Autor Thema: 02 - Seite 84 bis 171 (einschließlich Kapitel 14)  (Gelesen 455 mal)

Offline dubh

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Hier könnt Ihr zum Inhalt von Kapitel 7 bis einschließlich Kapitel 14 (Seite 84 bis 171) schreiben.
Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Lerchie

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Remi wurde auch in diesem Abschnitt nicht gefunden. Der gewaltige Sturm, der bei uns in Deutschland Lothar genannt worden war, hat die ganze Stadt verheert – und er hat vermutlich Antoine geholfen. Denn es konnte dadurch nicht gesucht werden, nachdem die Suche am Vortag nichts erbracht hatte.
Dieser Sturm hat vielleicht Remis Körper weggespült, vielleicht hat er aber auch die Erde über der Höhle, in welcher Antoine ihn versteckt hatte, zusammenfallen lassen, so dass er praktisch begraben war.
Ob man die Reste des Kindes je finden würde? Antoine will weg, was ich durchaus verstehen kann. Aber wie heißt es so schön? Jeder Mörder kehrt an den Tatort zurück. Nur: Ist Antoine wirklich ein Mörder? Was wäre passiert, wenn er sich gestellt hätte? Gesagt hätte, dass das Holz auf Remi draufgefallen sei, als er das Baumhaus zerstört hatte? Es wäre vielleicht als Unfall durchgegangen. Denn warum sollte Antoine den kleinen Remi ermorden?
Ich muss weiterlesen…..
Liebe Grüße

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Offline Valentine

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Rémis Verschwinden könnte man fast einen Katalysator nennen, der alle Konflikte, alle Unzufriedenheit, die in Beauval vor sich hin geschwelt hat, zum Kochen bringt und ein Ventil für den angestauten Ärger wird.

Die allgemeine Abneigung gegen Kowalski schlägt sich darin nieder, dass fast jeder unbesehen zu glauben bereit ist, dass er zu Recht verhaftet wurde. Jeder brüstet sich mit dem neuesten saftigen Klatsch, den er oder sie aufgeschnappt hat. Die Desmedts werden vorgeblich mitleidsvoll, hauptsächlich aber neugierig angegafft, als sie in die Christmette kommen. Valentine wird schief angesehen, weil sie trotz des Verschwindens ihres Bruders eine rote Hose und eine sexy Jacke trägt, und das in der Kirche. Ätzend ist das und überhaupt nicht weit hergeholt.

Theo ist auf dem besten Weg, genauso zu werden wie die, die ihm dieses Verhalten vorleben. Ein unsympathisches Kind :rollen:

Der Pfarrer wirkt mit seinem Salbadern über das Leid, dem etwas Gutes innewohnt, auch eher hilflos als überzeugend auf mich. (An der Stelle hat es mich ein bisschen gestört, dass der Autor den Ablauf der Messe durcheinanderschmeißt. Nach der Predigt kommt nicht direkt das Heilig-Lied, und der Entlassungsruf heißt deshalb so, weil er am Ende steht und nicht schon vor dem Segen kommt.)

Und gleichzeitig wird gerade an ihm sehr schön deutlich, dass auch vor dem eingefahrenen dörflichen Leben der Wandel der Zeit nicht halt macht, er ist nicht der Dorfpfarrer, sondern tingelt durch eine große Pfarreiengemeinschaft.

Diesen schleichenden Veränderungen, wozu ja auch der Arbeitsplatzabbau bei Weiner gehört, steht dann der fürchterliche Sturm gegenüber, aber dazu später mehr.

Dass aus geliebten Ritualen hohle Formsache werden, ist auch so etwas, das man beim Erwachsenwerden öfter erlebt, so wie es Antoine mit Weihnachten geht, das er jetzt noch weniger mag als sowieso schon und nur pflichtschuldig abspult. Symptomatisch, dass er sich nicht mal erinnern kann, was er der Mutter gekauft hat.

