Autor Thema: 01 - Anfang bis Seite 83 (einschließlich Kapitel 6)  (Gelesen 459 mal)

Offline dubh

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Hallo Ihr Lieben,

hier startet heute die Leserunde zu "Drei Tage und ein Leben" von Pierre Lemaitre.

Bitte postet erst, wenn Ihr mit der Lektüre begonnen habt und etwas zum Buch zu sagen oder zu fragen habt. Beiträge à la "Buch liegt bereit, ich fange heute Abend an" ziehen das Ganze zu sehr in die Länge und passen besser in den Buchvorschlag. Außerdem wäre schön, wenn Ihr darauf achtet, nicht einzeln zu sehr vorzupreschen, damit wir zusammen bleiben und damit auf einem ähnlichen Stand spekulieren und diskutieren können. Als Faustregel gilt: nicht mehr als ein Abschnitt pro Tag.

Bitte beachtet auch die Hinweise zur Aktivität und Qualität.

Zum Abschluss: bitte denkt auch daran, dass ein wichtiger Teil der Leserunden Eure abschließenden Rezensionen sind und stellt diese am Ende der Runde zeitnah hier im Forum und auf der Literaturschock-Hauptseite direkt ein.

Zahlreiche Rezensionen hier und die Streuung auf anderen Seiten steigern bei den Verlagen die Attraktivität von solchen Aktionen: denkt bitte daran, dass die Teilnahme an der Runde und Eure Rezension die "Gegenleistung" für die Freiexemplare sind.

Hier könnt Ihr zum Inhalt von Anfang bis einschließlich Kapitel 6 (bis Seite 83) schreiben.
Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.

Und nun wünsche ich uns allen viel Spaß! :winken:

Liebe Grüße
Tabea
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Lerchie

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Wie kann man einem Sohn nur das Playstationspielen verbieten. Eigentlich kann sowas nur schief gehen. Aber auf welche Weise es in diesem Fall schief ging, ist natürlich entsetzlich.
Ich habe damals meinem Sohn auch keine gekauft, das war mir definitiv zu viel Geld und ich war auch nicht gerade begeistert davon. Aber ich wusste durchaus, dass er mit Sicherheit bei Freunden spielen würde. So ist es nun mal.
Da Antoine an zwei Tagen in der Woche mit seinen Freunden nicht spielen durfte, hielt er sich an den Hund der Desmedts. Ich kann sehr gut verstehen, dass er wütend und zornig war, als Monsieur Desmedt den angefahrenen Hund – anstatt ihn vom Tierarzt untersuchen zu lassen – einfach in den Bauch schoss. War das Tier danach eigentlich gleich tot? Oder musste es in dem Müllsack elendiglich verenden? Dieser Mann ist ein Tierquäler!
Was Antoine dann aber gemacht hatte, hatte natürlich auch keinen Sinn. Auf jeden Fall sah ich keinen darin. Warum riss er sein Baumhaus wieder ab? Und dann auch noch einen Unschuldigen für die Tat seines Vaters büßen zu lassen, was hat ihn nur dazu verleitet? Und jetzt war Remi tot. War er wirklich gleich tot? Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert, bis die Leichenstarre eintritt. Obwohl ich wirklich schon genug Krimis gelesen habe. Doch Antoine hatte doch den ganzen Nachmittag im Wald verbracht. Remi war also schon eine ganze Weile gelegen. Aber vielleicht kam es mir länger vor als es war.
Ja und dann kommt Antoine zu Bewusstsein, dass er ein Mörder ist. Aber er wollte das doch gar nicht. Wäre es nicht nur Totschlag gewesen? Zumal Antoine erst zwölf war und somit noch nicht strafmündig, falls das in Frankreich so ist wie bei uns. Vielleicht sogar Körperverletzung mit Todesfolge, denn er wollte ihn ja nicht töten.
Ich frage mich wirklich , wie Antoine es geschafft hat. mit diesem Wissen – ich bin der Mörder Remis -  mit der Polizei zu sprechen, mit seinen Freunden zu reden, am Weiher zu stehen und den Tauchern zuzusehen.  Immer im Hintergrund die Angst, dass Remi gefunden würde.
Wieso war Monsieur Kowalski verhaftet worden?
Ich muss unbedingt weiterlesen….
Liebe Grüße

