Bedrückende Weite – Eine Spekulation

Thomas Bernhard als Dichter des Provinziellen

Als herausragender wild-wütender Prosaiker ist Thomas Bernhard heute – von der Ablehnung einiger weit weniger stilsicherer Wüteriche abgesehen – Teil des literarischen Establishments, das er stets verabscheute. Den Lyriker Thomas Bernhard dagegen kennt man kaum.

Seine durchaus um einen gehobenen lyrischen Tonfall und die entsprechende Form bemühten Gedicht werden – vielleicht auch gerade weil Form und Ton nur schwierig mit dem zu vereinen sind, was man am späteren Bernhard für essenziell zu halten gelernt hat – als sentimentaler Kitsch oder als sehr persönliche hermetische Sprachwelten abgetan.

Interessante Überlegungen wie sich über einzelne sprachliche Chiffren das dichterische Werk Bernhards erschließen lassen könnte, finden sich hier, ebenso wie Kritik, die Bernhards Lyrik in Bausch und Bogen verdammt.

Festzuhalten ist dabei, dass der Autor die Geringschätzung seines Frühwerks nicht teilte, bis zu seinem Lebensende arbeitete er an einer neuen Auflage seiner frühen Gedichte. Und das nicht zu Unrecht. Thomas Bernhard hat zwar unter hunderten lyrischen Texten nur wenige von besonderer Qualität produziert, doch diese lohnen den Blick auf jeden Fall. Gerade seine freien Verse aus der östereichischen Provinz sind in genau der einen treffenden Weise verfasst, in der es sich über Dörflichkeit und das Ländliche schreiben lässt, ohne dieses idyllisch zu verkitschen, oder es vor dem Blick des modernen städtischen Poeten (den längst nichts mehr modern macht als sein städtischer Wohnsitz) a priori herabzuwürdigen.

Dorf

Ich möchte exemplarisch eines dieser Bernhardschen Gedichte hier in gebotener Kürze würdigen. Sollte das Interesse des Lesers geweckt worden sein empfehle ich für eine erschöpfende Übersicht: Thomas Bernhard. Gesammelte Gedichte (Suhrkamp).

Auf den schwarzen Truhen der Bauernerde

Auf den schwarzen Truhen der Bauernerde
steht geschrieben, daß ich sterben muß im Winter,
verlassen von meinen Sonnen und vom Geraune der Kübel,
der vollgemolkenen,
Qual und Ende sprechend unter den Schlägen des
                             Märzwinds,
der mich vernichtet mit dem Gedanken
an die Apfelblüten und den Zauber der Tennen!
Niemals habe ich eine Nacht zerstört mit
                           Schimpfworten
und Tränen, aber diese Zeit, diese unsinnige Zeit
wird mich auslöschen
mit ihrer trockenen, messerscharfen Poesie!
Ich werde nicht nur Verlassenheit erdulden müssen,
                             sondern
das Vieh meiner Väter und Mütter durch die
                      Jahrtausende treiben!
Ich werde Regen erschaffen müssen
und Schnee und Mütterlichkeit
für meine Verbrechen und den Zorn rühmen,
der mir das Getreide auf den eigenen Feldern ruiniert!
Ich werde die Händler und Samstaghuren in einem
                Waldstück zusammenrufen,
 und dieses Land, dieses traurige Land,
ihrer wilden Verzweiflung schenken!
Ich werde tausend Sonnen hereinkommen lassen in meinen
Hunger! Morgen werde ich
Vergängliche erschaffen für die Unsterblichkeit,
nahe der Brunnen und Türme und fern
der Handwerker,
in einer Frühe, die meiner Leiden überdrüssig ist
und in der nichts geschieht als der Heimgang der
                                                     Sterne …
… dort will ich mit den Verzweifelten sprechen
und alles zurücklassen,
was Verachtung, Bitternis und Trauer war auf
                            dieser Erde.

Dieser Text, wie die meisten der gelungenen Gedichte Bernhards, ist am besten zuerst über die Stimmung zu greifen. Die der herbstliche Düsternis, die u.a. mit Erde und dem Verfliegen der Zeit, mit Tränen, und das vielleicht zentral, mit Väterlichkeit assoziiert ist. Dagegen allerdings steht die Qual des lyrischen Ichs unter den „Schlägen des Märzwindes“, der Gedanke an „die Apfelblüten und den Zauber der Tennen“; frühlingshafte Momente die sich doch ins dunkle Herbstliche allzu gut fügen.  Auch formal fängt Bernhard, dessen musikalische Ausbildung in der Dichtung noch durchsichtiger wird als in seinen späteren Romanen, diese Konsonanz von (obschon abgeschmackt) Schönem, von ländlicher Weitläufigkeit und provinzieller Enge, treffend ein: In langen, an den Ton von Klagen oder Predigten gemahnenden Atemzeilen, durchzogen von dörflichen Einsprengseln („Tenne“, „Kübel“, „Apfelblüten“), sowie nur behutsam gesetzten Assonanzen in reimloser rhythmischer Dichtung.

