Literarische Netzwerkanalyse: William Shakespeare – Hamlet

William Shakespeare ist der größte dramatische Dichter der abendländlischen Kultur. Er wurde im April 1564 in Stratfort-upon-Avon geboren und starb am 23. April 1616 in seinem Geburtsort. "Hamlet" entstand um 1600/1601.

Die Geschichte um den jungen Prinzen von Dänemark Hamlet ist fast jedem Leser ein Begriff. In der Schule werden Interpretationen über Shakespeares Stück angefertigt, im Großen Bücherforum gibt es einige Leserunden zu dem Werk.

Der vorliegende Artikel soll sich vor allem mit dem Beziehungsflecht innerhalb des Stücks auseinandersetzen und unter anderem aufzeigen, ob es Gruppenkonstellationen gibt, welche Akteure die Gruppen miteinander verbinden und welches die zentralsten Akteure in dem Stück sind. Aufgeschlüsselt wird dies nach einzelnen Szenen, da eine Gesamtübersicht über das ganze Drama zu unübersichtlich werden würde. Zur Veranschaulichung wird es Grafiken geben.

Die Interpretation der Beziehungen soll mit Hilfe der Netzwerkanalye erfolgen. Die Netzwerkanalyse ist eine Methode, die in vielen wissenschaftlichen Disziplinen Anklang findet: unter anderem in der Soziologie, der Psychologie, aber auch der Biologie. Die zentrale Aufgabe der Methode besteht darin, bestehende Beziehungsmuster aufzuzeigen und zu interpretieren.

Ein Netzwerk ist hierbei die durch Beziehungen verbundene Menge von Einheiten (Organisationen oder Personen). Je nach Forschungsinteresse wird entweder das Gesamtnetzwerk erhoben oder Teilnetzwerke.

Die besondere Schwierigkeit bei einer literarischen Netzwerkanalyse liegt darin, dass man die Charaktere nicht zu ihren Beziehungen zu anderen Personen innerhalb des Werkes befragen kann.

 

Stellt man zunächst die Charaktere aus der Personenliste dar, ergibt sich folgendes Bild von dem Stück "Hamlet":

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Ersichtlich ist, dass es vier Teil-Netzwerke (Polonius-Ophelia-Laertes-Reinhold, Cornelius-Güldenstern-Rosenkranz, Hamlet-Claudius-Geist-Gertrude-Horatio, Bernardo-Francisco-Marcellus) gibt und einzelne Akteure, die nicht verbunden sind (Hofleute, ein Gesandter, Soldaten sowie Fortinbras). Im ersten Teil-Netzwerk sind alle Akteure über Polonius miteinander verbunden, welchem somit die zentrale Rolle in dem Netzwerk zufällt. Cornelius, Güldenstern und Rosenkranz sind alle direkt miteinander verbunden, es handelt sich somit um ein vollständig verbundenes Netzwerk. Beim Teil-Netzwerk von Bernardo, Marcellus und Francisco handelt es sich ebenfalls über ein vollständig verbundenes Netzwerk, da alle Akteure direkt miteinander verbunden sind. Gertrude, der Geist von Hamlets Vater und Horatio sind nur über Hamlet miteinander verbunden, also nur indirekt miteinander verknotet. Claudius hat neben Hamlet noch direkten Kontakt zu Gertrude.

Im Folgenden sollen die einzelnen Szenen nun nach den Beziehungsmustern aufgeschlüsselt werden.

1. Aufzug, 1. Szene

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Obwohl in dieser Szene nur fünf Charaktere auftreten, sind es viele Beziehungen, die sie untereinander haben. Horatio scheint in diesem Moment eine zentrale Figur zu sein, da er außer mit Francisco mit jedem eine direkte Beziehung hat. Francisco kann er jedoch über Bernardo oder Marcellus in zwei Schritten erreichen. Auffällig ist, dass es hier einseitige Kontakte gibt: Marcellus hat nur einseiten Kontakt zu Francisco und der Geist spricht nur einseitig zu Marcellus, er antwortet dem Geist also nicht. Francisco hat darüber hinaus nur direkten Kontatk zu Bernardo.

 

1. Aufzug, 2. Szene

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In der zweiten Szene nimmt Claudius eine zentrale Position ein, da er sowohl Cornelius und Voltimand, Laertes sowie Polonius mit dem restlichen Netzwerk verbindet. Auffällig ist zudem, dass Hamlet Horatio und Marcellus mit dem restlichen Netzwerk verknüpft. Einzig zwischen Hamlet, Claudius und Gertrude besteht ein vollständiges Teilnetzwerk, wo alle drei Charaktere direkt miteinander verbunden sind.

 

1. Aufzug, 3. Szene

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Wenn man die dritte Szene im ersten Auftakt visualisiert, erkennt man, dass es sich um ein vollständiges Netzwerk handelt, wo jeder Akteur mit jedem direkt verbunden ist.

 

1. Aufzug, 4. Szene

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Bei der vierten Szene handelt es sich ebenfalls um ein Netzwerk, was vollständig verbunden ist. Jeder Akteur kann einen anderen entweder direkt in einem Schritt, beispielsweise Horatio zu Hamlet, oder über zwei Schritte, Marcellus über Horatio mit Hamlet, erreichen. Auffällig ist zudem, dass es nur zwischen dem Geist und Hamlet einen zweiseitige Beziehung gibt.