Lerchie
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nur wer aufgibt, hat schon verloren

claire

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Ich bin etwas fassungslos. Irgendwie dachte ich beim Lesen des Klapptextes nicht, dass Antoine selbst der Mörder des kleinen Rèmi ist. Ich hätte eher auf eine Mitschuld in Form von beobachten, nicht Einschreiten etc. gedacht.
Ich finde den Schreibstil des Autor unglaublich eindringlich. Ich kann mir total gut vorstellen, welche Gedanken und Gefühle Antoine gerade erlebt und das, obwohl man sich als Leser ja nun nicht vorstellen kann, in seiner Situation zu stecken. Dieses ganze Hin und Her zwischen Flucht, Eingeständnis, Verdrängung, Schuld und Angst ist Pierre Lemaitre wirklich großartig gelungen zu beschreiben.
Auf der anderen Seite kann, möchte es aber gar nicht, ich mir vorstellen, wie es der armen Mutter von Rèmi geht. Da muss der Autor sich gar nicht in Gedanken und Beschreibungen von Madame Desmedt verlieren. Diese Angst, wenn ein Kind verschwunden ist, für mich das Schrecklichste was ich mir überhaupt vorstellen kann.
Obwohl der Fokus auf Antoine ruht, ist es Lemaitre auch sehr gut gelungen, die verschiedenen Stadien der umgebenden Gesellschaft darzustellen. Wie schnell man bereit ist, jemanden schuldig zu sprechen, aus den unterschiedlichsten, oft an den Haaren herbeigezogenen Gründen. Und wie sich Neugier in Besorgnis, Anteilnahme und eben doch wieder Sensationslust verwandelt.
Ein Buch, das ich nicht mal eben schnell durchlesen kann, was ich aber auf jeden Fall unbedingt weiterlesen will.

claire

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Wie kann man einem Sohn nur das Playstationspielen verbieten. Eigentlich kann sowas nur schief gehen. Aber auf welche Weise es in diesem Fall schief ging, ist natürlich entsetzlich.

 
Was Antoine dann aber gemacht hatte, hatte natürlich auch keinen Sinn. Auf jeden Fall sah ich keinen darin. Warum riss er sein Baumhaus wieder ab? Und dann auch noch einen Unschuldigen für die Tat seines Vaters büßen zu lassen, was hat ihn nur dazu verleitet

Für mich hat das Playstation-Verbot eigentlich erstmal nichts mit der Tat zu tun. Es ist zwar dafür verantwortlich, dass Antoine an zwei Tagen nicht mit seinen Freunden zusammen sein kann, aber die Tat verbinde ich in erster Linie mit dem Mord, ja das ist es für mich, von dem Hund.

Ich glaube, dass Antoine das Baumhaus aus Enttäuschung über Emilies mangelnde Begeisterung für dieses und die damit verbundene Zurückweisung zerstört hat. Dazu die unglaubliche Wut über Monsieur Desmedt Tat, gepaart mit den ganzen Hormonschwankungen und Identitätsprobleme, die Pubertierende nun mal haben, haben ihn, in meinen Augen, zu der Zerstörung getrieben. Warum sich seine Wut dann auf den kleinen Rèmi kanalisierte, und ihn mit so einer Wucht hat zuschlagen lassen, übrigens später ja auch nochmal bei Theo, kann wahrscheinlich nur ein Psychologe erklären.

