Beiträge von Vandam

Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Will McCarthy: Zeitflut. Roman, OT: Antediluvian, aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe, München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-32076-5, Softcover, 445 Seiten, Format: 13,5 x 3,9 x 20,6 cm, Buch: EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99.


    „Tara, was ist, wenn unsere Legenden alle wahr sind? Ich bin Trollen begegnet und habe das Gerippe eines Drachen gesehen. Ich habe die Sintflut erlebt und das vorsintflutliche Zeitalter. Ich habe vor der Flut die Stimme Gottes vernommen. Die Menschen lernten gerade, in ganzen Sätzen zu sprechen. Das gaben sie an ihre Kinder weiter, wie eine Mutation.“ (Seite 355)


    Manchmal zieht es mich zurück zu meinen Wurzeln. Meine ersten Buchvorstellungen habe ich vor fast 40 Jahren für ein SF-Magazin geschrieben – und es konnte für meinen Geschmack gar nicht genug Wissenschaft und Technik in den Büchern vorkommen. Also, entweder bin ich zu lange raus aus dem Geschäft oder es liegt am Buch ... hier habe ich erst nach ungefähr 200 Seiten und nach ausgiebigem Studium des Anhangs verstanden, worauf der Autor hinaus will. Und dann war’s gar nicht soooo schlecht. Aber so sollte das nicht laufen.


    Das Y-Chromosom als Quantenspeicher

    Doch von vorn: Die Rahmenhandlung beginnt an der Universität von Colorado, Boulder. Harv Leonel, Mitte 40, Professor der Elektrotechnik, hat eine Art Zeitmaschine gebaut.

    Der Apparat misst nicht etwa die Aktivitäten des Gehirns, er beeinflusst sie. Das hier ist der Hintergrund: „Ja. Das Y-Chromosom ist ein Quantenspeicher. Ja, sein Inhalt lässt sich auslesen. Ja, sein Inhalt lässt sich mit etwas Aufwand auf ein menschliches Gehirn übertragen.“ (Seite 350)


    Zurück in die Vergangenheit

    Das heißt also, der Professor setzt eine Haube auf, drückt aufs Knöpfchen – und (er)lebt das Leben seiner männlichen Vorfahren. Nur leider hat er über diesen Vorgang keine Kontrolle. Was mit einer Momentaufnahme aus dem Arbeitsleben eines Urahns in Schottland anfängt, führt ihn schnurstracks ca. 13.000 Jahre zurück, ans Ende der Eiszeit. (Mit den Zeitverläufen erlaubt sich der Autor die eine oder andere dichterische Freiheit.)


    Es dauert eine Weile, bis Harv Leonel sich einen Reim darauf machen kann, wo er ist und in welcher Zeit er sich befindet. Und er wundert sich darüber, dass sein eigenes Bewusstsein aktiv ist, auch wenn er die Welt gerade mit den Augen des Seemanns Manuah sieht. Als er sich orientiert hat, ist er etwas verwirrt, weil er eine wesentlich primitivere Gesellschaft erwartet hatte. Und er staunt darüber, was vor allem die Priesterkaste damals schon für naturwissenschaftliche Kenntnisse hatte.


    Nur Manuah sieht ein Problem

    Jetzt wird’s allerdings ein bisschen zäh. Auf rund 150 Seiten wird erst einmal das Leben dieser neolithischen Zivilisation beschrieben, ohne dass man so recht weiß, warum eigentlich und wohin das führen soll. Spannend ist das nicht.

    Ah ja ... so langsam ergibt die Sache Sinn!


    Unfreiwillige Zeitreisen

    Der Professor landet nach einem Krampfanfall im Krankenhaus und unternimmt fortan unfreiwillig weitere Zeitreisen, ohne an die Maschine angeschlossen zu sein. So wird das wohl nichts werden mit dem Nobelpreis. Das sieht eher nach Endstation Psychiatrie aus – oder nach Friedhof.


    Während das Krankenhauspersonal und seine Freunde aufgeregt um den Professor herumwuseln und sich die Verantwortlichen fragen, wofür, zum Geier, er hier die Forschungsgelder verpulvert hat, reist er weiter zurück in die Vergangenheit und fragt sich aus gegebenem Anlass seltsame Dinge: Sind die Neandertaler der Basis für die Geschichten über Trolle? Begegnungen zwischen ihnen und den Cro-Magnon-Menschen hat es gegeben. Vermischt haben sie sich auch. 30.000 Jahre vor unserer Zeit erlebt er das mit. Und wie lernten die Menschen eigentlich das Sprechen?


    Abenteuer in vorsprachlicher Zeit

    Schließlich landet Harv in vorsprachlicher Zeit. Vor rund 1,4 Millionen Jahren verlief die Verständigung noch überwiegend nonverbal und der Zeitreisende tut sich schwer, sich in diese Menschen hineinzuversetzen. Hier muss er sehr viel hineininterpretieren. Was motiviert einen Kerl von damals, ein Floß zu bauen und übers Meer zu paddeln, zu einem Land, das er bislang nur aus der Ferne gesehen hat? Neugier? Forscherdrang? Abenteuerlust? Wie macht sich überhaupt jemand abstrakte Gedanken, der noch keine Sprache kennt? Irgendwie muss es funktioniert haben, denn es gab ja Menschen, die solche Reisen unternommen haben. Dies geschah wahrscheinlich nicht immer aus schierer Not.


    Was wir ganz deutlich sehen ist, dass es in jeder Phase der Menschheitsentwicklung Personen gegeben hat, die angesichts von Neuerungen staunten und lernten, aber auch rabiate A***l*cher, die alles, was sie nicht kannten, mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben. – Fortschritt? So weit kommt’s noch!


    Nobelpreis oder Psychiatrie?

    Und jetzt? Wird sich der Professor wieder erholen? Wenn ja, bekommt er Probleme, weil er die Ressourcen der Universität für etwas verschleudert hat, das wissenschaftlich gesehen gar nichts bringt? Denn wie soll er das, was er auf seinen Zeitreisen erlebt haben will, beweisen? Das kann er nicht. Es könnten auch Halluzinationen gewesen sein.


    Selbst wenn andere Menschen sich diese Zeitreise-Haube aufsetzen würden, würden sie die Geschichten ihrer eigenen Vorfahren erleben und vermutlich in ganz anderen Zeitaltern landen als der Professor. Man bräuchte viele Zeitmaschinen und sehr viele Probanden, um eine signifikante Anzahl von Aussagen zu bekommen, die dann gewisse Rückschlüsse auf vergangene Ereignisse zuließen und vielleicht sogar archäologisch/historisch belegbar wären. Aber danach sieht es im Moment nicht aus ...


    Die falsche Form fürs Thema?

    Zugegeben: Es schon ist interessant zu sehen, wie sich Menschen, Sprache und Zivilisation entwickelt haben (könnten). Aber ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, ich lese eine Abfolge von Artikeln aus dem P.M.-Magazin, die jemand auf Romanlänge aufgeblasen und mit einer Rahmenhandlung versehen hat. Inhalt und Form passen hier meines Erachtens nicht so recht zusammen. Da wären mir Kurzgeschichten zu dem Thema oder Sachtexte, gern auch spekulativer Natur, lieber gewesen als so ein zusammengelöteter Roman.


    Der Autor

    Wil McCarthy, geboren 1966 in Princeton, New Jersey, lebt mit seiner Familie in Denver, Colorado. In seinem Beruf als Ingenieur bei Lockheed gehörte er zu den Männern, die bei Raketenstarts »Lenkungssysteme startklar« melden. Als Science-Fiction-Autor wurde er durch zahlreiche brillante Kurzgeschichten bekannt, denen mehrere Romane folgten. Er machte die Idee der programmierbaren Materie in seiner SOL-Trilogie populär, zu der er auch wissenschaftlich arbeitete. Heute leitet er eine Solarenergie-Firma und ist als Kolumnist für Syfy tätig.


    Der Übersetzer

    Norbert Stöbe, 1953 in Troisdorf geboren, begann schon als Chemiestudent zu schreiben. Neben seiner Tätigkeit als Chemiker am Institut Textilchemie und Makromolekulare Chemie der RWTH Aachen übersetzte er die ersten Bücher. Sein Roman New York ist himmlisch wurde mit dem C. Bertelsmann Förderpreis und dem Kurd-Lasswitz-Preis ausgezeichnet. Seine Erzählung Der Durst der Stadt erhielt den Kurd-Lasswitz-Preis und die Kurzgeschichte Zehn Punkte den Deutschen Science Fiction Preis. Zu seinen weiteren bekannten Romanen zählen Spielzeit, Namenlos und Der Weg nach unten. Norbert Stöbe ist einer der bekanntesten deutschen Science-Fiction-Schriftsteller. Er lebt als freier Autor und Übersetzer in Stolberg.

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    Marlies Ferber: Wohin die Reise geht. Roman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26267-5, Klappenbroschur, 288 Seiten, Format: 13,4 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 15,90 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 12,99.


    „Warum hatte Jakob nicht einfach Nein gesagt? Wenn sie wenigstens attraktiv gewesen wären, aber die eine war zu alt und die andere zu jung, und mit beiden stimmte was nicht. Eine ganze Menge stimmte da nicht.“ (Seite 47)


    Jakob Hüfner, 72, aus Bremen, hat schon bessere Zeiten gesehen. Er war Chef einer Kaffeerösterei, ehe er Pleite ging und er war glücklich mit Viktoria verheiratet. Jetzt ist er Witwer, haust in einer ärmlichen Wohnung und muss sich das Geld für ein popeliges Radio vom Mund absparen.


    Bargeld-Schmuggel für den Sohn

    Durch den Konkurs hat Familie Hüfner auch ihr Privatvermögen verloren. Für Jakobs Sohn Lukas - heute selbst ein erfolgreicher Unternehmer – war das ein traumatisierendes Ereignis. Vielleicht hat er deshalb Angst davor, eines Tages in die gleiche Situation zu geraten und vor dem Nichts zu stehen. Wie sonst wäre er auf die unselige Idee gekommen, eine Million Euro an der Steuer vorbei in die Schweiz schmuggeln zu wollen, um die finanzielle Sicherheit seiner Kinder zu sichern? Er macht doch normalerweise keine krummen Sachen!


    Und nein zu sagen war noch nie seine Stärke.


    Und ein Kommissar fährt mit ...

    Das zeigt sich auch, als er seinem Kumpel und Chor-Kollegen Matthias "Matjes" Brockmeyer (40, geschieden) von seinen vorgeblich harmlosen Reiseplänen erzählt. Ach, in die Schweiz? Das ist ja klasse! Matjes hat sowieso noch Urlaub übrig, da könnte er ja mitkommen. Besser noch: Sie könnten mit seinem Wohnwagen fahren! Der Ex-Seemann ist Feuer und Flamme von der Idee, Jakob eher weniger. Matjes ist nämlich ausgerechnet Kriminalkommissar, und so einen kann er bei seinem zwielichtigen Vorhaben gar nicht gebrauchen! Von dem Geld darf er nichts wissen! Doch wir ahnen es schon: Ein paar Tage später zuckeln die beiden Sangesbrüder samt Matjes’ Schäferhund Eddie – einem ausgemusterten Polizeihund – mit dem Wohnwagen in Richtung Süden.


    Wenn schon der Sohn durch Ausspielen der Schuldkarte und der gesundheitlich angeschlagene Kumpel so schnell ihren Willen kriegen, wie wird’s dann erst sein, wenn Jakob auf eine Dame in Not trifft? – Genau! Auf einer Autobahnraststätte begegnet Jakob, während Matjes kurz seinen Hund Gassi führt, gleich zweien.


    Zwei Frauen in Not

    Die pfiffige Ex-Sängerin und Ex-Lehrerin Tilda Crussol, 67, hat ein gewaltiges Problem: Sie ist auf der Raststätten-Toilette aufgewacht und kann sich nicht erklären, wie sie überhaupt dort hingekommen ist. Ihrer Erinnerung nach müsste sie zuhause in Heidelberg sein. Hat eine Reisegruppe sie vergessen? Sie weiß es nicht.


    Subjektiv hat Tilda den Eindruck, dass ihr Verstand tadellos funktioniert, trotzdem passieren ihr in letzter Zeit immer wieder so merkwürdige Dinge ... Doch der distinguiert aussehende Herr mit Fliege und dem tadellos gebügelten Hemd wird ihr bestimmt aus der Patsche helfen und sie in die nächste Stadt bringen. Sie spricht ihn an.


    So etwas in der Art denkt sich auch die achtzehnjährige Alexandra „Alex“ Rubinetto. Sie hält Jakob und Tilda für ein seriöses älteres Ehepaar und tischt ihnen die Geschichte von der verzweifelten Abiturientin auf, die vom Sprachreisebus versehentlich an der Raststätte zurückgelassen wurde. Umkehren und sie abholen kann die Gruppe nicht, weil sie sonst alle ihre Fähre verpassen würden. Wenn Alex mit ihnen mit will, muss die den Bus irgendwie einholen. Ob Jakob und Tilda vielleicht so lieb wären ...?


    Der Mann, der nicht "nein" sagen kann


    Ja, zugegeben: die weibliche Gesellschaft ist schon ganz nett. Doch als die Vierergruppe wegen einer Polizeikontrolle in einen Stau gerät, geht alles schief. Auf einmal wissen alle von der versteckten Million, und dann ist das Mädchen weg, der Hund weg und das Geld auch, Matjes ist verletzt und Jakob, dem die ganze Zeit per Telefon sein Sohn im Nacken sitzt, ist komplett überfordert. Die Mission Lugano erweist sich als komplettes Desaster.


    Als Tilda zurück bei ihren Angehörigen ist, ist die Geschichte für die beiden Männer noch lange nicht ausgestanden. Die junge Alexandra mag ein abgebrühtes Luder sein, aber sie ist auch witzig, klug und gebildet, und Matjes hat sie lieb gewonnen. Er macht sich Sorgen um sie. Sie hat etwas Besseres verdient als das Leben, das sie führt. Und er fürchtet, dass sie ihre Schwierigkeiten, von denen er nur eine ungefähre Vorstellung hat, nicht aus eigener Kraft bewältigen kann.


    Was ist wirklich mit Tilda los?

    Jakob hat sich in die quirlige Tilda verguckt. Ein unangekündigter Besuch bei ihr bietet mehr als nur eine Überraschung


    Auch Alexandra Rubinetto und Matjes Brockmeyer geraten nach dieser missratenen Kurzreise – jeder für sich – in eine existenzielle Krise. Ja, das kann man durchaus so sagen. Für beide geht’s um Leben und Tod ...


    Nein, das ist kein Krimi, auch wenn hier Leute mit enormer krimineller Energie unterwegs sind. Wenn der Roman ein Film wäre, wäre er ein Roadmovie. Ich habe mir tatsächlich während des Lesens vorgestellt, wie man die Geschichte verfilmen könnte. Aber weiß nicht, ob im Film das mit den Rückblenden so gut funktionieren würde. Beim Lesen klappt das wunderbar: Nach und nach erfahren wir, welche „Päckchen“ unser Held*innen-Quartett zu tragen hat, und wir können ihre (Re-)Aktionen immer besser verstehen. Je mehr wir wissen, desto größer wird aber auch unsere Besorgnis, denn sie stecken alle viel tiefer im Schlamassel als es zunächst den Anschein hatte. Wie wird sich das nur alles auflösen? Und wer hat jetzt eigentlich die Million ...?


    Ein wilder Abenteuertrip

    Die Geschichte vom wilden Abenteuertrip einer kuriosen Reisegruppe ist spannend und unterhaltsam und ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen. Trotz ihrer Macken sind die vier Hauptpersonen sympathisch und man möchte unbedingt, dass sich alles für sie zum Guten wendet – auch wenn man sich nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll. Es geht in diesem Roman um Freundschaft und Vertrauen und um (familiäre) Bindungen, die leider nicht immer so liebevoll, stabil und unkompliziert sind, wie wir es gerne hätten.


    Die Autorin

    Marlies Ferber, geboren 1966, studierte Sinologie in Deutschland, China und den Niederlanden und arbeitete als Verlagslektorin, bevor sie sich ganz dem Schreiben und Übersetzen widmete. Sie ist freie Dozentin für kreatives Schreiben der Bundesakademie Wolfenbüttel und lebt mit ihrer Familie in Hagen.

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    Ben Aaronovitch: Ein weißer Schwan in Tabernacle Street. Roman, OT: False Value, aus dem Englischen von Christine Blum, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26278-1, Klappenbroschur, 428 Seiten, Format: 13,7 x 4,3 x 21,1 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar. Ab August 2021 auch als Taschenbuch für EUR 10,95 erhältlich. Dann passt auch das Format wieder zu den vorigen Büchern der Reihe.


    Ja, wie? Police Constable Peter Grant, 28, arbeitet gar nicht mehr bei der Londoner Metropolitan Police? Offenbar hat man ihn nach dem desaströsen Ausgang seines letzten Falls gefeuert. Jetzt steht sein vormaliger Boss, der Magier DCI Thomas Nightingale von der geheimen Spezialeinheit für übernatürliche Ereignisse, ohne seinen „Zauberlehrling“ da und hat nur noch Abigail Kamara als mögliche Nachfolgerin. Aber die ist erst am Anfang ihrer Ausbildung zur Magie-Polizistin.


    Der geschasste Peter sitzt nun als Bewerber im Büro von Ex-Polizist Tyrel Johnson, dem Sicherheitschef der Serious Cybernetics Corporation (SCC). Das ist das neueste Londoner Projekt des Silicon-Valley-Milliardärs Terrence Skinner, einem Australier mit US-amerikanischem Pass.


