Autor Thema: Klaus Hympendahl - Logbuch der Angst  (Gelesen 119 mal)

Offline Doris

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Klappentext
Das Logbuch ist gefälscht, als die Apollonia festmacht. Von den sechs Seglern, die von Gran Canaria lossegelten, sind auf Barbados nur noch vier an Bord. Eine spektakuläre Gerichtsverhandlung erregt das Interresse der Weltöffentlichkeit, denn das Eignerpaar wurde erschossen und ein Crewmitglied durch einen Brustdurchschuss schwer verletzt.


Der Bericht basiert auf einer wahren Begebenheit, das war mir nicht klar, als mir das Buch beim online Stöbern immer wieder mal unterkam. Als fiktiver Thriller hat es mich kaum interessiert, als Aufarbeitung eines realen Ereignisses auf einer Segelyacht um so mehr.

Dezember 1981. Der neue Eigentümer der Apollonia will mit seiner Lebensgefährtin zu einer Atlantiküberquerung von Ost nach West aufbrechen. Wegen seiner noch ziemlich mangelhaften Kenntnisse vom Segeln nimmt er ein deutsches Paar an Bord, von denen der Mann mehr oder weniger die Hauptverantwortung übernehmen und dem Eigner gleichzeitig die Praxis näherbringen soll. Um die Bordkasse aufzustocken, werden außerdem noch zwei junge Männer als zahlende Gäste mitgenommen.

Richtig gekannt haben sich die Teilnehmer der Fahrt vorher kaum, was sich schon bald unangenehm bemerkbar macht. Besonders hinsichtlich der üblichen Regeln und Maßnahmen auf Segelbooten gehen die Meinungen auseinander. Schon nach wenigen Tagen bilden sich zwei Parteien: Der Eigner mit Freundin und die zwei jungen Männer gegen den Segelprofi. Eine erste seglerische Bewährungsprobe begegnet ihnen in Form eines Sturms, der die Nerven schon ein wenig ankratzt. Danach ist es schwer, noch friedlich miteinander umzugehen. Die Yacht ist zwar groß, aber wirklich aus dem Weg gehen kann man sich nicht. Besonders Jörg, der Profi, steht unter Strom. Er hat große finanzielle Probleme, die ihm Sorgen bereiten. Für ihn hängt seine ganze Zukunft von dieser Überfahrt ab. Dass er ein ziemlich unzugänglicher und humorloser Mensch ist, macht die Sache nicht einfacher. Vieles, was die anderen tun, legt er als Absicht gegen sich aus, und die Mitsegler nutzen auch jede Gelegenheit, um sich über ihn lustig zu machen.

Selbst wenn man weiß, dass die Sache tödlich endet, ist es spannend mitzuerleben, wie sich das Ganze in psychologischer Hinsicht entwickelt. Sachliche Einschübe des Autors und Auszüge aus Polizeiprotokollen oder Gerichtsakten sorgen für Abwechslung, und das Bordleben kommt auch nicht zu kurz. Noch ist nichts passiert, aber man merkt schon, dass die Geschichte bald eskalieren wird.
Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
sondern es ist viel, was wir nicht nützen.
Lucius Annaeus Seneca

Online Kirsten

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Die Geschichte klingt wirklich spannend. Und deine Begründung hat mir sehr gut gefallen :daumen: Vielleicht tauchen ja wirklich noch ein paar Rosenblätter auf  :zwinker:
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Offline Doris

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Rosenblätter sind weder auf- noch abgetaucht, obwohl der Tote sogar der Besitzer des Schiffes war.

Ich bin inzwischen fertig mit dem Buch. Es war wirklich spannend, diesen Fall anhand der Erzählung und den Gerichtsprotokollen nachzuvollziehen. Letztere wurden aber am Ende des Buches fast ein wenig zu ausführlich zitiert. Bei meiner Internetrecherche stellte ich fest, dass es über dieses Ereignis eine ganze Reihe von Artikeln gibt.

Die Differenzen zwischen den Teilnehmern der Fahrt eskalierten so weit, dass der Täter die andern Passagiere mit einer Waffe bedrohte und schließlich den Eigner und seine Freundin erschoss und einen anderen Mann schwer verletzte. Durch massive Drohungen versuchte er, die beiden Zeugen zum Schweigen zu bringen, doch die Schussverletzung des einen Mannes ließ die Beamten auf Barbados stutzig werden. Die Tat wurde aufgedeckt. Die Freundin des Täters wurde zu drei Jahren wegen Beihilfe verurteilt, der Täter selbst zu zweimal lebenslänglich und weiteren 15 Jahren Haft, kam aber nach 17 Jahren 1999 frei.

Den Hergang der Tat kann man auch anderweitig gut nachlesen; was der Autor Klaus Hympendahl aber gut eingefangen hat, war die Atmosphäre an Bord, die zu der Tat führte. Er schildert nicht nur die Tat aus Sicht des Täters, sondern analysiert auch gekonnt dessen Empfindungen, als die Stimmung immer mehr kippte und schließlich alles eskalierte. Die psychische Belastung angesichts seiner schwindenden Berufsaussichten und seine falsch aufgefassten Bemühungen um die Sicherheit an Bord war immens, aber es gab kein Ventil, durch das er sozusagen Dampf ablassen konnte. Er war außerstande, mit der Situation angemessen umzugehen. Durch die so unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die Passagiere die Reise angetreten hatten, war es fast unmöglich, in der Enge des Segelbootes eine homogene Mannschaft zu bilden. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Lage vollends außer Kontrolle geraten würde.

Klaus Hympendahl schafft den Spagat, dies alles sachlich und doch fesselnd wiederzugeben.

4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:
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Lucius Annaeus Seneca

Online Kirsten

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Die Idee, eine kleine Gruppe von Menschen auf begrenztem Raum einzusperren, kommt ja immer wieder in Büchern vor. Meistens geht es nicht gut aus. Diese wahre Geschichte und deine Rezi haben mich neugierig gemacht, danke schön. Logbuch der Angst steht jetzt auf meiner LeseListe :winken:
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Offline Doris

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Wobei die Segler ja nicht im eigentlichen Sinn eingesperrt sind. Sie haben nur keine Möglichkeit, mal schnell an Land zu gehen, wenn ihnen ein Mitsegler nicht passt. Auf der Apollonia kam noch das Problem dazu, dass der einzige wirklich kompetente Mann an Bord ziemlich oberlehrerhaft erschien, was ihn für die anderen unsympathisch machte.

Ich mag solche Bücher, in denen Menschen unter erschwerten Bedingungen und mit begrenztem Platz ein Team bilden und mit Komplikationen fertig werden müssen (lese auch gerade schon wieder eins). Wenn dann noch ein Boot im Spiel ist, ist es die richtige Mischung  :smile:.
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Lucius Annaeus Seneca

 

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