Autor Thema: 02 - Seite 84 bis 171 (einschließlich Kapitel 14)  (Gelesen 562 mal)

Offline dodo

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Ich denke, Antoines Mutter hat selbst große psychische Probleme. In diesem Abschnitt wurde mehrmals betont, dass ihr ganzes Leben von Ritualen und Gewohnheiten bestimmt ist. Sie braucht anscheinend die absolute Kontrolle über alles, um funktionieren zu können.

So erkläre ich mir auch ihre Reaktion auf seinen Selbstmordversuch. Alles wird aufgeräumt und an seinen gewohnten Platz gelegt. Danach erklärt sie Antoines physischen Zustand als Ergebnis einer Lebensmittelvergiftung. Somit ist alles wieder in Ordnung und was nicht sein darf, ist auch nicht passiert.

Der Arzt versucht, Antoine zu helfen. Wahrscheinlich hofft er, dass der Junge sich besser in der gewohnten Umgebung erholt als wenn er ihn zwangsweise in ein Krankenhaus verfrachtet. Dass er selbst nicht davon zu 100% überzeugt ist, zeigt mir seine genaue Patientenüberwachung und das Angebot, für Antoine jederzeit erreichbar zu sein.

Offline ysa

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Dass eventuell ein anderer für seine Tat büßen müßte, bedenkt er nicht wirklich. Ich versteh ja, dass er selbst nicht entdeckt werden will - aber kann das Gewissen soweit betäubt werden, wenn ein Unschuldiger die Strafe bekommt?

Ich denke, da zeigt sich, dass Antoine doch noch ein Kind ist.

Mag sein...allerdings fürchte ich, dass mein Gewissen (und Gerechtigkeitssinn) als Kind wesentlich stärker ausgeprägt war als heute... :gruebel:
Als Kind ist die Welt eher noch schwarz oder weiß - die zahlreichen Grautöne kommen ja erst im Laufe des Lebens dazu.
Aber Antoine "rechtfertigt" sein mangelndes Mitgefühl ja auch mit der Tatsache, dass er Monsieur Kowalski nicht wirklich mag - das ist allerdings wirklich "Kind".

 
 


Online Doris

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Ich denke, Antoines Mutter hat selbst große psychische Probleme. In diesem Abschnitt wurde mehrmals betont, dass ihr ganzes Leben von Ritualen und Gewohnheiten bestimmt ist. Sie braucht anscheinend die absolute Kontrolle über alles, um funktionieren zu können.

Das glaube ich auch. Für Außergewöhnliches ist in ihrem Leben kein Platz. Damit kann sie nicht umgehen, weil es kein Schema F dafür gibt. Deshalb hat auch ihr Sohn keinen Selbstmordversuch unternommen und schon gar keinen Mord begangen. Wobei ich bei Letzterem nicht sicher bin, ob sie in diese Richtung Vermutungen angestellt hat. Wenn, dann nur mit gutem Grund.
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Lucius Annaeus Seneca

Offline Valentine

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Dass eventuell ein anderer für seine Tat büßen müßte, bedenkt er nicht wirklich. Ich versteh ja, dass er selbst nicht entdeckt werden will - aber kann das Gewissen soweit betäubt werden, wenn ein Unschuldiger die Strafe bekommt?

Ich denke, da zeigt sich, dass Antoine doch noch ein Kind ist.

Mag sein...allerdings fürchte ich, dass mein Gewissen (und Gerechtigkeitssinn) als Kind wesentlich stärker ausgeprägt war als heute... :gruebel:
Als Kind ist die Welt eher noch schwarz oder weiß - die zahlreichen Grautöne kommen ja erst im Laufe des Lebens dazu.

Hm, ich bin mir nicht sicher, ob Kinder wirklich so viel Weitblick haben. Gerechtigkeitsempfinden auf jeden Fall, aber in einem Fall wie hier kann schon (zunächst wenigstens) die Erleichterung überwiegen, selbst aus dem Schneider zu sein. Ist aber sicherlich auch von Mensch zu Mensch verschieden.
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Renaud, Dès que le vent soufflera

Offline Lerchie

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Ich hatte gehofft, dass sich Antoine noch dem Arzt anvertraut, der schien ja auch etwas zu spüren. Oder hat Antoine das nur geträumt oder sich zusammenfantasiert?

Dass dann der Sturm verheerend über Beauval hereinbricht, macht es der Mutter natürlich einfach, noch mehr zu verdrängen, denn natürlich muss dann erst einmal aufgeräumt, renoviert und ausgemistet werden. Da bleibt keine Kapazität, sich mit dem Seelenzustand ihres Sohnes zu beschäftigen.

