Beiträge von Vandam

Literaturschock & das Forum machen eine (Sommer)Pause! Deaktivierung der Seiten vom 01.07. bis mindestens 30.09.!

    Ja, das wäre natürlich schade, wenn hier die Lichter ausgingen. Aber so sehr wir uns auch an unser virtuelles Lesezimmer gewöhnt haben: Wir haben keinen Anspruch auf Zeit, Geld und Herzblut der Betreiberin.


    Aktuell habe ich noch einmal eine Fuhre Rezensionen online gestellt und warte danach ab, ob und wie es weitergeht. Hoffentlich kriegen wir die Entscheidung mit (facebook?).

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    Elizabeth George: Meisterklasse. Wie aus einer guten Idee ein perfekter Roman wird, OT: Mastering the Process. From Idea to Novel“, aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann, München 2022, Wilhelm Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31562-8, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 413 Seiten mit s/w-Fotos, Buch: EUR 20,00 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 19,99.


    „[...] Nach vielen Jahren als Dozentin für Kreatives Schreiben und nach zahlreichen Vorträgen auf Autorenkonferenzen habe ich mir gesagt, dass ein Handbuch, in dem ich am Beispiel eines meiner eigenen Romane Schritt für Schritt erkläre, wie ich vorgehe, nützlich sein könnte für alle, die sich für das Schreiben von Romanen interessieren, oder dafür, wie ich als Autorin die komplizierte Aufgabe angehe, einen Kriminalroman zu schreiben.“ (Seite 11)


    Wie arbeitet eine Erfolgsautorin?

    Vermutlich gehöre ich gar nicht zur angepeilten Zielgruppe, weil ich überhaupt nicht vorhabe, einen Roman zu schreiben. Ich schreibe seit vierzig Jahren über anderer Leute Bücher und ich liebe „Job-Geschichten“. Als ich von diesem Ratgeber erfuhr, wollte ich dieser Autorin, von der ich rund ein Dutzend Krimis gelesen habe, einmal über die Schulter schauen. Wie macht sie es, dass die Leserinnen so verrückt nach ihren Büchern sind?


    Ich ahnte es schon: Es ist verflixt viel Arbeit und erfordert eine Menge Disziplin! Am Anfang steht eine gute Idee. Und dann muss man die notwendigen Informationen recherchieren, den Handlungskern festlegen, glaubhafte, lebendig wirkende Figuren entwickeln, die Erzählperspektive bestimmen, die einzelnen Szenen strukturieren, aufbauen und miteinander verknüpfen, die Erstfassung überarbeiten und noch vieles mehr. Spannend soll die Geschichte sein, logisch und unterhaltsam. Und verkaufen soll sie sich auch.


    Schritt für Schritt an einem Beispiel

    Wie die Autorin dabei genau vorgeht, zeigt sie uns am Beispiel ihres Romans DOCH DIE SÜNDE IST SCHARLACHROT (OT: CARELESS IN RED). Es ist nicht zwingend notwendig, dass man diesen Roman schon kennt, aber es ist auch kein Fehler. Hinterher braucht man ihn nicht mehr zu lesen, weil durch die vielen (und sehr langen!) Textbeispiele das Wesentliche schon verraten wird.


    Wenn eine US-amerikanische Schriftstellerin, die keinerlei Bezug zu Großbritannien hat, eine Romanreihe schreibt, die ebendort spielt und die einem „very British“ vorkommt, muss dem Schreiben eine Menge Recherche vorangegangen sein. Elizabeth George verrät uns, was sie auf ihren Recherchereisen alles notiert und fotografiert, damit wir Leser:innen später den Eindruck haben, wirklich vor Ort zu sein und die Schauplätze mit allen Sinnen wahrzunehmen. Wenn dies eine Voraussetzung für gelungene Szenen ist, wundert mich nicht, warum es so viele Regionalkrimis gibt: Nicht jede:r kann sich ausgedehnte Reisen um die halbe Welt leisten.


    Sehr viel Vorbereitung

    Mit ihrem Romanpersonal betreibt die Autorin ebenfalls einen enormen Aufwand. Was sie vorab alles über ihre handelnden Personen „weiß“ ist unglaublich. Seitenweise trägt sie Informationen über sie zusammen: Kindheit, Familie, Einstellungen, Hobbys, Ziele, Motive, Bedürfnisse, Probleme ... auf Seite 58 findet sich eine Liste mit knapp 30 Stichpunkten, die sie mehr oder weniger abarbeitet. Manches davon könnte ich nicht einmal über mich selbst sagen. ;-) Diese Fakten werden später nicht alle im Roman erwähnt werden, aber sie formen die Personen, deren Ansichten, Handlungen und auch deren Sprache. Das fand ich ungeheuer faszinierend.


    Da ich den Roman, den sie hier als Beispiel heranzieht, vor Jahren gelesen hatte, habe ich die Auswirkungen ihrer detailgenauen Vorarbeit selbst erlebt. Und vielleicht auch deren Grenzen. Erst jetzt, als ich hier all diese Hintergrundinfos las, ist mir so manches über die handelnden Personen klar geworden. Ich hatte einige Ursachen und Zusammenhänge damals beim Lesen schlicht nicht begriffen. Dieser Krimi ist mir in Erinnerung geblieben als eine Ansammlung gestörter Unsympathen mit seltsamen Namen. Es war der letzte der Inspector-Lynley-Reihe, den ich gelesen habe.


    All diese sorgsam konstruierten fiktiven Personen können uns Leser:innen also auch überfordern. Ich hatte die Reihe über viele Jahre wegen ihrer lebendigen Figuren geliebt, bis mir die Geschichten zu problembehaftet, zu düster und zu verwirrend wurden.


    Sagt er, sagt sie ...

    Die Autorin schildert, wie sie die einzelnen Szenen plant, schreibt und miteinander verbindet, wie sie Konflikte, dramatische Fragen und Wendepunkte setzt, was einen gelungenen Romananfang – die Eröffnung – ausmacht und warum das so schwierig ist.


    Interessant fand ich ihre Methode, längere Dialoge zu schreiben, ohne –zigmal „sagte sie“ und „sagte er“ zu verwenden – und ohne dass der Leser den Überblick darüber verliert, wer gerade spricht. Sonst sitzt man ja manchmal da und zählt ab: „Sagt A, sagt B, sagt A, sagt B ...“


    Beim Kapitel „Sprache“ – jede Person braucht eine typische Art, sich auszudrücken – wird’s schwierig, weil wir hier ja anhand einer Roman-Übersetzung arbeiten. An einer Stelle im Ratgeber heißt es, diese und jede Formulierungen im Krimi seien typisch für die britische Oberschicht. Dieser Ausdrucksweise werden dann flapsige Sprüche gegenübergestellt, wie sie angeblich in den USA üblich sind. Und der Leser denkt: „Wie jetzt? Die reden hier doch alle mehr oder weniger geschwollen Deutsch!“ Da ich die Lynley-Reihe auf Englisch gelesen habe, weiß ich, was Elizabeth George meint. Es stimmt schon. Aber die Beispiele funktionieren eben nur bedingt.


    Mit praktischen Übungen

    Das Buch enthält Übungen, mit denen man das soeben Gelernte ausprobieren kann. Die habe ich nicht gemacht, weil ich ja nur an den Mechanismen und nicht an einer eigenen Umsetzung interessiert bin. Man kann hier mit den neu entdeckten „Werkzeugen“ ein bisschen spielen. Doch wenn man kein Feedback auf seine Fingerübungen bekommt, weiß man nicht, ob es funktioniert, was man treibt, oder ob man etwas völlig falsch verstanden hat.


    Ich habe durch diesen Ratgeber einiges entdeckt und gelernt und werde künftig beim Lesen von Romanen – auch anderer Autor:innen – darauf achten, ob ich einzelne Kniffe wiedererkenne und wo man vielleicht das eine oder andere aus Frau Georges Trickkiste sinnvoll hätte anwenden können.


    Werkzeuge mit Anleitung

    Selbst wenn der eigene Grips ähnlich strukturiert ist wie der der Autorin – 1:1 kann man sich ihrer Methoden sicher nicht bedienen, wenn man einen Roman schreiben möchte. Hier bekommt man eine Art Werkzeugkasten mit Bedienungsanleitung an die Hand. Welche Werkzeuge man einsetzen will, bleibt einem selbst überlassen. Die Autorin schreibt dazu:


    „Wenn Sie dann dieses Buch lesen, kommt es einzig und allein darauf an, dass Sie für alles offen sind. Den Studierenden in meinen Kursen zum Thema ‚Kreatives Schreiben’ sage ich immer: beherzigen Sie, was Ihnen gefällt, und vergessen Sie den Rest.“ (Seite 19)


    Disziplin statt Glamour

    Wer gerne drauflosschreibt und sich selbst von seiner Geschichte überraschen lässt, wird mit dieser Art der peniblen (Über-)Vorbereitung sicher nichts anfangen können. Etablierte Autor:innen haben längst ihre eigenen Strategien entwickelt und werden womöglich den Kopf schütteln über die Arbeitsweise ihrer prominenten US-Kollegin. Doch wer noch am Anfang steht, wird hier brauchbare Tipps finden. Auf jeden Fall räumt Elizabeth George gründlich mit der Vorstellung auf, Schriftsteller:in zu sein sei irgendwie glamourös und romantisch oder gar leicht. Es ist Arbeit. Viel Arbeit.


    Da ich Elizabeth Georges ersten Schreibratgeber WORT FÜR WORT nicht kenne, kann ich jetzt leider keine Vergleiche ziehen und nur vom Hörensagen berichten, dass es da wohl einige Überschneidungen mit dem vorliegenden Werk geben soll.


    Die Autorin

    Akribische Recherche, präziser Spannungsaufbau und höchste psychologische Raffinesse zeichnen die Romane der Amerikanerin Elizabeth George aus. Ihre Bücher sind allesamt internationale Bestseller, die zudem mit großem Erfolg verfilmt wurden. Elizabeth George lebt in Seattle im Bundesstaat Washington, USA.

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    Gloria Gray: Zurück nach Übertreibling. Vikki Victorias erster Zwischenfall. Krimi, München 2022, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-22009-5, Klappenbroschur, 344 Seiten, Format: 12,3 x 2,89 x 19,1 cm, Buch: EUR 11,95 (D), EUR 12,30 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Vikki, hör zu, der Toni ist ausgebrochen. Gestern Nacht, aus Stadelheim. Ich hab’s gerade erfahren. Großfahndung.“ – Oh. [...] Ganz klar, ich bin in Gefahr.“ (Seiten 8/9)


    Künstlerin Vikki Victoria, 41, lebt seit Jahren glücklich und zufrieden in München. Ihre Jugend in Übertreibling, einem Kaff im Bayerischen Wald, hat sie erfolgreich verarbeitet – oder vielleicht auch nur verdrängt. Leicht hat sie’s nicht gehabt. Sie ist im Körper eines Jungen geboren worden, hat sich aber immer schon als Mädchen bzw. Frau gefühlt. Und Anderssein ist in einem stockkonservativen Dorf echt kein Spaß! Besonders ihr Schulkamerad Toni Besenwiesler hat ihr damals das Leben schwer gemacht.


    Jahre später laufen sich Vikki und Toni in München wieder über den Weg. Toni arbeitet dort für den türkischen Clanchef Achmet und legt eine steile kriminelle Karriere hin. Vikki ist mit Achmet und dessen Familie bekannt, ohne in dessen ungesetzliche Machenschaften verwickelt zu sein. Und so haben die Feinde aus Kindertagen zwangsläufig immer wieder Kontakt.


    Raus aus dem Knast ...

    Irgendwann kommt Toni für 13 Jahre in den Knast für ein Delikt, das er nicht begangen haben will. Aus unerfindlichen Gründen glaubt er, dass Vikki und Achmet ihm die Tat angehängt haben und terrorisiert die beiden aus dem Gefängnis heraus mit Drohbriefen und Drohmails.


    Jetzt ist der Toni also raus aus dem Knast und Vikki muss um ihr Leben fürchten. Auf die Schnelle fällt ihr und ihrem Kumpel Wolf, einem belesenen Antiquitätenhändler und Boss einer Motorradgang, nichts Besseres ein, als Vikki in ihrem Heimatort Übertreibling zu verstecken. Stimmt schon: Da wird Toni sie nicht vermuten. Andererseits stammt er ja selber aus dem Ort. Womöglich schlägt er bei seiner dortigen Verwandtschaft auf und Vikki läuft ihm direkt in die Arme.


    ... und rein ins Chaos

    Aber vielleicht ist es eh gescheiter, dass sie ihn findet, bevor er sie findet. Überraschungsmoment, verstehst? Toni ist nicht gerade ein Superhirn. Da hat die Vikki schon deutlich mehr auf dem Kasten. Außerdem hat sie Wolfs Motorradgang, die „Switch Blades“, auf ihrer Seite sowie Achmet und dessen Leute, obwohl auf die nur bedingt Verlass ist. Toni hat nur seine einfältige Sippschaft.


    Entführung! Vikki ermittelt

    Und nun jagen die verschiedenen Parteien einander gegenseitig ums Karree. Vikki organisiert das ganze, ohne genau zu wissen, was überhaupt läuft. Da bleiben Fehlentwicklungen nicht aus. Achmets Gurkentruppe kriegt Händel mit der Rockergang, eine Kneipe fliegt in die Luft, die Polizei mischt mit und das Chaos tobt. Natürlich haben alle den Besenwiesler Toni als Drahtzieher in Verdacht. Dann werden auch noch Vikkis junge Nachbarin und Achmets Tochter entführt.


    Weil Vikki nicht viel von der Polizei hält – und der Achmet schon gleich gar nicht – ermitteln sie in diesem Entführungsfall selber.


    Vom Irrsinn überfordert

    Der Irrsinn zieht immer größere Kreise.


    Diese Amateurliga stolpert so überfordert durch das Geschehen, dass es eine wahre Pracht ist – und sehr lustig. Zimperlich sind sie ja nicht, sonderlich effektiv aber auch nicht. Wenn jetzt nicht schleunigst ein Wunder geschieht, schaut’s für die beiden Entführungsopfer finster aus ...


    Haarsträubende Krimikomödie

    Ein bisschen hatte ich die Befürchtung gehegt, ich könnte hier platten Klamauk erwischt haben. Dem ist aber nicht so. ZURÜCK NACH ÜBERTREIBLING ist eine Krimi-Komödie mit, zugegeben, haarsträubender Handlung. Die Figuren/Typen sind sehr gut beobachtet. Die eine oder andere Beschreibung /Formulierung wird sicher bei mir hängenbleiben. Man hat öfter mal den Eindruck: O ja, genau so jemanden kenn’ ich! Und gelegentlich bemerkte ich peinlich berührt: Autsch, so führe ich mich auch mitunter auf!


    Das ganze ist ein bisschen wie eine Bühnenshow angelegt. Vikki erzählt uns, ihrem Publikum, von diesen unerhörten Begebenheiten. Ich sehe sie förmlich im Scheinwerferlicht herumstöckeln. Dabei wendet sie sich immer wieder direkt an uns: „Verstehst?“ – „Das kennst du doch auch, oder?“ Dadurch entsteht eine Art Komplizenschaft, selbst wenn man nicht immer mit ihren Aktionen und Ansichten einverstanden ist.


    Ohne Filter


    Manchmal schnappt man schon nach Luft, wenn man liest, was die Protagonistin da so raushaut. Die prominente Schauspielerin Ch. N. aus M. wird nicht gerade Luftsprünge machen, wenn sie erfährt, dass Vikki eine Klage erwogen hat, als Frau N. sie in einer Verfilmung der geschilderten Ereignisse verkörpern sollte. Und aus welchem Grund. :-D


    Skurrile und spaßige Mischung

    Es gibt offensichtlich ein paar Ähnlichkeiten zwischen der Biographie der Heldin und jener der Autorin. Vielleicht haben auch ein paar der Nebenfiguren reale Vorbilder - oder ich bilde mir das nur ein. Wie dem auch sei: Mir hat diese skurrile Mischung aus Krimi, Witz und Lebensklugheit gefallen. Klar, das ist jetzt nix Hochgeistiges – das ist einfach nur ein Heidenspaß. Muss ja auch mal sein, nicht? Beim nächsten Vikki-Victoria-Zwischenfall möchte ich auf jeden Fall wieder dabei sein.