Antoines Begegnung mit Valentine empfand ich als ein bisschen klischeehaft. Dass einem noch-nicht-ganz-Teenagerjungen beim Anblick eines figurbetont gekleideten älteren Mädchens heiß wird (und mehr), ist ganz bestimmt nicht ausgeschlossen, aber ich fand es an der Stelle irgendwie unpassend. Andererseits ist natürlich auch das eins dieser Dinge, mit denen ein heranwachsender Junge zu tun hat und die ihn verwirren und überfordern.

Überfordert ist Antoine auch mit der Trauer von Rémis Vater und natürlich mit der gesamten Situation, er steckt immer noch in einem Spannungsfeld, solange Rémi nicht gefunden ist, und weiß nicht, was er sich wünschen soll, außer, dass es endlich vorbei sein möge. Als er die Tabletten geschluckt hat, tat er mir richtig leid.

Ich frage mich, wie viel seine Mutter und der Arzt (auch einer, den die Dorfgemeinschaft außer in seiner Eigenschaft als Arzt nie so recht akzeptiert zu haben scheint) geahnt haben. Irgendwer muss ja die verstreuten Tabletten weggeräumt und auch den Rucksack wieder ausgepackt haben. Oder ist hier Antoines Erinnerung unzuverlässig? Auf jeden Fall scheint mir, dass sie mit ihrem Gerede von Magenverstimmung und Gemüsesuppe auch sich selbst beruhigen und sich einreden will, dass es ja nur eine ganz gewöhnliche Magenverstimmung ist.

Das Unwetter quasi hautnah mitzuerleben, fand ich sehr bedrückend. Es ist eine schreckliche Vorstellung, wie einem entweder der Sturm das Zuhause wegreißt oder aber es in matschigem, stinkendem Wasser versinkt, oder sogar beides :traurig: Das ist bestimmt besonders schlimm für Antoines Mutter, die sich doch so sehr an das Gewohnte klammert. Dieser Sturm zwingt Beauval tatsächlich, von jetzt auf nachher mit Veränderungen klarzukommen. (Ich hatte nicht mehr auf dem Schirm, dass das so heftig war, obwohl ich mich noch an die TV-Bilder von fast komplett zerstörten Wäldern erinnern kann; allerdings wusste ich nicht mehr, dass nach Lothar noch ein Sturm kam.)

Diesem Chaos Herr zu werden ist eine echte Herausforderung, für die Bewohner und natürlich vor allem für den Bürgermeister, der das Ganze irgendwie ordnen muss. Dass sich Desmedt dann noch lautstark zu Wort meldet, um darauf zu bestehen, dass man sich auch weiter um die Suche nach Rémi kümmert, kann ich ihm trotz allem nicht verdenken. Die Familie ist ja doppelt geschlagen :traurig:

Besonders traurig fand ich den Tod von Vallenères, der sich offenbar sehr liebevoll um seine behinderte Tochter gekümmert hat :sauer:

Die Schlussfolgerung, die Antoine aus all dem zieht, kann ich gut nachvollziehen. Fragt sich nur, ob er als Zwölfjähriger überhaupt eine Chance hat, wegzugehen.
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Offline Valentine

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Nur: Ist Antoine wirklich ein Mörder?

Nein, das ist er nicht, er ist für mich auch in gewisser Weise ein Opfer dieses schlimmen Augenblicks im Wald. Mit einer solchen Belastung auf dem Gewissen würde kaum ein Erwachsener klarkommen, wie soll es dann ein Junge schaffen, der selbst noch praktisch ein Kind ist?
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claire

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Ich muss dem Autor wirklich Respekt zollen. Für mich hat er es geschafft an diesem schrecklichen Beispiel von Rèmis Verschwinden und Tod auf irgendwie subtile Art und Weise ein Gesellschaftsbild zu kreieren.  Wie so sicherlich überall zu finden ist.
Die Menschen sind durchaus betroffen und versuchen zu helfen, aber es schwingt auch eine ganze Menge Sensationslust und persönliche Motive in dieser Hilfe mit. Und sobald das nächste "Highlight kommt, noch dazu eins, was die Menschen sehr viel persönlichere betrifft, tritt das erste in den Hintergrund. Sehr schön hat der Autor das an der Beschreibung von Monsieur Desmend geschaffen, wie er da so mit herabhängenden Armen und kraftlos und resigniert am Rathaus steht.

