Das neue Vergütungsmodell von Amazon und die Vorratsdatenspeicherung

Für etwas Unruhe sorgte die Nachricht, dass Amazon sich ab dem 01. Juli 2015 ein neues Vergütungsmodell für E-Book-Selfpublisher überlegt hat. Diese sollen in Zukunft nach gelesenen Seiten bezahlt werden (eingeschränkt auf die E-Books über Kindle Unlimited und Kindle Owner's Lending Library).

Das neue Vergütungsmodell. Was steckt dahinter?

Im Grunde bedeutet das nur: Wer mehr schreibt und mehr gelesen wird, bekommt mehr Geld. Für die Autorinnen und Autoren bedeutet das: Mehr schreiben, mehr Seiten füllen. So schlecht finde ich das gar nicht, denn oft genug finde ich selbstproduzierte E-Books, die kaum 20 Seiten haben und den Namen E-Book kaum verdienen. Was ist aber, wenn nun umso mehr Schrott produziert wird? Auch diese Angst teile ich nicht, denn Schrott breche ich eher ab. Die Autorinnen und Autoren werden also bestrebt sein, ihre Zielgruppe am Ball zu halten. Für die schreibende Zunft erhöht sich aber durch diese Entscheidung vielleicht auch der Druck, höhere Qualität auf mehr Seiten abzuliefern.

Amazon Kindle

Aber halt. Was ist mit dem sogenannten SUB, dem Stapel ungelesener Bücher? Der macht auch vor digitalen Inhalten nicht Stopp. Bedeutet das nun letzten Endes, dass die Bücher so lange nicht bezahlt werden, wie sie als Daten auf dem Kindle liegen? Bei manchen Käuferinnen und Käufern dürfte das Lesen einige Zeit dauern. Gehe ich von mir aus: Möglicherweise Jahre. Eventuell lese ich ein Buch, das ich mal gekauft habe, auch überhaupt nicht. Das passiert mir schon mal.

Haben Sie es gemerkt? Schon wieder hat sich ein Denkfehler eingeschlichen. Das Modell bezieht sich bisher nur auf das Entleihen von E-Books. Man kann über Kindle Unlimited zehn E-Books gleichzeitig ausleihen und wenn auch das Vergütungskonzept neu ist, so ist es die sogenannte "Überwachung" nicht. Jeder, der schon mal ein E-Book in einer Bibliothek, z.B. via Onleihe, ausgeliehen hat, weiß: Nach einer bestimmten Zeit kann die Datei nicht mehr geöffnet werden. Dass hier unter Umständen auch von außen auf den Reader zugegriffen wird ist nicht so unwahrscheinlich. Und auch, dass Amazon auf den Kindle zugreift, ist kein neues Konzept.

Doch das sind nur Gedankenspielereien. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt durch dieses Vergütungsmodell entwickeln wird und ob sich das auf die Textqualität auswirken wird.

Also nochmals - wie funktioniert das Modell konrekt?

  1. Für Autorinnen und Autoren, die nicht im Kindle Unlimited-Programm sind, ändert sich nichts
  2. Autorinnen und Autoren, die in dem besagten Programm E-Books zur Verfügung stellen, werden für die dort entliehenen E-Books ab 01. Juli nach der Anzahl gelesener Seiten bezahlt.

Das schützt nun die Leserinnen und Leser vor auf den Markt geworfenen Billig-Romanen. Auch dem Aufteilen von dicken Büchern auf kleinere Einzelstücke wird nun eher ein Riegel vorgeschoben. Alles also sinnvolle Auswirkungen.

Überwachung bleibt Überwachung?

Kommen wir zu dem Punkt "Überwachung". Schnell wurden in Online-Communities Bedenken geäußert, wie Amazon dies kontrollieren wolle. Kann man sich das so vorstellen, dass Amazon Benutzerdaten auswertet? Dass man sozusagen überwacht wird? Mich erstaunen diese Bedenken. Nicht, weil mir diese Art der Überwachung egal oder neu wäre. Vielmehr lese ich kaum Bestürzung von diesen Menschen im Zusammenhang mit der von unserer Regierung nun konkret geplanten Vorratsdatenspeicherung

Überwachung - Vorratsdatenspeicherung

Was passiert mit unserer Freiheit, wenn das Streben nach Sicherheit durch Überwachung zunimmt? Werden "vermeintlich" gefährliche Bücher wieder verboten? Auf Bundestagsrechnern dürfen die Daten nur sieben Tage lang gespeichert werden. Die Bundestagsabgeordneten wollten nicht, dass sich ihr Datenverkehr im Netz verfolgen lässt. Aber für die werten Politikerinnen und Politiker galten schon immer andere Regeln.

Nun ist einem SPD-Politiker namens Reinhold Gall ein Fauxpas passiert. Er twitterte allen Ernstes das folgende:

Link zum Originaltweet

Unsere Freiheitsrechte sind also als "vermeintlich" zu verstehen. Nach einem Sturm der Entrüstung machte er es nur noch schlimmer mit diesem Tweet:

Link zum Originaltweet

Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass die Vorratsdatenspeicherung nun viel elementarer in die Privatspäre der Menschen eingreift? Vielleicht sollte ihm auch jemand sagen, dass die Vorratsdatenspeicherung weder Kinderschänder überführen, noch Terrorismusanschläge verhindern kann? Wir erinnern uns doch sicher an Charlie Hebdo, oder? Ist noch nicht so lange her. Wer glaubt, dass dieser Anschlag dank Vorratsdatenspeicherung hätte verhindert werden können, dem sei gesagt: In Frankreich gibt es die schon eine Weile.

Sascha Lobo hat den ersten Tweet sehr schön auseinandergenommen: Wie man nicht für die Vorratsdatenspeicherung argumentiert.

Was ist das Problem? Dass wir alle von unserer Regierung kriminalisiert werden. Einfach mal auf Verdacht. Und dass nichts mehr privat ist, sobald man sich im Internet bewegt. Keine Schufa-Anfragen mehr. Kein Googeln nach Genitalherpes. Auch nicht die sexuelle Orientierung. Immerhin ist BDSM inzwischen dank Shades of Grey trendy und man muss sich nicht mehr ganz so sehr dafür schämen. Die Daten werden gesammelt. Gespeichert. Vielleicht ausgewertet. Ihr gebt sie aus der Hand, im Vertrauen darauf: Euch wird schon nichts passieren. Ihr seid ja nicht kriminell. Doch darum geht es nicht. Ihr habt keinerlei Kontrolle mehr darüber, wer was über euch in Zukunft erfährt. Freunde, Feinde, Stalker, Arbeitgeber.

Der totale Kontrollverlust über eure Privatspäre. Warum? Weil ihr einen terroristischen Anschlag planen könntet. Und dass gesammelte und gespeicherte Daten irgendwann gegen einen verwendet werden können, hat die Geschichte eindrücklich bewiesen. Damals hätte auch niemand damit gerechnet.

Doch eine Lösung für das Problem gibt es: Haltet euch einfach vom Internet fern.

Die zweite Lösung - finde ich besser, wird aber niemandem schmecken: Wählt in Zukunft anders!

Unsere Grenzen werden weiter verschoben und für politische Zwecke angepasst. Wir bewegen uns mit großen Schritten von einer freien Welt auf eine "vermeintlich" sichere Welt zu. Vielleicht gibt es ja noch eine dritte Lösung: Nach Kolumbien ziehen. Da ist wenigstens das Wetter schön.

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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