Offline Lerchie

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Natürlich war die Hauptsache die Ermordung des Hundes. Das ist mir auch klar. Aber wenn die Playstation nicht verboten worden wäre, hätte Antoine das Baumhaus nie gebaut und somit auch nicht zerstören können. Deshalb fängt es bei mir mit dem Playstationverbot an. Und ob das mit dem Hund dann passiert wäre, man weiß es natürlich nicht. Aber Antoine hätte kein Baumhaus zerstören können, und somit nicht diesen Ast Remi über den Schädel ziehen können.

Natürlich war Antoine enttäuscht, dass Emilie so wenig Begeisterung für sein Werk zeigte. Aber zerstört hat es der Zorn und die Wut auf Monsieur Desmedt, weil er den Hund erschossen hatte. Ich glaube nicht, dass er das Baumhaus ansonsten zerstört hätte.

Ich habe beim Lesen des Klappentextes auch gedacht, dass Antoine vielleicht etwas gesehen hat und sich nicht traut, etwas zu sagen. Dass er selbst den kleinen Remi erschlagen hat, das hätte ich nicht gedacht.

Aber wollte er das? Ich frage mich immer noch, ob das als Mord deklariert wird. Wie gesagt, kenne ich mich natürlich in Frankreichs Rechtsprechung nicht aus, aber bei uns in Deutschland wäre es höchstens Totschlag, wenn nicht sogar nur Körperverletzung mit Todesfolge, meine ich. Und bei uns wäre Antoine ja auch noch nicht strafmündig.

Liebe Grüße

Lerchie
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nur wer aufgibt, hat schon verloren

claire

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Ich verstehe deine Argumentation wegen der Playstation schon und man kann sich natürlich fragen, ob Ereignis B, C & D passiert wären, wenn A nicht gewesen wäre. Aber das kann man ja bei allem was passiert. Man weiß ja nie, was daraus entstehen könnte.  Deswegen habe ich die Playstation für mich gar nicht so als Auslöser wahr genommen.

Ich glaube auch nicht, dass man Antoine Mord vorwerfen könnte und ins Gefängnis wird er wohl auch in Frankreich nicht mit 12 kommen. Aber sicherlich in eine Art von Erziehungsheim, Psychatrie o.ä.. Auf jeden Fall würden alle in ihm nur noch den Mörder von Rèmi sehen und seine Mutter müsste wahrscheinlich auch wegziehen. Über die Auswirkungen auf seine Mutter macht er sich ja auch große Gedanken.  Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nach Bekanntwerden einer solchen Tat in seinem Ort wohnen bleiben kann ohne die Hölle auf Erden zu haben.

Offline Valentine

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Leider hat mich heute eine blöde Migräne vorübergehend ausgeknockt, darum erst mal nur mein Kommentar zu Kapitel 1 + 2:

Es geht schnell zur Sache, gleich zu Beginn ist klar, worum es hier geht und dass das Verschwinden des kleinen Jungen nicht die einzige Katastrophe bleiben wird, die über das Dorf hereinbricht.

Das Leben von Antoine scheint gerade nicht besonders gut zu laufen - von seinen Freunden ist er abgehängt, weil er sich mit ihnen nicht zum Playstation-Spielen treffen darf, und gleichzeitig ist er von ihnen eh enttäuscht, weil sie keine Lust mehr haben, im Wald zu spielen. Eins dieser typischen Dilemmas, die man beim Heranwachsen immer wieder erlebt. Und auch die Familiensituation wirkt angespannt nach der Trennung der Eltern, mit der überfürsorglichen Mutter und dem Vater, der lieber unpassende Geschenke kauft, als sich mit seinem Sohn zu beschäftigen.

Der Unfall des Hundes und die kaltschnäuzige Art, wie sein Besitzer kurzen Prozess mit ihm macht, gibt dem Jungen dann den Rest, etwas, das ich absolut nachvollziehen kann. Dass er seine Wut und Enttäuschung und Trauer an Rémi auslässt, ist furchtbar und gleichzeitig auch so glaubhaft, er ist geblendet von seinen heftigen Gefühlen und denkt erst nach, als es schon zu spät ist. Was für ein schrecklicher, grauenvoller Moment!

