Timo Brandt von Lyrik – WörterVerseIdeaSinn

Auf Literaturschock werden in regelmäßigen Abständen interessante Bücherblogs, Literaturseiten und Rezensionsportale vorgestellt. Die ursprüngliche Idee könnt ihr im Artikel Bücherblogs, Literaturseiten, Rezensionsportale ... ? nachlesen. Heute stelle ich euch Timo Brandt von Lyrik – WörterVerseIdeaSinn vor.

Timo BrandtTimos Steckbrief in Kürze

Echter Name: Timo Brandt
Geburtsjahr: 13.02.1992
Oft anzutreffen: In Wien
Interessen (neben der Literatur): Fußball, Mythologie, Schach, Kino, Schwimmen
Aktuelles Buch vs. spontane Buchempfehlung: Die Schläferin (Sophie Reyer) vs. Die letzte Reise des Odysseus (Jorge Luis Borges)

Steckbrief von Lyrik – WörterVerseIdeaSinn

Webseite Lyrik – WörterVerseIdeaSinn

Online seit: 2013
Schwerpunkte: Lyrik, Belletristik
Besucher pro Monat: zwischen 450 und 550
Dein Lieblingsartikel auf deiner Seite vs. Linktipp (z.B. andere Literaturseite): Zu Charles Simmons wunderbarem Roman “Salzwasser” vs. Babelsprech: Über Joseph Brodsky

Im Gespräch mit Timo

Wie und warum hast du das Thema "eigenes Blog" angepackt und welches Ziel hattest du dabei?

Es war mir schon sehr früh wichtig Bücher, die mich gepackt, bezaubert, fasziniert, erschüttert, bewegt, bestürzt, betroffen haben oder offenbarend waren, auch anderen zu empfehlen, weil ich glaube, dass solche Erfahrungen etwas Wichtiges sind und es manchmal in der Welt auch an solchen Erfahrungen mangelt. Und irgendwann merkte ich, dass ich die Eindrücke, die ich beim Lesen hatte, auch gerne aufschrieb und ausformulierte.

Zunächst schrieb ich ab und zu auf Amazon.de, aber irgendwann wollte ich meine Rezensionen sammeln und das ganze etwas schlichter aufmachen. So entstand der Blog; im Ganzen hat er dasselbe Ziel wie jede einzelne Rezension: Lust auf Literatur zu machen, Begeisterung zu entfachen für eine Form von Erlebnis, die ich in den einzelnen Büchern vorfinde.

Gibt es aktuelle Literaturthemen, die dich ganz besonders beschäftigen?

Ich lese viel Lyrik, von daher interessiert mich fast alles, was zu diesem Thema diskutiert und verlautbart wird. Im Besonderen die Frage, wie zeitgenössische Lyrik aussehen kann und sich positionieren soll.

Aber natürlich ist es von dieser Frage nicht weit bis zum großen Zwist unserer Zeit und der Ewigkeit: Was ist Literatur überhaupt?, wie kann man festmachen, was sie bewirkt, ob sie nützlich ist?

Aktiv nehme ich an dieser Debatte eher selten teil, aber auch hier interessieren mich immer die neusten Stellungnahmen und Ideen.

Am skeptischsten bin ich wohl, wenn es um die Frage von „neuen“ Formen geht, die gefunden werden „müssen“. Dieses Thema beschäftigt mich stark, aber ich finde, dass die Argumente, die darin oder drum herum aufgestellt sind, viel zu leichtsinnig verwendet werden, um viele andere literarische Texte zu verurteilen. Es geht mir in den aktuellen literarischen Debatten manchmal etwas zu viel um Form und zu wenig um Inhalt; ich hoffe, oft, dass nur ich das so empfinde, denn wenn es wirklich so ist, würde das heißen, dass die Literatur sich den schlechten Zeichen der Zeit allzu willig annähern würde.

Lyrik

Dein bestes und dein schlimmstes Erlebnis als Blogger?

Ein allerbestes gibt es nicht. Aber es ist immer wieder wunderbar, wenn mir jemand schreibt, dass er eines der besprochenen Bücher kennt und findet, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Oder wenn mir jemand sagt, dass ihm eine der Rezensionen gut gefallen hat, das reicht schon: wenn jemand sich die Mühe macht, mir zu schreiben!

Aber eines der besten Erlebnisse war auf jeden Fall, als mir jemand schrieb, dass er eine Rezension von mir gelesen habe und sofort das entsprechende Buch kaufen musste. So etwas in der Art möchte ich ja erreichen.

Mein schlimmstes Erlebnis war als einmal jemand meinen generellen Rezensionsstil kritisiert hat. Das traf mich damals ziemlich unvorbereitet und die Kritik hatte auch durchaus Hand und Fuß – hielt den Daumen auf viele Dinge, die ich in meinen Texten durchaus vernachlässige.

Ich hab dann ein paar Tage gezweifelt, ob ich nicht ganz anders schreiben soll. Mehr interpretierend, weniger begeistert; mehr Analyse und weniger anregend. Aber ich habe dann einfach entschieden, dass ich das gar nicht will (und vermutlich auch nicht kann).

