschieht eigentlich, nachdem ein Flussgott entstanden ist? Der ist dann ja, von Ausnahmen abgesehen, ein kleines Kind. Als ein unbeaufsichtigtes Kleinkind am Ufer des Lugg aufgefunden wird, wissen die anwesenden Flussgöttinnen Bescheid. Aber was sollen sie tun? „In alten Zeiten hätten wir ihn einfach weitermachen lassen (…) mit seinem Leben. Von Tieren oder so hat er nichts zu befürchten, und damals haben die Menschen genug Ahnung gehabt, um ihn einfach in Ruhe zu lassen.“ (Seite 202) Das geht heute nicht mehr, also müssen Pflegeeltern her. Berührende Geschichte, aber so eine Baby-Götter-Story gibt’s auch in einem der Romane.


    Die drei Beiträge, die mit MOMENTS überschrieben sind, haben keine nennenswerte Handlung, das sind nur kurze Szenen bzw. Beschreibungen. Wir erfahren, wie Thomas Nightingale zu seinem Auto, dem Jaguar, gekommen ist, FBI-Agentin Reynolds macht sich Gedanken über Leben und Religion und in Deutschland erfährt man von der Existenz des Zauberlehrlings Peter Grant.


    Verstehe ich die Kunst nicht?

    Hm, tja. Vielleicht sind Ben Aaronovitchs Geschichten ja eine Kunstform, die ich einfach nicht begreife. Wenn ja, dann bitte ich um Entschuldigung. Aus meiner Sicht als durchschnittlich gebildete Leserin macht es nämlich den Eindruck, als würde dem Autor, der in seinen Romanen gerne ausufernd erzählt, Kurzgeschichten einfach nicht so liegen. Sobald die Texte um die 30 Seiten lang sind und er entsprechend weit ausholen kann, kommt auch was Spannendes und Amüsantes dabei heraus. Viele der deutlich kürzeren Beiträge wirken auf mich wie Textfragmente, die an einer beliebigen Stelle abbrechen und das Publikum verwirrt zurücklassen.


    Wie gesagt: Ich weiß, dass Kurzgeschichten einen offenen Schluss haben können, damit die Leser:innen etwas zum Nachdenken haben. Aber was bringt das bei Urban Fantasy, wo doch alles Mögliche und Unmögliche passieren kann? Sollen wir Leser:innen die Geschichten jetzt zu Ende fabulieren? Ich bin keine Autorin, ich sehe mich dazu außerstande.


    Lieber längere Geschichten!

    Mich hat dieses Buch, von zwei, drei Beiträgen abgesehen, nicht überzeugt. Ben Aaronovitchs Geschichten sind meines Erachtens dann stark, wenn er beim Erzählen von Hölzchen auf Stöckchen kommt und zwischendrin noch über Architektur, Bürokratie und den Straßenverkehr in London lästern kann. Das kurze, präzise Erzählen ist, glaube ich, nicht sein Ding.


    Der Autor

    Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrieben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.


    Die Übersetzerin

    Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.

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    Gina Mayer: Internat der bösen Tiere. Der Verrat (Band 4), ab 10 J., Ravensburg 2021, Ravensburger Verlag, ISBN 978-3-473-40855-9, Hardcover mit Gucklochstanzung, 273 Seiten, mit s/w-Zeichnungen von Clara Vath, Format: ‎15,8 x 3 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Multimedia-CD erhältlich.


    „Der Chor der Tierstimmen wurde immer lauter und erst jetzt wurde Noel sich bewusst, dass er mitsang. (…) Wir sind Tiere, dachte er. Das war die Botschaft der Pyramide. Die Menschen waren ein Teil des Ganzen. Jeder von ihnen war so wertvoll, so stark, so einzigartig wie ein Chamäleon, eine Spinne, ein Bär oder eine Taube. Und sie alle gehörten zusammen.“ (Seite 212)


    Überraschung! Der Band ist nicht nur früher erschienen als angekündigt – er ist auch gar nicht der letzte dieser Reihe. Es gibt mindestens noch einen fünften Band.


    Nach wie vor ist Noel, 14, auf den Geheimen Inseln irgendwo am Äquator im Internat der bösen Tiere. Dort bemüht er sich, von und mit seinen menschlichen und tierischen Mitschüler:innen zu lernen, die verflixte telepathische Kommunikation in all ihren Feinheiten endlich in den Griff zu kriegen und es seinen – allesamt tierischen – Lehrer:innen möglichst recht zu machen.


    Noch immer weiß er nichts über den Aufenthaltsort seiner Mutter, der Internats-Mitbegründerin Sonya, die gleich nach seiner Geburt verschwunden ist. Und noch immer sind ihre mächtigen Feinde – deretwegen sie sich versteckt hält – auch hinter ihm her.


    Ein neuer Schuldirektor

    Etwas Neues gibt’s allerdings: Nach dem Weggang der bisherigen Schulleiterin, der Würgeschlange Mrs. Moa, ist jetzt der majestätische Löwe Mr. Simbaroi der Chef des Internats. Und der zieht auch gleich ganz neue Saiten auf. Was bisher harmlos als „Projektwoche“ daherkam und ein Mix aus Schnitzeljagd und Bundesjugendspielen war, wird unter dem neuen Direktor zu einem Instrument der gnadenlosen Auslese: Die Zweierteams, die ihre Aufgaben nicht schaffen, müssen das Internat verlassen!


    Neue Regeln


    Noch ist Noel zuversichtlich, was die Projekttage angeht. Schließlich haben Mikaere und er während ihrer bisherigen Internatszeit schon eine Menge gelernt. Doch schon am ersten Tag, kommen den beiden Jungs Zweifel: Kann das Spiel tatsächlich so weit gehen, dass man mit hinterhältigen Tricks an der Erfüllung seiner Aufgaben gehindert wird? Jemand hat die beiden mit Betäubungsgas außer Gefecht gesetzt um zu verhindern, dass sie es rechtzeitig zum Ausgangspunkt zurückschaffen. Kein anderes Team berichtet von ähnlichen Schikanen, und es hat den Anschein, als hätten alle deutlich einfachere Aufgaben zu bewältigen gehabt als Noel und sein Partner.


    Einer spielt hier falsch

    Am zweiten Tag läuft es so ähnlich. Doch, doch, versichert man den Jungs, das habe alles seine Ordnung, das gehöre dazu. Noel bezweifelt das. Irgendjemand spielt hier falsch und will ihn mit aller Macht aus dem Internat vertreiben und in den sicheren Tod schicken! Haben Sonyas Feinde einen „Maulwurf“ – in welcher Gestalt auch immer – ins Internat eingeschleust? Und wenn ja: Wer ist es?


    Die Nachforschungen gestalten sich schwierig, wenn man nicht weiß, wem man trauen kann und wem nicht …



    Zum Kichern: Die schusselige Sekretärin

    Für die befreiende Komik sorgen hier Schulkameraden wie die hysterisch plappernde Tarantel Poison und das verschlafene Flusspferd Willy, das allerdings deutlich mehr vom Geschehen mitkriegt als man so meint. Und auch die schusselige Sekretärin Miss Flap gibt immer wieder Anlass zum Schmunzeln und zum Kichern. Ich habe mich allerdings gefragt, warum Direktor Simbaroi sie nicht längst gefressen hat, wenn sie so sensationell unfähig ist. Sie ist ja nur eine halbe Portion! - Das hat natürlich Gründe.


    Für die Suche nach seiner Mutter hat Noel in diesem Band keine Zeit. Er ist vollauf mit Überleben beschäftigt. Aber er kommt seinem Ziel wenigstens ein winziges Schrittchen näher.


    Ich habe schon bei den vorangegangenen drei Bänden – die man kennen sollte, um bei Band 4 mitzukommen – schon gesagt, dass ich diese Reihe liebe. Wenn Außenseiter:innen und „Ekeltiere“ die Helden sind, wenn sie gemeinsam haarsträubende Abenteuer erleben und die Kernbotschaft lautet, dass wir alle zusammengehören und aufeinander aufpassen sollten – was kann da noch schief gehen?


    Irgendwann muss Butter bei die Fische

    Irgendwann aber möchten wir den zentralen Konflikt der Reihe schon gelöst sehen. Ewig kann man uns die verschwundene Mutter und den gefährlichen Todfeind, der kaum je persönlich in Erscheinung tritt, nicht vor die Nase halten wie dem Esel die Karotte. Irgendwann muss „Butter bei die Fische“. Andererseits macht es natürlich tierischen Spaß, die Internatschüler:innen bei weiteren aufregenden Erlebnissen zu begleiten. In Band 5 steht ein Workshop an, verrät uns die Leseprobe im Anhang. Unsere Helden sollen das Fliegen lernen, und ich glaube kaum, dass damit der Erwerb eines Pilotenscheins gemeint ist. Oder? Das will ich jetzt natürlich wissen!


    Die Autorin

    Gina Mayer, geb. 1965, studierte Grafik-Design und arbeitete danach als freie Werbetexterin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Ihre Werke standen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Gina Mayer lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf.


    Die Illustratorin

    Clara Vath arbeitet seit 2012 als freischaffende Illustratorin für diverse Verlage. Sie illustriert unter anderem Kinder- und Jugendbücher und schätzt daran vor allem die Vielfältigkeit und das Abtauchen in andere Welten. Ihr Illustrationsstil verbindet oft fantastische und mystische Elemente, die zum Träumen einladen und in Abenteuer entführen.

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    Frauke Buchholz: Frostmond. Kriminalroman, Bielefeld 2021, Pendragon Verlag, ISBN 978-3-86532-723-9, Klappenbroschur, 287 Seiten, Format: 13,7 x 2,7 x 20,5 cm, Buch: EUR 18,-, Kindle: EUR 15,99.


    „Der Highway 16, der sich über 1.400 Kilometer durch Kanadas Westen erstreckt, hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht: Seit Jahrzehnten verschwinden immer wieder vorwiegend junge indigene Frauen spurlos entlang der Bundesstraße, die inzwischen den Beinamen „Highway of Tears“ (Straße der Tränen) erhalten hat. 18 Fälle sind es nach offiziellen Polizeiangaben, doch Amnesty International und indianische Opferverbände gehen von einer weit größeren Dunkelziffer von bis zu 500 vermissten und getöteten indigenen Frauen in ganz Kanada der letzten 30 Jahre aus. Aufgeklärt wurde bisher kaum ein Fall.“ (Aus der Presseinformation des Pendragon-Verlags)


    Die Mordserie entlang der „Straße der Tränen“ gibt es wirklich. Die Personen im Buch sind fiktional. Wir erleben die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven:


    Leon Maskisin, Cree-Traditionalist

    Der einzige Ich-Erzähler ist der neunzehnjährige Leon Maskisin vom Stamm der Cree, dessen fünfzehnjährige Cousine Jeannette unter den Opfern des Highway-Mörders ist. Der blitzgescheite junge Mann ist Traditionalist und wünscht sich die Zeiten zurück, in der die Weißen noch nicht im Land waren. Dass die Polizei Jeannettes Mörder findet, daran glaubt er nicht. Das Schicksal indigener Frauen ist denen doch wurscht. Die werden den Täter nicht einmal suchen! Wenn der Mörder seiner Cousine zur Rechenschaft gezogen werden soll, dann wird er das schon selbst tun müssen. Und eines ist klar: Mit einer Gerichtsverhandlung wird er sich nicht aufhalten.


    Sprechen aus dem jungen Mann vielleicht nur die Wut und die Trauer eines Angehörigen? Oder die Frustration eines Mitglieds einer benachteiligten Bevölkerungsgruppe? Das ist es nicht allein. Dass Leon Maskisin mit seiner Einschätzung gar nicht so falsch liegt, sehen wir, als wir die ermittelnden Beamten kennenlernen.


    Jean-Baptiste LeRoux, Provinzpolizist

    Jean-Baptiste LeRoux von der Sûreté du Québec, der Provinzpolizei, macht seinen Job vielleicht schon ein bisschen zu lange. Er hat null Bock auf seine Arbeit, er trinkt zu viel und hat nur Interesse für seine außerehelichen Aktivitäten. Dass ihm sein Vorgesetzter für diesen Fall einen Profiler aus Saskatchewan zur Seite stellt, stinkt ihm gewaltig. LeRoux ist kein Teamplayer. Er keinen gebrauchen, der ihm dauernd auf die Finger schaut.


    Ted Garner, Psychologe und Profiler

    Und schon gar nicht diesen aufgeblasenen Ted Garner, einen Psychologen, der kein Wort Französisch spricht und alle Welt nur von seinem überlegenen Intellekt überzeugen will. Am Fall der jungen Jeannette Maskisin hat er ebenso wenig Interesse wie LeRoux selbst. Der Wichtigtuer möchte doch nur angeben und dann schnellstmöglich wieder nach Hause fahren!


    Jeder hält den jeweils anderen für ein ausgemachtes Ar***l*ch – und beide haben recht. Aber sie sind nicht auf den Kopf gefallen. Wenn jetzt schon extra ein Profiler eingeschaltet wurde, sollten sie zügig ein Ergebnis liefern, sonst stehen sie dumm da. Also versuchen sie, auch wenn es sie gar nicht interessiert, herauszufinden, was in den letzten 11 Monaten mit Jeannette Maskisin geschehen ist. So lange ist es her, dass sie aus dem Niskawini-Reservat verschwunden ist – absichtlich.


    Warum sie das getan hat, wird den beiden Polizisten klar, als sie im Reservat ankommen: desolate Familienverhältnisse, keinerlei Perspektive. Da war es das geringere Übel, sich mit etwas geklautem Geld nach Montreal aufzumachen auf der Suche nach ein bisschen Spaß und einer besseren Zukunft. Das hat ja nun beides nicht geklappt.


    Wie erwartet zeigen sich die Mitglieder der First Nations nicht besonders kooperativ. Sie haben eben ihre Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Wenn den Ermittlern nicht ab und zu eine nicht gänzlich desillusionierte Seele eine Information zustecken würde, kämen sie überhaupt nicht weiter.


    Was weiß der Lehrer?


    Montreals übelste Ecken


    Ted Garners Profiler-Spürnase führt ihn in eine gänzlich andere Richtung. Und LeRoux‘ Alleingang führt ihn direkt in des Teufels Küche.


    Die Geschichte endet ziemlich abrupt. Von einer lückenlosen Aufklärung des Falles kann nicht die Rede sein. Ob da noch was kommt? Wir wissen es nicht. Ein Mistkerl mehr oder weniger würde am Grundübel auch nichts ändern. Da sind wir jetzt so pessimistisch wie die Männer in diesem Roman. Überhaupt bringt uns dieser Krimi dazu, ganz ungewohnte gedankliche Positionen einzunehmen: Auf einmal ertappt man sich dabei, einem mehrfachen Mörder die Daumen zu drücken.