    Eine Ratte unter Mäusen

    Was die SCC genau macht? Keine Ahnung. Irgendwelches Computergedöns eben. Auf jeden Fall ist das ein unübersichtlicher Gebäudekomplex voller Großraumbüros und Technik-Nerds, die ein bisschen menschenverachtend als „Mäuse“ bezeichnet werden. Denen soll Peter auf die Finger schauen. Sicherheitschef Johnson vermutet nämlich eine „Ratte“ unter ihnen: einen Mitarbeiter, der aus unlauteren Motiven im Unternehmen herumschnüffelt. Das ist vor allem deshalb unerwünscht, weil in einem streng abgeriegelten Hochsicherheitstrakt etwas überaus Geheimes vor sich geht.



    Ein Computer aus dem 19. Jahrhundert

    Und dann, nach dreißig Seiten, beschert uns Aaronovitch auf einmal eine Rückblende, der Peters neue Karriere in einem anderen Licht erscheinen lässt: Einem Schausteller, der auf Jahrmärkten eine alte mechanische Orgel betreibt, ist ein Notenbuch aus dem 19. Jahrhundert gestohlen worden.


    Beim Diebstahl des Notenbuchs war Magie im Spiel, und die Spur führt zu einem praktizierenden Magier aus den USA. Der wiederum hat eine Verbindung zur Serious Cybernetics Corporation. Und wir ahnen, dass Peter mitnichten aus den Ermittlungen von Nightingales Abteilung raus ist. Er befasst sich nach wie vor mit „abstrusem Sch**ß“ (Polizeijargon) und ist im Moment Undercover unterwegs.


    Was geht vor auf der geheimen Etage?

    Im Umfeld von Peters derzeitigem Arbeitgeber ereignet sich so einiges, das nur durch den Einfluss von Magie zu erklären ist. Treiben die da im geheimen Gebäudetrakt irgendwelchen Unfug mit der historischen Rechenmaschine aus dem 19. Jahrhundert? Wozu? Und wie soll das funktionieren? Magie und Technik haben sich bislang gegenseitig ausgeschlossen. Wir Kenner*innen der Reihe wissen seit Jahren, dass die Innereien von Handys und Computern augenblicklich zu Sand zerfallen, wenn sich ihrer Umgebung etwas Magisches ereignet. Haben Skinners Leute das irgendwie zu verhindern gelernt?


    Eine brandgefährliche Mischung


    Irgendwie muss Peter in das geheime Stockwerk der SCC gelangen um herauszufinden, was dort vor sich geht und das Schlimmste verhindern. Das ist gar nicht so einfach! Seinen Vorgesetzten bei der SCC muss er weiterhin den loyalen Angestellten vorspielen und die Mitarbeiter will er nicht in Gefahr bringen. Er hat diverse Behörden aus dem In- und Ausland im Nacken, die er besser nicht verärgern sollte und seine Lebensgefährtin Beverley, deren magische Macht als Flussgöttin nicht zu unterschätzen ist, hat ihre eigene Meinung dazu, wie in diesem Fall zu verfahren sei. Zu allem Übel pfuschen ihm auch noch zwei ausländische Magier aus dem Club der Librarians dazwischen, die er nicht für voll nimmt. Das könnte sich allerdings als fataler Fehler erweisen ...


    Bosheiten, Sachschaden und Magie

    EIN WEISSER SCHWAN IN TABERNACLE STREET ist ein Peter-Grant-Abenteuer, wie wir es kennen: Viele Figuren, diverse Handlungsstränge, eine Menge Sachschaden – wenn die Jungs nicht pro Band mindestens ein Gebäude in Schutt und Asche legen, fehlt was –, diverse Popkultur-Referenzen, von denen ich wenigstens die verstanden habe, die sich auf Douglas Adams’ PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS beziehen, und allerlei Lästerliches über Architektur, Stadt- und Verkehrsplanung:


    „Old Street Roundabout ist ein diamantförmiger Verkehrsknotenpunkt vom Ende der sechziger Jahre, dessen Zweck darin bestand, möglichst viele Radfahrer von dem Versuch abzuhalten, in die Stadt hinein- oder aus ihr herauszukommen. Gemäß den damaligen Planungsgepflogenheiten wurden noch ein paar düstere, raubüberfalloptimierte Fußgängerunterführungen, ein viel zu enger Zugang zur U-Bahn-Station Old Street und eine kleine, pinkelfreundlich beige geflieste Ladenzeile hinzugefügt.“(Seite 58)


    Viele Figuren – und ein neuer Gegner

    Für diese gehässigen kleinen Exkurse liebe ich Ben Aaronovitch! Was mir zu schaffen macht, ist die Personalfülle. Wenn ich das Buch weggelegt und nach ein paar Stunden wieder zur Hand genommen habe, musste ich mich oft erst orientieren: „Moment! Wer war das nochmal? Wo sind die? Und was haben sie vor?“ – Das Stammpersonal habe ich im Griff: die Polizisten samt Anhang, die Mitarbeiter des Folly, Peters erweiterte Familie, die Sippe der Flussgötter ... die kenne ich ja lange genug. Aber was darüber hinaus an Victors, Jacobs, Olivers und Stephens durch die Geschichte wuselt, hat mich manchmal überfordert.


    Ich habe mal gelesen, die Peter-Grant-Reihe lese sich „wie Harry Potter auf Speed“. Da ist was dran. Es macht Spaß, aber manchmal muss man wohl die Kontrolle über die Handlung abgeben, sich zurücklehnen und zusehen, wie’s blitzt und kracht. Bei dem Versuch, die Handlungsfäden im Griff zu behalten, verzweifelt man sonst.


    Beim Showdown am Schluss dachte ich: Okay wenn der Autor meint ... Ich hätte auch jede andere Erklärung akzeptiert. In so einer schrägen magischen Welt ist schließlich alles möglich. Na, jedenfalls scheinen Peter und seine Kolleg*innen nach dem Abgang des „Gesichtslosen Magiers“ im letzten Band nun einen neuen mächtigen Gegner zu haben. Weitere magische Abenteuer sind also gesichert.


    Der Autor

    Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie 'Doctor Who' verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.


    Die Übersetzerin

    Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen.

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    Kate Kitchenham: Tierisch beste Freunde - Liebe kennt keine Grenzen, München 2021, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-21487-9, Hardcover mit Schutzumschlag, 283 Seiten mit farbigen Abbildungen, Format: 13,1 x 2,78 x 20,8 cm, Buch: EUR 20,- (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 16,90.


    „Tier-Freunde unterschiedlicher Arten sind in der Lage, sich aufeinander einzulassen und angepasst an die Stärken und Schwächen des anderen miteinander zu spielen, zu leben und über diese verbindenden Erlebnisse Freundschaften zu entwickeln.“ (Seite 86)


    „[Es ist kein Wunder], dass die meisten außergewöhnlichen Freundschaften (...) ihren Ursprung in der frühen Kindheit haben oder (...) in neuen, unbekannten und damit oft unheimlichen Lebenssituationen entstehen. Genau in diesen Momenten braucht man (...) am allermeisten Unterstützung durch einen guten Freund, um mit ihm an der Seite alle Herausforderungen des Lebens zu meistern.“ (Seite 92)


    Keine Tiergeschichtensammlung!

    Als mir das Buch vor die Füße lief, wusste ich nicht, dass die Autorin eigene Fernsehsendungen hat und hierzulande als eine der bekanntesten Hunde- und Haustier-Expertinnen gilt. Die Sendung „hundkatzemaus“ kannte ich, die habe ich in deren Anfangszeit regelmäßig verfolgt, und ich habe mir ein paar Ausschnitte der aktuellen Reihe „Tierisch beste Freunde“ bei Youtube angesehen. Vor diesem Hintergrund ging ich davon aus, in diesem Buch eine Nacherzählung verschiedener Fälle von artenübergreifenden Freundschaften vorzufinden – also eine Sammlung von Tiergeschichten.


    Ganz so ist es nicht. Es gibt ein paar Fallbeispiele. Aber die Autorin hat Kulturanthropologie und Zoologie studiert und untersucht hier mit wissenschaftlicher Gründlichkeit das Phänomen Tierfreundschaften. Der Homo sapiens ist da übrigens mitgemeint.


    Freundschaft ist keine Erfindung der Menschen

    Wir wissen heute, dass Botenstoffsysteme und Gehirnstrukturen bei Wirbeltieren sehr ähnlich funktionieren. Deshalb sind wir in der Lage, Bindungen zu unterschiedlichen Tieren aufzubauen – und sie zu uns, solange wir empathisch, tolerant und offen genug sind. Oder, wie Charles Darwin bereits 1871: »Die Unterschiede sind eher gradueller, nicht grundsätzlicher Natur«. Manches verbindet uns auch. Und das ist für sehr viele Tierarten zum Beispiel das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, Zuneigung und Freundschaft. Der Wunsch nach einem besten Freund ist also keine Erfindung der Menschen. Den teilen wir zum Beispiel mit Papageien, Eseln, Wildschweinen, Schimpansen oder Rindern.


    „Zusammenhalt, Liebe und Loyalität scheinen evolutionär betrachtet für das Überleben von vielen Tierarten (...) ein sehr erfolgreiches Konzept zu sein.“ (Seite 17)


    In den Gehirnen sozialer Arten sitzt ein ähnlich funktionierendes Stressbewältigungs-, Lernfreude – und Bindungsssysten. Durch Zuwendung, Zärtlichkeit und Innigkeit werden schöne Gefühle ausgelöst und eine Kette weiterer positiver Entwicklungen angestoßen. Wie und warum wir und die „nichtmenschlichen Tiere“ so auf Liebe programmiert sind, hat entwicklungsgeschichtliche, genetische und hormonelle Gründe. Auch das Kindchenschema, das Lesen von Gesichtsausdrücken und die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinversetzen zu können, spielt dabei eine Rolle.


    Artenübergreifende Bindung ...

    Sollte kein Artgenosse als Bindungspartner zur Verfügung stehen, ist unter bestimmten Voraussetzungen auch eine artenübergreifende Bindung möglich. Wenn Lebewesen so miteinander spielen können, dass beide Spaß daran haben, können sie auch Freunde werden.


    Artenübergreifendes Spiel kommt gelegentlich sogar in freier Wildbahn vor, wie verschiedene Beispiele von Wölfen und Bären zeigen. Unter der Obhut des Menschen gibt es das natürlich öfter, weil ja nicht immer Artgenossen zur Hand sind. In Kate Kitchenhams Buch begegnen wir einem Otter (Handaufzucht) und einem Terrier, die beste Freunde sind, ebenso wie Schwein Bonnie und Gans Möpmöp, die zusammen aufwuchsen. Wir treffen auch Krähe Wolle, die von Menschen aufgezogen wurde und sich in deren Hunderudel integriert hat – und es gibt noch mehr Beispiele.


    ... und artenübergreifende Adoption

    Die Steigerung artenübergreifender Freundschaft ist wohl die artenübergreifende Adoption. Was bewegt Tiere dazu, Kinder einer anderen Spezies aufzuziehen? Das schließt Menschen ein, die (verwaiste) Tierbabys großziehen. Dieses Vorgehen kostet eine Menge Energie und dient nicht der Weitergabe der eigenen Gene, ja nicht einmal der Erhaltung der eigenen Art. Die Pflegeeltern müssen also einen anderen Nutzen aus ihrem Tun ziehen ...


    Von Haustieren und Nutztieren

    Wir erfahren hier vieles über Freundschaft, Zuneigung und soziales Miteinander, über Biologie und Tiere – und nicht zuletzt über uns Menschen. Zum Beispiel darüber, wieso wir zwischen „besten tierischen Freunden“ und „Nutztieren“ unterscheiden können. Wie entscheiden wir, wer zu unserem geliebten „inneren Zirkel“ gehört und wer „die anderen“ sind, zu denen wir problemlos grausam sein können? Und ist dieses Phänomen auch eine mögliche Erklärung für politischen Extremismus?


    Ich fand auch den Teil über unsere Selbst-Zivilisierung interessant. Innerhalb der letzten 100.000 bis 30.000 Jahre hat der Homo sapiens sich einer Selbstdomestikation unterzogen. Mit der Sesshaftigkeit, der Tierhaltung und dem engen Zusammenleben in Hütten und Dörfern musste er lernen, die Bedürfnisse anderer Wesen (Mensch und Tier) zu verstehen, zu kooperieren, sich auszutauschen und sich angepasst zu verhalten. Verträglichkeit war von Vorteil und setzte sich durch.


    Ein Flugzeug voller Schimpansen?

    Nett war in diesem Zusammenhang das Beispiel vom engen Beieinandersitzen im Flugzeug: Menschen schaffen das, auch wenn es ihnen unangenehm ist. Aber man stelle sich mal eine Maschine voller Schimpans*innen vor! Das gäbe Mord und Totschlag! Dieses Bild bekomme sich sicher nie wieder aus dem Kopf.


    Das Fazit der Autorin: „Was mir beim Schreiben dieses Buches noch deutlicher geworden ist: Beziehungen, die zu engen Freundschaften werden, entstehen nicht nur durch Sympathie, passende Gelegenheit oder verbindende Erlebnisse. Es ist vor allen Dingen ein Zusammenwachsen. Mit der Zeit durchleben und akzeptieren unsere Unterschiedlichkeit, und dann fängt sie an zu verblassen. Wir nehmen sie gar nicht mehr wahr. (...) Zeit und Vertrautheit führen dazu, dass wir immer besser sehen, was wirklich wichtig ist: Wer wir sind, das einzigartige Wesen unter der oberflächlichen Verpackung. (...)“ (Seite 267)


    Hochinteressante Fakten

    Wenn uns Leser*innen klar ist, dass uns in diesem Buch nicht nur herzerwärmende Tiergeschichten erwarten, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, sondern jede Menge Informationen darüber, wie Menschen und Tiere denken und fühlen, sind wir auch nicht enttäuscht. Wir können uns über eine Vielzahl hochinteressanter Fakten freuen, finden wahrscheinlich so manche lang gehegte Vermutung bestätigt – und können verschiedenes lernen. Wenn ich die Bewertungen im Internet lese, scheine nicht nur ich, sondern auch auch etliche andere Käufer*innen dem Irrtum aufgesessen zu sein, hier eine Tiergeschichtensammlung zu erwerben.


    Die Autorin

    Kate Kitchenham ist Moderatorin, Buchautorin und Wissenschaftsjournalistin, studierte Kulturanthropologin und Zoologin mit Schwerpunkt Verhaltensforschung - und eine der bekanntesten Hunde- und Haustier-Expertinnen. Sie steht für das Format „Tierisch beste Freunde“ und "hundkatzemaus" (VOX) vor der Kamera. www.kitchenham.de

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    Julia Salenz: Tatzenfreu(n)de (8 – 12 Jahre), Norderstedt 2021, BoD Books on Demand, ISBN 978-3-753-40307-6, Softcover, 95 Seiten, Format: 12 x 0,6 x 19 cm, Buch: EUR 5,99, Kindle: EUR 2,49.


    Wieder einmal habe ich gar nicht bemerkt, dass ich ein Buch für Kinder lese. Dass es eines ist, ist mir erst beim Zusammenstellen der bibliographischen Angaben aufgefallen. Das heißt, man kann auch als erwachsene*r Katzenfreund*in seinen Spaß an der Geschichte haben.


    Tor zu – Katze gefangen

    Katzendame „Stinker“ rennt gern mal los, ohne zu überlegen, wie sie nachher wieder zurück nach Hause kommt. Auf diese Weise gerät sie auch in ein fremdes Gebäude. Das Tor schließt sich hinter ihr – und sie ist gefangen. Einen weiteren Ausgang gibt’s nicht. Zwar hört sie ihre Menschen von Ferne nach ihr rufen, aber sie kann nicht laut genug bemerkbar machen.


    Sie versucht alles Mögliche, um sich zu befreien, doch sie hat keine Chance. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als so lange zu warten, bis wieder ein Mensch vorbeikommt und das Tor aufmacht.


    Kindheitserinnerungen

    Stinker kann gerade nichts tun, also denkt sie zurück an die Zeit, als sie noch ein kleines Kitten war und mit Mutter und Geschwistern auf einem Reiterhof gelebt hat. Nelly hat sie damals noch geheißen. Schön war’s da. Aber eines Tages ist sie aus lauter Angst vor einem grantigen alten Hofkater kopflos davongerannt und hat nicht mehr nach Hause gefunden. Gesucht hat sie niemand.


    Wie sie zu ihrem neuen Namen „Stinker“ kommt, erzählt uns die Autorin im Buch. ;-)


    Ein neues Zuhause

    Stinker gewöhnt sich schnell ein, treibt allerhand Unfug, den junge Katzen eben so machen, und wickelt ihre Menschen ruckzuck ums Pfötchen. Das ist sehr amüsant. Dennoch hat man als Leser*in stets im Blick, dass die Katze ja gegen ihren Willen eingesperrt ist und dringend auf Hilfe wartet. Und natürlich hofft man, dass diese Hilfe schnellstmöglich naht und Stinker weiter ihr unbeschwertes Katzenleben genießen kann.


    Einstweilen gehen ihre Erinnerung weiter. Als Stinker im zweiten Winter bei ihren Menschen lebt, gewinnen diese den Eindruck, dass sie sich als Einzelkatze langweilt. Sie besorgen ihr einen Artgenossen. So kommt der kleine Kater Socke ins Haus.


    Der kleine Artgenosse nervt

    Das ist zwar lieb gemeint von den Menschen, aber der Kleine ist eben noch ein richtiges Kind. Stinker ist mächtig genervt davon, dass er ihr dauernd am Rockzipfel hängt. Wo sie sich auch versteckt: Socke spürt sie auf. Wo sie ist, will die lästige kleine Klette ebenfalls sein. Jetzt, da Stinker einsam in ihrem Gefängnis hockt, wäre das ausnahmsweise mal nützlich ...!


    Die Erlebnisse des Stinker-Socke-Teams gehen auf die Erfahrungen der Autorin mit ihren eigenen Katzen zurück. Das glaubt ihr jede*r Katzenhalter*in aufs Wort! Ich jedenfalls habe einiges aus meinen eigenen Multikatzenhaushalt wiedererkannt. Verstecken, vorübergehend spurlos verschwinden und sich in luftigen Höhen versteigen, das können offenbar sehr viele Katzen gut!


