Charlie Hebdo & Amy Plum: Ein Interview, das nicht in der Schülerzeitung gedruckt werden durfte

Es ist bereits einige Wochen her, dass der Anschlag auf "Charlie Hebdo" die Welt erschütterte. Überall sah man Plakate oder Bilder im Internet mit der Solidaritätsbekundung "Je suis Charlie". Die Gründe für die Tat können wir nicht erklären, die Gefühle der Menschen können nur schwer in Worte gefasst werden.

Amy Plum, die Autorin der "Die for me"-Reihe wurde zur Botschafterin

Und doch – oder gerade deswegen – hat Amy Plum, eine amerikanisch-französische Autorin, die gar nicht weit vom Anschlagsort entfernt wohnt, eine Aktion ins Leben gerufen und wurde zur Botschafterin für viele Leser. Menschen aus aller Welt hatten ihr Wünsche oder Gedanken zum Anschlag geschrieben, welche sie zunächst alleine, später gemeinsam mit Freunden verschriftlicht hat. Jede einzelne Nachricht wurde per Hand aufgeschrieben und danach an die Gedenkstätte in der Nähe des Anschlagorts gehängt. Insgesamt kamen über 340 Karten aus 31 Ländern zusammen, welche Tag für Tag von vielen Menschen angesehen werden.

Eine amerikanische Schülerin wollte daraufhin einen Artikel über den Einsatz von Amy Plum schreiben und interviewte diese. Das Interview wurde vom Lehrer abgelehnt, da so etwas nicht in die Schülerzeitung gehöre, und Amy Plum entschloss sich, das Interview auf Facebook zur Verfügung zu stellen.

Hier findet ihr nun also besagtes Interview, welches ich sehr berührend finde

Charlie Hebdo

Das Interview

1. As a Paris resident, how has the Charlie Hebdo attack impacted your daily life?

The last week has been exceptional, because the murders are all everyone has been talking about, people have been worried about their safety and the safety of their children, and we've ALL been worried about how this might affect our children emotionally. Besides that, you hear sirens all the time, and there is a huge police presence in the street. However, going forward, I'm not sure how it will affect my daily life. I know that I won't ever feel as safe here again. I never worried about violence in Paris. In the 8 years I've lived here, I had two drunk teenagers shove me once, and had a guy grab me between the legs as he skated past. But I've never really felt in danger until now. Knowing that something like that can happen in my safe little neighborhood has really shaken me.

2. What is your stance on the whole situation? Did Charlie Hebdo provoke such attacks?

Charlie Hebdo's role has always been to be provocative. Their goal was to make people re-think what they took for granted—to shake them from becoming numb to fixed (and perhaps flawed) ways of thinking. Yes, they made people angry. They offended people. But nothing justifies violence. To say that they provoked the attack is saying that responding to someone offending you by shooting them in the face is a logical, justifiable action. Which is just crazy and wrong.

3. No U.S. leaders were present at the unity walk, even the French ambassador who was in Paris at the time, what message do you think that gives?

Before anyone commented on that, I looked at the group of leaders and said, "Where's Obama?" It was a noticeable absence from one of France's biggest allies. I won't say what message I think that gave, but I can honestly say that, as an American, I was ashamed.

4. Why did you decide to write all those notes from people of facebook for the memorial? I think you said there was about 300 that you wrote out.

As soon as news got out about the massacre, the outpouring of support from my readers was overwhelming. For many, I am the only person they know who lives in Paris. For a few, I had the honor of introducing Paris to them through my books. Everyone who has read the DIE FOR ME series knows how I feel about the city. My love for it is jam-packed into every page of those books. So the messages of support and love and care started pouring in. And in many of the notes, I recognized the same desperation I was feeling. People wanted to DO something. But what is a teenager in Missouri going to do? Or a grandmother in Canada? Or a college student in India? Without really thinking it through, I offered to write down personal messages and take them to the memorial where the people of Paris could read them.

In the end, I posted 340 messages from 31 different countries. And the response of those who came to the memorial was overwhelming. People were standing around reading each and every message, truly touched that people from all around the world had written them. They took photos and videos of the notecards. And it was on the news and in the newspapers in several countries. My readers are truly awesome. I was so honored to be able to be their messenger.

5. Lastly, is there anything else you would want to say or add to students who will be reading this?

We are all humans, no matter what color our skin or what religion we practice. No matter how cool or dorky, no matter our jean size, no matter what part of town we're from or how much money we make. We all have the same hearts beating in our chests, the same minds, the same emotions. Take care of each other. Love each other. Support each other. You are the future. The way you treat each other will affect the whole world.

