Eintauchen in eine vergangene Welt

Barbara Dribbusch über die Recherchen zu „Schattwald“

Wer einen Roman auf einer historischen Zeitebene spielen lässt, muss sich hineinbegeben in die damalige Zeit- und das erfordert auch die Beschäftigung mit Details, denn nur so kann man auch emotional eintauchen in diese Welt.

Bei den Recherchen zu „Schattwald“ lieferten mir Bücher und wissenschaftliche Manuskripte grundlegende Informationen zur Psychiatriegeschichte, zu Behandlungsformen, dem Gebrauch von Medikamenten. Doch um sich mehr in diese Zeit hineinzufinden, sind Originalquellen hilfreich. Da helfen antiquarische Buchausgaben, die man heute über Internetportale aufstöbern kann.

Sanatorium

Es war ein aufregendes Gefühl, eine vergilbte Erstausgabe eines Buches des Psychiaters Carl Gustav Jung von 1933 in Händen zu halten, mit handschriftlichen Anmerkungen am Rand und ich konnte mir gleich vorstellen, wie diese Ausgabe bei Doktor Carl Amberg in „Schattwald“ im Regal steht, der ja im Roman ein Anhänger C. G. Jungs und seiner Archetypenlehre ist.
 
Ich besorgte mir auch antiquarisch eine Ausgabe der „Praktischen Seelenheilkunde“ von Gustav Richard Heyer von 1942 und man kann anhand dieses Bändchens gut nachverfolgen, wie sich damals Heyer, eigentlich ein Jung-Anhänger,  für Adolf Hitler begeistern konnte, wie er die Redekunst, die Tier- und Naturliebe des „Führers“ lobte und das Grauenvolle einfach ausblendete. Heyer ist die Vorlage für die Figur von Gustav Keyder im Roman. 
 
Notaufnahme

Besonders wichtig für mich waren die Tonaufnahmen aus Rundfunksendungen der damaligen Zeit, man bekommt sie über das private „Historische Tonarchiv“ und es läuft einem ein Schauer über den Rücken, wenn man Joseph Goebbels hört, wie er das Winterhilfswerk, eine Art damalige Arbeiterwohlfahrt, vor Tausenden von Menschen lobte und ihnen den „Nationalsozialismus“ für die „kleinen Leute“ versprach, der nichts mit den „oberen Zehntausend“ zu tun habe.
 
Plötzlich versteht man, wie die Leute damals vor den Volksempfängern, der "Goebbels-Schnauze", saßen und diesen Botschaften Glauben schenkten. Im Tonarchiv finden sich auch die damals berühmten Weihnachtssendungen von den verschiedenen Kriegsfronten, die den Menschen zuhause das Gefühl geben sollten, mit ihren Angehörigen an der Front verbunden zu sein.
 
Volksempfaenger

Um die Zeit darzustellen, ist konkretes Alltagswissen notwendig. Was wurde damals gekocht, wie wurde damals gewaschen, wie gewann man warmes Wasser? Dazu befragte ich meine Mutter und eine Tante.
 
Das Internet gibt dazu auch Auskunft, da finden sich zum Beispiel eigene Websites zur Geschichte der Waschtechniken, mit Abbildungen alter Bottiche und Geräte bis hin zur modernen Waschmaschine. Es war sehr aufwendig, zu waschen, mit all dem Einweichen, den scharfen Laugen und Spülbottichen, dem siedend heißen Wasser. Amberg in „Schattwald“ nützt das Waschen als Arbeitstherapie, das Sanatorium in den Bergen ist nicht besonders technisiert.
 
Wäsche waschen

Die Ernährung spielt eine große Rolle in den Kriegszeiten in „Schattwald“. Ich fand Faksimiles von alten Rezeptbüchern zur „Kriegsküche“ im Internet. So benutzt Mimi in Schattwald ein wirklich existierendes Rezeptbuch zur „Kriegsküche“ aus dem ersten Weltkrieg. Ich besorgte mir auch noch antiquarisch ein Buch zur Kriegsküche im 2.Weltkrieg und stellte dann selbst einmal „Pilzpaste“ und „Gemüseaufstrich“ als Brotaufstrich her, Wurst und Käse waren damals knapp. Interessanterweise finden sich solche pflanzlichen Pasten heute in Bioläden.

