Chaos Communication Camp 2015: Das Camp der Hoffnung

Eine galaktische Gemeinschaft von Lebewesen ...

Was für eine Odyssee. Dieses Camp hat mich sicher fünf Jahre meines Lebens gekostet. Mindestens!

Doch der Reihe nach. Als ich davon hörte, war mein erster Gedanke: "Hm, klingt interessant. Aber ich habe ja die Tiere. Und das ist so weit weg. Ob sich der Aufwand lohnt?" Irgendwie nagte der Gedanke aber weiter in mir und schließlich fasste ich den Entschluss: Ich werde dieses Jahr in Brandenburg-Einöd mit mehreren Tausend Menschen (Nerds!) campieren. Leider ging dann einiges schief und ich stand kurz vor der geplanten Abreise ohne Ticket da. Was für ein Schreck. Offensichtlich gab es auch keine Chance, da doch noch irgendwie reinzukommen und meine gebuchten Bahnkarten sollten wohl verfallen.

das camp

Meine eBay-Kleinanzeige ("Dringend Ticket für das Chaos Communication Camp gesucht!") brachte dann wieder Hoffnung. Ein junger Mann meldete sich. Seine Freundin habe doch keine Lust auf das Campen mit Nerds und er wollte wissen, was ich ihm für seine Karte bieten wolle. Nach einigem Hin und Her entschied er sich dann aber doch für das Camp. Ich also immer noch ohne Karte. Mein Zug fuhr ab - ohne mich. Ich rief meine Mails ab. Und noch ein Angebot für eine Karte war in die Box geflattert. Ein Glück hatte ich auf Drängen meines Freundes schon alles gepackt, also hieß es für mich: Den nächsten Zug nehmen und auf nach Brandenburg. Was für eine Zitterpartie - schießlich kannte ich diesen Typen doch gar nicht. Was, wenn der mich verarscht? Eine emotionale Achterbahn war das, kann ich euch sagen. Sollte ich demnächst graue Haare an mir finden: Sie sind definitiv auf diese Aufregung zurückzuführen.

Aber was soll ich sagen? Es hat sich so sehr gelohnt.

Was der Chaos Computer Club auf seiner Webseite angibt, hat er auf dem Chaos Communication Camp im Ziegeleipark in Mildenberg unter Beweis gestellt. Es trafen sich Lebewesen (ja, nicht nur Menschen) unanhängig von Alter, Geschlecht und Abstammung sowie gesellschaftlicher Stellung. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, oder? Kai Biermann bezeichnete das Camp in der Zeit als Utopia und er übertreibt damit kein bisschen. Ich habe noch nie so viele unterschiedliche, schillernde, faszinierende, hilfsbereite, tolerante, weltoffene und freundliche Menschen getroffen wie in der Ödnis Brandenburgs vom 13. bis 17.08.2015.

cccamp15

Der CCC e. V.steht für grenzüberschreitende Informationsfreiheit und setzt sich für ein Menschenrecht auf ungehinderte Kommunikation ein. Alljährlich findet ein großer Kongress, der Chaos Communication Congress statt (auf dem ich bisher leider noch nie war).

"Be excellent to each other"

Seid großartig zueinander. Überall hingen Schilder mit diesem Satz. Egal ob an den Toilettencontainern, den Wegweisern oder größeren Zelten. Alle nahmen ihn sich zu Herzen.

cccamp notebook

Das Gelände bestand aus einer Vielzahl von größeren und kleineren Zeltstädten, sogenannten Villages, die von den einzelnen Hacker-Gruppen oder Communities betrieben wurden. So gab es das Kesselvillage, die Kinky Geeks, Milliways, BER oder Chaos West. Wir wohnten sehr passend im Omnomnom-Village, wo es jeden Abend veganes Essen für alle gab (so lange der Vorrat reichte!)

Das schnellste Internet Deutschlands, überall Glasfaserkabel (insgesamt ca. 7,2 km), DECT-Telefone mit eigener Nummer, 32 Datenklos und natürlich frei verfügbaren Strom für die Zelte. Die Telekom hatte sogar eigens für das Camp einen Funkmast aufgestellt. Das alles wurde von ein paar Freiwilligen innerhalb von wenigen Wochen aufgebaut (und innerhalb weniger Tage wieder abgebaut). Bezahlt wurde das übrigens nicht. Auch die Speaker der Vorträge nahmen an dem Event ehrenamtlich teil. Zusätzlich wurden immer viele HelferInnen gebraucht. Engel wurden sie genannt und sie hatten ihre Sammelstelle im "Himmel", einem großen Zelt mit ganztägiger Verpflegung. Diese war übrigens ausschließlich vegan und vegetarisch, als kleinster gemeinsamer Nenner, um niemanden auszuschließen. Niemand hat sich darüber aufgeregt und lautstark nach Schnitzel gerufen.

rocket

Im Nachhinein finden es alle ganz spannend, wenn ich von diesen Tagen erzähle, aber immer klingt durch: Ich bin ja kein Hacker. Das ist nichts für mich. Die würden mich bestimmt nicht mal reinlassen. Im Gegenteil, kann ich da nur anworten. Jeder Mensch war hier willkommen. Egal, ob IT-Nerd oder nicht. Egal, ob Mensch oder Tier. Egal ob jung oder alt. Man konnte viel lernen, seinen Horizont erweitern. Und jeder bekam sogar noch ein Rad1o Badge zum Basteln geschenkt.

