Bücher zu verschenken! Ein Rant gegen den Freieexemplar-Wahnsinn

Schluss mit dem Freiexemplar-Wahnsinn

Im folgenden Artikel schreibt sich Dani, Co-Administratorin der Communities von Literaturschock und Leserunden.de, ihren Frust vom Hals.

Eine kurze Geschichte meiner Online-Reading-Erfahrungen …

Endlich Gleichgesinnte!

Als ich vor knapp 10 Jahren angefangen habe, mich im Internet über Literatur auszutauschen, habe ich mich in erster Linie gefreut, Gleichgesinnte gefunden zu haben, mit denen ich über mein liebstes Hobby – Bücher – sprechen konnte. In meinem realen Umfeld hatte ich dafür nämlich niemanden.

Daniela Uehleke

Irgendwann nahm ich an meiner ersten Leserunde teil und fand nach anfänglichem Zögern das Konzept toll, sich schon während des Lesens auszutauschen anstatt erst hinterher. Diese ersten Erfahrungen mit Online Buchcommunities machte ich auf Literaturschock und dann leserunden.de

Dass es bei manchen Aktionen auch Bücher zu gewinnen gab, war ein schöner Anreiz, aber eher ein Nebeneffekt. Es ging um den gemeinsamen Austausch.

Es gab noch andere Communities, außerdem kamen viele neu hinzu und ich war auf vielen davon aktiv und bin in manchen interessehalber auch heute noch registriert. Doch die Lage änderte sich rasant.

Lesen bedeutet plötzlich Arbeit

Autoren und Verlage wurden immer mehr auf die Möglichkeiten von „social reading“ aufmerksam, das ganze Thema entwickelte sich rasant. Neue Plattformen, neue Konzepte und es gab immer mehr Möglichkeiten, Bücher zu gewinnen.

Bald schon musste ich mir keine Bücher mehr kaufen, im Gegenteil, es gab mehr zu gewinnen, als ich Zeit gehabt hätte, zu lesen.

Ich musste Listen anlegen, was ich wann wo gewonnen hatte und welches Buch ich somit in welcher Reihenfolge zu lesen hatte. Lesen war plötzlich Arbeit.

Lesen, organisieren, kommunizieren

Inzwischen war ich selbst Organisatorin von Leserunden, zeitweise sogar in zwei Foren. Zum Lesen selbst kam also noch die Organisation hinzu, Kommunikation mit Verlagen und AutorInnen, Erstellen von Leserunden, Moderation, Kontrolle der Teilnehmer… immer mehr Arbeit, aber ich machte sie gern, denn ich lernte dadurch viele wunderbare AutorInnen und VerlagsmitarbeiterInnen kennen, sowohl online als auch auf den Buchmessen.

Hauptsache kostenlos ...

... und dafür kann man schon auch mal ein bisschen betrügen

Durch meine Aufgaben bekam ich aber auch Einblicke, die ich teilweise kaum fassen konnte: Leute legen sich mehrere Accounts an und bewerben sich somit mehrfach auf das gleiche Buch. Oder man bewirbt sich bei verschiedenen Plattformen auf das gleiche Buch, doppelte Gewinne fallen bei unterschiedlichem Usernamen ja kaum auf. Manche User bewerben sich auch per copy&paste bei absolut jeder Aktion, unabhängig von Genre oder sonstigen Kriterien, Bewerbungsbedingungen werden sowieso nicht gelesen. Hauptsache, ein kostenloses Buch. 

Qualität? Fehlanzeige!

Rezensionen sehen oft aus wie aus dem Baukasten, Kopie von Autoreninfo und Klappentext, dann diverse Satzbausteine, die für jedes Buch gleich klingen und somit am Ende für mich als Leserin der Rezension überhaupt keine Aussagekraft mehr haben.

Rückfragen bei Verlagen und AutorInnen ergaben mehr oder weniger einhellig die Aussage, dass ihnen das egal ist, Hauptsache, das Buch wird überhaupt rezensiert und erwähnt.

Kontrolle? Keine Chance, bei den Massen an Büchern, die an BloggerInnen und andere RezensentInnen, bei Leserunden, Verlosungen, Vorablesen, etc rausgehauen werden. Allenfalls, ob rezensiert wurde, das Wie ist egal. Zu Leserunden meldete man sich an, aber wenn man nicht gewonnen hat, hat man auch nicht teilgenommen.

Rezensionen werden per copy&paste auf 20 verschiedenen Seiten gepostet, wenn es im Forum aber mal eine Rückfrage gibt, gibt es oft keine Reaktion – wie auch, man nimmt ja nicht am Forumsleben teil, sondern lädt hier nur seine Buchbesprechungen ab, wie auf zig anderen Seiten auch.

Leserinnen gegen den Verschenk-Irrsinn

Das klingt alles schrecklich negativ und es sind natürlich auch die krassen Fälle, die besonders im Gedächtnis bleiben. Daher an dieser Stelle natürlich auch der Hinweis, dass es unglaublich viele tolle, BloggerInnen, ForumsteilnehmerInnen und RezensentInnen gibt, denen es nicht nur um das kostenlose Freiexemplar geht, sondern um das Buch an sich und auch um die jeweilige Plattform.

A lot of books

Ich weiß von vielen Usern, dass sie nicht mehr auf zig Plattformen dabei sind (oder noch nie waren), sondern sich eine oder wenige Seiten gesucht haben und dort lieber richtig mitmachen anstatt überall nur ein bisschen wegen der Freiexemplare.

 

Auch manche Verlage und AutorInnen haben den Irrsinn erkannt und hauen nicht mehr unkontrolliert Freiexemplare an alle und jeden raus, sondern bauen sich einen eigenen festen Stamm an Bloggern/Rezensenten auf.