 

1. Aufzug, 5. Szene

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Auffällig an dieser Szene ist, dass Hamlet mit allen weiteren Charakteren verbunden ist, aber die anderen untereinander keinen Kontakt haben.

 

2. Aufzug, 1. Szene

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Auch in dieser Szene kommt einer Person die Rolle des Mittelmanns zu: Polonius verbindet Reinhold und Ophelia miteinander, die ansonsten keinen Kontakt zueinander hätten.

 

2. Aufzug, 2. Szene

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In dieser komplexeren Szene kommt vor allem Polonius eine zentrale Rolle zu, er hat direkten Kontakt zu drei Personen und indirekten Kontakt zu Cornelius. Hamlet dagegen hat nur direkten Kontakt zu den Schauspielern, wird aber von drei weiteren Charakteren angesprochen. Insgesamt handelt es sich um ein gut vernetztes Netzwerk, da nur die Schauspieler außenvor stehen und Voltimand über Cornelius verbunden wird.

 

3. Aufzug, 1. Szene

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In diesem Fall handelt es sich um ein vollständig verbundenes Netzwerk, indem jeder jeden in maximal zwei Schritten erreichen kann.

 

3. Aufzug, 2. Szene

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Besonders auffällig an diesem Netzwerk ist, dass Ophelia nur über Rosenkranz und Güldenstern mit dem Netzwerk verbunden ist. Hamlet dagegen ist die zentrale Figur in dieser Szene, da Horatio, Polonius, die Schauspieler, Claudius und Gertrude nur über ihn mit dem Netzwerk verbunden sind.

 

3. Aufzug, 3. Szene

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In dieser Szene ist Claudius die zentrale Figur, da er Polonius und Hamlet mit dem Netzwerk verbindet. Güldenstern und Rosenkranz sind ebenfalls über Claudius mit dem Netzwerk verbunden, haben jedoch auch untereinander Kontakt.

 

3. Aufzug, 4. Szene

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In diesem Fall ist der Geist wieder nur einseitig mit Hamlet verbunden, wohingegen Gertude, Polonius und Hamlet untereinander vollständig verbunden sind.

 

4. Aufzug, 1. Szene

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Claudius verbindet Gertude sowie Rosenkranz und Güldenstern miteinander. Während zwischen Gertude und Claudius doppelseitiger Kontakt besteht, ist er zwischen Claudius und Rosenkranz und Güldenstern nur einseitig vom König ausgehend.

 

4. Aufzug, 2. Szene

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In diesem Fall handelt es sich weniger um ein Netzwerk als um eine Dyade. Es besteht direkter Kontakt zwischen Hamlet und Rosenkranz sowie Güldenstern.

 

4. Aufzug, 3. Szene

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Rosenkranz und Güldenstern sind hier nur indirekt miteinander verbunden, da sie in zwei Schritten über Claudius und Hamlet gehen müssten, um sich zu erreichen.

 

4. Aufzug, 4. Szene

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Rosenkranz ist in diesem Netzwerk nur über Hamlet mit den restlichen Personen verbunden. Hamlet und Fortinbras können nur über den Hauptmann miteinander in Kontakt treten.

 

4. Aufzug, 5. Szene

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Der Edelmann kann nur über Claudius in das Netzwerk integriert werden. Ansonsten können sich alle Charaktere in maximal zwei Schritten erreichen.

 

4. Aufzug, 6. Szene

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In dieser Szene lassen sich zwei Netzwerke ausmachen. Das eine besteht aus dem Diener, Horatio und einem Matrosen. Der Matrose und der Diener stehen nur über Horatio in Kontakt miteinander.

Das zweite Netzwerk besteht aus einem Boten, Claudius, Laertes und Gertude. Der Bote ist nur über Claudius ins Netzwerk integriert. Zwischen Gertude und Claudius besteht zudem einseitiger Kontakt, welcher vom König ausgeht.

 

5. Aufzug, 1. Szene

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Die Totengräber sind in diesem Fall nur über Hamlet mit dem restlichen Netzwerk verbunden. Claudius kommt in diesem Fall keine zentrale Rolle zu, da er nur über Laertes verbunden ist. Gertude dagegen ist nur mit Hamlet verbunden und der Priester nur über Laertes. Hamlet kann dagegen jeden in maximal zwei Schritten erreichen.

 

5. Aufzug, 2. Szene

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Hamlet ist in diesem Netzwerk die zentrale Figur. Er verbindet. Fortinbras, den Gesandten, Laertes, Horatio, den Edelmann und Gertude mit dem Netzwerk. Claudius hat nur über Osrick Kontakt zu den anderen Charakteren.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in "Hamlet" keine Figur finden lässt, die immer zentral ist. Oftmals sind es allerdings Hamlet oder Claudius, die das Netzwerk zusammenhalten, indem sie indirekten Kontakt zwischen den einzelnen Personen herstellen. Gertude, Ophelia und Horatio scheinen eher Randfiguren im Stück zu sein, da sie oftmals außen vor sind und nur durch Dritte mit dem Netzwerk verbunden sind.

Auffällig ist zudem, dass zwischen dem Königspaar Gertude und Claudius oftmals nur einseitiger Kontakt stattfindet, welcher von Claudius ausgeht.

Hamlet ist darüber hinaus die einzige Figur, die zwei Teil-Netzwerke miteinander verbindet innerhalb des Stücks. Interessant ist es zudem, dass es mehrmals möglich ist, dass alle Charaktere jeden anderen in maximal zwei Schritten erreichen können.

 

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