    Zum Lesen und Vorlesen

    Die Schrift ist ein bisschen sehr klein, was für Kinderbücher eher ungewöhnlich ist. Vielleicht bin ich deshalb nicht auf die Idee gekommen, dass es eines sein könnte. Aber bei Selfpublishing sind Seitenzahlen eine Kostenfrage, und da wählt man eben einen kleineren Schriftgrad. Gut: Wenn den jüngeren Kindern die Minischrift zu anstrengend ist, müssen eben Erwachsene aus dem Buch vorlesen. Auch kein Fehler. Das ist ein Buch für Groß und Klein.


    Ich fand die TATZENFREU(N)DE amüsant und könnte mir vorstellen, dass es anderen Katzenfreund*innen ebenso ergehen wird – selbst wenn sie dem Alter der angepeilten Zielgruppe längst entwachsen sind.


    Die Autorin

    Julia Salenz, geboren 1971 in Lübeck, arbeitete zunächst als Bauingenieurin. Später absolvierte sie ein Studium in den Bereichen Soziologie und Pädagogik. Neben der beruflichen Tätigkeit schloss sie eine Ausbildung im Bereich der Tierverhaltensberatung mit dem Spezialgebiet der Katze ab. Ihr umfangreiches Fachwissen sowie die Erlebnisse mit den eigenen zwei Couchtigern lieferten die Vorlage für die tierische Geschichte.

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    Elly Sellers: Die kleine Kanzlei entdeckt Neues. Roman, Norderstedt 2020, BoD Books in Demand, ISBN:978-3-752-68946-4, Softcover, 309 Seiten, Format: 12 x 2,1 x 19 cm, Buch: EUR 11,00, Kindle: EUR 2,99.


    Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass den ersten Band der Reihe, DIE KLEINE KANZLEI AM MARKT, gelesen habe. Die Münchner Rechtsanwältinnen Helen Binz und Kerstin Bärenreuther, beide Anfang 40, und deren tüchtige Fachangestellte Grete Vogt waren sofort wieder präsent.


    Helens Lover ist Geschichte

    Zu meiner Freude hat Helen den Lover abgesägt, der mir im letzten Band so auf die Nerven ging. Aber da habe ich mich zu früh gefreut: Als Klient bleibt uns der liebe Rainer erhalten.


    Kleine Geheimnisse werden groß

    Zum Glück muss sich nicht Helen um die Scheidung ihres Ex kümmern. Das macht ihre Kollegin Kerstin. Bei der läuft’s privat wieder ziemlich mal unrund. Sie hatte ja schon im ersten Band Probleme mit ihrem geheimniskrämerischen Gatten Mark. Und jetzt wieder! Mit wem telefoniert er nur die ganze Zeit? Und wer darf auf gar keinen Fall zu Besuch kommen? Auf Nachfragen reagiert er pampig, also drückt Kerstin in einem günstigen Moment auf Wahlwiederholung.


    Zurück ins Kinderzimmer

    Mitarbeiterin Grete Vogt, Ende 50, hat sich gerade damit arrangiert, dass ihr Mann im Ruhestand ist und ihr Sohn aus dem Haus, da schlägt das Schicksal zu: Der Sohn wird arbeitslos, wird in seiner Branche auch nicht so schnell was Neues finden will zurück in sein altes Zimmer ziehen, bis er wieder einen Job hat. Das kann dauern: Er fasst eine Umschulung ins Auge. Die Eltern haben das ehemalige Kinderzimmer schon umgewidmet und sind von der Rückkehr des Sohnes nicht so begeistert. Natürlich werden sie ihm trotzdem helfen! In Windeseile sortieren sie aus, räumen die Wohnung um und renovieren, auch wenn dieser Kraftakt sie überfordert. Und schon kommt die nächste Hiobsbotschaft ...


    Die Tante darf nichts wissen!

    Rechtsanwältin Helen Binz hat aus anderen Gründen schlaflose Nächte: Ihre Nichte Sarah mit Söhnchen Robin wohnt derzeit bei ihr. Der Kleine schreit natürlich nachts. Aber das nimmt Helen Kauf für das Gefühl, dass jemand da ist, wenn sie nach Hause kommt. Wie ruhig es ohne ihre Mitbewohner ist, merkt sie, als Sarah mit Robin für ein paar Wochen in die USA fliegt um den Kindsvater zu besuchen.


    Auch Sarah hat ein Geheimnis. Sie redet sich ein, ihre Tante schonen zu wollen, doch je länger sie wartet, um mit der Sprache herauszurücken, desto schwieriger wird’s. Und desto häufiger und größer werden die Lügen. Es ist eine Frage der Zeit, bis ihr die Sache mit Karacho um die Ohren fliegt ...


    Letzter Versuch: Mediation

    Ja, wenn die Leute rechtzeitig und vernünftig miteinander reden würden, wären viele Geschichten ruckzuck zu Ende. :-D Wahrscheinlich hätten auch die Scheidungsanwält*innen weniger Arbeit. Und Mediator*innen wären komplett überflüssig. Was diese außergerichtlichen Vermittler*innen leisten können, erleben wir hier mit, weil die Anwältinnen in diesem Buch erstmals mit Mediatoren arbeiten. Was Kerstin Bärenreuther so beeindruckt, dass sich mit dem Gedanken trägt, eine entsprechende Zusatzausbildung zu beginnen.


    Die Sache mit der Mediation fand ich interessant. Das könnte ich mir auch in anderen Lebensbereichen als sinnvolle Lösung vorstellen, nicht nur, um zankende Noch-Ehepartner wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich glaube, mit dem Thema muss ich mich mal näher beschäftigen. (Aber so einen Kurs mache ich bestimmt nicht. Ich hasse Rollenspiele!)


    Zeitweise fand ich die Fälle, über die sich die Anwältinnen in ihrer Kanzlei unterhalten, spannender als ihr Privatleben. Ich mag eben Geschichten aus dem Berufsleben. In dem Roman passiert ja auch nichts Dramatisches. Die Story von den entsetzten Eltern, die plötzlich mit dem drohenden Wiedereinzug ihres erwachsenen Sohns konfrontiert werden, ist ganz witzig, aber nicht rasend spannend. Bei Bärenreuthers hätte ich erwartet, dass mal ordentlich die Fetzen fliegen, aber da schmollt jeder nur vor sich hin.


    Sowas will man nicht erleben!

    Die Geschichte von Helen und Sarah hat allerdings Sprengkraft. Es ist stets damit zu rechnen, dass ein geliebter Mitmensch eine Wahl oder eine Entscheidung trifft, von der man nicht hellauf begeistert ist.


    Ja, die Heldinnen der Geschichte lernen hier viel Neues. Nicht immer freiwillig – und nicht immer zu ihrer Freude. Aber so ist das Leben: Immerzu verändert sich was.


    Mich bringt es ein bisschen aus dem Konzept, wenn ich mit Romanfiguren „per Sie“ bin. Sie teilen zwar ihre intimsten Gedanken mit uns, aber für uns sind sie Frau Vogt und Herr Bosch. Wenn die Anwältinnen beruflich mit den Leuten zu tun haben, ist es zweifellos angebracht, dass so distanziert und förmlich auf sie Bezug genommen wird. Aber wenn der Herr X mit der Frau Y im Bett liegt, ist es irgendwie seltsam.


    Von Genuss verstehen sie was

    Wie gesagt: Action gibt’s hier keine. Das Buch ist unterhaltsam, man schaut zwei versierten Rechtsanwältinnen bei der Arbeit zu, staunt über skurrile Fälle und erhält Einblicke in die hilfreiche Arbeit von Mediatoren. Der Ort der Handlung, München kommt auch immer gut weg, und mit Genuss gegessen und getrunken wird ebenfalls. Die Heldinnen leben erfreulicherweise nicht nur von Stillem Wasser und Salatblättern. ;-) Dadurch bleibt Leser*innen, die auch lieber genießen als verzichten, das schlechte Gewissen erspart.


    Am Rande bemerkt: Mir gefällt das Cover. Bücher von Selfpublishern kranken ja oft daran, dass die Gestaltung so handgestrickt wirkt. Hier nicht! Was Laura Newman für DIE KLEINE KANZLEI gestaltet hat, ist sehr schick, modern und professionell. http://www.lauranewman.de


    Die Autorin

    Elly Sellers (Pseudonym) ist als Rechtsanwältin und Mediatorin im Familienrecht tätig. Sie hat zusammen mit anderen Autoren bereits erfolgreich zwei Fachbücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Familie in München. http://www.ellysellers.de

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    Dr. Michaela Muthig: Und morgen fliege ich auf. Vom Gefühl, den Erfolg nicht verdient zu haben, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26292-7, Klappenbroschur, 235 Seiten, Format: 13 x 2,1 x 20,7 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99.


    Das Impostor-Syndrom erkennen und überwinden

    „[Wir nehmen] uns selbst und unsere Leistungen oft als ganz klein und unbedeutend wahr, unsere Fehler und Schwächen dagegen als riesengroß. (...) Kein Wunder, dass wir uns im Lauf der Zeit immer weniger zutrauen. Egal, was wir tun, wir fühlen uns dabei unzureichend. Selbst wenn wir für besondere Leistungen ausgezeichnet (...) werden, denken wir, dass (...) uns die Anerkennung (...) gar nicht zusteht. Wir fürchten uns davor, als Betrüger enttarnt zu werden. Dann werden alle merken, wie unfähig wir in Wirklichkeit sind.“ (Seite 13)


    Kennt ihr das, was die Autorin hier beschreibt? Ich ja! Oft bin ich froh, wenn mich Fragen per E-Mail und nicht in einem (Telefon-)Gespräch erreichen. Dann habe ich nämlich Zeit, mir eine schlaue Antwort zu überlegen, muss nicht hilflos herumstottern, und niemand merkt, dass ich für das Problem spontan keine „Erwachsenen-Lösung“ parat gehabt hätte.


    Hilfe! Ich koche nur mit Wasser!

    Da draußen sind nicht nicht nur Hochstapler und Fakes unterwegs! Es sind Menschen, die nicht perfekt sind. Sie haben Stärken, Schwächen, Wissenslücken – und nicht auf alles sofort die richtige Antwort. Der Laden läuft trotzdem einigermaßen. Also: Warum sollten wir uns verrückt machen, nur weil wir nicht Superman/Superwoman sind?


    Irgendwann habe ich erfahren, dass man es „Impostor-Syndrom“ nennt, wenn jemand glaubt, seine Kompetenz nur vorzutäuschen, dass das recht verbreitet ist und dass es zu einem massiven Problem werden kann. Entweder, weil einen der Erfolgsdruck regelrecht lähmt oder weil man vor lauter Perfektionismus und Über-Vorbereitung bei der Arbeit kein Ende mehr findet.


    Wenn Erfolg die Ängste verschlimmert

    Hat man Erfolg und wird gelobt, bessern sich die Versagensängste nicht etwa. Sie verschlimmern sich. Der Betroffene denkt nämlich, dass er beim nächsten Mal sicher nicht mehr so viel Glück haben wird. Dann wird er sich blamieren und alle werden sehen, dass er gar nichts kann. Sogar Spitzenverdiener und preisgekrönte Stars kennen das.


    Wie kommt’s, dass wir uns selbst in einem Zerrspiegel sehen? Und wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? Egal, zu welchem Subtypus wir gehören („Naturtalent“, „Perfektionist“, „Superheld“, „Experte“, „“Einzelgänger“ oder einer Mischform): Schuld sind Programme aus unserer Kindheit. Aber wir sind jetzt nicht mehr fünf, neun oder elf Jahre alt. Wir sind erwachsen, können Sachverhalte reflektieren, uns gegebenenfalls Hilfe suchen und die alten Programme mit neuen Inhalten überschreiben.


    Prägungen aufspüren und bearbeiten

    „Sie haben die damaligen Erlebnisse noch nicht vollständig aufgearbeitet. Ihre kindlichen Prägungen sind daher noch aktiv und wirbeln Ihre Gefühlswelt immer wieder durcheinander. Lassen Sie uns also diese unguten Prägungen aufspüren und bearbeiten.“ (Seite 197)


    Leicht ist das nicht, denn das Problem ist vielschichtig. Es hat mit Wahrnehmung, Bewertung, unseren Gefühlen und unserem Verhalten zu tun. Die Autorin – selbst Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie – macht uns da nichts vor: Eine Veränderung altgewohnter Denk- und Verhaltensmuster gelingt nicht von heute auf morgen. Das dauert. Und wenn man nachlässig wird, schleifen sich alte Verhaltensweisen ruckzuck wieder ein.


    Mit Übungen, Tipps und Fallbeispielen

    Dieses Buch bietet nicht nur theoretische Ausführungen, sondern auch klare Handlungsanweisungen, praktische Tipps und Übungen. Und weil Fallbeispiele ein Sachbuch bzw. einen Ratgeber lebendiger, konkreter und persönlicher machen, dürfen wir zwei Menschen auf ihrem Weg aus der Impostor-Falle begleiten: Oliver, der schreckensstarr vor jeder neuen Herausforderung sitzt und die perfektionistische Marla, die viel mehr Zeit und Energie für ihre Arbeit aufwendet als eigentlich nötig wäre, weil sie auf gar keinen Fall bei einem Fehler ertappt werden will.


    Wir erleben mit, wie die beiden den Ursachen ihrer Probleme auf die Spur kommen und nach und nach lernen, ihr Denken und Handeln zu verändern. Selbst wenn es fiktive Personen sind, die die Autorin aus typischen Fällen konstruiert hat, hat man das Gefühl: Wenn die zwei das hinkriegen, ist es auch zu schaffen!


    Erlerntes Verhalten kann man ändern

    Für „leichte Fälle“ und um sich mit dem Thema vertraut zu machen, halte ich das Buch für geeignet. Ich habe so manche Erkenntnis dazugewonnen und mir vieles in Erinnerung rufen können, was ich vor Jahrzehnten im Rahmen einer Verhaltenstherapie gelernt habe. Es stimmt schon: Verhalten, dass man irgendwann gelernt hat, kann man auch verändern. Das ist allerdings mühsam und langwierig.


    Manchmal muss ein Profi ran

    Die Übungen in dem Buch habe ich nur oberflächlich absolviert. (Am Themenkreis „Selbstwertgefühl“ war ich ja schon mal mit professioneller Hilfe dran). Wenn man die Fragen und Übungen gewissenhaft abarbeitet, kann man durchaus aufschlussreiche und nützliche Zusammenhänge erkennen.


    Ich hoffe nur, dass jeder Nutzer des Buchs spürt, wann er/sie mit einer „Eigentherapie“ per Sachbuch an seine Grenzen stößt. Ich weiß, ich sage das bei jedem psychologischen Ratgeber, aber ist mir eben wichtig: Rührt man beim Wühlen in der Vergangenheit unversehens traumatische Ereignisse auf, gehört die Sache nicht länger in Laienhände. Ich hätte schon den „Fallbeispiel-Oliver“ ungern ohne sachkundige Begleitung wursteln lassen. Wenn Menschen mit einer Vorgeschichte dieser Art den Weg zu einem Therapeuten/einer Therapeutin finden und nicht dauerhaft alleine herumdoktern, bin ich beruhigt.


    Die Autorin

    Dr. Michaela Muthig, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, war Oberärztin an der Universitätsklinik Tübingen. Sie bietet Online-Coaching und Kurse an.

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    Elisa Sabatinelli (Autorin), Iacopo Bruno (Illustrator): Emilio und das Meer (7 bis 9 Jahre), OT: Mio padre è un palombaro, aus dem Italienischen von Kristina Scharmacher-Schreiber, Münster 2021, Coppenrath-Verlag, ISBN: 978-3-649-63743-1, Hardcover, 96 Seiten, Format: 20 x 2,2 x 23,6 cm, mit beiliegendem Poster, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99.


    „Diese Geschichte entstand vor ungefähr zehn Jahren, zunächst als kleine Erzählung, nur ein paar Seiten lang. Iacopo Bruno war einer der Ersten, die sie gelesen haben. Er fertigte eine Skizze dazu an: Emilio in einem viel zu großen Tauchanzug. Irgendwo hinter dem Helm und Emilios Gesicht erkannte ich die Welt wieder, die ich mir vorgestellt hatte, mit diesem Bild hat Iacopo die Atmosphäre geschaffen, die jetzt jede einzelne Illustration des Buchs prägt.“ Elisa Sabatinelli, Seite 87


    Dieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk aus der Geschichte und den detailreichen Illustrationen. Offenbar haben die Autorin und der Illustrator das Projekt von Anfang an gemeinsam konzipiert.


    Emilio träumt vom Tauchen

    Die Story ist schnell erzählt: Der siebenjährige Emilio entstammt einer Familie von Tauchern. Er wäre so gern auch einer geworden, aber leider musste sein Vater seine Marina schließen. Gegen das riesige Tauchzentrum des rücksichtslosen Amedeo Lamonte war sein Angebot von Tauchausflügen und Bootsfahrten einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Lamonte konnte alles größer, schicker und billiger anbieten als er. Jetzt wohnt Emilios Familie nicht mehr in ihrem Häuschen am Meer. Sie mussten umziehen, und der Vater arbeitet jetzt in der Touristeninformation.


    Zu seinem achten Geburtstag bekommt Emilio von seinen Eltern trotzdem den lang ersehnten Tauchausflug geschenkt.