    Die im Dunkeln sieht man nicht


    Wer mir ein Rätsel geblieben ist, ist der Profiler aus Saskatchewan. Er bildet sich so viel darauf ein, ein Intellektueller zu sein, redet ständig über Schopenhauer und pflegt gleichzeitig ganz ungeniert seine Vorurteile. Er haut einen politisch unkorrekten Spruch nach dem anderen raus, was sich für mich mit kultiviertem Verhalten nicht vereinbaren lässt. Wahrscheinlich hätte er auch das N-Wort verwendet, wenn sich eine Gelegenheit geboten hätte. Was ist Ted Garner? Ein rassistischer Redneck unter einer dünnen Lasur von Kultur und Bildung? Das habe ich nicht ganz verstanden.


    Davon abgesehen ist FROSTMOND ein sprachgewaltiger, packender Kriminalroman, der in einem für uns Leser:innen außergewöhnlichen Umfeld spielt. Er gewährt uns Einblicke in (Gedanken-)Welten, mit denen wir sonst nicht viele Berührungspunkte haben – und er lässt uns nach Beendigung der Lektüre ein kleines bisschen klüger zurück.


    Die Autorin

    Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik und promovierte über zeitgenössische indigene Literatur. Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind.

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    Ulrike Renk: Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe. Roman (Bd. 1), Berlin 2021, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3555-2, Softcover, 501 Seiten, Format: 13 x 4,3 x 20,2 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    Berlin 1879: Paula Oppenheimer, 16, hat noch drei jüngere Geschwister. Die Eltern müssen ganz schön rechnen, um die Familie über die Runden zu bringen. Als Rabbiner einer kleinen Reformgemeinde wird Vater Julius nicht besonders üppig bezahlt. Dennoch hält Mutter Antonie zunächst gar nichts von dem Vorschlag ihrer begüterten aber kinderlosen Schwester Auguste, die kluge und musisch begabte Paula bei sich aufzunehmen und sie als Gesellschafterin auszubilden. Man gibt doch seine Kinder nicht weg!


    Paula, 16, zieht zur Tante

    Doch mit dem, was Auguste Arnheim ihrer Nichte an Bildung, materiellem Komfort und nützlichen Kontakten bis in die höchsten Kreise hinein bieten kann, können Oppenheimers nicht mithalten, und so stimmen sie dem Arrangement schließlich zu. Im Wege stehen möchten sie ihrer Tochter nicht. Also zieht Paula schweren Herzens zur Tante. Auch wenn das neue Zuhause nur einen Katzensprung vom Elternhaus entfernt ist, fehlen ihr Mutter, Vater und Geschwister, vor allem ihr um drei Jahre jüngerer „Seelenbruder“ Franz.


    Falls sich jemand fragt, warum die intelligente Paula nicht studiert, wo sie doch jetzt über die finanziellen Möglichkeiten verfügt: Das ist Frauen zu jener Zeit in Deutschland nicht erlaubt. Sie müsste ins Ausland gehen, und davor scheut sie sich. Von daher hat sie nur die Möglichkeit, zu heiraten oder Gesellschafterin zu werden.


    Ein paar Jahre später: Paulas Bruder Franz studiert jetzt Medizin und bringt eines Tages seinen besten Freund aus der Studentenverbindung mit nach Hause: den ungestümen und rebellischen Richard Dehmel, der ein wenig ziellos Naturwissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie studiert und sich als Poet versteht.


    Verliebt in den Freund des Bruders

    Weil Richard Ärger mit seinen Eltern hat, wird er von den großzügigen Oppenheimers durchgefüttert und fast wie ein Familienmitglied behandelt. Als Franzens Kumpel ist er der Familie lieb und wert. Doch dann beginnt er, sich für Paula zu interessieren. Auch sie ist angetan von dem wilden Kerl, der viel auf ihre Meinung gibt und sie regelmäßig seine Texte beurteilen lässt. Wahrscheinlich hat sie sich noch nie so verstanden und ernst genommen gefühlt.


    Als die beiden jedoch vom Heiraten sprechen, schrillen bei ihrer Familie sämtliche Alarmglocken. Richard ist ja ganz unterhaltsam aber mittellos und egoistisch und hat eine Menge Flausen im Kopf. Wovon wollen Paula und er leben? Sie sehen es kommen: Er wird dichten, sich von aller Welt bewundern lassen und sich nicht darum scheren, ob Frau und Kinder daheim was zu beißen haben. So einen Kerl muss man sich leisten können, und Paula hat nun mal kein Geld. Erschwerend kommt hinzu, dass sie gesundheitlich angeschlagen ist – sie hat Asthma – und immer mal wieder zur Kur an die See oder in die Berge muss. Ein Leben mit permanenten Existenzsorgen wäre Gift für sie.


    Die Eltern sind gegen die Heirat


    Sie lieben einander stürmisch und leidenschaftlich, bekommen drei Kinder und arbeiten zusammen an ihren jeweiligen Texten.


    Rücksichtslos und egozentrisch

    „(...) Warum tut er mir das an? Warum?“, fragt sie einmal verzweifelt. Und ihre Freundin Hedwig antwortet: „Weil er Richard ist.“ (Seite 475). Ich würde sagen: Weil er ein rücksichtsloses, ichbezogenes A***l*ch ist und genau weiß, dass er damit durchkommt. So einfach kann frau ihren Gatten zu der Zeit nicht in den Wind schießen. Wie sollte sie sich und ihre Kinder durchbringen? Aber Paula ist intelligent und nicht unbegrenzt leidenswillig ...


    Spätestens bei den unfassbar gemeinen und geschmacklosen Gedichten, die Richard an Paulas 32. Geburtstags vorträgt, habe ich mich gefragt, warum sie ihn nicht einfach umbringt. ;-) Mit Richard ist es Ulrike Renk wieder einmal gelungen, eine Figur zu schaffen, die ich gleichzeitig verstehen und von Herzen verabscheuen kann. In Romanen ist mir das eine Freude.


    Richard Dehmel ist zweifellos ein Mann seiner Zeit – und von einer so grandiosen Egozentrik, dass er nicht mal merkt, was er seinen Mitmenschen antut. Und wenn es ihm bewusst würde, wäre es ihm wahrscheinlich egal. Doch wäre Paula damit gedient gewesen, wenn ihre Eltern diese Ehe verhindert und sie in gesicherte aber langweilige Verhältnisse verheiratet hätten? Wahrscheinlich nicht. In einer emotional flacheren Beziehung wäre sie nie so unglücklich aber auch nie so glücklich gewesen wie mit Richard. So gesehen ist alles gut.



    Der Roman beruht auf Tatsachen

    Die Reihe EINE FAMILIE IN BERLIN beruht auf Tatsachen. Die Familien Dehmel und Oppenheimer kann man googeln – es gab sie wirklich. Doch wie die Autorin ausdrücklich betont: „Dies ist keine wissenschaftliche Biographie. Dies ist ein Roman.“ (Seite 494) Was wahr ist und was Ulrike Renk aus dramaturgischen und anderen Gründen erfunden hat, erfahren wir im Nachwort.


    Ich liebe die bildhafte Sprache, die gefühlvollen Briefe und vor allem die Stimmung im Kapitänshaus an der Ostsee, wo die Familie über viele Jahre ihre Sommerfrische verbringt und Paula sich immer wieder von den Strapazen ihrer Krankheit erholt. Und ich hasse mit großem Vergnügen den Egomanen Richard.


    „Action“ gibt’s in der Geschichte wenig. Man schlüpft in das Leben und die Gedankenwelt anderer Menschen aus anderen Zeiten. Mich fasziniert das. Die Abwägungen für oder gegen eine Ehe zwischen Paula und Richard hätten meinetwegen etwas kürzer abgehandelt werden können. Das liegt vermutlich daran, dass meine Meinung sowieso schon feststand. Ich brauchte nicht so viele Argumente. Meine aufrichtige Bewunderung gilt Tante Auguste, die mit sehr einfühlsamen Worten ihrer Nichte die Bedenken der Eltern erklärt hat. Ich wär’ da deutlich radikaler vorgegangen. ;-)


    Gespannt auf die Fortsetzung

    Aus dem Nachwort schließe ich, dass es im zweiten Band URSULAS TRÄUME um Paulas Schwiegertochter gehen wird. Auch sie hat in einem interessanten künstlerischen Umfeld gelebt es und mit schwierigen Männern zu tun gehabt. Aber sie dürfte schon deutlich mehr Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeiten gehabt haben als ihre Schwiegermutter Paula Dehmel. Auf diese Fortsetzung bin ich gespannt.


    Die Autorin

    Ulrike Renk, geboren 1967 in Detmold, zog ein paar Jahre später mit Eltern und Bruder nach Dortmund, wo sie auch die Schule besuchte. Studienaufenthalt in den USA, Studium der Anglistik, Literaturwissenschaften und Soziologie an der RWTH Aachen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Heute lebt sie mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn in Krefeld am Niederrhein und arbeitet als freie Autorin.

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    Anita Konstandin: Das Böse vergisst du nie. Krimi, Reutlingen 2021, Oertel + Spörer, ISBN 978-3-96555-086-5, Softcover, 228 Seiten, Format: 11,9 x 2,4 x 18,8 cm, Buch: EUR 11,95.


    Die Mutter ist verstorben, der Vater im Pflegeheim – jetzt ist der Medizinjournalist Norbert Tennert, 42, dabei, das elterliche Haus in Stuttgart-Bad Cannstatt zu entrümpeln. Er möchte es renovieren und dort einziehen. Nach seiner Scheidung hat er die Zelte in Bremen abgebrochen. Seine Arbeit kann er auch von Stuttgart aus erledigen.


    Ein Haus voller schlimmer Erinnerungen

    Aber ob diese Rückkehr so eine gute Idee ist? Ans Elternhaus hat Norbert hauptsächlich schreckliche und traurige Erinnerungen. Vor 31 Jahren ist seine Zwillingsschwester Miriam verschwunden. Erst nach Wochen hat man sie tot im Wald gefunden. Wie sie ums Leben gekommen ist, konnte man nicht mehr feststellen.


    Seit damals ist Miriams Zimmer unverändert geblieben. Auch das müsste Norbert jetzt ausräumen, doch er weiß nicht, ob er dem gewachsen ist. Vielleicht lässt das einfach eine Entrümplungsfirma machen. Doch die, die er beauftragt hat, erweist sich als äußerst unzuverlässig. So wird er ja nie fertig!


    Jugendfreund Wolfgang Koschinski, dessen Onkel Theodor (75) noch immer in der Nachbarschaft wohnt, schaut zwar regelmäßig bei Norbert vorbei, ist ihm aber keine Hilfe. Er hält den Journalisten noch von der Arbeit ab, indem er ihn ständig mit den Problemen seiner Verwandtschaft zutextet: Seine Schwester Ines, die weder privat noch beruflich auf einen grünen Zweig kommt, muss aus ihrer Wohnung raus und möchte samt ihrem Lebensgefährten, einem traumatisierten Ex-Soldaten, ins Haus des Onkels ziehen. Allerdings hat der Onkel schon zwei Mieter: alte Freunde aus dem Schausteller-/Künstler-Milieu, die er schon seit Jahrzehnten kennt. Nicht einmal für die eigene Verwandtschaft würde er Desiree Eschbach oder Harry Rademacher vor die Tür setzen!


    Der Nachbar ist verschwunden!

    Plötzlich ist der Onkel verschwunden. Nie wäre er über Nacht weggeblieben, ohne seinen Freunden im Haus Bescheid zu sagen. Und schon gar nicht wäre er in fliegender Hast aufgebrochen ohne Geld, Mobiltelefon und Auto. Das sehen auch sein Neffe und seine Nichte so. Doch ehe sie zur Polizei gehen können, muss Wolfang nochmal schnell ins Haus des Onkels und dort etwas ... hm ... regeln.


    Derweil beobachtet Mieter Harry Rademacher misstrauisch den „neuen“ Nachbarn Norbert Tennert, der zunehmend gestresst in seinem Haus herumräumt. Hat der etwas zu verbergen? – Er hat zumindest etwas gefunden: einen Hinweis darauf, wie seine Schwester damals zu Tode gekommen ist.


    Die Verdächtigen: traurige Gestalten

    Wir Leser:innen wissen ein bisschen mehr als die ermittelnden Polizeibeamten – aber auch nicht alles. Dass die Kriminalkommissare Birgit Vogelsang und Marco Lamberti den Vermisstenfall Miriam Tennert zunächst gar nicht auf dem Schirm haben und die erbschleichenden Verwandten verdächtigen, wundert uns nicht. Das ist aber auch ein seltsamer Haufen: in prekären Verhältnissen lebend, psychisch labil, in dubiose Angelegenheiten verwickelt. Mehrfachnennungen sind möglich. Hat etwa einer von ihnen – oder alle zusammen? – den Onkel verschwinden lassen, um an sein Häusle zu kommen?


    Nur Kommissarin Birgit Vogelsang vermutet einen Zusammenhang zwischen Miriams Tod und Theodor Jordans Verschwinden. Ihr Chef hält das für ausgemachten Blödsinn.


    Und wie weit ist Norbert Tennert mit seinem Bemühen gediehen, denjenigen zur Verantwortung zu ziehen, der seiner Meinung nach den Tod seiner Schwester verschuldet hat? Sagen wir so: Er ist in der Zwischenzeit zu er Erkenntnis gelangt, dass das eine absolut hirnrissige Idee war. Und er wäre gottfroh, wenn er wüsste, wie er aus dieser Nummer wieder rauskommt.


    Man traut hier jedem alles zu

    Hier mordet nicht die High Society, wie man sie aus Fernsehkrimis kennt. Hier wursteln sich traurig-düstere Verlierergestalten durchs Leben, die jedes Mal, wenn nach einem Zipfelchen vom Glück haschen, prompt danebengreifen und noch tiefer ins Elend rutschen. Und weil alle hier so bedürftig und verzweifelt sind und zudem noch skurrile Hobbys oder eine zweifelhafte Vergangenheit haben, traut man jedem alles zu.


    Das Unglück der Verdächtigen ist stellenweise schwer zu ertragen. Man ahnt, dass manchen von ihnen wohl nicht mehr zu helfen ist. Eine der wenigen positiv eingestellten Figuren ist die Schwertschluckerin Dorothee Eschbach, und selbst sie hat eine dunkle Seite.


    Nachvollziehbare Beweggründe

    Der Krimi hat einen überschaubaren Umfang, aber man erfährt von allen relevanten Personen, wie sie in die Lage gekommen sind, in der sie jetzt feststecken, obwohl sie mal ganz andere Pläne für ihr Leben gehabt haben. Ob sie nun Täter oder Opfer sind, beides oder irgendwas dazwischen: Man entwickelt Verständnis für fast alles, was sie tun, auch wenn man es nicht gutheißen kann.


    Ich hätte aufgrund der Personenbeschreibung und der Beziehungskonstellationen schwören können, dass die Polizisten dieselben sind, die schon in Anitas Konstandins Krimis MORGEN FRÜH, WENN GOTT WILL und VERHÄNGNISVOLLE FREUNDIN ermittelt haben: Die Kommissarin mit den Brandnarben, die mit ihrem Beruf verheiratet ist ... der smarte Kollege, dem seine Familie unermüdlich neue Bräute präsentiert und dabei eisern ignoriert, dass er einen Lebensgefährten hat ... die burschikose junge Türkin usw. Doch im vorliegenden Band haben sämtliche Ermittler:innen neue Namen. Das mag daran liegen, dass die vorigen Bände in einem anderen Verlag erschienen sind. Für Neueinsteiger:innen in die Reihe ist das nicht weiter wichtig. Ich sag’s nur für den Fall, dass jemand die anderen beiden Krimis ebenfalls kennt und sich jetzt wundert.


