Klischee und Komödie oder: Eine wilde Taxifahrt mit Phil Clune

“Clichés can be quite fun. That's how they got to be clichés.” ― Alan Bennett, The History Boys
 
Ein Klischee ist ein Vorurteil. Ein abgenutztes Bild, das ohne darüber nachzudenken übernommen wird. Doch in manchen Büchern und Filmen werden gerade Klischees dafür genutzt, Kunst zu schaffen und Situationskomik herzustellen. In "Driving Phil Clune" spielt Autorin Susanne Fuß mit verschiedenen Klischees. Mit manchen bewusst, mit manchen vielelicht sogar unbewusst.
 
Herbert ist der Archetyp eines Betamännchens. Der zurückhaltende Taxifahrer ist fortgeschrittenen Alters, fährt seit vielen Jahren zuverlässig Taxi, kümmert sich um seine demente Mutter und ist unglücklich in Kollegin Rita verliebt, die er aber nur aus der Ferne animmelt. Sein zweitgrößter Traum ist es, endlich mal eine Berühmtheit im Taxi zu haben.
 
Taxi
 
Sein Bruder Harry sollte sich eigentlich wegen Persönlichkeitsstörung in einer Heilanstalt befinden, hat sich aber kurzerhand einige Wochen Freigang verschafft. Dank einiger Verwicklungen landet er schließlich in Herberts Taxi. Es gibt noch weitere Verwicklungen und so übernimmt Harry die Rolle des berühmten Filmschauspielers Phil Clune, um Herberts Kolleginnen eine kleine, private Komödie vorzuspielen. Dabei klingelt die Taxikasse, denn jeder will - gegen Geld - ebenfalls Phil Clune mit dem Taxi vom Hotel zu den Filmstudios Babelsberg befördern.
 

Susanne FußDie Figuren in der Komödie sind seit Beginn der Literaturgeschichte auf bestimmte Rollenbilder festgelegt, oder anders formuliert, sie bedienen bestimmte Klischees.

Eine Komödie lebt maßgeblich vom Tempo, von der schnellen Verstrickung von Ereignissen. Umso wichtiger ist es, Figuren einzuführen, die schnell identifizierbar sind, weil sie gängigen Rollenbildern entsprechen, bzw. weil wir die zugrundeliegenden Klischees kennen. Eine Komödie kann nämlich erst dann komisches Potential entwickeln, wenn wir die Figuren kennen und ihre Handlungen und Reaktionen vorausahnen können.

Dann erst ist der Autor in der Lage, die verschiedenen Charaktere und Lebenswelten kontrastiv aufeinanderprallen zu lassen und ein komisches Feuerwerk zu zünden. Umso wichtiger ist es, dass der Leser in der Lage ist, die Figur schnell einzuordnen. Timur Vermes schafft es bereits auf der ersten Seite von „Er ist wieder da“ für Lacher zu sorgen. Warum? Weil wir die Figur Hitler bereits kennen und so den Kontrast zwischen der Figur und den neuen Lebensumständen begreifen, aus dem Vermes komische Funken schlägt.

Das Klischee oder Rollenbild dient also der schnellen Identifizierung der Figuren und erzeugt in der ihm innewohnenden Übertreibung Komik. Die besten Komiker des 20. Jahrhunderts haben sich eine bestimmte Rolle erarbeitet, der sie oftmals während ihrer ganzen Karriere treu geblieben sind. Ob Chaplin der Tramp, das im Deutschen so lieblos betitelte Duo „Dick und Doof“, Ekel Alfred oder der Marschmusik hörende Opa Hoppenstedt: Alle Figuren basieren auf Klischees. Es besteht eine stillschweigende Übereinkunft zwischen dem Autor und Leser/Betrachter darüber, dass die Figuren in der Komödie nicht dreidimensional und die Handlung nicht sonderlich realistisch, wenn auch theoretisch möglich ist (Plot holes sind auch in der Komödie tabu!.

Wenn es nicht um dreidimensionale Charaktere und glaubhafte Handlung geht, was ist dann der Gegenstand der Komödie? Die Komödie kreist letztendlich um menschliche Schwächen, die pointiert zu Darstellung kommen. Nicht so sehr in einzelnen Figuren, sondern vielmehr in einzelnen Charakterzügen kann der Leser sich oder die Menschen in seinem Umfeld wiedererkennen. Dabei hilft das Klischee, die Distanz zu wahren, wir sind natürlich nicht ganz so „doof“ wie Stan, auch wenn wir seine Probleme und Schwächen an der einen oder anderen Stelle wiedererkennen. Diese Distanz hilft uns (bestenfalls auch über uns selbst) zu lachen.