    Die Seele des Meeres

    Unter Wasser kommt Emilio sich vor wie ein Astronaut im Weltall. So eine tolle fremde Welt! Als er eine magisch glänzende Perle findet, ist er völlig aus dem Häuschen. Ist das etwa „die Seele des Meeres“, von der sein Großvater immer erzählt hat? Die kostbarste, weißeste und reinste Perle, die es gibt? Er nimmt sie mit, um sie seiner Mutter zu zeigen und sie danach wieder dahin zurück zu bringen, wo er sie gefunden hat. Doch die Mutter informiert die Presse, es entsteht ein wahnsinniger Wirbel um Emilio und seinen sensationellen Fund. Das ruft umgehend den gierigen Amedeo Lamonte auf den Plan, der alles daran setzt, dem Jungen die Perle abzujagen.


    Der Perle gefällt es nicht, an Land und in Menschenhand zu sein. Dem Meer gefällt das auch nicht. Es reagiert ausgesprochen ungnädig. Und irgendwann muss sich selbst der materialistische Amedeo die Frage stellen, ob es nicht doch etwas Wichtigeres gibt als Geld und Besitz – und ob man nicht dem Meer seine Seele zurückgeben muss.


    Eine herrlich versponnene Geschichte

    Elisa Sabatinellis herrlich altmodisch-versponnene Geschichte passt perfekt mit Iacopo Brunos Illustrationen im Retro-Look zusammen. Die Helden und Nebenfiguren sind liebevoll gezeichnet. Jedem wurde ein Meerestier zur Seite gestellt, so dass sich das Meeresthema durchs ganze Buch zieht, selbst wenn die Handlung gerade an Land stattfindet.


    Im Anhang findet man eine Übersicht über die nautischen Flaggen, unter anderem das Flaggenalphabet. Und auf einmal erkennt man, dass die Muster und Fähnchen, die jeweils den Kapitel-Einstieg schmücken, nicht einfach nur Dekoration sind, sondern einen Sinn ergeben.


    Ich glaub’, wesentlich jünger als in der Altersempfehlung angegeben sollten die Kinder nicht sein, denen man das Buch in die Hand gibt bzw. ihnen daraus vorliest. Sonst besteht die Gefahr, dass sie’s nicht verstehen. Der Bankrott des Vaters, die Seele des Meeres, der skrupellose Geschäftsmann, der auf die harte Tour lernen muss, Prioritäten zu setzen, das setzt schon ein bisschen Wissen über die Welt voraus.


    Dem Buch liegt auch ein Poster bei, doppelseitig bedruckt, sodass man die Wahl zwischen zwei Motiven hat.




    Es war mal geplant, aus der Geschichte einen Zeichentrickfilm zu machen. Leider ist aus dem Projekt nichts geworden. Ich hätte es mir aber gut vorstellen können.


    Die Autorin

    Elisa Sabatinelli, geboren 1985, wuchs in Barcelona auf. Sie hat Drehbuch in Spanien studiert, in London bei einer Plattenfirma gearbeitet und ein Architekturbüro geleitet. Heute lebt sie in Mailand, wo sie im Verlagswesen arbeitet und schreibt.


    Der Illustrator

    Iacopo Bruno, geboren 1964, ist einer der renommiertesten Illustratoren Italiens. Er hat bereits über 300 Bücher für Kinder und Erwachsene illustriert, darunter die Reihen »Ulysses Moore« und »Harry Potter«. Iacopo Bruno lebt in Mailand.


    Die Übersetzerin

    Kristina Scharmacher-Schreiber studierte Germanistik in Münster und Bergamo, schrieb währenddessen für verschiedene Zeitungen und war dann viele Jahre lang für große Opernhäuser tätig. Seit 2016 ist sie freie Autorin und Übersetzerin und hat seither mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Ihre Sachbücher wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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    Maria Almana: Wer schreibt, darf eigensinnig sein. Kreativität, Selfpublishing und Eigensinn. Ein Plädoyer, kein Schreibratgeber, Pulheim 2020, Edition Texthandwerk, ISBN 978-3-347-15258-8, Softcover, 384 Seiten, Format: 14,81 x 2,18 x 21,01 cm, Paperback: EUR 14,99, Hardcover: EUR 22,99.


    Ich bin sowohl ein Maulwurf als auch ein Eichhörnchen – mit leichter Tendenz zur Amsel. Nur eine Katze bin ich definitiv nicht. :-D Nein, das ist kein neumodisches Horoskop! Das ist das Resultat des Tests „Welcher Schreibtyp sind Sie eigentlich?“ aus diesem Buch. Es sei nur ein Spiel, betont die Autorin – und doch erkenne ich darin meine Denk- und Arbeitsweise wieder.


    Verschiedene Typen, verschiedene Arbeitsweisen

    Insgesamt ein Dutzend tierischer Typen stehen zur Auswahl, und das zeigt vor allem eines: Wir sind, denken, arbeiten und schreiben verschieden. Deswegen gibt’s auch keine Universal-Ratschläge, die für jede*n passen. Außer vielleicht diesem: Wenn wir etwas zu sagen haben und es uns danach drängt, ein Buch zu schreiben, sollten wir das so machen, wie es sich für uns gut und richtig anfühlt.


    „Da möchte jemand unter allen Umständen von dem erzählen, was er oder sie gesehen, erlebt, gelernt oder durchlitten hat. Es ist der klassische Fall von: ‚Ich muss das unbedingt erzählen, ich kann nicht anders.’ Das ist ein deutlicher Impuls von Eigensinn.“ (Seite 163.)

    Und durch diesen Eigensinn werden Autor*innen und Leser*innen verbunden:

    „Über Bücher und Geschichten tauschen wir uns aus. Wir lernen scheinbar Altbekanntes anders zu sehen, erfahren Neues über Dinge, die uns bislang fremd oder unbekannt waren.“ (Seite 163)


    Selbstpublishing als Glücksfall

    O ja, das kann ich bestätigen! Vor allem in den letzten 20 Jahren habe ich eine Vielzahl von unkonventionellen Büchern gelesen und eine Menge dabei erfahren und gelernt. Auch wenn es Maria Almana in erster Linie um Sachbücher geht, habe ich durchaus auch faszinierende und inspirierende eigensinnige Romane und Kurzgeschichten-Sammlungen gelesen. Manche davon sind in bekannten großen Verlagshäusern erschienen, andere haben bei kleinen, experimentierfreudigen Verlagen ihre Heimat gefunden. Nicht wenige sind im Selfpublishing entstanden – was längst nicht mehr gleichbedeutend mit „amateurhaftem Hobbygeschreibsel“ ist! Das kann man heute überaus professionell aufziehen, gegebenenfalls mit Unterstützung von entsprechenden Dienstleistern.


    Das ist für die Autor*innen in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn, oder wie der ehemalige Journalist und Verleger Ruprecht Frieling sagt: „Aus Bittstellern, die bislang an den Toren der etablierten Verlage kratzen und sich im Ernstfall deren geschmacklichen und ökonomischen Vorgaben anpassen mussten, sind über Nacht selbstbewusste Publizisten geworden.“ (Seite 261)


    Wer oder was hilft uns beim Schreiben?

    Wenn man also Buch schreiben möchte, gibt’s heute verschiedene Wege, es zu veröffentlichen. Was man sich von seinem Buch erhofft, darüber sollte man sich allerdings beizeiten klar werden: Will man Geschichten erzählen, Wissen weitergeben, das Buch schreiben, das man selbst gerne lesen würde oder möchte man sich als Expert*in für ein bestimmtes Thema ins Gespräch bringen, um beruflich davon zu profitieren – oder welche Gründe es sonst noch geben mag. Wer jedoch mit dem Vorsatz loszieht, auf Anhieb einen Bestseller zu schreiben und damit unermesslich reich zu werden, wird mit einer Enttäuschung rechnen müssen. So ein Geniestreich gelingt nur ganz wenigen.


    Was man auch in Betracht ziehen sollte: dass ein eigensinniges Werk auch auf Unverständnis und Ablehnung stoßen kann. Mit Kritik, auch der unsachlichen Art, muss man umgehen können.


    Wenn wir jetzt also wissen, warum wir etwas schreiben wollen, wo und wie wir es veröffentlichen können – das Für und Wider von Verlag und Selfpublishing wird hier ausführlich beleuchtet -, wer oder was hilft uns dann beim eigentlichen Schreiben? Bringen Schreibkurse etwas? Oder Schreib-Ratgeber? Jjjjjein! Es kann nützlich sein, es kann uns aber auch verwirren und verunsichern.


    Ein Schreibcoach, vielleicht?

    Erst muss uns bewusst sein, wer wir sind, wie wir ticken, was – und wohin – wir selbst möchten. Wenn wir das nicht wissen, laufen wir Gefahr, „der Wahrnehmung, dem Weg, den Ideen und Schwerpunkten fremder Menschen zu folgen. Genau das ist aus meiner Sicht grundfalsch.“ (Seite 27) Wenn man das Gefühl hat, Unterstützung zu benötigen, wäre vielleicht ein Schreibcoach ein Weg. Da muss aber meines Erachtens zwischen Coachee und Coach die Chemie stimmen und ein ähnliches Vertrauensverhältnis herrschen wie zwischen Patient und Therapeut. Sonst geht man am Ende vielleicht doch mit den Ideen eines anderen Menschen nach Hause.


    WER SCHREIBT, DARF EIGENSINNIG SEIN ist zwar ausdrücklich kein Schreibratgeber – das steht ja schon auf Cover -, aber Beispiele, Tipps, Anregungen und Übungen findet man hier auch. Man kann damit seinem persönlichen Eigensinn auf die Spur kommen und die eine oder andere erprobte Methode entdecken, die einem ein bisschen weiterhilft. Auf jeden Fall ist das Buch für Schreibende ein Wegweiser durch den Dschungel der Möglichkeiten.


    Konkret und von praktischem Nutzen

    Nachdem mir der erste Band MEIN KOMPASS IST DER EIGENSINN etwas zu „hoch“ und zu theoretisch war – ich bin nun mal keine Geisteswissenschaftlerin – empfinde ich das vorliegende Buch als deutlich konkreter und sehe mehr praktischen Nutzen darin. Zu meinem Eigensinn gehört nun mal, dass ich ganz schrecklich pragmatisch bin.


    Jetzt bin ich gespannt auf Band 3: EIGENSINN VERBINDET. Darin wird es Interviews geben mit eigensinnigen Menschen aus der sich ständig wandelnden Buchbranche. Als altes Verlagswesen (seit fast 40 Jahren dabei), stelle ich mir das überaus interessant und erhellend vor.


    Die Autorin

    Maria Almana wurde 1960 zu Füßen des Herkules in Kassel geboren, lebt mit Mann und Hund im Rheinland und fand immer schon, dass Sprache die aufregendste Heimat der Welt bietet. Sie ist Magistra Artium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, zertifiziert als Schreib- und Systemischer Coach, seit einigen Jahren selbstständig als Texthandwerkerin (http://www.texthandwerkerin.de), Buchhebamme (http://www.buchhebamme.de), Lektorin und Schreibcoach. Fast zeitgleich mit den Möglichkeiten von Selfpublishing entdeckte sie den Eigensinn als Lebenskunst und Schreib-Maxime. Denn Eigensinn ist nicht nur ein unbestechlicher Kompass für unsere Orientierung im Dschungel viel zu vieler Möglichkeiten. Er führt uns auch auf direktem Weg zu uns selbst. Und zu einem besseren Verständnis untereinander. Darum ist er auch das perfekte Schreib-Instrument.

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    Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. Roman, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28267-3, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 301 Seiten, Format: 14,2 x 2,5 x 21,6 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 16,99.


    „Weißt du, ich kann sogar einfach Alija machen“, nuschelte ich mit vollem Mund. (...) „Einbürgerung. (...) Soweit ich weiß, kann ich meine deutsche Staatsbürgerschaft behalten. Ich muss doch nicht dort bleiben. Ich mache den Job für ein Jahr. Genauso lange dauert die Alija. Ich kriege einen Sprachkurs bezahlt, lerne Hebräisch, bekomme monatlich extra Geld um anzukommen, und kann die Konferenz organisieren. Also das machen, was ich sowieso machen will.“ (Seite 31)


    Eine Jüdin in Ostberlin

    Berlin/Tel Aviv 2018: Nike Waldman, 35, als Jüdin in Ostberlin aufgewachsen, hat Judaistik studiert und arbeitet auf Dreißigstundenbasis als Referentin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Seit sie vor acht Jahren die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Lebensgefährten Sascha beendet hat, ist sie Single.


    Ihre traumatisierenden Erlebnisse hat sie nie richtig verarbeitet – aber das haben die letzten drei Frauen-Generationen in ihrer Familie auch nicht. „Im Gegenteil“, kann man sagen: Urgroßmutter Dora, Oma Rosa und Mutter Lea haben ihre „Päckchen“ auch noch an die folgenden Generationen weitergereicht. Nicht in böser Absicht, natürlich. Das passiert eben, wenn Probleme nicht bewältigt werden können.


    Nike ist bewusst, dass sie privat und beruflich auf der Stelle tritt und in ihrem Leben etwas verändern sollte, aber sie kann sich nicht dazu aufraffen. Wenn der Leidensdruck nicht hoch genug ist, überwindet der Mensch seine Trägheit eben nicht.


    Neustart in Tel-Aviv

    Als Oma wieder mal alles besser weiß, Mutter nur am Meckern ist und der Vater sich bequem aus allem heraushält, reicht es ihr. In Tel Aviv ist gerade eine Kollegin ausgefallen, die dort eine große Konferenz hätte organisieren sollen. In für sie ungewohnter Spontaneität beschließt Nike, für ein Jahr nach Israel zu ziehen und diese Aufgabe selbst zu übernehmen. Ein Neustart in einem anderen Land, das klingt doch nach einem Plan!


    Nike trifft Noam ...

    Und dann läuft Nike Noam in die Arme, einem Kerl Anfang vierzig, der als Kolumnist für die Haaretz arbeitet aber darüber hinaus nichts auf die Reihe kriegt. Okay: Wir wissen deutlich mehr über ihn als Nike, die ihn ja gerade erst kennenlernt. Auf den ersten Blick wirkt Noam klug und witzig und er hat schöne Haare. ;-) Aber so, wie er mit seinem Onkel in einer heruntergekommenen Wohnung haust, müsste er eigentlich schon aus hundert Metern Entfernung stinken wie ein Iltis. Da wundert es mich, dass Nike ihn überhaupt in ihre Nähe lässt und dann sogar eine Beziehung mit ihm beginnt. Bäh!


    ... und das Unheil nimmt seinen Lauf

    Noam hat allen Grund, so gestört zu sein. Auch er, ein Enkel von Holocaust-Überlebenden, hat die Probleme voriger Generationen auf seine schmalen Schultern geladen bekommen. Man hat ihm in seiner Jugend – absichtlich und unabsichtlich – schreckliche Dinge angetan, die er nie thematisiert, geschweige denn therapiert hat.


    Widerstandslos lässt sich Nike von Noam und seinem Onkel in eine üble Geschichte hineinziehen. Und weil sie mit niemandem über ihre problematische Beziehung zu Noam spricht, kann ihr auch keiner ins Gewissen reden und ihr helfen. Hoffentlich wacht sie auf, bevor’s zu spät ist ...!


    Spurensuche in Yad Vashem

    Angesichts der dramatischen Liebesbeziehung ist es schon fast schon eine Nebensache, dass Nike auf Anraten ihres Großonkels nach Yad Vashem fährt und dort nach der Akte ihrer Urgroßmutter Dora fragt. „Es gibt keine erträgliche Geschichte aus dieser Zeit“, sagt Noam. „Jede ist anders schrecklich.“ (Seite 261). Das stimmt natürlich. Trotzdem ist Nike schockiert, als sie Einblick in die Unterlagen nimmt. Bis jetzt hat sie nur gewusst, dass Dora 1941 in Toulouse gestorben ist. Nun erfährt sie alle grausigen Details. Und jetzt wird ihr in Bezug auf ihre Familie so manches klar ...


    Mir war leider nicht alles so klar. Abgesehen davon, dass ich Nikes Lover Noam absolut gruselig fand, habe ich nicht verstanden, warum sie in ihrer Identifikation mit Dora so weit geht. Ist ihr selbst noch nicht genügend Schlimmes zugestoßen?

    Ich habe das nicht begriffen.



    Geerbte Traumata

    Das Buch hat mich ein wenig ratlos zurückgelassen. Ich mochte die Familiengeschichte(n) und Nikes erste Schritte im neuen Land. Mich schrecken keine hebräischen Textstellen und das Konzept der Alija ist mir ebenso vertraut wie die Tatsache, dass Traumata an folgende Generationen weitergereicht werden können. „Zwischen Du und Ich“ können gewaltige Hindernisse stehen. So weit ist alles klar. Nur die Aktionen der beiden Hauptpersonen konnte ich an ein paar entscheidenden Stellen einfach nicht nachvollziehen. Das muss aber nicht am Buch liegen – es liegt vielleicht an mir.


    Die Autorin

    Mirna Funk, geboren 1981 in Ostberlin. Ihr Debütroman ›Winternähe‹ wurde mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Seit zwei Jahren erscheint ihre monatliche Kolumne ›Jüdisch heute‹ in der ›Vogue‹. Sie arbeitet als freie Journalistin für diverse deutsche und israelische Publikationen. ›Zwischen Du und Ich‹ ist ihr zweiter Roman.

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    Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft, München 2021, Droemer, ISBN 978-3-426-27822-2, Hardcover, 368 Seiten mit zahlreichen zweifarbigen Graphiken von Ivonne Schulze, Format: 14,4 x 3,4 x 21,7 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: 17,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Ach, Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten könnten so konstruktiv sein, wenn man sich doch bloß auf Tatsachen als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnte. Wir brauchen viel öfter eine kleineste gemeinsame Wirklichkeit.“ (Seite 314)


    Ich kenne und schätze die Arbeit der Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim seit einigen Jahren. Also dachte ich, wenn uns jemand die aktuelle Faktenlage zu diversen strittigen Themen kompetent und unterhaltsam erklären kann, dann sie. In ihrer bewährten Art wird sie mit Irrtümern, Mythen und realitätsfernem Geschwurbel aufräumen und uns sagen, was man derzeit wirklich weiß.