    Auch wenn die Autorin uns Leser:innen einen kleinen Wissensvorsprung gewährt: Wie genau der alte und der neue Vermisstenfall zusammenhängen, erfahren wir erst ganz am Schluss. Und so bleibt der Krimi bis zum Ende spannend.


    Die Autorin

    Die Stuttgarterin Anita Konstandin liebt das Lesen und Schreiben, und so arbeitete die Werbefachwirtin viele Jahre als freie Texterin. Nach zahlreichen Kurzgeschichten schrieb sie auch Kriminalromane, denn ihr Hobby ist die Kriminologie. Besonders interessant findet sie die Psychologie hinter dem Verbrechen, Wie es es dazu gekommen? Was war die Motivation für einen Mord. Privat engagiert sie sich im Tierschutz, in in ihrem Sportverein und bei Ladies Crime Nights mit ihren „Mörderischen Schwestern“.

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    Heike Abidi: Für Glück ist es nie zu spät. Roman, München 2021, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-10553-4, Softcover, 347 Seiten, Format: 12,1 x 3,2 x 18,5 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 8,99.


    „Es hat Zeiten gegeben, in denen ich das Leben für planbar hielt. Und in denen ich Menschen, die einfach alles auf sich zukommen ließen, belächelt habe. Ein bisschen auch dich. Ach, Ines, ich war damals so doof. Und du so weise ...“ (Seite 264)


    Als Johanna Landgraf noch ein kleines Mädchen war, konnte sie nur dann die Aufmerksamkeit ihrer Eltern erringen, wenn sie gute Leistungen brachte. Ehrgeiz wurde ihr so zur zweiten Natur. Sie träumte von Erfolg und Karriere und hatte nur ein mitleidiges Kopfschütteln für alle jene Menschen übrig, die keine Ziele und Pläne hatten und sich entspannt durchs Leben treiben ließen. Manch eine Jugendliebe scheiterte daran, dass der Freund das Leben nicht ernst genug nahm.


    Alte Freunde würden sich wundern …

    Jetzt ist Johanna 52 und frisch verwitwet. Als ihr eine Jugendfreundin, die sie 30 Jahre nicht mehr gesehen hat, mit dem Kondolenzbrief ein leeres Tagebuch schickt, in dem sie sich – wie früher – alles von der Seele schreiben soll, kommt sie schwer ins Grübeln. Tagebuch geschrieben hat sie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sie ist eben nicht mehr die „Jo“, die ihre Jugendfreunde kannten. Der Schwung, der Optimismus, die Träume von damals – alles weg. Der Ehrgeiz ebenfalls. Karriere hat nur ihr Mann gemacht, ein erfolgreicher Arzt. Sie hat sich um Haus und Familie gekümmert und dem Gatten „den Rücken freigehalten“, wie man so schön sagt. Zum Dank dafür hat er sie am laufenden Meter betrogen.


    All die Lover, denen Johanna in jungen Jahren wegen erwiesener Antriebslosigkeit den Laufpass gegeben hat, würden sich totlachen, wenn sie wüssten, was aus ihr geworden ist. Nichts, aber auch gar nichts hat sie auf die Reihe gekriegt! Ihre Tochter lebt im Ausland und sie reden nicht mehr miteinander. Ihre Ehe mit René war schon am Ende, bevor er schwer krank geworden war und sie ihn deshalb nicht zu verlassen gewagt hatte. In guten wie in schlechten Tagen ...


    Neu anfangen – aber wie?

    Durch die Beerdigungszeremonie stolpert Johanna wie durch einen schlechten Traum. Und jetzt? Was soll sie mit ihrem Leben anfangen? Zum Glück ist sie finanziell unabhängig. Das Problem, das andere Witwen im „späten Mittelalter“ haben, nämlich nach Jahrzehnten der beruflichen Auszeit plötzlich wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu müssen, hat Johanna nicht. Sie kann es sich leisten, den aus guten Gründen verhassten Porsche ihres verstorbenen Mannes ohne jegliche Preisrecherche zu verkaufen und einen Großteil des Geldes zu spenden.


    Während sich die unkonventionelle Entrümplerin Pauline von „Platzda & Wegdamit“ durch René Landgrafs weltliche Besitztümer arbeitet, fragt sich Johanna, wo im Leben sie derart falsch abgebogen ist, dass sie alles dermaßen vergeigt hat. Bei ihren Erinnerungen helfen ihr ihre alten Tagebücher, die sie in einer Kiste auf dem Dachboden aufbewahrt hat.


    Was wäre, wenn …?


    Was wohl aus ihren Exfreunden geworden ist? Johanna recherchiert.


    Kann man die Zeit zurückdrehen?

    Henry ist immer noch ein super Typ. Er reagiert auch gar nicht herablassend, als er mitkriegt, dass aus Johannas hochfliegenden Lebensträumen nichts geworden ist. Für ihn scheint es ja auch nicht so toll gelaufen zu sein. Um Häuser zu verkaufen, hätte er nicht Psychologie studieren müssen. Nützlich ist sein Wissen allemal: Er weiß genau, welches Objekt zu welchem Kunden passt.


    Zumindest privat scheint Henry alles richtig gemacht zu haben. Er hat eine Frau und zwei entzückende Töchter. Blöd nur, dass Johanna drauf und dran ist, sich erneut in ihn zu verlieben. Und niemals würde sie sich in eine Ehe drängen. Wie schmerzhaft es ist, die betrogene Ehefrau zu sein, weiß sie selbst ja am besten.


    Ist es überhaupt sinnvoll, die Zeit zurückdrehen und da anknüpfen zu wollen, wo man vor 30 Jahren aufgehört hat? Vergangenheit „reloaded“, sozusagen? Man ist ja nicht mehr dieselbe Person wie damals, weil man inzwischen jede Menge Lebenserfahrung angehäuft hat. Wie schafft man es, sich wieder auf verschüttete Stärken und Fähigkeiten zu besinnen und trotzdem nach vorne zu schauen? Johanna wird es lernen müssen. Und vielleicht winkt ja doch noch, in welcher Form auch immer, ein Happy end ...


    So viele verschwendete Jahre!

    Es ist so schön zu sehen, wie Johanna den erdrückenden Ballast einer unglücklichen Ehe abwirft und nach und nach zu ihrer alten Form zurückfindet. Aber, ach, so viele verschwendete Jahre! Da hat sie mir wirklich Leid getan. Sie hätte wesentlich früher die Notbremse ziehen müssen. Manchmal rutscht man eben rein in so eine Geschichte, verliert langsam und schleichend die Lebensfreude und ist sich dessen nicht einmal bewusst.



    Aus Fehlern lernen, aber nicht grübeln!

    Hier geht es in erster Linie um den Neuanfang und um die Frage, die wir uns vielleicht auch schon gestellt haben. Wäre mein Leben besser verlaufen, wenn ich mich an diesem oder jenem Punkt anders entschieden hätte? Die Antwort ist: Man weiß es nicht, denn jede Abzweigung, die man nimmt, bedingt ja unzählige andere. Bei einem alternativen Verlauf der eigenen Biographie hätte man vielleicht nicht Problem A gehabt, dafür aber Problem B und/oder C. Mit dieser Art der Grübelei kann man also getrost aufhören und sich auf die Gegenwart konzentrieren. Und wenn man Glück hat, hat man aus vergangenen Fehlern ein bisschen was gelernt und macht sie nicht nochmal. Dafür macht man neue. Aber so ist nun mal das Leben!


    Es ist spannend und amüsant, Johanna bei ihrem Neuanfang zu begleiten. Man wünscht ihr so sehr, dass mal etwas nach ihren Vorstellungen läuft und nicht immer nur den Vorgaben der anderen. Und für uns Leserinnen gibt’s zusätzlich zur Unterhaltung noch ein paar interessante Denkanstöße. Was will man mehr?


    Die Autorin

    Gemeinsam mit ihren Freundinnen schreibt Heike Abidi ebenso witzige wie erfolgreiche Sachbücher, die eines nach dem anderen die SPIEGEL-Bestsellerlisten stürmen. Doch auch mit ihren Romanen schafft sie es, ihre Leserinnen zu begeistern. Ihre Geschichten gehen ans Herz und sind die perfekte Leseauszeit vom Alltag. Heike Abidi lebt mit Mann, Sohn und Hund als freie Autorin in der Pfalz und schreibt bereits an weiteren Büchern.

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    Michael Meisheit: WATCH – Glaub nicht alles, was du siehst. Thriller, München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42448-7, Softcover, 413 Seiten, Format: 11,9 x 3,1 x 18,7 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Auch wenn Omar sich immer weiter entfernte, wusste Tina, dass sie nirgendwo sicher war. Die Polizei half den Taffas. Die Kameras halfen den Taffas. Wenn sie rennen würde, würden sie Tina durch die ganze Stadt verfolgen. Sie hatte keine Chance.“ (Seite 182)


    Die Berliner Journalistin Christina „Tina“ Sieger, 30, hat ihr Leben bis jetzt noch nicht auf Reihe gekriegt. Sie lebt in einer schäbigen WG mit deutlich jüngeren Studenten und schlägt sich als „Blaulicht-Reporterin“ für eine Facebook-Seite durch. Ohne die finanziellen Zuwendungen ihres Vaters käme sie nicht über die Runden.


    Ein dubioses Jobangebot

    Als der Vater unerwartet stirbt und Tina klar wird, dass sie nun aus Kostengründen zu ihrer Mutter ziehen muss, dreht sie durch. Ihr Vater war ihr Seelenverwandter, mit ihrer Mutter dagegen kommt sie nicht gut klar. Tina wartet nicht einmal die Beerdigung ab. Hals über Kopf nimmt sie das dubiose Jobangebot an, das ihr vor kurzem die Niederländerin Kim unterbreitet hat: „Sie müssen für einige Wochen eine Wohnung in London beziehen und dort leben. (…) Sie bekommen alles, was man zum Leben braucht, Taschengeld zum Ausgehen und Shoppen und als Lohn für die gesamte Zeit fünfzigtausend Euro. (…) Es hat nichts mit S*x zu tun.“ (Seite 25)


    Wie naiv oder verzweifelt muss man sein, um sich auf so etwas einzulassen? Dass hinter dieser Offerte eine ungesetzliche Schweinerei steckt, kann man mit den Händen greifen! Doch Tina ist das im Moment egal.


    Lückenlose Überwachung

    Die Leser:innen können sich schnell zusammenreimen, womit Tinas mysteriöser Job wohl zusammenhängen dürfte: mit dem bahnbrechenden neuen Video-Überwachungsprogramm WATCH von Europol. Damit kann man Menschen im öffentlichen Raum nahezu lückenlos im Blick behalten. Der deutsch-libanesische Polizist Nael Bruck ist jetzt in Den Haag dafür zuständig, per WATCH ein Auge auf den kriminellen Taffa-Clan zu haben. Den kennt er besser als ihm lieb ist.


    Was plant der Taffa-Clan?


    Irgendwas planen die Taffas in London, so viel ist durchgesickert. Und so langsam kapiert auch Tina Sieger, mit wem sie sich für die 50.000,- Euro eingelassen hat - und wofür sie tatsächlich engagiert worden ist.


    Tina stellt die falschen Fragen

    Während Europol mit steigender Verwirrung die Vorgänge in London beobachtet, beginnt Journalistin Tina ihren Kontaktleuten neugierige Fragen zu stellen. Für ihre Auftraggeber wird sie damit zu einer Gefahr. Dass diese Leute nicht lange fackeln, wenn ihnen jemand in die Quere kommt, hätte sie sich eigentlich denken können. Wie weit sie gehen, um ihre Interessen zu wahren, merkt sie bald …



    Ein Maulwurf?

    Unterdessen hat man bei Europol entdeckt, dass Unbekannte bestimmte WATCH-Aufzeichnungen manipuliert haben. Alle Hinweise deuten auf die Taffas. Haben sie einen Maulwurf bei der Polizei? Und sind ihre Aktivitäten in London nur ein Ablenkungsmanöver? Aber wofür?


    Die Leser:innen bewegt hauptsächlich die Frage, wie Tina aus dieser Nummer wieder heil rauskommt. Selbst wenn ihr die Flucht gelingen sollte: Wie entgeht sie den allgegenwärtigen Kameras?


    Es gibt noch ordentlich Action, bis alle offenen Fragen geklärt sind.


    Das ist Popcorn-Kino in Buchform! Seit ich WATCH gelesen habe, betrachte ich Überwachungskamera mit einem gewissen Argwohn. Gut, dass sich der Autor dieses spezielle System nur zum Zweck der Spannung und Unterhaltung ausgedacht hat! Aber ist die Dystopie von heute nicht manchmal die Wahrheit von morgen?


    Der Fluch der Selbstüberschätzung

    Tja, da sieht man wieder mal, wohin Selbstüberschätzung führt! Was passiert, wenn man jemanden kolossal unterschätzt, sehen wir in dieser Geschichte auch.


    Nur die Heldin mag ich nicht

    Die Heldin, Tina, war mir nicht besonders sympathisch. Mit ihren (Re-)Aktionen konnte ich mich einfach nicht identifizieren. (Trotzdem habe ich mit ihr mitgefiebert.) Daran, dass hier ein Mann aus der Sicht einer Frau schreibt, kann es nicht liegen. Das macht der Autor öfter und damit hatte ich bislang noch nie ein Problem. Aber das ist nicht schlimm: Es gibt ja noch Nael Bruck und Dimitiri Morosow, die als Identifikationsfiguren taugen.


    Ich bin kein ausgesprochener Fan von Thrillern, aber wenn Michael Meisheit noch weitere schreibt, gern auch mit einer Prise Science Fiction, bin ich gerne wieder als Leserin dabei. Und ich weiß schon, warum ich immer das Nachwort und die Danksagung lese: Die Story von der Luxuswohnung-Recherche ist zu klasse! :-D


    Der Autor

    Michael Meisheit, 1972 in Köln geboren, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch und ist seit über zwanzig Jahren im deutschen Fernsehgeschäft aktiv. Meisheit lebt mit seiner Familie in Berlin-Kreuzberg.

    Da die Verlinkung nicht funktioniert, versuche ich es so:

    https://www.amazon.de/Schürze-Speck-Famiglia-Krimi-Südtirol/dp/B098GTZVBG/ref



    Viola Eigenbrodt und Tobias Reimann: Schürze, Speck und La Famiglia. Ein Krimi aus Südtirol, Leonberg 2021, Independently published, ISBN 979-852980508-4, 397 Seiten, Softcover, Format: 12,7 x 2,54 x 20,32 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 4,99.