    Die Autorin

    Gloria Gray ist in Zwiesel im Bayerischen Wald geboren und aufgewachsen. Mit 18 flüchtete sie von dort, um sich als Frau und Künstlerin verwirklichen zu können. Über 27 Jahre in München wohnhaft und international als Performerin tätig, kehrte sie 2010 in ihre alte Heimat zurück und ist seither im Landkreis Regen u.a. als Unternehmerin, Kreisrätin und Botschafterin tätig. Als Entertainerin ist sie jedoch weiterhin aktiv und überregional unterwegs. Mit ›Zurück nach Übertreibling‹ legt sie ihr fulminantes Debüt vor. http://www.gloriagray.com


    Der Co-Autor

    Robin Felder lebt und arbeitet in München als Komponist, Texter und Schriftsteller. Bislang sind von ihm vier Romane erschienen. www.robinfelder.com

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    Deborah Wilde: Jezebel Files, Band 1. Wenn der Golem zweimal klingelt. Urban Fantasy, OT: Blood & Ash, übersetzt von Julia Schwenk, Steinbach-Hallenberg 2022, Second Chances Verlag, ISBN 978-3-96698-715-8, Klappenbroschur, 382 Seiten, Format: 13,7 x 3,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 6,99.


    „Was für ein Witz! Ich würde nicht nur eine stattliche Summe dafür ausgeben, nicht zu wissen, wozu ich fähig war, darüber hinaus hatten auch noch alle Antworten nur zu weiteren Fragen geführt. Was machte eine Jezebel aus, und warum gab es nirgendwo Aufzeichnungen über uns? Warum besaßen wir Blutmagie? Wer oder was war Chariot, und warum mussten wir sie aufhalten? Und wie stand mein Vater mit alldem in Verbindung?“ (Seite 370)


    Menschen mit und ohne Magie

    Wie immer beim Beginn einer – hier vierteiligen – Fantasy-Reihe, muss man erst einmal ein bisschen was über diese Welt wissen. Die Vorgeschichte, zum Beispiel: Weil im 17. Jahrhundert zehn größenwahnsinnige Kerle die Idee hatten, „sich mit dem Göttlichen zu vereinigen“ und daran scheiterten, teilt sich die Menschheit nun in Weltige (sowas wie die Muggels bei Harry Potter) und in magisch begabte Nefesh.


    Die Nefesh sind mit ihren Fähigkeiten registriert und in verschiedenen „Häusern“ organisiert. Eines der mächtigeren ist das House Pacifica, das sein Hauptquartier in Vancouver/Kanada hat. Dessen Leitung hat der italienischstämmige Magier Levi Montefiore, ein attraktiver Mann um die 30. Der ist seit seiner Kindheit mit der ungefähr gleichaltrigen Ashira „Ash“ Cohen in einer Art Hassliebe verbunden. Sie misstrauen und beleidigen einander, streiten permanent und suchen doch stets die Nähe des anderen.


    Eine ungewöhnliche Familie

    Ash, eine mittelprächtig erfolgreiche Privatdetektivin, hat eine interessante Familiengeschichte: Ihr Vater Adam war ein Nefesh, ein Charismat, der seine Fähigkeit, andere zu manipulieren, für kleinere und größere Gaunereien nutzte, bis er vor 15 Jahren plötzlich verschwand. Ihre Mutter Talia stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie und hatte schon in jungen Jahren von Religion und Magie dermaßen die Nase voll, dass sie zu einer radikalen Gegnerin von beidem wurde.


    Plötzlich Magierin

    28 Jahre lang hat sich Ash für eine magisch unbegabte Weltige gehalten – bis sich bei der Behandlung einer Kopfverletzung herausstellt, dass sich unter ihrem vollen Haar eine merkwürdige Tätowierung verbirgt. Sie weiß nichts davon, ihre Mutter und frühere Ärzte auch nicht. Wer hat ihr das Ding verpasst, wann und warum? Es stellt sich als ein Bannsiegel heraus, das magische Aktivitäten verhindert. Die unerschrockene Ash lässt es entfernen und wird dadurch völlig unvorbereitet zu einer Nefesh. Jetzt gehört sie zum House Pacifica und ihr Lieblingsfeind Levi Montefiore ist ihr Boss.


    Ashs Art der Magie ist den hiesigen Nefesh noch nie untergekommen. Sie gehorcht keinen Regeln – genau wie Ash selbst – und dürfte gar nicht existieren. Unsere Heldin versteht ihre Kräfte weder noch kann sie sie beherrschen. Offenbar hat man ihre magischen Fähigkeiten aus gutem Grund versiegelt.


    Neue Chancen, neue Gefahren

    Egal. Ash lässt das jetzt so. Beruflich eröffnet ihr der neue Status als Nefesh ungeahnte Möglichkeiten. Aber das bedeutet auch ganz neue Gefahren. Bei der Suche nach einer verschwundenen Jugendlichen trifft sie nicht nur auf einen brandgefährlichen weiblichen Nefesh-Gangsterboss – eine elegante Latina mit dem Spitznamen „Herzkönigin“ – und deren Schergen, sondern auch auf eine geheimnisvolle Organisation, die vor keiner Bluttat zurückschreckt. Yitzak, der alte Tätowierer, hätte ihr sicher eine Menge zu erzählen gehabt, wenn ihn der Typ mit dem harten Akzent nicht vorher erledigt hätte. Sind es dessen Leute, die Golems als Wachmänner einsetzen? Und versuchen sie tatsächlich, das, was auch immer sie treiben, der Herzkönigin in die Schuhe zu schieben? Mutig!


    Ash hat weder mit der jüdischen Mythologie noch mit Hebräisch was am Hut, aber wenigstens erkennt sie ein Aleph, wenn sie eines sieht, womit sie eine gewisse Chance gegen unfreundliche Golems hat. Bildung kann Leben retten. ;-)


    Vermisstenfälle mit System

    Langsam wird ihr klar, dass der Vermisstenfall, in dem sie ermittelt, kein singuläres Ereignis ist. Es verschwinden systematisch junge Menschen, nach denen im Normalfall niemand suchen würde, und irgendjemand stellt mit ihnen ganz scheußliche magische Dinge an.


    Für diese scheußlichen Dinge braucht es genau die Art von Nefesh-Fähigkeiten, die sie selbst hat. Das heißt, es muss noch mehr von ihrer Sorte geben - und die machen entweder freiwillig oder unfreiwillig bei dieser Schweinerei mit.


    Ein bisschen ist das so wie bei Ben Aaronovitchs Peter-Grant-Romanen: Irgendwann verliert man komplett den Überblick, wer mit wem verbandelt oder verfeindet ist und wer was auf seiner Agenda hat. Man schaut dem Chaos fasziniert und amüsiert beim Toben zu und hofft, dass sich das alles schon irgendwann klären wird. Ash jedenfalls scheint ungefragt Teil eines größeren Plans zu sein. Will sie das? Hat sie überhaupt eine Wahl?


    Schräg, lustig, abgefahren ...

    Irgendwie habe ich den Verdacht, dass hier Gesandte einer weiblichen Gottheit das wieder gerade biegen sollen, was die Anhänger eines patriarchalischen Gottes in grauer Vorzeit verbockt haben. Aber vielleicht denke ich auch zu alttestamentarisch. Wir werden sehen. Die Serie ist so schräg und abgefahren, dass ich auf jeden Fall am Ball bleiben werde. Und ich finde es lustig, wie sich Ash und Levi dauernd kabbeln. So schrecklich ernst nimmt sich die Geschichte zum Glück nicht.


    ... und kein Jugendbuch

    Weil ich bei Urban Fantasy immer als erstes an Bücher für Teenager denke, hatte ich erwartet, ein Jugendbuch zu lesen. Doch weit gefehlt! Okay, die Gewaltszenen in diesem Roman sind jetzt nicht so krass, das würden jugendliche Leser:innen locker wegstecken. Aber Jugendbücher sind üblicherweise doch etwas – wie soll ich sagen – diskreter? Keuscher? Nicht so explizit?


    Ich freue mich jedenfalls auf den nächsten Band und hoffe, dass der Second-Chances-Verlag sein Konzept ernst nimmt und wirklich alle vier Bände herausbringt: „Welche Bücher erscheinen im Second Chances Verlag? Die Bücher, die uns als Leser auf dem deutschen Buchmarkt gefehlt haben. Die Bücher, deren Übersetzungen es nicht mehr in die Verlagsprogramme geschafft haben. Die Bücher, die inzwischen nicht mehr erhältlich sind, obwohl sie zeitlos gut sind. Und die Bücher, die ihr euch wünscht.“ (http://www.second-chances-verlag.de) Falls nicht, lese ich die Reihe eben auf Englisch fertig. Diesen Spaß lasse ich mir keinesfalls entgehen!


    Die Autorin

    Deborah Wilde ist Weltenbummlerin, ehemalige Drehbuchautorin und Zynikerin durch und durch. Sie schreibt mit Vorliebe witzige Romane für Frauen in den Genres Urban Fantasy und Paranormal Romance. In ihren Geschichten geht es um selbstbewusste, toughe Frauen, starke weibliche Freundschaften und Romantik mit einer Prise Charme und Feuer. Sie mag Happy Ends, und es ist ihr wichtig, dass auch der Weg dorthin ihre Leser*innen zum Lachen bringt. Deborah Wilde lebt in Vancouver, zusammen mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrer überaus eigenwilligen Katze Abra.


    Die Übersetzerin

    Julia Schwenk lebt mit einem bunten Heimtierzoo in ihrem heiß geliebten Zimmerpflanzendschungel im süddeutschen Land der Kühe und grünen Wiesen. Sprache ist ihre große Leidenschaft, die sie als Verlegerin und Übersetzerin zum Beruf gemacht hat. Wenn sie nicht gerade wie Gollum auf ihrer Couch über dem Arbeits-Netbook kauert, macht sie Handarbeitsforen unsicher, schaut YouTube leer oder plant die Übernahme der Weltherrschaft – und ist dabei immer auf der Jagd nach dem nächsten spannenden Projekt.

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    Gina Mayer: Internat der bösen Tiere. Die Schamanin (Band 5), ab 10. J., Ravensburg 2022, Ravensburger Verlag, ISBN 978-3-473-40870-92, Hardcover mit Gucklochstanzung, 274 Seiten, mit s/w-Zeichnungen von Clara Vath, Format: ‎15,3 x 3 x 21,5 cm, Buch: EUR 15,99 (D), EUR 16,50 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch und Multimedia-CD erhältlich.


    „Noels Gedanken wanderten zurück in sein früheres Leben, bevor er zu den Inseln der bösen Tiere aufgebrochen war. Was seine ehemaligen Klassenkameraden wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass Noel jetzt tauchen, kämpfen, klettern und fliegen lernte und einen Pavian und einen Leoparden zu seinen besten Freunden zählte? Noel verschränkte die Hände im Nacken und grinste.“ (Seite 59)


    Seit acht Monaten ist Teenager Noel jetzt schon auf den geheimen Inseln im Internat der bösen Tiere – der Schule, die vor Jahren von seiner mittlerweile verschollenen Mutter Sonya gegründet wurde. Hier lernen „Auserwählte“, die per Telepathie kommunizieren können, miteinander und voneinander. Dabei ist es egal, ob die Schüler Menschen oder Tiere sind. Hier fühlt Noel sich erstmals zuhause und nicht wie ein Außenseiter, denn hier sind alle so schräg wie er. :-;


    Fliegen lernen!

    Die Mehrzahl seiner tierischen Mitschüler:innen kann weder lesen noch schreiben, doch an dieser Schule sind andere Dinge wichtig als die klassischen Unterrichtsfächer. Nachdem Noel nun schon Klettern und Tauchen gelernt hat, kommt in diesem Band das Fliegen an die Reihe. Natürlich nicht mit einem Flugzeug, sondern mit einem „Wingsuit“, einem Gleitflieger-Anzug, der den Membranen der Gleitbeutler abgeguckt ist. Schon das Anmessen dieser Anzüge ist ... äh ... Geschmacksache.


    Noel ist zunächst skeptisch. Freundin Katokwe, die Späherin, erweist sich beim Fliegen als Naturtalent und Kumpel Taiyo ist eher mittelbegabt. Ich habe übrigens volles Verständnis für Pavian Tyson, der irgendwann die Faxen dicke hat, sich aus dem Fluganzug schält und nach Hause geht. „Affen sind keine Vögel“, verkündet er. Das sind die anderen Flugschüler allerdings auch nicht.


    Der Ruf der Schamanin

    Einer von ihnen verunglückt dann auch spektakulär – und Noel plagt das schlechte Gewissen. Er hat nämlich einen Traum ignoriert, in dem eine Schamanin in Wolfsgestalt von ihm verlangt hat, sofort mitzukommen, weil andernfalls etwas Schlimmes passieren würde. Er hat es nicht ernst genommen. Hätte eigentlich er zur Strafe abstürzen sollen? Hat es die Mitschülerin nur aus Versehen erwischt? Ist er jetzt schuld an dem Unglück?


    Als der Traum sich wiederholt, will er nichts riskieren und leistet dem Befehl Folge. Er packt ein paar Sachen und verlässt heimlich und unerlaubt die Schule. Die gehörlose Kapitänin Gurd, die wir schon aus Band 3 kennen, bringt ihn von der Insel weg. Auch sie ist dem Ruf der Schamanin gefolgt.


    Wiedersehen in Sibirien

    In Sibirien endet schließlich seine höchst abenteuerliche Reise und er steht der Person gegenüber, die er schon sein Leben lang sucht:

    Und so hat Noel noch etwas Wichtiges und sehr Gefährliches zu erledigen, ehe er sich Gedanken darüber machen kann, wie er wieder zurück ins Internat kommt.


    Dort werden sie nicht gut auf ihn zu sprechen sein, weil er wieder einmal abgehauen ist. Dafür wird man normalerweise der Schule verwiesen. Doch Noel genießt gewisse Privilegien, weil er der Sohn der Schulgründerin ist – und weil alle wissen, dass er wegen etwas, das sich lange vor seiner Geburt ereignet hat, auf Ukos Todesliste steht.


    Straft die Schamanin Unschuldige?

    Dass der Bär Menschen verabscheut und sie am liebsten ausrotten würde, kann man aufgrund seiner Vorgeschichte verstehen. Noel kann zwar nichts für die alten Geschichten, muss aber immer wieder erleben, dass er in Gefahr gerät und auch Unbeteiligte seinetwegen leiden müssen –


    Bis Noel weiß, wer Freund und wer Feind und wer wofür verantwortlich ist, dauert es noch ein Weilchen ...


    Die Geschichte ist so spannend, einfallsreich und außergewöhnlich wie die vorigen Bände auch. Manche Unterrichtsszenen und Kommentare sind zum Schmunzeln. Ein bisschen Humor muss nämlich auch in einer ernsthaften Geschichte sein.



    Der große Showdown

    Auch Uko haben wir wiedergesehen. Und jetzt scheint sich alles auf den großen Showdown zuzubewegen, allerdings frühestens im nächsten Band. Ich möchte eigentlich keinen Kampf, den nicht alle Beteiligten überleben. Deswegen hoffe ich immer noch, dass der Bär von seinen radikalen Ansichten abrückt, weil ihn irgendwas davon überzeugt, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Aber Fanatiker ändern ihre Meinung normalerweise nicht, da sie für Argumente und differenzierte Betrachtungen nicht zugänglich sind. Also schaut’s schlecht aus für den Bären, der ja auch nur ein Opfer der Umstände ist.


    Lassen wir uns einfach überraschen, was die Autorin sich für Noel, Sonya, Uko und die Bewohner:innen der geheimen Inseln noch alles einfallen lässt.


    Die Autorin

    Gina Mayer, geb. 1965, studierte Grafik-Design und arbeitete danach als freie Werbetexterin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Ihre Werke standen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Gina Mayer lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf.


    Die Illustratorin

    Clara Vath arbeitet seit 2012 als freischaffende Illustratorin für diverse Verlage. Sie illustriert unter anderem Kinder- und Jugendbücher und schätzt daran vor allem die Vielfältigkeit und das Abtauchen in andere Welten. Ihr Illustrationsstil verbindet oft fantastische und mystische Elemente, die zum Träumen einladen und in Abenteuer entführen.

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    Wendy Walker: Herzschlag der Angst. Thriller, OT: Don’t Look For Me, Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26305-4, Klappenbroschur, 349 Seiten, Format: 13,2 x 3,2 x 20,9 cm, Buch: EUR 15,95 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 12,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Sie sollten nach Hause fahren. Es ist nicht Ihre Aufgabe, diesen Dingen nachzugehen. Kein Wunder, dass Sie all diese Fragen stellen. Alle, an die Sie sich um Hilfe gewandt haben, haben Sie belogen oder Ihnen Dinge verschwiegen. [...] Fahren Sie nach Hause, Nicole.“ (Seite 303/304)


    Hastings/Connecticut: Lehrerin Molly Clarke hätte allen Grund, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und anderswo neu anzufangen. Vom Unfalltod ihrer neunjährigen Tochter Annie vor fünf Jahren hat sich ihre Familie nie wieder erholt. Mollys Ehe mit John ist am Ende, ihre Kinder Nicole (21) und Evan (16) geben ihr die Schuld am Tod der kleinen Schwester, obwohl sie wirklich alles Menschenmögliche getan hat, um das Unglück noch abzuwenden. Sie wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben.


    Absichtlich verschwunden?