Es gab viele Vorträge und Workshops. Spannend und natürlich sehr gut besucht war der Auftritt von Markus Beckedahl und Andre Meister von Netzpolitik.org. Sie plauderten aus dem Nähkästchen über ihren angeblichen Landesverrat. Als ein ganz besonderes Bonbon für alle, die nichts verpassen wollten, wurden die Beiträge in den beiden großen Vortragszelten aufgezeichnet. Alle diese Videos sind online verfügbar.

Lesen gegen Überwachung

Auch die Literatur kam nicht zu kurz. Im Zelt der Initiative Digitalcourage gab es nicht nur tolle Shirts, sondern auch jeden Abend um 17 Uhr die Veranstaltung "Lesen gegen Überwachung". Hier konnten eigene oder fremde Texte mitgebracht und vorgelesen werden, um sie anschließend zu diskutieren. Natürlich nicht gerade Harry Potter, sondern gezielt Texte mit dem Thema Überwachung. 

Gemeinsam mit padeluun, einem Ehrenmitglied des CCC, Leena Simon und Friedemann Ebelt diskutierten wir angeregt über Bücher von Cory Doctorow

cory doctorow digitalcourage

Digitalcourage versteht sich als bundesweiter Zusammenschluss von Gruppen, die sich gegen Massenüberwachung stellen. Die Themen beschränken sich aber nicht nur darauf. Auf ihrer sehr empfehlenswerten Seite sind viele Tipps rund um die Digitale Selbstverteidigung, EU-Datenschutz, Feminismus, Gesundheitsdaten, Google, Facebook & Co., RFID-Schnüffelchips, Staat und Geheimdienste, TTIP, TiSA, CETA und Co., Videoüberwachung und Vorratsdatenspeicherung zu finden.

Alle Literatur-Interessierten sollten sollten auf jeden Fall einen Blick auf die Liste empfehlenswerter Literatur (auch als Faltblatt im PDF-Format) zum Thema Überwachung werfen.

Dann noch die zwei Physiker mit Flüssig-Stickstoff

Als waschechtes Fangirl von Nicolas Wöhrl und Reinhard Remfort, aka Methodisch inkorrekt, freute ich mich natürlich auch besonders, dass die beiden ebenfalls vor Ort waren. Für Sonntagabend war die Aufnahme von Folge 57 geplant, doch ich hatte Glück und erwischte sie schon vorher kurz auf ein warmes Bierchen. Mit dabei war Ulrike, deren neuer Museumspodcast Exponiert Berlin auf jeden Fall einen Blick wert ist.

Für die neue Folge von Methodisch inkorrekt war auch das eine oder andere Experiment geplant, für das die beiden einen Tank mit Flüssig-Stickstoff brauchten. Auf den freundlichen Hinweis eines Aufsehers ("Leute, das ist ein Camp voller Nerds! Die tun Dinge damit, wenn sie den Tank entdecken!") lagerten sie ihn dann auch schließlich nicht direkt neben dem Zelt.

Die Spannung stieg und schließlich war dann auch Sonntag.

Und mit dem Sonntag kam das Wetter

Ganz 11 Sekunden dauerte die Aufzeichnung der neuen Folge. Dann machte es Plopp und was erst wie ein schief gegangenes Experiment oder mit gutem Willen wie ein Showeffekt erschien, war ein handfester Stromausfall. Während die Basteleien an den Aggregaten und Stromverteilern ihre Fahrt aufnahmen, kam die Durchsage: Unwetter naht, bitte alle Schutz suchen. Später stand sogar eine Evakuierung im Raum. Als die Leute alle in befestigten Gebäuden mit entsprechenden Blitzableitern untergebracht waren (nachdem sie vorher im Regen durch Pfützen an den Eisenbahnschienen entlang getrieben wurden) verzog sich das Unwetter jedoch wieder rasch. Leider bedeutete das aber trotzdem das Aus für den Abend und die neue Folge. Was tun mit dem flüssigen Stickstoff? Verballern!

Was bleibt nach ein paar Wochen?

Ich kann nur sagen: Wer die Möglichkeit hat, am Chaos Communication Camp teilzunehmen, der sollte sie nicht verstreichen lassen. Leider findet das Ereignis nur alle vier Jahre in Deutschland statt. Das nächste Camp wird in den Niederlanden organisiert. Wer nicht genug davon haben kann oder wer das ganze im kleineren Rahmen erleben möchte, kann einmal im Jahr auf den Chaos Communication Congress gehen. Der nächste findet vom 27. bis 30.12.2015 in Hamburg statt.

Empfehlenswerte Links:

CCC Event Weblog

Donnerschläge, Cert-Taucher und Bimmelbahnhacker / Golem.de

Bildnachweise

Cory Doctorow: Portrait by Jonathan Worth

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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