Das mit dem Arzt ist so eine Sache. Fällt das unter das Arztgeheimnis, oder müsste dieser ihn dann bei der Polizei  melden? Ich denke, Antoine hatte davor Angst. Wenn er nicht sowieso Angst hatte, es überhaupt irgendjemandem anzuvertrauen.
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Lerchie
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Online Doris

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Das mit dem Arzt ist so eine Sache. Fällt das unter das Arztgeheimnis, oder müsste dieser ihn dann bei der Polizei  melden?

Sind Ärzte nicht von der Schweigepflicht entbunden, wenn es um das Leben eines Menschen geht?
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Lucius Annaeus Seneca

Offline dodo

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Offline Valentine

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Sind Ärzte nicht von der Schweigepflicht entbunden, wenn es um das Leben eines Menschen geht?

Das nehme ich auch an.

Dass Antoine Angst hatte, dass der Arzt ihn verpfeifen könnte, kann gut sein. Vielleicht ist er aber auch schlichtweg nicht gewohnt, sich jemandem anvertrauen zu können.
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Renaud, Dès que le vent soufflera

Offline dodo

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Ich denke eher letzteres. Außerdem wurde der Druck der Entdeckung durch den Jahrhundertsturm genommen. Der Wald ist verwüstet, dass Rémi gefunden wird, ist ab dann eher unwahrscheinlich. Die Notwendigkeit, sich mit jemandem auszusprechen, ist nicht mehr in dem Ausmaß gegeben.

Offline Lerchie

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Ja, dadurch dass der Wald so sehr verwüstet war, würde wahrscheinlich niemand, zumindest nicht so schnell, Remi finden.
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Offline schlumeline

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Nun, diese beiden Unwetter, die über den Ort hinwegziehen sind ja fürchterlich. Eine einzige Katastrophe. Aber ich glaube wir dürfen nun davon ausgehen, dass Rémis Leiche nicht mehr auftaucht und falls doch, dann wird wohl nicht mehr festzustellen sein woran er starb. Ihm könnte ja auch etwas auf den Kopf gefallen sein bei dem Unwetter. Antoine wird wohl verschont bleiben, aber in ihm selbst wird das Bewusstsein einen Menschen getötet zu haben weiter toben.

Es war schon schrecklich miterleben zu müssen, wie er versucht sich umzubringen, aber noch schlimmer ist für mich die Reaktion der Mutter, die zwar Dinge wahrnimmt, aber so tut als wären sie tatsächlich nicht geschehen. Für Antoine muss das noch viel schlimmer sein und dennoch ist seine Mutter (vermutlich ganz selbstverständlich) seine wichtigste Bezugsperson.

Online Doris

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Es war schon schrecklich miterleben zu müssen, wie er versucht sich umzubringen, aber noch schlimmer ist für mich die Reaktion der Mutter, die zwar Dinge wahrnimmt, aber so tut als wären sie tatsächlich nicht geschehen. Für Antoine muss das noch viel schlimmer sein und dennoch ist seine Mutter (vermutlich ganz selbstverständlich) seine wichtigste Bezugsperson.

Ich denke, er redet sich ein, dass sie nichts gemerkt hat. Doch spätestens als er nach dem Selbstmordversuch den leeren Badezimmerschrank ohne die ganzen Medikamente entdeckte, musste ihm doch klar sein, dass sie Bescheid weiß. Wer sonst hätte die Tabletten entsorgen sollen?

In gewisser Weise ist er an dieser Tat auch gereift, so komisch das klingt. Ein Stück seiner sorglosen Jugend ist buchstäblich mit einem Schlag dahin. Er weiß, dass er von ihr nicht viel Unterstützung erwarten kann, weil es ihre Kräfte übersteigen würde. Darüber zu schweigen ist ihm ohnehin lieber. Man merkt es auch daran, wie er in dem Sturm reagiert. Erst sorgt er dafür, dass das wichtigste Mobiliar nach oben kommt und dann wartet er zusammen mit seiner Mutter das Unwetter ab, gerade so, als müsse er sie schützen und nicht umgekehrt die Mutter das Kind.
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Offline schlumeline

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Theo ist auf dem besten Weg, genauso zu werden wie die, die ihm dieses Verhalten vorleben. Ein unsympathisches Kind :rollen:
Absolut!