Ganz schrecklich finde ich aber Antoine Mutter. Das sie nicht wahr haben will, dass ihr Sohn etwas mit Rèmis Verschwinden zu tun hat, ist das eine. Das kann ich als Mutter sogar irgendwie noch verstehen.  Aber das sie den Selbstmordversuch ihres Kindes als Magenverstimmung da stellt, finde ich unglaublich schrecklich.  Antoine bräuchte dringend professionelle Hilfe. Dabei läuft man natürlich Gefahr, dass die Sache mit Remi ans Licht kommt. Aber wie soll der Arme Antoine jetzt damit weiterleben? Es wird ihm sicherlich gelingen, das Ereignis erstmal zu verdrängen. Helfen werden ihm dabei bestimmt die Reaktionen auf den Sturm und was das an Arbeit mit sich bringt.  Ich glaube allerdings nicht, dass Antoine seine Schuld ein Leben lang verdrängen kann.

Offline Valentine

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claire, bei Deinem Posting fiel mir gerade noch was ins Auge: im Verdrängen sind Antoine und seine Mutter anscheinend beide Meister.

Die Mutter will nicht wahrhaben, was in ihrer Welt einfach nicht wahr sein darf, und blendet Antoines "Hilfeschrei" völlig aus, schnitzt sich eine harmlose Erklärung zurecht, statt in die Tiefe zu gehen. Ich hatte gehofft, dass sich Antoine noch dem Arzt anvertraut, der schien ja auch etwas zu spüren. Oder hat Antoine das nur geträumt oder sich zusammenfantasiert?

Dass dann der Sturm verheerend über Beauval hereinbricht, macht es der Mutter natürlich einfach, noch mehr zu verdrängen, denn natürlich muss dann erst einmal aufgeräumt, renoviert und ausgemistet werden. Da bleibt keine Kapazität, sich mit dem Seelenzustand ihres Sohnes zu beschäftigen.
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claire

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Stimmt, Antoine eifert seiner Mutter in diesem Verhalten leider nach. Ich denke, bei ihm ist die Angst vor möglichen Konsequenzen so groß, dass  er sich einfach niemanden anvertrauen kann. Aber irgendwie wird er jetzt mit seiner Schuld weiterleben müssen und da wird  Verdrängen sicherlich das Mittel der Wahl sein.
Die Frage ist aber eben, ob man das sein Leben lang kann.
Nun Ja, im nächsten Abschnitt sind wir schon im Jahr 2011 und erfahren da vielleicht das ein oder andere.
« Letzte Änderung: 11. Juli 2017, 15:24:50 Nachmittag von claire »

Offline Valentine

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Ich bin auch sehr gespannt, wie es mit dem erwachsenen Antoine weitergeht.

Am Ende des 1999-Abschnittes ist ja gar nichts klar (was ich jetzt überhaupt nicht negativ meine).
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Offline Lerchie

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Aber das sie den Selbstmordversuch ihres Kindes als Magenverstimmung da stellt, finde ich unglaublich schrecklich.  Antoine bräuchte dringend professionelle Hilfe. Dabei läuft man natürlich Gefahr, dass die Sache mit Remi ans Licht kommt. Aber wie soll der Arme Antoine jetzt damit weiterleben? Es wird ihm sicherlich gelingen, das Ereignis erstmal zu verdrängen. Helfen werden ihm dabei bestimmt die Reaktionen auf den Sturm und was das an Arbeit mit sich bringt.  Ich glaube allerdings nicht, dass Antoine seine Schuld ein Leben lang verdrängen kann.

Ich habe es auch nicht verstanden, dass sie den Selbstmordversuch nicht als solchen akzeptiert hat. Sie muss doch gemerkt haben, dass Antoine die ganzen Tabletten geschluckt hat?
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Offline Valentine

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Ja, aber merken und wahrhaben wollen sind zwei ganz verschiedene Paar Stiefel.
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Offline ysa

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Grüß Euch!