Antoines verzweifelte Versuche, das tote Kind verschwinden zu lassen, empfand ich ebenfalls als sehr glaubwürdig und dabei sehr bedrückend. Einige Details hätte ich ehrlicherweise lieber nicht gelesen :traurig:

Die verschwundene Uhr war ein erneuter Schreckmoment für ihn. Ich bin gespannt, ob sie am Ende das Detail ist, das zur Aufklärung des Geschehens beiträgt.
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Renaud, Dès que le vent soufflera

Offline dubh

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Puh, der erste Abschnitt war schnell gelesen, aber er hallt nach. Ich finde nicht nur die Geschehnisse verstörend, sondern auch das, was in Antoine vorgeht...
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Antoines Mutter zu wenig Kind in ihrem Sohn sieht. Sicher, sie muss mächtig für den Unterhalt der beiden strampeln und sie kümmert sich um ihren Sohn - aber da ist nicht viel Emotionalität. Sie sind irgendwie ein Team, aber Liebe und Verständnis fehlen. Oder wie soll ich mir ansonsten die Entscheidung bezüglich der PlayStation-Nachmittage verstehen? Bemerkt sie nicht, dass sie damit ihren Sohn von den anderen Kindern isoliert? Ist es ihr wirklich lieber, dass Antoine alleine im Wald spielt?
Ich halte nicht viel von solch rigorosen Verboten, daher kann ich Antoines Mutter nicht wirklich verstehen.
Und das Handeln Antoine nach Rèmis Tod steht für mich sinnbildlich für dieses Mutter-Sohn-Verhältnisses. Antoine kommt gar nicht auf die Idee, seiner Mutter alles anzuvertrauen. Natürlich müsste sie dann zur Polizei und das Leben in Beauval wird sicherlich die Hölle, aber ich denke auch, dass Antoine auch Hilfe erhalten würde. So denkt er, dass er einen Mord begangen hat. Aber letzten Endes war es ein großes Unglück, denn Antoine wollte dem Kleinen ja gar nichts tun. Antoine war verstört vom Tod des Hundes - vom kaltblütigen Umgang seines Herrchens mit dem verletzten Tier. Und dann dieses Verstauen in einem Müllbeutel!
Antoine fühlt sich seines besten Freundes oder Gesprächspartners beraubt - schon hier hätte er sich dringend jemandem anvertrauen müssen... :sauer:

Eine trostlose Geschichte, eindringlich erzählt. Antoines Leben wird für immer geprägt sein, davon kann man jetzt schon ausgehen. Das geht auch den Desmedts so gehen, aber es ist natürlich auch sehr brutal, wenn man bedenkt, dass Antoine erst 12 ist und sein Handeln nach dem Tod Rèmis gar nicht erfassen kann.

Was mir nicht so gut gefallen hat, war der Wechsel in die Gegenwartsform, als das Unvorstellbare geschieht. Im Anschluss geht es dann wieder in die Vergangenheit... Hm.
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(Theodor W. Adorno)

Offline ysa

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Wow... ich weiß, warum ich diesen Roman unbedingt lesen wollte! Pierre Lemaitre schreibt ganz eigenartig eindringlich und distanziert gleichzeitig. Ein Film noir als Buch.

Er stellt uns Antoine vor: gerade mal 12 Jahre alt,  nicht mehr ganz Kind, aber noch nicht wirklich Jugendlicher (er wünscht sich eine Play-station, hat aber das Masturbieren durchaus schon entdeckt), ohne Kontakt zum Vater,  eher introvertiert, aber manchmal auch grenzenlos jähzornig.

Seine Mutter ist streng, pflichtbewußt und sehr fleißig (schließlich arbeitet sie an mehreren Arbeitsstellen). Sie erinnert mich ein wenig an den Bürgermeister im Film "Chocolat"... also vermute ich schon auch noch andere Seiten an ihr. Vielleicht aber nur, weil sie bis jetzt noch nicht wirklich genau charakterisiert wurde.
Der Kontakt  zwischen Antoine und ihr ist nicht sehr intensiv (zumindest mein Eindruck).