    Deshalb wundert es niemanden, als eines Tages nach einem unglücklich verlaufenen Besuch bei Evan im Internat Mollys Auto verlassen am Straßenrand steht und ein Abschiedsbrief gefunden wird. „Ich bitte euch, sucht nicht nach mir“, steht unter anderem darin. Da der Schriftgutachter nicht ausschließt, dass sie die Notiz selbst geschrieben hat, wird die Suche nach ihr eingestellt. Molly ist erwachsen und darf verschwinden, wenn sie das möchte.


    Nur Tochter Nicole „Nic“ ist nicht bereit, so schnell aufzugeben. Sie fühlt sich mitschuldig an Annies tödlichem Unfall und am Weglaufen der Mutter. Auch wenn diese nicht gefunden werden will, möchte Nic sich davon überzeugen, dass es ihr wirklich gut geht.


    Eine dubiose Augenzeugin

    Zwei Wochen nach Mollys Verschwinden erhält Nic einen Anruf von einer angeblichen Augenzeugin. Edith Moore will gesehen haben, wie Molly in einen dunklen Pickup gestiegen ist. An dem Abend hat es gestürmt und geschüttet, und Edith hat sich zusammengereimt, dass die Frau wohl mit ihrem Auto liegengeblieben sei und sich in die nächste Ortschaft bringen lassen wollte.


    Genau das ist passiert, wie wir Leser:innen schnell erfahren. Nur, dass Molly zu einem gefährlichen Irren ins Auto geklettert ist,

    Von da an verfolgen wir abwechselnd, wie Molly versucht, ihrer Gefangenschaft zu entkommen und was ihre Tochter alles veranstaltet, um sie zu finden.



    Tochter Nic ermittelt selbst

    Nic bleibt erst einmal in Hastings und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an.

    Jeder kennt hier jeden, alle sind irgendwie miteinander verbandelt: familiär, beruflich, privat oder durch irgendeine alte Schuld. Niemand sagt ihr die volle Wahrheit. Langsam wird sie paranoid und verdächtigt jeden – selbst ihren eigenen Vater.


    Gefährliche Irre

    Mollys Martyrium verrät uns auch nichts weiter über die Zusammenhänge. Wir wissen nicht, wie ihr Entführer heißt. Molly nennt ihn „Mick“, weil sie ihn ja irgendwie anreden muss. Den Namen hat sie sich ausgedacht.


    Da Micks wahrer Name nie genannt wird, hat man als Leser:in bald den Verdacht, dass es einer aus dem Ort sein muss, der ständig durch die Handlung wuselt und womöglich sogar vorgibt, bei der Suche nach Molly zu helfen. Aber wer? Man denkt schon so paranoid wie die arme Nicole ...


    Erst fängt es ganz klasse an ...

    ... aber dann, aber dann! – Klar gibt es kriminelle Irre, die Menschen gefangen halten, manchmal jahrelang und ohne dass die Umgebung etwas davon mitkriegt. Man denke nur an Natascha Kampusch und die Familie Fritzl. Und natürlich gibt es Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind und solchen Tätern zum Opfer fallen. So weit gehe ich mit dem Plot mit. Doch auf einmal hängt alles mit allem zusammen und es gibt einen Masterplan dahinter. Beim dramatischen Showdown mit Überraschungsgast war ich dann endgültig raus. Das war mir einfach alles eine Nummer zu groß, zu konstruiert und zu unwahrscheinlich.


    Die eigentliche Handlung umfasst rund zweieinhalb Wochen, die Wurzeln des Geschehens reichen zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre oder noch länger zurück. Hat in all der Zeit niemand die richtigen Fragen gestellt, aufgemuckt oder aufgegeben? Glaube ich nicht!


    Spannend aber überkonstruiert

    Die Geschichte ist zweifellos spannend. Man will unbedingt wissen, wer hinter den Untaten steckt und ob Molly ihre Freiheit wiedererlangt. Aber Stories, bei denen ich ständig denken muss: ‚Ja, nee, is’ klar!’ oder ‚Ach, jetzt hör aber auf!’ sind einfach nicht mein Ding. Ich lasse mir lieber Geschichten erzählen, die näher an der Wirklichkeit liegen – oder gleich solche, die derart wild und abgefahren sind, dass man keinerlei Realitätsnähe erwartet. Das hier ist irgendwas dazwischen.


    Wahrscheinlich sollte ich einfach keine Thriller lesen, egal, wie verlockend sich der Klappentext auch anhört.


    Die Autorin

    Wendy Walker ist Anwältin für Familienrecht und Autorin. Ihr Spannungsdebüt »Dark Memories – Nichts ist je vergessen« wurde auf Anhieb zum Bestseller, erschien weltweit in 20 Ländern und wird in Hollywood verfilmt. Wendy Walker lebt mit ihrer Familie in Connecticut.

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    Jule Böhm: Das Herz im Wald, die Füße im Sand. Roman, Hamburg 2022, HarperCollins, ISBN 978-3-7499-0256-9, Softcover, 350 Seiten mit Karte/Lageplan auf den inneren Umschlagseiten, Format: 12,5 x 2,55 x 18,6 cm, Buch: EUR 11,00 (D), EUR 11,40 (A), Kindle: EUR 7,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „So viele Gedanken und Gefühle stürmten auf sie ein. Die vielen Jahre der Freundschaft mit Britta. Die Liebe zu Philipp, mit dem sie bereits von einer eigenen Familie geträumt hatte. Dann die Jahre, die sie mit ihrem unsteten Wanderleben verbracht hatte, ohne sich Gedanken an eine Heimat, Freunde und Familie zuzugestehen. Und jetzt machte ihr Leben plötzlich einen Schlenker, der sie regelrecht ins Schleudern brachte.“ (Seite 226)


    Hilgenriedersiel, Ostfriesland: Die drei wichtigsten Menschen in ihrem Leben hat Försterin Eleonora „Ella“ Vanbrecht, 31, durch den Tod verloren: Ihre Eltern verunglückten, als sie 15 war. Connie Braun, eine Freundin und Mitarbeiterin ihrer Eltern, wurde damals Ellas Vormund. Lebensgefährte Philipp starb vor sechs Jahren, wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit.


    Freiwilliges Nomadenleben

    Nach Philipps Tod hat Ella dann alle Brücken abgebrochen und führt seitdem mit ihrer Labradorhündin Paula ein Nomadenleben. Wenn irgendwo ein Förster eine Weile ausfällt, springt sie für ihn ein. Die meiste Zeit lebt sie im Wohnwagen oder in irgendwelchen Ferienwohnungen. Ihr Zuhause in Oldenburg sieht sie selten. Dass sie, außer zu ihrer Pflegemutter Connie, kaum Kontakte hat, wundert einen unter diesen Umständen nicht. Ella will das so.


    Jetzt hat der Zufall sie in ihre alte Heimat verschlagen. Doch statt sich bei ihrer Pflegemutter in Westerholt einzuquartieren, mietet sie sich ein Ferienhäuschen auf einem Gutshof in Hilgenriedersiel.


    Auf dem Gutshof der Familie Niehus fühlt Mieterin Ella sich sofort heimisch. Die Geschwister Anne und Clemens betreiben dort eine Eventagentur und richten Familienfeste und Firmenfeiern aus. Eventkaufmann Clemens organisiert, Floristin Anne dekoriert und Mutter Femke, eine gelernte Konditorin, bäckt.


    Attraktiv, doch leider launisch

    Clemens Niehaus ist attraktiv aber offenbar nur zu seinen Agenturkunden freundlich. Ella gegenüber erweist er sich als muffelig und launisch. Wahrscheinlich ist es sehr stressig, im Job immer gut drauf sein zu müssen und nebenher noch allein erziehender Vater eines Vierjährigen zu sein. Söhnchen Mats ist sehr aufgeweckt und kriegt schnell spitz, dass Ella deutlich besser kochen kann als sein Vater. Außerdem hat sie einen Hund. Und so zieht er quasi bei ihr ein. Jeden Abend muss der Papa seinen Sohnemann bei ihr abholen. Dabei stellt Ella fest, dass er gar nicht so ein Muffelkopf ist. Die beiden kommen sich näher.


    Inzwischen weiß Ella auch, wo Mats’ Mutter hingekommen ist. Sie hat Mann und Kind verlassen, als Mats wenige Monate alt war. Sie habe erkannt, dass das Familienleben sie zu sehr einschränke, soll sie gesagt haben. Wäre schön gewesen, wenn ihr das aufgefallen wäre, bevor sie schwanger wurde. Aber gut. Seitdem, so verrät Clemens’ Schwester, hat er die Nase voll von verwöhnten reichen Erbinnen. Mit vermögenden Leuten will die ganze Familie nichts mehr zu tun haben.


    Alles, nur keine reiche Frau!

    Oh. Dann sollten sie besser nicht erfahren, dass Ella Vanbrecht von ihren Eltern ein Wohn- und Geschäftshaus in Aurich geerbt hat nebst gut gehendem Modehaus,

    Da dieser Sachverhalt vor ihren neuen Freunden auf dem Gut nun geheim bleiben muss, kann Ella sie auch nicht um Rat und Hilfe bitten, als es Schwierigkeiten gibt.



    Wald oder Mode?

    Am einfachsten wäre es natürlich, sie würde das Geschäft verpachten oder gleich das gesamte Objekt verkaufen. Aber das will sie nicht. Das Gebäude ist ihr Elternhaus, der Laden war der Traum und das Lebenswerk ihrer Eltern. Es ist ihre letzte Verbindung zu ihnen. Das alles aufzugeben käme ihr wie Verrat vor.

    Jetzt hat Ellla ein fettes Problem an der Backe und muss es mit sich alleine ausmachen.


    Dass sie sich auf eine Affäre mit Clemens Niehus eingelassen hat, die nun ernster zu werden droht als es beiden lieb ist, macht sie auch nicht fröhlicher. Ella will keine feste Beziehung, weil sie noch einen schweren Verlust nicht verkraften könnte. Clemens will sich nicht an eine Frau binden, die nicht sesshaft werden kann. Vor allem will er seinem Sohn nicht zumuten, noch einmal verlassen zu werden.


    Entscheidungen

    Welche Entscheidung Ella auch trifft, privat wie beruflich, es wird immer jemand verletzt und beleidigt sein. Und die Gefahr ist groß, dass ihr eigenes Glück dabei auf der Strecke bleibt.


    Das ist wieder mal ein Fall von: „Wenn die Leute von Anfang an sagen würden, was sie wollen und was nicht, wär’ das alles nicht passiert“. Aber hier druckst und eiert jeder rum, was zu allerlei Mutmaßungen und Fehlinterpretationen führt, und ruckzuck hat man den allerschönsten Schlamassel! Aber für offene Kommunikation ist der Homo sapiens wohl nicht geschaffen. Vor allem dann nicht, wenn starke Gefühle im Spiel sind.


    Für uns Leser:innen, die wir gut verstehen, was die Romanfiguren umtreibt, ist es natürlich spannend: Kommt die Wahrheit ans Licht? Bekennt sich X endlich zu seinen/ihren Gefühlen, kann Y doch noch über ihren Schatten springen? Ist diesem heillosen Kuddelmuddel denn nicht irgendwie beizukommen? Wir würden ja jeder Person in dieser Geschichte ihr Glück von Herzen gönnen, wissen aber ebenso wenig wie die Held:innen, welcher Weg dort hinführt.


    Action gibt’s nur auf dieser einen chaotischen Hochzeitsfeier. Trotzdem ist die Geschichte fast so packend wie ein Krimi. Statt „wer war es?“, fragen wir uns: „Wie kommt die Heldin aus dieser Nummer nur wieder raus?“ Unbeschadet, wenn’s irgendwie geht. Und mit dem richtigen Partner an ihrer Seite.


    Manchmal ist so ein Wohlfühlroman genau die richtige Lektüre.


    Die Autorin

    Jule Böhm ist ein richtiges Naturkind und hat es als kleines Mädchen geliebt, die Wälder und Felder ihrer Heimat zu durchstreifen. Sie studierte Germanistik und Musik und arbeitete als Kauffrau im Gesundheitswesen. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt bei Köln. So richtig auftanken kann sie am besten an der Nordsee, wo sie und ihre Familie mindestens einmal im Jahr zu finden sind, bei Ostfriesentee und Rosinenbrötchen.

    https://www.amazon.de/Herbstge…a-Godau/dp/B09SP8272H/ref

    literaturschock.de/literaturforum/index.php?attachment/1144/


    (Verlinkung über ISBN klappt nicht)


    Angelika Godau, Luise Klein: Herbstgewittern. Familienroman, Zweibrücken 2022, Independently published, ISBN 979-8-41955156-5, Softcover, 285 Seiten, Format: 12,7 x 1,65 x 20,32 cm, Buch: EUR 9,95, Kindle: EUR 5,99.


    „Sie hat eine eiserne Regel gebrochen, daher wird es keine vorgefertigte Ansprache geben. Schließlich geht man nicht in ein Altersheim, um es dann wieder zu verlassen. Nicht lebend jedenfalls.“ (Seite 7)


    Neues Glück für Oma

    Seit dem Vorgängerband HERBSTFRÜHLING hat sich die Lage nur für Inge Berger (77) und ihren neuen Lebensgefährten Jonathan Brinkmann (65) verbessert. Inge ist aus dem Seniorenheim aus- und bei Jonathan eingezogen. Er trägt sie auf Händen, wie man so schön sagt, und weil er Else hat, seine patente Haushälterin, muss Inge ihre Zeit auch nicht mit Hausarbeit verplempern. Else hat kein Problem damit, dass bei Witwer Jonathan wieder eine Frau eingezogen ist. Sie kann ihren Chef gut leiden, hat aber kein romantisches Interesse an ihm. Für die Großelterngeneration läuft es also prima.


    Anstrengendes Pubertier

    Inges Enkelin Lara (14) ist nach wie vor ein anstrengendes Pubertier: egozentrisch, rücksichtslos, fordernd und unverschämt. Es ist unfassbar, wie dieses Mädchen mit ihren Mitmenschen umspringt und damit durchkommt! Aber so langsam mucken doch ein paar auf. Freund Arne hat die Nase voll davon, dass immer nur sie die Ansagen macht und seine Wünsche gar nicht zählen. Er findet ein paar deutliche Worte und nun ist Lara stinkbeleidigt und todunglücklich.


    Im Vergleich zu ihr ist ihr jüngerer Bruder Lars (12) pflegeleicht. Solange er einen Computer und Pizza hat, ist ihm alles andere wurscht.


    Schreckliche Eltern

    Der Vater der beiden ist ein Totalausfall. Er hat die Familie verlassen, und wir werden sehen, dass er nicht einmal in einer akuten Notsituation für seine Kinder da ist. Dass er mit seiner Exfrau Sarah (39) nichts mehr zu tun haben will, kann ich ihm nicht einmal verdenken. Zwar ist er wegen einer Jüngeren gegangen, aber Sarah ist ein fürchterliches Weib. So spreche ich nicht gerne von anderen Frauen – nicht einmal von fiktionalen –, aber hier wäre jede Beschönigung verlogen.


    Freunde in der Not

    Sarahs Verhältnis zu ihrer Mutter war schon immer kompliziert, aber noch nie so schlecht wie jetzt. Doch hat sie noch ganz andere Probleme als ihre fortschreitende Zickigkeit. Knall auf Fall muss sie ins Krankenhaus und eine Weile dort bleiben. Ausgang ungewiss. Wer kümmert sich jetzt um die Kinder? Der Gatte, den sie hatte? Pfff! Der doch nicht! Der hat mehr Ausreden als ein Straßenhund Flöhe!


    Weil es keine andere praktikable Lösung gibt, springt Oma Inge ein. Sie weiß gut, was sie Jonathan zumutet, wenn sie ihre Enkel bei ihm einquartiert. Besonders die ungezogene Lara ist ein Problem. Aber für seine Inge tut er alles und beherbergt auch auf unbestimmte Zeit die Kids. Als pensionierter Polizist ist er den Umgang mit schwieriger Klientel gewöhnt. Halbwüchsige Rotzlöffel:innen ;-) sind für ihn keine Gegner. Auch Haushälterin Else ist von der robusten Sorte und denkt nicht daran, sich von Inges Enkeln auf der Nase herumtanzen zu lassen. Brüderchen und Schwesterchen werden sich noch umgucken!


    Eine Mail mit bösen Folgen

    Allein in ihrem Krankenzimmer – wegen der Pandemie herrscht Besuchsverbot – hat Sarah nun Zeit zum Nachdenken.

    und schreibt eine geharnischte Nachricht an ihre Mutter – mit dramatischen Folgen. Ist diese Familie noch zu retten?!