    Wenn wir das Buch gelesen haben, können wir uns dann argumentativ gestärkt ins Getümmel stürzen und sachkundig und überzeugend die Themen erörtern, zu denen es in freier Wildbahn wenig Ahnung aber viel Meinung gibt. Das war meine Hoffnung. – Klappt das? Nun ja ... man ist schon ein bisschen schlauer, wenn man mit dem Buch durch ist.


    Methode und Bewertung

    Wir erfahren, dass man sich immer die Methode anschauen sollte, nach der die Daten einer Studie erhoben und ausgewertet wurde. Ist die Fragestellung schon schwammig und/oder sind subjektive Bewertungen im Spiel, kann nichts Objektives dabei herauskommen. Das ist z.B. das Problem bei der Schädlichkeitsbewertung unterschiedlicher Drogen nach N u t t at al. Welche Kriterien soll man dafür heranziehen, welche vernachlässigen? Und wie, um Himmels Willen, quantifiziert man das?


    Wie geht man außerdem mit der Tatsache um, dass manche Drogen für den einzelnen Konsumenten extrem schädlich sind, gesamtgesellschaftlich aber nicht allzu viel anrichten, weil sie zum Glück nicht weit verbreitet sind? Mit den „Volksdrogen“ Alkohol & Tabak verhält sich das wiederum ganz anders. Damit sind Schädlichkeitsbewertungen nur von begrenzter Aussagekraft. Und darauf basiert dann die Drogenpolitik. Das ist sicher nicht optimal, aber derzeit gibt’s wohl nichts Besseres.


    Reproduzierbarkeit und Signifikanz

    Wir lernen, dass Studien reproduzierbar sein müssen. Das heißt, dass man zum selben Ergebnis kommen muss, wenn man sie wiederholt. Dazu müssten sie unter anderem standarisiert sein, denn wenn jeder ein bisschen was anderes misst, ist das am Ende nicht vergleichbar. Ferner muss man zwischen Kausalität und Korrelation unterscheiden, die Daten unvoreingenommen auswerten und nichts Entscheidendes ignorieren und auch nichts hineininterpretieren, was gar nicht drinsteckt. Und man muss die statistische Signifikanz berücksichtigen, sonst streitet man sich wegen einer irrelevant kleinen Abweichung um des Kaisers Bart. Das alles sieht man sehr schön anhand der Frage, ob Videospiele zu Jugendgewalt führen oder nicht.


    Mythen und Fakten über Männer und Frauen

    In diesem Buch habe ich auch erfahren, was eigentlich genau beim Gender Pay Gap verglichen wird. Das habe ich mich nämlich schon lange gefragt. Schaut man da nur nach dem Bruttostundenlohn oder geht es auch darum, ob Männer und Frauen bei gleicher Arbeit gleich viel verdienen? Führt uns das auch zu der Tatsache, dass „typische Frauenberufe“, also vornehmlich die Care-Arbeit, generell schlecht bezahlt werden, und warum das so ist? Und gibt’s sowas wie typisch männliches und typisch

    weibliches Denken? Wenn ja, liegt das dann am Gehirn, den Hormonen oder woran sonst? Und wie misst man das?


    Was man sonst noch lernt ...

    ... dass sich die Zulassungsbestimmungen für homöopathische Mittel stark von denen der klassischen Arzneimittel unterscheiden,

    ... weshalb der Placebo-Effekt und die „sprechende Medizin“ oft unterschätzt werden,

    ... wie sicher Impfungen sind,

    ... warum der Corona-Impfstoff so schnell da war,

    ... warum sich seltene Impf-Nebenwirkungen immer erst nach der Zulassung zeigen,

    ... ob Intelligenz erblich ist und welche Einflüsse Umweltbedingungen haben. (Ich gestehe, dass mir dieses Kapitel zu hoch war.)

    ... wie und wieso Lernen unser Gehirn verändert,

    ... warum Physiognomik und Phrenologie unwissenschaftlicher Mumpitz sind,

    ... ob und unter welchen Voraussetzungen man Tierversuche ethisch vertreten kann,

    ... dass es noch immer keinen vollwertigen „künstlichen“ Ersatz für Tierversuche gibt

    und noch vieles anderes mehr.


    Trotzdem könnte ich allfällige Dummschwätzer nicht mit ein paar eleganten Sätzen vom Platz fegen. Dazu sind die Sachverhalte zu komplex.


    Eines ist mir auf jeden Fall klar geworden: Wenn wir einander nur unbegründete Meinungen um die Ohren hauen, führt uns das keinen Schritt weiter. Wir sollten denken wie die Wissenschaftler: „Jeder Irrtum ist eine Erkenntnis, die einen weiterbringt. Man irrt sich vorwärts.“ (Seite 340) Aber dafür müssten wir uns erst einmal auf das einigen können, was wirklich unbestreitbar feststeht. Ich fürchte, dieser Weg ist noch sehr weit.


    Verständnis-Voraussetzung: Statistik

    Man sollte mehr als nur ein bisschen Ahnung von Statistik haben, um den Ausführungen der Autorin folgen zu können. Ich besitze angestaubte Kenntnisse aus einem Studium vor knapp 40 Jahren und tat mich nicht immer leicht. Wenn also vereinzelte Leser*innen das Buch schlecht bewerten und „zu viel Wissenschaft“ beklagen, mag hier der Grund dafür liegen: Man unterschätzt das erforderliche Vorwissen.


    Weil die Autorin in den Medien komplizierte Sachverhalte lässig und verständlich erklärt, entsteht vorab der Eindruck, dass bei dieser Lektüre jeder locker mitkommt. Das ist aber nicht so. Wenn Frau Dr. Nguyen-Kim online oder im TV etwas erläutert, kann man bequem unter den Passagen wegschnarchen, die man nicht ganz kapiert, um dann beim Fazit wieder einzusteigen. Sitzt man aber mit dem Buch zuhause und hat nicht den Mut, mehrere Seiten zu überspringen, bleibt man mit seinen Wissenslücken ratlos und frustriert allein.


    Mich hat’s, wie immer, bei der Genetik aus der Kurve getragen. Ja, ja, schon klar, die Varianz! Aber ich könnte euch immer noch nicht erklären, was an der Intelligenz nun erblich ist und was nicht. Je unterschiedlicher die äußeren Bedingungen, desto geringer der Einfluss der Erblichkeit. Oder so.


    Schwer lesbare Graphiken

    Was nicht der Autorin und auch nicht der Illustratorin anzulasten ist, ist der Umgang mit den Graphiken. Sicher, es schaut schön luftig und elegant aus, wenn die illustrierenden Elemente höchstens fünfeinhalb Zentimeter breit sind. Aber für die Beschriftung bedeutet das eine maximale Versalhöhe von einem Millimeter, und das vielleicht noch in Hellrot. Das ist WINZIG! Bei suboptimalem Licht – wenn man das Buch z.B. in der Bahn liest – braucht man für diese Stellen eine beleuchtete Lupe. Kein Witz! Das gilt auch für die vierseitige Aufstellung im Tierversuchs-Kapitel.


    Frage: Wer kauft denn (noch) gedruckte Bücher? Das dürften doch in erster Linie Traditionalist*innen sein, die das schon seit Jahrzehnten so machen. Und die sind eben nicht mehr mit jungen, frischen Adleraugen gesegnet. Für diese Leserschaft sind solche Minischriften trotz Brille ein echtes Hindernis.


    Ich muss den Büchermacher*innen doch hoffentlich nicht sagen, dass, wenn so eine Auflage erst mal gedruckt ist, die Bilder und Schriften eben NICHT MEHR wie am Bildschirm mit einer eleganten Fingerbewegung größer gezogen werden können. Die bleiben so mini, wie sie angelegt wurden.


    Gerade, wenn man Wissen vermitteln will, sollte man es der Zielgruppe so leicht wie möglich machen, dieses auch aufzunehmen. Da muss man nicht in Schönheit sterben. Das ist eine typische Sachbuch-Krankheit und regt mich jedes Mal aufs Neue auf. Die Autor*innen und Illustrator*innen geben sich Mühe, und dann wird’s auf den letzten Metern durch die Gestaltung vergurkt. Das geht bestimmt besser! Und das Buch hätte es wirklich verdient, dass die Informationen auch allen Leser*innen ohne große Barrieren zugänglich sind.


    Die Autorin

    Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin und forschte unter anderem an der RWTH Aachen, am MIT und in Harvard an intelligenten Materialien für biomedizinische Anwendungen. Heute ist sie als Wissenschaftsjournalistin und Edutainerin aktiv auf allen Kanälen: Im Fernsehen übernahm sie als Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar die Moderation von “Quarks”, für funk (das Junge Angebot von ARD und ZDF) produziert sie den preisgekrönten YouTube-Kanal “maiLab” und sie ist Autorin des SPIEGEL-Bestsellers “Komisch, alles chemisch”. Als Dozentin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation teilt sie außerdem gerne ihre Erfahrung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

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    Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, Roman, OT: Disappearing Earth, aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-978-3-423-28258-1, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 376 Seiten mit Landkarte und Personenverzeichnis, Format: 14,7 x 2,8 x 21,8 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 18,99. Auch als Hörbuch lieferbar.


    „Bitte helfen Sie mir, meine Töchter zu finden, Aljona Golosowskaja und Sofija Golosowskaja, die im vergangenen August mitten in Petropawlowsk verschwunden sind. (...)Aljona ist jetzt zwölf Jahre alt. (...) Sofija ist acht. Sie wurden von einem korpulenten Mann in einem großen, neu wirkenden schwarzen oder dunkelblauen Wagen entführt.“ (Seite 332/333)


    Mit der sibirischen Halbinsel Kamtschatka habe ich mich bislang nur auf Sachbuchebene befasst. Da gibt’s Vulkane, Geysire und Braunbären. Menschen gibt’s da natürlich auch: Russen, Ewenen, Tschuktschen, Korjaken, Aleuten – und Touristen. Und wo immer unterschiedliche Gruppen sich ein Gebiet teilen, kommt es zu Missverständnissen, Konflikten und Animositäten.


    Was die Bewohner*innen von Kamtschatka umtreibt, erzählt uns die US-amerikanische Autorin Julia Phillips. Sie hat eine Weile auf der Halbinsel gelebt und hat Freunde dort. Sie besitzt also nicht nur angelesenes Wissen über Land und Leute.


    Zwei Schwestern verschwinden

    Das Buch wird als Thriller verkauft. Das ist es aber nur am Rande. Es ist eher ein Episodenroman, der das Leben verschiedener Frauen schildert, die Berührungspunkte mit dem Schicksal zweier verschwundener Schulmädchen haben. Wir begegnen Angehörigen und Bekannten der Mädchen sowie Zeugen, Wichtigtuern und Neugierigen – und Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich bei der Suche nach den Vermissten engagieren bzw. engagiert haben.


    Und was wurde aus Lilja?

    Wir treffen außerdem auf die Familie Solodikow aus Esso, deren Tochter Lilja vor drei Jahren unter ähnlichen Umständen verschwunden ist wie jetzt die Schwestern Golosowskaja in Petropawlowsk. Nur hat Liljas Verschwinden damals weder die Polizei noch die Öffentlichkeit interessiert. Weil sie keine Russin, sondern eine Ewenin ist? Oder weil sie schon 18 war und ein bisschen leichtlebig? Schulterzuckend wurde sie als Ausreißerin abgestempelt und alle gingen wieder zur Tagesordnung über.


    Mit jedem Kapitel entfernen wir uns einen Monat weiter von Aljonas und Sofijas Verschwinden und jedes Mal steht ein anderes weibliches Wesen im Mittelpunkt der Geschichte. Manche tauchen als Nebenfiguren in späteren Kapiteln wieder auf, von anderen hört man nie wieder was. Aber willkürlich ist die Auswahl der Personen nicht. In den letzten beiden Kapiteln laufen die sorgsam gesponnenen Erzählfäden zusammen.


    Dankenswerterweise gibt es ein Personenverzeichnis. Denn jeder hier hat Vornamen, Vaternamen, Familiennamen, Spitznamen und eine Berufsbezeichnung, die abwechselnd benutzt werden. Da kann es eine Weile dauern, bis man kapiert, dass die Assistentin aus dem einen Kapitel die übergriffige Nachbarin aus einem anderen ist. Alles hängt mit allem zusammen, jeder ist mit jedem über drei Ecken verbandelt – und der Dreh- und Angelpunkt sind die Golosowskaja-Schwestern, die an einem Sommertag zusammen ans Meer gehen und am Abend nicht mehr nach Hause kommen.


    Niemand glaubt der Zeugin

    Wir als Leser*innen werden Zeuge der Entführung. Außer uns hat nur noch Oksana, eine Forscherin am Institut für Vulkanologie, etwas davon mitbekommen. Sie war mit ihrem Hund unterwegs. Aber man nimmt sie nicht so richtig ernst. Vielleicht, weil ihr Mann so damit angibt, dass seine Frau Zeugin ein einem medienwirksamen Vermisstenfall ist. Oder weil Oksana einen weißen Mann beschreibt, während Polizei und Öffentlichkeit lieber einen Ureinwohner verdächtigen würden.


    Von der Zollbeamtin Katja, die mit Oksanas chaotischem Kollegen Max liiert ist, erfahren wir, dass es für den Entführer praktisch unmöglich ist, mit den Mädchen die Halbinsel zu verlassen. Ob zu Wasser, zu Lande oder mit dem Flugzeug – es hätte jemand bemerkt. Tot oder lebendig, sie müssen noch auf Kamtschatka sein.


    Kontrolle oder Sorge?


    Wir erfahren, wie die ewenische Familie Solodikow das Verschwinden ihrer Tochter Lilja verarbeitet hat (nicht gut) und wie sie sich jetzt fühlen, da man die beiden weißen Mädchen mit so viel mehr Engagement sucht als damals ihr Kind. Sie empfinden das als rassistischen Akt.


    Nur träumen, nicht handeln


    Eine ungeheuerliche Entdeckung

    Angesichts dieser geballten Inaktivität habe ich befürchtet, dass auch die Geschichte der beiden vermissten Schwestern nach diesem Muster ausgeht: „Ach ja, das ist jetzt eben so. Da kann man nichts machen.“ Ganz so kommt es nicht! Bei einem Festival in Esso begegnet Marina Golosowskaja der Mutter der verschwundenen Lilja – und macht eine ungeheuerliche Entdeckung ...


    Vulkanismus und Rassismus

    Der Roman ist schon klasse konstruiert! Auf ein paar Seiten entwirft die Autorin komplette Lebens- und Familiengeschichten und in der Summe bekommt man einen Gesellschaftsroman mit Thriller-Elementen. Ich war nicht grundsätzlich überrascht vom Rassismus in der Story. Das deckt sich mit Geschichten, die ich schon gehört habe – nur bislang noch nie aus der Sicht der indigenen Bevölkerung. Und wenn „die Leute“ so denken, ist es kein großes Wunder, dass das ganze System so tickt, denn das besteht nun mal aus „Leuten“.


    Ja, wir Menschen! Irgendwie erschien mir die Welt auf Kamtschatka noch heiler, als ich mich nur mit Vulkanen, Geysiren und Bären beschäftigt habe. ;-)


    Die Autorin

    Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.


    Die Übersetzer

    Pociao studierte Anglistik, Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Mitte der der Neunzigerjahre gründete sie den Verlag Sans Soleil. Sie übersetzte u.a. Paul Bowles, William S. Burroughs und Evelyn Waugh.


    Roberto de Hollanda arbeitet für Film und Rundfunk und ist als Literaturagent tätig. Er übersetzt u.a. Almudena Grandes, Jan Kerouac und Eugenio Fuentes ins Deutsche.

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    Alfred Bodenheimer: Der böse Trieb: Ein Fall für Rabbi Klein, Zürich 2021, Kampa Verlag, ISBN 978-3-311-12530-3, Hardcover, 248 Seiten, Format: 12,1 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 19,90, Kindle: EUR 14,99.


    „(...) Normalerweise haben wir bei einem potenziellen Täter ein Motiv und müssen die Beweise beschaffen, dass er es auch war. Hier haben wir eine ziemlich aussagekräftige Indizienkette, aber kein Motiv.“
    „Und Sie würden mich bitten, Ihnen ein Motiv zu beschaffen.“
    Karin Bänziger lächelte gequält. „Sie haben eine unnachahmliche Art, sich auszudrücken, Herr Rabbiner. Aber wenn Sie sich umhören können und auf etwas stoßen, könnte es dem Prozess der Wahrheitsfindung dienlich sein.“
    (Seite 168)


    Fast hätte ich den sechsten Fall des Zürcher Rabbi Klein verpasst. Nur durch Zufall habe ich erfahren, dass „er“ nach fünf Bänden den Verlag gewechselt hat. Auch im vorliegenden Band lässt Klein sich wieder als Ermittler in einen Kriminalfall hineinziehen. In die Abgründe der menschlichen Seele zu blicken und einem Täter auf die Schliche zu kommen ist für ihn eben ungleich spannender als das tägliche Einerlei des Gemeindelebens und die kleinkarierten Händel mit dem Gemeindevorstand. Und es lenkt wunderbar von den eigenen Problemen ab.


    Wer hat den Zahnarzt umgebracht?

    Doch von vorn: Der Zahnarzt Viktor Ehrenreich gehört nicht zur Gemeinde von Rabbi Gabriel Klein. Er lebt in Deutschland, in einem kleinen Dorf im Landkreis Lörrach. Die beiden Männer haben sich vor sieben Jahren bei einer Veranstaltung kennengelernt, und seitdem kommt der Zahnarzt vor jedem Neujahrsfest zu einem „Seelengespräch“ bei Klein vorbei. Das ist ihm sehr wichtig, und er nervt schon Wochen im Voraus seine Angehörigen und Freunde mit dem Thema. Umso erstaunlicher, dass er dieses Mal nicht zum vereinbarten Termin in Zürich erscheint. Abgesagt hat er auch nicht, und Rabbi Klein macht sich Sorgen. Aus gutem Grund! Viktor Ehrenreich ist ermordet worden – jemand hat ihn in seiner Villa erschossen.