    „Kein Schwein interessiert sich dafür, woher eigentlich das viele Fleisch kommt, welches für den berühmten Südtiroler Speck herhalten muss. In der Provinz jedenfalls gibt es keine Schweinezuchtfarmen in ausreichender Menge“, ereiferte sich der prominente Koch. (...) „ Knappe neuntausend Schweine gibt es in Südtirol. Die sollen dreißigtausend Tonnen Speck ergeben? Niemals.“ (Seite 105/106)


    Leichenfund am Aussichtspunkt

    Ihren Urlaub in Südtirol hatte sich die deutsche Rechtsanwältin Silke Baum auch anders vorgestellt. Als sie an einem Montagmorgen zum Knottnkino, einem Aussichtspunkt in der Nähe von Meran hinaufsteigt, kommt sie leider nicht dazu, die atemberaubende Landschaft zu genießen: Ihr Hund verschwindet im Gebüsch und kommt mit einem menschlichen Ohr im Maul wieder zurück! Der Forstmeister hört ihre Schreie und bald wimmelt es vor Polizei.



    Wer ist der Tote und warum hat ihn niemand als vermisst gemeldet? Die Boulevardpresse ergeht sich in haarsträubenden Spekulationen und bezichtigt die ermittelnden Beamten allesamt der Unfähigkeit. Kripochef Pixner machen diese Vorwürfe zu schaffen. Werden ihnen die Ermittlungspannen vom letzten spektakulären Fall denn ewig nachhängen? Auch wenn die damals verantwortliche Kollegin gar nicht mehr dabei ist?


    Die Neue bringt alles durcheinander

    Die Carabinieri stehen vor anderen Herausforderungen: Maresciallo Franco Marini wird in Kürze 50 und plagt sich mit einer handfesten Krise. Und die neue Carabiniera Patti Mayrhofer bringt nicht nur frischen Wind ins Revier, sondern auch alles durcheinander. Ihre Kollegen Losso uns Scarpone fühlen sich der ehrgeizigen jungen Frau fachlich unterlegen. Dass Patti nicht nur klug und überaus fähig ist, sondern auch attraktiv und sympathisch, sorgt zusätzlich für Verwirrung.


    Zudem hat die Neue eine prominente Tante, die ORF-Fernsehmoderatorin Michaela Gruber. „Tante Michi“ ist es auch, die dem Ermordeten zur Überraschung aller einen Namen geben kann. Er war mal Praktikant bei ihrem Kollegen Holzknecht.


    Fleischmafia oder Beziehungsdrama?

    Die Polizisten werden hellhörig. Holzknecht? Martin Holzknecht? Das war doch der Investigativ-Journalist, den man mit durchschnittener Kehle in einen Fleischtransporter gefunden hat! Hängen beiden Fälle am Ende zusammen? Holzknecht war damals einem Lebensmittelskandal auf der Spur. Seine Notizen und Aufzeichnungen wurden nie gefunden, der Fall blieb ungeklärt. War sein Praktikant in die Recherchen involviert? Hat er alleine weitergemacht und musste deshalb sterben?



    Die Polizisten haben den Verdacht, dass die Fernsehmoderatorin mehr über den Mordfall weiß, als sie ihnen sagt. Aber nicht einmal ihre Nichte kriegt etwas aus ihr raus.


    Der Fall bedeutet viel Denk- und Laufarbeit für die Beamten. Immer, wenn sie glauben, jetzt eine tragfähige Hypothese zu haben, kommt wieder eine Information ans Licht, die alles über den Haufen wirft. Krimi-Action gibt’s ganz zum Schluss.


    Auf der Wache sind die Teufel los

    Das soll nicht heißen, dass hier nichts passiert! Auf dem Revier der Carabinieri sind die kleinen Teufel los, seit Streunerkatze Molly während Marinis Urlaub mit fünf Kitten in die Abstellkammer gezogen ist. Die Belegschaft versucht nun mit aller Macht, diese Tatsache vor ihrem Chef zu verbergen. Nicht, dass er kein Tierfreund wäre! Aber so etwas Unprofessionelles wie einen Katzenkinderzirkus auf der Wache würde er nicht dulden. Und wenn er erst herausfindet, dass die Tierchen schon zwei seiner Pullover ruiniert haben ...! Die Kapriolen der putzigen Kätzchen sorgen bei diesem gruseligen Fall für die befreiende Komik.


    In diesem Krimi wird sehr viel recherchiert, kombiniert und diskutiert. So läuft eben Ermittlungsarbeit. Der Leser ist weiß nicht mehr als die Polizei und ist auf die Fakten angewiesen, die sie zusammentragen.


    Die Geschichte ist komplex, nachvollziehbar und einleuchtend. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, auf welche Weise einer der Akteure sein Wissen zu verwerten versucht. Ich hatte erwartet, dass er großen Alarm macht und sich als genialer Durchblicker feiern lässt. So kann man sich täuschen!


    Ich mag die Carabinieri, denen die Alltagsprobleme immer wieder bei der Arbeit dazwischenfunken. Der vielschichtige Fall, bei dem es eine Vielzahl denkbarer Motive und eine Menge Querverbindungen gibt, ist nach meinem Geschmack. Und Südtirol/Meran ist ein außergewöhnlich reizvoller Handlungsort. Ungefähr nach Hälfte der Geschichte dachte ich allerdings – wahrscheinlich genau wie die Ermittler:innen -: Leute, wir drehen uns hier im Kreis. Jetzt muss was geschehen, sonst wird der Fall nie gelöst! Zum Glück kriegt die Handlung die Kurve.


    Die Sache mit der Popkultur

    Unsicher bin ich mir, wie stark man Popkulturreferenzen in einen Roman einstreuen sollte. Fans von STAR TREK und GAME OF THRONES werden hier öfter mal verschwörerisch grinsend nicken. Wer die Serien nicht oder nur oberflächlich kennt, kapiert manchen Witz nicht und fühlt sich ausgeschlossen. Sofern nicht automatisch davon auszugehen ist, dass die Mehrheit der Leser:innen serienaffin ist und die Anspielungen versteht, würde ich sie sehr sparsam einsetzen. Man könnte diese Vergleiche auch nur einer Person zuschreiben. Dann hätten wir einen Running Gag und Uneingeweihte dürften augenrollend denken: „Ach, jetzt kommt der wieder mit seiner alten Fernsehserie!“ :-D


    Wie auch immer das künftig gehandhabt wird: Beim nächsten Band bin ich gern wieder dabei! Ich möchte unbedingt den einen oder anderen gestandenen Helden als „Cat-Dad“ erleben.


    Die Autorin

    Viola Eigenbrodt ist Journalistin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Schriftstellerin. Mit ihrer Familie hat sie einige Jahre in Meran gelebt und gearbeitet. Sie kennt Land und Leute gut. Heute lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Stuttgart und schreibt Cozy-Krimis, die allesamt in Meran spielen.

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    Carla Berling: Was nicht glücklich macht, kann weg. Roman, München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42492-0, Klappenbroschur, 286 Seiten, Format: 11,7 x 2,6 x 18,4 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch und Multimedia-CD erhältlich.


    „Geht es, dass ihr für eine Weile in mein Haus zieht und euch um August kümmert? Er kommt nach den Ferien in die Schule, dann ist er den halben Tag aus dem Haus …“
    (…) „Selbstverständlich, Jonas. Du kannst dich natürlich auf uns verlassen. (…) Wann brauchst du uns?“
    „Nächste Woche.“
    (Seite 9/10)


    Ihr Leben lang hat die Buchhalterin Sibylle „Billie“ Berthold, 55, geglaubt, es liege an ihr, dass sie sich mit Beziehungen schwertut. Freunde hat sie keine, ihre Ehe mit Tischlermeister Thilo, 62, hat gerade noch so die Kurve gekriegt und ihr Sohn Jonas, 30, spricht seit rund zehn Jahren nicht mehr mit ihr.



    Familiäre Funkstille

    Ihr Sohn Jonas trägt das Herz auch nicht auf der Zunge, weshalb Billie bis heute nicht weiß, warum er damals Knall auf Fall den Kontakt abgebrochen und seine Eltern von seiner Hochzeit, der Geburt seines Sohnes und dem Tod seiner Frau lediglich per Karte informiert hat.


    Jetzt allerdings braucht Jonas ihre Hilfe. Sein Arbeitgeber schickt ihn für ein halbes Jahr nach London, aber sein Sohn August soll in Deutschland eingeschult werden. Freunde hat Jonas schon, aber keinem von ihnen möchte er für so lange Zeit die Verantwortung für seinen Sohn übertragen. In deren Alltag passt kein kleines Kind. Seine Eltern dagegen haben Zeit. Sie sind, egal was man sonst von ihnen halten mag, zwei fitte Vorruheständler, die es nicht wagen werden, nein zu sagen, wenn er sie bittet, vorübergehend nach Köln zu ziehen und sich um ihren Enkel zu kümmern.


    Allein mit dem fremden Kind

    Papa Thilo ist sofort Feuer und Flamme. Er hat ein Faible für Köln und den Karneval. Billie freut sich, ihrem Sohn helfen zu können, aber da sie schüchtern ist und weder flexibel noch spontan, fürchtet sie sich auch vor den Veränderungen. Sie, die Landpomeranze aus Krudhof-Oederort passt doch gar nicht nach Köln! Aber natürlich kommen die beiden der dringenden Bitte ihres Sohnes nach.



    Von der Kölner Clique adoptiert

    Elfie und ihr Mann haben ein ganzes Geschwader an Freunden, das die Bertholds einfach „adoptiert“: der smarte Musiker Charly, der etwas ungeschlachte Tierpräparator Gus, die freundliche Floristin Gitta, die schon so manchen Schicksalsschlag wegstecken musste und die Schneiderin/Gewandmeisterin Wio, eine äußerst auffallende Erscheinung.


    Für die schüchterne Billie bedeutet dieses laute, bunte und fröhliche Völkchen einen regelrechten Kulturschock. Sie kommen einfach unangemeldet vorbei, stellen hemmungslos indiskrete Fragen und schleppen die Bertholds zu allen möglichen Veranstaltungen mit. Sie verstehen es zu feiern (Augusts Einschulung! Die improvisierte Grillparty mit dem wirkungsvollen Nachtisch!) und sie sind sofort zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Was deutlich wird, als Billie überraschend ins Krankenhaus muss.


    Emotionale Distanz

    Gegen ihren Willen schließt Billie die Clique ins Herz. Und nun graust ihr vor dem Tag, an dem Jonas wieder aus England zurückkehrt und ihre Aufgabe hier erledigt ist. Dann müssen sie zurück nach Krudhof zu ihren spießig-verbiesterten Nachbar:innen und sind weit weg von Enkel August und ihren neuen Freunden. Vielleicht ist es doch besser, sich emotional gar nicht so sehr auf die Kölner einzulassen, auch nicht auf den Enkel. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit!


    Was ist eigentlich Jonas‘ Problem?

    Wer oder was hat Jonas Berthold vor zehn Jahren dazu bewogen, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen? Er hat keiner Menschenseele je den Grund verraten, auch seiner Frau nicht, die unter dem Zerwürfnis gelitten hat.


    Bei Billie und Thilo ist die Angst vor der „Wahrheit“ im Lauf der Jahre ins Unermessliche gewachsen. Lieber erdulden sie das Schweigen und die Ungewissheit als ihren Sohn nach seinen Beweggründen zu fragen. Die Kölner Freunde des Paares sind da weniger zurückhaltend. Ausgerechnet an Weihnachten bringen sie dieses heikle Thema aufs Tapet. Welche Bombe wird jetzt platzen? Werden Bertholds ihren Sohn und ihren Enkel nun endgültig verlieren? Und wie verkraftet es der Kleine, wenn ihm jetzt schon wieder wichtige Bezugspersonen abhandenkommen?


    Kulturclash und Entfremdung

    „Humor-Kracher“ steht auf der Rückseite des Covers. Hm. Ich sehe hier eher einen großen Spagat zwischen einem ernsten Thema (Entfremdung innerhalb der Familie) und einer brüllkomischen Kulturclash-Geschichte (introvertiertes Landei trifft auf extrovertierte Kölner Clique). Die Leser:innen werden emotional mächtig hin- und her geschleudert zwischen tragischen, sehr berührenden Momenten sowie Szenen und Formulierungen, die einen laut loslachen lassen. Wenn man auf Billies Nachbarn in Krudhof-Oederort trifft, sollte man besser nicht gerade in der Bahn oder im vollen Wartezimmer einer Arztpraxis sitzen, denn wenn man beim Lesen kichert, schauen die Leute immer so komisch. So witzig, wie Billie diese unerfreulichen Begegnungen auch schildert – niemand von uns würde in dieser NachbARSCHaft wohnen wollen!



    Berührend, komisch und klug

    Ich habe mit Billie mitgefühlt. Der unkonventionelle Kölner Freundeskreis hätte mich genauso überfordert wie sie. Ich habe mit ihr mitgelitten, als sie sich nicht getraut hat, mit ihrem Sohn zu sprechen, habe laut gelacht über die Einblicke in ihre Ehe und ihren Alltag, über ihre Kommentare zur Haushaltshilfe und über den Renovierungswahn ihres Gatten. Ich dachte, der wird doch nicht allen Ernstes ungefragt …?! Und auch so Kleinigkeiten wie Billies spontane Kosten-Nutzen-Rechnung angesichts Jonas‘ hochschnöseliger Kaffeemaschine sind zum Piepen.


    Hier kann man sich über Beobachtungen, Beschreibungen und Bemerkungen amüsieren, ohne das Gefühl zu haben, nur platte Albernheiten konsumiert zu haben. Es gibt hier nämlich auch viel Kluges: Hören wir auf Charly und packen wir das Glück beim Schopf! Verplempern wir keine Zeit, denn das Leben ist endlich. Reden wir mit den Menschen statt über sie! Und wenn wir irgendwo partout keinen Anschluss finden, sind nicht zwangsläufig wir selbst das Problem. Vielleicht passt einfach das Umfeld nicht.


    Die Autorin
    Carla Berling, Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihren Romanen durch große und kleine Städte.

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    Monika Feth (Text), Cornelia Haas (Illustrationen): Weihnachten steht vor der Tür (ab 4 J.), München 2014, cbt Kinder- und Jugendbuchverlag, ISBN 978-3-570-16371-9, Hardcover, 48 Seiten mit farbigen Illustrationen, Format: 16,3 x 1,2 x 21,6 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 8,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Es gibt zwei Dinge, die ich über alles liebe: Sardinen in Öl und Besuch“. (Seite 8 )


    Die Geschichte spielt vor den Ereignissen in dem Buch ARMER SCHWARZER KATER. Hier ist der namenlose Kater noch eine Einzelkatze.


    Wer ist denn dieser Weihnachten?

    „Weihnachten steht vor der Tür“, sagt eines Tages der Menschenmann. Der Kater flitzt schnurstracks zur Tür, um den Besucher in Empfang zu nehmen. Dabei fragt er sich, wieso dieser Weihnachten weder geklingelt noch geklopft hat und warum draußen überhaupt niemand ist. Hm, na ja, da wird sich sein Mensch wohl getäuscht haben. Das kann ja mal vorkommen.