    Ich weiß, dass traumatische Erlebnisse und familiäre Probleme oft Auswirkungen auf nachfolgende Generationen haben. Die tragen dann die „Päckchen“ ihrer Ahnen weiter, ohne zu wissen, was drin ist. So ist es auch hier. Das erklärt zum Teil, warum die bodenständige, sympathische Inge so unleidliche Nachkommen hat (Sarah, Lara), für die ich leider keinen Funken Mitgefühl aufbringen kann. Vielleicht, weil sie selber keines haben. Sie kreisen nur um sich selbst. Wenn jemand anderes Schwierigkeiten hat, ist für sie nur wichtig, inwiefern das ihr eigenes Wohlbefinden beeinträchtigt. Diese Gedanken schwingen in solchen Fällen sicher mit, aber bei den beiden ist das schon extrem.


    Hoffnung auf besseres Wetter

    Ich kann die zwei Weiber nicht leiden und bin froh, dass sie sicher zwischen Buchdeckeln eingesperrt sind. Im wahren Leben würde ich um Sarah und Lara einen riesengroßen Bogen machen. Enkelin Lara hat wenigstens noch die Ausrede „Pubertät“. Vielleicht bringen die Großeltern und Else sie ja auf den Boden der Tatsachen. Ich denke, hier ist noch nicht alles zu spät.



    Warum beschäftige ich mich mit literarischen Unsympathen, wo es doch im realen Leben genügend davon gibt? Weil bei all den dramatischen Ereignissen in dem Buch die Dialoge oft zum Brüllen komisch sind ... weil Inge und Jonathan ein absolutes Traumpaar abgeben ... und weil ich ganz naiv darauf warte, dass den beiden unerträglichen Damen mal ein Kronleuchter aufgeht und sie erkennen, dass sie so nicht weitermachen können, wenn sie nicht irgendwann ganz alleine dastehen wollen.


    Vielleicht reinigt das anhaltende Herbstgewittern ja die Luft, es klart auf und es gibt für die Familie mal ein paar wolkenlose Sonnentage. Ein bisschen Herbstsonne. Ich wünsche es ihnen.


    Die Autorinnen

    Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.


    Luise Klein, 2007 in Heidelberg geboren, besucht ein Gymnasium in Zweibrücken. Auch wenn sie bisher noch keinen konkreten Berufswunsch hat, das Mitschreiben an diesem Buch hat ihr viel Spaß gemacht. Der Part der 14-jährigen Lara klingt daher sehr nach ihr.

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    Patrizia Zannini: Commissario Leone und die Tränen der Madonna. Ein Rom-Krimi, München 2022, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50576-5, Softcover, 310 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 18,7 cm, EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 5,99.


    „Enzo war in Gedanken bereits wieder bei Ugo Santis. Wer hätte diesen jungen Mann umbringen wollen? Absolut jeder betont, wie außergewöhnlich freundlich und hilfsbereit er war. [...] Wie immer, wenn er nicht weiter wusste, ging er im Geiste die Gründe durch, die Menschen zu einem Mord trieben: Neid, Eifersucht, Hass, Habgier, Vertuschung, Rache oder die reine Lust am Töten. Sie hatten längst nicht alle abgehakt.“ (Seite 47)


    Commissario Enzo Leone, 30, hat’s nicht leicht. Nicht nur, weil es im sommerlichen Rom gerade unerträglich heiß ist. Seiner Abteilung mangelt es an Personal, Abhilfe ist nicht in Sicht. Der neue Computerfachmann ist ein rotzfreches Jüngelchen mit einflussreichem Papa. Enzos eigener Vater, ein pensionierter Richter, ist enttäuscht, weil sein Sohn zur Polizei gegangen ist, statt die Juristenlaufbahn einzuschlagen. Seine Mutter erwartet allen Ernstes von ihm, dass er sich um die elterliche Wohnung samt Pflanzen kümmert, während sie mit ihrem Mann wochenlang im Sommerhaus in den Albaner Bergen weilt. Als hätte er sonst nichts zu tun! Wo ihn doch schon Freundin Clara verlassen hat, weil er nie Zeit für sie hatte.


    Kein Suizid! Ein Mordfall!

    Dann kommt auch noch die alte Signora Gaeta daher und verlangt, dass er sich ein „Wunder“ ansehen soll, das sich in der Kirche ereignet, in die sie immer geht. Die Madonnenstatue dort weint blutige Tränen. Für so einen Mumpitz hat der Commissario im Moment gar keinen Kopf. Der angebliche Suizid des Kunststudenten Ugo Santis hat sich nämlich gerade als Mordfall erwiesen und kein Mensch kann sich erklären, wer dem unauffälligen jungen Mann so etwas hätte antun wollen. Zu holen war bei ihm nichts. Und warum findet man Spuren von Öl und Mehl an dem Toten?



    Was haben die Opfer gemeinsam?

    Weil die Polizei ratlos ist, kann sie auch nicht verhindern, dass es weitere Mordfälle nach demselben Muster gibt.


    Als geübte:r Krimi-Leser:in hat man relativ schnell eine Theorie und möchte am liebsten die Polizisten am Ärmel zupfen und sagen: „Prüft doch mal dies, fragt doch mal das! Und schaut dem und jenem auf die Finger ... da gehen ganz merkwürdige Dinge vor sich!“ Aber wir können uns leider nicht bei den Romanfiguren bemerkbar machen und müssen daher hilflos zusehen, wie die Ermittlungen immer wieder knapp an dem vorbeischrammen, was wir für die Wahrheit halten.


    Immer wieder führt die Spur in die Kirche mit der Blut weinenden Madonna. Signora Gaeta hätte bestimmt eine Menge darüber zu erzählen, aber sie ist leider nicht zu erreichen ...


    Schlauer als die Polizei

    Auch mal schön, wenn der Leser (gefühlt!) schlauer ist als die ermittelnden Beamten und dauernd darauf hinfiebert, dass diese endlich in dieselbe Richtung denken wie er. Warum bemerken die Polizisten nicht, was für Ugos Schwester so offensichtlich ist? Wieso hören sie nicht auf die junge Fallanalytikerin? Und weshalb sind sie in Bezug auf die Spuren am Tatort so begriffsstutzig?


    Was wir denken sollen

    Nun, durch die Auswahl dessen, was uns die Autorin über Nebenfiguren und Nebenhandlungen erzählt, läuft unser Denken gezielt in eine Richtung. Die Polizisten haben diese Lenkung nicht. Doch wenn Autor:innen so etwas tun, muss man immer auch in Betracht ziehen, dass sie womöglich falsche Fährten legen und uns gezielt in die Irre führen.


    Es wuseln viele Figuren in dem Roman herum, aber ich war jederzeit darüber im Bilde, wer hier wer ist. Dabei hilft, dass mit dem Namen meist auch die Berufsbezeichnung, der akademische Grad bzw. der Rang genannt wird. Die Begeisterung für Titel hat durchaus Vorteile.


    Meinetwegen dürfen diese Römer gern in Serie gehen! Es ist ja auch noch nicht alles gesagt. Ich wüsste zum Beispiel gern, ob die Sache mit Rosas drei Münzen nun geklappt hat und ob Commissario Leones Vater endlich einsieht, dass sein Sohn einen guten Job macht und auf seinem Posten goldrichtig ist. Den jungen Computer-Spezi, so impulsiv und großspurig er auch ist, sollte die Polizei sich warm halten. Er ist kompetent und unerschrocken und ich könnte mir vorstellen, dass seine familiären Kontakte zu den Großkopferten manchmal hilfreich sein könnten.


    Und was ist jetzt mit dem Wunder der weinenden Madonna? Hm, das weiß wohl nur Gott – und die Jungs vom Vatikan.


    Kopfnuss und Bonus

    Eine Kopfnuss gibt’s fürs Korrektorat: „Heißer“ im Sinn von „wärmer“ und „heiser“ im Sinn von „Halsbeschwerden“ sind zwei verschiedene Wörter. ;-) Da hat die Autokorrektur wohl mehrfach eigenmächtig gehandelt und niemand hat’s gesehen. – Einen Bonus gibt’s für die Leser:innen im Anhang: ein Rezept für „Pasta al Forno“. Gutes Essen ist in diesem Buch sehr wichtig. Der Commissario versteht etwas davon, hat aber wenig Zeit dafür, stapft meist hungrig durch den Fall und greift tüchtig zu, wann immer sich die Gelegenheit bietet.


    Die Autorin

    Patrizia Zannini wurde in Stuttgart geboren. Sie ist ausgebildete Fotografin und studierte Werbung. Sie arbeitete erfolgreich als Texterin und Konzeptionerin in einem großen Verlag. Inzwischen widmet sich Patrizia Zannini ganz dem Schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Stuttgart und Berlin.

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    Ulrike Renk: Ursula und die Farben der Hoffnung. Roman. Band 2 der Reihe „Eine Familie in Berlin“, Berlin 2022, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-3764-8, Softcover, 466 Seiten, Format: 13,1 x 3,9 x 20,4 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    Entrüstet setzte sich Ursula auf. „Natürlich bin ich mir sicher, wohin mich mein Weg führen soll. Ich will Illustratorin werden.“ – „Gut“, sagte Großmutter und setzte sich lächelnd in ihren Sessel am Kamin. „Dann mach das doch.“ (Seite 321)


    Wenn das die Geschichte der Dichterfamilie Dehmel aus Berlin ist – beziehungsweise Hamburg-Blankenese, wo Paulas Ex-Gatte Richard mit seiner zweiten Ehefrau Ida wohnte –, wieso ist die Heldin dieses Romans dann eine Arzttochter aus Wuppertal, die unbedingt vom Zeichnen leben will? – Geduld! Das klärt sich.


    Ursula will nichts als zeichnen

    Potsdam 1911: Ursula Stolte, 15, ist mit Mutter und Schwester bei den Großeltern zu Besuch. Stiefvater Fritz und die kleineren Geschwister sind zuhause in Vohwinkel (Wuppertal) geblieben. An Omas Klatsch mit ihren Freundinnen, die am kaiserlichen Hof zu tun haben, hat Ursula kein Interesse. Lieber zeichnet sie die Damen. Eigentlich sieht man sie nie ohne ihren Skizzenblock, was bei ihrer Verwandtschaft verständnisloses Kopfschütteln auslöst.



    Begegnung mit Paula Dehmel

    Durch ihre Großmutter lernt Ursula die Dichterin Paula Dehmel sowie deren Töchter Vera und Liselotte kennen. Von ihnen fühlt sie sich verstanden. Die Dehmels sind offen für alles Künstlerische und haben Erfahrung mit komplizierten Familienverhältnissen. Paulas Tochter Vera, fünf Jahre älter als Ursula, wird zu deren bester Freundin und ein bisschen auch zum Vorbild. Sie ist so erwachsen, selbstbewusst und spontan – und sie studiert Kunst! Das könnte Ursula auch gefallen.


    Ein bisschen unheimlich sind ihr die „verrückten“ Künstler schon, zu denen Vera sie mitschleppt. Paula Dehmel ist ja ein Schatz und wird schnell zu einer Art Ersatzmutter für Ursula – und zu ihrer ersten Auftraggeberin. Vor ihrem wortgewaltigen und groben Ex-Mann Richard hat das Mädchen allerdings Angst und der Kunststudent Georg Groß, später bekannt als George Grosz, wechselt erschreckend schnell die Stimmungen. Eben noch nett und freundlich, genügt ein falsches Wort und er wird zornig, laut und gemein. Das ist anstrengend und nicht sehr angenehm.


    Eine aufregende neue Welt

    Rügen, Sommer 1912: Ursulas „Feuertaufe“ kommt, als Vera sie, während ihre Familien an der Ostsee Urlaub machen, überredet, mit ihr für zwei Tage nach Rügen zu fahren. Dort verbringen ihre Künstlerfreund:innen in wechselnder Besetzung den Sommer in einem allmählich verfallenden Gutsverwalterhaus. Man weiß nie genau, wer gerade da ist. Georg Groß wahrscheinlich, Heinrich Vogeler, Else Lasker-Schüler vielleicht ...



    Ursula sieht ihren Weg

    Einer der schrägsten Vögel ist Tetjus Tügel, zu dem Vera Dehmel eine besondere Beziehung hat. Auch, wenn ein dramatisches Ereignis dem Ausflug ein trauriges Ende setzt: Für Ursula waren die zwei Tage ein Erfolg. Jetzt weiß sie, was sie will. Sie möchte Gebrauchskunst machen, also zum Beispiel Bücher, Zeitungen und Plakate gestalten. Für „Ausstellungskunst“, denkt sie, habe sie der Welt zu wenig zu sagen. Aber dieses Künstlervolk, das ist absolut ihre Welt!



    Zukunftspläne

    Im Frühjahr 1914 geht das Studium los und Ursula meistert es ganz wunderbar. Bei Dehmels geht sie ein und aus, als gehöre sie zur Familie. Zwischen ihr und Veras Bruder, dem Medizinstudenten Heinrich, knistert es. Leider ist er verlobt. Zwar würde er die einfältige „Gretel“ lieber heute als morgen loswerden, aber er kriegt den A*** nicht hoch, um das Trennungsgespräch zu führen. Lange schaut Ursula sich das nicht mehr an! Doch dann geschieht etwas, das alle Zukunftspläne zur Makulatur macht: Der Erste Weltkrieg bricht aus. Was wird jetzt aus den Hoffnungen und Träumen der jungen Künstler:innen? Alles zu Ende?


    Es ist spannend und interessant, Ursulas Weg vom braven Bürgertöchterlein mitten hinein in die Künstler-Bohéme zu verfolgen. Ein Selbstfindungsprozess der besonderen Art, der zur damaligen Zeit sicher nicht selbstverständlich war.


    Eine wilde Patchworkfamilie

    Hatte ich in Band 1 noch eine Riesenwut auf den egozentrischen Fremdgänger Richard Dehmel und seine Ida, ist diese jetzt verpufft. Richard ist ruhiger geworden, Ida erweist sich als genau die Partnerin, die zu ihm passt und Paula und die Kinder haben sich mit den beiden arrangiert. Das ist jetzt einfach eine große, wilde Patchworkfamilie und Ursula ist mittendrin. Wenn sich keiner der Beteiligten mehr über Richard aufregt, warum sollte ich ...? Mein neues Feindbild ist Ursulas Schwager Helmuth. So ein arroganter Spießer! Also, echt jetzt!


    Ich habe den Roman in Rekordzeit gelesen und mich nur dadurch ausgebremst, dass ich voller Neugier im Internet nach weiteren Informationen über die Personen gesucht habe. Ida Dehmel sah ja toll aus und war eine faszinierende Erscheinung! Wie kamen Richards Kinder nur auf die Idee, sie „Isi“ zu nennen? Meine Vermutung, dass sie eigentlich Isidora geheißen haben könnte, hat sich nicht bestätigt. Das Haus der Dehmels in Blankenese steht noch und man kann es sogar besichtigen. Ich habe mir Idas Perlenarbeiten angesehen und natürlich Ursulas Zeichnungen. Am Schluss hatte ich das seltsame Gefühl, die Menschen in diesem Buch wirklich zu kennen.


    Wie geht’s weiter?

    Ein wenig habe ich bei meinen Internetrecherchen schon „gespoilert“ und ahne im Ansatz, was auf Ursula noch zukommen wird. Ich freue mich schon darauf, es von der Autorin bald ausführlich erzählt zu bekommen.


    Die Autorin

    Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga, die Ostpreußen-Saga, die Seidenstadt-Saga und zahlreiche historische Romane vor. Mehr zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

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    Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven, München 2022, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-06284-8, Klappenbroschur, 205 Seiten, Format: 13,6 x 1,75 x 20,5 cm, Buch: EUR 16,00 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 15,99.


    „Wer also in seinem ‚Good Vibes Only’-Positivitätswahn verlangt, man solle sein ‚Mindset’ ändern und sich nur noch auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren, der zerstört das politische Potenzial der kollektiven Aufregung. Wenn niemand herausbrüllt, dass der König – mit Verlaub – ein egozentrisches, raffgieriges A***l*ch ist, wird niemand die Bastille erstürmen.“ (Seite 114)


    Aha, ich bin also doch nicht allein mit meiner Ansicht! Das Gesabbel vom „positiven Denken“ geht mir schon seit Jahrzehnten auf den Senkel. Manches im Leben ist einfach blöd. Nicht alles Negative ist dazu da, dass der Mensch daraus etwas lernt. Sh*t happens. Da bringt es nichts, sich die Sache schön zu reden und sich sein Unbehagen wegtherapieren oder wegcoachen zu lassen.


    Handeln statt schönreden!

    Es wäre oft sinnvoller, erst einmal herzhaft zu schimpfen, sich gegebenenfalls mit anderen zusammenzutun und die Situation zu verändern. Sind beispielsweise die Arbeitsbedingungen mies, braucht man kein Yoga, keinen Beruhigungstee und keine veränderte innere Einstellung, sondern einen Betriebsrat und/oder einen neuen Job. Durch Schönreden werden gesellschaftliche oder politische Themen ins Psychische verlagert und die Verantwortung dafür dem Einzelnen aufgebürdet.