    Ehrenreich war wohl ein bisschen eigen und mit allen möglichen Leuten zerstritten. In seiner Ehe lief’s auch nicht so gut, aber er war ein rechtschaffener und wohltätiger Mann und niemand kann sich vorstellen, wer ihn aus welchem Grund getötet haben könnte.


    Rabbi Klein als Polizeispitzel?

    Rabbi Klein fährt zur Witwe des Ermordeten, um ihr Trost zu spenden – und seine Frau Rivka kann den aufziehenden Ärger schon riechen. Sonja Ehrenreich überredet Klein, auf Viktors Beisetzung die Trauerrede zu halten – was ihn in Konflikt mit dem eigentlich zuständigen Rabbiner bringt. Als hätte er daheim nicht schon genügend Probleme! Es kommt noch besser: Auf dem Friedhof passt ihn der Polizeidienstleiter von Lörrach ab und will alles Mögliche von ihm wissen. Der Mann ist dem Rabbiner auf Anhieb unsympathisch. Was soll er ihm denn erzählen? Der Gemütszustand, die Kindheit oder die religiösen Ansichten des Zahnarzts sind für die Polizei sicher nicht relevant. Und über Feinde und mögliche Mordmotive weiß er nichts.



    Der Rabbiner denkt nicht daran, die Witwe für die Polizei auszuhorchen. Nachforschen wird er trotzdem. Den Ermittlern traut er nämlich nichts zu. Wenn er wissen will, wer seinen Bekannten ermordet hat, wird er der Sache schon selbst nachgehen müssen.


    Als erstes hört er sich die Aufzeichnungen der „Seelengespräche“ an. Die hat er immer aufgenommen, um sich in Vorbereitung auf das anstehende Gespräch die Inhalte des Vorjahrs in Erinnerung zu rufen. Das könnte sich jetzt als hilfreich erweisen.


    Führt die Spur in den Kongo?

    Doch erst einmal gibt’s eine Zwangspause in Kleins privaten Ermittlungen. Eine organisatorische Panne bei den Vorbereitungen zum Laubhüttenfest Sukkot wächst sich dank ein paar intriganter Wichtigtuer aus der Gemeinde zu einem handfesten Skandal aus. Kleins Position steht auf dem Spiel. Er könnte entlassen werden. Seine Frau Rivka will, dass er nachgibt. Was macht denn ein arbeitsloser Rabbiner mittleren Alters? Der kriegt doch keinen Job mehr! Wovon soll die Familie mit zwei Töchtern in der Ausbildung dann leben? Rivkas mickriges Honorar als literarische Übersetzerin reicht vorn und hinten nicht.


    Die Sache mit dem Totentanz

    Der Rabbiner wähnt sich jedoch im Recht und weigert sich, sich bei den Honoratioren zu entschuldigen. Der Haussegen hängt schief. Dafür liefert ein Gespräch mit dem Basler Rabbiner Itamar Diamant ganz zufällig einen Hinweis im Mordfall Viktor Ehrenreich. Wenn der Zahnarzt vom „Totentanz“ gesprochen hat, hatte er offenbar nicht immer das Stück von August Strindberg im Sinn ...



    Stress von allen Seiten

    Dieses Mal kriegt’s der arme Rabbiner wieder von allen Seiten ab. Er meint es meist gut, aber das nützt ihm nichts: Die Gemeinde will ihm ans Leder, seine Frau ist sauer, die Kinder machen Schwierigkeiten, die Polizei geht ihm auf die Nerven – wie soll er sich da auf seine Arbeit konzentrieren und nebenbei auch noch den Mord an seinem Bekannten aufklären?


    Mit wissenschaftlicher Akribie arbeitet er sich durch eine Vielzahl von Informationen, um sich am Schluss wieder mal zu fragen, ob er das Richtige getan hat. Wie man’s macht, ist es nicht recht. Das ist wohl die Geschichte seines Lebens.


    Der böse Trieb

    Action gibt’s hier keine. Das Interessante an dieser Reihe sind Gabriel Kleins Beobachtungen, Gedankengänge und Schlussfolgerungen, wobei das religiöse Thema, mit dem er sich derzeit beschäftigt in die Ermittlungsarbeit einfließt. In diesem Band geht es darum: Rabbi Jehuda lehrte: In der Zukunft wird Gott den bösen Trieb holen und ihn in Gegenwart sowohl der Gerechten wie der Bösewichte schlachten. Den Gerechten wird er hoch wie ein Berg erscheinen und den Bösewichten wird er wie ein dünnes Haar erscheinen. Beide aber werden weinen. Die Gerechten werden weinen: »Wie konnten wir einen so hohen Berg überwinden?«, und die Bösewichte werden weinen: »Wie konnten wir über ein so dünnes Haar straucheln?« – Babylonischer Talmud, Traktat Sukka, 52a (Seite 5)


    Mehr denn je ist es gut, dass die Bände dieser Reihe ein Glossar haben. Mit Feld-, Wald- und Wiesen-Kenntnissen vom Judentum kommt man nicht sehr weit. Ist man nicht religiös, wird’s ein bisschen eng. Aber mit ein wenig Mut zur Lücke und den Begriffserklärungen im Anhang kommt man dann schon mit. In Menschlichen sind wir eh alle gleich, egal, woran wir glauben (oder auch nicht) und welche Traditionen wir pflegen.


    Diese selbstgerechten Kerle!

    Ein bisschen vermisse ich die treffenden Gehässigkeiten von Gabriels Kleins Vater. Seine boshaften Bemerkungen über die Vorgänge in der Gemeinde waren für mich stets das Salz in der Suppe. Und zu dem, was sich die wichtigen Herren in dieser Geschichte herausnehmen, hätte er bestimmt eine Menge zu sagen gehabt. :-) Irgendwann muss diesen Kerlen ihre unerträgliche Selbstgerechtigkeit doch auf die Füße fallen! Na, vielleicht im nächsten Band.


    Der Autor

    Alfred Bodenheimer, geboren 1965 in Basel, schreibt am liebsten mit Musik in den Ohren, wobei er je nach Stimmung zwischen »Urzeiten-Rock, israelischen Ikonen und süßlichem Klavierkitsch« variiert. Das literarische Schreiben muss er wegen seiner Arbeit als Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel auf wenige Wochen im Jahr beschränken. Dann allerdings gerate er in einen Zustand ungebremster Euphorie. Bodenheimer, der eine traditionelle jüdische Ausbildung erhielt und sich selbst als »modern orthodox« bezeichnet, pendelt seit einigen Jahren zwischen Basel und Jerusalem, wo seine Familie lebt.

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    Sophie Faber: Traummann gesucht. Katzen vorhanden. Roman, München 2021, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42432-6, Klappenbroschur, 299 Seiten, Format: 11,9 x 2,4 x 18,7 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    Finn (...) machte es sich umständlich zwischen den dicken Sofakissen bequem.
    „Funktioniert der Fernseher?“
    Den hatte Trixie fast vergessen. Es war ein uraltes Schwarzweißgerät. So dick wie breit (...).
    „Bei der Krönung der Queen lief er noch tadellos.“
    Sie schaltete ihn an. (...) „Gib ihm ein paar Minuten, bis er sich aufgewärmt hat.“ Trixie wickelte die Decke um ihre Füße.
    „Muss man da hinten irgendwo Kohlen durch eine Klappe schaufeln?“
    (Seite 159)


    Die Berliner Witwe Beatrix „Trixie“ Vogelsang, 43, liebt Tiere, Menschen, Horrorfilme, Eiscreme und ihre Arbeit als Tiermedizinische Fachangestellte. Die Praxis, in der sie arbeitet, hat ihrem Mann gehört, der vor zwei Jahren tödlich verunglückt ist. Die Tierärztin, die danach dort praktiziert hat, hat nie so recht in diesen Kiez gepasst und ist zum Glück schon wieder weg. Jetzt kommt der Neue: schlaksig, rothaarig und frisch von der Uni. Ich glaub’, sein Nachname wird nie erwähnt. Er ist für alle nur „der Finn“.


    Tierarzt mit Menschen-Problem

    Ob das was wird? Mit Tieren kennt „der Finn“ sich ja aus. Mit Menschen kommt er aber nicht gut klar. Diplomatie ist ihm fremd. Ein bisschen penibel ist obendrein. Die maroden Praxisräume betrachtet er mit Skepsis, seine redselige und unkonventionelle Mitarbeiterin Trixie ebenso. Das wird nicht besser, als er mitkriegt, dass sie ihn mit der Tierschützerin Patti verkuppeln will.


    Wenn der Laden laufen soll, muss Finn ein bisschen umgänglicher werden und sich auch mit Trixie zusammenraufen.


    Probleme haben sie genügend. Das Praxisgebäude und dessen Einrichtung leiden unter einem massiven Renovierungsstau. Irgendwann bricht ihnen die Bude noch über dem Kopf zusammen. Trotzdem schleichen derzeit diverse Gestalten um Trixie herum und wollen ihr partout dieses Haus abkaufen. Sie bekommt aberwitzige Summen geboten und kann sich das nicht erklären. Sie hat auch gar nicht die Absicht, die Praxis zu verkaufen. Zu viele Erinnerungen hängen daran.


    Zwielichtige Interessenten

    Auch Finns Onkel, Architekt Spatzbach aus Hamburg, steht plötzlich bei ihr auf der Matte und stellt äußerst indiskrete Fragen über ihre Vermögensverhältnisse und über die Praxis-Immobilie. Das macht er zwar sehr charmant, und er sieht auch noch verflixt gut aus, aber Trixie traut ihm trotzdem nicht über den Weg. Er trägt bei seinen Komplimenten und seinen Flirt-Attacken so dick auf, dass da einfach was faul sein muss.



    Ein unwiderstehlicher Gauner

    Auch wenn Spatzbach reichlich dubios und Trixie gar nicht auf Partnersuche ist - seinem Ganoven-Charme kann sie nicht widerstehen. Ist es wirklich eine gute Idee, sich mit ihm einzulassen? Ihr verstorbener Mann, mit dem sie sich im Geiste immer noch jeden Tag unterhält, rät ihr zu. Das will aber nichts heißen, weil die „Gespräche“ ja ohnehin nur in Trixies Kopf stattfinden. Wo soll da eine andere Meinung herkommen als ihre eigene?


    Wer entführt hier Haustiere?

    Doch all das tritt in den Hintergrund, als im Kiez immer mehr Haustiere verschwinden. Auch einer von Trixies geliebten Katern ist unter den Vermissten. Wer dahintersteckt und welche Absichten der Drahtzieher hegt, wissen auch wir Leser*innen nicht. Wir bekommen die Tierfänger-Geschichte zunächst nur aus der Perspektive eines Hundes erzählt, der ihnen in die Falle gegangen ist. Und der hinterfragt natürlich nicht die Gründe, sondern vermisst seine Menschen und träumt von seiner Kuscheldecke und gekochten Möhrchen.


    Ein Unfall vor den Toren der Praxis lässt erahnen, was hier läuft. Spatzbach erweist sich auf einmal als erstaunlich empathisch und hilfsbereit und ist gar nicht mehr so schmierig. Trotzdem ... wenn Trixie Unterstützung braucht, ist sie immer noch am besten beraten, sich an das Herrchen von Hundedame Trudi zu wenden. Herr Kaluppke, der ganzkörpertätowierte, breit berlinernde Ex-Einbrecher, würde für Trixie alles tun. Probleme, denen er nicht mit seinem umfangreichen Vorrat an Werkzeugen beikommt, löst er mit Hilfe seiner „Kontakte“. Details will Trixie gar nicht wissen.


    Ich hab ein Herz für skurrile Nebenfiguren, und Kaluppke ist einfach klasse!


    Keine Atempause!

    Trixie kommt wirklich keine Sekunde zum Verschnaufen: Erst läuft ihr ein Minischwein zu, dann hat sie einen Stalker und zu guter Letzt wird auch noch bei ihr eingebrochen. Nebenher versucht sie herauszufinden, warum eigentlich alle Welt hinter ihrem baufälligen Praxisgebäude her ist und auf wessen Seite ihr Verehrer Spatzbach steht.


    Saukomische Szenen – vor allem, wenn Kaluppke wieder mal eingreifen muss (die Punks und der Kanaldeckel! :-D) – wechseln sich ab mit solchen, die einem als Tierfreund wirklich an die Nieren gehen. Und man merkt, dass die Autorin sich in einem Mehrkatzenhaushalt bestens auskennt.


    Lackaffen-Intoleranz

    Der Buchtitel führt eigentlich ein bisschen in die Irre. Trixie sucht mitnichten einen neuen Partner. Sie hängt noch sehr an ihrem verstorbenen Mann und scheint mit ihrem Single-Leben plus „Katzvolk“ ganz zufrieden zu sein Der Neue drängt sich ihr förmlich auf.


    Weil ich eine ausgeprägte Lackaffen-Intoleranz habe, fand ich Trixies Lover ganz furchtbar: schleimig, affektiert und irgendwie aus der Zeit gefallen. Ich hatte die ganze Zeit Gomez aus der "Addams-Family" vor Augen. Natürlich muss der Liebhaber in erster Linie der Heldin gefallen und nicht den Leserinnen. Aber wenn man überhaupt nicht nachvollziehen kann, was sie an ihm findet, wird’s schwierig. Dieses Problem hatte ich hier.


    Und so spannend und berührend der Handlungsstrang von den entführten Tieren war: Ich fand die Auflösung nicht so überzeugend. Das Motiv erschien mir ein bisschen weit hergeholt. Dafür hat mir die Story rund um Trixies heiß begehrte Immobilie gefallen. Man ahnt zwar recht bald, wo der Grund für diesen Hype zu finden sein dürfte, aber wie das alles genau zusammenhängt und wer welche Interessen verfolgt, das zeigt sich erst am Schluss.


    Ich habe mich gut amüsiert, weil das Buch viel Tierisches, schräge Figuren, tolle Szenen und köstliche Dialoge enthält, aber es wäre noch ein bisschen Luft nach oben gewesen.


    Die Autorin

    Sophie Faber, 1973 in Berlin geboren, lebt mit drei Katern in Schöneberg und verbringt ihre Zeit mit den zwei wichtigen Männern in ihrem Leben: ihrem Ehemann und ihrem Tierarzt. Sie hat immer eine Fusselrolle in der Handtasche und richtet sich darauf ein, im Alter eine schrullige Katzenfrau zu werden.

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    Susanne Goga: Das Geheimnis der Themse. Roman, München 2021, Diana Verlag, ISBN 978-3-453-36071-6, Klappenbroschur, 446 Seiten, Format: 12 x 3,4 x 18,7 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99.


    „Es kommt mir vor, als müssten all diese angeblichen Zufälle ein Gesamtbild ergeben, aber ich erkenne noch nicht die Verbindung. Überleg doch nur: Julia Danbys Tod. Die Fluchtafel in Alfies Schuppen. Der alte Ned (...) verschwindet. (...) Die Rituale am Fluss.“
    „Und jetzt auch noch Sallys Amulett.“
    „So ist es.“ Toms dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Wir haben uns in etwas verstrickt, das wir nicht mehr überblicken können.“ In seiner Stimme lag etwas, das sie selten bei ihm spürte: Angst.
    (Seite 355)


    London 1894: Seit zwei Jahren sind der Journalist/Theaterkritiker Tom Ashdown und die aus Berlin stammende Lehrerin Charlotte ein Ehepaar. Gerade sind sie umgezogen. Sie haben aus Liebe geheiratet, es geht ihnen gut – sie könnten also glücklich sein. Doch ihre Beziehung wird dadurch belastet, dass Charlotte immer noch nicht schwanger ist.


    Für die vielseitig interessierte und sozial engagierte junge Frau wäre es nicht das allergrößte Unglück, wenn ihre Ehe kinderlos bliebe, doch ihr Mann leidet darunter. Man hat das Gefühl, er macht seine Frau für das Problem verantwortlich. Er grollt und schmollt so vor sich hin, ohne das Thema wirklich anzusprechen. Dass er mit seiner ersten Frau Lucy auch schon keine Kinder hatte, gibt ihm erst spät zu denken – und auch das nur mit fremder Hilfe.


    Ein Buch über Magie? Tom zögert

    Eigentlich ist der Mann ja schwer in Ordnung. Kenner*innen der Bücher von Susanne Goga haben Tom Ashdown als sympathischen Skeptiker aus dem Roman DER VERBOTENE FLUSS in Erinnerung. Derzeit hat er aber ein Problem. Da kommt ihm eine Ablenkung gerade recht: Der exzentrische Verleger Sir Tristan Jellicoe möchte, dass Tom ein Buch über Londons Okkultismus, dunkle Künste und Magie schreibt. Diese Stadt sei voll von Geistersehern und magischen Zirkeln, meint er. Eine Art „magischer Atlas“ von London schwebt ihm vor. Damit will er seinen Lesern zeigen, dass es mehr gibt als die nüchterne Welt um sie herum.


    Tom bezweifelt, dass er der Richtige für dieses Konzept ist. Er ist ein Freund der Aufklärung und hält alles angeblich Übersinnliche für unwissenschaftlichen Mumpitz. Dann lässt er sich doch für den Stoff begeistern. Seine Frau, denkt er, wird ihn sicher bei seinen Recherchen unterstützen. Vielleicht wird sie das einander wieder näherbringen.


    Es bringt die beiden vor allem in Gefahr! Denn hier geht es nicht nur um ein paar archäologische Funde, gruselige alte Geschichten und harmlose Spinnereien – hier sind Menschen unterwegs, die ihre geheimen kultischen Aktivitäten todernst nehmen. Das ist den Eheleuten Ashdown nur nicht bewusst. Und so rutschen sie in eine Sache hinein, die sie bald nicht mehr kontrollieren können.