Sicher - mehrere Faktoren führen dazu, dass Antoines blindwütiger Jähzorn losbricht: der grausame Tod des Hundes, die Zurückweisung Émilies. Indem er die schwebende Hütte (Baumhaus,oder?) kurz und klein schlägt  kann er seine Wut ein wenig austoben. Leider taucht gerade in diesem Moment Rémi auf. Und Antoine schlägt auch auf ihn ein. Und tötet ihn. Unabsichtlich.

Lemaitre beschreibt die innere Zerissenheit des Täters gut (innerhalb  weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder)- einerseits wünscht er, dass Rémi lebt, andererseits malt er sich die Konsequenzen aus. Und entschließt sich dann, die Leiche zu verstecken. Da geht er allerdings sehr planvoll vor!
Beeindruckend und beklemmend fand ich die Beschreibung dieser Überlegungen bis hin zum Verleugnen bzw Verdrängen (das würde ja seine Mutter nicht überleben, für sie...). Verleugnen und Verdrängen sind ja nur Formen des Selbstschutzes. Ich denke mal, nur so überlebt man einen unabsichtlichen Mord.

Dass er dann allerdings das Gespräch mit dem Gendarmen recht gut übersteht, das allgemeine Gerede und die Gespräche mit seiner Mutter hat mich doch etwas überrascht.
Aber irgendwann steht ja, dass seine Version so oft erzählt hat, dass er sie schon selber geglaubt hat.

Was mich dann jedoch schockiert hat, war Antoines zweiter Wutanfall, bei dem er dann mit einem morschen Stock auf Théo einprügeln wollte. Hätte er da nicht so etwas wie einen Flash-back haben müssen? Die gleiche Situation, nur ein anderes "Opfer"? Auch wenn dieser Angriff kläglich endete, hätte ihn das nicht irgendwie wachrütteln müssen?

Am Schluss wird dann Monsieur Kowalski festgenommen. Was hat die Polizei für Beweise gegen ihn?

Alles in allem: spannend, psychologisch durchdacht und eindringlich und beklemmend geschrieben - großartig (auch wenn das Thema grauenhaft ist).

 :winken:






Offline ysa

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Obwohl der Fokus auf Antoine ruht, ist es Lemaitre auch sehr gut gelungen, die verschiedenen Stadien der umgebenden Gesellschaft darzustellen. Wie schnell man bereit ist, jemanden schuldig zu sprechen, aus den unterschiedlichsten, oft an den Haaren herbeigezogenen Gründen. Und wie sich Neugier in Besorgnis, Anteilnahme und eben doch wieder Sensationslust verwandelt.

Ja! Da hast Du wirklich recht!  Auch diese Mechanismen hat Lemaitre großartig beschrieben - nicht offen und anklagend, aber zwischen den Zeilen!

Was mir nicht so gut gefallen hat, war der Wechsel in die Gegenwartsform, als das Unvorstellbare geschieht. Im Anschluss geht es dann wieder in die Vergangenheit... Hm.

 :redface: Das ist mir gar nicht aufgefallen!!! :redface:

dubh und Valentine haben es eh schon gesagt: es fehlt eine Vertrauensperson, jemand, mit dem Antoine reden hätte können, jemand, der ihm vielleicht geholfen hätte, seine Wut und Trauer anders auszudrücken. Die Mutter ist es nicht, auch weil Antoine sich ein wenig für sie verantwortlich fühlt.

Trostlos... das ist die richtige Beschreibung!

 :winken:


Online Doris

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Hallo zusammen!

Mich hat das Buch auch sofort gefesselt, schon allein weil es sehr schnell zur Sache kommt. Eigentlich schon zu schnell.

Zitat von: Wie kann man einem Sohn nur das Playstationspielen verbieten. Eigentlich kann sowas nur schief gehen.
Wie kann man einem Sohn nur das Playstationspielen verbieten. Eigentlich kann sowas nur schief gehen.