    „Das Geniale daran: Wenn alles nur unsere Einstellung ist, warum sollte sich dann noch irgendjemand um bessere Schulen, Bezahlung oder Krankenversorgung bemühen? So wird dann auch der Kampf um bessere Lebensbedingungen oder gerechtere Einkommen von vornherein untergraben.“ (Seite 61)


    Natürlich soll man nicht so negativ und fatalistisch denken, dass man gar nichts mehr unternimmt, ‚weil’s ohnehin nichts bringt’. Aber wenn unser Problem „am System“ liegt, sollten wir mit der Lösung auch dort ansetzen und nicht versuchen, unsere eigene Belastbarkeit zu steigern. Wenn sich alle, die mit ihrer Situation unzufrieden waren, still angepasst hätten, säßen wir heute noch auf den Bäumen. „Unzufriedenheit ist der Motor des Fortschritts“, hat mein Vater immer gesagt.


    Alles Eigenverantwortung?

    Wer hat sich das mit dem „positiven Denken“ eigentlich ausgehirnt? Martin Seligman, sagt die Autorin. „Höchstpersönlich baute er an seiner Uni in Pennsylvania im Jahr 2001 das Positive Psychology Center aus. [...] Hier traf Motivationspsychologie auf neoliberales Weltbild und es war ein match made in heaven (oder hell, wie man es nimmt.“ (Seite 51) Nun haben wir den Salat und müssen uns sagen lassen, wir könnten alles erreichen, was wir wollen, wenn wir uns nur anstrengen und fest an uns glauben. Beruflicher Erfolg, Liebe, Glück und Gesundheit – alles liegt angeblich allein in unserer Verantwortung. Und wenn etwas nicht klappt, haben wir uns eben nicht genügend bemüht.


    Daraus leiten manche dann das Recht ab, kranken Mitmenschen generell die Schuld an ihrer Erkrankung zu geben. Wenn jemand ungesund lebt und diverse Warnschüsse überhört, okay ... aber viele trifft es auch aus heiterem Himmel. Und dann ist so eine Anschuldigung einfach daneben.


    Völlig pervertiert wird die Idee von der Eigenverantwortung, wenn man an eine „Bestellung beim Universum“ glaubt. Da stellt man sich irgendwas ganz dolle vor und das Universum liefert es dann prompt – ob Parkplatz, Partner oder Lottogewinn. Das ist kindlich-magisches Denken! Oder, wie die Autorin schreibt: „[Das] ist so unendlich bescheuert, dass man gar nichts mehr weiter dazu sagen muss. (Seite 40)


    Lasst euch nichts einreden!

    Aber es kann uns ja niemand zwingen, diesen Mumpitz mitzumachen. Kein Mensch muss sich auf der Jagd nach dem Glück verausgaben, wenn er Besseres zu tun hat. Rückschläge und schwere Zeiten gehören zum Leben, man darf also ruhig mal schlecht drauf sein. Es ist auch nicht nötig, uns als immerfort glücklich zu inszenieren, ob nun online oder im wahren Leben. Selbst am Wettrüsten um die teuerste und pompöseste Hochzeit braucht man nicht teilzunehmen. Und neumodische Albernheiten wie „Gender Reveal Partys“ darf man getrost ablehnen.


    „[...] Wenn jemand Leid auf großer Linie als ‚Eigenverantwortung’ bagatellisiert oder uns davon überzeugen will, dass wir noch viel glücklicher sein könnten, spitzt man am besten die Ohren. Denn die Obsession mit dem Glück ist politisch – und von ihr profitiert ein ganzer Zweig der Konsumindustrie.“ (Seite 171)


    Auf nahezu jeder Seite des Buchs habe ich Unterstreichungen vorgenommen, weil ich den Worten der Autorin zustimme und/oder weil sie mir Erklärungen für meine Beobachtungen liefern. Seit ich hier gelesen habe, was „depressive Realisten“ sind (was Positives!), wird mir so einiges über mein Umfeld klar. Und Frau Schreibers Beitrag über den Zweifel lässt mich endlich verstehen, warum bei früheren Chefs schon ein gut gemeinter Verbesserungsvorschlag als Angriff und Majestätsbeleidigung galt.


    Wem nutzt das?

    Nun halte ich die Sache mit dem positiven Denken zwar nicht für eine groß angelegte Verschwörung, aber es profitieren doch einige davon, dass jeder für sich versucht, sich zu optimieren, statt gemeinsam mit anderen etwas an den Verhältnissen zu ändern. Ich hatte schon vor etlichen Jahren das Gefühl, dass wir diesbezüglich kräftig ver*rscht werden. Im Beruf habe ich diverse Entlassungswellen und eine irrwitzige Arbeitsverdichtung erlebt. Und als Problemlösung kam man uns mit Entspannung und Selbstorganisation. Ich dachte immer, ey, das kann doch nicht sein! Hier macht jeder den Job von drei Leuten und wenn wir ein Problem damit haben, will man uns zeigen, wie wir das besser wegstecken? Wir brauchen keine Meditation und keine Selbstorganisationstipps. Wir brauchen mehr Personal!


    Damals habe ich nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Ich wusste ja nicht, das ich mit meiner Vermutung richtig liege. Wenn einem alle Welt was anderes einredet, kann man schon mal an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. Da freut mich natürlich die späte Bestätigung durch dieses Buch. Und, oh Wunder: Ich bin hier tatsächlich mal einer Meinung mit Elke Heidenreich: »Das ist ein Buch nach meinem Herzen! Schnell, frech, wütend!«, Elke Heidenreich, Kölner Stadt-Anzeiger Published On: 2022-03-25


    Die Autorin

    Juliane Marie Schreiber ist Politologin und freie Journalistin. Ihr Buch »Bilder als Waffen« erhielt den Wissenschaftspreis »Aquila Ascendens«. Sie schreibt unter anderem für ZDFheute, den Freitag und das Philosophie Magazin. Schreiber ist im Team von Jung & Naiv und hat eine eigene Interviewreihe. Sie studierte in Berlin und Paris und arbeitete für Stiftungen und im Bundestag.

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    Elke Weiler: Rindviecher im Nebel. Ein Landkrimi, ein Nordseekrimi, ein Hundekrimi, Meßkirch 2022, Gmeiner Verlag, ISBN: 978-3-8392-0187-9, Klappenbroschur, 278 Seiten, Format: 13,5 x 2,5 x 20,6 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99.


    „Wenn ich so darüber nachdachte, wussten wir eigentlich viel. Wir hatten die Leiche entdeckt. Wir wohnten in der Nähe und konnten jederzeit die entsprechenden Orte checken. Wir hatten gute Kontakte. Wir hatten quasi aus erster Hand von der Obduktion erfahren. Nur hatten wir die Puzzleteile noch nicht korrekt zusammengesetzt.“ (Seite 245)


    Ich-Erzählerin in diesem Buch ist Bearded Collie Julchen (8), die in der Hündin der Autorin ein reales Vorbild hat. Und weil so ein Tier sich auf Menschendinge einen ganz eigenen Reim macht, muss man als Leser:in erst einmal ein paar Vokabeln lernen, um aus Julchens Ausführungen überhaupt schlau zu werden. Das hat man aber schnell drauf.


    Bauer Thule ist verschwunden

    Julchen lebt mit ihrem „Rudel“ – Madame et Monsieur, Rüde Janni sowie 3 Hennen auf der Nordseehalbinsel Eiderstedt. Hier kennt man seine Nachbarn und kümmert sich umeinander. Als der Hof des Bauern Thule menschenleer vorgefunden wird, mit offen stehenden Türen und frei laufenden Rindern, sind Freunde und Bekannte verwirrt und besorgt. Nie hätte der pflichtbewusste Mann seine Tiere im Stich gelassen und sich unangekündigt vom Acker gemacht! Da muss etwas passiert sein.


    Die Polizei will in dieser Angelegenheit nichts unternehmen. Thule ist erwachsen und bei Verstand, er kann sich aufhalten, wo er will. Julchen und ihr Rudel bezweifeln allerdings, dass er den Hof freiwillig verlassen hat. Und so ermitteln sie selbst. Eine blutige Harke, eine Blutspur auf der Weide sowie ein Paar Gummistiefel, das nicht Thule gehören kann, sprechen eher für Fremdeinwirkung.


    Collie Julchen ermittelt


    Weil die Menschenpolizei trotzdem nicht aus dem Quark kommt, nimmt Julchen, die selbst ernannte „beste Schnüfflerin Nordfrieslands“ (Seite 48), die Ermittlungen in die eigenen Pfoten. Das ist gar nicht so einfach. Zwar kann sie sich als Tier Zugang zu Orten verschaffen, die gesetzestreuen Zweibeinern nicht so leicht zugänglich sind, aber das bringt nicht viel, wenn sie ihre Erkenntnisse den Menschen nicht begreiflich machen kann. Und die sprechen nun mal sehr schlecht hundisch. Auch sonst ist die artenübergreifende Kommunikation problematisch. Thules Tiere wissen unter Garantie, was sich auf dem Hof abgespielt hat, aber Julchen versteht nicht, was die Kühe und Hühner ihr mitteilen wollen.


    Viele Verdächtige!

    Klar ist nur – und auch Madame et Monsieur sehen das so – dass sich mehrere Menschen ziemlich verdächtig machen: Thules Exfrau Nele, selbst wenn sie die Obduktion veranlasst hat, ihr Lebensgefährte Finn, der zwielichtige Immobilienmakler Hinnerk ... sogar Thules Freund und Nachbar Tamme und seine Frau scheinen mehr zu wissen, als sie zugeben wollen. Und weshalb hat Radfahrerin Bente ihre Beobachtungen nicht gleich der Polizei gemeldet? Für Julchen und ihre Menschen fühlt es sich gar nicht gut an, so viele Leute, die sie kennen und mögen, auf einmal des Mordes zu verdächtigen.


    Julchen & Co. tun ja ihr Möglichstes, um heimlich zu ermitteln, stellen sich dabei aber meist so ungeschickt an, dass ihre Absichten schnell erkennbar werden. Der Konsum von Fernsehkrimis macht aus naseweisen Amateuren eben doch keine professionellen Detektive.


    Krimitechnisch Luft nach oben

    Für mich als Leserin kam diese Auflösung jedoch ein bisschen plötzlich.

    In Bezug auf die Krimihandlung wäre hier noch Luft nach oben gewesen.


    Stimmungsvoll und witzig

    RINDVIECHER IM NEBEL ist eher eine stimmungsvolle und witzige Beschreibung des Landlebens in der Marsch als ein spannender Kriminalroman. Die Landschaftsbeschreibungen sind großartig! Doch ich hatte die ganze Zeit den Eindruck, es müsse eine Vorgeschichte geben, die mir nur nicht bekannt ist. Ich habe tatsächlich ein Momentelchen gebraucht um zu kapieren, dass Janni auch ein Hund ist. :-D


    Immer wieder werden vergangene Ereignisse angerissen, als hätte man darüber schon einmal ausführlich berichtet. Ich vermute, das steht/stand alles in den drei Hunde-E-Books der Autorin, die jetzt nicht mehr erhältlich sind. Dort wird vielleicht auch erklärt, was es mit der Psychologin/Psychotherapeutin „Mademoiselle Julie“ auf sich hat. Hält Hündin Julchen sich für eine solche? Ich habe das in diesem Buch nicht ganz begriffen.


    „Insider-Job

    Die RINDVIECHER sind unterhaltsam aber in sehr gemächlichem Erzähltempo unterwegs. Und das Gefühl, dass Julchen sich mit ihren Geschichten an Insider wendet, zu denen ich nicht gehöre, hat mich stets begleitet.


    Die Autorin

    Die Kunsthistorikerin und ehemalige Reisejournalistin Elke Weiler hat Reise-, Hunde- und Architekturbücher verfasst und widmet sich in Zukunft der Fiktion. Gerade ist ihr erster Kriminalroman erschienen.

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    Elke Schwab: Kriminelle Intelligenz. Ein Baccus-Borg-Krimi, Münster 2021, Solibro Verlag, ISBN 978-3-96079-088-4, Softcover, 376 Seiten, Format: 11,8 x 2,7 x 18,8 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 10,99.


    Was erwartet uns hier? Ein (Regional-)Krimi mit einem Hauch Science Fiction. Die Geschichte spielt im Saarland, hat einen leicht komödiantischen Touch, macht sich aber nicht über die Region und ihre Bewohner lustig. Und kein Mensch spricht Dialekt!


    Aus wirtschaftlichen Gründen ist es eine große Sache, dass die Firma DynamoCars am Stadtrand von Saarlouis ein supermodernes Werk errichtet hat. Damit die Firma genügend Platz für ihre Produktionsstätten bekam, mussten Anwohner ihre Häuser verkaufen. Und jetzt werden da Elektroautos gebaut. Der neueste Coup des Unternehmens: autonom fahrende Kraftfahrzeuge. Die sind noch in der Testphase. Aber das wär’s natürlich: Wenn das kleine Saarland den namhaften Mitbewerbern in aller Welt hier um eine Nasenlänge – ach was: um eine Autolänge! – voraus wäre!


    Ein Toter in der Baugrube

    Da ist es natürlich eine heikle Sache, dass bei den Aushubarbeiten für eine neue Produktionshalle ein Toter gefunden wird. Der liegt da schon ein paar Jahre und er ist da nicht zufällig hingeraten. Die Mordwaffe wird ganz in seiner Nähe entdeckt. Für die Kriminalkommissare Lukas Baccus und Theo Borg sowie ihre Kollegen ist schnell klar: Bei dem Mordopfer handelt es sich um Ulf Brehmer, der sich vor fünf Jahren vehement gegen den Verkauf seines Hauses gewehrt hat, obwohl DynamoCars mehr als großzügige Entschädigungssummen gezahlt hat. Und plötzlich war er verschwunden.



    Tödliche Testfahrten

    Der fünf Jahre alte Mordfall rückt etwas aus dem Fokus, als es bei Testfahrten mit den autonomen Fahrzeugen zu einer Serie von tödlichen Unfällen kommt. Offensichtlich ist die Technik nicht so ausgereift, wie die Verantwortlichen glauben. Sie ist auf jeden Fall erschreckend anfällig für Störungen von außen. Es ist nicht einfach technisches Versagen, da murkst jemand an den Autos rum! Wir Leser:innen wissen das lange vor dem Firmenchef und der Polizei, weil wir parallel zur Handlung die Gedanken des Saboteurs verfolgen – ohne zu wissen, wer es ist und warum er/sie das macht. Ist es überhaupt ein Mensch? Oder entwickelt hier die künstliche Intelligenz ein monströses Eigenleben?


    Für die Kripo ist die Technik hinter den autonom fahrenden Autos Neuland. Die Beamten haben weder das nötige Know-how noch die passende Ausrüstung, um mit dem mörderischen Saboteur Schritt zu halten. Verschiedene personelle und persönliche Probleme sowie die Weisung „von oben“, der Firma DynamoCars keinesfalls Ungelegenheiten zu bereiten, erschweren die Ermittlungen zusätzlich.


    Saboteur, Mörder, Attentäter

    Zwar hat Kriminalpsychologin Silvia Tenner schon bald eine Vorstellung davon, wie der Täter tickt, aber leider tummeln sich im Dunstkreis der Autofirma haufenweise Nerds, auf die diese Beschreibung mehr oder weniger zutrifft. Unklar ist, ob der Saboteur/Mörder/Attentäter die Opfer seiner „Verkehrsunfälle“ kannte oder ob es sie zufällig erwischt. Möchte er generell das Projekt „selbstfahrende Autos“ torpedieren, will er speziell diesem Unternehmen schaden oder ist er auf einem ganz anderen Trip? Mit viel Phantasie lassen sich zwischen den Opfern Gemeinsamkeiten konstruieren, aber das könnte auch Zufall sein. Und es ist immer noch die Frage offen, wer vor fünf Jahren den Protestler Uwe Brehmer erstochen hat. Können die beiden Fälle zusammenhängen?


    Den Damen und Herren von der Kripo bleibt nichts anderes übrig, als tief in die Welten der Technik und Psychologie einzutauchen, um den oder die Täter zur Strecke zu bringen. Durch elegantes und aufs Nötige reduziertes „Infodumping“ lernen wir Leser:innen zusammen mit den Kriminalbeamten so manches dazu.


    Mit Hang zur Krimi-Parodie

    Damit die Geschichte nicht zu grausam und faktenlastig wird, gibt’s jede Menge galgenhumoriges Geplänkel unter den Kolleg:innen. Manchmal kippt das ganze schon ein bisschen in Richtung Krimi-Parodie. Der polternde Kriminalrat, der seine Mitarbeiter wie ungezogene Schulbuben antreten lässt und runterputzt sowie der Kollege, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Bibelzitate raushaut, das sind für mich Karikaturen. Und dass die Kommissare Lukas Baccus und Theo Borg – zwei mäßig erfolgreiche „spätmittelalte“ und ziemlich durchschnittliche Kerle – wieder mal die heißesten Weiber abschleppen, ist ein Klischee, bei dem ich nicht weiß, wie ernst ich es nehmen soll. Wird das hier nur durch den Kakao gezogen?