Deutsche Version des Interviews

1. Als eine Pariser Ortsansäßige, wie haben die Charlie Hebdo-Angriffe dein tägliches Leben beeinflusst?

Charlie HebdoDie letzte Woche war außergewöhnlich, denn die Morde waren das Thema, worüber alle gesprochen haben. Menschen waren um ihre Sicherheit und die Sicherheit ihrer Kinder besorgt. Wir ALLE waren besorgt darüber, wie dies unsere Kinder emotional beeinflussen wird. Abgesehen davon hört man die ganze Zeit Sirenen und es gibt eine große Polizeipräsenz auf den Straßen. Wie dies meine Zukunft beeinflussen wird, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich mich hier nicht mehr so sicher fühlen werde. Ich war niemals besorgt wegen der Gewalt in Paris. In den acht Jahren, in denen ich hier lebte, haben mich einmal zwei betrunkene Jugendliche geschubst und ein Mann griff mir zwischen die Beine, aber ich fühlte mich bis jetzt niemals in Gefahr. Der Gedanke, dass so was in meiner kleinen, sicheren Nachbarschaft passieren kann, hat mich erschüttert.

2. Was ist deine Meinung zur ganzen Situation? Hat Charlie Hebdo den Angriff provoziert?

Charlie Hebdos Rolle war es immer, zu provozieren. Ihr Ziel war es, dass Menschen überdenken, was sie für selbstverständlich halten, um sie davor zu bewahren, tempfindungslos und festgefahren zu sein (und eventuell fehlerhafte) Denkweisen zu erschüttern. Ja, sie haben Menschen wütend gemacht, sie beleidigten Menschen, aber nichts rechtfertigt Gewalt. Zu sagen, dass sie den Angriff selbst provoziert haben, ist das Gleiche wie zu sagen, dass Schüsse ins Gesicht als  Reaktion auf eine Beleidigung  eine logische, vertretbare Maßnahme sind. Das ist verrückt und falsch.

3. Es waren keine U.S-Staats- und Regierungsschef auf dem "unity walk", ebenso wenig wie der Französische Botschafter, der zu dem Zeitpunkt in Paris war. Was meinst du, welche Botschaft vermittelt das?

Bevor jemand dies kommentierte, schaute ich auf die Gruppe der Führungskräfte und sagte: "Wo ist Obama?". Er fehlte spürbar als einer der größten französischen Verbündeten. Ich weiß nicht, welche Botschaft dies vermittelte, aber als Amerikanerin schämte ich mich.

4. Warum hast du dich entschieden, all diese Notizen von Facebooknutzern für das Denkmal zu schreiben? Ich glaube, du sagtest, dass etwa 300 zusammengekommen sind.

Sobald Nachrichten über das Massaker öffentlich wurden, war die Unterstützung meiner Leser überwältigend. Für viele bin ich die einzig bekannte Person, die in Paris lebt. Für einige hatte ich die Ehre, sie durch meine Bücher in Paris herumzuführen. Jeder, der die "Die for me"-Reihe gelesen hat, weiß, was die Stadt mit bedeutet. Meine Liebe für sie ist auf jeder Seite zu sehen. So strömten Nachrichten mit Liebe, Unterstützung und Fürsorge ein. Und viele der Nachrichten beinhalteten die gleiche Verzweiflung, die ich fühlte. Die Menschen wollten etwas TUN. Aber was kann ein Teenager aus Missouri tun? Oder eine Großmutter aus Kanada? Oder ein College-Student aus Indien? Ohne groß nachzudenken, bot ich an, persönliche Nachrichten zu abzuschreiben und an die Gedenkstätte zu heften, wo das Pariser Volk sie sehen konnte.

Am Ende gab es 340 Nachrichten aus 31 verschiedenen Ländern. Und die Antworten von denen, die zur Gedenkstätte kamen, waren überwältigend. Leute standen herum, lasen jede einzelne Nachricht, waren wirklich berührt, dass Menschen aus der ganzen Welt sie geschrieben hatten. Sie machten Fotos und Videos davon. Und es war in den Nachrichten und Zeitungenen mehrerer Ländern. Meine Leser sind wirklich genial. Ich war sehr stolz, ihre Botin zu sein.

5. Gibt es schlussendlich noch etwas, was du den Studenten sagen möchtest, die das lesen werden?

Wir sind alle Menschen, egal welche Farbe unsere Haut hat oder welche Religion wir ausüben. Egal, welche Jeansgröße  wir haben, egal aus welchem Teil der Stadt wir stammen oder wie viel Geld wir machen, wir alle haben die gleichen Herzen in unserer Brust und den gleichen Geist, die gleichen Emotionen. Kümmern wir uns umeinander. Liebt einander. Unterstützt euch gegenseitig. Ihr seid die Zukunft. Die Art und Weise, wie ihr miteinander umgeht, wird sich auf die ganze Welt auswirken.

Um den Artikel mit dem Zitat der deutschen Autorin Tilly Boesche-Zacharow zu beenden:

Nur der Schwache wappnet sich mit Härte. Wahre Stärke kann sich Toleranz, Verständnis und Güte leisten.

©: Die Bilder und das Interview wurden von Amy Plum zur Verfügung gestellt.

Weiterführende Links:

Charlie Hebdo - Website

Der Anschlag auf Charlie Hebdo (Wikipedia)

Amy Plum - Website

Amy Plum - Fansite auf Facebook

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