Monsieur Kowalski wurde festgenommen und Antoine, der ihn ja nicht mochte, hat das eigentlich nicht groß gestört. Dass eventuell ein anderer für seine Tat büßen müßte, bedenkt er nicht wirklich. Ich versteh ja, dass er selbst nicht entdeckt werden will - aber kann das Gewissen soweit betäubt werden, wenn ein Unschuldiger die Strafe bekommt?
Monsieur Kowalski wird zwar wieder frei gelassen, aber er bleibt "gezeichnet". Schon rein sein Aussehen ("Frankenstein") wird zum Argument gegen ihn - zumindest in der Dorfgemeinschaft. Bei der Suchaktion will er teilnehmen, die Bewohner lehnen ihn allerdings ab. Wäre er zu Hause geblieben - es wäre ihm genauso übel ausgelegt worden!
Auch Mme Courtin, die anfangs auf seine Verhaftung noch recht vernünftig reagiert hat, dreht sich jetzt weg! Sie schließt sich der allgemeinen Meinung an.

Die Predigt des Pfarrers fand ich einfach nur unpassend und schrecklich! Sagt der doch glatt, dass Leid ein wundervolles Werkzeug Gottes ist, das den Menschen Gott näher bringt! Leid, Schmerz und Kummer sind Buße... Gehts noch? So etwas kann man doch nicht Eltern sagen, die gerade ihr Kind vermissen? Ich kann mir nicht erklären, warum der Priester derart unsensibel geredet hat. Hat er es nicht besser gewußt? Kannte er die Leute nicht? Er wußte doch von den Ereignissen?!?

Antoines Angst vor Entdeckung ist konstant vorhanden - logisch! Der ganze Ort konzentriert sich auf die Suche! Seine Angst gipfelt in dem Selbstmordversuch. Er hat mir in diesem Moment so schrecklich leid getan!
Die Reaktion seiner Mutter ist völlig unverständlich. Sicher - sie legt allergrößten Wert darauf, im Ort akzeptiert und geschätzt zu werden. Ihr Ruf ist ihr alles Wert! Aber es unter den Teppich zu kehren, wenn der 12jährige Sohn sich umzubringen versucht - das ist schon hart! Glaubt ihr, sie hat ihn im Verdacht wegen Rémi? Woher dieser Verdacht? Das kann ich mir nicht vorstellen! Sie verdächtigt doch nicht ihren Sohn! Allerdings wundere ich mich, dass sie bis jetzt nie nach der verlorenen Uhr gefragt hat. Antoine meinte ja, als er den Verlust bemerkte, dass er seiner Mutter auch sicherlich nicht entgehen würde!
Egal was die Gründe für ihr Schweigen sind: sie ist eine Großmeisterin der Verdrängung und des Schweigens (so nach dem Motto: was nicht gesagt wird, existiert nicht?)
Antoine und seine Mutter reden nicht wirklich viel miteinander - nicht einmal alltägliche Tratschereien!

Dr. Dieulafoy hingegen reagiert sensibel und völlig unaufdringlich! Er kennt zwar den Grund nicht, aber er mischt sich im Endeffekt auch nicht ein. Dachte er dass das die "normalen" Erwachsen-werden-Probleme waren? Er kann ja keinen Verdacht haben!

Erschütternd fand ich auch den Zusammenbruch von Monsieur Desmedt. Makaber, dass er diesen Zusammenbruch gerade bei Antoine erlebt! Überhaupt beschreibt Lemaitre die Veränderung, die mit diesem Mann vorgegangen ist wirklich gut: von dem großen, polternden, unsensiblen Mann zum mann der möchte, dass sein Sohn weiterhin gesucht wird, dabei aber wie ein verirrter Mann klingt, der nach dem Weg fragen möchte.

Die Stürme  zerstören viel und angesichts dieser Katastrophe tritt Rémis Verschwinden in den Hintergrund. Für Antoine ein positiver Nebeneffekt. Aber so wirklich beruhigen kann ihn das noch nicht. Noch hat er ja nicht gelernt, mit dieser Tat zu leben! Aber er bekommt zumindest eine Gnadenfrist!

In einer Notsituation zeigt sich der Charakter... Mme Antonetti und die geklauten Kerzen aus der Kirche... Wenn es nicht so tragisch menschlich wäre, müßte ich fast darüber lachen!

