Ich spiele, du spielst – spiel mit: Erzählnacht in Olten 2014

Es ist bereits dunkel, als ich gegen 17.40 das Haus verlasse. Der Wind weht kühl, das Laub raschelt unter meinen Schritten, der Hauch des nahenden Dezembers liegt in der Luft. Der November ist somit der perfekte Monat für die Erzählnacht. Der Winter naht, man bleibt lieber in der Wärme und kuschelt sich mit einer Tasse auf das Sofa.

Die Schweizerische Erzählnacht oder: Vom Spielen, Erzählen und Lesen

Die Erzählnacht gehört zu den größten Kulturveranstaltungen der Schweiz und findet bereits zum 25. Mal statt. In allen Städten und Dörfern lassen Bibliotheken, Schulen, Buchhandlungen und Museen ihre Tore geöffnet. Das diesjährige Motto lautet: „Ich spiele, du spielst – spiel mit“. Erzählnacht in Olten 2014

Doch – hat das Ganze überhaupt einen Bezug zur Literatur? Ja. Denn Geschichten existieren schon lange. Sie sind der Grundpfeiler für unsere heutige Literatur. Bevor es die Schrift gab, gab es die Sprache. Man erzählte sich Legenden über Naturphänomene, über wütende Götter und verzweifelt Liebende. Alles von Mund zu Mund. Vom Großvater zum Enkel und so weiter und so fort. Mit dem Auftauchen der ersten Schriftzeichen begann man, diese Geschichten niederzuschreiben und so zu bewahren. Aus den ersten in Stein gemeißelten Runen wurden Papyrusrollen, Pergament und schlussendlich Papier. Aus dem Papier wurden Bücher, deren Seiten gefüllt sind mit Leben und neuen Geschichten von Naturphänomenen, wütenden Göttern und verzweifelt Liebenden.

Aber Spiele haben nichts mit Büchern zu tun. Mag man denken. Doch der Sachverhalt liegt ganz anders. Spielen fördert die Kommunikation, die Konzentration, man lernt, Regeln zu achten. Gemeinsames Spielen öffnet und führt zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Genauso ist es in der gemeinsamen Märchenstunde. Man kommuniziert, konzentriert sich, lernt, dass man nicht dazwischen schreit.

Es gibt viele Spiele, die sich um das Erzählen von Geschichten drehen (Story Cubes, die Black/Orange/Pink/Blue Stories). Diese regen die Phantasie an, eigene Geschichten zu erdenken und anderen mitzuteilen. Die so erlernten Fähigkeiten kann man im Alltag einsetzen. Außerdem machen die selbst erdachten Abenteuer Lust auf mehr und gibt es spezielle Spieltechniken, die leseschwache Kinder fördern sollen. Diese Projekte laufen mit großem Erfolg (siehe Artikel „Durch Spielen zum Lesen“).

Auftakt: Spielen!

Mein erster Besuch gilt dem Schulhaus Hübeli. Schon von weitem wird man an frühere Zeiten erinnert, in denen man im Schulzimmer saß und sich auf die nächste Pause freute. Die Fenster sind hell und freundlich erleuchtet, Menschen bewegen sich hin und her.

Der erste Raum steht unter dem Motto Farbe ins Spiel bringen. Die Aufgabe lautet, Sprichwörter in Bilder zu verwandeln. Das mag bei Ausdrücken wie „Auf die Tube drücken“ oder „Abwarten und Tee trinken“ noch machbar scheinen, aber wie zeichnet man „Aus dem Schneider sein“ oder „Aus dem Stegreif“? Die Kinder sind jedoch mit voller Leidenschaft dabei und zaubern herrliche Bilder.

Weiter oben sind Kinder vertieft in Spiele, die wir ebenfalls kennen und lieben: Die bereits erwähnten Blue/Orange/Pink/Green Stories sind ausgelegt und werden rege genutzt. Auch die Story Cubes sind sehr beliebt. Geschichten und spielen gehen Hand in Hand. Die Phantasie schlägt hohe Wellen und neue Geschichten entstehen. Das Ganze trägt übrigens den spannenden Titel „Ein abgekartetes Spiel“.

Nun aber rasch hinüber ins Naturmuseum! Denn dort geht es sogleich weiter.

02Und dann: Erzählen!

Iris Meyer, ihres Zeichens Märlifee, lädt dort ein, sich „Lauter verspielte Tiergeschichten“ anzuhören.

Als ich das Museum betrete ist alles still. Nur eine weibliche Stimme erzählt. Ist etwa keiner da? Doch! Um die Ecke gebogen und alles voll. Die Kinder kleben der Märlifee an den Lippen und bewegen sich kaum. Was geschieht mit der frechen Ziege, die umgeben ist von einem Wolf und einem Löwen? Kommt man da überhaupt heil wieder raus?

Die Eltern sitzen auf Stühlen und lachen ebenfalls über die vorgetragene Geschichte. Meyer macht ihre Sache gut. Bezieht die Kinder mit ein und als sich Meyer über eine Schatzkiste beugt, um die nächste Geschichte „herauszuholen“, meint man, die Kinder würden in die Kiste reinfallen. So neugierig sind sie.