    Den ernsten Kriminalfall und die herumkaspernden Polizisten kriege ich manchmal nicht so recht zusammen. Ein bisschen Humor muss schon sein, aber ich möchte das Ermittlerteam noch für voll nehmen können. Das gelingt mir hier nicht immer. (Die letzte Testfahrt! Die Krankenhausszenen!)


    Schwachstelle Mensch

    Die Kriminalfälle rund um die Autofirma finde ich spannend und faszinierend. Ich mag ja so Technik-Kram. Hat man sich noch einen Rest von naivem Fortschrittsglauben bewahrt, vergeht einem dieser hier schnell.


    Ich hoffe, im realen Leben ist der Fahrer der Technik eines selbstfahrenden Autos nicht ganz so hilflos ausgeliefert wie im Roman.


    Die Autorin

    Nach vierzehn Jahren in Frankreich hat sich die mehrfach ausgezeichnete Autorin nun wieder im Saarland niedergelassen, wo sie lebt – zusammen mit Ehemann, Pferd und Katze. Elke Schwab wurde 1964 in Saarbrücken geboren und ist im Saarland aufgewachsen. Nach dem Gymnasium in Saarlouis arbeitete sie über zwanzig Jahre im Saarländischen Sozialministerium. 2000 brachte sie ihr erstes Buch auf den Markt. Seitdem sind dreiundzwanzig Krimis und sechs Kurzgeschichten von ihr veröffentlicht worden.

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    Jochen Stadler: Kind braucht Hund. Wie sie beste Freunde werden (ab 12 J.), Salzburg – München 2021, Ecowin bei Benevento Publishing, ISBN 978-3 7110-0291-4, Hardcover mit Schutzumschlag, 205 Seiten, 15,1 x 2,1 x 21,3 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle EUR 18,99.


    „Es gibt triftige Gründe, Kindern [den Wunsch nach einem Hund] zu erfüllen. Hunde tun ihnen gut. Kinder, die mit dem besten Freund des Menschen aufwachsen, sind gesünder, weniger schüchtern oder überdreht und können besser mit stressigen Situationen umgehen. Sie lernen leichter und haben ein feineres Einfühlungsvermögen als ihre Altersgenossen, die keine Fellnasen zum Partner haben.“ (Seite 13)


    So ganz klar ist mir nicht, wieso der Verlag hier die Altersangabe „ab 12“ macht. Dieses Sachbuch wendet sich nicht primär an Kinder und Jugendliche. Die wären von manchen Ausführungen vermutlich überfordert. Wenn sie sich trotzdem durch das Buch kämpfen, finden sie dort viele Argumente, die für die Anschaffung eines Familienhundes sprechen. Welcher Erziehungsberechtigte könnte dieser Fülle von Vorteilen schon widerstehen, die der Autor einem Leben mit Hund bescheinigt?


    Warum Kinder Hunde brauchen

    Natürlich erzählt Jochen Stadler hier nicht irgendwas, nur weil die Kinder das hören wollen. Er ist Hunde-Experte, hat sorgfältig recherchiert und er präsentiert uns im Anhang eine umfangreiche Liste mit Quellenangaben. Außerdem ist er ein Freund der Statistik. Was immer er behauptet, kann er mit einer Studie und Zahlen belegen. Mir gibt sowas immer ein gutes Gefühl.


    Ich glaube ihm also unbesehen, dass 99,3% aller Kinder ein Haustier wollen, am liebsten einen Hund. Auf welche Weise Kinder von Hunden profitieren, dröselt er uns im ersten Kapitel auf. Dass der „sachgerechte“ Umgang mit einem Hund die Kommunikationsfähigkeit, die Körperwahrnehmung und das soziale Handeln fördert, leuchtet ein. Auch der Gesundheit und der emotionalen Entwicklung sind Hunde zuträglich. Und das sind nur ein paar Punkte von vielen. Der Autor erklärt das alles sehr anschaulich.


    Wie gefährlich sind Hunde?

    Wenn da nur nicht die immer wiederkehrenden Meldungen in den Medien wären, dass wieder irgendwo ein Hund ein Kind gebissen hat! Das gibt es natürlich. Und bei kleinen Kindern ist so eine Bissverletzung deswegen oft lebensbedrohlich, weil der Hund sie aufgrund ihrer geringen Körpergröße im Gesicht, im Nacken oder am Oberkörper erwischt. „Die gute Nachricht ist aber auf jeden Fall: Hundebisse, die größere Verletzungen verursachen oder sogar gefährlich werden können, sind bei Kindern sehr selten, und die Zahl der Betroffenen wird Jahr für Jahr geringer, auch wenn die Medienberichte oft einen anderen Eindruck hinterlassen.“ (Seite 44)


    Natürlich muss man wissen, was man tut und darf Kleinkinder niemals unbeaufsichtigt mit dem Tier alleine lassen. Mensch und Hund brauchen erst Grundkenntnisse im Umgang miteinander um vernünftig interagieren zu können. Wenn der Mensch die Signale des Familienhundes lesen kann und seine Grenzen respektiert, hält sich die Gefahr in Grenzen. Der Autor beruft sich auf die Statistik: „Treppen und Bücherregale sind [...] weit gefährlicher als Hunde [...], schaffen es aber trotzdem kaum als Missetäter in die Schlagzeilen.“ (Seite 61)


    Kleine Hundekunde

    Leider lernt man „hundisch“ nur schwer aus einem Buch. Die eine oder andere Hundekundestunde mit einem erfahrenen Menschen und einem leibhaftigen Tier wäre einprägsamer. Aber dieses Kapitel ist zumindest mal ein Anfang. Wir lernen ein paar wichtige „Dos and Don'ts“ im Umgang mit dem Hund sowie den Basiswortschatz der „Hundesprache“ – verbal wie nonverbal. Da läuft ja vieles über Körpersignale.


    Theoretisch ist mir das schon klar, aber ich habe mich tatsächlich gefragt, ob’s irgendwo Anfängerkurse für angehende Hundehalter:innen gibt. Ich würde manches „am lebenden Objekt“ sehen wollen, um es wirklich zu begreifen.


    „Gut abgerichtet kann der Mensch der beste Freund des Hundes sein.“ – Corey Ford, Humorist. (Seite 145)


    Der optimale Familienhund

    Und wie kommt man nun an den Hund, der am besten zu einem passt? Empfehlung des Autors: „Der optimale Familienhund ist mittelgroß bis groß. [...] Am besten kauft man die Fellnase, [...] bevor das erste Baby auf der Welt ist und sucht sich einen guten und seriösen Züchter aus.“ (Seite 113)


    Wie das im einzelnen vor sich geht und was man tun und beachten sollte, erfahren wir in diesem Kapitel. Unter anderem geht es hier auch darum, welche Risiken es bergen kann, wenn man sich einen Hund aus dem Tierheim holt. Das ist an und für sich ein löbliches Unterfangen, aber der Autor findet, wenn man so etwas tut, sollte man sich gut mit Tieren und ihrem Verhalten auskennen und keine kleinen Kinder haben. Ich kann das nicht bewerten, ich gebe es hier nur wieder.


    Was Hunde lernen müssen

    Nicht nur der Mensch braucht „Umgangsformen“, um mit dem Hund klarzukommen, auch der Welpe muss einiges lernen. Da ist es wichtig, dass schon der Züchter ihn mit allem vertraut macht, womit er es später zu tun bekommen wird: Babys, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren ... Menschen mit Brillen, mit Hut, mit Schirm, mit Regenmantel, mit Kinderwagen, Gehstock, Fahrrad, Rollator ... Und das Lernen geht bei der Familie, in die der Welpe schließlich kommt, natürlich weiter.


    So eine Hundeerziehung ist ein anspruchsvolles Programm. Auch da gibt’s eine Menge „Dos and Don’ts“. Manche Übungen können Kinder mit dem Hund machen, ihm vielleicht sogar ein paar amüsante Tricks beibringen, aber natürlich unter Anleitung und Supervision durch Erwachsene.


    Kind und Hund im Alltag

    Beide Seiten müssen schon einige Lektionen gelernt und begriffen haben, ehe man Kind und Hund alleine „Gassi“ schicken kann. Und man sollte eines nicht vergessen: Die Verantwortung für den Hund – gesetzlich und moralisch – trägt der Erwachsene. Es ist toll, wenn junge Zweibeiner sich liebevoll und pflichtbewusst um ihren tierischen Freund kümmern, aber sie sollten immer eine schützende Hand über sich und ihrem Tier wissen.


    *****


    Auch wenn ich ein Katzenmensch bin und Jochen Stadler aufs Wort glaube, wenn er sagt: „Es ist tatsächlich zu mehr als der Hälfte genetisch festgelegt, ob jemand ein Hundefreund ist oder nicht“ (Seite 14), lese ich seine Bücher gern. Kompetent, unterhaltsam, klar und verständlich – so stelle ich mir ein Sachbuch für interessierte Laien vor. Allein mit diesem Buch würde ich es mir zwar nicht zutrauen, Kind und Hund zusammenzuführen, aber hundeaffine und -erfahrene Menschen finden hier mit Sicherheit wertvolle Informationen und Anregungen.


    Falls Leser:innen aus Deutschland und der Schweiz sich über ungewohnte Formulierungen in dem Buch wundern sollten: Dies ist ein österreichischer Autor und ein österreichischer Verlag, und in unserer gemeinsamen Sprache gibt’s nun mal kleine Unterschiede.


    Der Autor

    Jochen Stadler ist Biologe und schreibt als Wissenschaftsjournalist für die Austria Presse Agentur, das Wochenmagazin profil und das Wissenschaftsmagazin heureka. Er bildet seine Flat-Coated-Retriever-Hündin Kleo zum Rettungshund für den Wasser- und den Landeinsatz aus.

    978-3473408634

    Barbara Laban: Mitternachtskatzen, Band 1: Die Schule der Felidix (ab 9 J.), Ravensburg 2022, Ravensburger Verlag, ISBN 978-3-473-40863-4, Hardcover, 316 Seiten mit s/w-Illustrationen von Jérôme Pélissier, Format: 15,3 x 3,4 x 21,5 cm, Buch: EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    Ein Stipendium für Nova

    Nova Loxleys Pflegemutter hält nicht viel davon, dass Nova ein Stipendium für ein exklusives Londoner Internat bekommt. Aber ein bisschen geht’s ihr auch wie all den Pflegeeltern vor ihr: Sie ist erleichtert, das Mädchen auf gute Weise wieder loszuwerden. Nova ist den Menschen unheimlich:


    Die Eltern des anderen Neuzugangs an der Schule, Henry, stellen keine Fragen. Sie sind Forschungsreisende und den größten Teil des Jahres in entlegenen Weltregionen unterwegs. Sie sind froh, ihren Jungen irgendwo gut aufgehoben zu wissen.


    Was lernt man hier im Internat?

    Das noble Internat ist im berühmten Londoner Tower untergebracht. Es ist winzig – es hat gerade mal ein halbes Dutzend Schüler:innen. Schulleiter Horatio unterrichtet mehr schlecht als recht sämtliche Fächer. Überall laufen Katzen herum, die der Schulleiter liebevoll seine „Gäste“ nennt. Der erwachsene Leser fragt sich, was an der Schule so exklusiv sein soll. Die Kinder lernen hier ja gar nichts! Bis sich durch Zufall herausstellt, worum es hier wirklich geht: Hier werden Katzenbeschützer ausgebildet, so genannte „Felidix“. Die müssen erst die Katzensprache verstehen, ehe sie in den Genuss des vollständigen Unterrichts kommen. Und nicht jeder Kandidat schafft das.


    Bei Nova und Henry geht das blitzartig. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, als eines Abends ein Streunerkater auftaucht, sich als Edison vorstellt und explizit von ihnen Hilfe erbittet. Die ebenso ehrgeizige wie skrupellose Siamkatze Penelope hat mit Hilfe ihrer Schergen die Katzenkönigin Quinn von Piccadilly gefangengenommen, den Großteil ihrer Leibwache – die Mitternachtskatzen – außer Gefecht gesetzt und will sich nun selbst zur Königin krönen. Das muss verhindert werden, denn eine so grausame Königin braucht die Tierwelt nicht!


    Wichtig: Diese Rettungsmission muss geheim bleiben. Weder Schulleiter Horatio noch die Klassenkamerad:innen dürfen davon erfahren. Nova und Henry sind zwar als Katzenbeschützer denkbar unerfahren, argumentiert Edison, aber sie verfügen über Fähigkeiten, die den Katzen besonders wichtig erscheinen:


    Operation „Rettet die Königin!“

    Auch, wenn es schwierig ist, an Hector, Horatios misstrauischen roten Riesenkater vorbeizukommen ... wenn Henry es hasst, nachts unterwegs zu sein und wenn Nova für Operation „Rettet die Königin“ ihren Vater versetzen muss, den sie ohnehin nur so selten sieht: Die beiden Kids geben alles,


    Das Abenteuer fängt erst an

    Sprechende Katzen, mutige Kinder mit besonderen Talenten und geheimnisvoller Vorgeschichte, gruselige Gemäuer, Intrigen und Gefahren – aber auch unverbrüchliche Treue und Freundschaft: Hier ist alles drin, was eine Abenteuerreihe für junge Katzenfreund:innen braucht. Es gibt natürlich auch was zu lachen! Und wenn man den Katzen in dem Buch glauben kann, fängt das Abenteuer gerade erst an! Mit den beiden Findelkätzchen „Ick“ und „Ubi“ kündigt sich bereits das nächste Rätsel an, das die Katzenbeschützer:innen wohl zu lösen haben werden. Außerdem ist da ja noch die undurchsichtige Sache mit Novas Eltern ...


    Gut, im ersten Band einer neuen Fantasyreihe muss immer vieles erklärt werden. Das bremst ein bisschen das Erzähltempo. So richtig spannend wird’s hier erst, als der Rettungstrupp im unterirdischen London unterwegs ist. In den Folgebänden dürfte die Geschichte deutlich schneller auf den Punkt kommen.


    Die Illustrationen von Jérôme Pélissier sind klasse – das sind regelrechte Gemälde! Das Buch ist überhaupt sehr ansprechend gestaltet.



    Wahrscheinlich würden jetzt alle jungen Leser:innen am liebsten sofort auf diese Katzenflüsterer-Schule gehen. Damit Eltern dieser Idee etwas abgewinnen könnten, müsste der zerstreute Schulleiter Horatio bei der Allgemeinbildung aber noch zwei, drei Schippen drauflegen. Das Thema scheint er nämlich nur zu gern zu vernachlässigen. Und ich glaube nicht, dass man allein vom Katzenbeschützen leben kann. ;-)


    Die Autorin

    Barbara Laban studierte Sinologie und Japanologie in München, London und Taipei. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin, Therapeutin für chinesische Medizin und Studienleiterin in München und Amsterdam. Ihr Kinderbuchdebüt Im Zeichen des Mondfests wurde 2012 mit dem Goldenen Pick ausgezeichnet. Seitdem schreibt sie auf Deutsch und Englisch Bücher für Kinder und Jugendliche. Barbara Laban lebt seit über zehn Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in London.


    Der Illustrator

    Jérôme Pélissier hatte schon als Absolvent der Kunsthochschule École Estienne in Paris regelmäßig Besuch von Katzen, denn es gilt unter ihnen als große Ehre, von ihm gezeichnet zu werden. Mittlerweile lebt der Illustrator mit seiner Familie in einem der schönsten Dörfer Frankreichs in der Bretagne.

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    Jette Jorjan: Hoppelopp und Hummelum, Kinderroman (ab 6 J.), Hamburg 2021, Tredition, ISBN 978-3-347-48780-2, Softcover, 272 Seiten, mit zahlreichen s/w-Fotos und Illustrationen verschiedener Urheber, Format: 12 x 1,8 x 19 cm, Buch: EUR 12,–, Hardcover: EUR 20,–.


    Kleiner Hase ohne Durchblick

    Hasenjunge Hoppelopp war der Kümmerling in seinem Wurf und ist immer noch klein und ungeschickt. Seine Geschwister wissen nichts mit ihm anzufangen und seine Eltern machen sich Sorgen: Wird er jemals alleine zurechtkommen?


    Der erwachsene (Vor-)Leser ahnt, was mit dem kleinen Kerl nicht stimmt, seiner Hasenfamilie offenbart dies erst die Traumgöttin: Hoppelopp sieht schlecht und rennt deswegen überall dagegen! Jetzt kann man als Hase ja nicht einfach in die Stadt fahren und zum Optiker gehen. Aber auch für dieses Problem weiß die Traumgöttin eine Lösung. Wie die genau aussieht, sei an dieser Stelle nicht verraten, aber der kleine Hase bekommt bald vollen Durchblick. Total begeistert läuft er in den Wald, schaut sich alles an – und findet nicht mehr nach Hause! Jetzt muss er wirklich selbstständig leben.