    Da die Menschenfamilie (Eltern und drei Kinder) aber von nichts anderem mehr als von Weihnachten reden und allerlei kuriose Vorbereitungen treffen, lässt die Sache dem Kater keine Ruhe. Der Weihnachtskerl muss ja ungeheuer bedeutend sein, sonst würden seine Menschen nicht so ein Buhei veranstalten: Sie putzen, sie basteln, sie musizieren, sie kaufen ein wie verrückt, sie kochen und backen und stellen sich sogar einen toten Baum in die Wohnung. Und nicht nur seine Menschen drehen derart am Rad, sondern alle Menschen, die er kennt!


    Der Kater legt sich auf die Lauer

    Damit er den hohen Besuch ganz gewiss nicht verpasst, verlässt der Kater sein gemütliches Plätzchen auf der Fensterbank und quartiert sich in der zugigen Diele ein. Seine Menschen wundern sich und wenn sie die Katzensprache verstünden, wüssten sie, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen: Ihr Kater wartet nur auf Weihnachten.


    „Wenn Weihnachten kommt, muss er an mir vorbei. Ich werde der erste sein, der ihn begrüßt. Wenn sie mich nur in Ruhe lassen würden. Ich bin doch ein freier Kater und kann frei entscheiden, wo ich mich aufhalten will. (…) (Seite 12)


    Und als er endlich glaubt, dass der lang ersehnte Gast da sei, entpuppt sich dieser als der verkleidete Hausherr, der hartnäckig behauptet, er sei der Nikolaus. Alle bekloppt geworden!


    Niemand erklärt ihm was!

    Weil ihm keiner was erklärt, reimt sich der Kater das wildeste Zeug zusammen. Seine Überlegungen zum Weihnachtsbaum sind der Brüller! Und seine Frage, warum sich alle Welt zur selben Zeit auf ein und denselben Gast vorbereitet, wo dieser doch nur eine einzige Einladung annehmen kann, ist aus seiner Sicht berechtigt. Für den Kater ist Weihnachten ja eine Person. Nachbarsdackel Waldemar, der schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat und einige Weihnachtsfeste miterleben durfte, sieht die Sache ganz anders. Für ihn ist Weihnachten ein Festessen, das jedes Jahr um die selbe Zeit stattfindet..


    Schmollend im Kinderzimmer

    Dann ist Heiligabend, was dem Kater natürlich nichts sagt. Der Baum wird geschmückt und die Menschenverwandtschaft kommt zu Besuch. Als der Kater anfängt, mit den Christbaumkugeln zu spielen, werden seine Zweibeiner hysterisch und jagen ihn aus dem Wohnzimmer. Schmollend verbringt er den Abend in einem der Kinderzimmer auf dem Bett. Womöglich schläft er sogar kurz ein. Irgendwann wird ihm jedenfalls klar, dass seine Leute wieder zum Alltag übergehen und der ganze festliche Spuk vorbei ist. Und obwohl er so aufmerksam auf der Lauer gelegen hat, hat er den geheimnisvollen Weihnachten doch verpasst!


    Im nächsten Jahr, so nimmt er sich vor, wird er noch viel aufmerksamer sein und seinen Beobachtungsposten überhaupt nicht mehr verlassen. Da wird ihm Weihnachten bestimmt nicht mehr entkommen! 😊


    Mit den Augen eines Außenstehenden

    Ich weiß nicht, ab welchem Alter die Kinder verstehen, dass all die Missverständnisse daher rühren, dass der Kater Weihnachten für einen Menschen hält. Vermutlich haben auch hauptsächlich die Erwachsenen Spaß an des Katers naiv-kritischen Kommentaren zum Verhalten des Homo sapiens in der Vorweihnachtszeit. Selbstverständliches wird ja oft erst dann komisch, wenn man es mal mit den Augen eines Außenstehenden sieht. Als längst erwachsene Katzenfreundin fand ich diese liebevoll illustrierte Geschichte überaus amüsant und niedlich.


    WEIHNACHTEN STEHT VOR DER TÜR ist kein klassisches „Adventskalenderbuch“, bei dem man von 1. bis zum 24. Dezember jeweils ein Kapitel vorliest. Es sind weniger als 24 Kapitel und die sind auch noch unterschiedlich lang. Diese Geschichte muss man selbst so „portionieren“, dass es für den Vorlesenden und das Kind/die Kinder passt.


    Die Autorin

    Monika Feth wurde 1951 in Hagen geboren, arbeitete nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium zunächst als Journalistin und begann dann, Bücher zu verfassen. Heute lebt sie in der Nähe von Köln, wo sie vielfach ausgezeichnete Bücher für Leser aller Altersgruppen schreibt. Der sensationelle Erfolg der »Erdbeerpflücker«-Thriller machte sie weit über die Grenzen des Jugendbuchs hinaus bekannt. Ihre Bücher wurden in mehr als 24 Sprachen übersetzt.


    Die Illustratorin

    Cornelia Haas, geboren 1972, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Schilder- und Lichtreklameherstellerin. Anschließend studierte sie an der Fachhochschule Münster am Fachbereich Design. Seit ihrem Abschluss als Diplomdesignerin widmet sie sich als freischaffende Illustratorin ganz ihrer großen Liebe - dem Illustrieren von Bilder- und Kinderbüchern.

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    Monika Feth (Text), Claudia Burmeister (Illustrationen): Armer schwarzer Kater (ab 5 J.), München 2021, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, ISBN ‎978-3-570-17895-9, Hardcover, 61 Seiten mit farbigen Illustrationen, Format: 7,5 x 1,3 x 24,6 cm, Buch: EUR 12,00 (D), EUR 12,40 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Vorsichtig fährt meine Zunge – ohne, dass ich das will - über ihr Köpfchen und sie fängt im Schlaf an zu schnurren. Falls man das Geräuschelchen überhaupt als Schnurren bezeichnen kann. Was ist los mit mir?“ (Seite 38)


    Ach, ist das niedlich! Das Buch gefällt auch erwachsenen Katzenfreund:innen, weil die Geschichte so typisch Katze ist!


    Wenn der schwarze Kater ehrlich ist, ist es ganz schön langweilig daheim, während seine Menschenfamilie tagsüber außer Haus ist, auch wenn er jederzeit durch die Katzenklappe raus und wieder rein kann. Ein großer Teil seines Lebens besteht aus Warten. Aber wenn seine Menschen endlich von der Arbeit und der Schule nach Hause kommen, dann genießt er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.


    Eine Überraschung für den Kater

    Als sie ihm eines Tages eine große Überraschung versprechen, ist er zunächst Feuer und Flamme – bis er merkt, dass sich die versprochene Überraschung offenbar in seiner Transportbox befindet. Das Ding bringt doch immer nur Ärger mit sich: Es bedeutet Autofahren und/oder Tierarzt. Das kann nichts Gutes werden!


    Als ob er es geahnt hätte! Der Box entsteigt ein dreifarbiges Katzenkind und maunzt erwartungsvoll. Der Kater ist wie vom Donner gerührt und faucht erst einmal. Das soll die tolle Überraschung sein? Dieses halbfertige Wesen? Das bleibt doch nicht etwa auf Dauer hier? ER ist der Kater im Haus! Er braucht keine Konkurrenz und keinen Ersatz!


    Eifersüchtig und beleidigt

    Eifersüchtig und beleidigt ergreift der schwarze Kater die Flucht und nächtigt nun bei Nachbarsdackel Waldemar – der gar nicht so dämlich ist, wie der Kater immer gedacht hat, sondern sich als kluger und hilfsbereiter Kerl entpuppt, der sein Futter mit ihm teilt und ihm gut zuhört. Er schafft es aber nicht, den Kater zum Heimgehen zu bewegen. Nein, nach Hause will er nicht! Da wohnt jetzt die kleine Ersatzkatz‘. Er ist jetzt ein wilder und freier Straßenkater und kommt alleine klar, so! Er zieht zu den Streunerkatzen auf den Bauernhof. Aber das Leben ohne menschliche Versorgung und Zuwendung ist ganz schön hart.


    Tagsüber, wenn seine Menschen unterwegs sind, schleicht er sich durch die Katzenklappe ins Haus, futtert ein bisschen was, schaut, ob die kleine Nervensäge noch da ist und legt sich im Bett seines Lieblingsmenschen schlafen. Bevor seine Menschen nach Hause kommen, ist er schon wieder fort.



    Schade, dass ihn keiner vermisst!
    Dem kleinen Katzenmädchen, das auf den albernen Namen „Mausi“ hört (oder auch nicht 😉 ), ist es egal, dass der große schwarze Kater es nicht leiden kann. Wenn er schläft, kuschelt sie sich an ihn. Und er ertappt sich verblüfft dabei, die Kleine liebevoll zu putzen. Als Mausi ihm folgt, während er das Haus verlässt, tut er alles, damit sie wieder wohlbehalten heimkommt. Die Familie würde sich andernfalls Sorgen um sie machen und sie suchen. Schade nur, dass ihn keiner vermisst! Aber ist das wirklich so, oder bildet sich der eifersüchtige Kater das nur ein?


    Und dann ergibt sich für den Kater überraschend die Gelegenheit, die lästige kleine Konkurrentin ein für allemal loszuwerden. Aber wird er das wirklich übers Herz bringen?


    Einzelkatz‘ und Einzelkind

    Das Buch kann man der jungen Zielgruppe als ganz normale Tiergeschichte präsentieren. Dass sich Katzen ein neues Zuhause suchen, wenn sich in ihrer bisherigen Menschenfamilie etwas verändert, davon haben die Kinder vielleicht schon gehört. Hier erfahren sie, was dahintersteckt und dass es keinesfalls immer so enden muss.


    Vielleicht kann man das Buch auch dazu nutzen, ein Einzelkind auf ein Geschwisterchen vorzubereiten. Da gibt’s ja durchaus Parallelen: Der „Erstgeborene“ ist zunächst eifersüchtig und unglücklich über die Veränderung und fühlt sich zurückgesetzt. Bis er merkt, dass der Neuzugang gar nicht so übel ist und die Situation auch ihre schönen Seiten hat. Ich hoffe, es ist kein Missbrauch, wenn man das Buch so einsetzt. Aber vielleicht haben die Schöpferinnen von ARMER SCHWARZER KATER in ihrem Buch schon immer ein bisschen mehr gesehen als eine herzerwärmende Katzengeschichte.


    Die Autorin

    Monika Feth wurde 1951 in Hagen geboren, arbeitete nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium zunächst als Journalistin und begann dann, Bücher zu verfassen. Heute lebt sie in der Nähe von Köln, wo sie vielfach ausgezeichnete Bücher für Leser aller Altersgruppen schreibt. Der sensationelle Erfolg der »Erdbeerpflücker«-Thriller machte sie weit über die Grenzen des Jugendbuchs hinaus bekannt. Ihre Bücher wurden in mehr als 24 Sprachen übersetzt.


    Die Illustratorin

    Claudia Burmeister hat Grafik + Design und anschließend Erziehungswissenschaften/Germanistik in Berlin studiert. Sie lebt und arbeitet als freie Illustratorin mit Sohn und Mann „in der Mecklenburgischen Pampa“, weil man dort den Himmel sehen kann. Bei Besuchen in Buchläden und Bibliotheken ist sie noch immer in der Kinderbuchecke zu finden.

    https://www.amazon.de/Martha-Möwes-Weihnachtsgeschenk-Komplett-Set-3-teilig/dp/3982327113/ref


    Heiko Volz (Text), Sibylle Mayer (Illustration): Martha Möwes Weihnachtsgeschenk. Eine lustige Geschichte in 24 Kapiteln für die Adventszeit (5 bis 9 Jahre), Neuhausen a.d.F. 2021, Edition Wildermuth, ISBN 978-3-9823271-1-2. Ein Produkt der Reihe makabu® (Malkartenbuch), bestehend aus:

    • einem Buch, Hardcover mit Lesebändchen, 192 Seiten, durchgängig farbig illustriert, Format: 11,5 x 18 x 2 cm,
    • 24 Ausmalkarten mit 48 Motiven, vorgestanzt zum Verbinden mit Kordeln,
    • einer geflochtenen Baumwollkordel,
    • einer Aufbewahrungs-Box aus Karton.

    EUR 23,90. – Update: Artikel jetzt auch über die Verlinkung oben zu beziehen. Und natürlich weiterhin über den Shop des Verlags: www.makabu-shop.de.




    Ein besonderer Adventskalender

    Ich staune immer wieder, welche außergewöhnlichen Formen von Adventskalendern es heute gibt. Die haben sich von „Türchen auf, Bildchen dahinter“ enorm weiterentwickelt. Das makabu® Malkartenbuch MARTHA MÖWES WEIHNACHTSGESCHENK ist ein Beispiel dafür.


    Das Buch kann man ab dem 1. Dezember kapitelweise (vor-)lesen und ist dann pünktlich zu Heiligabend fertig. Vorausgesetzt, man kann sich beherrschen und blättert nicht neugierig vor. :-) Dank des Lesebändchens spart man sich das Gefummel mit einem Lesezeichen.


    Für den aktiven und kreativen Teil sorgen die 24 Ausmalkarten, die jeweils vorne und hinten mit einem Motiv aus dem Buch bedruckt sind. Ob sich die Kinder beim Malen an die Farben im Buch halten oder ihre Karten nach eigenen Vorstellungen gestalten, bleibt ihnen überlassen.


    Damit die ausgemalten Karten nachher nicht herumliegen und verlorengehen, sondern am Schluss einen „richtigen“ Adventskalender ergeben, sind sie so vorgestanzt, dass man sie mit Hilfe einer Kordel aufhängen kann. Wie das geht und welche Gestaltungsmöglichkeiten es dabei gibt, wird im Buch gezeigt. Die passende Kordel wird mitgeliefert.



    So wird das Produkt geliefert. Foto: E. Nebel



    Ausmalkarten, Buch und Schnur. Foto: E. Nebel


    Umweltfreundlich ist das ganze auch noch: Das Gesamtpaket enthält keinerlei Plastik.


    Die Geschichte: Bruchlandung im Wald

    Darum geht’s im Buch: Es wird Winter, und Martha Möwe ist es an der Nordsee zu kalt. Sie beschließt, in den Süden zu fliegen, irgendwohin, wo es wärmer ist. Italien wäre nicht schlecht. Doch schon über Baden-Württemberg verlassen sie die Kräfte und sie legt eine Bruchlandung hin. (Es muss einfach Baden-Württemberg sein. Wo sonst kämen Wildtiere auf die Idee, die Kehrwoche zu machen?)


    Mit einer dicken Beule auf dem Kopf liegt Martha auf dem Waldboden und hat Glück, dass die kluge Eule Erna sie findet. Die hat kürzlich einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und kann Martha fachgerecht verarzten. Bis Martha wieder so weit bei Kräften ist, dass sie weiterreisen kann, darf sie bei Erna bleiben.