Die Musik spielt eine große Rolle im Roman. Um sie nachzuempfinden, hörte ich Tonaufnahmen aus der damaligen Zeit, besorgte mir die Noten zu Schlagern aus den 20er, 30er und 40er Jahren. Ich spielte auf dem Klavier die Schlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ und andere Lieder von Zarah Leander nach und konnte mir vorstellen, wie die Unterhaltungsmusik damals von den Nationalsozialisten gefördert wurde, um von den Schrecken des Krieges abzulenken.
 
Das Lied „Solang nicht die Hose am Kronleuchter hängt“ spielt eine Schlüsselrolle im Roman und ich probierte aus, ob sich das Stück tatsächlich so umtexten ließe, wie es Charlotte in „Schattwald“ tut und damit ein Leben rettet.
 

Die Schauplätze muss man sich natürlich vorstellen können. In den Bergen um Innsbruck, in der ein Staubecken eine große Rolle spielt und im Ötztal in der Gletscherwelt bin ich selbst im Winter gewesen.
 
Ötztal

Letztlich aber ist ein Roman immer ein Werk der dichterischen Phantasie mit einer Idee. Die Geschichte von Schattwald ist keine Dokumentation der Nazi-Psychiatrie mit der Euthanasie von geistig Behinderten und chronischen Psychotikern, mit der Militärpsychiatrie, die vor allem in der Abschreckung und Disziplinierung traumatisierter Soldaten bestand. Diese grauenvolle Psychiatrie ist das bedrohliche Umfeld, in dem Schattwald als ein Ort der Hoffnung erschaffen wurde.
 
Ein Ort, in dem Chefarzt Carl Amberg die fortschrittlichen Behandlungsmethoden aus den 20er und 30er Jahren nutzt und kreativ weiterentwickelt, Methoden, die von den nationalsozialistisch eingestellten Psychiatern der damaligen Zeit verachtet und verbannt wurden. Es wäre toll, wenn diese Geschichte und ihre Figuren die Leserinnen und Leser berührte. 

Bildnachweise:

Volksempfänger: Von Bundesarchiv, Bild 183-H10252 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Alle anderen Bilder: Pixabay

Gewinnspiel

SchattwaldDieser Artikel wurde als Teil einer Buchtournee geschrieben. Auf Ein Anfang und kein Ende hat euch Yvonne etwas über das Buch "Schattwald" berichtet. Morgen geht es weiter mit einem Interview auf dem Youtube-Kanal von Monas Bücherwunder. Danach erzählt Rika euch auf Schwarzbuntgestreift etwas über Psychiatrie und den Abschluss bildet Jasmin, die ein fiktives Interview mit der Hauptfigur auf Buch-Leben führt.

Und wie kannst nun du eines von fünf Exemplaren dieses wunderbaren Buches gewinnen? Dafür musst du zwei Aufgaben erfüllen:

1. Verrate mir per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! entweder, wie Volksempfänger noch genannt wurde oder wie der "Podcast" von Joseph Goebbels im Dritten Reich hieß und

2. schreibe einen Kommentar unter diesen Artikel, warum ausgerechnet du dieses Buch gewinnen solltest.

Doppelte Gewinne werden ausgeschlossen. Die Gewinnerinnen werden am 15.08. auf den jeweiligen Blogs bekannt gegeben und per E-Mail benachrichtigt. Zum Kommentieren hast du also noch ein bisschen Zeit.


Barbara DribbuschÜber Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch arbeitet seit 1993 als Redakteurin bei der taz und hat bereits ein Sachbuch veröffentlicht. Ihre Freizeit widmete sie in den letzten Jahren den Recherchen zu ihrem ersten Roman »Schattwald«, insbesondere zur Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus.

Webseite | Schattwald bei Piper

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