Insgesamt scheint mir aber, dass der Großteil der Branche immer noch auf dem falschen Weg ist.

Literaturschock zieht die Notbremse

Wir haben bei Literaturschock an diesem ganzen Wahnsinn auch lange teilgenommen. Wir hatten zwar teilweise schon immer strengere Regeln, mit denen wir manche Buchabstauber schnell wieder vergrault haben. Zum Beispiel ist bei uns die Anmeldung zu einer Leserunde verbindlich, also nicht abhängig vom Gewinn eines Freiexemplars.

Zum anderen kontrollieren wir unsere Leserunden und Rezensionen tatsächlich nicht nur darauf, ob teilgenommen wurde, sondern auch wie. Und wenn das aus unserer Sicht nicht zufriedenstellend ist, werden die TeilnehmerInnen ermahnt und erhalten keine Freiexemplare mehr, falls sie sich nicht mehr Mühe geben.

Wenig Anerkennung für viel Arbeit

Oft haben wir hierfür Lob von AutorInnen erhalten, die es sehr schätzen, dass bei unseren Leserunden eben mehr in die Tiefe gegangen wird. Leider bleibt es oft bei diesem Lob, denn obwohl wir es immer wieder ansprechen, posten viele Verlage und AutorInnen auf ihren Social Media Accounts nur die teuer bezahlten, großen Aktionen und Leserunden auf kommerziellen Plattformen, vergessen aber den Hinweis auf die schönen, kleinen Runden bei uns. Schade, dass die Wertschätzung dann offenbar doch oft nur leere Worte sind?

Ende der Leseaktionen auf Literaturschock

Neben den Leserunden haben wir in den letzten Jahren auch sogenannte Leseaktionen angeboten, d.h. man konnte ein Buch bekommen, musste es lesen, rezensieren und die Rezension im Netz streuen. Da wir nicht zu allen interessanten Titeln Leserunden anbieten können, war das eine schöne Alternative auch für Titel mit kleinem Budget. Für Verlage hatte es zudem den Vorteil, dass wir die komplette Kontrolle übernahmen und eventuell ausstehende Rezensionen anmahnten.

Das Ganze wuchs sich nach und nach zu einem ziemlichen Ausmaß aus - aufgrund der erwähnten Ansprüche und Kontrolle blieb der Teilnehmerkreis hingegen immer überschaubar, so dass es bei vielen Aktionen praktisch eine Gewinngarantie gab, da es mehr Bücher als BewerberInnen gab. Der organisatorische Aufwand für uns war aber natürlich derselbe. Auch wuchs bei manchen ein gewisses Anspruchsdenken, bei dem ich mich schon manchmal fragte, ob den Leuten bewusst ist, dass wir all dies unentgeltlich in unserer Freizeit organisieren?

Es geht nicht mehr um das Lesen und die Liebe zur Literatur

Ein Versuch, den Aufwand zu reduzieren, indem wir mehr ebooks vergeben, war bisher nicht sonderlich erfolgreich. Begründungen wie „ich brauche das Gefühl des Papiers – ich gebe das Buch danach immer noch meiner Mutter/Tante/Oma/Nachbarin/etc – ich mag einfach kein ebook – ich will aber einfach ein Print haben – ein ebook kann ich nicht verkaufen/tauschen – beliebig fortführbar“ bringen mich wieder zum bereits erwähnten Anspruchsverhalten und zum Anfang meiner Geschichte: als es noch um das Buch an sich, das Lesen an sich und den Austausch darüber ging. Wo ist das geblieben?

Wenn man sich ein Buch ins Regal stellen will, ist es so ein absurder Gedanke, sich das Buch einfach zu kaufen?

Anscheinend schon, denn es gibt ja genug Möglichkeiten, es kostenlos zu erhalten. Bei uns allerdings künftig nicht mehr einfach so für jeden.

Mehr Bewusstsein mit dem RezensentInnen-Team

Ja, wir hatten durch die Aktionen mehr User und mehr Beiträge – aber hat uns das als Community wirklich etwas gebracht? Vom organisatorischen Aufwand ganz abgesehen, fehlte eben bei vielen, wie bereits mehrfach erwähnt, der Wille zum Austausch und um den ging es doch ursprünglich mal?

Kinder und Büccher

Wir haben uns entschieden, die Leseaktionen nicht mehr fortzuführen und somit nicht mehr jedem Forumsmitglied die Möglichkeit zu geben, bei uns an mehrere kostenlose Bücher im Monat zu kommen. Die bereits ausgemachten Aktionen werden noch durchgeführt, aber wir machen danach keine neuen mehr aus. Stattdessen bauen wir ein festes Literaturschock-RezensentInnen-Team auf, für die wir in einem überschaubaren Rahmen Bücher bei den Verlagen anfragen. Wenn unsere Plattform deswegen TeilnehmerInnen verliert, ist das so. Diese User waren dann wahrscheinlich ohnehin keine wirkliche Bereicherung für unsere Community.

Weiterhin Leserunden!

Unsere Leserunden sind von dieser Entscheidung nicht betroffen. Hier haben wir ja schon vor einiger Zeit beschlossen, weniger moderierte Leserunden anzubieten. AutorInnen und Verlage können sich gerne selbst mehr mit einbringen und eine Leserunde organisieren.


Daniela UehlekeÜber die Autorin

Daniela Uehleke

Daniela Uehleke ist das Gehirn von Literaturschock und Leserunden.de. Sie hat Hermines Zeitumkehrer gefunden und verschlingt nicht nur Unmengen an Büchern, sondern schafft es so immer wieder, die interessantesten Leserunden (und nicht mehr Leseaktionen) zu organisieren. 

 

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