    Die Tote aus der Themse

    Das geht dem zwölfjährigen Alfie Clark nicht anders. Seit dem Tod seiner Eltern haust er in einem Schuppen und lebt als „Strandsucher“ vom Verkaufserlös der Gegenstände, die er am Themse-Ufer findet. Als er eines Abends statt Münzen und Metallteilen eine tote junge Frau entdeckt, gerät sein Leben aus den Fugen. Die Polizei nimmt ihn mit, die Angehörigen der Toten spüren ihn auf und erhoffen sich von ihm Aufschluss darüber, wie die arme Julia zu Tode gekommen ist.


    Was weiß Iris?

    Bei ihren Nachforschungen stoßen die Ashdowns auf verblüffende Querverbindungen. Offenbar hatten Julia Danby und Iris Jellicoe, die etwas überspannte Tochter von Toms Verleger, gemeinsame Bekannte. Weiß Iris mehr als sie zugibt?


    Für Tom und Charlotte mischen sich die Recherchen zu ihrem „magischen Atlas“ mit dem Versuch, Julia Danbys mutmaßliche(n) Mörder zu finden und damit Alfies Haut zu retten. Spät erkennen sie, dass sie durch ihre Aktivitäten Menschen mit einer gefährlichen Agenda nervös machen. Hat das etwas mit dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung (Golden Dawn) zu tun? Oder mit einer esoterischen Geheimgesellschaft, über die die beiden bei ihren Nachforschungen immer wieder gestolpert sind?


    In die Falle gegangen!

    Das Problem mit Geheimgesellschaften ist natürlich, dass sie im Verborgenen agieren. ;-) Die Ashdowns wissen weder mit Sicherheit, wer dazugehört, noch was diese Leute im Schilde führen. Und so laufen sie schnurstracks in eine Falle ...



    Spannung und Information

    Faszinierend ist die historische Spurensuche. Ich ertappe mich immer wieder dabei, im Internet nach den beschriebenen Menschen, Organisationen, Ereignissen und Artefakten zu suchen. Ich weiß ja, dass die Autorin penibel recherchiert und sich das nicht einfach ausdenkt. Und es ist ausgesprochen packend, Tom und Charlotte bei ihrer Mördersuche zu begleiten und genau zu wissen, dass es Leute gibt, die mit aller Macht verhindern wollen, dass sie dabei erfolgreich sind.


    Am liebsten hätte ich alles andere vernachlässigt und nur noch gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wer dahintersteckt und wer auf wessen Seite steht. Manche Zusammenhänge ahnt man – und dann freut man sich als Leser*in, weil man recht gehabt hat – anderes erwischt einen völlig kalt. Genau so muss das sein!


    Mir hat die Mischung aus Spannung und Information sehr gut gefallen. Und ich wäre auch einem dritten Abenteuer der Ashdowns nicht abgeneigt. Vorausgesetzt, Tom kriegt sich wieder ein.


    Die Autorin

    Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und lebt dort bis heute. Die renommierte Literaturübersetzerin und Autorin reist gern – mit Vorliebe auch in die Vergangenheit. Das spiegelt sich in ihren überaus erfolgreichen historischen Romanen wider. Für die Kriminalreihe um Leo Wechsler taucht sie ein ins Berlin der 1920er-Jahre, für den Diana Verlag begibt sie sich immer wieder auf die geschichtsträchtigen Spuren der englischen Gesellschaft. So spielt der Spiegel-Bestseller »Der verbotene Fluss« im viktorianischen Zeitalter, und hier schließt auch Susanne Gogas neuer Roman »Das Geheimnis der Themse« an.

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    Susanne Ackstaller: Die beste Zeit für guten Stil. Fashion for Women. Not Girls, München 2021, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-444-0, Klappenbroschur, 176 Seiten, mit 200 farbigen Abbildungen, Fotos: Martina Klein, Illustrationen: Veronika Gruhl, Format: 15,9 x 1,9 x 23,1 cm, EUR 25,- [D] EUR 25,70 [A].


    „Dieses Buch soll Sie nicht mit der (vermeintlich) richtigen Rocklänge, idealen Schnittführungen und optimalen Proportionen verunsichern, sondern Ihnen Lust auf eine modische Reise zu sich selbst machen. Betrachten Sie meine Ideen ausdrücklich nicht als Ratschläge oder gar Regeln, sondern als Möglichkeiten, die Sie ganz nach Lust und Laune interpretieren dürfen. Nichts muss, alles kann.“ (Seite 6)


    Gut, dass die Autorin das Konzept gleich zu Beginn klarstellt. Denn sobald mir jemand vorschreiben will, wie ich mich zurechtmachen sollte, stelle ich die Stacheln auf. Ich finde ja, als längst erwachsener Mensch – und das Buch richtet sich in erster Linie an Frauen um 50 – sollte man sich in seiner Kleidung wohlfühlen und sich von niemandem dreinreden lassen, außer vielleicht vom Arbeitgeber, falls dieser ein berechtigtes Interesse daran hat. Alle anderen dürfen gern eine Meinung zu unserer Aufmachung haben und diese auch äußern, wenn’s gar nicht anders geht ;-) – aber kümmern muss uns das nicht.


    Information und Inspiration für Leserinnen um die 50

    Was natürlich nie verkehrt ist, ist Information und Inspiration. Beides gibt’s hier. Im unterhaltsamen Plauderton, den wir aus ihrem Blog texterella.de kennen, erzählt die Autorin von ihren Mode-Erfahrungen und stellt 20 „Key Pieces“ vor – aktuelle modische Lieblingsteile, die den gesamten Look prägen können – die vielleicht auch etwas für uns Leserinnen wären. Nebenbei erfahren wir noch allerlei Interessantes über Geschichte und Besonderheiten von Aran-Pullover und Streifenshirt, Barett und Ballerinas, Streifenshirt und Twinset und anderen Teilen mehr. Z.B. auch, worauf wir beim Kauf achten sollten.


    Ich bin zwischen Nähmaschinen, Stoffen, Schnittmustern, Kurzwaren und Kundinnen aufgewachsen. Über Mode habe ich so manches gelernt und gelesen, aber das eine oder andere hier war mir doch neu. Amüsiert hat mich die Vermutung, Turnschuhe wären nur deshalb in „Sneakers“ umgetauft worden, „damit wir nicht ständig an den Sportunterricht in der Schule denken müssen, der uns fürs Leben traumatisierte (oder kennen Sie jemanden, der Schulsport in guter Erinnerung hat)?“ (Seite 47) Diese Theorie gefällt mir!


    Nicht nur für Idealfiguren

    Mit all diesen Tipps und Infos im Gepäck können wir nun in Ruhe überlegen, ob die hier in Wort und Bild präsentierten Kleidungsstücke auch für uns in Frage kämen. Vielleicht sollten wir’s mal probieren, auch wenn wir noch nie ein Kleines Schwarzes, eine Jeansjacke oder einen Tüllrock getragen haben. Ob wir das gute Stück eher klassisch, lässig oder extravagant inszenieren wollten, wenn wir’s denn besäßen, können wir uns aussuchen. Anregungen für die verschiedenen Möglichkeiten liefert die Autorin mit.


    Wo wir diese Kleidungsstücke und Accessoires bei Interesse erwerben könnten, erfahren wir ebenfalls. Es werden verschiedene Marken – von Luxus bis nachhaltig – vorgestellt und Bezugsquellen aufgelistet.


    11 Porträts stilsicherer Frauen

    Eine Idealfigur brauchen wir für diese Mode nicht. Das Buch richtet sich ja an eigens an lebenserfahrene Frauen, die höchstwahrscheinlich keine Teenie-Maße mehr haben. Hier geht’s um Mode für Frauen, nicht für Mädchen. Dafür weiß diese Zielgruppe sehr gut, was sie will und was nicht. Genau wie die 11 selbstbewussten und stilsicheren Interviewpartnerinnen. Sie erzählen, wie Kleidung die Persönlichkeit unterstreichen kann, wie sich ihr Modebewusstsein im Laufe des Lebens verändert hat und was sie Frauen über 50 in puncto Mode mit auf den Weg geben würden.


    So faszinierend diese Porträts sind: Hier taucht kurz das auf, was ich nicht leiden kann: Jedes Interview enthält nämlich auch Frage, welche 5 Key Pieces jede Frau im Schrank haben sollte. Nur wenige der Damen sagen so etwas wie: „Das muss jede Frau selber wissen. Bei mir ist das so und so. Für mich persönlich funktioniert das. Wie das bei euch ist, kann ich nicht beurteilen, das müsst ihr selber ausprobieren.“


    Am coolsten fand ich die Antwort der Künstlerin Etelka Kovacs-Koller (Jahrgang 1952): „Jede Frau sollte das im Schrank haben, womit sie sich gut fühlt.“ (Seite 134) Damit bestärkt sie uns darin, unseren eigenen Modeweg zu gehen. Das bedeutet ja nicht, dass wir für immer auf einem Entwicklungsstand verharren und nicht mehr mit neuen Looks experimentieren können.


    Wir dürfen, was wir wollen

    Es ist eine Gratwanderung. Das Buch will mehr ein als eine amüsante Mode-Plauderei. Es wird vom Verlag als „motivierender Mode-Guide“ bezeichnet, und da kommt man wohl um das eine oder andere „Sollen“ nicht herum. Auf jeden Fall ist nirgendwo die Rede davon, dass Frauen ab 40, 50, 60 ... etwas nicht mehr „dürfen“. Das liest man ja öfter in Zeitschriften, und da krieg ich jedes Mal den Vogel. Nein, DIE BESTE ZEIT FÜR GUTEN STIL ist keine Modepolizei. Hier ist verbotsfreie Zone. Wir dürfen, was wir wollen und brauchen niemandes Erlaubnis dafür einzuholen.


    Was lernen wir aus diesem Buch?

    • Wir benötigen keinen perfekten Modelkörper, um uns modisch kleiden zu können.
    • Mode ist keine Frage des Alters und der Konfektionsgröße.
    • Es ist in vollkommen in Ordnung, einen eigenen Stil zu haben und aus großer Höhe darauf zu pfeifen, was andere davon denken.
    • Wir brauchen nicht unendlich viele Teile, um immer gut angezogen zu sein.
    • Wir dürfen offen sein für Neues. Nur weil wir früher bestimmte Kleidungsstücke, Stile oder Farben für uns ausgeschlossen haben, muss das nicht auf ewig so bleiben.
    • Bedenken sollte man auch Fair Trade und Nachhaltigkeit. Auch wenn manche diese Begriffe nicht mehr hören können: Irgend jemand (Arbeitsbedingungen!) muss die Textilien und Accessoires irgendwie (Ressourcen!) und irgendwo (Transportwege!) produzieren. Wenn man so ein Teil dann nur wenige Male trägt (Fast Fashion!) und danach wegschmeißt, ist das eine gigantische Verschwendung – und das sollte man nicht fördern.


    Bestärkung in modischem Eigensinn

    In Sachen Nachhaltigkeit ist bei mir durchaus noch Luft nach oben. Ich kaufe keinen billigen Ramsch, aber ich habe noch nie darauf geachtet, wo auf der Welt die Artikel hergestellt werden. Da hat mich das Buch kalt erwischt und ich werde mich bemühen, diesen Aspekt künftig stärker zu berücksichtigen.


    In puncto modischem Eigensinn hätt’ ich jetzt weniger moralische Unterstützung benötigt, obwohl ich sie natürlich genossen habe. Ich bin schon so lange bunt und schräg unterwegs, dass es mir seit Jahren wurscht ist, was die Leute sagen. (Ich hätte bei der Frage nach meiner Lieblingsmodemarke wohl THE MOUNTAIN-Shirts angeben müssen.) Das kann bei anderen Leserinnen ganz anders sein.


    Ein bisschen kann ich auch die Leserinnen verstehen, die sich von dem Buch mehr konkrete Ratschläge erhofft hatten und sich enttäuscht äußern. Das liegt „am System“: Bei einem Sachbuch kann man nicht immer auf den Punkt genau beschreiben, was die Leser*innen bekommen. Was man aus Sachbüchern „mitnimmt“, liegt zu einem großen Teil daran, wo man vor der Lektüre stand und welche Vorkenntnisse und Erwartungen man hat. Mir war ziemlich klar, was ich hier bekomme, weil ich Susanne Ackstallers Blog texterella.de kenne. Vielleicht sollte man im Zweifelsfall da mal reinschauen und dann entscheiden, ob einem dieser Stil und die Art der Informations-Aufbereitung liegen.


    Die Autorin

    Susanne Ackstaller ist Kolumnistin, Bloggerin und Texterin. Seit 2009 schreibt sie auf ihrem Blog Texterella, der zu den bekanntesten Blogs Deutschlands zählt, über Mode und Lifestyle. Texterella richtet sich insbesondere an Frauen über 40, vor allem aber an Frauen, die ihren Weg voller Freude und Lebenslust gehen – unabhängig von Alter und Kleidergröße.


    Die Fotografin

    Martina Klein ist Fotografin und bloggt unter Still Sparkling über Stil, Reisen, Beauty und Genuss für die Generation ü50. In ihren Bildern fängt sie mit viel Feingefühl die individuelle Persönlichkeit der Portraitierten ein und holt sich dabei besonders gerne Frauen Ü40 vor ihre Kamera.


    Die Illustratorin

    Veronika Gruhl ist Illustratorin aus München. Das Zeichnen von Menschen und Mode liegt ihr besonders, sodass sie einen der Schwerpunkte ihrer Arbeit auf die Live-Illustration bei Events gelegt hat.

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    Ildy Bach: Die Stieftochter. Thriller, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26225-5, Klappenbroschur, 397 Seiten, Format: 13,5 x 4 x 21,1 cm, Buch: EUR 15,90 (D), EUR 16,40 (A), Kindle: EUR 12,99, auch als Audio-CD lieferbar.


    „Die Schubladen-Falle ... (...) Und sie war mit Volldampf hineingetappt. Dabei gehörte es zu den Grundlagen ihrer Arbeit, Menschen nicht vorschnell in bestimmte Kategorien einzuordnen. Aber genau das, dachte sie, habe ich im Fall meiner Familie getan: Becca war die böse Stiefmutter, Annabelle die verwöhnte Prinzessin, Frank der geschäftstüchtige Überflieger. Und wer oder was bin ich? – Du bist die Frau, die keine Rolle spielt, spottete ein imaginärer Eric.“ (Seite 127)


    O – das habe ich mir alles ’ne Nummer kleiner vorgestellt! Aber von vorn:


    Frankfurt, 2018: Theresa „Tessa“ Gretzky, 28, Juristin, ist ein harter Brocken. Offiziell arbeitet sie „für eine Stiftung“, womit sie ihre häufigen beruflichen Auslandsreisen erklärt. In Wahrheit ist das, was sie macht, eine nicht näher verortete geheimdienstliche Tätigkeit. Ihre Familie ist jedoch mit Tessas vagen Erklärungen zufrieden. Im Grunde ist es ihnen egal, weil sowieso jeder nur um sich selbst kreist. Und Freunde hat Tessa kaum.


    Aufgewachsen ist Tessa Gretzky in einer vornehmen Villa. Ihre Eltern haben/hatten eine Privatklinik für plastische Chirurgie, in der auch ihr älterer Bruder Frank als Arzt tätig ist. Ihre Schwester Annabelle ist mit einem ehrgeizigen Politiker verheiratet, mit dem sie drei Kinder hat. Tessa hat sich in ihrer Familie nie richtig wohlgefühlt, weil es immer nur um Geld, Erfolg und den äußeren Schein ging.


    14 Jahre ist es nun her, dass ihr Vater ihre Mutter für die vermögende Schauspielerin Rebecca Sandmann verlassen hat. Drei Jahre später war er tot – erschossen in der eigenen Villa. Als Täterin verhaftet und verurteilt wurde seine Frau Rebecca, die man in völlig verwirrtem Zustand im Garten des Hauses gefunden hat.


    Erst kann Rebecca sich nicht an die Geschehnisse des Abends erinnern, und als sie sich schließlich dazu in der Lage sieht, die Vorgänge aus ihrer Sicht zu schildern, glaubt ihr keiner mehr.


    Rebecca – eine Mörderin?

    Zehn Jahre lang hat sie aus dem Gefängnis heraus jeweils zum Todestag ihres Mannes an ihre Stieftochter Tessa geschrieben. Vermutlich hat sie in den Briefen ihre Unschuld beteuert. Wir wissen es nicht, weil Tessa alle Briefe ungeöffnet weggeworfen hat und Rebecca sich nicht mehr äußern kann. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis ist sie schnurstracks in die Gretzky-Villa gefahren – die seit Jahren rechtmäßig ihr gehört – wo sie noch am selben Abend von Unbekannten überfallen worden ist und seitdem im Koma liegt.


    Tessa, die, wie der Rest der Familie, von Rebecca nur immer als von „der Person“ spricht und in ihrem Leben noch keine drei Sätze mit ihr gewechselt hat, ist völlig überrumpelt, als sie erfährt, dass ihre Stiefmutter ausgerechnet sie dazu bevollmächtigt hat, ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln, falls sie selbst dazu nicht mehr in der Lage wäre.


    Die Vollmacht

    Ihr erster Impuls ist, diese Vollmacht empört zurückzuweisen. Doch seltsamerweise redet ihr Chef ihr zu. Und hat sie nicht in ihrem Job gelernt, genau hinzuschauen und nicht die erstbeste Erklärung zu akzeptieren? Sie nimmt also die Aufgabe an, kümmert sich um Rebeccas medizinische und private Belange und forscht nach, ob damals wirklich alles so war, wie es den Anschein hatte. Ihre Vollmacht sowie ihre beruflichen Kontakte und Fähigkeiten öffnen ihr dabei so manche Tür.