    Es stellt sich heraus, dass die beiden Vogeldamen gemeinsame Interessen haben, und als Martha auch noch Ernas Freunde, die Tiere des Waldes, kennenlernt, hat sie es auf einmal gar nicht mehr so eilig, nach Italien zu kommen. Bei den Bibern und Kaninchen, den Spatzen, Igeln und Mäusen, dem verfressenen Bären, dem halbblinden Maulwurf und den fleißigen Waschbären ist immer was los. Und Waldkater Mirko hat vielleicht einen Fitness-Fimmel, ist aber ansonsten ein netter Kerl. Seinen Spitznamen trägt er voller Stolz. Die Tiere des Waldes nennen ihn „Muskelkater“. :-)


    Martha fühlt sich tierisch wohl

    Als Martha Möwe wieder fit ist, zieht sie in ein verlassenes Storchennest. Storch Sven ist nach Jamaica ausgewandert und wird es bestimmt nicht mehr brauchen. Von ihren eigenen Auswanderungsplänen ist schon länger keine Rede mehr. Ob Flohmarkt, Waldputztag, Wintersport, Nachtwanderung oder Weihnachtsvorbereitungen: Martha ist immer mittendrin im Geschehen und fühlt sich im Wald bei ihren neuen Freunden tierisch wohl. Sie findet eine lohnende Aufgabe für sich und ein bisschen wärmer und windstiller als daheim an der Nordsee ist es hier auch. Warum also sollte sie weiterziehen?


    Heimweh nach dem Meer

    Doch so langsam bekommt sie Heimweh nach dem Meer. Das Wasser, der Strand, die Schiffe, das alles fehlt ihr. Sie wird immer stiller und ihre Freunde machen sich Sorgen. Sie wird doch nicht an die Nordsee zurückkehren? Ein Leben ohne Martha können sie sich gar nicht mehr vorstellen.


    Die Freunde setzen sich zusammen und beratschlagen heimlich, womit sie Marthas Heimweh lindern und sie zum Hierbleiben bewegen könnten. Ein Schiff müsste man haben! Und genügend Wasser, damit es darin schwimmen kann. Aber wo sollen sie das herkriegen, hier mitten im Wald? Frau Dachs, die bekannt ist für ihre klugen Einfälle, hat schließlich eine tolle Idee, was sie Martha zu Weihnachten schenken könnten.


    Das Weihnachts-Geheimnis

    Alle sind begeistert. Nur geheim muss es bleiben, es soll ja eine Überraschung werden. Wird Susi Spatz ausnahmsweise mal ihren geschwätzigen Schnabel halten können? Kommt das Weihnachtsgeschenk so gut an, wie die Tiere es sich erhoffen? Und vor allem: Wird Martha sich davon überzeugen lassen, im Süden bei ihren Freund:innen zu bleiben? Oder ist ihr Heimweh doch stärker?


    Auch erwachsene Vor- oder Mitleser:innen haben ihren Spaß an der Geschichte – auf einer anderen Ebene als die junge Zielgruppe. Der coole Rastafari-Storch, die zeitknappen Rabeneltern oder der baggernde Rio Reiher sind für Erwachsene und Kinder auf unterschiedliche Art komisch. Als jemand, der geographisch aus derselben Ecke kommt wie Autor, Illustratorin und Verleger, kichere ich noch immer über die ordnungsliebenden Igel und die schwäbische Kehrwoche. Und den Biber, der mit der Christbaumkugel spielt, hätt’ ich gern als Motiv auf einem T-Shirt! :-D


    Groß und Klein werden sich fragen, wie Marthas Kumpels das Meer in den Wald holen wollen. Wer den Autor kennt, hat da schon so eine Ahnung ... Aber ob der Trick tatsächlich funktioniert, das erfahren wir erst ganz zum Schluss.


    Ein interessantes Konzept

    Was macht man eigentlich, wenn mehrere Kinder diesen Adventskalender gemeinsam nutzen? Zwar braucht man nur ein einziges Buch, um daraus vorzulesen, aber man sollte mehr Malkarten haben, als in der Box enthalten sind. Nun könnte man natürlich mit dem Vorleserhythmus tricksen – jeden zweiten Tag zwei Kapitel lesen, dann gibt’s auch zwei Malkarten – oder die Kinder abwechselnd ausmalen lassen. Der Verlag hat hier mitgedacht und bietet die Malkarten auch separat an, ohne dass man gleich das Gesamtpaket kaufen muss. Man könnte also, wenn man wollte, weitere Kartensets erwerben.


    Makabu® ist meines Erachtens ein interessantes Konzept, weil man nicht nur Gegenstände aus einem Adventskalender nimmt, sondern aktiv etwas gestalten kann. Ein bisschen schade finde ich, dass der Verkauf nicht auch über den Buchhandel läuft. Man hat ja seine bevorzugten Kanäle. Sich extra den Namen eines Shops merken zu müssen um den Kalender dort zu bestellen, ist eine Hürde, die vielleicht nicht alle Interessenten nehmen werden.


    Der Autor

    Nach dem Studium von Kommunikation und Marketing war Heiko Volz viele Jahre in Führungspositionen internationaler Verlagshäuser tätig. Heute lebt und arbeitet als freier Marketing- und PR-Berater sowie Moderator in Stuttgart. Er ist Pressesprecher der Neckar-Personen-Schifffahrt Berta Epple, der Neckar-Käpt’n-Darsteller und TV-Journalist bei einer Nachrichten- und Medienagentur.


    Die Illustratorin

    Sibylle Mayer ist seit mehreren Jahren als Graphikdesignerin in einem Stuttgarter Verlag tätig. Davor arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und Werbeagenturen. Als Illustratorin wirkt sie projektbezogen an unterschiedlichen Buchprojekten, Werbekampagnen und im Produktdesign mit. Außerdem entwickelt und gestaltet sie Kunsthandwerk.

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    Christa Wildermuth: Weihnachtszauber in Maushausen (ab 3 J.): Eine schöne Geschichte in 24 Kapiteln für die Adventszeit, Neuhausen a.d.F. 2021, Edition Wildermuth, ISBN 978-3-9823271-0-5. Ein Produkt der Reihe makabu® (Malkartenbuch), bestehend aus:

    • einem Buch, Hardcover mit Lesebändchen, 192 Seiten, mit durchgängig farbigen Illustrationen von Andreas Gallas, Christa und Laura Wildermuth, Format: 11,5 x 18 x 2 cm,
    • 24 Ausmalkarten mit 48 Motiven, vorgestanzt zum Verbinden mit Kordeln,
    • einer geflochtenen Baumwollkordel,
    • einer Aufbewahrungs-Box aus Karton.

    EUR 23,90. – Update: Artikel jetzt auch über die Verlinkung oben zu beziehen. Und natürlich weiterhin über den Shop des Verlags: www.makabu-shop.de.



    Buch und ein paar Malkarten. Foto: E. Nebel


    Ein Adventsbuch mit 24 Ausmalkarten

    Wie MARTHA MÖWES WEIHNACHTSGESCHENK ist auch WEIHNACHTSZAUBER IN MAUSHAUSEN ein makabu®-Malkartenbuch und als Adventskalender gedacht – allerdings für eine jüngere Zielgruppe.


    Das Buch kann man ab dem 1. Dezember kapitelweise vorlesen und ist dann zu Heiligabend fertig. Für den aktiven und kreativen Teil sorgen die 24 Ausmalkarten, die jeweils vorne und hinten mit einem Motiv aus dem Buch bedruckt sind. Eine Seite ist für geübte junge Künstler:innen gedacht, die andere Seite enthält ein einfacheres Motiv, damit auch kleinere Kinder ein Erfolgserlebnis haben. In der farblichen Gestaltung der Karten haben die Kinder natürlich freie Hand.


    Damit die ausgemalten Karten am Schluss einen „richtigen“ Adventskalender ergeben, sind sie so vorgestanzt, dass man sie mit Hilfe einer Kordel aufhängen kann. Wie das geht und welche Gestaltungsmöglichkeiten es dabei gibt, wird im Buch gezeigt. Die passende Kordel wird mitgeliefert.



    So wird das Produkt geliefert. Foto: E. Nebel



    Ausmalkarten, Buch und Schnur. Foto: E. Nebel


    Umweltfreundlich ist das ganze auch noch: Das Gesamtpaket ist nachhaltig produziert und enthält kein Plastik.


    Die Geschichte: Die verschwundenen Schlitten

    In Maushausen geht’s ganz ähnlich zu wie bei den Menschen. Als er erste Schnee fällt, sind die Kinder der Familie Mausezahn begeistert. Erstens ist es jetzt nicht mehr lange hin bis Weihnachten und zweitens könnte man jetzt wunderbar Schlitten fahren, wenn man denn die Schlitten finden würde! Mike und seine drei Geschwister suchen das Haus vom Dachboden bis zum Keller ab und durchwühlen sogar den Geräteschuppen. Sie entdecken dabei das absonderlichste Gerümpel, nur ihre Schlitten sind nicht da! Erstaunlich ist, wo sie sich schließlich anfinden!


    Einer rasanten Schlittenfahrt mit den Freunden und einer ausgelassenen Schneeballschlacht steht nun nichts mehr im Wege. Die Kinder bauen tolle „Schneemäuse“, basteln Weihnachtsdekorationen und versuchen, heimlich einen Blick auf den Nikolaus zu erhaschen, der in der Nacht zum 6. Dezember Geschenke bringt. Aber natürlich bekommt man nur was, wenn die Stiefel sauber geputzt sind!


    … und andere Winter-Abenteuer

    Der heiß ersehnte Besuch des Weihnachtsmarkts endet mit einer peinlichen Panne und auch die Idee von Fips Mümmelmaus, den Dorfplatz mit ein paar Eimern Wassern in eine Eislaufbahn zu verwandeln, ist nicht so brillant. Die örtliche Briefzustellerin bekommt das schmerzhaft zu spüren. Was wird jetzt aus der Weihnachtspost?


    Und wer futtert eigentlich klammheimlich die Weihnachtsplätzchen auf, die die Mausezahn-Kinder mit Hilfe von Mama und Oma so liebevoll gebacken haben? Die „üblichen Verdächtigen“ sind es dieses Mal nicht. Da ist noch Detektivarbeit vonnöten!


    Der Maushausener Weihnachtszirkus

    Außerdem sind da noch die Vorbereitungen für die große Weihnachtsfeier, die traditionell von den Maushausener Schulkindern gestaltet wird. Die Lehrerin hat sich dieses Jahr etwas Besonderes ausgedacht: Ein Weihnachtszirkus soll aufgeführt werden!


    Das finden die Kinder klasse. Endlich mal keine auswendig gelernten Lieder und Gedichte, sondern Show und Akrobatik! Begeistert üben sie ihre Kunststücke und die „Zirkusdirektoren“ proben ihre Moderation. Und dann wird kurz vor der Generalprobe einer der Hauptdarsteller krank. Katastrophe! Kann der Weihnachtszirkus trotzdem wie geplant stattfinden, oder platzt jetzt die ganze Weihnachtsfeier?


    So süß!

    Das ist so süß gemacht! Ich stell’s mir gar nicht so einfach vor, sich 24 kleine, kindgerechte Weihnachtsabenteuer auszudenken sowie eine übergreifende Handlung, die die Kids bei der Stange hält. Aber Christa Wildermuth ist das gelungen.


    Mich hätte jetzt noch interessiert, ob die ertappten Plätzchennascher es geschafft haben, die „vernichteten“ Süßigkeiten adäquat zu ersetzen. Können die überhaupt backen? (Ich glaub‘, ich habe Vorurteile!) 😉 Wahrscheinlich haben sie das wunderbar hingekriegt. Ohne Plätzchen wäre das Weihnachtsfest der Familie Mausezahn ja ruiniert gewesen und davon hätten wir bestimmt in diesem Buch erfahren.


    Ein interessantes Konzept

    Und was macht man, wenn mehrere Kinder diesen Adventskalender gemeinsam nutzen? Zum Vorlesen braucht man ja nur ein einziges Buch. Aber es wären mehr Karten erforderlich, als das Set enthält. Man könnte Kinder abwechselnd malen lassen oder den Vorrat an Karten künstlich strecken, indem man nicht jeden Tag vorliest, sondern nur jeden zweiten oder dritten. Der Verlag hat mitgedacht und bietet die Malkarten auch separat an, ohne dass man gleich das Gesamtpaket kaufen muss. Man könnte also, wenn man wollte, weitere Kartensets erwerben.


    Makabu® ist ein interessantes Konzept, weil man nicht nur Gegenstände aus einem Adventskalender nimmt, sondern aktiv etwas gestalten kann. Noch sind die Malbuchkarten nicht im Buchhandel erhältlich, weil das mit einem neuartigen Produkt offenbar nicht so leicht ist. Also muss man sich einstweilen an den eingangs genannten Shop halten. Aber das müsste funktionieren.


    Die Autorin

    Christa Wildermuth, Jahrgang 1962, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart. Schon als ihre Kinder klein waren, hatte das Vorlesen einen hohen Stellenwert. Die Kinder liebten ihre frei erfundenen Geschichten und konnten nicht genug davon bekommen. Mit ihrer Debütgeschichte „Weihnachtszauber in Maushausen“ begeistert sie große und kleine Leser und lässt den Zauber der Vorweihnachtszeit erstrahlen. Die Freude am Lesen an Kinder weiterzugeben, ist ihr ein großes Anliegen.

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    Heike Abidi: Wer sind Sie und was haben Sie mit meinem Mann gemacht? – Männer werden nicht älter, nur wunderlich, Igling 2021, echtEMF, eine Marke der Edition Michael Fischer, ISBN 978-3-7459-0771-1, Klappenbroschur, 237 Seiten, mit s/w Illustrationen von Sarah Lukic, Format: 13,6 x 2,4 x 20,3 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 7,99.


    „Als ich meinem Mann erzählte, dass ich ein Buch über Männer seines Alters – also quasi über ihn – schreibe, war er zunächst erstaunt (...), dann geschmeichelt (...), dann hilfsbereit (...) und schließlich gelassen. Mit Recht, würde ich sagen, denn ist er nicht supergut weggekommen in dieser Geschichte?“ (Seite 233)


    Ist es denn in Ordnung, wenn eine Autorin ein unterhaltsames Buch über die Eigenheiten von Männern im besten Alter verfasst und dabei auf Beispiele aus ihrem Umfeld zurückgreift (1)? Lachen wir Leser:innen da nicht auf Kosten des besten Ehemanns von allen (2)? Muss man sich hier beim Lesen fremdschämen (3)? Und ist das Buch männerfeindlich (4)? Kurz gesagt: Ja (1), nein (2), nein (3) und nein (4). Wenn es anders wäre, hätte ich das Lesen gar nicht ausgehalten. Aber ich habe mich bestens amüsiert.


    Macken mit Humor begegnen

    Das Buch ist eine Liebeserklärung an einen wunderbaren Mann, der ein paar skurrile Angewohnheiten hat, die sich mit den Jahren ein bisschen verstärkt haben. Das kennen wir, wenn wir ehrlich sind, von uns selbst. Und wie halten es unsere Mitmenschen trotz unserer Macken mit uns aus – und wir es mit ihnen? Genau: Mit Humor! So ist das auch bei den Eheleuten Abidi. Deshalb können wir uns ohne schlechtes Gewissen an den Anekdoten in diesem Buch erfreuen.


    Wir dürfen nach Herzenslust schmunzeln, kichern und losprusten, wenn wir in den Schilderungen der Autorin Partner, Brüder, Freunde oder (Schwieger-)Väter wiedererkennen. Oder uns selbst. Auch das kann passieren, denn die Schrullen, die man mit der Zeit entwickelt, sind nicht zwangsläufig geschlechtsspezifisch.