Da der nächste Teil im Jahre 2011 weitergeht, nehme ich an, dass Rémi nicht gefunden wurde und dass die Wahrheit bis jetzt mal nicht ans Licht gekommen ist....

 :winken:








Offline ysa

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Rémis Verschwinden könnte man fast einen Katalysator nennen, der alle Konflikte, alle Unzufriedenheit, die in Beauval vor sich hin geschwelt hat, zum Kochen bringt und ein Ventil für den angestauten Ärger wird.

Diese Situation ist für alle - nicht nur für Antoine - eine Ausnahmesituation und somit wirklich ein Katalysator. Ist es ein menschliche Herdeninstinkt, dass erst einmal gegen Außenstehende gehetzt wird? Und zwar mit schwachen, peinlichen Argumenten?

Der Pfarrer wirkt mit seinem Salbadern über das Leid, dem etwas Gutes innewohnt, auch eher hilflos als überzeugend auf mich. (An der Stelle hat es mich ein bisschen gestört, dass der Autor den Ablauf der Messe durcheinanderschmeißt. Nach der Predigt kommt nicht direkt das Heilig-Lied, und der Entlassungsruf heißt deshalb so, weil er am Ende steht und nicht schon vor dem Segen kommt.)

Stimmt! Diese "Ordnung" kam mir etwas seltsam vor! Ich fürchte, da hat Lemaitre schlecht recherchiert bzw der Lektor auch ein wenig gepatzt!

Nur: Ist Antoine wirklich ein Mörder?

Nein, das ist er nicht, er ist für mich auch in gewisser Weise ein Opfer dieses schlimmen Augenblicks im Wald. Mit einer solchen Belastung auf dem Gewissen würde kaum ein Erwachsener klarkommen, wie soll es dann ein Junge schaffen, der selbst noch praktisch ein Kind ist?

Gemäß dem Gesetzt war es vermutlich Totschlag. Kann ein 12jähriger diesbezüglich belangt werden? Wie sind die Konsequenzen tatsächlich? Dass Antoine sich darüber keine Gedanken macht, ist verständlich. Aber Gesetz und Gewissen sind verschiedene Instanzen.
Er selbst sieht sich schon als Mörder.
Die Mutter von Rémi wahrscheinlich auch.

Dass eine solche Belastung sicherlich massive Folgen hat in seinem gesamten weiteren Leben, darf also nicht verwundern!

Ich habe es auch nicht verstanden, dass sie den Selbstmordversuch nicht als solchen akzeptiert hat. Sie muss doch gemerkt haben, dass Antoine die ganzen Tabletten geschluckt hat?

Gemerkt hat sie es sicher - aber entweder tut sie es als Kinderei ab, oder sie ist so stur auf ihren guten Ruf bedacht, dass sie es wissentlich ignoriert (so nach dem Motto "was nicht sein darf, das nicht sein kann"). Schließlich hat er ja überlebt.
Oder sie ist in dieser Situation so völlig überfordert, dass auch hier Verdrängung ihre einzig mögliche Reaktion ist.

 :entsetzt:


Offline Valentine

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Dass eventuell ein anderer für seine Tat büßen müßte, bedenkt er nicht wirklich. Ich versteh ja, dass er selbst nicht entdeckt werden will - aber kann das Gewissen soweit betäubt werden, wenn ein Unschuldiger die Strafe bekommt?

Ich denke, da zeigt sich, dass Antoine doch noch ein Kind ist.

Zitat
Die Predigt des Pfarrers fand ich einfach nur unpassend und schrecklich! Sagt der doch glatt, dass Leid ein wundervolles Werkzeug Gottes ist, das den Menschen Gott näher bringt! Leid, Schmerz und Kummer sind Buße... Gehts noch? So etwas kann man doch nicht Eltern sagen, die gerade ihr Kind vermissen? Ich kann mir nicht erklären, warum der Priester derart unsensibel geredet hat. Hat er es nicht besser gewußt? Kannte er die Leute nicht? Er wußte doch von den Ereignissen?!?

Ich vermute eine gewisse Portion Hilflosigkeit, die sich hinter abgedroschenen Phrasen versteckt (das macht es natürlich nicht wirklich besser).