Trotzdem war es ein schlimmes Erlebnis, vor allem weil der Andere im anschließenden Dialog keinen Zentimeter von seiner Kritik abweichen wollte und mir schließlich sogar Texte von sich schickte, die ich doch bitte als Mustertexte ansehen sollte. Er verstand meine Position nicht, nicht mal als ich sie ausformulierte. Wollte sie nicht verstehen. So etwas finde ich immer schlimm, auch wenn es mir sicherlich bei manchen Dingen ähnlich geht.

Hast Du Lesemacken?

Wenn dazu zählt, dass ich Comics und Graphik Novels lese, dann ja!

Ich lese oft einige Bücher parallel (manche nie zu Ende) und brauche immer einen Stift und einen Zettel in der Nähe. Ich kann am besten am Vormittag lesen oder am Abend und besonders gut, wenn ich auf Reisen bin, außer in einem Flugzeug oder einem Auto. Der Leseort muss eine gewisse Behaglichkeit innehaben, für die ich keinen Namen habe, die aber an manchen Orten vorhanden ist und an anderen nicht. Fürs Lesen von Lyrik darf ich kaum bis gar nicht gestresst sein. Sind das Macken?

Lyrik Regal

Wie reagierst du, wenn dir ein Buch überhaupt nicht gefällt? Schreibst du einen Verriss oder lieber gar nicht darüber?

Zunächst versuche ich bei jedem Buch, wirklich jedem, erstmal die positiven Aspekte herauszuarbeiten. Wenn da aber keine sind oder ich sie einfach nicht als positiv ansehen kann oder ich das Buch generell nicht verstehe, schreibe ich schon kritisch darüber, auch mal einen Verriss. Das kommt aber sehr selten vor.

Ich bin immer vorsichtig bei Urteilen. Es ist sehr einfach sich zur Abkanzlung aufzuschwingen, zu richten oder zu verreißen. Bequem geradezu. Und die Eloquenz in Verrissen ist oftmals nur deswegen so hoch, weil sie nicht weit kommen muss: kaum weiter als bis zu den eigenen Prämissen.

Verriss ist meine Sache nicht, wenn ich eine andere Möglichkeit sehe. Verständnis ist, soweit möglich (wenn noch nicht pure Nachsicht oder Verzagtheit), beim Thema Literatur und darüber hinaus das wichtigste für mich.

Ich schrieb einmal: „Kritik ist wichtig und mag zu verfeinern, aber vertiefen kann nur das Verständnis.“ Und ein andern mal: „Ich bin allgemein kein Fan von einfachen Urteilen, weil sie oft das Verständnis aussparen, wo es nicht viel gekostet hätte, es anzubringen.“ Zu diesen Aussagen stehe ich.

Was macht für dich ein gutes Buch aus?

Schwierig. Kann ich fast nicht sagen, ohne Angst zu bekommen, einen Aspekt vergessen zu haben. Ich habe schon oft versucht eine Schablone für DAS gute Buch zu ersinnen, zu bauen, aber dann gab es wieder gute Bücher, die nicht hineinpassten; ich ziehe immer wieder Mauern um meinen privaten Kanon, um ihn ab- und einzugrenzen, aber schon bald muss ich die Mauern wieder einreißen, um eine neue Art von guter Literatur hereinzulassen.

Auf jeden Fall muss ein Buch Faszination ausstrahlen. Einen Reiz, der aus jedem erdenklichen Thema kommen kann.

Ich würde mich nie getrauen, ein Thema auszuschließen oder zu sagen, das ein anderes eine Garantie für gute Literatur darstellt.

Allen guten Büchern, die ich kenne, ist gemein, dass sie (egal ob gewollt oder ungewollt) wenig Absolutes in sich tragen/vermitteln. Sie plädieren (nicht immer direkt, aber fasst immer indirekt) für eine breitere Perspektive als die eigene oder eine allgemein angenommene, übernommene. Sie loten das Ambivalente aus und hinterfragen das Propagierte und Vereinfachte, zergliedern es, bis am Ende etwas da ist, was nah an der eigenen, individuellen Wahrnehmungsvielfalt liegt. Joseph Brodsky hat das in seinem Essay über Mandelstam wunderbar umrissen:

„Wenn Kunst die Menschen etwas lehrt, dann, wie Kunst zu werden: nicht wie andere Menschen. Falls die Menschen überhaupt eine Chance haben, etwas anderes als Opfer oder Schurken ihrer Zeit zu werden, besteht sie in der prompten Reaktion auf die Schlusszeilen von Rilkes Archaischem Torso Apollos: … denn da ist keine Stelle,/ die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Was ist dir an deinem Blog ganz besonders wichtig?

Dass es ein Verzeichnis gibt, in dem alle Autoren und Bücher und alle sonstigen Texte geordnet einzusehen und zu finden sind. Ich bin ein Sammler und ich liebe Orte, an denen etwas gesammelt ist.

Mit welchen Schwierigkeiten hattest du anfangs zu kämpfen und wie bist du damit umgegangen?

Gott sei Dank gab es bisher wenig Schwierigkeiten, da ich ja nichts erreichen muss mit meinem Blog und auch nichts Bestimmtes erreichen will (außer eben: siehe oben). Das einzigen Probleme waren (und sind) wenig Feedback und wenig Resonanz. Und die habe ich bisher noch nicht wirklich lösen können. Aber so stark stören sie mich wiederum auch nicht.

Welche andere Literaturseite sollte in dieser Gesprächsreihe auf keinen Fall fehlen?

Dingfest - Welt aus Papier

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast für das Interview!

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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