    Bunt und knurrig: Hexe Hummelum

    Unterwegs trifft er auf eine andere Außenseiterin, die ein ähnliches Schicksal hat wie er: Die gute Hexe Hummelum, eine Heilerin, weiß, wie es ist, angestarrt und ausgelacht zu werden.


    Der kurzsichtige Hase und die schwerhörige Hexe freunden sich an und bestehen im Folgenden ihre Abenteuer gemeinsam. Dass sie von Charakter und Temperament her sehr unterschiedlich sind, ist dabei kein Hindernis. Die Erfahrungen, die sie im Leben machen mussten, schweißen sie zusammen.


    Der sanfte, wohlerzogene Hase Hoppelopp will allen Lebewesen helfen. Hexe Hummelum hätte die Möglichkeiten dazu, hat aber meist keine Lust. Wenn sie ihre Ruhe haben will, ist sie hemmungslos knurrig und pampig.


    Ungleiche Freunde

    So ist die kleine Hexe drauf. Aber der gutherzige Hase lässt nicht so schnell locker. Und wenn Hummelum sich schließlich dazu hat überreden lassen, jemandem zu helfen und alle glücklich und zufrieden sind, freut sie sich auch. Es soll aber keiner glauben, dass man mit jedem Unfug zu ihr kommen kann!


    Die zwei ungleichen Freunde sind ein lustiges Gespann, und die Tiere und Pflanzen des Waldes sind auch immer für einen Lacher gut. Die Zypresse spricht mit französischem Akzent, den man wahrscheinlich erst üben muss, ehe man einem Kind die Geschichte vorliest: „Kügelründer Küschelwüschelbüsch“. Wenn sie die kleine Hexe mit „Ümmlüm“ anspricht, können sich die beiden Freunde ein Grinsen nicht verkneifen.


    Über das „Wäää bättäää?“ („Wie bitte?“) des Eichelhähers kringelt sich nur der Hase. Von seinem ständigen Gekicher ist Hummelum bald genervt. Ich habe die Hexe anfangs ebenfalls für ein Kind gehalten, aber ich glaube, dass sie deutlich mehr Lebenserfahrung hat als ihr Kumpel Hoppelopp. Keine Ahnung, wie lange Hexen brauchen, um erwachsen zu werden. ;-)


    Helden mit Ecken und Kanten

    In einer phantastischen, märchenhaften Welt ist alles möglich und die Leser:innen können nie voraussehen, was als nächstes passieren wird. Die Geschichte ist voller Überraschungen. Das ist das Tolle daran. Dies und die Tatsache, dass Hoppelopp und Hummelum keine Superhelden sind, sondern Lebewesen mit Macken und Eigenheiten. Dass ihre jeweilige Behinderung nicht weggezaubert und „repariert“ wird, damit sie so sind wie die anderen, ist auch schön. Sie bekommen aber Hilfsmittel an die Hand, mit denen sie ein selbstbestimmtes Leben führen und fast alles tun können, was sie gerne tun möchten.


    Ein bisschen hadere ich mit den Illustrationen. Die sind ein Mix aus Schwarzweiß-Fotos und Zeichnungen von verschiedenen Künstlerinnen. Entsprechend unterschiedlich sind die Stile: Manche Abbildungen sind realistisch, andere sehen aus wie Cartoons, wieder andere wirken wie naive Kinderzeichnungen. Vielleicht fällt das den jungen Leser:innen gar nicht weiter auf oder es ist ihnen egal. Ich selbst bevorzuge eine einheitliche Gestaltung und empfinde eine Mischung stets als etwas verwirrend. Der phantasievoll-witzigen Geschichte der beiden grundverschiedenen Freunde tut das aber keinen Abbruch. Sie würde wahrscheinlich auch ganz ohne Bilder funktionieren.


    Die Autorin

    Jette Jorjan, geboren 1951 nahe der ostfriesischen Nordseeküste, nach Stationen in Berlin, England, Frankreich, USA, ist ihr Lebensmittelpunkt mit Mann und fünf Katzen im Sauerland. Als Sekretärin und techn. Übersetzerin (engl., franz.) arbeitete sie bei einem Maschinenhersteller.

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    Stella Cornelius-Koch: Wellenrauschen. Auf den Spuren der Vergangenheit, Roman, Bamberg 2021, Edition Forsbach, ISBN 978-3-95904-174-4, Softcover, 277 Seiten, Format: 12,7 x 2,7 x 18,8 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 6,90.


    „Doch was wäre, wenn sie Hanna trotzdem nicht ausfindig machen konnten oder sie bereits gestorben wäre? Oder auch, wenn sie sie finden würden: Was wäre, wenn Hanna gar nichts mit ihnen zu tun haben wollte? Oder wenn sie ihnen ein Geheimnis über Carl offenbaren würde, das besser ungelüftet bliebe?“ (Seite 147)


    Ein mysteriöser Brief im Nachlass

    Heiligenhafen: Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes Carl wagt sich Louise Martens (69) endlich daran, die Kiste mit seinen persönlichen Papieren zu sichten. Neben allerlei langweiligem Kram findet sie einen kaum mehr leserlichen Brief aus den 60er-Jahren von einer Hanna aus New York und es liegt das Foto einer attraktiven jungen Frau bei. Wer ist das? Offenbar eine von Carls Verflossenen. Warum hat er sie nie erwähnt, wenn sie ihm augenscheinlich so wichtig war, dass er fast 50 Jahre lang ihren Brief und ihr Foto aufbewahrt hat?


    Louise alarmiert sofort ihre Schwiegertochter Sina (39), mit der sie schon befreundet war, lange bevor diese ihren Sohn Mark kannte. Sina gelingt es, den eingescannten Brief zur Gänze lesbar zu machen. Trotzdem bleiben Fragen: Warum ist Hanna alleine ausgewandert? Ihr Brief ist liebevoll, es sieht nicht danach aus, als habe sie sich im Streit von Carl getrennt.


    Wer ist Hanna?

    Als Texterin und Buchautorin ist Sina das Recherchieren zur zweiten Natur geworden. Allen ist klar, dass sie nun nicht mehr locker lassen wird, bis das Geheimnis um Hanna gelöst ist. Dabei hat sie derzeit ganz andere Sorgen.


    Natürlich wird auch Freundin Nr. 3 umgehend informiert, die etwas schusselige Ernährungsberaterin Karin (52). Die leidet derzeit nicht nur unter Wechseljahrbeschwerden, sondern auch unter den Auswirkungen ihrer ungewöhnlichen Patchworkfamilie:


    Da ihre „Problembären“ beratungsresistent sind und machen, was sie wollen, können Sina und Karin ihre Energie ebenso gut darauf verwenden, ihrer Freundin Louise bei der Suche nach der geheimnisvollen Hanna zu helfen. Dass ihr Mann so etwas Wichtiges vor ihr verheimlicht hat, macht ihr schwer zu schaffen.


    Unter seltsamen Umständen tauchen weitere Briefe von Hanna auf. Sie lassen auf eine große Liebe schließen und auf strenge, verständnislose Eltern. Leider lebt von Carls Familie niemand mehr, den man nach Hanna fragen könnte. Selbst Louise hat ihre Schwiegereltern kaum gekannt. Ihre Hochzeit mit Carl haben sie schon nicht mehr erlebt.


    Die Spur führt nach New Jersey

    Sinas Recherchen führen nach New Jersey. Offenbar hat sie Shirley, Hannas Tochter, gefunden. Also lassen die drei Frauen alles stehen und liegen und fliegen in die USA. Als sie Shirley schließlich gegenüberstehen, fallen sie aus allen Wolken. Was sie sich über die Ereignisse in den 60er-Jahren zusammengereimt haben, kann so nicht gewesen sein!


    Leider will Hanna nicht mit ihnen sprechen. Sie hat mit ihrem Leben in Deutschland endgültig abgeschlossen. Doch die drei Freundinnen haben nicht diese weite Reise auf sich genommen, um sich auf den letzten Metern abwimmeln zu lassen. So schnell geben sie nicht auf! Was sie im folgenden erfahren, ist noch tragischer als alles, was sie bislang vermutet hatten.


    Die Vergangenheit können sie natürlich nicht ändern, aber Freundschaft kann so manchen Schmerz lindern. Und auch das Meer entfaltet seine heilende Kraft ...


    Die Macht der Freundschaft

    Es ist schön zu sehen, wie die Freundinnen in allen Lebenslagen zusammenhalten. Natürlich fragt man sich als Leser:in, genau wie die drei, was um Himmels Willen den grundehrlichen Carl zu dieser Heimlichtuerei bewogen hat. Die drei hätten meinetwegen gern noch etwas verblüffter sein dürfen, als sie endlich hinter die Wahrheit kommen. Ich wäre geplättet und peinlich berührt gewesen. Aber so sind die Menschen verschieden.



    Die Freundinnen kriegen das aber auch ohne professionelle Unterstützung hin. Vielleicht haben sie ja Hilfe vom Universum. Wie sie an weitere Hanna-Briefe kommen, ist zumindest ziemlich schräg. Und Schwertmuscheln als Zeichen des Schicksals zu deuten, das überlasse ich gerne Louise. Die Muscheln mögen immer dann in ihr Blickfeld geraten, wenn die Geschichte eine entscheidende Wendung nimmt, aber das halte ich für puren Zufall.


    Geballte Frauenpower

    Auch wenn ich für Teile des Romans zu dröge oder zu phantasielos bin: Im Problemfall wünsche ich mir, solche Freundinnen wie Louise, Sina und Karin an meiner Seite zu haben - und selbst eine solche Freundin zu sein. Die drei machen mit Verstand, Engagement und Beharrlichkeit das nahezu Unmögliche füreinander möglich. Bei dieser geballten Frauenpower braucht’s gar keine Esoterik.


    Ob sie auch die bockigen Männer in ihrem Umfeld wieder in die Spur bringen können, wird die Zeit zeigen. Wunder dauern etwas länger.


    Ich kannte den Vorgängerband WELLENFLÜSTERN und konnte mich grob an die komplexen Familienkonstellationen erinnern. Um nicht durcheinanderzukommen, habe ich mir dennoch eine Übersicht gebastelt mit Name, Alter, Beruf, Kindern, aktuellen und ehemaligen Partner:innen. Man kann den Band durchaus lesen, ohne die Vorgeschichte zu kennen, aber weil hier alle – außer dem Therapiehund Sammy ;-) - in Patchworkbeziehungen leben, erfordert das ein wenig Konzentration.


    Die Autorin

    Stella Cornelius-Koch, Jahrgang 1967, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie ist Medizin-Journalistin, Herausgeberin eines Pressedienstes, Sachbuchautorin sowie Mental- und Stresscoach. Als „Leseratte“ liebt sie Romane, die humorvoll, romantisch und ernsthaft zugleich sind. Schon als Kind fuhr sie regelmäßig mit ihren Eltern nach Heiligenhafen in den Urlaub. Seither zieht es sie immer wieder in das Ostseebad zurück, wo sie sich entspannt und neue Energie tankt. Durch ihre eigenen Erfahrungen hat sie vielfach erleben dürfen, wie wertvoll und hilfreich Freundschaften zu Frauen unterschiedlichen Alters sein können – ohne Neid und Zickereien.

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    Katrin Burseg: Unter dem Schnee. Roman, München 2021, Diana Verlag, ISBN 978-3-453-29222-2, Klappenbroschur, 399 Seiten, Format: 13,6 x 3,5 x 20,7 cm, Buch: EUR 18,00 (D), EUR 18,50 (A), Kindle: EUR 13,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Luise hatte sich in ihr Pflichtbewusstsein, in die Arbeit geflüchtet. [...] Kein Wort von Fritz, von dem man nicht wusste, wo er abgeblieben war. Kein Wort über Wolf, von dem man auch noch nichts gehört hatte. Kein Wort dazu, wie Luise das alles schaffte. Und so richteten sie sich alle ein in der Sprachlosigkeit.“ (Seite 363)


    Schloss Schwanenholz, Schleswig-Holstein, Ende Dezember 1978Es ist schon ein wenig makaber: 50 Jahre lang hat Gräfin Luise von Schwan (78) die Baumschule auf ihrem Gut an der Ostsee geleitet. Jetzt ist sie verstorben. Trauergäste aus nah und fern sitzen in der Kirche, doch aus dem Begräbnis wird nichts: Ein Schneesturm zieht auf, der geschmückte Weihnachtsbaum der Gemeinde fällt auf den Sarg und auf den Pfarrer. Ende der Zeremonie. Die Beerdigung wird erst einmal vertagt.


    Die Trauergäste sind eingeschneit

    Seufzend überschlägt Köchin Isa Wollin, ob sie es schafft, die Gäste, die auf dem Gut einquartiert werden, länger als geplant zu verköstigen. Klementine von Rüstow, Luises jüngere und etwas labile Schwester ist unter den Gästen sowie ihr Sohn Carl und dessen hochschwangere Ehefrau Anette. Klementines jüngerer Sohn Johann wohnt mit Tochter Carolin (15) ohnehin dort. Frau hat er keine. Die hat ihn verlassen, als Carolin noch ein Baby war. Nicht als Übernachtungsgast eingeplant war die Journalistin Sibylle Meister, eine Vertraute Luises, und Niklas, Carolins Freund. Die können bei diesem Sauwetter unmöglich nach Hause fahren.


    Geheimnis mit Sprengkraft

    Als alle schon beim Essen sitzen, bringt Pastor Siebeling noch einen Überraschungsgast vorbei: Aimee Caroux (30+), eine Fotografin aus Arles/Südfrankreich. Die ist froh, nun doch nicht zu spät zu Luises Beerdigung zu kommen. Über ihre Verbindung zur Gräfin äußert sie sich zunächst kryptisch. Sie weiß erstaunlich viel über die Familie von Schwan und lässt irgendwann dann doch die Bombe platzen:


    Die Reaktionen auf diese Eröffnung sind unterschiedlich. Luises Schwester bestreitet alles. Carl und Johann, Luises Nachfolger auf dem Gut, sind sprachlos. Was bedeutet das für sie? Müssen sie ihr Erbe nun mit der französischen Cousine teilen? Oder haben Aimees Ansprüche, wenn sie wirklich Luises leibliche Tochter ist, vielleicht sogar Vorrang?


    Bewältigen oder beschönigen?

    Unter normalen Umständen würden Carl und Anette jetzt empört heimfahren und auch Aimee würde vor dieser feindseligen Atmosphäre schnellstmöglich wieder zurück nach Arles flüchten. Doch die Umstände sind nicht normal. Der Schneesturm tobt, die Leute auf dem Gut sind meterhoch eingeschneit und werden das auch die nächsten fünf Tage noch sein. Die Telefonleitungen sind tot, der Strom ist ausgefallen. Ohne Ausweichmöglichkeit hocken die gegnerischen Parteien nun aufeinander und müssen irgendwie mit der Situation klarkommen.


    Traumatische Erinnerungen

    Die alten Geschichten und die eisigen Temperaturen legen bei Klementine und Carl lange verdrängte Erinnerungen an die Flucht aus Pommern und weitere Familiendramen frei. Was sich schon in der Kurzfassung traumatisch anhört: Tochter/Schwester auf dem Treck in den Westen erfroren, Sohn/Neffe/Cousin im Krieg vermisst, entpuppt sich beim detailreichen Rückblick als der blanke Horror.


    Johann und Sibylle schnappen sich den Trecker und wollen sich damit ins wenige Kilometer entfernte Dorf durchschlagen um Hilfe zu holen – und bei der Gelegenheit vielleicht auch kurz beim Pfarrer ins Taufverzeichnis zu schauen, ob sich da nicht ein Hinweis auf Aimee und ihre Abstammung findet. Doch sie kommen nicht wieder.


    Gefährlicher Weg ins Dorf

    Ausgerechnet jetzt setzen bei Carls Frau die Wehen ein. Carl macht sich mit Niklas, dem Freund seiner Nichte Carolin auf den gefährlichen Weg ins Dorf, um einen Arzt zu holen. Nicht ohne der Nichte, die sich um ihren Vater da draußen sorgt, zuvor noch schnell ein weiteres schreckliches Familiengeheimnis vor den Latz zu knallen.


    Was damals wirklich geschah ...

    Nur eine Person weiß genau, was während des Krieges auf Gut Schwanenholz geschehen ist: die herrlich pragmatische Köchin Isa, die als Tochter einer Bediensteten dort aufgewachsen ist. Doch sie hat damals versprochen zu schweigen und daran hält sie sich eisern.