Zitat
Allerdings wundere ich mich, dass sie bis jetzt nie nach der verlorenen Uhr gefragt hat.

Stimmt, das ist merkwürdig. Aber vielleicht hat sie es auch gemerkt und nichts gesagt. Wir erleben sie ja nur durch Antoines Brille.

Zitat
Antoine und seine Mutter reden nicht wirklich viel miteinander - nicht einmal alltägliche Tratschereien!

Ein stückweit ist das wahrscheinlich normale Vorpubertätsproblematik, aber generell scheinen die beiden wirklich ein Kommunikationsproblem zu haben.

Diese Situation ist für alle - nicht nur für Antoine - eine Ausnahmesituation und somit wirklich ein Katalysator. Ist es ein menschliche Herdeninstinkt, dass erst einmal gegen Außenstehende gehetzt wird? Und zwar mit schwachen, peinlichen Argumenten?

Ich fürchte, ja :sauer:

Zitat
Stimmt! Diese "Ordnung" kam mir etwas seltsam vor! Ich fürchte, da hat Lemaitre schlecht recherchiert bzw der Lektor auch ein wenig gepatzt!

Wäre jetzt nicht so schwer herauszufinden gewesen. Aber es beruhigt mich, dass das nicht nur mir aufgefallen ist. Wahrscheinlich so ähnlich wie der hollywoodianische Trauungsritus, der in allen Filmen vorkommt und in echt so nicht existiert.

Zitat
Aber Gesetz und Gewissen sind verschiedene Instanzen.
Er selbst sieht sich schon als Mörder.
Die Mutter von Rémi wahrscheinlich auch.

Klar, das sind zwei verschiedene Dinge.

Zitat
Dass eine solche Belastung sicherlich massive Folgen hat in seinem gesamten weiteren Leben, darf also nicht verwundern!

Ich bin sehr gespannt, was wir über den erwachsenen Antoine erfahren werden.

Zitat
Oder sie ist in dieser Situation so völlig überfordert, dass auch hier Verdrängung ihre einzig mögliche Reaktion ist.

Vermute ich fast, gepaart mit einem "was sollen denn die anderen denken/sagen".
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Harper Lee, To Kill a Mockingbird

Offline Doris

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Der Ablauf der Suche erstaunt mich. Warum wird nicht in der Nacht weitergesucht und dauert es so lange, bis Suchhunde eingesetzt werden? Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er verletzt irgendwo liegt und nicht weiterkommt, da wäre eine frische Spur hilfreich gewesen, um ihn schnell zu finden. Immerhin ist es Winter, er könnte auch bewegungsunfähig sein und erfrieren. Da geht es um Stunden

Der Gottesdienst spiegelt ein bisschen das gesellschaftliche Leben. Alle gehen schön brav in die Kirche, die sie als Dienstleistung ansehen, haben aber eigentlich mit Religion nichts am Hut. Stattdessen werden die anderen begutachtet und bewertet. Im Grund ist das aber nichts anderes als die Verlagerung von geheimen Eifersüchteleien aus Schule, Arbeitsstelle und öffentlichem Leben in die Kirche.

Mit einem Selbstmordversuch hatte ich nicht gerechnet. Antoine sieht sich ausweglos an seine Grenzen gedrängt. Über die Mutter kann ich nur noch den Kopf schütteln. Ich bin sicher, dass sie weiß, was passiert ist. Aber warum geht sie nicht darauf ein? Es ist nicht einfach nur weltfremd, das mit Gemüsebrühe kurieren zu wollen. Damit bekommt sie den verdorbenen Magen wieder hin, aber was ist mit der Psyche des Jungen? Es kann sein, dass ich mich mal wieder in eine Spekulation verrenne, aber für mich hat das Verhalten Antoines seinen Ursprung im Verhalten seiner Mutter oder beider Elternteile. Damit meine ich nicht nur den Suizidversuch, sondern schon die impulsive Handlung im Wald. Vielleicht wurde Antoine regelmäßig von seinem Vater verprügelt und sie hat nichts dagegen getan, sondern in gewohnter Manier die Augen verschlossen. Leider endet dieser Abschnitt direkt nach dem Ereignis. Ich habe mich gefragt, ob der Arzt etwas unternommen hätte. Er kapiert, das bei Antoine etwas im Argen liegt.