    Schwächen sind menschlich

    Ich konnte mich zum Beispiel sehr mit der mangelnden Begeisterung des Gatten für Geburtstagsfeiern identifizieren und damit, dass er von Papierkram mitunter regelrecht überwältigt wird. Ich denke da an die Geschichte von der verschollenen Lohnsteuerkarte (Seite 111).


    Einleuchtende Erklärungen

    Heike Abidi findet für manches bekannte Phänomen einleuchtende Erklärungen. Die fürs Mansplaining ist die wohlwollendste, die mir bislang untergekommen ist. Wenn ich nicht von Imponiergehabe oder großspurigem Überlegenheitsgetue ausgehen wollte, habe ich bis dato immer „Quellenamnesie“ angenommen. Der Mann, der mir gerade etwas erklärt, das er vor kurzem von mir erfahren hat, kann sich vielleicht einfach nicht mehr daran erinnern, woher sein Wissen stammt: aus den Medien oder von einem der vielen Menschen, mit denen er tagtäglich spricht. Darauf, dass es etwas mit Vergewisserung zu tun haben könnte, bin ich nie gekommen.


    Wir erfahren, worum es sich bei einem „Man Cave“ handelt, warum man(n) sowas braucht und wieso der Traum vom eigenen Gartenhäuschen die männlichen und weiblichen Bekannten der Abidis in zwei Lager spaltet. Ich wette, die Mehrheit der Leserinnen wird die Ansicht der Autorin vertreten. Hier geht es aber nicht um richtig oder falsch, es ist einfach nur ein Männer-oder-Frauen-Ding.


    Als wär’s von Loriot

    Wenn es in dem Buch ums Zuhören und Kommunizieren geht, kommt man sich manchmal vor wie in einem Sketch von Loriot oder einem Film mit Louis de Funès. :-D Vielleicht gelingt es uns ja, uns dies in Erinnerung zu rufen, wenn wir selbst wieder Mal in einer ähnlichen Situation stecken und aus der Haut zu fahren drohen. Kommunikation, die nicht funktioniert wie gewünscht, kann bisweilen anstrengend sein. Wenn man dann lachen kann statt sich aufzuregen, ist schon viel gewonnen.



    Die Bonus-Story ganz am Schluss ist ebenfalls der Brüller: Was, bitte, soll ein T h e r m o m i x denn können, was ein professioneller Koch wie Heikes Mann nicht deutlich besser kann?


    Tests und Bullsh*t-Bingo

    Wer mag, kann in dem Buch auch ein paar Tests machen: VERSTEHST DU HANDWERKERSPRECH? – WAS HEISST HIER „DINGENS“? oder WIE GUT KENNT IHR EUCH WIRKLICH? Es gibt auch ein Männer-Macken-Bullsh*t-Bingo und eine Top Ten der verrücktesten Apps für Männer – also viel zu staunen und zu lachen.


    Werden wir nicht alle komisch?

    Nun, wir werden alle älter und sind mit 50 oder 60 nicht mehr so, wie wir mit 20 waren. Natürlich gibt es auch persönliche Entwicklungen, die man nicht hinnehmen will, kann und sollte. Dann muss man entsprechende Konsequenzen ziehen. Das ist hier aber nicht das Thema. Solange die Eigenarten, die man sich im Lauf der Zeit angewöhnt, so harmlos sind, wie die, die hier beschrieben werden und Respekt und Zuneigung erhalten bleiben, ist alles im grünen Bereich. Dann kann man mit Humor und Gelassenheit in aller Ruhe wunderlich werden – gemeinsam.


    Die Autorin

    Heike Abidi lebt in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo die studierte Sprachwissenschaftlerin als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Sie ist seit über 30 Jahren verheiratet, und das immer mit demselben Mann. Die mehrfache Bestsellerautorin schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder.

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    Yvonne Elisabeth Reiter: Katzenjäger. Eine spannende Geschichte aus der Welt der Samtpfoten, Breitbrunn 2021, Chiemgauer Verlagshaus, ISBN 978-3-945292-60-0, Softcover, 223 Seiten, Format: 12,2 x 2 x 19,3 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 9,49.


    „Fällt euch nichts auf?“, fragte Feline.
    „Nein“, erwiderte Maximus.
    „Alle drei sind gesunde, ausgewachsene Katzen, die sich noch nie ernsthaft über ihre Zweibeiner beschwert haben. (...) Also, warum sollten sie abhauen? Warum gemeinsam, wo Leon nicht gerade unser Freund ist?“
    (Seite 17/18)


    Jungkater Django lebt zusammen mit seinem Bruder Maximus seit einiger Zeit bei der verwitweten Kinderärztin Sofie Maurer und deren Teenager-Tochter Tina. Den beiden Katern geht’s bei ihren Menschen gut und unter den Katzen im Dorf haben sie eine Menge Freund:innen. Doch in jüngster Zeit mehren sich Vermisstenfälle unter den Vierbeinern. Kira, Whiskers, Leon, Chico – alle sind von jetzt auf gleich spurlos verschwunden. Django, der eine Schwäche für die bezaubernde Kira hat, beschließt, sie zu finden und zu retten. Die anderen vermissten Katzen natürlich auch.


    Vermisst! Katzen suchen ihre Freunde

    Da alle Tiere nachts abhanden gekommen sind, beschließt die Katzenclique, sich ab Einbruch der Dunkelheit auf die Lauer zu legen. Vielleicht kommt der Entführer, das Monster, oder wer auch immer für die unheimlichen Vorgänge verantwortlich ist, ja wieder? Und so ziehen sie los: der schlaue Django, der draufgängerische Maximus, die esoterisch angehauchte Maine-Coon-Kätzin Blume sowie die bodenständige und seit einem Unfall leicht gehbehinderte Feline. Etwas später schließt sich ihnen auch noch Streunerkater Milo an.


    Ein wenig planlos tapern sie nächtens durch die Gemeinde. Wirklich Ahnung von dem, was sie da tun, haben sie nicht. Die Rettungsmission bekommt erst dann ein Gesicht, als ein älteres US-amerikanisches Ehepaar mit ihrem Kater Yoda ins Dorf zieht. Yoda ist ein stattlicher Ragdoll-Kater mit reichlich Lebenserfahrung und einer Vorliebe für weise philosophische Gedanken, die irgendwie fernöstlich anmuten.


    Mit Weisheit und Kriegskunst


    Dank Yoda wird die Suchaktion jetzt professionell durchorganisiert. Die Katzen suchen weiträumig die Gegend ab und wagen sich dabei in Regionen vor, die sie noch nie zuvor betreten hatten. Nicht überall werden sie freundlich aufgenommen, und Maximus wird sein Wagemut sogar beinahe zum Verhängnis.


    Ihre nächtliche Patrouille ist durchaus nicht für die Katz! Die Gruppe entdeckt einen Zweibeiner, der nachts auf verdächtige Weise mit einem Kastenwagen durch die Gegend fährt. Wer ist das und was treibt er? Obwohl er sein Gesicht stets hinter seiner Kapuze versteckt, kommt er Django irgendwie bekannt vor. Er kann ihn nur nicht einordnen.


    Eine gute Idee – theoretisch


    Werden die Katzen es schaffen, ihre Freunde zu finden und zu befreien? Kommen sie überhaupt noch rechtzeitig? Wir wissen ja nicht, was der Katzenjäger im Schilde führt.


    Erst spät wird’s spannend

    Die Geschichte wird aus Sicht von Kater Django erzählt. Er berichtet aus der Ich-Perspektive, was hier geschieht. Das ist nett gemacht. Welche:r Katzenfreund:in malt sich nicht gerne aus, was in den Köpfen der Tiere vorgeht? Ein etwas höheres Erzähltempo hätte aber nicht geschadet. Der Kater beschreibt das, was ihm wichtig ist: fressen, schlafen, jagen, spielen, sich putzen und schmusen. So richtig Krimi-Action gibt’s erst nach rund 130 Seiten. Der Rest ist „Katzenalltag“.


    Und was wird uns hier eigentlich für eine Philosophie verkauft? Yoda ist nie um einen klugen, inspirierenden Spruch verlegen und seine „Kriegskunst“ muss ja irgendwo ihren Ursprung haben. Wo hat er seine Weisheiten her? Vom Yoga? Vom Buddhismus? Ich habe keine Ahnung.


    Yoga? Buddhismus? Oder was?

    An den Ideen ist nichts verkehrt, aber ich werde immer misstrauisch, wenn mir in einer Unterhaltungslektüre in spirituelles Konzept untergejubelt werden soll. Es sei denn, es ist von vornherein klar, wofür der Autor/die Autorin steht und dass das Buch auch einschlägiger Wissens- und Wertevermittlung dient. Ich denke da beispielsweise an die Reihe DIE KATZE DES DALAI LAMA.


    Ein Loblied auf Freundschaft und Mut

    Süß fand ich ja Djangos Missfallenskundgebungen. Wo einem Zweibeiner zumindest ein herzhaftes „M i s t !“ entfleuchen würde, wenn nicht gar ein Wort mit „Sch“ vorne, sagt er nur diskret „Katzenärger!“. :-D Und der Katzenparcours, den Yodas Menschen aufgebaut haben, ist eine traumhafte Idee. Die verschiedenen Katzenpersönlichkeiten in dem Buch sind ebenfalls klasse, auch wenn die jähe Wandlung des einen vom ungestümen Wildfang zum eifrigen Jünger an die Gehirnwäsche von Sekten gemahnt. Diese Veränderung nehmen auch seine Artgenossen im Buch einigermaßen verblüfft zur Kenntnis.


    Das Buch ist unterhaltsam, die Autorin kann gut beobachten und wunderbar Stimmungen beschreiben. Es ist ein Loblied auf Empathie, Freundschaft, Mut und Zusammenhalt. Nur mit dem Erzähltempo und der „Sektenfrage“ hatte ich bisschen Probleme.


    Die Autorin

    Yvonne Reiter studierte Betriebswirtschaft und arbeitete bei einer Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften in München. Später folgte sie ihrem Herzen und studierte Film & Theater an der University of Canterbury in Christchurch, Neuseeland. Über die Jahre hinweg lebte, studierte und arbeitete sie in England, Hawaii, Kanada, Schweiz, Spanien und Südafrika.

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    Brigitta Rudolf: Zuhause im Katzencafé, Norderstedt 2020, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-75261220-2, Softcover, 320 Seiten, Format: 12 x 1,9 x 19 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 5,99.


    Das Katzencafé brummt

    Annett Korte, Betreiberin eines Katzencafés, hat viel um die Ohren. Die Katzen schnurren, das Geschäft brummt, aber das muss natürlich alles betreut und organsiert werden. Auf ihre fest angestellte Mitarbeiterin Christine kann sie sich verlasen, auf die Damen, die in ihrem Auftrag Torten und Kuchen backen, ebenfalls. Die Aushilfskräfte haben zur Zeit Probleme, um die sich Annett mit Unterstützung durch ihren Lebensgefährten, dem Unternehmensberater Michael Wegener, auch noch fürsorglich kümmert.


    Mitarbeiterinnen mit Problemen

    Schülerin Verena, jobbt zum Beispiel im Café, um Geld für den Führerschein zu verdienen. Von ihren Eltern ist aus nachvollziehbaren Gründen keine finanzielle Unterstützung zu erwarten. Jetzt ist allerdings ihre Versetzung gefährdet und ihr Vater kommt wutschnaubend ins Katzencafé um den Job seiner Tochter fristlos zu kündigen.

    Hier kommt Annett ihr Talent zum Netzwerken zugute. Sie hört den Menschen nicht nur zu, weil das gut fürs Geschäft ist, sondern weil sie sich ehrlich für ihre Mitmenschen interessiert. Und fällt ihr auch schnell jemand ein, der Freude daran haben könnte, dem jungen Mädchen aus der Patsche zu helfen.


    Angesichts der Sorgen ihrer Mutter, die gelegentlich im Café aushilft, ist Annett zunächst ratlos.


    Urlaub im größten Trubel

    Und wohin verschwinden neuerdings eigentlich die Katzenfuttervorräte, die Annett immer kauft? Ihre Damen werden das Futter doch nicht ihren Gästen servieren? Na, das zum Glück nicht! Aber des Rätsels Lösung bringt auch wieder Stress, Arbeit und Kosten mit sich. Mitten in all dem Trubel besteht Michael darauf, dass Annett mal ein paar Tage Urlaub macht und mit ihn wegfährt. Dafür hat die überlastete Gastronomin nun gar keinen Kopf, aber wenn er keine Ruhe gibt ...!


    Michael hat einen guten Grund, seine Annett aus ihrem turbulenten Alltag zu entführen. In romantischem Ambiente macht er ihr einen formvollendeten Heiratsantrag. Als gänzlich unromantischer Mensch dachte ich mir beim Lesen: Na, super Timing, lieber Michael! Hochzeitsvorbereitungen, Wohnungssuche und Umzug ist genau das, was frau noch braucht, wenn sie ihren stressigen Alltag ohnehin kaum noch bewältigt! ;-)


    Noch mehr Hektik und Aufregung!

    Annett versteht auch nicht, warum Michael es so eilig hat. Sie befürchtet sogar, er würde darauf drängen, „möglichst schnell zum Standesamt zu fahren, dort das Aufgebot zu bestellen und damit die Sache abzuhaken“ (Seite 117). Ich hätte das für eine brillante Idee gehalten, das hätte ihr eine Menge zusätzlicher Arbeit und Aufregung erspart. Aber gut ... ! Annett hat eine konkrete Vorstellung davon, wie ihre Hochzeit gestaltet sein soll, und stürzt sich mit Feuereifer in die Vorbereitungen.



    Der alltägliche Wahnsinn

    Es passiert nichts Hochdramatisches in der Geschichte. Action gibt’s keine. Hier wird „nur“ auf unterhaltsame Weise der ganz normale Alltagswahnsinn im Leben eines berufstätigen Paares erzählt, das auch noch ein halbes Dutzend Katzen hat. Den Vorgängerband WEIHNACHTSGLÜCK AUF LEISEN PFÖTCHEN muss man nicht kennen, um der Handlung folgen zu können. Aber wer wissen möchte, wie die Sache mit dem Katzencafé angefangen und das Paar sich kennengelernt hat, findet die Antworten dort.


    Wer Brigitta Rudolfs Geschichten kennt und schätzt – ihre Bücher und/oder ihre Kurzgeschichten im Internet – wird auch dieses Buch mögen. Und endlich kann ich mal nicht meckern, dass die Schrift im Buch zu klein ist: Die hier ist angenehm groß und wäre sogar für Leseanfänger:innen oder Menschen mit leichter Sehschwäche geeignet. Es ist aber per definitionem kein Großdruck.


    Ich mag die Heldin sowie ihr Umfeld könnte mir weitere Fortsetzungen der Story vorstellen: Annett, wie sie zwischen Kindern, Katzen und Café herumwirbelt und weiterhin versucht, die Probleme anderer Leute mit Hilfe ihrer Kontakte zu lösen. Warten wir’s ab!