 :breitgrins:
Ich muss bei meinen Kindern das Spielen mit Elektronik ständig einschränken oder auch mal ganz verbieten, aber deshalb haben sie noch niemandem Gewalt angetan. Vermutlich ist Antoines Verhalten das Ergebnis verschiedener Faktoren, wie claire oben schon schreibt: Zurückweisung durch seine Freundin, Pubertätsprobleme, das Erschießen des Hundes, das Antoine miterlebte. Dazu kommt die zerbrochene Ehe seiner Eltern. Ich kann mir auch vorstellen, dass Antoine am eigenen Leib schon Gewalt erfahren musste, wenn er gar so schnell mit Schlägen reagiert, wie wir es zweimal erlebt haben. Das sah nicht so aus, als wäre da noch eine Hemmschwelle. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war der Tod des Hundes, und Rémi als Sohn des Hundebesitzers bekam den Schmerz Antoines zu spüren. Der Ort und die Art der Tat waren Zufall. Antoine musste sich irgendwann abreagieren. Es fehlte nur der Trigger. Später hat es Theo getroffen, da kam Antoines Reaktion ebenfalls ziemlich impulsiv.

Zitat von: Lerchie
Ja und dann kommt Antoine zu Bewusstsein, dass er ein Mörder ist. Aber er wollte das doch gar nicht. Wäre es nicht nur Totschlag gewesen? Zumal Antoine erst zwölf war und somit noch nicht strafmündig, falls das in Frankreich so ist wie bei uns. Vielleicht sogar Körperverletzung mit Todesfolge, denn er wollte ihn ja nicht töten.

Bei uns müsste diese Tat unter Totschlag laufen, vermutlich ist das in Frankreich auch so. Aber Antoine erkennt das nicht. Ihm dürfte der Unterschied zwischen den Tatbeständen unbekannt sein. Er hat einen Jungen umgebracht und sieht sich als Mörder.

Zitat von: claire
Obwohl der Fokus auf Antoine ruht, ist es Lemaitre auch sehr gut gelungen, die verschiedenen Stadien der umgebenden Gesellschaft darzustellen. Wie schnell man bereit ist, jemanden schuldig zu sprechen, aus den unterschiedlichsten, oft an den Haaren herbeigezogenen Gründen. Und wie sich Neugier in Besorgnis, Anteilnahme und eben doch wieder Sensationslust verwandelt.

Das hat er wirklich gut eingefangen. Er zeigt auch, wie schnell Leute bereit sind, Gerüchte zu als Fakten zu übernehmen und ihre eigene Meinung, die sie sich über Jahre hinweg von einer Person gebildet haben, zu ändern.

Zitat von: claire
Ich finde den Schreibstil des Autor unglaublich eindringlich.
Eindringlich ist er, aber er geht mir zu wenig ins Detail. Es passiert alles zu schnell. Außerdem finde ich es zu kindlich geschrieben. In Antoines Passagen mag das angehen, weil es stilistisch zu einem Zwölfjährigen passt, aber wenn es um die Handlung allgemein geht, ist es unpassend.
Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
sondern es ist viel, was wir nicht nützen.
Lucius Annaeus Seneca

Online Doris

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Lemaitre beschreibt die innere Zerissenheit des Täters gut (innerhalb  weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder)- einerseits wünscht er, dass Rémi lebt, andererseits malt er sich die Konsequenzen aus. Und entschließt sich dann, die Leiche zu verstecken. Da geht er allerdings sehr planvoll vor!
Beeindruckend und beklemmend fand ich die Beschreibung dieser Überlegungen bis hin zum Verleugnen bzw Verdrängen (das würde ja seine Mutter nicht überleben, für sie...). Verleugnen und Verdrängen sind ja nur Formen des Selbstschutzes. Ich denke mal, nur so überlebt man einen unabsichtlichen Mord.
[...]
Aber irgendwann steht ja, dass seine Version so oft erzählt hat, dass er sie schon selber geglaubt hat.