Der Sturm symbolisiert für mich ein wenig Antoines Stimmungslage. Er fängt erst langsam an und steigert sich dann ins Unermessliche. Genauso läuft es bei Antoine, auch wenn man es nach außen nicht wahrnimmt. Der Selbstmordversuch war bei ihm nicht nur der Schrei nach Hilfe, sondern wirklich die ultimative Lösung.

Zitat von: Valentine
Die allgemeine Abneigung gegen Kowalski schlägt sich darin nieder, dass fast jeder unbesehen zu glauben bereit ist, dass er zu Recht verhaftet wurde. Jeder brüstet sich mit dem neuesten saftigen Klatsch, den er oder sie aufgeschnappt hat. Die Desmedts werden vorgeblich mitleidsvoll, hauptsächlich aber neugierig angegafft, als sie in die Christmette kommen. Valentine wird schief angesehen, weil sie trotz des Verschwindens ihres Bruders eine rote Hose und eine sexy Jacke trägt, und das in der Kirche. Ätzend ist das und überhaupt nicht weit hergeholt.

Es klingt wie eine schlechte Soap Opera im Fernsehen, ist aber bestimmt in vielen Gemeinschaften der Fall.

Zitat von: Valentine
claire, bei Deinem Posting fiel mir gerade noch was ins Auge: im Verdrängen sind Antoine und seine Mutter anscheinend beide Meister.

Antoine kennt es nicht anders, bei der Mutter.
Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
sondern es ist viel, was wir nicht nützen.
Lucius Annaeus Seneca

Offline Valentine

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Der Ablauf der Suche erstaunt mich. Warum wird nicht in der Nacht weitergesucht und dauert es so lange, bis Suchhunde eingesetzt werden? Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er verletzt irgendwo liegt und nicht weiterkommt, da wäre eine frische Spur hilfreich gewesen, um ihn schnell zu finden. Immerhin ist es Winter, er könnte auch bewegungsunfähig sein und erfrieren. Da geht es um Stunden

Da habe ich zwar beim Lesen gar nicht groß drüber nachgedacht, aber natürlich hast Du recht ... wenigstens ein paar Polizisten oder andere Helfer hätten nachts eigentlich weitersuchen müssen, statt Stunden zu verlieren.

Zitat
Der Gottesdienst spiegelt ein bisschen das gesellschaftliche Leben. Alle gehen schön brav in die Kirche, die sie als Dienstleistung ansehen, haben aber eigentlich mit Religion nichts am Hut.

Das fand ich auch sehr gut beobachtet.

Zitat
Es kann sein, dass ich mich mal wieder in eine Spekulation verrenne, aber für mich hat das Verhalten Antoines seinen Ursprung im Verhalten seiner Mutter oder beider Elternteile. Damit meine ich nicht nur den Suizidversuch, sondern schon die impulsive Handlung im Wald. Vielleicht wurde Antoine regelmäßig von seinem Vater verprügelt und sie hat nichts dagegen getan, sondern in gewohnter Manier die Augen verschlossen.

Das wäre interessant zu erfahren. So, wie er bisher porträtiert wurde, scheint der Vater eher durch Desinteresse zu glänzen, da glaube ich nicht mal so sehr, dass das vorher anders war. Eher kann ich mir vorstellen, dass die Mutter, selbst als sie noch verheiratet war, mit der Erziehung und anderen Alltagsthemen ziemlich alleine dastand und vielleicht dann auch manchmal dem Kind gegenüber ausgetickt ist.

Zitat
Es klingt wie eine schlechte Soap Opera im Fernsehen, ist aber bestimmt in vielen Gemeinschaften der Fall.

Gerade das mit Valentines Klamotten ist mir so gegen den Strich gegangen. "Guckt doch mal, wie die rumläuft, der macht das ja gar nix aus, dass ihr Bruder verschwunden ist." Als ob man nicht gleichzeitig traurig sein und bunte Kleidung tragen dürfte. Aber auf'm Dorf geht man ja auch heute noch monatelang in Trauerschwarz :rollen:
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