    Die Autorin

    Brigitta Rudolf lebt mit ihrem Mann am Rande einer kleinen Kurstadt in der Nähe des Wiehengebirges. Mit dem vorliegenden Buch ist ihr 17. Werk erschienen und weitere sind geplant.

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    Oliver Kern: Hirschhornharakiri, Kriminalroman, Fellingers dritter Fall, München 2020, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-43981-8, Klappenbroschur, 336 Seiten, Format: 12,1 x 2,7 x 18.8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Der Roßhauptner, der Maier, die Rosenbergerin. Wem von den dreien würde ich es am ehesten zutrauen? Bei welchen der drei Namen juckt es am stärksten? Leider kann ich das mit der dermatologischen Vorhersage nicht bewusst steuern, aber dass sich zwischen meinen Schulterblättern grad überhaupt nichts tut, frustriert mich jetzt definitiv.“ (Seite 138)


    Der Lebensmittelkontrolleur – pardon: Hygieneinspektor – Berthold „Berti“ Fellinger, Mitte 40, trauert noch immer einer verpassten Chance nach: Wegen eines leichten körperlichen Handicaps hat man ihn seinerzeit bei der Polizei nicht genommen. Dabei liegt ihm das Ermitteln und Kombinieren im Blut. Er hat eine gute Beobachtungsgabe sowie einen Hang zu haarsträubenden Theorien, und sowie sich etwas Verdächtiges tut, juckt es ihn am Rücken.


    Als Hygieneinspektor kontrolliert er routiniert und akribisch, ob’s die Gastwirt:innen in seinem Revier im Bayerischen Wald mit den Vorschriften auch genau genug nehmen. Wenn nicht, macht er ihnen den Laden zu, da kennt er nichts. Seine kriminalistischen Neigungen lebt er aus, indem er sich bei jeder Gelegenheit in die Angelegenheiten der örtlichen Polizei einmischt. Polizeihauptmeister Lechner lässt sich das zähneknirschend gefallen, weil er den Fellinger schon seit der gemeinsamen Schulzeit kennt, und weil es manchmal gar nicht so verkehrt ist, wenn einer ungewöhnliche Ideen hat.


    Fellinger unter Mordverdacht

    Doch dieses Mal ist alles anders. Als der Lechner den verkaterten Fellinger am Morgen nach dem Feuerwehrfest aus dem Bett klingelt, braucht er weder dessen Hilfe noch holt er ihn zum Frühschoppen ab. Er ist dienstlich hier und muss seinen alten Freund mit auf die Polizeiinspektion nehmen: Mordverdacht! Dumm nur, dass der Hygieneinspektor einen Filmriss hat und sich an den vorigen Abend kaum mehr erinnern kann. Er weiß nicht mal mehr, warum er sich, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, so dermaßen abgeschossen hat.


    Den Rosenberger Horst soll er im Wald erstochen haben, mit dem Stück eines Hirschgeweihs. Darauf hat man seine Fingerabdrücke gefunden, und am Tatort lag auch noch seine blutbeschmierte Jacke. Mit sämtlichen Papieren darin.



    Natürlich kann der Lechner Sepp den Fellinger nicht einfach laufen lassen, auch wenn er an dessen Unschuld glaubt. Er kann ihm nur ein bisschen Zeit verschaffen und versuchen, mit ihm zusammen den wahren Täter zu finden, ehe der Kollege von der Kripo eintrifft.


    Ermittlungen in eigener Sache

    Unter dem Vorwand „Konfrontation mit dem Tatort“ geht’s los. Sie treffen auf eine mäßig trauernde Witwe, auf neugierige Nachbarinnen, einen rabiaten Wilderer, dubiose Geschäftsleute und einen eifersüchtigen Polizisten. Der Chef vom Hühnerhof kriegt eine Abreibung, ein Tierschützer mit politischen Ambitionen verschwindet spurlos und in welche merkwürdigen Geschäfte das Mordopfer verwickelt gewesen ist, das wüssten die beiden auch gern.



    Eine wilde Theorie

    Nach und nach entwickelt Berti Fellinger eine Theorie, die alle diese Vorfälle sinnvoll miteinander verknüpft. Doch was er sich da zusammenspinnt, ist selbst dem Lechner Sepp zu abgefahren, und der ist diesbezüglich einiges gewöhnt. Aber aus dieser Nummer ist er raus! Jetzt bleibt dem Fellinger nichts anderes übrig, als sich abzusetzen und die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen ...


    In Folge gibt’s eine rasante Verfolgungsjagt mit einem geklauten Pedelec, ein paar überraschende Wendungen und einen dramatischen Showdown. Und auch Kleinganove „Texmäx“, auf den die Kenner:innen der Reihe dieses Mal langen warten müssen, hat wieder einen großen Auftritt.


    Alte Bekannte

    Es gibt Leserstimmen, die bemängeln, dass sich in Band 3 einiges aus den Vorgängerbänden wiederholt. Mir hat gerade das gefallen. In Band 1 war ich von den vielen Personen etwas überfordert, jetzt war’s wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Fellinger und sein Anhang, die Polizisten, die stets gut informierte Moser Erna, den massigen und etwas schmierigen Moosbrucker Toni von der Versicherung ...


    Und, ja, mich erinnert die Reihe auch ein bisschen an Rita Falks Eberhofer-Krimis. Das Dorf und seine skurrilen Bewohner:innen spielen eine wichtige Rolle. Beide Helden erzählen in der Ich-Form und man hört ihren Dialekt durch. Sie sind jeweils in ihren Vierzigern und weder erwachsen noch politisch korrekt. Der Fellinger ist allerdings nicht so lethargisch wie der Falks Eberhofer Franz. Er hat mehr Meinung und Haltung.


    Spannend, witzig, kritisch

    „Der Albin war einer, der immer bis zuletzt übrig geblieben ist, wenn es darum ging, im Schulsport Mannschaften zu bilden. Heutzutage würde man sagen, er war ein Nerd; damals haben wir ihn halt einen Grattler genannt – und das ist er auch noch heute.(Seite 63)


    „Die Einrichtung ist kitschig und klischeehaft und entspricht der Vorstellung der Asiaten davon, wie wir Europäer uns den Fernen Osten vorstellen. Nämlich genau so! Das ist gewissermaßen ein Teufelskreis, bei dem anscheinend keiner gewillt ist, die beiderseitigen Irrtümer auszuräumen.“ (Seite 161)


    Zum Schmunzeln sind Fellingers Beobachtungen und die Dialoge. Und natürlich seine Jobgeschichten! Ich sag nur: Spülmaschinenkontrolle im Reiterstüberl. Iiiiiieh! Ich fürchte nur, dass diese Anekdoten näher an der Wirklichkeit sind, als uns Leser:innen lieb ist. Beim Kriminalfall ist dann Schluss mit lustig. Der hat einen sehr realen und brutalen Hintergrund.


    HIRSCHHORNHARAKIRI ist spannend, witzig und schlägt auch ein paar kritische Töne an. Leider fand ich die Aufklärung des Falles nicht restlos überzeugend. Mir ist schon klar, dass der Autor noch eine weitere Überraschung ins Spiel bringen wollte. Wenn sich die Romanhelden und die Leser:innen schon lange einig sind, wer der Mörder ist, setzt er noch einen drauf. Aber entweder habe ich eine der Figuren nicht verstanden, oder sie handelt deutlich „out of character“. Das fand ich ein bisschen schade. Es ist aber kein Grund, der Reihe abzuschwören. Sollte es einen vierten Band geben, bin ich gern wieder dabei. Schon allein um zu sehen, ob der Fellinger jetzt wenigstens ein kleines bisschen erwachsener wird.


    Der Autor

    Oliver Kern, 1968 in Esslingen am Neckar geboren, wuchs in der beschaulichen Idylle des Bayerischen Waldes auf. Heute lebt er mit seiner Familie in der Region Stuttgart, ist seiner alten Heimat aber nach wie vor sehr verbunden.

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    Elke Seidel: Die Katze, die zu neuen Ufern aufbricht. Der neunte Fritzi Kullerkopf Roman, Norderstedt 2021, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-7534-4602-8, Softcover, 336 Seiten, mit zahlreichen farbigen Illustrationen von Elke Seidel, Format: 17 x 2,3 x 22 cm, Buch: EUR 16,90, Kindle: EUR 7,49.


    Vielleicht sollte jemand der blitzgescheiten und schlagfertigen Katzendame Fritzi mal einen Blog einrichten. Das würde ihr Spaß machen. So, wie sie mit Hilfe ihres Hausmenschen Elke ihre Bücher aufbaut und ihre Erlebnisse schildert und Geschichten erzählt, kommt das dem Bloggen nämlich schon sehr nahe. Und vielleicht würde sie ja mit ihren Alltags- und Reiseberichten sogar zu einer gefragten Influencerin aufsteigen. Ach ja, bei Tieren heißt das ja Petfluencer! Oder in diesem Fall Catfluencer?


    Katze Fritzi ist gnadenlos ehrlich

    Gefälligkeitsbeiträge wären von Fritzi aber keine zu erwarten! Die rotpelzige Kätzin ist gnadenlos ehrlich und äußert Dinge, mit denen ein wohlerzogener und politisch korrekter Zweibeiner niemals durchkäme. Was nicht ausschließt, dass er klammheimlich genau das denkt, was Fritzi ungehemmt durch die Gegend trötet. (Zum Glück wird sie nicht von jedermensch verstanden.)



    Zurück aus Dresden

    Im achten Band hatte Fritzi ihre menschliche Sozialpartnerin Elke verlassen,

    Jetzt lebt sie wieder in Frankfurt bei der Flughafen-Angestellten (und Ex-Reiseleiterin) Elke und schmiedet mit ihr Urlaubspläne. Sich die Welt anschauen, Neues entdecken und interessante Persönlichkeiten (menschliche oder tierische) kennenlernen, das gefällt beiden, wenn auch ihre Interessen nicht immer deckungsgleich sind.


    Wo soll’s hingehen? Nach Irland, Frankreich, Italien oder Spanien? Das Informieren, Recherchieren, Studieren und Diskutieren nimmt viel Zeit in Anspruch. Bis die endgültige Entscheidung fällt, unterhält Fritzi uns mit Abenteuern ihrer kätzischen Freund:innen und Facebook-Bekanntschaften.


    Mit dem Bus nach Paris

    Im Herbst ist es dann so weit: Die zwei unternehmen eine Busreise nach Paris. Ich find’s ja immer lustig, wie Fritzi in Stress gerät, weil sie sich für ihre Menschen verantwortlich fühlt. Gerade so, als würde die polyglotte, bestens organisierte Reise-Expertin Elke ohne Hilfe ihrer Katze nichts zuwege bringen. Außer dass Elke eine leichte Schwäche bei der räumlichen Orientierung zu haben scheint, wüsste ich nicht, warum man sich um sie Sorgen machen müsste. Gerade in Paris kennt Elke sich gut aus..



    Kultur oder Kulinarik?

    Der Kunst und der Architektur kann die Katze wenig abgewinnen. Sie würde lieber Mäuse und Vögel jagen, mit ihren Artgenoss:innen auf dem Friedhof von Montmartre tratschen oder irgendwo einkehren und Menschen-Leckerbissen abstauben. Aber bitte nicht das vegetarische Zeug, das ihre Menschin isst!


    Auch wenn Fritzi bei Erklärungen von kompetenten Zweibeinern gerne einschläft, laut maulend ihr Desinteresse kundtut oder gehässig das Tun und Treiben der Menschen kommentiert, lernt man als Leser:in immer ein bisschen dazu. Bei diesem Band hatte ich einen leichten „Heimvorteil“, weil ich die beschriebenen Reisedestinationen ausnahmsweise „persönlich“ kenne. Die Ziele nochmals mit Fritzi und Elke zu „bereisen“ war deshalb ein besonderes Erlebnis.


    Inselhüpfen auf den Kanaren

    Im Januar steht für die beiden schon die nächste Reise an: „Inselhüpfen“ auf den Kanaren.


    Geht’s auch den Tieren gut?

    Mein geliebtes Lanzarote und der Timanfaya-Nationalpark reißen Fritzi nicht von Hocker. Sie findet die karge vulkanische „Mondlandschaft“ langweilig und betrachtet die künstlich bewässerten Golfplätze in dieser trockenen Gegend als dekadent. Mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der hiesigen Esel und Kamele sind sie und Elke ebenfalls nicht nicht einverstanden. Da müsste ihrer Meinung nach der Tierschutz einschreiten.


    Auch beim Besuch des Zoos Loro Parque auf Teneriffa bezweifeln sie, dass alles, was sie hier sehen, dem Tierwohl zuträglich ist. Ein aufschlussreiches Gespräch mit einem Besucher, der sich als Student der Tiermedizin entpuppt, bestätigt ihre Befürchtungen. Und so bleibt der Tag im Tierpark, so interessant, abwechslungsreich und informativ er auch war, ihnen in zwiespältiger Erinnerung.


    Die Welt hat sich verändert

    Irgendwann sind alle Inseln „abgehüpft“, die Köpfe voll mit neuen Eindrücken und der Urlaub zu Ende. Für unsere Reisegefährtinnen geht es wieder zurück nach Frankfurt. Doch aus den nächsten Ausflugsplänen, die die unternehmungslustige Fritzi sofort mit ihrem Katerkumpel Tom Jupiter besprechen will, wird erst einmal nichts. Die Welt hat sich verändert, und nichts ist mehr, wie es war.


    Ich sage es bei jedem Band aufs Neue: Ich mag Fritzis unverblümte Art zu erzählen und die menschlichen Aktivitäten kritisch zu betrachten. Manches, was wir Zweibeiner tun, muss anderen Lebewesen in der Tat kurios vorkommen.


    Wenn man weiß, dass man hier Episoden aus dem Leben einer Katze liest und keinen Roman im herkömmlichen Sinne, kann man sich einfach zurücklehnen und sich von Fritzis Geschichten überraschen lassen. Man könnte, wenn man wollte, auch einzelne Beiträge überspringen und verstünde die Handlung trotzdem noch. Aber es wäre schade, wenn man das täte.


    Und jetzt bin ich gespannt, was Fritzi und Elke im 10. Band zu erzählen haben, wo sie doch pandemiebedingt gar nicht reisen konnten. Lassen wir uns überraschen!


    Meine Lieblings-Illustration in diesem Band, (c) BoD / E. Seidel, Foto: E. Nebel


    Die Autorin

    Elke Seidel absolvierte nach ihrem Fachschulabschluss eine Lehre. Anschließend arbeitete sie mehrere Jahre in einem Reisebüro, in dem sie auch als Reiseleiterin amerikanische Touristen durch europäische Hauptstädte und durch den Nahen Osten führte. Anschließend arbeitete sie über 30 Jahre am Frankfurter Flughafen in der Passagierabfertigung und als Lehrgangsleiterin in einem Schulungszentrum. Bereits vor ihrem Ausscheiden am Flughafen begann sie ein Studium an der Frankfurter U3L. Dort belegte sie u.a. das Seminar „Kreativ schreiben“. Elke Seidel wohnt in Frankfurt. Ihre beiden Katzen Fritzi Kullerkopf und deren Freund Rüdiger adoptierte sie in einem Tierheim.