Dass aus geliebten Ritualen hohle Formsache werden, ist auch so etwas, das man beim Erwachsenwerden öfter erlebt, so wie es Antoine mit Weihnachten geht, das er jetzt noch weniger mag als sowieso schon und nur pflichtschuldig abspult. Symptomatisch, dass er sich nicht mal erinnern kann, was er der Mutter gekauft hat.
Das fand ich übrigens sehr schade. Aber für meine Begriffe liegt dieses Empfinden von Antoine mehr im Verhalten der Mutter begründet, an ihrer äußeren Oberflächlichkeit.

Ich frage mich, wie viel seine Mutter und der Arzt (auch einer, den die Dorfgemeinschaft außer in seiner Eigenschaft als Arzt nie so recht akzeptiert zu haben scheint) geahnt haben. Irgendwer muss ja die verstreuten Tabletten weggeräumt und auch den Rucksack wieder ausgepackt haben. Oder ist hier Antoines Erinnerung unzuverlässig? Auf jeden Fall scheint mir, dass sie mit ihrem Gerede von Magenverstimmung und Gemüsesuppe auch sich selbst beruhigen und sich einreden will, dass es ja nur eine ganz gewöhnliche Magenverstimmung ist.
Ich glaube, dass beide etwas ahnen. Die Mutter wird wohl alles fort geräumt haben. Der Arzt ahnt, dass mit Antoine und der Magenverstimmung etwas nicht stimmt und spürt vielleicht auch, dass der Junge sich seiner Mutter nicht anvertrauen kann.

Offline schlumeline

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Ich muss dem Autor wirklich Respekt zollen. Für mich hat er es geschafft an diesem schrecklichen Beispiel von Rèmis Verschwinden und Tod auf irgendwie subtile Art und Weise ein Gesellschaftsbild zu kreieren.  Wie so sicherlich überall zu finden ist.
Die Menschen sind durchaus betroffen und versuchen zu helfen, aber es schwingt auch eine ganze Menge Sensationslust und persönliche Motive in dieser Hilfe mit. Und sobald das nächste "Highlight kommt, noch dazu eins, was die Menschen sehr viel persönlichere betrifft, tritt das erste in den Hintergrund. Sehr schön hat der Autor das an der Beschreibung von Monsieur Desmend geschaffen, wie er da so mit herabhängenden Armen und kraftlos und resigniert am Rathaus steht.
Ja, dieses Verhalten der Menschen ist zwar schlimm, aber realistisch und auch nachvollziehbar. In dieser Situation, in der nun alle Bewohner des Ortes stecken, ist jeder erst einmal mit dem eigenen Unglück beschäftigt. Vermutlich wäre das auch bei uns so.  :redface: :redface: :redface:

In gewisser Weise ist er an dieser Tat auch gereift, so komisch das klingt. Ein Stück seiner sorglosen Jugend ist buchstäblich mit einem Schlag dahin. Er weiß, dass er von ihr nicht viel Unterstützung erwarten kann, weil es ihre Kräfte übersteigen würde. Darüber zu schweigen ist ihm ohnehin lieber. Man merkt es auch daran, wie er in dem Sturm reagiert. Erst sorgt er dafür, dass das wichtigste Mobiliar nach oben kommt und dann wartet er zusammen mit seiner Mutter das Unwetter ab, gerade so, als müsse er sie schützen und nicht umgekehrt die Mutter das Kind.
Stimmt. Aber in seinem Innern tobt eine Zerrissenheit und ob er wirklich so stark ist, wei er nach außen hier tut, bezweifle ich sehr.

claire

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Der Ablauf der Suche erstaunt mich. Warum wird nicht in der Nacht weitergesucht und dauert es so lange, bis Suchhunde eingesetzt werden? Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er verletzt irgendwo liegt und nicht weiterkommt, da wäre eine frische Spur hilfreich gewesen, um ihn schnell zu finden. Immerhin ist es Winter, er könnte auch bewegungsunfähig sein und erfrieren. Da geht es um Stunden

Da habe ich zwar beim Lesen gar nicht groß drüber nachgedacht, aber natürlich hast Du recht ... wenigstens ein paar Polizisten oder andere Helfer hätten nachts eigentlich weitersuchen müssen, statt Stunden zu verlieren.


Und was mir gerade dazu noch einfällt: Warum hat man eigentlich erst über den Bürgermeister die Polizei gerufen? Also, wenn ich mein Kind vermissen würde, würde ich die 110 anrufen oder das städtische Polizeirevier. Funktioniert das in Frankreich nicht so?

 

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