    Tessa beginnt zu zweifeln

    Je mehr Informationen Tessa zusammenträgt, desto stärker zweifelt sie an Rebeccas Schuld – und desto schlechter steht auch ihre dysfunktionale Familie da.


    Eingestreut in die Story von Tessas Nachforschungen über den Mord an ihrem Vater und den Mordversuch an ihrer Stiefmutter ist die Geschichte von illegalen ... sagen wir mal: Veranstaltungen. Man fragt sich, was das hier soll und wie die brutalen Unterwelt-Aktivitäten mit der schnöseligen Familie Gretzky in Zusammenhang stehen könnten. Das klärt sich erst ganz zum Schluss, wobei mich die Zusammenführung der beiden Handlungsstränge nicht restlos überzeugt hat. War das eine Notkonstruktion? So rein juristisch gesehen ...?


    Eine fürchterliche Familie

    Ich hätte diese Nebenhandlung nicht gebraucht. Für mich war die ehrenwerte Familie Gretzky brutal, bösartig und gruselig genug. Da hätte ich jedem zugetraut, dass er/sie über Leichen geht! Und wenn wirklich eine*r oder mehrere von denen eine unschuldige Frau gelinkt und geopfert haben, dann wollte ich unbedingt erleben, dass man diejenige/n zur Verantwortung zieht. Deswegen habe ich wie besessen gelesen. Auch wenn es mir zu viel filmgerechte Action war und ich bei all den Anwälten, Ärzten, Psychologen, Geheimdienst- und Ermittlungsbeamten zweitweise den Überblick verloren habe.


    Spannung, Action, Seifenoper

    Spannend war’s! Das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Und wie man allein durch Gesprächsprotokolle und die Aussagen Dritter Tessas Stiefmutter Rebecca nahe kommt, das ist toll gemacht. Von der Aufklärung der beiden Fälle – Mord und Mordversuch – hatte ich mir allerdings etwas mehr erhofft. Erst wird eine Riesenwelle gemacht, und dann ist das Böse wieder mal erschreckend banal.


    Für meinen Geschmack enthält der Thriller trotz aller Spannung ein bisschen zu viel Seifenoper und Actionkino. Mir sind bodenständigere Geschichten einfach lieber.


    Die Autorin

    Ildy Bach hat einen klassischen Bühnenberuf gelernt und viele Jahre am Theater gearbeitet. Gemeinsam mit ihrer Partnerin schreibt sie neben (Kriminal-)Romanen auch Kinder- und Jugendbücher, Theaterstücke sowie Stoffe für Film und Fernsehen. Ildy Bach ist ein Pseudonym.

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    Thérèse Lambert: Die Rebellin. Die Freiheit bedeutet ihr alles, dann begegnet Lou Andreas-Salomé ihrer ersten großen Liebe - Rilke (Außergewöhnliche Frauen zwischen Aufbruch und Liebe, Band 4), Berlin 2021, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-3716-7, Klappenbroschur, 407 Seiten, Format: 13,3 x 3,2 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.


    „Ihr Professor für Religionsgeschichte in Zürich hatte versucht, es ihrer Mutter zu erklären, Lou würde seine Worte nicht vergessen: Ihr Fräulein Tochter sei ein ganz ungewöhnliches Wesen von kindlicher Reinheit, aber doch kombiniert mit einem fast männlichen Geist und einer außerordentlichen Selbstständigkeit des Willens. Es gab sie doch, die Menschen, die einen Kern in ihr erkannten, den sie guthießen.“ (Seite 268)


    Den Namen der Protagonistin, Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937), hatte ich schon gehört. Details hätte ich jetzt zwar nicht nennen können, aber ich wusste, dass sie für eine Frau des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich frei und selbstbestimmt gelebt hat. Sie hat schon in Wohngemeinschaften gewohnt, als noch kein Mensch wusste, was das war. Sogar mit Männern! ;-) Sie hatte einen messerscharfen Verstand, viele prominente Freund*innen und Liebhaber. Nur die Beziehung zu ihrem Ehemann war rein platonisch.


    Lou ist ihrer Zeit voraus

    Sie war Schriftstellerin, Lehrmeisterin, Philosophin, Muse, Geliebte, Psychoanalytikerin, Freigeist ... und es war ihr vollkommen egal, was andere von ihr dachten. Sie war ihrer Zeit weit voraus, und ich habe mich gefragt, wie dieses außergewöhnliche Leben möglich war. Was hat sie angetrieben und auf all diese Ideen gebracht? Wie kam sie damit durch? Sie muss eine starke und charismatische Persönlichkeit gewesen sein, sonst hätte ihr Umfeld das gar nicht akzeptiert und mitgemacht.


    Die Autorin Thérèse Lambert hat recherchiert und ist diesen Fragen nachgegangen. Jetzt ist es natürlich schwierig, dem ereignisreiche Leben einer so vielschichtigen Frau auf 400 Seiten gerecht zu werden. Mit dem Stoff hätte man wahrscheinlich eine Trilogie füllen können. Die Autorin hat sich auf die Zeit konzentriert, in denen die verheiratete Lou mit dem 15 Jahre jüngeren Lyriker Rainer Maria Rilke liiert war. Man kann anhand dieser Episode recht gut nachvollziehen, wie sie tickt, doch weil ohne ihre Vorgeschichte vieles unverständlich geblieben wäre, arbeitet die Autorin viel mit Rückblicken.


    Mit Verstand und eigener Meinung

    Lou wird als Louise von Salomé am 12. Februar 1861 in St. Petersburg geboren. Ihre Familie ist wohlhabend und kulturell vielseitig interessiert. Lou erhält die gleiche Bildung wie ihre älteren Brüder. Da ist natürlich nicht damit zu rechnen, dass aus diesem wachen und kritischen Geist ein fügsames Frauchen wird. Erster Skandal: Lou entwickelt eigene Ansichten zum Thema Religion und weigert sich, sich konfirmieren zu lassen. Nächster Skandal: Ihr Religionslehrer, 25 Jahre älter als sie, will sich ihretwegen von seiner Frau trennen und sie heiraten. Davon hält Lou nichts. Sie will ihre Freiheit und hat keine Lust darauf, sich von einem Ehemann herumkommandieren zu lassen. Sie will reisen, schreiben, geistesverwandte Menschen kennenlernen, mit ihnen diskutieren und arbeiten und am liebsten in einer anregenden Wohn- und Arbeitsgemeinschaft leben.


    Eine seltsame Ehe


    Es knistert zwischen Lou und Rilke

    Bei einem Besuch in München lernt Lou den aufstrebenden Lyriker Rainer Maria Rilke kennen. Erst nimmt sie ihn nicht für voll. Seine Gedichte sind schwülstig, er selbst wirkt kindlich und unselbstständig. Doch er scheint ähnliche Fragen ans Leben zu haben wie sie und es schmeichelt ihr, dass er ihre Meinung hören will. Sie arbeitet mit ihm an seinen Texten und will erreichen, dass er sich präziser ausdrückt. Bald knistert es zwischen ihnen und sie beginnen ein Verhältnis. Als sie wieder zurück nach Berlin fährt, kommt Rilke mit und geht bald bei den Eheleuten Andreas ein und aus. Carl kann dabei unmöglich entgangen sein, dass die zwei nicht nur miteinander arbeiten. Was Lous Ehemann denkt, ist mir das ganze Buch über ein Rätsel geblieben.


    Lou und Rilke reisen viel, begegnen einer Vielzahl prominenter Künstler*innen und politisch engagierter Personen. Die Liste ihrer Begegnungen liest sich wie das europäische Who-is-Who des 19. Jahrhundert. Diese Schilderungen nehmen in dem Buch einen breiten Raum ein.


    Abhängigkeit ist ihr zuwider

    Sie fühlt sich von seiner Anhänglichkeit zunehmend genervt und eingeengt. Hat er überhaupt ein Leben ohne sie? Und jetzt kränkelt er auch noch! Dichter hin, Liebhaber her, Abhängigkeit ist ihr zutiefst zuwider. Das letzte, was sie will, ist, dass ihr ein unreifer, labiler Kerl dauerhaft am Rockzipfel hängt ...


    So sehr Lou Andreas-Salomés Geschichte ein Musterbeispiel für ein selbstbestimmtes Leben ist, so wenig ist sie eine Heilige. Eine Beziehung, welcher Art auch immer, muss nach ihren Bedingungen funktionieren oder sie ist beendet. Da ist sie rücksichtslos. Wenn der/die andere damit ein Problem hat, berührt sie das nicht. Vorbei. Das Leben geht weiter.


    Es gäb’ noch vieles zu erzählen ...

    Ich hätte gerne noch etwas über Lous Begegnung mit Sigmund Freud erfahren, über ihre Arbeit als Psychoanalytikerin und über ihr weiteres Leben mit Carl. Aber das hätte den Rahmen dieses Buchs gesprengt. Aufgrund der Seitenzahl und des Konzepts, bei dem eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt stehen muss, kann DIE REBELLIN oft nur an der Oberfläche kratzen und interessierten Leser*innen Appetit darauf machen, sich intensiver mit der Protagonistin zu beschäftigen. Zum Lesen von Lou Andreas Salomés Essays fehlt mir die Geduld, aber ich werde mir bei Gelegenheit zumindest einen Spielfilm ansehen, der über ihr Leben gedreht wurde: https://de.wikipedia.org/wiki/Lou_Andreas-Salomé_(Film). Bin gespannt, wie Rilke in dem Film wegkommt. Im Buch ist ja ein fürchterlicher Jammerlappen. :-D


    Okay – jemandem, der sich schon gründlich mit der Lebensgeschichte von Lou Andreas-Salomé und/oder Rainer Maria Rilke befasst hat, bietet dieser Roman sicher nichts Neues. Aber als „Erstkontakt“ und Ausgangspunkt für weitere Recherchen halte ich ihn für durchaus geeignet.


    Die Autorin

    Hinter Thérèse Lambert verbirgt sich die Autorin Ursula Hahnenberg, die in München aufgewachsen ist und mit ihrer Familie in Berlin lebt. Als Schwester von vier Brüdern und spätere Studentin der Forstwissenschaft hat sie früh gelernt, unter Männern ihre Frau zu stehen. Nicht zuletzt deshalb gilt auch beim Schreiben ihre besondere Leidenschaft starken Frauen wie Lou Andreas-Salomé.

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    Elizabeth Jane Howard: Die neue Zeit. Die Chronik der Familie Cazalet, Band 5 von 5, OT: All Change, aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Ursula Wulfekamp, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-14743-9, Klappenbroschur, 551 Seiten, Format: 13,5 x 4,8 x 20,8 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99.


    Sussex und London, 1956 – 1958: Kenner*innen der Reihe begleiten die großbürgerliche britische Holzhändlerfamilie Cazalet schon seit vielen Jahren. Die Geschichte um Brig, seine Frau Duchy und ihre zahlreichen Nachkommen hat im Jahr 1937 begonnen. Da war der Stammbaum noch vergleichsweise übersichtlich. In den vorigen Bänden haben wir miterlebt, wie sich der Zweite Weltkrieg auf Soldaten, Zivilisten und die Firma ausgewirkt und wie sich die Gesellschaft verändert hat.


    Im fünften und letzten Band sind wir im Jahr 1956 angekommen. Wer als Leser jetzt erst in die Reihe einsteigt, hat schlechte Karten: Viele in der Großfamilie sind zum zweiten Mal verheiratet. Es gibt „meine, deine, unsere“ Kinder und solche außerhalb der Ehe. Freunde, Bedienstete, Geliebte, Schwäger*innen, Cousins und Cousinen sowie eine unüberschaubare Anzahl von (Ur-)Enkel*innen bevölkern den Roman. Auch wer die Reihe von Anfang an verfolgt hat, muss öfter mal im Stammbaum nachsehen, welche Nebenfigur zu wem gehört. Den „Hauptcast“ – die vier Cazalet-Geschwister sowie die drei Cousinen Louise, Polly und Clary, hat man noch im Griff, aber darüber hinaus wird’s schwierig.


    Die Söhne und die Tochter

    • Hugh Cazalet (geb. 1896), der älteste Bruder, ist jetzt der Firmenchef, verwitwet und in zweiter Ehe mit der patenten Jemima verheiratet. Eigentlich ist er kein Geschäftsmann, er ist in diese Rolle hineingezwungen worden. Weil er nicht genau weiß, was er tut, macht er sicherheitshalber alles so wie sein Vater früher. Dass man etwas ändern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben, ist ihm nicht bewusst und er ist leider völlig beratungsresistent.
    • Edward Cazalet (geb. 1897), geschieden von Viola, verheiratet mit Diana, versucht vergeblich, seinem Bruder einen Firmenverkauf oder die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft schmackhaft zu machen. Ihm ist klar, dass sie auf den Bankrott zusteuern, wenn sie nicht mit der Zeit gehen. Leider ist Edward eine feige Socke und knickt bei den ersten Widerworten ein. Hugh ist ohnehin nicht gut auf ihn zu sprechen. Er verübelt ihm die Scheidung von Viola und die Heirat mit der vulgären Diana.


    Die Enkel-Generation

    • Louise (geb. 1923), geschieden und als Schauspielerin gescheitert, verplempert ihr Leben mit schlecht bezahlten Fotomodell-Jobs und den falschen Männern. Ein Jammer! Die Frau ist so klug, aber nichts, was macht, hat Zukunft.

    Naiv oder abgebrüht?

    Auch der Rest der Sippe kriegt weder Liebesleben noch Finanzen zufriedenstellend geregelt. Bei manchen fragt man sich, ob sie abgebrüht sind, naiv oder nur den Schuss nicht gehört haben. Neville und Juliet mögen, genau wie die Leserschaft, den Überblick über den Stammbaum verloren haben, in dem Onkeln und Tanten jünger sind als Neffen und Nichten und sich alle in einer Altersklasse der Einfachheit halber als Cousins und Cousinen bezeichnen – aber in welcher Welt wäre eine Ehe zwischen ihnen beiden legal? Die Reaktionen der Familie auf dieses Ansinnen fallen überraschend lauwarm aus. Da hätte ich deutlich mehr Entsetzen und Aufruhr erwartet. He, Junge, äh ... Knast?


    Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

    Nein, in diesen Zeiten reicht es einfach nicht mehr, in privilegierte Verhältnisse hineingeboren worden zu sein. Wenn man alles schleifen lässt und nicht für schlechte Zeiten vorsorgt, steht man irgendwann da im kurzen Hemd. Tja. Und in der Krise zeigt sich dann der Charakter ...


    Ich hatte das Gefühl, dass es für die Firma besser gewesen wäre, wenn nicht die Brüder sie geleitet hätten, sondern ihre Frauen. Der praktisch veranlagten Viola und Jemima, die vor ihrer Ehe im Unternehmen gearbeitet hat, hätte ich diesbezüglich einiges zugetraut. Auch Rachel mit ihrem Organisationstalent hätte was bewegen können. Aber die Zeiten waren nicht danach. Ob’s die folgenden Generationen besser hinkriegen? Hm ... sieht irgendwie nicht danach aus.


    Wenn eine beliebte Reihe zu Ende geht ...

    DIE NEUE ZEIT ist nicht mehr ganz so packend wie die vorigen Bände. Es ist das Alterswerk der Autorin. Sie war fast 90, als sie es schrieb. Und sie stand vor der Herausforderung, all die offenen Handlungsstränge zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen. Bei dieser Fülle an Romanfiguren ist das fast nicht zu machen. Was aus der einen oder anderen Nebenfigur geworden ist, hätte mich schon interessiert. Violas gesamter Anhang ist z.B. nach ihrer Scheidung aus dem Blickfeld verschwunden. Schade. Da waren ja schon ein paar Kaliber dabei! Und wenn die unerträgliche Evie immer nur Karten ohne Absender an ihre Schwester schreibt, wird sie das vermutlich noch Jahrzehnte lang tun, ohne je zu erfahren, dass die Post ins Leere läuft, weil die Schwester jung gestorben ist.


    Den einen hätte ich mehr Glück gegönnt, den anderen einen noch kräftigeren Dämpfer, und bei manchen hatte ich das Gefühl, sie handeln in diesem Band völlig uncharakteristisch. Aber das Gemecker kennen wir ja von GAME OF THRONES. Wann immer eine beliebte Serie zu Ende geht, bleibt Publikum zurück, das manches lieber anders gehabt hätte. Wie dem auch sei: Die Handlung der Reihe war nicht immer spektakulär, aber ich habe stets gern bei den Cazalets über den Gartenzaun geschaut.


    Die Autorin

    Elizabeth Jane Howard wurde am 26. März 1923 in London geboren. Sie arbeitete als Schauspielerin und Modell, bevor sie 1950 ihren ersten Roman, ›The Beautiful Visit‹, schrieb, für den sie 1951 mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet wurde. Es folgten weitere Romane, eine Sammlung von Kurzgeschichten und Slipstream (2002), ihre Autobiographie. Bis 1983 war sie verheiratet mit Kingsley Amis und damit die Stiefmutter von Martin Amis, der es ihr, wie er sagt, verdankt, dass er zum Schriftsteller wurde. Im Jahr 2000 verlieh Queen Elizabeth II. ihr den Verdienstorden Commander of the British Empire. Am 2. Januar 2014 verstarb Howard mit 90 Jahren in ihrem Haus in Suffolk.


    Die Übersetzerin

    Ursula Wulfekamp, 1955 im südenglischen Salisbury geboren, wuchs in England und Deutschland auf und studierte Germanistik und Anglistik in Regensburg und Tübingen. Neben Tätigkeiten als Redakteurin und Lektorin in London und München übersetzt sie seit über dreißig Jahren Belletristik und kunsthistorische Sachbücher aus dem Englischen. Zu den von ihr übersetzten Autorinnen gehören u.a. Elizabeth Jane Howard, Tracy Chevalier, Agatha Christie, Maeve Binchy, Annie Leibovitz und Joanne Harris. Ursula Wulfekamp lebt in Prien am Chiemsee.