Susanne Fuß, 30.05.2016

Harry mimt also den berühmten Schauspieler Phil Clune. Man könnte meinen, es fällt den Menschen auf, dass er nicht ganz so wie auf den Bildern aussieht. Doch mit Schminke und einem "ich möchte nicht immer erkannt werden" sind die Bedenken schnell aus der Welt geschafft. Harrys Kolleginnen glauben das, was sie glauben wollen und sie reißen sich um ihn. Um seine mangelnden Englischkenntnisse zu verschleiern, spricht er gebrochen deutsch. Natürlich verteilt er Autogramme und ist auch weiblichen und sehr willigen Groupies nicht abgeneigt. Alle fallen darauf herein.

Doch Susanne Fuß überzeichnet nicht nur Harry mit Klischees. So begegnen wir dem Drogendealer mit Migrationshintergrund und der unfreundlichen und übergewichtigen älteren Dame. Selbst bei Rita wird gefeiert, wie wunderbar sie sich doch in die taxifahrende Männerwelt integrieren konnte.

Die Autorin erschafft damit Bilder und anhand weniger Rollenbilder ist klar, woran man als Leserin ist. Was in manchen Filmen und Romanen störend daher kommt, ist hier also Mittel zum Zweck. Die Zutaten sind unaufwendig, doch heraus kommt ein schmackhaftes Gericht, das man mit einem grinsen im Gesicht verspeist.

Driving Phil CluneDas Buch

Taxifahrer Herbert hat einen Traum: Er möchte einmal einen Hollywood-Star in seinem Taxi befördern, um etwas Glanz in sein ansonsten freudloses Leben zu bringen. Statt eines Stars landet jedoch nur Herberts unter Persönlichkeitsstörung leidender Bruder Harry in seinem Wagen, der nicht zuletzt durch seine Krankheit großes Talent zeigt, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen. Aus einer Notlüge entsteht die Idee, Harry als den berühmten US-Schauspieler Phil Clune auszugeben. Bei Herbert melden sich daraufhin viele Kollegen, die für die Vermittlung des vermeintlichen Stars als Fahrgast erkleckliche Summen bezahlen. Das Geschäft brummt. Doch die Situation verkompliziert sich schlagartig, als der echte Phil Clune in Berlin zu Dreharbeiten eintrifft. Die darauf folgenden, vielfältigen Verwechselungen führen am Ende alle Beteiligten zu einem rasanten Finale auf der „German autobahn“ – jeden auf der Suche nach seinem ganz persönlichen Stück Freiheit.

Die Autorin

Susanne Fuß, Jahrgang 1968, aufgewachsen in Bonn, studierte Anglistik, Amerikanistik und Komparatistik. Nach diversen Jobs und Praktika im Theater arbeitete sie anschließend als Wissenschaftliche Dokumentarin im Deutschlandfunk, beim WDR und zuletzt beim Deutschen Musikrat. Neben der Literatur gilt ihre Liebe auch dem Film. Seit 2012 schreibt sie Drehbücher. Es reizt sie, Geschichten durch Bilder zu erzählen. Auch in ihrem ersten Roman spiegelt sich ihre Vorliebe für filmisches Erzählen. Ein guter Plot ist ihr mindestens ebenso wichtig, wie das Erschaffen unverwechselbarer Charaktere. Dabei fühlt sie sich auch literarisch dem Gebot des Altmeisters Billy Wilder verpflichtet, das da lautet: Du sollst nicht langweilen!


Dieser Artikel wurde im Rahmen einer Blogtour erstellt. Die Blogtour findet vom 01. bis zum 05. Juni 2016 statt.

Am 01.06. begann alles mit einer Buchvorstellung auf Lazy Literature. Danach folgte bei Bücherstadtkurier ein Interview mit der Autorin. "Einmal die Jolie chauffieren!" Dazu mehr von Bettina Schnerr auf Bleisatz am 03.06. und uf Zwischenwort erfahrt ihr am Tag danach mehr zum Thema "Vom Drehbuch bis zum Roman". Zuletzt folgte auf Literaturschock der Artikel über Rollenbilder und Klischees.

Gewinnspiel

Wie könnt ihr eines von fünf Exemplaren dieses wunderbaren Buches gewinnen? Ganz einfach: Kommentiert diesen Artikel und verratet mir doch einfach, mit wem ihr am liebsten mal Taxi fahren würdet.

Doppelte Gewinne werden ausgeschlossen. Die Gewinner_innern werden voraussichtlich ab dem 06.06. auf Literaturschock bekannt gegeben und per E-Mail benachrichtigt. Zum Kommentieren habt ihr also ein bisschen mehr Zeit (bedingt durch die unterschiedlichen Zeiten, an denen die Artikel veröffentlicht wurden).

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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