Kein Rumgezappel, keine Unterbruche, kein Handybildschirm, wie manche vielleicht erwarten mögen. Nur eine Frau, eine Kiste und eine Harfe. Und schon sind die Kinder begeistert, fasziniert und glücklich. Kinder brauchen Geschichten. So einfach kann es manchmal sein.

Leider werde ich nie erfahren, was nun aus der Prinzessin und ihrem Häschen geworden ist. Denn der Zeitplan überschneidet sich, sodass ich teilweise einige interessante Veranstaltungen sausen lassen musste. Oder, wie in diesem Fall, einen Ort frühzeitig verlassen, um rechtzeitig woanders zu sein. Ich hoffe, dass die Prinzessin ihr geliebtes Kaninchen wiedergefunden hat! Denn auch ich brauche Geschichten und war tief drinnen in den erzählten Märchen.

Draußen tobten Kinder herum, aber auch Jugendliche, die sich bei McDonald’s einquartiert haben, trifft man an. Erwachsene unterhalten sich und ich mache mich auf den Weg zur Jugendbibliothek. Bis zu diesem Abend wusste ich nicht einmal, dass unsere Stadt über so etwas verfügt. Erzählnacht sei Dank!

Hauptteil: Lesen!

Der für mich wichtigste Teil des Abends war die Prämierung des Schreibwettbewerbes. Kinder bis zur 6ten Klasse konnten ihre Geschichten einreichen und die besten Geschichten wurden von den jungen Schreiberlingen selber vorgetragen.

Wie große Autoren bei ihren Lesungen werden die Kinder nach vorne gebeten, um dort an einem Tisch mit Stehlampe ihre Geschichten zu präsentieren. Jungen und Mädchen wurden ausgezeichnet, die jüngste Gewinnerin geht gerade mal in die erste Klasse.

Die von den Lehrern korrigierten, aber dennoch gut ausgedachten Geschichten zum Thema „Spielen“ bezaubern, überraschen und machen Spaß. In vielen taucht Fußball als zentrales Thema auf und nicht etwa Computerspiele. Am meisten gefiel mir die Geschichte eines Jungen, der mit einem verzauberten Besen seine Freunde dazu brachte, wieder gemeinsam Fußball zu spielen.

Man merkt den Kindern ihre Nervosität teilweise an, aber das tut ihren strahlenden Augen keinen Abbruch. Jeweils mit einem großen Lächeln nehmen sie ihre Preise in Empfang und genießen den Applaus ihrer Freunde, Eltern und Geschwister. Oder auch von fremden Zuhörern wie mir.

Die Geschichten haben allen Zuschauern viel Freude bereitet und bei einigen Jungautoren schimmert das Talent zum Schreiben schon durch. Wer weiß, vielleicht verfolgen die Kinder dieses Hobby weiter? Ich mag es ihnen gönnen.

Zu gewinnen gab es übrigens einen Gutschein der lokalen Buchhandlung.03

 Zum Schluss: Wärme in den Bauch

Es stände noch so viel an! Poetry Slam für die Jugendlichen, Tino Flautino oder Brückenspiele. Aber unterdessen bin ich schon bis oben hin voll mit Geschichten, dass kaum noch etwas Platz hat in meinem Kopf oder meinem Herzen.

Also beschließe ich, mich noch etwas auszuruhen und alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Am besten geht das in Ernesto’s Apéro Bar, wo man sich mit Kürbissuppe und Flammenkuchen eindecken kann. Die Suppe ist warm und füllt den Magen. Sehr lecker.

Hinter mir sitzt eine Familie mit Gewinnerkind aus dem Schreibwettbewerb. Die Geschichte wird vom Vater laut und stolz noch einmal vorgelesen. Ganze Familien drängen sich drinnen und draußen. Vorlesen macht hungrig und zuhören ebenso.

Ich schaue mich um und denke, dass diese Erzählnacht nicht nur der Literatur und den Kindern hilft, sondern auch der Integration. Es war für mich eine Überraschung, wie viele Leute mit Migrationshintergrund ebenfalls unterwegs waren. Man hörte alle möglichen Sprachen, aber erzählt und geschrieben wurde auf Deutsch. Die Gewinner des Schreibwettbewerbes hatten die unterschiedlichsten Akzente und das hat diese Veranstaltung umso spannender gemacht.

Als ich nach draußen trete, sind Kinder dabei, Regeln für ihr Spiel aufzustellen. Erst du, dann er und dann sie. Dann rennen sie alle auf einmal los. Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich mitspielen darf.

Wir freuen uns über Feedback. Hinterlasst doch gerne einen Kommentar hier oder diskutiert mit uns im Forum über das Thema.


Weiterfürenden Links:

Schweizer Erzählnacht

Iris Meyer - Märlifee

Schulhaus Hübeli

Jugendbibliothek Olten

Durchs Spielen zum Lesen (PDF)

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