Ja, das ist eine Form von Selbstschutz. Er sucht Gründe oder Entschuldigungen für sein Schweigen, die z.B. seine Mutter schützen sollen, in erster Linie aber ihm dienlich sind. Er nimmt ja auch wahr, dass eine andere Mutter leidet oder dass fremde Menschen ernsthaft als Täter angesehen werden, aber die Wahrheit zu sagen, würde ihm selbst schaden. Da setzt dieser kindliche Verdrängungsmechanismus wieder ein. Andererseits ist ihm bewusst, dass er etwas sehr Schlimmes angestellt hat. Wie soll ein Zwölfjähriger damit umgehen, der keine Bezugsperson hat, der er Vertrauen entgegenbringt?
Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
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Lucius Annaeus Seneca

Offline dubh

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Am beklemmendsten war für mich übrigens die Szene, in der Antoine begreift, was er dem Kleinen soeben angetan hat. Dieses Schwanken zwischen Ungläubigkeit, Verdrängung, Verzweiflung und völlig irrationaler Hoffnung... Im einen Moment hätte ich fast vergessen können, dass er erst 12 Jahre alt ist - und im nächsten Moment wird das mit aller Macht klar.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline ysa

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Eindringlich ist er, aber er geht mir zu wenig ins Detail. Es passiert alles zu schnell. Außerdem finde ich es zu kindlich geschrieben. In Antoines Passagen mag das angehen, weil es stilistisch zu einem Zwölfjährigen passt, aber wenn es um die Handlung allgemein geht, ist es unpassend.

Seltsam, wie unterschiedlich wir das empfinden! :zwinker: Ich finde den Schreibstil überhaupt nicht kindlich - auch nicht in den Passagen, die Antoines Gedanken wiedergeben. Lemaitre schreibt klar, einfach, schnörkellos und wenig abgehoben. Aber genau mit diesem Schreibstil fasst und transportiert er Gefühle und Stimmungen. Und gerade in diesem Fall ist - abgesehen von den polizeilichen Ermittlungen, die eh nur sehr vage beschrieben werden - eigentlich fast alles Stimmung und Gefühl!

Wie schön, dass wir unterschiedlich wahrnehmen, Doris! Dein Kommentar hat mir zu Denken gegeben!
 :winken:


Offline Valentine

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Ich bin etwas fassungslos. Irgendwie dachte ich beim Lesen des Klapptextes nicht, dass Antoine selbst der Mörder des kleinen Rèmi ist. Ich hätte eher auf eine Mitschuld in Form von beobachten, nicht Einschreiten etc. gedacht.

Das hat mich auch überrascht.

Zitat
Obwohl der Fokus auf Antoine ruht, ist es Lemaitre auch sehr gut gelungen, die verschiedenen Stadien der umgebenden Gesellschaft darzustellen. Wie schnell man bereit ist, jemanden schuldig zu sprechen, aus den unterschiedlichsten, oft an den Haaren herbeigezogenen Gründen. Und wie sich Neugier in Besorgnis, Anteilnahme und eben doch wieder Sensationslust verwandelt.

Diese ekelhafte Sensationsgier, die sich in solchen Situationen immer wieder Bahn bricht, kommt wirklich gut rüber, auch die brodelnde Gerüchteküche und die "Flüsterpost", die Dinge in die Welt setzt, die jeglicher Grundlage entbehren.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Antoines Mutter zu wenig Kind in ihrem Sohn sieht. Sicher, sie muss mächtig für den Unterhalt der beiden strampeln und sie kümmert sich um ihren Sohn - aber da ist nicht viel Emotionalität. Sie sind irgendwie ein Team, aber Liebe und Verständnis fehlen. [Oder wie soll ich mir ansonsten die Entscheidung bezüglich der PlayStation-Nachmittage verstehen? Bemerkt sie nicht, dass sie damit ihren Sohn von den anderen Kindern isoliert? Ist es ihr wirklich lieber, dass Antoine alleine im Wald spielt?