Apfelblüte

Aber was ist das für eine Welt die Auf den schwarzen Truhen der Bauernerde evoziert?

Dem, der auf dem Dorfe aufgewachsen ist erscheint sie in all ihrer Macht zuerst selbstevident. Und doch bildet das unauflösliche Geheimnis, das nicht zu Entschlüsselnde, den Grund von Bernhards Lyrik, der dieser erst ihre Wirksamkeit verleiht.

„Diese Zeit wird mich auslöschen mit ihrer messerscharfen Poesie“ – verweist das allein auf das Dorf? Oder nicht doch auf die die Weite der verwalteten Welt, die der Kunst die Luft zum Atmen nimmt? Sicher, dann machte es Sinn, dass der Dichter Regen erschafft, „und Schnee, und Mütterlichkeit“ ... aber wieso „Mütterlichkeit… für meine Verbrechen…“?

Wo sieht das lyrische Ich sich herkommen, woher die Verzweiflung? Und wohin geht es in kaum weniger verzweifelter Hoffnung? Der Text gibt uns nur vage Antwort, aber wir (ich sage „wir“ und meine „ich“, und denke hoffend: es gibt da draußen noch andere wie mich. Große Lyrik lesen, das hat auch immer etwas von der Antizipation einer Gemeinsamkeit der Vereinzelten) glauben recht gut zu verstehen...

Möglich, dass in Auf den schwarzen Truhen der Bauernerde schon Bernhards Charakterisierung der österreichischen Heimat als „nationalsozialistisch-katholische“ aus Auslöschung und anderen  Prosawerken mitgedacht werden sollte. Dass das Unaussprechliche des unbehelligten Weiterwurschtelns nach dem Zivilisationsbruch auf die gerade noch benennbare und sagbare Ebene des persönlich Erlebten kondensiert wird, um so auch, und vielleicht gerade, ins Herz der romantischen Grundlagen der Barbarei vorzustoßen.

Dann passt es durchaus, dass das Lyrische Ich seinen Rest an kontrafaktischer Hoffnung auf die projiziert, die in dieser Fremdkörper sind, die „Händler und Samstagshuren“, dass es "Vergängliche" zu erschaffen sucht

für die Unsterblichkeit,
nahe der Brunnen und Türme und fern
der Handwerker,
in einer Frühe, die meiner Leiden überdrüssig ist
und in der nichts geschieht als der Heimgang der Sterne

also zuletzt in jenem Stück Natur, das vom Menschen noch ganz unbeherrscht ist:

dort will ich mit den Verzweifelten sprechen
und alles zurücklassen,
was Verachtung, Bitternis und Trauer war
auf dieser Erde.

Bedrückende Weite

Das Verstummen des Lyrikers

Ich möchte diese im weitesten Sinne politische Interpretation nicht überbetont wissen, viel zu leicht könnte sie sonst die persönliche Ebene, die die politische erst erahnbar macht, an den Rand drängen. Und das würde dem Gedicht nicht gerecht. Beide bedingen sich aber: Allein das Mitdenken des Geschichtlichen erklärt wiederum die besondere Gewalt der Bernhardschen Dörflichkeit.

Und im Verhältnis der Ebenen erklärt sich vielleicht Bernhards Abwendung von der Lyrik. Wenn die letzten Zeilen von Auf den schwarzen Truhen der Bauernerde auch ein poetisches Programm umreißen, das sich der junge Bernhard gesetzt hat, so ist dieses eines, das in einzelnen Gedichten womöglich durchgehalten werden kann, kaum aber ist ein konsequent daran orientiertes umfangreiches dichterisches Oevre denkbar. Den Satz, es sei barbarisch nach Auschwitz ein Gedicht schreiben, hat Adorno später eingeschränkt. Die Wahrheit, dass es beinahe unmöglich ist zu dichten, ohne über die Shoah leichtfertig hinweg zu sehen, bleibt bestehen.

Und der ambitionierte Lyriker Thomas Bernhard floh vielleicht ganz zu Recht davor in die Prosa.

Sören HeimÜber den Autor

Sören Heim

Sören Heim ist Lyriker, Journalist, Übersetzer und verfasste zuletzt regelmäßig für The European die Kolumne Heimspiel "zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik". Heim ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung Pena e Anton Pashkut (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

 

Kontakt: Webseite: Sören Heim | Facebook: Lyrik & Prosa

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