    Es ist natürlich hart, wenn in einer so klaustrophobischen Situation auf einmal sämtliche Lebenslügen und Geheimnisse einer ganzen Sippe auf den Tisch kommen. Und weil man nicht ausweichen kann, muss man sich nun endlich den alten Rivalitäten und tief sitzenden Schuldgefühlen stellen. Mehr als einmal steht die Frage im Raum, ob die Wahrheit in jedem Fall besser sei als eine gnädige Lüge.


    Jedes der kurzen Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Angehörigen/Mitarbeiters der verstorbenen Gräfin erzählt. (Der hilfreiche Stammbaum der Familie von Schwan versteckt sich auf Seite 393!) Nach und nach erfahren wir, was sich vor Jahrzehnten alles ereignet hat und wie sich das bis in die Gegenwart auswirkt. Die Situation der Eingeschneiten und ihre hilflosen Rettungsversuche sind ein weiteres Spannungselement.


    Packend und beklemmend

    An den Wintereinbruch zu Silvester 78 erinnere ich mich, wobei er bei uns im Süden nicht so dramatisch war wie im Norden Deutschlands. Vor ein paar Jahren erst habe ich mir zu diesem Thema eine halbe Nacht mit TV-Dokumentationen um die Ohren geschlagen. Mir war die Situation sehr präsent und ich konnte den von Schwans einigermaßen nachfühlen, wie sie da im Halbdunkeln sitzen und sich mit angstbesetzten Themen auseinandersetzen müssen. Gut, manches in der Geschichte hätte man vielleicht ein wenig straffen können, aber ich fand’s packend.


    Die Autorin

    Katrin Burseg, geboren 1971 in Hamburg, studierte Kunstgeschichte und Literatur in Kiel, bevor sie als Journalistin und Autorin arbeitete. Sie wuchs in einem mehr als hundert Jahre alten Bauernhaus in Schleswig-Holstein auf. Als Kind erlebte sie die Schneekatastrophe im Jahrhundertwinter 1978/1979, mit ihrer Familie war sie mehrere Tage lang eingeschneit. Diese Erinnerung inspirierte sie zu ihrem Roman »Unter dem Schnee«.

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    Rita Falk: Rehragout-Rendezvous. Ein Provinzkrimi (Franz Eberhofer, Band 11), München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26273-6, Klappenbroschur, 299 Seiten inkl. Glossar und Kochrezepten, Format: 13 x 2,8 x 20,7 cm, Buch: EUR 16,95 (D), EUR 17,50 (A), Kindle: EUR 14,99.


    Fangen wir aus gegebenem Anlass heute mal nicht bei der Geschichte an, sondern beim Nachwort und damit bei der Autorin. Mit dem Wissen, dass Frau Falk gerade einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat, fällt es einem leichter zu akzeptieren, dass das Chaos in Band 11 ein bisschen gedämpfter tobt als in den vorigen Büchern. Ja, Arbeit lenkt ab und hilft, doch wie man in dieser Situation überhaupt ein lustiges Buch schreiben kann, ist mir ein Rätsel. Ich ziehe meinen Hut vor Rita Falk und sehe über manches hinweg, was hier nicht ganz so galaktisch ist, wie wir uns das vielleicht gewünscht hätten.


    „Bin ich jetzt eigentlich von lauter Irren umzingelt, oder was? Der Leopold mit seinen Sorgen und Nöten [...]. Die Susi, vom Ehrgeiz zerfressen und komplett dem Karrierewahnsinn verfallen. Eine Oma, deren jahrzehntelange familiäre Verpflichtungen jüngst einem [...] egozentrischen Phlegmatismus geopfert werden. Und als würde dies alles nicht reichen, habe ich hier ein paar sonderbare Leichenteile sowie einen Langzeitvermissten auf dem dienstlichen Buckel. Jackpot, quasi.“ (Seite 161/162)


    Ungeliebte Veränderungen

    Dorfpolizist Franz Eberhofer, Mitte 40, schätzt weder Stress noch Veränderungen. Doch das Leben richtet sich nicht immer nach dem Franz. Irgendwie hat ihn seine erweiterte Familie in den letzten Bänden ja mit dem Thema Hausbau überrollt. Statt in Ruhe allein im umgebauten Saustall des elterlichen Gehöfts zu hausen, wohnt Franz jetzt mit seiner Lebensgefährtin, der Verwaltungsangestellten Susanne Gmeinwieser und dem gemeinsam Sohn Paul (5) in einer Doppelhaushälfte – mit nagelneuen Möbeln und Wand an Wand mit seinem Bruder, dem spießigen Buchhändler Leopold, den er noch nie leiden konnte.



    Ein Karriereschub für Susi

    Dann verunglückt der Bürgermeister der Gemeinde im Ski-Urlaub und bestimmt als Krankheitsvertretung ausgerechnet Franzens Lebensgefährtin Susi. Die kriegt komplett den Höhenflug, kleidet sich neu ein und sieht sich schon als neue Bürgermeisterin.


    Nicht einmal bei der Arbeit hat er seine Ruhe! Die Mooshammer Liesl, die scharfzüngigste Dorftratschen von Niederkaltenkirchen, liegt ihm dauernd mit dem angeblichen Verschwinden eines reichen Bauern in den Ohren. Doch warum sollte die Polizei den suchen? Es weiß doch jeder, dass der Steckenbiller Lenz gern mal unangekündigt für Wochen und Monate nach Südafrika verschwindet. Das steht ihm frei, er ist schließlich erwachsen und niemandem Rechenschaft schuldig.


    Für die Sorgen vom Metzgermeister Simmerl hat der Franz jetzt gar keinen Kopf. Der missbilligt die Heiratspläne seines erwachsenen Sohnes. Klar kann der Bub heiraten, aber doch nicht ausgerechnet die!


    Oma legt die Arbeit nieder

    Das ist alles nix im Vergleich zum häuslichen Supergau: Franzens Oma, die seit Jahrzehnten der gesamten Familie den Haushalt schmeißt und einfach göttlich kocht, legt von heute auf morgen ihr „Amt“ nieder. Sie kann nicht mehr, sie mag nicht mehr, sie ist ja auch schon fast neunzig.


    Als Leser:in schwankt man zwischen Lachanfällen und dem dringenden Bedürfnis, diesen lebensuntüchtigen Gestalten den Laden mal tüchtig durchzuorganisieren:


    Urlaub oder Vermisstenfall?

    Durch Susis Tätigkeit als stellvertretende Bürgermeisterin bekommt Franz jetzt mehr Einblicke in Gemeinde-Angelegenheiten als je zuvor. Ihm kommt der Verdacht, dass der Steckenbiller Lenz vielleicht doch nicht so freiwillig verschwunden ist, wie es zunächst den Anschein hatte.


    Der Kriminalfall läuft zwar unspektakulär neben all dem amüsanten Familiengedöns her aber er hat’s in sich. Die Geschichte ist für diese heitere Krimireihe ungewöhnlich tragisch. Man ertappt sich für einen Moment bei der Frage, ob man das Ergebnis der Ermittlungen nicht einfach unter den Tisch fallen lassen könnte.


    Nicht mehr so viel Klamauk

    In den vorigen Bänden war mehr Klamauk und Remmidemmi. Das mag der Stimmungslage der Autorin geschuldet sein, vielleicht aber auch der Tatsache, dass die Hauptfiguren nicht mehr ganz so spätpubertär daherkommen wie zu Anfang. Mit Mitte 40 ist es ja auch nicht gänzlich ausgeschlossen, dass sie doch langsam erwachsen werden. Zum Schmunzeln und zum Lachen gibt’s trotzdem so einiges: das Eberhofersche Haushaltschaos, die Rivalitäten im Rathaus, die Birkenberger-Befindlichkeiten und die haarsträubende Aktion, die dem Metzgerssohn die Heiratspläne verleiden soll.


    Jetzt bin ich tatsächlich gespannt, wie es weitergeht. Nicht nur wegen der Auswirkungen des Kriminalfalls und weil ich sehen will, ob die Eberhofers ihren Haushalt doch noch auf die Kette kriegen, sondern weil die Susi sich weiterentwickelt und der Franz nun aufpassen muss, dass er mit ihr Schritt hält. Sonst ist er ihr vielleicht eines Tages zu kindisch und sie orientiert sich um. Und das wäre dann wirklich ein Drama.


    Die Autorin

    Rita Falk wurde 1964 in Oberammergau geboren. Ihrer bayrischen Heimat ist sie bis heute treu geblieben. Mit ihren Provinzkrimis um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer und ihren Romanen ›Hannes‹ und ›Funkenflieger‹ hat sie sich in die Herzen ihrer Leserinnen und Leser geschrieben – weit über die Grenzen Bayerns hinaus.

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    Rebekka Endler: Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt, Köln 2022, DuMont Buchverlag, ISBN 978-3-8321-8136-9, Hardcover, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 333 Seiten mit s/w Illustrationen, Format: 14,2 x 3,5 x 21,3 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 15,99.


    „Es ist ein Buch darüber, warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum vielen Menschen das nicht passt. Und darüber, was wir tun können, um sie zu verändern. [...] Es geht um völlig sinnlos gegendertes Design [...] Es geht aber auch um sinnlos ungegendertes Design, das Frauen daran hindert, ihr Potential auszuschöpfen, sei es Leistung zu erbringen oder schlicht zu überleben.“ (Seite 17)


    Wenn jemand etwas entwickelt und gestaltet oder über Entwicklung und Gestaltung entscheidet, fließen dabei – vermutlich unbewusst – eigene Bedürfnisse und Vorlieben mit ein. Dass das „Erzeugnis“, um das es hier geht, für andere Personengruppen nicht optimal passt und sie eine Variante davon bräuchten, hat man dabei nicht unbedingt auf dem Schirm. Das muss keine Absicht sein, das passiert einfach.


    One size fits all? – Nein!

    Wenn die Gestaltung und Entscheidungshoheit hauptsächlich bei weißen Männern liegt, ist es keine große Überraschung, dass sie die Anforderungen, die Frauen und/oder PoC an die Dinge haben, nicht automatisch mitdenken. Wenn überwiegend schwarze Frauen auf dieser Welt das Sagen hätten, wäre das andersrum bestimmt genauso. Dann würden weiße Männer feststellen, dass vieles für sie suboptimal gestaltet ist.


    Anders als manche andere Leser und Rezensenten – und hier gendere ich bewusst NICHT! – halte ich dieses Buch nicht für feministisches Mimimi, sondern für eine Bestandsaufnahme: „He, Leute, hier liegt etwas im Argen, hier ist Handlungsbedarf, Verbesserungspotential und möglicherweise eine Marktlücke!“


    Das Buch ist locker und launig geschrieben, erschlägt einen nicht mit Statistik und ich empfehle, die Fußnoten mitzulesen! ;-)


    Sichtbarkeit und Status

    Natürlich geht es hier auch um Sprache und darum, was sie sichtbar oder unsichtbar macht. Warum gibt’s zum Beispiel Darwins Evolutionstheorie und Schrödingers Katze, nicht aber die Curie’sche Radioaktivität, die Meitner’sche Kernspaltung oder die Fanklin’sche Doppelhelix-DNA? Rosalind Franklin entdeckte als erste die Doppelhelix der DNA und hielt sie fotografisch fest. Trotzdem ist ihr Name außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Sichtbarkeit geht mit hohem Status einher, und für Frauen scheint es nicht so leicht zu sein, sich einen Namen zu machen. Und komme mir bitte niemand mit irgendwelchen Dschungelcamp-Insassinnen!


    Wem gehört der öffentliche Raum?

    Und für wen wurde eigentlich der öffentliche Raum gestaltet? Für Autos und Autofahrende, sollte man meinen. Sicher nicht für Fußgänger:innen, schon gar nicht, wenn sie mit Kinderwagen oder Rollator unterwegs sind. Und auch nicht für Menschen mit Behinderung. Den Beispielen, die die Autorin anführt, könnte ich, genau wie jede andere Leserin, noch eine Menge Fälle aus dem eigenen Umfeld hinzufügen. Die Hindernisse und Beschränkungen sind nicht immer harmlos-lästig. Natürlich kann man nicht alle Gefahren ausschließen. Manche aber schon – wenn man sich ihrer bewusst wäre und entsprechend planen würde.


    Ach ja: Auch öffentliche Toiletten gehören zu diesem Themenkreis. Gibt’s welche und wenn ja, für wen? Was der Niederländerin Geerte Piening in diesem Zusammenhang passiert ist, ist der Hammer!


    Pink it, shrink it

    Dass es nicht genügt, technische Produkte für Frauen zu verkleinern, pink einzufärben, mit weniger Funktionen auszustatten als das Original und dafür teurer zu verkaufen, hat sich noch nicht flächendeckend herumgesprochen. Die Erkenntnis, dass Uniformen und Sicherheitskleidung Polizistinnen, Soldatinnen und Feuerwehrfrauen oft nicht richtig passen, weil sie einen anderen Körperbau haben als Männer, setzt sich nur langsam durch.


    Dass es keine weiblichen Crashtest-Dummies gibt, um damit Autounfälle mit Frauen zu simulieren, ist nicht neu. Ja, es gibt schon eine Variante des klassischen „Sierra-Sam“, doch „auf die Eigenheit des cis weiblichen Körpers – wie die Anatomie, die unterschiedliche Verteilung von Fett, der unterschiedliche Abstand der Wirbel, die Knochendichte – nimmt diese Dummy keine Rücksicht. Sie ist einfach nur ein kleinerer Typ [...]. (Seite 144) Das heißt, dass Frauen bei einem Unfall ein signifikant höheres Verletzungsrisiko haben.


    Es gibt für Frauen keine passenden Fußballschuhe und keine adäquaten Fahrradsättel? Warum? Weil das kein Markt ist? Weil zu wenige Frauen Fußball spielen und mit dem (Renn-)Rad fahren? Warum? Vielleicht, weil ihnen dabei alles weh tut? – Jetzt liegt es auf der Hand zu sagen, dann sollen sie sich ihre Schuhe und Sättel doch selber designen und nicht jammern. Ja. Wenn die, die das stört, auch die Fähigkeiten, die Finanzen und die Macht haben, das zu ändern, könnte das möglicherweise funktionieren. Was unter Umständen passiert, wenn frau etwas erfindet, das allein Frauen zugute kommt, kann man am Beispiel von Laura Haddock, ihrem Team und ihrem Produkt Osé sehen. (Seite 111 ff.)


    Kleider machen Leute

    Warum Frauenklamotten keine oder unpraktische Taschen haben, wieso bei Richterinnen die Roben nicht sitzen, was geschieht, wenn eine Politikerin ein Blümchenkleid trägt, wie Kinderkleidung Gender-Stereotype verfestigt und wie sich das in Schuluniformen fortsetzt, erfahren wir hier ebenfalls.


    Schaffen Männer Literatur und Frauen nur Unterhaltung? Was hat es mit dem „Male Gaze“ auf sich? Werden Künstlerinnen genauso gefördert wie Künstler? Warum werden Nobelpreisträgerinnen bei Wikipedia für nicht relevant gehalten, Models, Sängerinnen und Schauspielerinnen dagegen schon?


    Dass die Medizin – bis auf die Gynäkologie – vom Mann als Norm ausgeht und Medikamente kaum an Frauen getestet werden, hört man inzwischen öfter. So nachvollziehbar einige Gründe sind: Es führt dazu, dass manche Erkrankungen bei Frauen nicht (rechtzeitig) diagnostiziert werden, weil sie andere Symptome zeigen als Männer. Auch die Dosierung von Medikamenten ist für Frauen oft nicht passend. Das kann dramatische Folgen haben.


    Patriarchales Design erkennen

    Der Beispiele sind viele und sie stammen aus allen Lebensbereichen. Nur, wenn uns bewusst ist, wo es klemmt, können wir gegebenenfalls etwas daran ändern. Die Autorin wünscht sich, dass mehr Menschen patriarchales Design als unpassend erkennen und dieses auch ansprechen. Sie verlangt nicht, dass wir alle unsere eigenen Lösungen designen. Das dürfte in den meisten Fällen nur Expert:innen möglich sein.


    Auch wenn mir jetzt nicht alles neu war, weil ich schon einiges zum Thema gelesen habe: Ich finde, Rebekka Endler hat dieses wichtige, wenngleich trockene Thema sehr informativ und unterhaltsam aufbereitet und beschert uns so manches erhellende Aha-Erlebnis. Und, wie gesagt, die Fußnoten sollte man mitlesen. Die stehen nicht nur da, weil seriöse Sachbuchautor:innen eben Fußnoten machen. Da verstecken sich mitunter die eigentlichen Klopper: „Sandberg ist Geschäftsführerin bei Facebook, hat mit ihrem Buch ‚Lean in. Frauen und der Wille zum Erfolg’ [...] das Manifest des neo-liberalen Feminismus geschrieben und ist eine Person, die mir auf die Nerven geht.“ (Seite 186)


    Die Autorin

    Rebekka Endler arbeitet als freie Autorin, Journalistin und Podcasterin. ›Das Patriarchat der Dinge‹ ist ihr erstes Buch.