Schön ist die Situation wirklich nicht, aber ich finde sie realitätsnah. Antoines Mutter scheint sowieso eine ängstliche Frau zu sein, die dazu neigt, sich dauernd Sorgen zu machen, und nun erzieht sie ihren einzigen Sohn auch noch alleine. Er ist alles, was sie noch hat, und somit ruhen auf ihm alle Hoffnungen und auch leider alle ihre Ängste. Wahrscheinlich hat sie mal irgendwo aufgeschnappt, wie schädlich Videospiele für Kinder sind, und verbietet Antoine deshalb die Teilnahme, ganz ohne zu merken, dass sie ihn dadurch aus seinem Freundeskreis ausschließt.

Bemerkenswert fand ich Antoines Überlegungen, dass es seine Mutter umbringen würde, wenn die Wahrheit ans Licht käme. Kinder in solchen Konstellationen verspüren oft einen Zwang, die (unglückliche) Mutter nicht noch mehr zu belasten. Ich kenne das sogar aus eigener Erfahrung nach dem frühen Tod meines Vaters. Meine Mutter hat mir so stark eingeimpft, dass uns Kindern ja nichts zustoßen darf, dass ich lang gebraucht habe, mich von diesem "ich muss brav sein und darf mich nicht in Gefahr bringen" zu lösen.

Zitat
Was mir nicht so gut gefallen hat, war der Wechsel in die Gegenwartsform, als das Unvorstellbare geschieht. Im Anschluss geht es dann wieder in die Vergangenheit... Hm.

Das mochte ich auch nicht so gerne. Die Geschehnisse sind eindringlich genug, da hätte man dieses Stilmittel nicht zwingend gebraucht.

Verleugnen und Verdrängen sind ja nur Formen des Selbstschutzes. Ich denke mal, nur so überlebt man einen unabsichtlichen Mord.

Dass er dann allerdings das Gespräch mit dem Gendarmen recht gut übersteht, das allgemeine Gerede und die Gespräche mit seiner Mutter hat mich doch etwas überrascht.
Aber irgendwann steht ja, dass seine Version so oft erzählt hat, dass er sie schon selber geglaubt hat.

Im ersten Schockzustand nach einem traumatischen Ereignis funktioniert man oft ganz gut. Das Erlebte wird ihn später sicher noch mit Macht einholen.

Zitat
Was mich dann jedoch schockiert hat, war Antoines zweiter Wutanfall, bei dem er dann mit einem morschen Stock auf Théo einprügeln wollte. Hätte er da nicht so etwas wie einen Flash-back haben müssen? Die gleiche Situation, nur ein anderes "Opfer"? Auch wenn dieser Angriff kläglich endete, hätte ihn das nicht irgendwie wachrütteln müssen?

Für mich las es sich so, als wäre das auch passiert. Er weiß sich einfach nicht zu helfen und schlägt deshalb um sich. Gut ist das natürlich nicht, aber wahrscheinlich hat er nicht gelernt, dass Reden hilft. Die Mutter klingt nicht gerade wie jemand, dem man sich bedingungslos anvertrauen kann.

Am beklemmendsten war für mich übrigens die Szene, in der Antoine begreift, was er dem Kleinen soeben angetan hat. Dieses Schwanken zwischen Ungläubigkeit, Verdrängung, Verzweiflung und völlig irrationaler Hoffnung... Im einen Moment hätte ich fast vergessen können, dass er erst 12 Jahre alt ist - und im nächsten Moment wird das mit aller Macht klar.

Das ist wirklich großartig eingefangen und sehr bedrückend, dieses "schuldlos schuldig". Natürlich ist Antoine nicht komplett unschuldig, aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob eine Tötungsabsicht vorliegt oder man "nur" kurz die Beherrschung verliert, mit fatalen Folgen. Antoine tut mir sehr leid.
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Renaud, Dès que le vent soufflera

 

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